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Ländliche Regionalentwicklung in Nordhessen - ein Tutorium

Seminararbeit 2002 47 Seiten

Agrarwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Methodisches Vorgehen

2 Das Konzept
2.1 Ziele des Tutoriums
2.2 Die Auswahl der Projekte

3 Inhalt des Tutoriums
3.1 Die Region Nordhessen
3.2 Förderpolitische Strukturen
3.2.1 Die Strukturpolitik der Europäischen Union
3.2.2 Strukturpolitik auf Bundesebene
3.2.3 Die Strukturpolitik Hessens
3.3 Die Beispielprojekte
3.3.1 Die Streuobstinitiative des Werra-Meißner-Kreises
3.3.2 Das Ecomuseum Reinhardswald
3.3.3 Das Modellprojekt Landwirtschaft und Naturschutz in Frankenau
3.3.4 Das Biosphärenreservat Rhön
3.3.5 Vergleichende Betrachtung der Projekte
3.4 Das Planspiel

4 Evaluation
4.1 Rückblick aus Sicht der Teilnehmenden
4.3 Rückblick aus Sicht der Seminarleitung

5 Ausblick

6 Zusammenfassung

7 Quellen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb. 1 Die Region Nordhessen

Abb. 2 Ziel-2-Gebiete in Hessen

Abb. 3 Gebiete der Strukturförderung in der Bundesrepublik Deutschland 2000-2006

Abb. 4 Organigramm des Vereins "Natur- und Lebensraum Rhön e.V."

Abb. 5 Logo der Partnerbetriebe des Biosphärenreservats

Abb. 6 Die fiktive Region im Planspiel

Abb. 7 Die Rollen im Planspiel

Tab. 1 Konzept

Tab. 2 Maßzahlen des Regierungsbezirks Kassel

Tab. 3 Landwirtschaft und Tourismus im Regierungsbezirk Kassel

Tab. 4 Bodennutzung

Tab. 5 Landwirtschaftliche Bodennutzung

Tab. 6 NUTS Ebenen

Tab. 7 Förderung nach Gemeinschaftsinitiativen in Deutschland 2000-2006

Tab. 8 Vergleich alter und neuer Ziele/Gemeinschaftsinitiativen

1 Einführung

Im Zuge des Programms Erasmus der Europäischen Union besuchten Studenten und Studentinnen der tschechischen Universität Prag im Sommersemester 2001 die Universität-Gesamthochschule Kassel, um im Fachbereich 11 an Vorlesungen des Studienschwerpunktes Internationale Agrarwirtschaft teilzunehmen.

Ihnen sollte mittels eines Tutoriums zur Regionalentwicklung in Nordhessen die Chance gegeben werden, typische Strukturen der Region ihres Gastaufenthaltes kennen zu lernen. Das Angebot wurde über den Fachbereich 8 (Anglistik/Romanistik) weiteren ausländischen Studierenden bekannt und auch den Studenten und Studentinnen der Fachbereiche 11 und 13 zugänglich gemacht.

Da die genaue Zusammensetzung der Zielgruppe des Tutoriums nicht bekannt war, ergaben sich einige Schwierigkeiten in der Planung. Unter der Voraussetzung, in erster Linie die tschechischen Austauschstudenten und -studentinnen zu berücksichtigen, wurde die ländliche Regionalentwicklung in den Vordergrund gestellt, wobei von einem Grundwissen im Bereich landwirtschaftlicher Strukturen ausgegangen werden konnte.

1.1 Methodisches Vorgehen

In der Studienarbeit soll das Konzept des Tutoriums vorgestellt und in seiner Durchführung evaluiert werden. Gleichzeitig soll sie dazu dienen, die Strukturen der Regionalentwicklung in Nordhessen, so wie sie im Tutorium bearbeitet wurden, zu durchleuchten und darzustellen.

Der erste Teil der Arbeit befasst sich mit der Darstellung des Konzeptes (Kap. 2). Im zweiten Teil wird detailliert auf den Inhalt des Tutoriums eingegangen, wie er auch den Teilnehmenden vermittelt wurde (Kap. 3). Der dritte Teil schließt die Arbeit mit der Evaluation des durchgeführten Tutoriums ab, um hieraus Ideen zur Gestaltung ähnlicher Seminare abzuleiten (Kap. 4 und 5).

2 Das Konzept

Für das Tutorium stehen insgesamt sechs Nachmittage mit jeweils vier Zeitstunden zur Verfügung. Eine Ausnahme bildet das erste Treffen, das von vornherein auf drei Stunden festgelegt wurde. Zwischen den einzelnen Treffen liegen jeweils zwei Wochen.

Der erste Termin gilt dem gegenseitigen Kennenlernen und der Abklärung von Vorstellungen und Begriffen. Nach einer Vorstellungsrunde, in der jeder seinen und jede ihren Namen nennen und die Herkunftsregion beschreiben soll, wird die Methode der Kartenfrage [1] genutzt, um die Frage Was bedeutet ländliche Regionalentwicklung für uns ? zu klären. Gedanken dazu werden auf Kärtchen aufgeschrieben und mit einer kurzen Erklärung in der Mitte des Raumes abgelegt. Anschließend sollen die Teilnehmenden die Kärtchen inhaltlichen Gruppen zuordnen und jede dieser Gruppen mit einer Überschrift versehen (Rubrizierung).

Nach einer Pause wird von der Tutorin ein Referat zu Nordhessen gehalten (vgl. Kap. 3.1), das die besonderen Voraussetzungen und Probleme dieser Region erläutert. Anschließend werden der Semesterplan vorgestellt und noch offene Fragen hierzu geklärt. Der Semesterplan sieht vier zu begutachtende Projekte vor. In einem abschließenden Gespräch und unter Einbeziehung der Gedanken der Kartenfrage wird nun geklärt, anhand welcher Kriterien bzw. Fragen es möglich sein könnte, die Projekte abschließend zu vergleichen (Zuruf-Frage). Diese Fragen werden zukünftig als „zentrale Fragen“ bezeichnet.

Der zweite Termin dient zunächst dazu, förderpolitische Strukturen zu erläutern. Sie werden von der Veranstalterin mittels eines Referats vorgetragen, wobei die Programme auf EU- sowie auf Landesebene den thematischen Schwerpunkt bilden (vgl. Kap. 3.2). Dazu werden Unterlagen verteilt. Da es sich um Teilnehmerinnen aus Tschechien handelt, wird der EU-Strukturpolitik besonderes Augenmerk geschenkt, um den Teilnehmerinnen Gelegenheit zu geben, die Bedeutung des zukünftigen Beitritts Tschechiens unter diesem Aspekt beurteilen zu können bzw. selbst für eventuelle zukünftige Arbeitsfelder mit der Strukturpolitik vertraut zu werden.

Anschließend bekommen die Teilnehmenden Materialien zu den einzelnen Projekten, die besucht werden sollen. In Kleingruppen sollen sie die wichtigsten Stichworte zu jeweils einem Projekt auf einem DIN A 4 Blatt niederschreiben. Dieses wird vor den einzelnen Exkursionen an die Kommilitonen und Kommilitoninnen ausgeteilt und dient ihnen zur Orientierung. Die Teilnehmenden sollen weiterhin als Experten für ihr vorbereitetes Projekt dienen und vor Ort Protokolle anfertigen bzw. im Gespräch darauf achten, dass die zentralen Fragen geklärt werden.

Nach einer Pause soll das erste Projekt besucht werden. Die Streuobstinitiative Werra-Meißner (vgl. 3.3.1) bietet sich an, um zunächst ein Projekt „vor der Haustür“ zu besuchen. Eine Verantwortliche oder ein Verantwortlicher des BUND Ortsverbands Bad Sooden-Allendorf soll vor Ort das Projekt erläutern und Fragen beantworten.

Der dritte Termin wird für einen Ausflug in den Landkreis Kassel genutzt. Dabei steht die Idee des Ecomuseums Reinhardswald im Mittelpunkt der Exkursion. Eine Mitarbeiterin des Vereins für Regionalentwicklung im Landkreis Kassel e.V. wird das Projekt vor Ort erläutern. Um die verschiedenen Aspekte des Ecomuseums kennen zu lernen, sollen sowohl ein Ausflug in den Urwald Sababurg stattfinden als auch die Ausbildungsstätte Wasserschloss Wülmersen besucht werden (vgl. Kap. 3.3.2).

Der vierte und fünfte Termin dienen weiteren Exkursionen zu Projekten. Eine Tour führt in den westlichen Bereich Nordhessens, um das Modellprojekt Landwirtschaft und Naturschutz in Frankenau (vgl. Kap. 3.3.3) zu begutachten. Die letzte Exkursion stellt das Biosphärenreservat Rhön (vgl. Kap. 3.3.4) in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Der sechste Termin wird für einen abschließenden Vergleich der Exkursionen genutzt. Mittels eines Planspiels, in dem eine fiktive Region mit vorgegebenen ökologischen und strukturellen Bedingungen in nachhaltiger Weise durch entsprechende Projekte gefördert werden soll, können die Teilnehmenden dabei eigene Lernerfolge überprüfen. Anschließend sollen der Verlauf und das Konzept des Tutoriums von den Teilnehmenden evaluiert werden.

