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Welche Rolle spielt das narzißtische Regulationssystem in der Psychodynamik von Suizidimpulsen?

Hausarbeit 2003 15 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Bestandsaufnahme: Suizidalität und suizidales Verhalten

2. Die psychoanalytische Narzißmustheorie
2.1 Die Entwicklung des narzißtischen Systems
2.2 Narzißtische Krise und Suizidalität

3. Schluss..

1. Einleitung

Ich werde mich in dieser Hausarbeit mit dem Thema Suizid bzw. suizidales Verhalten im Hinblick auf die narzißtische Krise beschäftigen. Dabei beziehe ich mich primär auf das Buch „narzißtische Krisen“ von Heinz Henseler, welcher in seiner Arbeit als Psychotherapeut über viele Jahre mit Suizidgefährdeten arbeitete und 1974 mit dieser Studie habilitierte. Es geht um den Aspekt des gefährdeten Selbstwertgefühls von Suizidanten. So begreift H.Henseler den Suizid als ein Krise des Selbstwertgefühls, wobei er auf die psychoanalytische Narzißmustheorie aufbaut.

Er konnte seine Theorie an 50 Patienten, die einen Suizidversuch unternommen hatten, prüfen und belegen.

Laut Statistik nehmen sich in Deutschland jährlich ca.13000 Menschen das Leben. Die Zahl der Selbstmordversuche liegt noch wesentlich höher und ist aufrund der hohen Dunkelziffer nicht genau zu erfassen, es ist allerdings davon auszugehen, das sie zehnmal so hoch ist. Wenn auch der gesellschaftliche Umgang mit der Suizidproblematik sich mittlerweile gewandelt hat – so galt Suizid damals als verwerflich und wurde sogar bestraft – so handelt es sich dabei doch weiterhin um ein tabubesetztes Thema. Dementsprechend herrscht darüber auch eine weit verbreitete Unwissenheit, selbst innerhalb der Berufsgruppen die mit Suizid konfrontiert sind wie bspw. Ärzte, Pädagogen u.s.w. Den ersten entscheidenden Schritt zur Überwindung versuchte der französische Soziologe Emile Durkheim, welcher 1879 die These formulierte, Selbstmord könne – ebenso wie psychische Störungen – etwas mit Krankheit zu tun haben. Somit ist Durkheim als der Begründer der empirischen Suizidforschung anzusehen; ein Weg, dieses Phänomen sowie die entsprechenden Hintergründe zu erforschen und zu verstehen. Daraufhin wurde diese Problematik in der Gesellschaft mehr und mehr anerkannt, es entstanden immer mehr institutionelle Hilfsangebote bzw. entsprechende Einrichtungen, doch die Rate der Selbstmorde/Selbstmordversuche steigt weiter.

So ist nach Henseler die Forschung noch nicht weit genug vorangeschritten. „Es fehlen noch klare Vorstellungen über die Entstehung der Suizidalität und demzufolge ein einheitliches therapeutisches Konzept.“ (Henseler 2000, S.10)

Er entwickelte in seiner Arbeit folglich ein theoretisches Modell indem er die psychoanalytische Narzißmustheorie hinzuzieht und in einen Sinnzusammenhang zu Entstehung von Suizidalität bringt. Dieses theoretische Modell „...deutet die Suizidalität als Labilisierung des narzißtischen Regulationssystems und die Suizidhandlung als krisenhaften Versuch, das gefährdete Selbstwertgefühl zu retten.“ (Henseler 2000, S.11)

So handelt es sich bei Suizidpatienten um Menschen mit einem sehr labilen narzißistischen Regulationssystem, die also dementsprechend sehr verletzlich (im psychologischen Sinne) sind. Bevor ich auf diese von Henseler entwickelte Theorie eingehe, werde ich in Punkt 1.1 eine Bestandsaufnahme vornehmen. Es werden objektive Daten zum Suizidgeschehen bzw. die suizidale Persönlichkeit betreffend dargelegt. Dabei handelt es sich also um Forschungsergebnisse, die die biographischen Hintergründe des typischen Suitidanten, also dessen „Lebenskontext“, betreffen. Desweiteren gehe ich kurz auf das präsuizidale Syndrom ein, welches bis heute in der Fachwelt anerkannt wird. So ist ein erster Einblick in die Thematik gegeben. In Punkt 2 geht es dann konkret um den Gegenstand dieser Hausarbeit: Die Frage, welche Rolle das narzißtische Regulationssystem in der Psychodynamik von Suizidimpulsen spielt. Um diese zu beantworten ist es wichtig vorerst einen groben Überblick über die psychoanalytische Narzißmustheorie zu geben und im Anschluß daran wird diese mit dem suizidgeschehen in Verbindung gesetzt. Als 3 und letzten Punkt wird ein Fazit gezogen indem es auch darum geht, welche Folgen diese Erkenntnisse auf die Arbeit mit Suizidpatienten hat.

1.1 Bestandsaufnahme: Suizidalität und suizidales Verhalten

Die Zahl der Selbstmordversuche steigt seid 1950 stetig an, wie mehrere Untersuchungen bestätigen, während die Zahl der Selbstmorde relativ gleich bleibt. Was die Suizidmethoden betrifft, werden hauptsächlich sogenannte „weiche Methoden“ angewendet wie bspw. Das Vergiften durch Schlafmittel oder andere Substanzen, das Öffnen der Pulsadern u.s.w. Somit endet „nur“ jede zehnte Suizidhandlung tödlich, wobei zu bemerken ist das die meisten Suizidanten – auch diejenigen welche „weiche Methoden“ verwenden – von der tödlichen Wirkung der Suizidmethode überzeugt sind.

