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Haben Historiker (eine) gesellschaftliche Aufgabe(n)? - Inwiefern kann und soll die Gesellschaft dazu ihren Beitrag leisten?

Essay 2003 8 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Haben Historiker (eine) gesellschaftliche Aufgabe(n)?

Inwiefern kann und soll die Gesellschaft dazu ihren Beitrag leisten?

Der Mensch hat ein allgemeines Orientierungsbedürfnis. Er möchte Sinn aus der Welt und ihren Zuständen machen. Das Leben nehmen wir als zeitlichen Ablauf wahr; deshalb stellen wir Fragen nach Ereignissen in der Vergangenheit. Ein respektables Interesse an Geschichtsforschung ist somit erkennbar. Dieses Interesse ist Voraussetzung für die Erforschung eines Gegenstandes, eines Dokumentes oder jeglicher Art historischen Quellengutes. Geschichtliche Themen werden tagtäglich in den verschiedensten Medien beleuchtet. Dazu können Historiker Hilfestellung bieten und mit Anregungen dienen. Doch ist auch die Gesellschaft selbst imstande, sich - im Bezug auf die Vergangenheit - die Gegenwart erklärbar zu machen?

Gesellschaftliche Aufgaben des Historikers

Zur grundlegenden Arbeit des Geschichtswissenschaftlers gehört das zur Verfügung stellen von Materialien und Forschungsstrategien. Mit Hilfe dieser wird eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe in Angriff genommen: die professionelle (Zeit-)Geschichtsschreibung. Dazu gilt es, kritisch geprüftes Wissen bereitzustellen und die Vergangenheit aufzubereiten.

Die Interessen seitens der Gesellschaft müssen in die Forschung integriert werden. Erst durch die Motivation der Fragestellung konstituieren sich Thema und Gegenstand der Forschung. Der Rahmen von historischen Erkenntnissen wird aber letztendlich durch die Wissenschaft(ler) selbst abgesteckt.

Allgemeines Ziel der Historiker ist der Beitrag zur Bildung von Geschichtsbewusstsein in der Bevölkerung sowie die Aufklärung der Öffentlichkeit. Geschichtswissenschaftliches Forschen und dessen Resultate sollen der interessierten Öffentlichkeit näher gebracht werden. Dazu müssen die Hergänge, deren Ursachen und Folgen des jeweils zu behandelnden Ereignisses analysiert und beschrieben werden. Desweiteren sollten Ereignisse verglichen und in einen größeren geschichtlichen Rahmen eingeordnet werden, um abwägen zu können, wie bedeutend oder einflussreich diese sind, um eventuell eine Gesellschaftsprognose äußern oder sich in der Gegenwart besser orientieren zu können. Auf diese Weise kann das Vergangene gesichert, bewahrt und weitergeben werden, was wiederum selbst Aufgabe des Historikers ist.

Der Geschichtswissenschaftler kann mit seiner Aufklärungsarbeit verhindern, dass Ausbeutung, Unterdrückung und Demütigung als Schicksal verstanden werden. Auf die Gegenwart projizierte, durch Analyse und Diskussion gewonnene Erkenntnisse aus der Vergangenheit können hilfreich bei Problemlösungen sein, die nicht zwingend geschichtswissenschaftlicher Natur sein müssen. Folglich können Historiker auch durchaus Einfluss nehmend auf die Rezipienten der Geschichtsschreibung wirken.

Das Gesellschaftsbewusstsein soll mit Hilfe von Geschichtswissen geschärft werden, was mit der Entwicklung eines freien und kritischen Urteilsvermögens einhergeht. Die Vergangenheit soll den Empfängern näher gebracht werden; sie wird konstruiert und rekonstruiert. Somit wird der Gesellschaft die Möglichkeit gegeben, sich selbst eine begründete Vorstellung über die Vergangenheit zu erwerben, aus der ihre gegenwärtige Lebenspraxis heraus entstanden ist. Vergangenheit kann infolgedessen zur Identitätsfindung des Individuums beitragen, indem sie als Voraussetzung für die Gegenwart, ebenso für die Zukunft, gesehen wird. Durch die Analyse der Vergangenheit werden Gegenwart und Zukunft mitgestaltet.

