Lade Inhalt...

Lebenslauf und Lebensalter - Die Institutionalisierung des Lebenslaufes

Seminararbeit 2002 17 Seiten

Soziologie - Alter

Leseprobe

Gliederung

1 Vorwort

2 Klärung grundlegender Begriffe
2.1 Was ist Lebenslauf?
2.2 Was ist Institutionalisierung?

3 Die Institutionalisierung des Lebenslaufes
3.1 Das Hofdenken
3.2 Die Konstitution des dreigeteilten Lebenslaufs
3.3 Exkurs: Beobachtungen im Bereich Familie
3.4 Chronologisierung und der Einfluss Staatlicher Strukturen
3.5 Biographische Perspektiven
3.6 Vier gesellschaftliche Problemlagen
3.6.1 Rationalisierung
3.6.2 Soziale Kontrolle
3.6.3 Integration
3.6.4 Sukzession

4 Institutionelles Programm und subjektive Konstruktion
4.1 Erstes Model
4.2 Zweites Model
4.3 Drittes Model

5 Ausblick
5.1 Bereich Familie
5.2 Bereich Arbeit

6 Schlusswort

7 Bibliographie

1 Vorwort

In der folgenden Arbeit möchte ich den Lebenslauf als soziale Institution vorstellig machen. Institution darf hierbei aber nicht als Gruppierung von Individuen oder als ein von ihnen generiertes Aggregat, „sondern im Sinn eines Regelsystems, das einen zentralen Bereich oder eine zentrale Dimension des Lebens ordnet“[1], verstanden werden. Das dem tatsächlich so ist, kann anhand der Analyse historischer Veränderungen in den Bereichen Demographie, Geschichte, Familie, Lebensalter und Mentalitätsgeschichte nachgewiesen werden. Die Arbeit in diese Richtung nennt man Lebenslaufforschung, auf die ich im folgenden zunächst näher eingehen möchte bevor ich zu meiner eigentlichen Arbeit übergehe. Lebenslaufforschung ist der Versuch Mikro- und Makroebene der soziologischen Forschung zu verbinden und ist als Forschungsfels erst seit 1970 etabliert. Die Basis der Forschung bilden personenbezogene Längsschnittdaten über national repräsentative Stichproben. Somit stützt sich dieser Forschungsbereich stark auf die empirische Sozialforschung. Untersuchungsgegenstand ist die wechselseitige Beeinflussung individueller Verhaltens- und Handlungsmuster und den gesellschaftlichen Strukturen. Möglich wurde dies erst durch die Entwicklungen innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte. In der vormodernen Gesellschaft war der Tod ein Ereignis, das jederzeit eintreten konnte. Es wurde sozusagen in jeder Lebensphase gestorben und eine gesicherte Aussicht auf eine Lebensspanne irgendeiner Länge gab es nicht. Erst durch die zunehmend bessere medizinische Versorgung, durch die zunehmende finanzielle und soziale Absicherung der einzelnen Lebensphasen und einer damit verbunden Chronologisierung / Standardisierung der Lebensläufe wurde es sinnvoll von einem „Lebenslauf“ im Sinne einer Institution zu sprechen und somit wurde auch erst eine „Lebenslaufforschung“ durch die Abnahme der Varianzen innerhalb der Lebensdauern möglich bzw. sinnvoll.