Desweiteren wurde festgestellt, das mehr Männer als Frauen Selbstmord begehen, während die Frauen häufiger Selbstmordversuche unternehmen.

Soziologische Korrelationen sind bei einer Bestandsaufnahme dieser Art von besonderer Bedeutung. So spielt die aktuelle soziale Situation eine wichtige Rolle: Die meisten Suizidanten fühlen sich einsam, d.h. sie leben nicht nur sozial isoliert, sondern leiden zudem unter einem subjektiven Einsamkeitsgefühl. Demnach lässt sich schlußfolgern, das die Selbstmordgefährdung steigt je weniger die Person sozial integriert ist. So spricht bereits Durkheim von der suizidverhütenden Rolle der sozialen Integration. Dies wird wiederum bei Betrachtung der Risikogruppen deutlich, bei denen allen soziale Isolierung besteht bzw. die soziale Integration gefährdet ist. Folgende Personengruppen fallen unter die Risikogruppe, d.h. bei ihnen besteht ein erhöhtes Risiko für Suizidhandlungen:

Verfolgte und Flüchtlinge, Alkoholiker/Süchtige, Kriminelle, Homosexuelle, von chronischer bzw. unheilbarer Krankheit betroffene, alte Menschen, Menschen in Ehekrisen bzw. Partnerschaftskonklikten, Menschen in schwerem sozialen Notstand, Umsiedler/Einwanderer, Angehörige von Suizidanten, Menschen die an schweren (Verkehrs)unfällen beteiligt sind. Eine weitere Rolle spielt die Größe des Wohnorts. So sind in Großstädten mehr Suizide zu verzeichnen als in kleineren Städten oder auf dem Land. So wird auch hier deutlich welche Rolle die soziale Integration spielt, da diese in Großstädten im allgemeinen eher gefährdet ist.

Betrachtet man die Studien über die Suizidmotive, so lässt sich feststellen – die Suizidforscher sind sich hierüber einig – das die Ätiologie der Suizidhandlung in den meisten Fällen nicht mit dem aktuellen Anlass bzw. dem bewussten Motiv identisch ist. Der aktuelle Anlaß stellt zwar den auslösenden Faktor dar, steht aber dabei meist im Kontext vieler weitere Faktoren, die hierbei zusammenspielen. So schreibt Henseler: „Der Anlass ist nicht beliebig; er passt gleichsam wie der Schlüssel zum Schloß.“ (Henseler 2000, S.32)

Bei diesen bewussten Motiven stehen Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich an erster Stelle. Dazu gehören Liebes-, Ehe- oder Familienkonflikte, Auseinandersetzungen/Spannungen mit dem Vorgesetzten oder mit Kollegen sowie Konflikte, die durch Trennung/Verlust hervorgerufen wurden. Weitere bewusste Motive sind unheilbare Krankheiten, Versagensgefühle oder –ängste u.s.w. Diese führen allerdings wesentlich seltener zu Suizidhandlungen soweit die betroffene Person dabei weiterhin in ein soziales Netz eingebunden ist. Bei den unbewussten Motiven bzw. Motivkonstellationen handelt es sich nach Untersuchungen psychoanalytisch orientierter Autoren um Tötung eines internalisierten Objekts, Autoaggression, Sühne/Selbstbestrafung, Rache /Vergeltung (so beeinhaltet ein Selbstmord in den meisten Fällen auch eine Appellfunktion und richtet sich oft auch an andere Personen), blinde Abfuhr aggressiver Spannungen (sogenannte Katharsis), omnipotente Beherrschung der Situation bzw. aktives Zuvorkommen, faktische Realisierung einer emotional bereits eingetretenen Sache (Person ist bereits emotional „tot“), Rückkehr in den Kindheit, Kontaktsuche, Wiedervereinigung mit einer verstorbenen Beziehungsperson, Symbiosewünsche, Extase/Hingabe, Resignation/Flucht, Neubeginn/Wiedergeburt. Während in vielen Theorien zur Psychodynamik der Suizidhandlungen von einem Ausdruck aggressiver Problematik die Rede ist (Suizid als autoaggressiver Akt), wird insbesondere bei Betrachtung der zuletzt genannten Motive deutlich, das dies nicht zwingend der Fall sein muss. Letztere Motive deuten vielmehr auf so etwas wie „...Rückzug auf einen harmonischen Zustand und die Aufnahme sehr infantiler Objektbeziehungen“ hin. (Henseler 2000, S.63)

Die meisten Menschen, die Suizidhandlungen begehen, sind bereits vorher psychisch „krank“ gewesen. In ihrer Vorgeschichte sind also in den meisten Fällen psychiatrische Symptome oder Störungen der Persönlichkeitsentwicklung zu finden. In etwa 25% der Suizidanten sind rezidiv, d.h. hatten zuvor bereits einen oder mehrere Selbstmordversuche unternommen.

Desweiteren ist zu verzeichnen, das sich die Ursachen für die Disposition zum Suizid häufig in der frühen Kindheit finden lassen. So war diese bei Suizidpatienten häufig starken psychischen Belastungen ausgesetzt. Dabei handelt es sich um Verlust von Elternteilen, andere Trennungserlebnisse, emotionale Vernachlässigung, zerüttete Familienverhältnisse und ähnliches, die für eine solche Disposition zur Suizidalität maßgeblich sind.