Exkurs: Was haben Historiker und Touristen gemein?

Reist man in ein anderes Land, sagen wir Kolumbien, finden sich für den Touristen dort neue, möglicherweise bisher völlig unbekannte, Formen praktizierter Lebensart. Der Durchschnittstourist betrachtet die Mannigfaltigkeit der Baustile oder erhält einen oberflächlichen Einblick in kolumbianische Sitten und Umgangsformen; erst recht, wenn er einen Pauschalurlaub in einem Hotel gebucht hat, das seinen Platz weitab von kolumbianischer Wirklichkeit hat. Somit kehren die meisten von ihnen zurück, ohne etwas über die Realität des kolumbianischen Lebens gelernt zu haben. Sie sind der Meinung, sie hätten Kolumbien gesehen. Was sie gesehen haben, sind jedoch lediglich Sehenswürdigkeiten und öffentliche Einrichtungen, die nur selten aussagekräftige Angaben zur Bevölkerung machen können und oft ausschließlich für die Touristen gedacht sind. Aber wie verhält es sich mit dem weitläufigen, komplexen System der Gesellschaft? Viele Aspekte der kolumbianischen Kultur als Produkt einheimischer Lebensweisen bleiben unentdeckt. Die feinen Schattierungen des nationalen Charakters bleiben dem Touristen verborgen. Über die Tätigkeit der Regierung weiß er nichts. Das Schöne gilt als Synonym für das Wahre; die Existenz von Armenvierteln wird oftmals nicht in Betracht gezogen oder gar ignoriert, weil man nicht Zeuge dieser gewesen ist bzw. nicht sein will. Aber auch das gehört zur Kultur und muss akzeptiert werden. Der Tourist sollte sich keineswegs auf die Beobachtung von Palästen oder die Beiwohnung von (oftmals nur für Touristen veranstalteten und ausgelegten) Festivitäten beschränken - genauso wenig, wie der Historiker (hier ist der Zeithistoriker gemeint) Ereignisse lediglich an der Oberfläche beleuchten sollte. Er muss sich, wie es auch Touristen anzuraten ist, die das Land Kolumbien sowie dessen Kultur wirklich mit allen positiven und negativen Aspekten kennenlernen wollen, unter das Volk mischen bzw. allen relevanten Gesichtspunkten im Nachhinein genügend Beachtung schenken, um einen realistischen Einblick in die Gesellschaft und deren Umgebung, welche erstere gleichzeitig prägt, zu bekommen. Um den Zustand der Vergangenheit verstehen zu können, muss der Historiker folglich nach demselben Prinzip vorgehen, wie der Tourist, der bereit und willig ist, die Realität Kolumbiens mit allen Facetten auf sich wirken zu lassen. Beschäftigt sich der Historiker lediglich mit öffentlichen Einrichtungen und Angestellten, ist dies genauso wenig effektiv wie das Vorgehen des Touristen, der sich nicht unter das Volk gemischt hat und behauptet, er hätte Kolumbien gesehen.

Welche gesellschaftlichen Aufgaben haben Historiker NICHT?

Ziel der (Zeit-)Geschichtsforschung sollte rationale Aufklärung sein. Geschichtsforschung darf kein Instrument gesellschaftlicher Interessen werden. Sie darf demzufolge politische Interessen nicht unterstützen, wenn diese die Wahrheit der Vergangenheit (die unterschiedlichen Definitionen von Wahrheit seitens der Zeitzeugen sei hier außer Acht gelassen) verfälschen, auch wenn Politiker Auftraggeber für die Geschichtswissenschaft und deren Forschungsprogramme sind. Zur Veranschaulichung und als Beweis dafür, dass eine solche Verfälschung trotz allem Anwendung fand, dürfte ein Blick in die lückenhaften Geschichtsbücher der DDR genügen, die die Aufgabe der selektiven Geschichtswiedergabe innehatten. Geschichtswissenschaft soll den Menschen und der Gesellschaft dienen, muss aber unabhängig von deren Wünschen, Zwängen oder drängenden Vorstellungen bleiben. Ergebnisse müssen auch akzeptiert werden können, wenn sie gewissen Intentionen der Gesellschaft, eben zum Beispiel im Bereich der Politik, widersprechen.