2 Klärung grundlegender Begriffe

2.1 Was ist Lebenslauf?

Man könnte verkürzt sagen, dass der Lebenslauf schlicht eine Abfolge von Phasen oder Stufen und Übergängen im Leben, von der Geburt bis zum Tod ist. Dabei nehmen Faktoren wie ökonomisch und politisch bestimmte Gelegenheitsstrukturen, kulturell geprägte Vorstellungen, gesetzliche Altersnormen, institutionalisierte Positionssequenzen und Übergänge, individuelle Entscheidungen sowie Sozialisationsprozesse und Selektions- mechanismen Einfluss auf die individuellen Lebensverläufe. Diese äußeren Faktoren bestimmen den individuellen Lebenslauf oft auch nachhaltig. Dies beweist eine Studie von Glen Edler. Er untersuchte eine Stichprobe von Amerikanern die zwischen 1920 und 1921 geboren wurden. Diese erlebten die Weltwirtschaftskrise während ihrer frühen Jugendphase. Dieser Umstand beeinflusste sie nicht nur unmittelbar, sondern bestimmte auch ihr weiteres Leben. Sie hatten als Teenager harte Zeiten zu überwinden, da die Eltern zeitweilig arbeitslos waren, was mit starken Einkommenseinbußen einherging. Man sah sein soziales Ansehen in Gefahr, welches eng mit dem sozioökonomischen Status verbunden war. So versuchte man also ökonomische Schwierigkeiten vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Statt gesundes Essen auf den Tisch zu bringen, ließ man lieber die Fassade neu streichen, da diese für jede der vorüberging sichtbar war; das Essen aber nicht. Von der untersuchten Kohorte berichtete die Hälfte der Befragten, dass von ihnen erwartet wurde zum Familieneinkommen durch Freizeitjobs beizutragen. Sie erfuhren also sehr früh im leben, was Lebenssicherung kostet. Dies hatte eine starke Orientierung in Richtung finanzieller Verantwortungsbereitschaft und konservativen Verhalten zur Folge. Die betroffenen neigten im weitern zur beruflichen Kristallisation, d.h. sie legten sich sehr früh auf eine Tätigkeit fest und blieben auch dabei. Menschen aus sozial benachteiligten Familien schränkten ihre Interessen und Lebensentwürfe meist auf eine stabile Erwerbstätigkeit ein. Die, die nicht mit der Armut kämpfen mussten erwiesen sich im Erwachsenenleben als sehr arbeitszentriert und legten mehr Wert auf berufliche Leistung und Erfolg als auf Familie, Freizeit oder freiwillige Nachbarschaftshilfe. Bei Frauen zeigte sich eine starke Präferenz zu der traditionellen weiblichen Rolle. Der Lebenslauf hat sich im Laufe Der Zeit stark Verändert. Kohli fasste diese Veränderung in fünf Thesen zusammen.

„1. Die Bedeutung des Lebenslaufes als Soziale Institution hat stark zugenommen. Der historische Wandel hat von einer Lebensform, in der Alter nur als kategorieller Status relevant war, zu einer Lebensform geführt, zu deren zentralen Strukturprinzipien der Ablauf der Lebenszeit gehört (Verzeitlichung)
2. Die Verzeitlichung des Lebens ist weitgehend am (chronologischen) Lebensalter als Grundkriterium orientiert; dadurch ist es zu einem chronologisch standardisierten „Normallebenslauf“ gekommen (Chronologisierung).
3. Die Verzeitlichung bzw. Chronologisierung ist ein Teil des umfassenden Prozesses der Freisetzung der Individuen aus den (ständischen und lokalen) Bindungen, d.h. ein teil des neuen Vergesellschaftungsprogramms, das an den Individuen als eigenständig konstituierten Einheiten ansetzt (Individualisierung).
4. Der Lebenslauf ist in den modernen Gesellschaften um das Erwerbssystem herum organisiert. Dies gilt sowohl für die äußere Gestallt des Lebenslaufes – die evidenteste zeitliche Gliederung ist heute die Dreiteilung in Vorbereitungs-, Aktivitäts-, und Ruhephase […] – als auch für das ihr zugrunde liegende Organisationsprinzip.
5. Das Lebenszeitliche Regelsystem lässt sich auf zwei unterschiedlichen Realitätsebenen aufsuchen: zum einen auf derjenigen der Bewegung der Individuen durch das Leben im Sinn von Positionssequenzen bzw. „Karrieren“, zum anderen auf derjenigen ihrer biographischen Perspektiven und Handlungen. Lebenslauf als Institution bedeutet also zum einen die Regelung des Sequenziellen Ablaufes des Lebens, zum anderen die Strukturierung der lebensweltlichen Horizonte bzw. Wissensbestände, innerhalb derer die Individuen sich orientieren und ihre Handlungen planen.“[2]

2.2 Was ist Institutionalisierung?

Institutionalisierung ist ein „Prozess der Verfestigung von bestimmten Mustern regelmäßig wiederkehrenden Verhaltens (in bestimmten Situationen) zu Institutionen. Für die strukturell-funktionale Theorie (insbes. T. Parsons) entsteht auf dem Wege der Institutionalisierung überhaupt erst gesellschaftliche Ordnung, indem amorphe Werte (wie z.B. Freiheit, Sauberkeit, Schönheit) konkret als Handlungsziele definiert u. die Methoden, Mittel, Verhaltensweisen und Kooperationsmuster zu ihrer Realisierung bestimmt werden. Durch Institutionalisierung werden kulturelle Wertmuster zu Rollen, Status usw..“[3]

3 Die Institutionalisierung des Lebenslaufes

Im Folgenden möchte ich einen kurzen geschichtlichen Abriss über die Entwicklung von Lebensverläufen geben. Beginnend beim Hofdenken der Vorindustriellen Zeit bis heute.