Tab. 1: Konzept

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1 Ziele des Tutoriums

Das Tutorium Ländliche Regionalentwicklung in Nordhessen soll die Teilnehmenden mit den Strukturen der Region, in der sie sich aufhalten, vertraut machen. Die Studierenden sollen mit den Aspekten und Problemen des Projektmanagements, der nachhaltigen Entwicklung und den Rahmenbedingungen, die ein Projekt braucht, konfrontiert werden. Vier beispielhafte, aber auch sehr unterschiedliche Projekte dienen als konstruktive Beispiele und sollen auf eine mögliche Vorbildfunktion überprüft werden.

Die Auseinandersetzung soll theoretisch nicht sehr weit vertieft werden. Das Aufwerfen von Fragen durch die konkrete Anschauung steht im Vordergrund.

2.2 Die Auswahl der Projekte

Mehrere Kriterien standen für die Auswahl der Projekte im Vordergrund. Zum einen sollte die Region Nordhessen räumlich möglichst abgedeckt werden. Darüber hinaus wurde der Versuch unternommen, Projekte, die im Sinne einer eigenständigen Regionalentwicklung von unten - auf Initiative von Privatpersonen - entstanden sind, solchen gegenüberzustellen, die institutionell geplant wurden, den betroffenen Menschen einer Gegend also eine Idee oktroyierten. Auch verschiedene finanzielle Förderungsmöglichkeiten sollten deutlich werden. Letztendlich unterscheiden sich die ausgewählten Projekte auch hinsichtlich ihrer konzeptionellen Schwerpunkte und ihrer Zielsetzung, was für einen Vergleich, insbesondere hinsichtlich ihrer Zukunftsfähigkeit, interessant ist. Ursprünglich sollte als beispielhaftes Projekt einer Regionalentwicklung von unten die Upländer Bauernmolkerei im Landkreis Waldeck-Frankenberg besucht werden, die sich bereits mit der Idee eines „Milchmuhseums“ präsentierte. Bei näheren Nachfragen stellte sich jedoch heraus, dass dieses Projekt noch in der Planungsphase war, so dass alternativ das Projekt Landwirtschaft und Naturschutz in Frankenau in der LEADER II Region Kellerwald besucht wurde, um den westlichen Teil der Region Nordhessen abzudecken.

3 Inhalt des Tutoriums

In diesem Kapital werden Informationen, die auch an die Teilnehmenden des Tutoriums vermittelt bzw. von diesen erarbeitet wurden, dargestellt. Die Kap. 3.1 und 3.2 wurden den Teilnehmenden dabei als Skript ausgehändigt.

3.1 Die Region Nordhessen

Der Regierungsbezirk Nordhessen besteht aus der Stadt Kassel und den Landkreisen Kassel, Werra-Meißner, Waldeck-Frankenberg, Schwalm-Eder, Hersfeld-Rotenburg und Fulda. Kassel mit knapp 200.000 EW und Fulda mit etwa 60.000 EW üben die Funktionen eines Oberzentrums aus. Als drittgrößte Stadt ist Bad Hersfeld (Mittelzentrum mit Teilfunktionen eines Oberzentrums) zu nennen. Andere Städte wie z.B. Eschwege, Korbach oder Witzenhausen sind mit durchschnittlich 20.000 EW wesentlich kleiner und werden als Mittelzentren eingestuft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Die Region Nordhessen(Quelle: RP Kassel 2001)

Insgesamt wohnen in Nordhessen 1,3 Mio. Menschen[2], die Bevölkerungsdichte liegt mit 153 EW/km² knapp bei der Hälfte des Landesdurchschnitts. Nachdem sich infolge der Wende im Jahr 1989 die Zuwanderungssalden zunächst erhöht hatten, ist in den letzten Jahren wieder ein negativer Saldo von etwa 0,2% zu verzeichnen. Die Generationenrate im gesamten Gebiet liegt bei 0,665 (vgl. Tab. 2).

Es gibt keine typische Industrie in der Region, mit der größte Arbeitgeber ist das VW-Werk in Kassel-Baunatal. In früheren Zeiten waren Bergbau und Glasherstellung wichtige Erwerbsquellen. Heutzutage hat Nordhessen eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote mit allerdings starken Schwankungen innerhalb der Landkreise. Mit verantwortlich hierfür ist die unterschiedliche Bedeutung des Tourismus in den verschiedenen Gebieten. In direktem Zusammenhang hierzu kann die Relevanz der Kulturlandschaft; mithin der Einfluss der Landwirtschaft gesehen werden. Beinahe die Hälfte

Tab. 2: Maßzahlen des Regierungsbezirks Kassel (Quelle: HSL 2000)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 3: Landwirtschaft und Tourismus im Regierungsbezirk Kassel (Quelle: HSL 2000)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[3],

der gesamten landwirtschaftlichen Fläche Hessens mit drei Regierungsbezirken befindet sich im Regierungsbezirk Kassel (vgl. Tab. 3). Nordhessen hat eine abwechslungsreiche und vielfältige Landschaft, die in weiten Teilen durch Wald geprägt wird (vgl. Tab. 4). Hier sind der Kaufunger Wald im Osten, der Reinhards- und der Habichtswald im Norden sowie der Kellerwald im Südwesten der Region zu nennen. Nördlich und südlich der Stadt Kassel gibt es flache Ebenen, sog. Senken, die besonders für den Getreideanbau interessant sind. Mehrere Flüsse fließen durch Nordhessen und prägen die Landschaft. Die strukturreiche Landschaft beinhaltet viele wertvolle Biotope, insbesondere Kalkmagerrasen auf den Bergkuppen. Solche Kalkmagerrasen sind über die Jahrhunderte durch Weidenutzung mit Schafen und Ziegen entstanden.

Tab. 4: Bodennutzung [in 1000 ha] (Quelle: HDGLN 2001)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aufgrund dieser reich strukturierten Kulturlandschaft bietet Nordhessen zahlreiche Erholungsmöglichkeiten. Gleichzeitig stellt sie aber für landwirtschaftliche Betriebe ein Hindernis in der betriebswirtschaftlich effektiven Bearbeitung dar, so dass heutzutage nur noch wenige Betriebe im Haupterwerb arbeiten und ihre Zahl jährlich kleiner wird. In den hängigen Lagen überwiegt dabei die Wiesen- oder Weidennutzung, während die Flussniederungen in erster Linie für den Getreideanbau genutzt werden.

Indikator für die abwechslungsreiche Kulturlandschaft ist die hohe Zahl viehhaltender Betriebe, insbesondere mit Rinderhaltung. Deutlich wird dies vor allem im Landkreis Waldeck-Frankenberg, wo die Landschaft besonders reichhaltig strukturiert und von Hanglagen mit Waldanteil bestimmt wird. Fast ein Drittel aller in Nordhessen gehaltenen Rinder finden sich hier. Ähnlich sieht es im Landkreis Fulda aus, der jedoch einen deutlich geringeren Waldanteil aufweist, so dass hier eher die mageren Kuppen zum Tragen kommen. Der Regierungsbezirk Kassel wiederum stellt jeweils die Hälfte der viehhaltenden Betriebe mit Schweinen bzw. Rindern in ganz Hessen. Die Schweinehaltung wird vor allem im Schwalm-Eder-Kreis forciert, der aufgrund der hier vorhandenen Senken und Flußauen mehr Möglichkeiten zum Getreideanbau bietet. Im Verhältnis zu den übrigen nordhessischen Kreisen haben die Landkreise Kassel und Werra-Meißner einen geringeren Viehbesatz, was wiederum mit den hier vorhandenen fruchtbareren Flußauen und den damit verbundenen Möglichkeiten im Pflanzenanbau zusammenhängt. So gibt es hier wie auch im Schwalm-Eder-Kreis einen hohen Anteil an Zuckerrübenanbau (vgl. Tab. 5). Der Landkreis Kassel dominiert darüber hinaus im Anbau von Getreide, besonders Weizen, und im Hinblick auf Ölsaaten, wobei auffällig viel Lein angebaut wird.

Tab. 5: Landwirtschaftliche Bodennutzung [in ha] (Quelle: HDGLN 2001)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Obwohl die Region um Kassel einst eine wichtige Funktion hatte, geriet sie durch die Einbindung in das Bundesland Hessen mit seinen politischen Zentralen in Südhessen und die Zonenrandlage nach dem Zweiten Weltkrieg in Abseits. Hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Überalterung sind die typischen Probleme einer solchen strukturschwachen Region. Gleichzeitig hat Nordhessen eine vielfältige Natur- und Kulturlandschaft, die es unter Umweltaspekten zu erhalten gilt. Hier liegt ein Potenzial für den Tourismus, auf den viele Regionalentwicklungsprojekte ausgerichtet sind.