Selbstverständlich sollte dies auch für den Historiker selbst gelten, der hinsichtlich des aus seiner Forschung herausgehenden Resultats frei von individuellem Interesse forschen und aufklären sollte.

Darüber hinaus müssen Historiker ihre eigene Begrenztheit anerkennen. Zwar wird von ihnen oft nicht nur die Darstellung (und Interpretation) von Vergangenheit verlangt, sondern auch Fakten über zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen; jedoch kennen Historiker die Ergebnisse und langfristigen Folgen der von ihnen untersuchten Verhältnisse und Verläufe nicht. Die

Zukunft ist (noch) nicht vorhersehbar. Die Vergangenheit sollte demnach weiterhin im Mittelpunkt geschichtswissenschaftlichen Interesses stehen. Freilich sind reine Prognosen über zukünftige Entwicklungen deshalb nicht ausgeschlossen.

Darstellungen des Historikers - objektiv und wertfrei?

Ist eine objektive Darstellung durch den Historiker ohne jegliche Interpretation überhaupt möglich? Kann Geschichtswissenschaft wertfrei arbeiten? Quellen können wohl kaum objektiv betrachtet werden. Sie zeigen kein unmittelbares Bild vergangener Ereignisse, da der Mensch und vor allem der Historiker automatisch versucht, die jeweilige Quelle in einen Kontext zu bringen, der auf Vorwissen und dem persönlichen Weltbild, von dem wir uns nur schwerlich lösen könnten, basiert. Es ist auch zu berücksichtigen, dass die Verfasser einer Quelle bestimmte Intentionen umsetzten bzw. umsetzen, die möglicherweise Tatsachen verfälschen.

Ohne subjektive, auf Erfahrung, Werten und Wissensstand basierende Interpretationen der Historiker kommt folglich auch die Geschichtswissenschaft nicht aus. Doch dürfen diese Interpretationen zulässig sein und als solche akzeptiert werden? Wie groß ist die Deutungsmacht des Historikers? Schafft der Historiker Geschichte sogar selbst? Diese Fragen müssen wohl unbeantwortet bleiben. Es kann lediglich eine Einschränkung erfolgen: Antworten auf geschichtsbezogene Fragen, die der wissenschaftlichen Erkenntnisfindung nicht standhalten, müssen kritisiert werden (dazu siehe >>Welche gesellschaftlichen Aufgaben haben Historiker NICHT?<<). Nur dann kann die Wissenschaft dem Einzelnen und der Gesellschaft verwertbares Material bieten, um Geschichte als Basis für die Stiftung von Identität gelten lassen und möglicherweise sogar allgemeine Hilfestellungen zur Bewältigung gegenwärtiger Aufgaben leisten zu können.

Wissenschaft vs. Gesellschaft

Es gibt unterschiedliche Zugänge zur Geschichte. Ebenso gibt es unterschiedliche Personenkreise, die sich mit Geschichte auseinandersetzen. Kann die Gesellschaft die Geschichte objektiv betrachten, gerade als Zeitzeuge? Gilt der Zeitzeuge als Feind des Historikers? Trägt persönliche Erinnerung zum Untergang der Geschichtswissenschaft und -schreibung bei?

Forschungen der Wissenschaft vs. Erleben der Gesellschaft am Beispiel der Zeitgeschichte

Mit Zeitgeschichte ist derjenige Teil der neuesten Geschichte gemeint, dessen Folgen bis in die Gegenwart hineinreichen. Erstere wird von noch aktiven Generationen erlebt, gelebt und somit mitgestaltet, während beispielsweise die Geschichte des 18. oder 19. Jahrhunderts nicht mehr erlebbar ist.