3.1 Das Hofdenken

In der vormodernen Zeit war Langsicht für ein Einzelleben nicht gegeben. Sie bezog sich ausschließlich auf die Familie und deren materielle Grundlage. Der Kurzfristigkeit des individuellen Lebens entsprach das Bemühen um die Sicherung der Kontinuität des familialen und zugleich wirtschaftlichen Verbandes, in dessen Rahmen das Individuum stand. So ist die individuelle Geschichte in die Geschichte des Hofes eingeschrieben. Der Hof war also die Basis und das Zentrum des Lebens. Alle Aufgaben wurden von den Menschen auf dem Hof übernommen. So fanden hier Sozialisation, Bildung, Einführung in die Erwerbstätigkeit, die Erwerbstätigkeit selbst sowie Altersphase und die Pflege der alten statt. Der Hof war also neben der örtlichen Verwaltung die einzige Institution. Hier stand nicht die Selbstverwirklichung, sondern die Erhaltung der Institution „Hof“ im Vordergrund individueller Lebenspläne.

3.2 Die Konstitution des dreigeteilten Lebenslaufes

Die Konstitution des dreigeteilten Lebenslaufes wurde 1889 durch die Einführung der Arbeiterrentenversicherung durch Bismarck und die vorher eingeführte Schulpflicht ermöglicht. Bismarck legte damit den Grundstein für den modernen Sozialstaat. Der Lebenslauf konstituierte sich von nun an um das Erwerbsleben herum. Damals erreichten allerdings nur 19,7% der Männer die auf 70 Jahre festgelegte Altersgrenze und die ausgezahlten Leistungen waren auch nicht hoch genug um ganz aus dem Arbeitsleben ausscheiden zu können. Damals konnte man noch nicht von einer ausgeprägten Alterphase sprechen. Heutzutage verhält sich das anders. Eine sehr gute soziale Absicherung, ein funktionierendes Gesundheitswesen und die Herabsetzung der Rentengrenzen sichern die Chance auf eine ausgeprägte Alterphase nach der Erwerbstätigkeit. Unter den heutigen Sterblichkeitsverhältnissen erreichen 72,2% der Männer die heutige Rentengrenze von 65 Jahren. Man kann also von einer beginnenden Chronologisierung des Lebenslaufes sprechen, die sich mit der Etablierung des modernen Wohlfahrtsstaates scheinbar immer mehr verstärkt. Im Grunde genommen bleibt es aber bei einer Dreiteilung in deren Zentrum das Erwerbsleben steht und der Lebenslauf wird immer mehr eine planbare Konstante im eigenen Leben.

3.3 Exkurs: Beobachtungen im Bereich Familie

Im Bereich Familie fanden analoge Entwicklungen statt. Auch hier konnte in der vormodernen Zeit von einem tatsächlichen Familienzyklus nicht die Rede sein, da die Varianz in den Lebensdauern viel zu groß war. Kinder starben vor ihren Eltern, Mütter starben bei der Geburt, Väter vielem im Krieg, Großeltern übernahmen die Pflege der Kinder, ältere Geschwister mussten die jüngeren mit durchbringen usw.. Eine Garantie auf eine ungefähre Lebensdauer gab es nicht; und so auch keine Garantie auf feste Strukturen. Die typische Abfolge von einer begrenzten Zahl von klar unterscheidbaren Konfigurationen von Familienmitgliedern setzt also eine starke Chronologisierung voraus, die in der vormodernen Gesellschaft nicht gegeben war. Im modernen Wohlfahrtsstaat geht der Trend zu „Familiennormaltypen“. Dies bedeutet: Erst heiraten, dann Kinder bekommen, bis zum 55 Lebensjahr mit dem Ehepartner zusammenbleiben und die Kinder gemeinsam erziehen.