3.2 Förderpolitische Strukturen

Um einen Überblick über die Förderpolitik in der Regionalentwicklung zu erhalten, wurden den Teilnehmenden die entsprechenden Strukturen auf Landes- und EU-Ebene (Stand Mai 2001) vorgestellt (vgl. Foliensammlung im Anhang).

3.2.1 Die Strukturpolitik der Europäischen Union

Innerhalb der Europäischen Union (EU) sind Regionen in sog. NUTS eingeteilt, die in ihrer Flächenausdehnung bzw. Bevölkerungsdichte einander ähnlich sind. Es gibt drei NUTS Ebenen (vgl. Tabelle).

Tab. 6: NUTS Ebenen (Quelle: Inforegio 2001)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Sieben-Jahres-Programmen werden die strukturpolitischen Maßnahmen der EU neu bestimmt; momentan gelten sie für den Zeitraum 2000-2006. Strukturpolitische Maßnahmen zielen in erster Linie auf den Ausbau der Infrastruktur, Bildungsmaßnahmen, Erhalt und Förderung von Arbeitsplätzen sowie die Förderung des Zugangs zur Informationsgesellschaft ab. Chancengleichheit und umweltgerechte Ansätze sind wichtige Kriterien. Die aktuelle Strukturpolitik der EU verfolgt dabei einen dezentralen Ansatz, so dass Zuständigkeiten – im Gegensatz zu früheren Perioden – verstärkt auf nationale und regionale Behörden verlagert wurden. Die konkrete Ausgestaltung der EU-Strukturpolitik wird im folgenden vorgestellt.

3.2.1.1 Entscheidungsträger in der europäischen Strukturpolitik

Der Europäische Rat, die Europäische Kommission und das Europäische Parlament bilden das sog. „Institutionelle Dreieck“ der Europäischen Union. Die Kommission vertritt dabei die Interessen der Gemeinschaft; ergo treten die einzelnen Mitgliedsländer bestimmte Hoheitsrechte an sie ab. Der Präsident und die Mitglieder der Kommission werden von den Mitgliedsstaaten mit der Zustimmung des Europäischen Parlaments ernannt. Die Kommission hat folgende Aufgaben:

- Initiativrecht; d.h. das Recht, Gesetzestexte vorzuschlagen und dem Parlament sowie dem Rat zur Abstimmung vorzulegen;
- Exekutivorgan, d.h. Kontrolle der Einhaltung europäischer „Gesetze“, also Richtlinien, Verordnungen, Entscheidungen[4], sowie der Programme und des Haushalts;
- Vertretung der Europäischen Union auf internationaler Ebene, z.B. bei Handelsvereinbarungen.

Die Kommission unterteilt sich in verschiedene Generaldirektionen (GD). Neben einer GD „Regionalpolitik“ gibt es eine GD „Landwirtschaft“; ergänzt durch verschiedene Ausschüsse. Neben Verwaltungs- und Regelungsausschüssen gibt es auch wissenschaftliche Ausschüsse. Alle Ausschüsse setzen sich aus Vertretern der Mitgliedsstaaten für einen bestimmten Bereich zusammen, so dass hier die Eigenständigkeit der Kommission etwas aufgebrochen wird. Die Ausschüsse geben Stellungnahmen zu ihrem fachspezifischen Bereich ab, die in der Erstellung von „Gesetzen“ berücksichtig werden müssen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist der „Verwaltungsausschuss für Agrarstrukturen und ländliche Entwicklung“ (STAR), der die Kommission im Maßnahmenbereich „ländliche Entwicklung“ der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP; vgl. Kap. 3.2.1.3 - EAGFL) unterstützt. Er entwickelt die Leitlinien für die Gemeinschaftsinitiative LEADER (vgl. Kap. 3.2.1.2.1) und erteilt die Genehmigung für die Pläne der Bundesländer für die ländliche Entwicklung (vgl. Kap. 3.2.3). Außerdem wird er zu Fragen der ländlichen Entwicklung in Ziel-1- und –2-Gebieten konsultiert (vgl. Kap. 3.2.1.2).

Das Parlament ist die Bürgervertretung innerhalb der Union. Es wird in fünfjährigem Rhythmus von den wahlberechtigten Bürgern der Mitgliedsländer gewählt. Gemeinsam mit dem Rat teilt es sich die gesetzgebende wie die Haushaltsfunktion innerhalb der Union. Den europäischen Haushalt nimmt es dabei in letzter Instanz an. Außerdem übt es eine demokratische Kontrollinstanz gegenüber der Kommission aus, wobei es der Benennung der Kommissionsmitglieder zustimmen muss bzw. einen Misstrauensantrag gegen sie vorbringen kann. Auch über andere europäische Institutionen hat es die politische Kontrolle inne.

Der Rat ist das wichtigste Entscheidungsorgan der Europäischen Union. Abhängig von inhaltlichen Themen setzt er sich aus Vertretern der Mitgliedsländer zusammen. Er hat mehrere wesentliche Aufgaben:

- Gesetzgebung in Teilung mit dem Parlament;
- Koordination der Wirtschaftspolitik der einzelnen Länder;
- Vertragsabfertigungen auf internationaler Ebene im Namen der Union;
- Haushaltsbefugnis in Teilung mit dem Parlament;
- Entscheidungen zu Aspekten der Außen- und Sicherheitspolitik;
- Verabschiedung von Maßnahmen im polizeilichen und juristischen Bereich.

Zwei weitere Organe, der Gerichts- und der Rechnungshof, deren Aufgaben hier nicht näher beschrieben werden sollen, ergänzen das institutionelle Dreieck. Zusätzlich gibt es dreizehn weitere (Neben-)Institutionen, die besondere fachliche Aufgaben wahrnehmen. Unter ihnen interessiert in diesem Zusammenhang der Ausschuss der Regionen.

3.2.1.1.1 Der Ausschuss der Regionen (AdR)

Mit dem Vertrag von Maastricht 1991 wurde der Ausschuss der Regionen (AdR) gegründet. Ziel war dabei, den lokalen und regionalen Gebietskörperschaften in der Union mehr Gehör zu verschaffen. Er setzt sich aus 222 Mitgliedern zusammen, die von ihrem jeweiligen Mitgliedsstaat bestimmt werden. Die deutschen Mitglieder sind überwiegend in den Landesregierungen mit Bund- und Europaangelegenheiten beauftragt, nur eine Handvoll arbeitet politisch auf Landkreisebene. Auch zwei deutsche Ministerpräsidenten gehören dem Ausschuss an.

Die Gründung des AdR war insbesondere durch den Wunsch nach verstärkter Bürgernähe bestimmt, so dass diese wie auch das partnerschaftliche und das Subsidiaritätsprinzip zu seinen Grundsätzen gehören. EU-Kommission und -Rat sollen den AdR in allen Bereichen, in denen EU-„Gesetze“ Auswirkungen auf regionaler Ebene haben könnten, um Stellungnahme ersuchen. Dazu gehören:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Mitglieder des AdR haben sich vier Fraktionen angeschlossen, welche die politischen Grundströmungen der europäischen Länder widerspiegeln: die Sozialdemokratische Partei Europas (SPE), die Europäische Volkspartei (EVP), die Liberale und Demokratische Partei Europas (ELDR) und die Europäische Allianz (EA). Neben etwa fünf jährlichen Plenartagungen arbeiten die Mitglieder des AdR in sechs Fachkommissionen, die im folgenden genannt sind:

- COTER - Fachkommission für Kohäsionspolitik;
- ECOS - Fachkommission für Wirtschafts- und Sozialpolitik;
- DEVE - Fachkommission für nachhaltige Entwicklung;
- EDUC - Fachkommission für Kultur und Bildung;
- CONST - Fachkommission für konstitutionelle Fragen und Regieren in Europa;
- RELEX - Fachkommission für Außenbeziehungen.

Im Hinblick auf die ländliche Regionalentwicklung ist dabei die Fachkommission für nachhaltige Entwicklung (DEVE) von Bedeutung. Zu ihren Themengebieten gehören:

- Gemeinsame Agrarpolitik und ländliche Entwicklung;
- Fischerei;
- Energie und Transeuropäische Netze im Energiebereich;
- Verbraucherpolitik;
- Umwelt und natürliche Ressourcen;
- Katastrophenschutz.

Neben der Abgabe von inhaltlichen Stellungnahmen an Rat und Kommission veranstaltet die DEVE Seminare zum Thema (höchstens zwei pro Jahr) und fertigt Studien an.