An dieser Stelle sei auch auf das von Ringel im Jahre 1953 beschriebene „präsuizidale Symptom“ verwiesen, welches bis heute in der Fachwelt anerkannt wird. Dieses Symptom weist auf eine bestehende Selbstmordgefahr hin. Es besteht aus Einengung, Aggressionsumkehr und Suizidphantasien, die zwar nicht zwingend zum Suizid führen, aber nahezu jeder Suizidhandlung vorrausgehen. Es stellt also – unabhängig von der jeweiligen Nosologie – einen Teil der überindividuellen suizidalen Psychodynamik dar. Das Syndrom entsteht im Verlauf einer krankhaften Entwicklung basierend auf einer „Ich – Verunsicherung“ bereits in der Kindheit. Ringel beschreibt drei bestimmende Faktoren: zum einen eine grundsätzlich unsichere, entmutigte Lebenseinstellung, die eine Einengung des Lebensraums zur Folge hat; weiterhin eine Fixierung an stereotype Verhaltensmuster durch die die pathogene Konstellation endlos weitergetrieben wird und als dritten Faktor die neurotischen Übertragungshaltungen, also die Erwartung des Verlassenwerdens und Nichtverstandenwerdens, die auf jede neu hinzutretende Person übertragen wird.

Durch diese Konstellation entsteht ein ciculus vitiosus, der Aggressionsdruck steigt mehr und mehr und die Verletzbarkeit der betreffenden Person steigt ebenfalls mit jeder Enttäuschung (die jedoch aufgrund der Ablehnung aktiver Lebensgestaltung vorprogrammiert sind). Das strenge, rigide Über-Ich, welches aus den zuvor beschriebenen Umständen resultiert, verbietet die Abfuhr des steigenden Aggressionsdrucks bzw. ahndet eine solche mit Bestrafung. „Die Suizidphantasien in ihrer passiv sich aufdrängenden Art und die Aggressionsumkehr liegen in der Konsequenz dieser Entwicklung.“ (Henseler 2000, S.42)

Für die Kränkungen und Mißerfolge als der entscheidenden Momente des präsuizidalen Syndroms sind in der Regel wichtige Bezugspersonen „verantwortlich“. Es geht also um einen mangelnden affektiven Kontakt zu diesen Bezugspersonen, was ein mangelhaftes Selbstwertgefühl, geringe Krisentoleranz etc. zur Folge hat.

Die Theorie Heinz Henselers, das narzißtische Krisen eine entscheidende Rolle in der Psychodynamik von Suizidimpulsen spielen, findet in dieser Darstellung erste Anhaltspunkte. So ist also eine Verunsicherung im zwischenmenschlichen Bereich sowie in der Einstellung zur eigenen Person als typisch für die Entwicklung späterer Suizidanten festzustellen. Die hieraus resultierenden Folgen sind eine Aggressionsproblematik, d.h. Aggressionen können nicht oder nur durch Wendung gegen sich selbst abgeführt werden; ein hochgespanntes Ich-Ideal, welches nicht den realistischen Umständen entspricht, und eine dementsprechend strenges Gewissen sowie hochgespannte Erwartungen an die Beziehungspersonen und als dritten Punkt ein zwischen Größenphantasien und Minderwertigkeitsgefühlen schwankendes Selbstbild. Dabei ist , was die tatsächliche Suizidhandlung betrifft, die Realitätskontrolle gegeben. Der Suizidant ist sich also in den meisten Fällen der Konsequenz des Sterbens bewußt. Allerdings hat der Suizidant meist andere Vorstellungen vom Tod. So wird dieser häufig als ein harmonischer Zustand phantasiert, in den der Suizidant aus seiner unerträglichen Situation flieht. So bedeutet Suizid auch vielfach das „...aktive Vorwegnehmen einer passiv gefürchteten Gefahr, also die Sicherung eines bedrohten Machtgefühls.“ (Henseler 2000, S.58)

Soviel um ein allgemeines Bild der bisherigen Suizidforschung darzulegen. Anzumerken ist dabei noch, das sich mehrere Disziplinen mit der Suizidforschung beschäftigen, so sah zum Beispiel Durkheim den Suizid als sozialen Tatbestand, der nur soziologisch erklärt werden konnte, und stellte drei Formen des Suizids dar: den altruistischen Suizid, den egoistischen und den auf anomischen Verhältnissen basierenden bzw. aus solchen entstehenden Suizid. Heinz Henseler –welcher die im folgenden erörterte Theorie entwickelt hat- arbeitet als Psychotherapeut und nimmt dementsprechend bei Betrachtung des Phänomens Suizid eine psychologische Perspektive ein.