3.4 Chronologisierung und der Einfluss staatlicher Strukturen

„Die Chronologisierung des Lebensverlaufes wird durch die neu entstehenden altersgeschichteten Systeme öffentlicher Rechte und Pflichten vorangetrieben.“[4] Durch die Einführung von Kriterien, die sich an das chronologische Alter knüpfen konstituierten sich verbindliche Altersgrenzen. Durch die Verbreitung staatlicher Leistungssysteme wie Schul – oder Alterssicherungssystem kam es zu einer zunehmenden Homogenisierung der Lebensläufe. Im Laufe der Zeit entwickelte sich ein ausdifferenziertes System von chronologischen Altersstufen. „Es ist inzwischen selbstverständlich geworden, dass zivil – und strafrechtliche Verantwortlichkeit, aktives und passives Wahlrecht, erbrechtliche Regelungen, Wehrpflicht und vieles andere mehr an chronologischen Grenzen gebunden sind.“[5] Aber nicht nur soziale Pflichten, sondern auch Rechte werden auf diese Weise geregelt. Man denke hierbei zum Beispiel an Eintrittspreise, Fahrkarten oder altersbezogene Beförderungs- und Schutzregelung und Einstellungsgrenzen. Die tatsächliche Durchsetzung der Schulpflicht brachte eine institutionell organisierte und einheitliche Lebensphase mit sich, die nun jedes Gesellschaftsmitglied durchlaufen musste. Dieser Lebensabschnitt wurde dann durch die Entstehung der Jahrgangsklassen in sich chronologisch geordnet. Am anderen „Ende“ steht die Altersphase, die durch staatliche Rentensysteme, Pflegeeinrichtungen usw. auch weitgehend institutionalisiert und teilweise vereinheitlicht ist. Durch den Ausbau des Bildungssystems und der Alterssicherung manifestiert sich die Dreiteilung des Lebenslaufes.

3.5 Biographische Perspektiven

Das eigene chronologische Alter zu kennen wurde also zur sozialen Anforderung und zum unentbehrlichen Kriterium der Selbst- und Fremdtypisierung. Durch die zunehmende Konstanz in den Lebensläufen bzw. durch die Absehbarkeit eines ungefähren zu erwartenden Lebensalters erhöhte sich auch der Selbstzwang. Damit kam es auch zu einem Zwang zur Langsicht. Im Gegensatz zur vormodernen Zeit, in der das Individuum als solches wenig zählte, da es aufgrund der unsicheren persönlichen Lebenslage und Lebenserwartung zu inkonstant war und sich aufgrund dessen das Leben um die Erhaltung der wirtschaftlichen und sozialen Grundlage der Familie, den Hof, drehte, nahm der individuelle Lebenslauf in der Moderne eine immer wichtigere Position ein. „Auf der psychologischen Ebene entspricht dem die „Vernichtung der Unbefangenheit des triebhaften Lebensgenusses“ durch „systematische Selbstkontrolle“ […] Die Lebensplanung ist – obwohl häufig unabgeschlossen und unbestimmt – eine „primäre Quelle der Identität“ und ein „grundlegendes Organisationsprinzip“. Damit wird ein spezifischer Modus der Zeitlichkeit erforderlich: das Leben wird vom Individuum als „entworfenes Projekt“ begriffen, d.h. seine Bedeutungen sind […] „von künftigen Plänen hergeleitet, nicht von der Erklärung vergangener Ereignisse.““[6] Folge dieses Strukturwandels ist eine zunehmende Individualisierung durch das Gestalten und Verwirklichen individueller Lebenspläne innerhalb des institutionellen Systems. Dass dies keinen Widerspruch darstellt möchte ich an späterer Stelle klären.

3.6 Vier gesellschaftliche Problemlagen

Die in den letzten Abschnitten beschriebenen Entwicklungen kamen nicht von ungefähr, nein, sie sind vielmehr notwendigerweise entstanden und. Mit ihnen entstanden auch einige strukturelle Problemlagen, die durch die Abnahme der Varianzen in den Lebensdauern zustande gekommen sind. Vier dieser Problemlagen sollen nun anschließend kurz erörtert werden.