3.2.1.2 Maßnahmen der europäischen Strukturpolitik

Die EU verfolgt in ihrer Strukturpolitik drei vorrangige Ziele. Die einzelnen Regionen werden diesen Zielen zugeordnet.

Ziel 1 der EU-Strukturpolitik ist die Entwicklung und strukturelle Anpassung der Regionen mit Entwicklungsrückstand. In der Bundesrepublik Deutschland haben diese Gebiete die Größe von Regierungsbezirken (entsprechend der Ebene NUTS 2). Das Bruttoinlandsprodukt innerhalb dieser ausgewiesenen Gebiete macht pro Kopf weniger als 75% des Gemeinschaftsdurchschnittes aus. Auch sehr dünn besiedelte Regionen mit weniger als acht EW/km² - beispielsweise in Finnland und im Norden Schwedens – gehören dazu. In Deutschland sind die fünf ostdeutschen Bundesländer mit insgesamt 14,2 Mio. Einwohnern Ziel-1-Gebiete. Außerdem gehören Portugal, Griechenland, Irland, große Teile von Spanien, Schweden und Finnland sowie die Südspitze Italiens und Gebiete in Wales und Schottland dazu. Insgesamt leben 22% der Bevölkerung der Union in Ziel-1-Gebieten. Die wirtschaftlichen Probleme dieser Regionen sind vielfach infrastruktureller Art. So ergibt sich ein unzureichendes Dienstleistungsangebot und dadurch bedingt wiederum hohe Arbeitslosigkeit sowie geringe Investitionsbereitschaft.

Ziel 2 soll die wirtschaftliche und soziale Umstellung von Gebieten mit Strukturproblemen sein. Entsprechende Regionen werden nach NUTS Ebene 3 gekennzeichnet, das entspricht den Landkreisen in der Bundesrepublik. Vier Gebiete werden unterschieden:

- Industriegebiete mit hoher Arbeitslosenquote; Abhängigkeit von einzelnen Betriebszweigen und Rückgang der Industriearbeitsplätze;
- ländliche Gebiete mit einer Bevölkerungsdichte von unter 100 EW/km² oder einem hohen Anteil landwirtschaftlicher Nutzung; einer hohen Arbeitslosenquote oder Bevölkerungsrückgang;
- städtische Gebiete mit vielen Langzeitarbeitslosen, einem hohen Armutsniveau, massiven Umweltschäden, einer hohen Kriminalität oder einem niedrigen Bildungsniveau (ein Kriterium ist ausreichend);
- Fischereigebiete mit einem hohen Anteil der Erwerbstätigen im Fischereisektor.

In der gesamten Union leben 18% der Menschen in Ziel-2-Gebieten.

Da Regionen nicht sowohl Ziel 1 als auch Ziel 2 zugeordnet werden könne, finden sich innerhalb Ostdeutschlands keine Ziel-2-Gebiete, obwohl die obengenannten Kriterien auf viele Regionen zutreffen würden

Nicht regionsgebunden, aber strukturpolitisch bedeutsam ist das Ziel 3 – die Anpassung und Modernisierung einzelstaatlicher Bildungs-, Ausbildungs- und Beschäftigungspolitiken. Durch die Entwicklung der Humanressourcen sollen arbeitsmarktpolitische Maßnahmen gefördert werden. Der Arbeitsmarkt soll für von sozialer Ausgrenzung bedrohte Personen zugänglich gemacht werden und Chancengleichheit für Mann und Frau bieten. Um wirtschaftliche und soziale Veränderungen vorwegzunehmen, werden entsprechende Maßnahmen wie auch die Beschäftigungsfähigkeit mit Hilfe der Aus- und Weiterbildungssysteme gefördert. Ziel 3 erstreckt sich auf das gesamte Gebiet der Europäischen Union mit Ausnahme der Ziel-1-Regionen.

Um spezielle Probleme in der regionalen Entwicklung bewältigen zu können, wurden zusätzlich vier Gemeinschaftsinitiativen initiiert.

INTERREG gilt in Gebieten, die an andere Staaten angrenzen und soll die grenzübergreifende, transnationale und interregionale Zusammenarbeit fördern. LEADER dient der Entwicklung des ländlichen Raumes, der insbesondere von dem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion betroffen ist. URBAN ist für die Wiederbelebung städtischer Problemgebiete eingerichtet und EQUAL dient der Bekämpfung von Diskriminierungen und Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt.

Tab. 7 : Förderung nach Gemeinschaftsinitiativen in Deutschland 2000-2006

(Quelle: Inforegio 2001)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als weitere strukturpolitische Maßnahmen werden gefördert:

Die Anpassung der Fischereistrukturen

Ziel ist hierbei, ein Gleichgewicht zwischen den Fischbeständen und ihrer Nutzung herzustellen, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken, Angebot und Verwertung zu verbessern sowie die vom Fischfang abhängigen Gebiete wiederzubeleben. Viele dieser Gebiete sind als Ziel-1-Regionen definiert, so dass die Förderung der Fischerei ein Aspekt der dortigen Strukturpolitik ist. Für andere Gebiete erfolgt eine Förderung durch den FIAF.

Innovative Maßnahmen

Neue, bisher noch nicht genutzte Ideen sollen die regionale Entwicklung stärken. Besonders relevant sind hierbei Maßnahmen zur Verbreitung von Information durch neuartige elektronische Medien, die Ankurbelung regionaler Wirtschaft durch die Verknüpfung von Wissen und technologischer Innovation sowie die Stärkung der regionalen Identität. Auch im Bereich Beschäftigung und Ausbildung sowie im Fischereisektor werden innovative Maßnahmen gefördert.

Umwelt- und Verkehrsinfrastrukturen

In den vier ärmsten EU-Ländern Spanien, Griechenland, Irland und Portugal werden entsprechende Projekte gefördert (s. Kohäsionsfonds).

Vorbereitung der Beitrittsländer

Die zehn beitrittswilligen Länder in Mittel- und Osteuropa (MOEL) werden durch entsprechende Programme auf die Mitgliedschaft zur EU vorbereitet. (s. PHARE, ISPA und SAPARD)

Innerhalb Nordhessens ist dabei nur LEADER von Interesse und soll daher im folgenden kurz erläutert werden.

3.2.1.2.1 Die Gemeinschaftsinitiative LEADER

LEADER ist die Abkürzung für die französische Bezeichnung Liaison entre actions de development de l´economie rurale. Im Mittelpunkt der Idee steht also die Verbindung zwischen Aktivitäten im Bereich der ländlichen Entwicklung. Ziel der Initiative ist der Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit durch die Ausnutzung gebietstypischer Ressourcen. Für LEADER+ dürfen sich nur Regionen mit einer Dichte von höchstens 120 EW/km² bewerben (10.000 bis 100.000 Einwohner innerhalb der Region)..

Das aktuelle Programm von LEADER+ , das zwei Vorgänger namens LEADER I und LEADER II hatte, ist in drei Titel unterteilt:

1. Gebietsbezogene integrierte Entwicklungskonzepte mit Pilotcharakter auf der Grundlage des „Bottom-up“ Konzepts und horizontaler Partnerschaften

- Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit durch neue Technologien und Know-how;
- Verbesserung der Lebensqualität im ländlichen Raum;
- Aufwertung lokaler Erzeugnisse, indem besonders Kleinbetrieben der Marktzugang (bspw. durch Erzeugergemeinschaften) erleichtert wird;
- Inwertsetzung des natürlichen und kulturellen Potentials insbesondere hinsichtlich ausgewählter NATURA 2000 Flächen.

Grundidee von LEADER ist regionale Entwicklung durch die Impulsgabe sogenannter lokaler Aktionsgruppen (LAG), in denen sich Akteure aus sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Bereichen einer Region – unabhängig von einer Position in der Verwaltung eines Gebietes oder einer politischen Stellung – treffen. Sie müssen einen repräsentativen Querschnitt der Gruppierungen innerhalb der Regionen darstellen. Auf der Ebene der Entscheidungsfindung dürfen Regierungsvertreter und gewählte Amtsträger höchstens 50% der lokalen Partnerschaft stellen. Die LAG erarbeiten gemeinsame Strategien für eine integrierte Entwicklung ihrer Region. Das regionale Entwicklungskonzept soll den Pilotcharakter der Strategien aufweisen. So sollen neue Erzeugnisse und Dienstleistungen entwickelt werden, welche die Besonderheiten des jeweiligen Gebietes widerspiegeln. Auch die Erschließung des endogenen Potentials insbesondere im Bereich der Humanressourcen soll auf innovative Weise gelöst werden. Schlussendlich wird ein besonderer Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit verschiedener Wirtschaftssektoren sowie neuartige Formen der Partizipation gelegt.