2. Die psychoanalytische Narzißmustheorie

Zuerst ist es wichtig, den Terminus „Narzißmus“ genauer zu definieren, so dass er für die folgende Theorie zugänglich ist, da dieser Begriff auch in der Fachwelt vielfach verwendet wird und dadurch sehr vieldeutig geworden ist. Der Begriff Narzißmus wird in zwei unterschiedlichen Bedeutungen benutzt:

1. wird unter Narzißmus ein Abwehrvorgang verstanden. Dabei wendet sich die Person vom Objekt weg zum Selbst hin (Der Begriff geht zurück auf die mythische Figur des Narziß, der sich in sich selbst verliebt). Dies ist der ursprüngliche Sinn und bedeutet also eine Vermehrung der libidinösen Besetzung des Selbst.
2. Bedeutet Narzißmus alle „...Bedürfnisse, Befriedigungen, Affekte, Mechanismen u.s.w., die bei der Selbstkonstituierung, Selbstentfaltung und insbesondere der Regulation dieses Selbtsgefühls beteiligt sind.“ (Mentzos 1982, S.52)

In dieser zweiten Bedeutung meint Narzißmus also die verschiedenen Zustände des Selbstgefühls, d.h. der affektiven Einstellung einer Person sich selbst gegenüber. Handelt es sich diesbezüglich um eine realitätsgerechte Einstellung, spricht man von gesundem Narzißmus; ist sie dagegen unrealistisch, spricht man von einer narzißtischen Störung, welche sich in einem übertriebenen omnipotenten Selbstgefühl oder auch in übertriebenen Minderwertigkeitsgefühlen äussern kann.

Objektbeziehungen bspw., die zu einer Erhöhung des Selbstgefühls beitragen, nennt man „narzißtisch“. Folglich stellen solche Ereignisse, die das Gegenteil bewirken, eine narzißtische Kränkung dar.

Dieser Narzißmus im zweiten Sinne ist also stark von den objekten abhängig. Diese dienen der „narzißtischen Zufuhr“. Er kann aber auch narzistisch im ersten Sinne befriedigt werden, also durch das Subjekt selbst, wie es bspw. Der Fall ist wenn eine Person ihre Minderwertigkeitsgefühle durch Größenphantasien überspielt. Diese narzißtischen Abwehrformen, also vom Objekt wegführende Abwehrformen, treten bei jedem Menschen auf, sie gehören zu den normalen Abwehrmechanismen zur Konfliktbewältigung, können jedoch pathologisch ausarten. Im weiteren geht es nun in der Hauptsache um den Narzißmus in seiner zweiten Bedeutung, also um das System vom Selbst. Diese Entfaltung des Selbst und die Regulation der Selbstbedürfnisse stehen im Mittelpunkt von Heinz Henselers Theorie. Die Psychoanalyse versteht unter narzißtischer Regulation das Aufrechterhalten eines affektiven Gleichgewichts. Dies betrifft das Gefühl innerer Sicherheit, das Selbstwertgefühl. „Die Regulation des Selbstgefühls stellt die Psyche vor eine nicht minder wichtige und schwierige Aufgabe als die der Triebregulation.“ (Henseler 2000, S.73)

So ist diese Aufrechterhaltung eines optimalen Niveaus des Selbstgefühls eine zentrale Aufgabe des Selbstsystems. Diese wird durch narzißtische Kränkungen, mangelnde narzißtische Zufuhr, Mißerfolge, Enttäuschungen u.s.w. gefährdet. Solche narzißtischen Krisen führen dann zu Depressionen und diese wiederum werden häufig im Zusammenhang mit Suizid gedeutet, d.h. gingen diesen sehr häufig vorraus. Es handelt sich dabei um Suizidanten mit einem labilen narzißtischen Regulationssystem, die dadurch entsprechend schnell in die beschriebenen narzißtischen Krisen geraten. Von welchen Personen hierbei die Rede ist, wurde bereits dargelegt; so erklärt es sich bspw. Leicht, das schwere psychische Belastungen in der frühen Kindheit die Entfaltung des Selbst behindern und somit die betreffende Person ihr Selbstwertgefühl kaum oder garnicht zu regulieren in der Lage ist. Um dies zu verdeutlichen will ich kurz auf die Entwicklung des narzißtischen Systems eingehen.