3.6.1 Rationalisierung

Die erste ist die der Rationalisierung. Sie ist die vordergründigste Dimension bei der Frage nach dem Sinn einer Chronologisierung des Lebenslaufes. Sie schlägt sich in mehreren Ebenen gesellschaftlichen Lebens nieder. Es erfolgt zum ersten eine Rationalisierung der staatlichen Leistungssysteme. Für diese Art Der Rationalisierung eignet sic das chronologische Alter besonders gut, da es den Durchlauf de Individuen durch das institutionelle soziale System regelhaft und berechenbar macht. Dies ist auch die funktionelle Erklärung für das Zustandekommen des dreigeteilten Lebenslaufs. Dies zeigt sich besonders in der Rationalisierung des Wirtschaftens. Hier werden sachfremde, der Produktion nicht dienliche Organisationsprinzipien und Wertorientierungen ausgeschlossen. So differenzierten sich verschiedene Lebensbereiche, d.h. im Gegensatz zur vormodernen Zeit, wo auf dem Hof Arbeit und Familie untrennbar miteinander verbunden waren, sind dies nun zwei gesonderte Bereiche. Einzelne Lebensphasen werden ausgegliedert. So manifestiert sich auch hier die Dreiteilung als zentrales Strukturprinzip, in dem die Lebensphase der Vorbereitung, und die der abnehmenden Produktionskraft ausgegliedert werden. Dies geschieht auf der Grundlage altersgeschichteter Leistungs-systeme. Rationalisierung findet auch auf der Ebene des Individuums statt. Rationalisierung bedeutet hier eine Bilanz im anhand des eigenen Lebens zu ziehen, indem man abgelaufene und noch verbleibende Zeit gegenüberstellt um festzustellen ob man sein bisheriges Leben „effektiv“ verbracht hat. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für Selbstkritik, aber auch für die Einschätzung und Typisierung von Mitmenschen. Dass dies ein äußerst wichtiger Punkt ist zeigt sich besonders deutlich in der Bewerbungssituation. Hier weist man durch einen lückenlosen Lebenslauf nach, dass man sich dem Prinzip der Rationalität bestmöglich unterworfen hat. Das System der Rationalisierung macht also auch eine Aussage über die erwartbar Zukunft eines Individuums, oder besser gesagt, über zukünftige Möglichkeiten. Die zweite große Problemlage ist die der sozialen Kontrolle.

3.6.2 Soziale Kontrolle

Die Erklärung dieser Problemlage findet sich im allgemeinen Zivilisationsprozess. Früher erfolgte die Vergesellschaftung maßgeblich, oder ausschließlich, durch die stabile Zugehörigkeit zur Familie, zur kleinräumigen Lokalgesellschaft und durch die Zughörigkeit zu einem Stand. Mit anderen Worten, sie war rein von außen Bestimmt. Mit dem Übergang zur Moderne Pluralisierte sich aber as Leben, da nun nicht mehr der Hof als wirtschaftliche Grundlage diente, sondern meist eine Anstellung in der freien Wirtschaft. Privat und Arbeitsleben waren also getrennt. Sozialisation musste nun also auch stärker am Individuum ansetzten, da sich der Lebenslauf von nun an individueller werden musste. Der eigene Lebenslauf wurde zur selbstständigen Größe und diente als langfristige Perspektive, oder besser gesagt als Orientierung für die eigene Lebensführung. Hierfür ist ein starkes Institutionelles System erforderlich, da die Perspektive eines stabilen Lebenslaufes mit staatlicher Gewährleistung materieller Sicherheit notwendige Voraussetzung für diese Entwicklungen sind. „Die soziale Kontrolle die damit anvisiert ist, soll also nicht einfach durch die monetäre Versorgung erreicht werden, sondern durch ihre langfristige Erwartbarkeit und die damit beim einzelnen Arbeiter erzeugte biographische Perspektive: sie entsteht in der entlastenden Gewissheit, auch unter den Bedingungen der Individualisierung des Lebenslaufes nicht aus den gesellschaftlichen Stützsystemen herauszufallen.“[7] Als Drittes ist die Sukzession, die Nachfolgeregelung, zu betrachten. Auch diese Problemlage verknüpft sich stark mit der Wirtschaft, bzw. mit dem Arbeitsmarkt. Hier wird das Eintreten und Ausscheiden aus dem Arbeitsleben geregelt. Der Arbeitsmarkt ist bei genauerer Betrachtung ein geschlossenes Positionssystem, d.h. nur frei werdende Stellen können neu besetzt werden. Der zuerst betrachtete Punkt der Rationalisierung nimmt hier sehr starken Einfluss, denn die Sukzession wird auch hier durch das System der Verrentung geregelt. Sie stellt einen Ausweg aus dem Problem dar die älteren Arbeitskräfte loszuwerden, um die Effizienz des Arbeitskräfteeinsatzes zu erhöhen und Platz für nachrückende Arbeitskräfte zu schaffen.