2. Zusammenarbeit der Gebiete

LEADER+ Regionen werden dazu angehalten, sich gegenseitig durch kooperative Maßnahmen und den Austausch von Erfahrungen zu unterstützen. Dabei sollen nicht nur Erfahrungen ausgetauscht, sondern vielmehr gemeinsame Aktionen durchgeführt werden, die in den entsprechenden Gebieten einen deutlichen Nutzeffekt bewirken.

3. Vernetzung der LEADER+ Aktionsgruppen über ganz Europa

Um die Zusammenarbeit der Gebiete in die Wege zu leiten, wurden Vernetzungsstellen geschaffen, die Informationen bündeln und weitergeben sowie den Austausch im Rahmen von Seminaren und Vorträgen fördern. Die deutsche Vernetzungsstelle ist bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) in Frankfurt/Main angesiedelt. Zusätzlich sorgt eine von der Europäischen Kommission geleitete „Beobachtungsstelle für den ländlichen Raum“ für die Vernetzung und Netzbetreuung auf Gemeinschaftsebene.

3.2.1.3 Die Strukturfonds

Die EU hat mehrere Fonds, in denen Gelder für Gemeinschaftsaufgaben gesammelt werden. Unter ihnen sind zu nennen:

- EFRE: Europäischer Fonds für regionale Entwicklung;
- EAGFL: Europäischer Ausrichtungs- und Garantiefonds für die Landwirtschaft;
- ESF: Europäischer Sozialfonds;
- Kohäsionsfonds;
- FIAF: Finanzierungsinstrument zur Ausrichtung der Fischerei;
- PHARE, ISPA und SAPARD: Förderungsinstrumente für die beitrittswilligen Länder.

Verwaltet werden diese Gelder von der Europäischen Investitionsbank (EIB). Im Gegensatz zur früheren Politik wurde zum aktuellen Zeitraum die Verwendung der Gelder dezentralisiert. Mit Ausnahme des Kohäsionsfonds werden die Gelder zur Finanzierung von Programmen verwendet, welche die einzelnen Mitgliedsländer bestimmen und nicht wie zuvor zur Förderung einzelner Projekte.

1. EFRE

Der EFRE umfasst folgende Bereiche:

- Produktive Investitionen zur Schaffung oder Sicherung von Arbeitsplätzen;
- Ausbau und Verbesserung von Infrastrukturen;
- lokale Entwicklungsinitiativen und Unterstützung der Tätigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen.

Ziel dieses Fonds ist es dabei, regionale Entwicklungsunterschiede auszugleichen. Er wird – wie das gesamte Programm zur Strukturpolitik in der EU – alle sieben Jahre neu aufgelegt.

Gelder des EFRE können für Maßnahmen zur Entwicklung der am wenigsten begünstigten Gebiete (Ziel 1), zur Umstellung von Gebieten mit Strukturproblemen (Ziel 2), zur Zusammenarbeit zwischen den Regionen (INTERREG III), zur nachhaltigen Entwicklung städtischer Problemgebiete (URBAN II) und zur Entwicklung innovativer Maßnahmen für die regionale Wettbewerbsfähigkeit beantragt werden. Über die Verteilung entscheiden innerhalb der BRD die einzelnen Bundesländer (vgl. Kap. 3.2.1.4).

2. EAGFL

Der EAGFL verfolgt zwei Ziele. Zum einen werden aus ihm Gelder bereitgestellt, die landwirtschaftliche Strukturen in ihrem Bestand sichern (EAGFL-Garantie); zum anderen fördert er strukturpolitische Ziele, die in der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Unionsländer festgelegt sind (EAGFL-Ausrichtung). Aus dem Garantiefonds werden die sogenannten „flankierenden Maßnahmen“ der GAP bezahlt: Vorruhestandsregelung für Landwirte, Ausgleichzulagen in benachteiligten Gebieten oder Gebieten mit umweltspezifischen Einschränkungen, Aufforstungen in landwirtschaftlichen Gebieten sowie Agrarumweltprogramme. Der Ausrichtungsfonds finanziert Maßnahmen zur Förderung der ländlichen Entwicklung und Hilfen für Landwirte in Regionen mit Entwicklungsrückstand (Ziel 1 und LEADER). Aus beiden Fonds werden folgende Maßnahmen bezahlt: Investitionen in landwirtschaftliche Betriebe, Programme für Junglandwirte; landwirtschaftliche Ausbildungsprogramme, Forstwirtschaft, Verarbeitung und Vermarktung land- und forstwirtschaftlicher Produkte, Anpassung und Entwicklung der ländlichen Gebiete nach Ziel 2. Nur aus dem Ausrichtungsfonds werden dabei Maßnahmen zur ländlichen Entwicklung in Ziel-1-Gebieten sowie innerhalb der Gemeinschaftsinitiative LEADER finanziert; für alle anderen Gebiete ist der Garantiefonds zuständig. Agrarpolitische Maßnahmen machen fast die Hälfte des europäischen Haushaltes aus. Die Förderung durch die Strukturfonds müssen mit der GAP vereinbar sein.

3. ESF

Der Europäische Sozialfonds fördert die berufliche Eingliederung von Arbeitslosen und benachteiligten Gruppen, vor allem durch die Finanzierung von Bildungs-, Ausbildungs- und Beschäftigungsmaßnahmen. Er umfasst die Ziel-1- und –2-Gebiete sowie Maßnahmen nach Ziel 3 und EQUAL. Auch innovative Maßnahmen in diesem Bereich werden durch den ESF gefördert..

4. Kohäsionsfonds

Die Bereiche Umwelt und Verkehr werden in den vier am wenigsten wohlhabenden Mitgliedsstaaten Spanien, Griechenland, Irland und Portugal durch den Kohäsionsfonds gefördert. Durch ihn werden direkt Projekte, nicht Programme gefördert.

5. FIAF

Fischereiabhängige Regionen sollen in ihrer Anpassung an moderne Strukturen sowie in der Anwendung umweltgerechter Verfahren unterstützt werden. Der FIAF unterstützt dabei Gebiete außerhalb von Ziel-1-Regionen und dort wiederum innovative Maßnahmen.

6. PHARE,ISPA und SAPARD

Zur Vorbereitung auf den Beitritt werden die MOEL mit verschiedenen Instrumenten unterstützt. PHARE dient dabei in erster Linie der Vermittlung von Know-how in verwaltungstechnischen Belangen. ISPA ist den Aufgaben des Kohäsionsfonds vergleichbar und unterstützt die Anpassung an gemeinschaftliche Umweltnormen, den Ausbau der Verkehrsinfrastrukturen sowie die Anbindung an die transeuropäischen Verkehrsnetze. SAPARD hingegen ist für den landwirtschaftlichen Bereich einsetzbar und hat ähnliche Aufgaben wie der EAGFL innerhalb der Union.

Über den Etat der Strukturfonds und die Grundregeln ihrer Verwendung entscheidet der Europäische Rat auf Basis eines mit dem Europäischen Parlament ausgehandelten Vorschlags der Europäischen Kommission Für den Zeitraum 2000-2006 stehen 213 Milliarden € - das entspricht einem guten Drittel des Gemeinschaftshaushaltes – für strukturpolitische Maßnahmen zur Verfügung. Innerhalb der vier Strukturfonds, die alle Länder der bestehenden Europäischen Union betreffen (EFRE, ESF; EAGFL, FIAF) finden dabei 195 Milliarden € Verwendung, innerhalb des Kohäsionsfonds 18 Milliarden €. Die Mittel der erstgenannten vier Strukturfonds werden folgendermaßen verteilt:

- 70 % für Ziel-1-Gebiete (135,9 Milliarden €);
- 11,5% für Ziel-2-Gebiete (22,5 Milliarden €);
- 12,3% für Ziel-3-Maßnahmen (24,1 Milliarden €);
- 5,35% für Gemeinschaftsinitiativen (10,4 Milliarden €);
- 0,5% für die Anpassung der Fischereistrukturen außerhalb von Ziel-1-Gebieten (1,1 Milliarden €);
- 0,5% für die Förderung innovativer Maßnahmen (1,0 Milliarden €).

Die Europäische Kommission legt in Absprache mit den Ländern die Verteilung der Gelder fest und schlägt gemeinsame thematische Ausrichtungen vor.

3.2.1.4 Das Förderverfahren

Zur Dezentralisierung der Strukturpolitik fördert die Europäische Kommission im aktuellen Zeitraum Programme statt wie zuvor Projekte (Ausnahme: Förderung durch Kohäsionsfonds). Um die Strukturförderung noch effektiver zu gestalten, wird ein Teil der Mittel für jedes Mitgliedsland (4%) in Reserve gestellt und ab 2003 an die leistungsfähigsten Programme, die durch vorher festgelegte Indikatoren bestimmt werden, überwiesen.