2.1. Die Entwicklung des narzißtischen Systems

Die frühe Einheit von Mutter und Kind als der früheste psychophysiologische Zustand des Kindes, stellt die Grundannahme der psychoanalytischen Narzißmustheorie dar. Dieser Primärzustand ist gekennzeichnet durch Harmonie, Spannungsfreiheit, Geborgenheit und fraglose Sicherheit. Der Fötus ist eins mit der ihm umgebenden Umwelt. Sobalt das Kind dann auf die Welt gekommen ist, wird dieser harmonische Zustand erschüttert. Das Kind erfährt das es etwas außer ihm gibt mit dem es nicht identisch ist, es entstehen die Selbstrepräsentanzen, also das Bild von der eigenen Person, und die Objektrepräsentanzen als die Bilder der äusseren Objekte. Diese Tatsache stellt einen ersten Anreiz für die Ich-Entwicklung dar. Weiterhin tauchen aber auch Gefühle von Angst und Ärger auf über die unerträgliche Enttäuschung das sich das Kind den nun auftretenden Unlusterfahrungen nicht entziehen kann. Das Kind durchlebt also die Erfahrung von Ohnmacht und Hilflosigkeit, eine sogenannte Urverunsicherung. Nun liegt es an den Pflegepersonen, diese Erfahrungen auszugleichen. Das Kind strebt in seiner Ich-Entwicklung von dieser Urverunsicherung weg und will diese nie wieder erleben. Um dies zu erreichen ist ein Urselbstvertrauen vonnöten, welches wiederum von den Pflegepersonen abhängig ist, um das Selbst libidinös besetzen zu können. Um den drohenden Erschütterungen des Selbstgefühls entgegenzuwirken, wendet der Mensch verschiedene Kompensationsmechanismen an, die das gesamte Leben hindurch eine Rolle spielen. Dabei handelt es sich einmal um die Regression auf den Primärzustand, wobei die gewonnene Individualität wieder aufgegeben wird zugunsten von Verschmelzungsphantasien. Dies geschieht sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Desweiteren steht der Modus der Verleugnung und Idealisierung zur Verfügung: Hierbei werden alle tatsächlichen oder auch vermeintlichen Mängel der eigenen Person verleugnet oder – per Phantasie- idealisiert, d.h. vom Gegenteil ersetzt wie wenn bspw. Minderwertigkeitsgefühle von Größenphantasien überspielt werden. Bereits im Kindesalter wird dem Menschen von den Eltern vermittelt, ein grandioses Wesen zu sein, sodass bereits hier Selbstrepräsentanzen eines grandiosen Selbst entstehen. Diese Illusion ist allerdings in diesem Entwicklungsstadium wichtig, im Laufe der Entwicklung dann lernt das Kind „im Normalfall“ auch die schlechten Seiten, Schwächen, Fehler und Mängel zu akzeptieren und in ein gesundes, realistisches Selbstbild zu integrieren. Eine dritte Kompensationsmöglichkeit, ein sicheres Selbstgefühl zu bewahren, besteht in der Angleichung an die Realität. Hierbei handelt es sich um die eben erwähnte realitätsgerechte Einstellung, die im Entwicklungsverlauf das Bild der Idealisierung der eigenen Person (sowie der Eltern) ersetzt, sodass Repräsentanzen eine realen Selbst sowie realer Objekte entstehen. Dennoch kann der Mensch nicht ganz auf die Illusion der Vollkommenheit verzichten. So kommt es zu dem allgemeinen psychischen Mechanismus, Verluste durch Verinnerlichung bzw. Internalisierung wenigstens teilweise aufzuheben, worin die vierte Kompensationsmöglichkeit zu sehen ist. So hat der Mensch ein reales Bild seiner Selbst und daneben aber auch ein sogenanntes Idealbild seiner Selbst. Dieses ist ihm zwar kaum bewusst, verschafft aber dennoch die Gewißheit trotz Fehlern und Mängeln im Grunde doch ganz in Ordnung zu sein. Henseler spricht hierbei von einem „kleinen Privatwahn“, ohne den der Mensch nicht leben kann. Denn würde der Mensch sich immer so fühlen wie es dem realen Bild seiner Selbst entspricht, wäre er in einem ständigen Zwiespalt bezüglich seines Selbstbildes. „Das Idealselbst kann diese Schwankungen dämpfen, indem es dem Über-Ich und der Außenwelt gleichsam versichert: Tatsächlich bin ich heute miserabel, aber das ist nur vorrübergehend; eigentlich und im Grunde bin ich gut.“ (Henseler 2000, S.77)

Ebenso werden die idealen Aspekte der frühen Bezugspersonen teilweise aufrechterhalten. Sie werden im Über-Ich internalisiert, die realen Maßstäbe dazu im Ich-Ideal. So geht von diesen beiden ein Absolutheitsanspruch aus. Die narzißtischen Selbst- und Objektrepräsentanzen führen also in ihrer Entwicklung zu einer Annäherung an der Realität ohne die idealisierenden Vorstellungen vollends aufzugeben. Aufgrund der Tatsache, das die Entwicklung des narzißtischen Systems zeitgleich und in enger Wechselwirkung mit der psychosexuellen Entwicklung verläuft, ist davon auszugehen, das sie von diesen verschiedenen Phasen der Libiboentwicklung mitbestimmt wird. Bei einem gesunden narzißtischen System steht also das reale Selbst im Mittelpunkt und wird vom Idealselbst sozusagen „gedeckt“, mit dem es eine funktionelle Einheit bildet. Diese Funktioneinheit steht nun unter dem Einfluss der affektiven Besetzungen (positive und negative), der Kritik/dem Lob des Ich-Ideal bzw. Über-Ich-Systems. Das Ich hat dabei die Aufgabe, zu vermitteln bzw. auszugleichen, es stellt also die regulierende Instanz in diesem Wechselspiel dar. Menschen dagegen,, deren narzißtisches System sich nicht normal entwickeln konnte, zeigen ein labiles Selbstgefühl als zentrales Symptom. Folglich reagieren diese Personen anders auf Kränkungen, da sie nicht in der Lage sind solchen mit den typichen Kompensationsmechanismen zu begegnen. Sie können also nicht angemessen mit Kränkungen, Mißerfolgen u.s.w. umgehen. Stattdessen treten bei einer narzißtisch labilen Person Kompensationsmechanismen früherer Entwicklungsphasen auf wie die Verleugnung bzw. Idealisierung, bei denen die schmerzliche Realität verleugnet wird bzw. in der Phantasie vom Gegenteil ersetzt wird, wobei also das Erleben der eigenen Person zurück in das Reich infantiler Großartigkeit tendiert. Dementsprechend treten auch wiederum die alten Repräsentanzen auf, die Person erlebt sich als grandioses Selbst und idealisiert zudem die Objekte. Nun liegen die Konsequenzen auf der Hand: ein idealer Mensche bzw. ein sich selbst als ideal erlebender Mensch darf in keinster Weise versagen! „...wenn ein idealer Mensch versagt, ist das keine Bagatelle, sondern ein Skandal.“ (Henseler 2000, S.81) Das Anspruchsnivau erhöht sich, nimmt illusionäre Züge an. Es entsteht als Resultat ein hochgespanntes, realitätsfernes Ich-Ideal, dessen Ideale von einem strengen, rigiden Über-Ich kontrolliert und eingefordert werden. Hierbei wird deutlich, das der Narzißmus eine besondere Machtqualität mit sich bringt. Es treten Aggressionen auf, die in jedem Fall unterdrückt werden müssen. „Aggressive Impulse werden in ihren Auswirkungen katastrophal, ja vernichtend phantasiert und müssen deswegen sorgfältig in Schach gehalten werden.“ (Henseler 2000, S.82)