3.6.3 Integration

Die vierte Problemlage ist die der Integration. Hier wird das Spannungsverhältnis zwischen individuellem Lebenslauf und betriebliche Interessen thematisiert. Für die Arbeitgeber stellt sich das Problem die individuelle Lebenszeit ihrer Arbeitskräfte in die eigene Zeitstruktur des Betriebes als Organisation zu integrieren; es geht also um die Abstimmung betrieblicher und familiärer Laufbahnen. Eine gut funktionierende Lösung hierfür stellt beispielsweise das Punktesystem im öffentlichen Dienst dar. Je stärker man im privaten in ein soziales Netzwerk eingebunden ist (verheiratet, Kinder, Eigenheim, pflegebedürftige Familienmitglieder usw.) umso mehr Punkte erhält man und umso unwahrscheinlicher ist es aus diesem Netzwerk z.B. durch Versetzung ausgelöst zu werden.

3.6.4 Sukzession

Die Problemlage der Sukzession, oder Nachfolgeregelung, ergibt sich durch das Auseinandertreten von Betrieb und Individuum. Durch diese Trennung stellt sich die innerbetriebliche Struktur als ein geschlossenes Positionssystem dar. Das heißt, das nur freiwerdende Stellen neu besetzt werden können. Ausweg aus dieser Problemlage ist auch hier die Verrentung. Durch das Verrentungssystem können alte und unproduktive Arbeitskräfte aus dem Erwerbsleben ausscheiden um so Platz für nachrückende junge Arbeitskräfte zu schaffen. So wird dann letztendlich auch die Gesamtproduktivität des Betriebes erhöht.

4 Institutionelles Programm und subjektive Konstruktion

Aus den vorangegangenen Ausführungen ergibt sich gewissermaßen ein Paradoxon, das den Lebenslauf zum einen, systemtheoretisch betrachtet, als einen durch Institutionen bestimmten Ablaufplan und zum anderen, handlungstheoretisch betrachtet, als das Ergebnis individueller Bemühungen darstellt. Es stellt sich also die Frage, wie institutionelles Programm und zunehmende Individualisierung thematisch in einen Einklang zu bringen sind. Hierfür möchte ich drei Modelle anführen, in denen das Verhältnis von Sytem – und Handlungstheorie thematisiert wird.

4.1 Erstes Model

Im ersten Model wird ausschließlich das institutionelle System analysiert und die Subjektive Komponente als vernachlässigbar außer Acht gelassen. Dieses Model geht davon aus, dass das Individuum vollständig in das institutionelle System eingebunden ist und sich diesem, mehr oder weniger freiwillig, unterwerfen muss. Die analysierten Mechanismen wirken direkt, d.h. ohne ein dazutun der Akteure und eine biographische Perspektive wird lediglich als Produkt des institutionellen Systems angesehen. Das dieses Model zu simpel ist, ist wohl nicht von der Hand zu Weisen, denn es impliziert, dass der Mensch innerhalb der „Maschine“ der industriellen bzw. postindustriellen Gesellschaft schlich und einfach nur funktioniert. Da der Mensch aber in denkendes und vor allem auch handelndes Lebewesen ist versagt dieses Modell in der spannungsvollen Dynamik der Institutionalisierung. Hier werden tatsächliche Eigenbeiträge und Widerstandsmöglichkeiten der einzelnen Individuen sträflich vernachlässigt und deswegen muss dieses Model durch ein zweites ersetzt werden.

4.2 Zweites Model

Das zweite Model geht von einer Parallelität zwischen einem institutionellen Ablaufprogramm und einer individuell konstruierten Biographie aus. „Das Regelsystem des Lebenslaufes findet sich nicht nur auf der Ebene von für das Subjekt heteronomen Abläufen, sondern auch auf derjenigen kultureller Deutungsstrukturen und entsprechender subjektiver biographischer Perspektiven. Dieses Model wird dem Tatbestand gerecht, dass eine individualisierte Gesellschaft darauf angewiesen ist, dass die Individuen ihren Part erfüllen (womit auch die Möglichkeit gegeben ist, dass sie dies nicht tun). Subjektivität wird hier als eine notwendige Komponente der Gesellschaft gefasst.“[8] Dieses Model basiert also auf grundlegenden, vom institutionellen System initiierten Selbstverständlichkeiten, auf deren Basis die Subjekte ihre individuellen Biographien und Lebensentwürfe aufbauen. Dieses Model kommt der tatsächlichen Situation schon sehr nahe und ist durchaus nachvollziehbar. Doch auch dieses Model ist noch unvollständig und muss ergänzt werden.