Aufgrund der föderalen Struktur der BRD entscheiden hier die Länder über die Verwendung der Mittel. Gemeinsam mit wirtschaftlichen und sozialen Akteuren werden anhand der thematischen Vorgaben Vorschläge zugunsten der Krisengebiete und sozialer Problemgruppen erarbeitet, beim Bund gebündelt und gemeinsam der Europäischen Kommission vorgelegt (sog. Einheitliche Programmplanungsdokumente – EPPD). In Zusammenarbeit mit dieser berät jeder Mitgliedsstaat den Einsatz nationaler und gemeinschaftlicher Mittel. Nach Genehmigung des vorgelegten Programms durch den Mitgliedsstaat wird diesem ein Vorschuss von 7% gezahlt, um das Programm in Gang setzen zu können. Alle weiteren Auszahlungen müssen die Mitgliedsländer bei der Kommission beantragen. Für jedes Programm bestimmen die Mitgliedsstaaten deshalb eine Verwaltungsbehörde, um die Auswahl der Projekte vorzunehmen. Eine weitere, von dieser getrennte Behörde, verwaltet die Finanzen. Dabei müssen die Gemeinschaftsvorschriften beachtet werden. Die zuständigen Stellen kontrollieren regelmäßig den Fortgang der Programme, unterrichten die Kommission und weisen die angemessene Verwendung der Gelder nach. Die Kommission überwacht die Kontrollsysteme und zahlt nach und nach die ausstehenden Gelder aus den Strukturfonds.

Um nationale Hilfen nicht zu ersetzen, ist die Förderung durch die europäischen Fonds stets nur eine Kofinanzierung. Normalerweise sollen dabei 50% von den Projektträger selbst aufgebracht werden. Nicht zuletzt soll damit dem einzelnen Staat der nötige Spielraum für die Gestaltung von Regionalpolitik offen gehalten werden.

Je nach Zuständigkeit wenden sich die einzelnen Projektträger mit ihrer Antragsstellung an die zuständigen Landesbehörden oder an die Landesinvestitionsbanken.

Auch bei einer Förderung nach LEADER+ werden zunächst die finanziellen Mittel von der Kommission indikativ auf die Mitgliedsländer aufgeteilt, woraufhin diese Programme zur Umsetzung vorschlagen. Die Mitgliedsstaaten können wählen, ob die Programme in Form operationeller Programme oder eines Globalzuschusses durchgeführt werden sollen. Bei Vorlage des Programms teilt der Mitgliedsstaat der Kommission mit, wie viele LAG er auswählen möchte. Dabei kann er sich für eine nationale oder eine regionale Auswahl entscheiden. Die Gebiete, die für eine Förderung im Rahmen von Titel 1 in Betracht kommen, müssen auf jeden Fall binnen zwei Jahren nach Genehmigung der Auswahlkriterien ausgewählt worden sein.

3.2.1.5 Strukturpolitik 1994-1999

Mit der Beschlussfassung zur Agenda 2000 des Europäischen Rates im März 1999 in Berlin wurde die Strukturpolitik der EU reformiert. Die Erfahrung zeigte, dass den Initiativen einzelner Regionen mehr Raum geschenkt werden muss, um dem integrierten Charakter einer (nachhaltigen) Regionalentwicklung besser entsprechen zu können. So wird die Förderung seitdem auf Programme ausgerichtet, die im Normalfall von den Bundesländern erstellt werden, um diesen Gelegenheit zu geben, umfassende Konzepte zu entwickeln und durchzuführen. Die Fülle der Zielgebiete in den Jahren 1994-1999, die über 50% der EU-Bevölkerung umfasste, sowie die große Anzahl an Gemeinschaftsinitiativen wurde eingeschränkt (vgl. Tab. 8), so dass heute nur noch etwa 35-40% der EU-Bevölkerung in Zielgebieten leben.

Dabei treten in bestimmten Gebieten, die früher einem Ziel zugeordnet wurden, jetzt jedoch entsprechenden Kriterien nicht mehr entsprechen, Übergangsunterstützungen bis Ende 2005 bzw. 2006 in Kraft.

Im Hinblick auf LEADER+ bedeuten die neuen Regelungen, dass zu fördernde Gebiete nicht mehr einem Zielgebiet zugeordnet sein müssen. Auch hier tritt zudem die Bedeutung regionaler Entwicklungskonzepte, die in dieser Form vorher nicht vorhanden waren, und ihrer Konzeption durch lokale Aktionsgruppen hervor.

3.2.2 Strukturpolitik auf Bundesebene

Die Strukturpolitik wird hauptsächlich von der Europäischen Union bzw. den einzelnen Bundesländern bestimmt. Die Umsetzung und Ergänzung dieser Strukturpolitik geschieht demnach auf Länderebene. Zusätzlich gibt es innerhalb der BRD die Bund-Länder- Gemeinschaftsaufgaben „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) und „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK). Gemeinschaftsaufgaben beinhalten Themen, deren zusätzliche Bearbeitung auf Bundesebene zur Verbesserung der Lebensverhältnisse erforderlich ist (vgl. GG; Artikel 91a).

Tab. 8: Vergleich alter und neuer Ziele/Gemeinschaftsinitiativen (Quelle: HMWVL 2000/II)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2.2.1.Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur

Die GRW wurde erstmals 1964 beschrieben und 1991 reformiert. Die GRW fördert einzelbetriebliche Investitionen sowie den Ausbau der wirtschaftsnahen Infrastruktur. Darüber hinaus werden nicht-investive Maßnahmen zugunsten der gewerblichen Wirtschaft sowie integrierte regionale Entwicklungskonzepte und das Regionalmanagement gefördert. Die Förderung der GRW erfolgt in fest abgegrenzten Fördergebieten, die von der Europäischen Kommission beihilferechtlich geprüft werden müssen. Die neuen Länder zählen in Gänze zum Fördergebiet, wobei die Förderung zugunsten der strukturschwächsten Regionen regional differenziert wird.

Das Fördergebiet der GRW wird im Abstand von drei bis vier Jahren neu (aktuell 2001-2004; 30. Rahmenplan) abgegrenzt. Hierzu wird ein umfangreicher Set an Regionalindikatoren erarbeitet. Diese Indikatoren decken die Zielbereiche Arbeitsmarkt und Einkommen sowie Infrastruktur ab und werden vom BBR (Bundesanstalt für Bauwesen und Raumordnung) ermittelt

Anträge in GRW-Fördergebieten können kleinere und mittlere gewerbliche Unternehmen sowie Freiberufler stellen. Die Umsatzgrenze beträgt in den alten Ländern und Berlin 40 Mio. €, in den neuen Ländern 50 Mio. €. Der Kredithöchstbetrag beträgt in den alten Ländern 0,5 Mio. €, in den neuen 3 Mio. €.

Aus GA-Mitteln geförderte Vorhaben werden zur Hälfte von Bund und Land finanziert. Die Bundesmittel für die alten Länder betragen etwa 145 Mio. €. Den Löwenanteil der Mittel für Westdeutschland erhalten Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Hessen ist mit 7,5% an der Förderung beteiligt. Neben den nationalen Fördermitteln werden auch Rückflüsse aus dem EFRE eingesetzt.

3.2.2.2 Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes

Mit dem Gesetz zur GAK von 1969, das zuletzt 1997 geändert wurde, sollen Maßnahmen zur Verbesserung der Produktions- und Arbeitsbedingungen in der Land- und Forstwirtschaft durchgeführt werden. Neben einer Förderung der rationellen Gestaltung der Betriebe und einer markt- und standortangepassten Landbewirtschaftung werden natürliche Standortnachteile durch Gelder der GAK ausgeglichen. Auch Flurbereinigung und die Sicherung des Naturhaushaltes gehören zu ihren Inhalten. Darüber hinaus werden bauliche und wasserwirtschaftliche bzw. kulturbautechnische Maßnahmen gefördert. Die Markstrukturen in der Land-, Fisch- und Forstwirtschaft sollen durch die Förderung von Erzeugerzusammenschlüssen sowie die Umstrukturierung von Vermarktungseinrichtungen verbessert werden. Schlussendlich gehört der Küstenschutz zur GAK.

Die GAK macht 16% des Bundesagrarhaushaltes aus; im Jahr 2001 sind dies 1,715 Mrd. DM. Die einzelnen Fördermaßnahmen der GAK werden zu 60% vom Bund und zu 40% vom jeweiligen Land finanziert, das sich dem Förderkonzept der GAK aber nicht zwingend anschließen muss. Wie auch bei der GRW wird ein mehrjähriger Rahmenplan, der die Verteilung der zur Verfügung stehenden Gelder bestimmt, angefertigt. Im Jahr 2001 werden die Zielsetzungen der GA durch den PLANAK neu gestaltet. Der neue Rahmenplan soll die Jahre 2002-2005 umfassen.