Dies ist unter anderem auch deshalb besonders wichtig, da die Objektbeziehungen, von denen eine narzißtischen Person abhängig ist, durch Aggressivität gefährdet werden. Damit wäre die besondere Rolle der zwischenmenschliche Beziehungen angesprochen. Narzißtisch gestörte Persönlichkeiten befinden sich – was den zwischenmenschlichen Bereich betrifft- häufig in narzißtischen Objektbeziehungen. Das heißt sie suchen sich die Art Partner, der dem Bild der eigenen Person entspricht, indem sie sich also quasi selber wiederfinden und lieben können. Diese Tatsache ist nicht unbedingt pathologisch, tritt also auch häufig bei narzißtisch gesunden Menschen auf. Gefährlich wird es erst, wenn eine solche narzisstische Objektbeziehung die starre Bedingung für zwischenmenschliche Beziehungen sind. Sollte das

Objekt in einem solchen Fall, in dem es eine narzißtische Funktion übernommen hat, versagen, so zum Beispiel wenn im Laufe der Zeit festgestellt wird das die vermutete Eigenschaft garnicht zutrifft, ist das für die betreffende Person, die von dieser narzißtischen Objektbeziehung abhängig ist, eine Katastrophe. Das narzisstische System, welches durch diese Objektwahl zuvor stabil gehalten wurde, bricht wieder zusammen. Dies tritt sehr häufig auf, da die Verbindungen oft genau wegen diesem narzisstischen Charakter besonders störanfällig sind. Die bisher beschriebenen Reaktionen halten sich dabei – wie bereits erwähnt- noch im Rahmen des Normalen. „Sie stellen mehr oder weniger geglückte Kompensationsversuche dar, die vielleicht gelegentlich als unreife Reaktionen erkannt, kaum aber als klinisch pathologisch gewertet werden.“ (Henseler 2000, S.84)

Wenn nun aber bei einer Person diese Kompensationsmechanismen versagen, muss sich auf noch primitivere Maßnahmen zurückgreifen: Um der narzisstischen Katastrophe zu entgehen, kommt sie dieser sozusagen zuvor durch eine Regression auf den harmonischen Primärzustand. Dieser wurde bereits beschrieben, die Person erhofft sich dadurch Ruhe und Erlösung, Verschmelzung und Triumph. Der Triumph besteht darin, das sie sich als Sieger fühlt indem sie die narzisstische Katastrophe, also den völligen Zusammenbruch des narzisstischen Gleichgewichts, aktiv vorweggenommen hat. Der Preis, den ein Mensch für diese Verschmelzung mit einem primären Objekt zahlt, ist die Aufgabe der eigenen Individualität.

2.2. Narzisstische Krise und Suizidalität

Wie bereits erwähnt lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Bild des narzisstisch gestörten Menschen und dem in Kapitel 1.1 entworfenen idealtypischen Bild der suizidalen Persönlichkeit erkennen: Ein Mensch mit Suizidimpulsen ist von einem sehr labilen Selbstwertgefühl betroffen und fühlt sich demnach permanent bedroht. Er ist nicht in der Lage, Kränkungen auf eine reife Art zu bewältigen sondern begegnet solchen mit regressiven Mechanismen. Um sein Selbstwertgefühl zu schützen leugnet er bestimmte Aspekte der Realität bzw. seiner Selbst und idealisiert so die eigene Person sowie seine Bezugspersonen. Dies äußert sich in einem hochgespannten, realitätsfernen Ich-Ideal, im Umgang mit der Realität, in der Art und Weise Aggressionen zu bewältigen und in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn diese Abwehrvorgänge erfolglos bleiben, zieht sich die Person in einen harmonischen Primärzustand zurück und kommt somit der drohenden narzisstischen Katastrophe aktiv zuvor, rettet also sozusagen ihr Selbstwertgefühl. Mit dieser Psychodynamik der narzisstischen Problematik lassen sich nun bestimmte Besonderheiten der zum Suizid neigenden Persönlichkeit erklären. Die Realitätskontrolle der betreffenden Personen lockern sich zugunsten der Phantasie. Durch die idealisierende Entstellung der Realität und das Leugnen negativer Aspekte werden Fehleinschätzungen erzeugt. Der potentielle Suizidant geht im zwischenmenschlichen Bereich häufig Beziehungen ein, durch die er seine narzisstischen Bedürfnisse stillen kann. Er trifft also eine in erster Linie narzisstische Objektwahl. So ist bei vielen Suizidanten aufzuweisen, das ein Konflikt im zwischenmenschlichen Bereich, der im wesentlichen darauf beruht das die betreffende Person in einer wichtigen Funktion für das narzisstische System des Suizidanten versagt, den Suizid (versuch) ausgelöst hat. Da aber gerade solche Beziehungen besonders reich an Konflikten sind, führen sie oft zu Enttäuschungen mit der Folge, das sie nach und nach aufgegeben werden. Auch dies lässt sich durch Studien nachwiesen die zeigen, das eine zunehmende Resignation gegenüber zwischenmenschlichen Kontakten für die Biographie sehr vieler Suizidanten typisch ist. Dadurch entwickelt sich bei den betreffenden Personen eine Angst, neue Beziehungen einzugehen. Auch im Psychotherapieverlauf lässt sich diese Angst beobachten: Die Personen sind misstrauisch und tendieren dazu, erwartete Enttäuschungen probehalber vorwegzunehmen.