4.3 Drittes Model

Das dritte Model ist das komplexeste. Es bildet die Realität des Verhältnisses zwischen selbstbestimmter Lebensführung und institutionellen Eingriffen in die individuelle Biographie am besten ab. Das Menschliche Handeln wird hier als offener Entwurf begriffen. Dieses Model gründet sich im, von George Herbert Mead begründeten, „Symbolischen Interaktionismus“. Die Eingliederung in ein soziales System erfolgt nicht durch simple Adaption der vorhandenen Strukturen, sondern durch Interaktion. Er beschreibt dieses als ein Spiel zwischen dem „me“ – dem „ich“ als Objekt – und dem „i“ – dem „ich“ als Subjekt. Das „me“ repräsentiert Identität und besteht aus gesellschaftlich fixierten Rollen, wohingegen das „i“ die personale Identität darstellt, die individuelle Freiheit der Persönlichkeit. Im Zusammenspiel entsteht die Identität, die aber nicht stabil ist, sondern ständigen Schwankungen durch die Faktoren „me“ und „i“ unterworfen ist. Dies lässt sich Lückenlos auf das Verhältnis von Handlungs- und Systemtheorie übertragen. Das „me“ stellt hier die vom institutionellen System geprägten Normen und Wertvorstellungen dar. Diese bilden die Basis, auf der man sich als Individuum bewegen kann und nur im geringen Maße bewegen muss (Schulsystem). Das „i“ stellt den Drang nach Individualität und Selbstbestimmung im eigenen Lebenslauf dar. Der jeweilige Lebenslauf entsteht nun in einem Spiel beider Faktoren, indem man sich einerseits in gewissen Punkten fügt und dem sich dem System unterordnet und andererseits das Maß der Unterordnung selbst bestimmt, oder sich in gewissen Punkten verweigert. Als Beispiel soll mir hier das deutsche Schulsystem dienen. Die Schulpflicht eines jeden ist auf neun Jahre festgelegt. Mit welchem Aufwand bzw. welchem Ergebnis ist irrelevant. Es ist Pflicht eines jeden die Schule neun Jahre zu besuchen, nicht aber einen Abschluss zu machen. Alles was darüber hinausgeht ist sozusagen freiwillig zusätzlich. Aber, je höher der erworbene Abschluss ist, umso besser reagiert das Umfeld und so „besser“ ist dann auch der Lebenslauf. Das Institutionelle System bietet dem Individuum also einen Handlungsraum, in dem es sich bewegen kann. Dieser ist allerdings so weit gefasst, dass ihn ein einzelnes Individuum jemals ausschöpfen könnte. Man könnte sich diesen Rahmen modellhaft als nach oben offene Gerüststruktur mit unendlich vielen Verzweigungen vorstellen die zudem noch ständig fluktuieren. Aber, dies ist nur die Basis; und ansonsten ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. Auch wenn es paradox scheint, aber genau durch diese Strukturen; durch das institutionelle System, kann der persönliche Lebenslauf so individuell gestaltet werden wie nie zuvor.

5 Ausblick

In den letzten drei Jahrzehnten fanden Entwicklungen statt, die auf einen neuerlichen Strukturwandel hindeuten. So scheint es, das die Chronologisierung seit Begin der 70’er Jahre zum Stillstand gekommen ist, ja, sich gar umgekehrt hat. Diese Entwicklungen sind vor allem im Bereich Familie und im Bereich Arbeit sichtbar.

5.1 Bereich Familie

In diesem Bereich ist vor allem ein Anstieg des mittleren Heiratsalters und ein Anstieg des mittleren Alters der Frauen bei der Geburt der Kinder zu beobachten. Der Prozess der Familienbildung wird verlängert oder verschoben. Alternative Lebens und Wohnformen nehmen zu. Die Erklärung ist wohl vor allem in der zunehmenden Individualisierung zu suchen, die durch die Einführung der „Antibabypille“ für Frauen maßgeblich befördert wurde. Familie konnte jetzt in einem noch nie da gewesenen Maß geplant werden. Eine weitere Ursache ist im Arbeitsleben der Individuen zu suchen. Mobilität der Arbeitnehmer ist heutzutage, bei zumeist international oder zumindest national operierenden Firmen, eines der wichtigsten Einstellungskriterien. Familie und regionale Gebundenheit stehen dem entgegen.

5.2 Bereich Arbeit

In diesem Bereich gibt es angeregte Diskussionen über eine Aufweichung des dreigeteilten Lebenslaufs. Anstoß für diese Diskussionen gab z.B. das Konzept der lebenslangen Bildung. Auch Langzeiturlaube und Teilzeitarbeit passen nicht in das Konzept der Dreiteilung. Es entstand eine zunehmende Flexibilität in der Lebensplanung der Individuen durch den Extremen Anstieg der Wahlmöglichkeiten.