Das Problem der Zeitgeschichte liegt in der Auseinandersetzung mit Themen, die im Erlebnis- und Erfahrungshorizont der gegenwärtig lebenden Menschen liegen. Sie können sich mit dem Thema leicht identifizieren und behalten sich das Recht vor, aufgrund aktiven Miterlebens „mitreden [zu] können“. Sie stellen konkrete, lebensnahe Fragen, die aus der persönlichen, emotionalen und sozialen Nähe zum Thema herrühren. Durch diese Primärerfahrungen in der selbst erlebten Vergangenheit und den sich daraus ergebenden Differenzen mit der zeitgeschichtlichen Forschung sind Konflikte vorprogrammiert. Der Erlebnishorizont des Zeitzeugen weicht teilweise stark von dem des Zeithistorikers ab. Zeitgeschichte bringt Perspektiven und Zusammenhänge ins Spiel, die (zum Zeitpunkt des Geschehens) mitunter nicht bekannt oder bewusst waren. Das subjektive Erleben wird somit historisch relativiert. Der Zeitzeuge arbeitet mit Erinnerung; allerdings erfolgt diese oft selektiv. Das heißt, Tatsachen werden, beispielsweise aus Gründen unangenehmer Erfahrungen, verdrängt. Hierbei sei auf die unterschiedlichen, subjektiven Erinnerungen unter dem Nazi-Regime verwiesen, die vielfach in Amnesie,
Post-Stresssyndrom oder komplette Verweigerung der Tatsachen ausliefen.

Zusammenarbeit als Voraussetzung für wahrheitsgetreuere Geschichtsschreibung?

Gibt es eine „Ethik der Geschichtswissenschaft“? Abhängig von Standpunkt und Sichtweise des Einzelnen existiert sicher nicht immer d i e Wahrheit, sondern es gibt verschiedene Wahrheiten. Für eine Annäherung an d i e Wahrheit und, wenn auch imaginäre und unausgesprochene, Ethik der Geschichte sollte eine Zusammenarbeit gefördert werden: Die Wissenschaft lebt schließlich von den Menschen und der Gesellschaft, in der sie leben. Auf der Suche nach Wahrheit und Objektivität sollten Erfahrungen der Betroffenen und Zeitzeugen zugleich mit den Grundlagen einer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung verbunden werden. Dies ist Voraussetzung für Geschichtsforschung, die dem Versuch der Vollständigkeit und Darstellung von Wirklichkeit gerechter werden möchte. Erinnerung sollte also integraler Bestandteil der fachwissenschaftlichen Analyse sein, auch wenn Spannungsverhältnisse nicht auszuschließen sind. Die Summe aus subjektivem und kollektivem Gedächtnis sowie zeithistorischer Forschung bildet „die ganze Geschichte“. Nur so kann man der gesellschaftlichen Verantwortung der Geschichtswissenschaft gerecht werden. Für den Einzelnen bedeutet dies, sich als Teil der Geschichtsschreibung zu betrachten und Forschungsergebnisse mitzubestimmen. Um die Mitgestaltung der Zukunft zu gewährleisten, sollte ein Bewusstsein angestrebt werden, welches Dinge nicht als gegeben und konstant sehen lässt, sondern als veränderbar. Einen kleinen Beitrag dazu können persönliche Schicksale leisten, die, besonders wenn sie von verschiedenen Standpunkten präsentiert werden, Geschichte lebendiger gestalten und zum allgemeinen Verständnis beisteuern. Persönlichen Aussagen wird besonders gern Beachtung geschenkt. Man denke nur an die „Geschichten von früher“, die die Großeltern ihren Enkeln bisweilen erzählen.

Details

Seiten
8
Jahr
2003
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108282
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,0
Schlagworte
Haben Historiker Aufgabe(n) Inwiefern Gesellschaft Beitrag Ereignis Text Geschichtswissenschaftliches Darstellen

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