Bedenkt man nun, das diese Personen dieses Verhalten auch im Privatleben zeigen, liegen die Konsequenzen auf der Hand. So schreibt auch Henseler: „Die soziale Isolierung liegt in der Konsequenz dieser Entwicklung.“ (Henseler 2000, S.88) Das tragische daran ist, das sich der Suizidant, der sich doch so sehr eine dauerhafte Beziehung wünscht, sich seines illusionären Anspruchsverhaltens nicht bewusst ist. Desweiteren entsteht daraus ein sozialpsychologischer Druck, der die ganze Problematik noch weiter verstärkt: ‚Schwierige’ Personen stossen im Allgemeinen in der Gesellschaft schnell auf Ablehnung und erleben so auch hier eine Ausgrenzung. Tritt nun der Fall ein, das eine narzisstisch gestörte Person ihr Selbstwertgefühl nicht mehr zu schützen in der Lage ist, wenn bspw. die Verleugnung „versagt“, besteht die Gefahr einer Suizidhandlung da hierin eine Art „Ehrenrettung“ gesehen wird. So bringt Henseler in seinem Buch das Beispiel einer Frau, die jahrelang das offensichtliche Fremdgehen ihres Mannes verleugnet, bis sie ihn eines Tages sozusagen inflagranti erwischte und dann einen Selbstmordversuch unternahm. An diesem Beispiel lässt sich deutlich machen das diese Frau unter einer narzisstischen Störung litt: Jemand, der sich selbst für wertvoll hält, würde es nicht hinnehmen jahrelang vom Ehepartner betrogen zu werden! Der Konflikt, der in einem solchen Fall aufgetreten ist, wird begleitet von dem Gefühl, dieser Situation vollkommen wehrlos und passiv ausgesetzt zu sein. Demnach stellt die Suizidhandlung eine Konfliktlösung dar. Die betreffende Person kommt der Gefahr aktiv zuvor und bewahrt ihre Illusion von Selbstbestimmung. Diese Idee der Selbstbestimmung spielt bei den meisten Suizidanten eine wichtige Rolle: Die Möglichkeit, sich umzubringen kann einem niemand nehmen. Sie wird oft als Chance gesehen. So stellte sich in den Untersuchungen heraus, das der endgültige Entschluss, sich das Leben zu nehmen, für viele Suizidpatienten eine beruhigende Wirkung hatte. „Es beruht auf dem Wissen, ein Machtmittel zu haben, das einem nicht genommen werden kann, ein Mittel, das es ermöglicht, dem ohnmächtigen Verlassen- und Ausgeliefertsein mit Sicherheit zu entgehen und es in einem harmonischen Zustand aufzuheben.“ (Henseler 2000, S.91)

Eine Suizidhandlung besteht folglich aus einer Mischung entgegengesetzter Faktoren: Furcht und Zuversicht, Resignation und Triumph, Vereinsamung und Kommunikation (am Beispiel der Appellfunktion zu sehen). Das angestrebte Ziel ist es, einen harmonischen Zustand zu erreichen. Dabei variieren die Vorstellungen vom Tod. Einerseits beinhalten sie die Flucht aus der unerträglichen Situation, ohne das der Suizidant eine genaue Vorstellung davon hat wohin diese Flucht nun geht. Andererseits die Phantasie der Zuflucht in einen harmonischen Zustand, in dem Ruhe, Erlösung und Triumph zu erreichen sind. So äusserte sich eine Patientin in einer Therapiesitzung über ihren Selbstmordversuch durch Einnahme von 30 Schlaftabletten folgendermaßen: „Ich wollte meine Ruhe, endlich schlafen, nichts als schlafen. Es war eigentlich ein schönes Gefühl, als ich die Tabletten eingenommen hatte (lächelt zum erstenmal). So als wenn ich mich zusammengekuschelt und in einer Höhle läge.“ Diesen Todesvorstellungen entspricht auch das Überwiegen weicher Suizidmethoden. Ebenso spricht die häufige Fehleinschätzung bezüglich der Suizidmethoden dafür („nur“ jede zehnte Suizidhandlung endet tödlich obwohl die meisten Suizidanten von der tödlichen Wirkung der gewählten Methode überzeugt sind!). Dies hat auch damit zu tun, das die selbstzerstörerischen und selbtserhaltenden Faktoren zusammenspielen und das nicht eigentlich der Tod intendiert wird, sondern etwas phantastisches. Dabei lassen sich auch die – für die narzisstische Problematik zentralen – Phantasien von Macht und Unsterblichkeit erschliessen. Weiter zeigt auch die Tatsache, das „nur“ jeder fünfte Suizidant, der „gerettet“ wurde, danach noch suizidal ist. Dies dürfte vor allem daran liegen, das „...mit der Zuwendung und der Bestätigung, die der Patient nach seinem Suizidversuch in aller Regel erfährt, den narzisstischen Konflikt vorläufig aufgehoben ist.“ (Henseler 2000, S.91) Ausserdem wird die Ernsthaftigkeit des Suizidversuchs in der Regel bagatellisiert, die Suizidhandlung aus dem Bewusstsein verdrängt und abgewehrt. Der Grund hierfür ist natürlich das Tabu des Todes, welches in der Gesellschaft vorherrscht, wie auch die Tatsache, das der Suizidversuch und die dazu führende Situation eine äußerste narzisstische Belastung darstellen, so dass ihre