6 Schlusswort

Nun am Ende meiner Arbeit möchte ich meinen Standpunkt kurz erörtern. Grob betrachtet wirkt der institutionelle Rahmen wie eine Gitterstruktur, die es am Begin der sozialstaatlichen Entwicklung sicher noch war. Im Laufe der zeit hat sich diese Grobe Struktur allerdings zu einem weit verzweigten System von Pflichten, Rechten und vor allem von Möglichkeiten entwickelt. Die Entwicklung des sozialstaatlichen Systems und die der Individuellen Lebensläufe verlaufen parallel. Ohne den sozialstaatlichen Rahmen, in der vormodernen Zeit, gab es wenig bzw. keine Individualität in den Lebensläufen. Mit dem langsamen Ausbau sozialstaatlicher Strukturen fand auch eine schrittweise Chronologisierung der Lebensläufe statt. Am Anfang der der 70’er Jahre war das sozialstaatliche System so weit ausgebaut, dass das einzelne Individuum nun eine Vielzahl von Perspektiven und Möglichkeiten hatte. Dieser Umstand, und der der wachsenden Toleranz gegenüber Andersdenkenden, welche ein Produkt der aufklärerischen end – 60’er Jahre war, hatte nun wiederum einen neuen Individualisierungsschub zur Folge. Die traditionellen Geschlechterrollen verlieren mehr und mehr an Bedeutung. Das Individuum ist so individuell wie noch nie. Der Sozialstaat bietet eine zwar nicht konflikt- und spannungslose, doch aber eine funktionierende Basis für die Ausgestaltung der individuellen Biographie. Und so ist jeder, zumindest in großem Ausmaß, seines eigenen Glückes Schmied.

7 Bibliographie

Kohli, Martin (1985): Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. In: Kölner Zeitschrift f. Soziologie und Sozialpsychologie.

Mayer, Karl-U. (1990): Lebensverläufe und gesellschaftlicher Wandel. Anmerkungen zu einem Forschungsprogramm. In: ders (Hg.): Lebensverläufe und sozialer Wandel. Sonderheft der KZfSS.

Heinz, Walter R. (2001): Der Lebenslauf. In: Joas, Hans (Hg.): Lehrbuch der Soziologie. Frankfurt/ M.: Campus.

Mayer, Karl U./ Müller, Walter (1989): Lebensverläufe im Wohlfahrtsstaat. In: Weymann, Ansgar: Handlungsspielräume. Untersuchungen zu Individualisierung und Institutionalisierung von Lebensläufen in der Moderne.

Hartfiel, Günter / Hillmann, Karl-Heinz, Wörterbuch der Soziologie, 3. überarb. U. erg. Auflage Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1982.

Strauss, Anselm, L., Continual Permutations of Action, Aldine de Gruyter, New York, 1993.

[...]


1. Kohli, Martin(1985): Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. In: Kölner Zeitschrift f. Soziologie und Sozialpsychologie, 37: Seite 1.

2. Kohli, Martin (1985): Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. In: Kölner Zeitschrift f. Soziologie und Sozialpsychologie, 37:Seiten 2 und 3.

3. Hartfiel, Günter / Hillmann, Karl-Heinz, Wörterbuch der Soziologie, 3. überarb. U. erg. Auflage Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1982. Seite 342.

4. Kohli, Martin (1985): Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. In: Kölner Zeitschrift f. Soziologie und Sozialpsychologie, 37: Seite 8

5. Kohli, Martin (1985): Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. In: Kölner Zeitschrift f. Soziologie und Sozialpsychologie, 37: Seite 8, 9.

6. Kohli, Martin (1985): Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. In: Kölner Zeitschrift f. Soziologie und Sozialpsychologie, 37: Seite 11.

7. Kohli, Martin (1985): Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. In: Kölner Zeitschrift f. Soziologie und Sozialpsychologie, 37: Seite 16.

8. Kohli, Martin (1985): Die Institutionalisierung des Lebenslaufs. In: Kölner Zeitschrift f. Soziologie und Sozialpsychologie, 37: Seite 21.

Details

Seiten
17
Jahr
2002
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108117
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2
Schlagworte
Lebenslauf Lebensalter Institutionalisierung Lebenslaufes

Autor

Zurück

Titel: Lebenslauf und Lebensalter - Die Institutionalisierung des Lebenslaufes