3.2.3 Die Strukturpolitik Hessens

Hessen ist in seinem strukturellen Charakter zweigeteilt. Dem wirtschaftsstarken Südhessen mit dem Ballungsraum Rhein-Main steht die sehr ländlich geprägte Region Nordhessen gegenüber. Entsprechend finden sich in letzterer viele Ziel-2-Gebiete; ergänzt nur noch durch die Landkreise Gießen und Lahn-Dill in Mittelhessen, die vom Abbau früherer Militärstandorte betroffen sind (vgl. Abb. 2).

Insgesamt werden 607.000 Einwohner in Gebieten nach Ziel 2 gefördert; wofür einschließlich der Übergangsunterstützung für ehemalige 5b-Gebiete 183 Mio. € im Zeitraum 2000-2006 zur Verfügung stehen.

Zuständig für die Förderung ist das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung (HMWVL), dessen EPPD für die Förderung in Ziel-2-Gebieten durch den

.Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Ziel-2-Gebiete in Hessen (Quelle: HMWVL 2000/II)

EFRE im Mai 2001 von der EU-Kommission genehmigt wurde. Direkte Unternehmensförderung wird über die Investitionsbank Hessen AG in Wiesbaden und Kassel abgewickelt. Die maximalen Fördersätze in gewerblichen Betrieben betragen 28%.

Interessen nach Ziel 3 und URBAN II, wie sie teilweise in der Stadt Kassel gegeben sind, wurden in einem gemeinsamen Programmplanungsdokument des Bundes unter Mitarbeit der Länder erstellt und konzentrieren sich auf eine Förderung durch den ESF. Federführend zuständig ist dabei das Hessische Sozialministerium (HSM), das im Bereich der Qualifizierung von Beschäftigten durch das HMWVL vertreten wird. Förderung durch den EAGFL verwaltet das Hessische Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Forsten (HMULF). Es hat zu diesem Zweck einen „Entwicklungsplan für den ländlichen Raum aufgestellt“, der im September 2000 von STAR angenommen wurde. Für den Zeitraum 2000-2006 stehen dem Land dafür 278,8 Mio. € aus dem EAGFL Garantie zur Verfügung. Diese Gelder werden durch öffentliche Mittel des Bundes (GAK) und des Landes Hessen kofinanziert. Der Entwicklungsplan hat drei Schwerpunkte:

1. Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit (49,8 Mio. € EU-Förderung)

- Investitionen in landwirtschaftliche Betriebe sollen deren Erhalt sichern (EU-Beteiligung 23,7 Mio. €);
- Junglandwirte erfahren eine besondere Förderung (EU-Beteiligung2,8 Mio. €);
- Weiterbildungsseminare für in der Landwirtschaft tätige Personen sollen deren Qualifikation verbessern (EU-Beteiligung 1,0 Mio. €);
- Die Verarbeitung und Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse soll verbessert werden (EU-Beteiligung 22,2 Mio. €).

2. Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen (114,9 Mio. € EU-Förderung)

- Benachteiligte Gebiete erfahren Ausgleichsmaßnahmen (EU-Beteiligung 33,2 Mio. €);
- Als Agrarumweltmaßnahmen sind das Hessische Kulturlandschaftspflegeprogramm (HEKUL) mit den Förderschwerpunkten Ökologischer Landbau, Grünlandbewirtschaftung, Steillagenweinbau und bedrohte Nutztierrassen sowie das Hessische Landschaftspflegeprogramm (HELP) mit dem Schwerpunkt (Vertrags-) Naturschutz zu nennen (EU-Beteiligung 68,9 Mio. €);
- Die Forstwirtschaft (Aufforstung und Erhalt von Wäldern) erfährt eine besondere Förderung (EU-Beteiligung 12,8 Mio. €).

3. Förderung der Anpassung und Entwicklung ländlicher Gebiete

(80,4 Mio. € EU-Förderung)

- Flurbereinigungen werden gefördert, wenn ihrer Anordnung eine agrarstrukturelle Entwicklungsplanung (AEP) vorausgeht (EU-Beteiligung 14,7 Mio. €);
- Die Vermarktung qualitativ hochwertiger Erzeugnisse, insbesondere die regionale Vermarktung, werden gefördert (EU-Beteiligung 5,6 Mio. €);
- Der Dienstleistungssektor zur Grundversorgung der ländlichen Bevölkerung und Wirtschaft wird gestärkt (EU-Beteiligung 15,1 Mio. €);
- Dorferneuerungs- und –entwicklungsprogramme erfahren Förderung (EU-Beteiligung 36,9 Mio. €);
- Tourismusprojekte werden gefördert (EU-Beteiligung 8,0 Mio. €).

Das Fördergebiet innerhalb der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ umfasst die Stadt und den Landkreis Kassel sowie die Kreise Werra-Meißner, Waldeck-Frankenberg, Schwalm-Eder, Hersfeld-Rotenburg und Vogelsberg mit insgesamt 1,2 Mio. EW. Jährlich stehen knapp 25 Mio. € zu Verfügung.

Die Förderung über LEADER+ in Hessen erfolgt im Zeitraum 2000-2006 mit 8,2 Mio. €. Hierfür sollen acht LAG ausgewählt werden. Die Genehmigung der Programme liegt noch nicht vor[5].

Für die in dieser Studienarbeit vorgestellten Projekte ländlicher Regionalentwicklung war vor allem der Förderzeitrahmen 1994-1999 ausschlaggebend. Neben der damaligen EU-Strukturpolitik kam dabei insbesondere zur Geltung, dass Hessen bereits 1993 ein eigenständiges Programm zur ländlichen Regionalentwicklung aufgelegt hatte – eine bundesweit einmalige Aktion durch die damalige rot-grüne Landesregierung. Dieses Programm hatte folgende Ziele:

- Bewahrung der Identität einer Region;
- Weiterentwicklung des regionalen Charakters;
- Nutzung regionaler Ressourcen;
- Erhaltung und/oder Verbesserung der Grundversorgung in Dörfern;
- Ökologische Umstrukturierung (Sicherung des Naturhaushaltes, Erhaltung der Kulturlandschaft);
- Stärkung von Selbstverantwortung und Eigeninitiative der Bürger durch entbürokratisierte Mitwirkungsmöglichkeiten;
- Unterstützung der Eigeninitiative von Frauen.

Für entsprechende Projekte erfolgte eine Förderung in erster Linie durch Information, Bildung und Beratung. Gelder standen für eine Startfinanzierung zur Verfügung. Außerdem sollten zur Unterstützung von Projektideen sektorale Politikbereiche und Förderprogramme zusammengeführt werden. Oberste Verwaltungsbehörde war das Hessische Landesamt für Regionalentwicklung und Landwirtschaft.

Nach dem Regierungswechsel 1999 erklärte die neue Landesregierung aus CDU und FDP, die Strukturen der Regionalpolitik im ländlichen Raum verändern zu wollen. So wurde das Hessische Landesamt für Regionalentwicklung und Landwirtschaft aufgelöst und der Bereich „ländliche Regionalentwicklung“ aus den Ämtern für Regionalentwicklung, Landschaftspflege und Landwirtschaft ausgelagert und neu den Landratsämtern unterstehenden Katasterämtern zugewiesen (LFN-Reformgesetz). Wichtige Impulse gingen dadurch verloren[6].

In der Programmperiode 1994-1999 wurden LEADER-II-Gebiete in der Größe von Landkreisen abgegrenzt und mussten zudem in einem Ziel-5b-Gebiet liegen. Die Schwerpunkte in der Entstehung lokaler Aktionsgruppen und in der Entwicklung Regionaler Entwicklungskonzepte lagen noch nicht vor.

3.3 Die Beispielprojekte

Die Auswahl der Projekte war in erster Linie durch ihre räumliche Lage im Regierungsbezirk Kassel bestimmt. So ist es gelungen, jeweils ein Projekt aus dem Osten, Westen, Norden und Süden der Region zu besuchen. Darüber hinaus unterscheiden sich die Projekte in ihrer Zielsetzung. Während bei der Streuobstinitiative und in Frankenau der Landschafts- bzw. Naturschutz im Vordergrund steht und nach Möglichkeiten gesucht wird, diesen in eine ökonomische Beziehung zur Nutzung zu bringen, wurde als Teilprojekt des Ecomuseums das Wasserschloss Wülmersen hinsichtlich der Arbeitsförderung betrachtet. Die Rhön wiederum ist als eines der ältesten Projekte zu sehen und kann viele Erfahrungen wie auch Forschungsergebnisse aufweisen. Das Ecomuseum hingegen ist das jüngste Projekt und unterscheidet sich in seiner Konzeption deutlich von den anderen drei.

3.3.1 Die Streuobstinitiative des Werra-Meißner-Kreises

Der Erhalt landschaftsprägender Streuobstwiesen im Werra-Meißner-Kreis stand im Vordergrund, als sich die Initiative auf Anregung des BUND, Ortsverband Bad Sooden-Allendorf, im Jahre 1996 gründete. Ihr gehören Personen an, die beruflich oder ehrenamtlich einen Bezug zu Streuobstwiesen haben und denen ihr Erhalt am Herzen liegt.