Durcharbeitung gemieden wird beziehungsweise die Suizidhandlung allgemein verleugnet wird. Hierbei wird also wieder der Mechanismus der Verleugnung und Idealisierung deutlich.

Hiermit schließt Heinz Henseler die Interpretation überindividueller Selbstmordphänomene ab. Es bleibt zu erwähnen, das – wie er selbst verdeutlicht – dieses theoretische Modell ausbaufähig sie und einzelne Aspekte sicherlich noch weiter differenziert werden können.

3. Schluss

Heinz Henseler hat also deutlich gemacht, das die narzißtische Problematik eine wesentliche Rolle bei Suizidhandlungen bzw. bei zu Suizidhandlungen führenden Situationen spielt. So lassen sich unter Berücksichtigung dieser Problematik auch viele der idealtypischen Merkmale der suizidalen Persönlichkeit, wie sie in Kapitel 1.1 dargestellt werden, erklären. Sie legen die Annahme nahe, das die Regulation des Selbstwertgefühls im Zentrum der Problematik zu verorten sind. Dennoch weist er auch ausdrücklich darauf hin, das natürlich nicht jede narzißtisch gestörte Person suizidgefährdet ist, da diesen Menschen auch andere Mechanismen zur Vermeidung drohender narzißtischer Katastrophen zur Verfügung stehen, die bereits im Rahmen dieser Hausarbeit kurz abgehandelt wurden.

Henseler untersuchte die Bedeutung einer narzißtischen Problematik für die Auslösung der Suizidhandlung an 50 Patienten, wobei er eben diese an 45 Patienten davon nachweisen konnte. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass seine Theorie bei sehr vielen Suizidanten zutrifft. Folglich hat sie starke Auswirkungen auf den Umgang und die Psychotherapie mit Selbstmordgefährdeten. “Selbstverständlich kommt den narzißtischen Problemen bei verschiedenen Patienten unterschiedliches Gewicht zu, doch spielen sie regelmäßig eine tragende Rolle für die Aufrechterhaltung der therapeutischen Beziehung.“ (Henseler 2000, S.179) So gab es wesentlich mehr vorzeitige Therapieabbrüche bevor Henseler über die Bedeutung der Selbstwertproblematik wusste! Es ist also wichtig, diesen Aspekt und dessen Gesetzmäßigkeit in die Behandlungspraxis mit einzubeziehen bzw. zu berücksichtigen. Aus diesem Grund möchte ich grob auf einige der möglichen Folgen zu sprechen kommen.

So kann man häufig beobachten, dass der Patient den Therapeuten als neues narzißtisches Objekt an Stelle des alten, verlorenen setzt. Daraus ergibt sich die entscheidende therapeutische Chance, diesen Übertragungsvorgang mit dem Patienten zu reflektieren und durch seine Bearbeitung auch die damit verbundene narzißtische Problematik erkenntlich zu machen, durchzuarbeiten und somit zu korrigieren. Weiterhin legte Henseler an Beispielen dar, das auch durch Einbezug des Konfliktpartners die Situation entschärft werden konnte und hierin Möglichkeiten zur Suizidprophylaxe liegen. Dennoch ist an dieser Stelle auch das Risiko einer Enttäuschung zu sehen, die dann wiederum zu hartnäckigem Widerstand, vorzeitigem Therapieabbruch und sogar zu erneuten Suizidalen Krisen führen kann.

Solche Enttäuschungen frühzeitig wahrzunehmen ist daher eine wichtige Aufgabe des Therapeuten.

Die von Henseler entwickelte Theorie eignet sich hervorragend dazu, tiefere Einsichten in die unbewussten Vorgänge von (potentiellen) Suizidanten zu erlangen und eben solche Menschen besser zu verstehen, angemessener mit ihnen umzugehen und sie erfolgreicher therapeutisch zu behandeln. Desweiteren kann dieses theoretische Modell auch zur Erklärung weiterer Phänomene wie Suchtverhalten, dissoziale Verhaltensmuster wie beispielsweise Fortlaufen und ähnliches u.s.w. herangezogen werden.

Literaturverzeichnis:

Henseler, H. (2000): Narzißtische Krisen. Zur Psychodynamik des Selbstmords. Wiesbaden

Stavros, M. (2000): Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven, Frankfurt a.M.

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Details

Seiten
15
Jahr
2003
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108279
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Soziale Arbeit Saarbrücken
Note
1,3
Schlagworte
Welche Rolle Regulationssystem Psychodynamik Suizidimpulsen

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Titel: Welche Rolle spielt das narzißtische Regulationssystem in der Psychodynamik von Suizidimpulsen?