Aufgrund aktueller ökonomischer Bedingungen ist es kaum möglich, die Wiesen vor Verbuschung zu schützen, da der Aufwand zur Offenhaltung sich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht lohnt. Die Initiative ist sich jedoch der ökologischen und auch kulturhistorischen Bedeutung von Streuobstwiesen bewusst und hat daher einen Weg gesucht, diese besonderen Biotope zu erhalten, die nicht zuletzt auch beim Erhalt alter und vielfältiger Obstsorten eine große Rolle spielen.

Die ökologische Bedeutung von Streuobstwiesen entsteht durch die hohe Zahl verschiedener Arten, die auf ihnen Lebensraum finden. Durch ihre Struktur, d.h. den Wechsel zwischen beschatteten und offenen Flächen, können zahlreiche Kleinbiotope entstehen, in denen bis zu 3000 verschiedene Tierarten beobachtet werden können. Die vorherrschende Pflanzengesellschaft wird von der Glatthaferwiese gebildet, die deutschlandweit immer weniger vorzufinden ist und daher einen hohen Wert zur Erhaltung der Artenvielfalt darstellt. Je nach Abwandlung der Standortbedingungen bezüglich Feuchtigkeit und Säureanteil verschiebt sich das Arteninventar. Durch die meist sehr hängige Lage in Nordhessen finden sich unter den Streuobstwiesen auch viele Halbtrockenrasen, wo sich zahlreiche, in ihrer Art bedrohte Orchideen ansiedeln können. Gerade die hängige Lage führt aber zu einem Rückgang der Nutzung, da sich die Flächen sehr schwer oder nur von Hand mähen lassen und die Beweidung mit Kleintieren stattfinden muss.

Unter ökonomischen Gesichtspunkten ist der Erhalt von Streuobstwiesen daher oft nicht sinnvoll. Die Streuobstinitiative Werra-Meißner-Kreis versucht dem entgegenzutreten, indem den Besitzern und Besitzerinnen von Streuobstwiesen Garantiepreise für ihr Obst angeboten werden. Gleichzeitig wird ihnen die nötige Infrastruktur zur Verarbeitung der Produkte zur Verfügung gestellt und Beratung gewährleistet. Der aktuelle Abnahmepreis für Äpfel liegt im Jahr 2001 bei 25,- DM pro 100 kg. Zum Vergleich: Der zentrale Marktpreis lag im Herbst 2000 bei 12,- DM. Sollte dieser die 25,- DM erreichen, ist die Streuobstinitiative bereit, noch zusätzliche 2,- DM pro 100 kg draufzulegen, um ihre Zulieferer zu halten.

Momentan beliefern etwa 60 Eigentümer und Eigentümerinnen von Streuobstwiesen die Initiative. Diese arbeitet dafür mit einer Kelterei in Fulda zusammen. Eine Zusammenarbeit mit einer Kelterei im Werra-Meißner-Kreis ist aufgrund von Qualitätsproblemen gescheitert. So wurde die Verarbeitung nicht streng genug von anderen Chargen getrennt und zusätzlich unsauber gearbeitet, so dass teilweise schimmeliger Saft verkauft wurde.

Um sich von dem dadurch verursachten Imageverlust zu erholen, hat die Streuobstinitiative ein Ingenieurbüro mit der Erarbeitung eines neuen Marketing-Konzepts beauftragt (vgl. Prospekte im Anhang). Dabei sorgt ein völlig neues Etikett dafür, die Erneuerung auch für die Kunden und Kundinnen optisch sichtbar zu machen.

Die Streuobstinitiative im Werra-Meißner-Kreis ist Mitglied im Bioland Verband und schließt Unterverträge mit Wiesenbesitzern und -besitzerinnen ab. Auf den Wiesen wird daher weder gespritzt noch mineralisch gedüngt, was jährlich durch eine offizielle Kontrolle überprüft wird.

3.3.2 Das Ecomuseum Reinhardswald

Mithilfe des Hessischen Programms zur ländlichen Regionalentwicklung wurde im Jahr 1993 der Verein für Regionalentwicklung im Landkreis Kassel e.V. gegründet. Ihm obliegt eine koordinierende Funktion in allen Fragen der regionalen Entwicklung des Landkreises. Heutzutage sind fast alle Kommunen des Landkreises sowie dieser selbst Mitglied im Verein, der inzwischen drei volle Arbeitsplätze schaffen konnte. Vor einigen Jahren kam ein Mitarbeiter des Vereins in Kontakt mit der Idee des Ecomuseums in Frankreich. Dort gehen von einem zentralen Museum "Antennen" zu anderen Museen der Region aus, die auf diese Weise miteinander verknüpft sind. In der Umsetzung dieser Idee für den Landkreis Kassel stand zunächst die Schwierigkeit der Einrichtung eines Zentralmuseums im Vordergrund. Die Idee wurde daher dahingehend modifiziert, dass nicht ein Museum, sondern die gesamte Region bzw. der gesamte Reinhardswald das Zentrum des Ecomuseums darstellt (vgl. Prospekte im Anhang). Diese Region befindet sich in der Nordspitze des Landkreises Kassel und wird westlich und östlich von den Flüssen Weser und Diemel begrenzt.

Dabei stehen drei Stichworte im Mittelpunkt der Idee: „Natur“, „Mensch“ und „Arbeit“. Unter Naturaspekten nimmt der Reinhardswald, auf dem im nächsten Kapitel eingegangen wird, eine eindeutige Vorrangstellung ein. Natur wird in Beziehung gesetzt zur Gestaltung durch den Menschen, der Natur nutzt und ändert. Darüber hinaus setzt er kulturelle Akzente in Architektur, in der Gestaltung von Dörfern und Städten, die somit auch im Mittelpunkt der Idee Ecomuseum Reinhardswald stehen. Auf die menschliche Arbeit wird besonderer Augenmerk gelegt; im Gebiet des Reinhardswaldes ist dies insbesondere die traditionelle Verarbeitung von Glas und Stein. Folgende Ausflugsziele werden den drei Aspekten untergeordnet.

1. Natur:

Zu diesem Themenbereich gehört der weiter unten beschriebene Urwald Sababurg (vgl. Kap. 3.3.2.1). Ferner ist die Sababurg selbst zu nennen, die als Entstehungsort des Märchens Dornröschen der Brüder Grimm bekannt ist. Daneben liegt der Tierpark Sababurg, der sich u.a. die Erhaltung alter Nutztierrassen – wie beispielsweise der Thüringer Waldziege – zum Ziel gesetzt hat. Außerdem gehört der 341 m hohe Westberg dazu, der einen selten Basalt-Typus beherbergt und ehemals als Steinbruch genutzt wurde. Heute stellt er ein wertvolles Naherholungsgebiet dar.

2. Mensch

Hier werden die bautechnisch interessante Klosterkirche Lippoldsberg, die Waldensersiedlungen Gottstreu und Gewissenruh, die Stadt Bad Karlshafen sowie die vor über 2000 Jahren als Festung genutzte Ringwallanlage Ahlberg genannt.

3. Arbeit

Im Glasmuseum Immenhausen werden sowohl die Geschichte der Glasherstellung in der Region als auch das Wirken des Glasdesigners Richard Süßmuth veranschaulicht. Eine Sonderausstellung widmet sich den Themen Gebrauchs- und Studioglas. Unter dem Aspekt Arbeit wird zudem an die auszehrende Tätigkeit der Arbeiter im Steinbruch erinnert, die u.a. in den Steinbrüchen Bad Karlshafen sowie dem Gipsbergwerk Lamerden nachvollzogen werden kann.

Als themenübergreifende Anschauungsobjekte gelten folgende Orte:

- Schäferhaus Lippoldsberg mit Ausstellungen zur Alltagsgeschichte des Dorfes
- Museum Uslar (Land Niedersachsen) mit Darstellungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte
- Museum Oedelsheim und Arenborn als Heimatmuseen
- Mühlenplatz Gieselwerder mit einer Miniaturdarstellung eines Dorfes
- Waldensermuseum Gieselwerder mit Ausstellungen zur Geschichte der Waldenserbewegung
- Glasmuseum Immenhausen
- Hugenotten-Museum Bad Karlshafen
- Wasserkraftwerke Wülmersen und Lippoldsberg, welche die Entstehung der regionalen Energieversorgung transparent machen.

Außerdem gehört dazu das Wasserschloss Wülmersen, auf das im übernächsten Kapitel weiter eingegangen wird (vgl. Kap. 3.3.2.2).

3.3.2.1 Der Urwald Sababurg

Die von der ansässigen Bevölkerung gern genutzte Bezeichnung „Urwald“ für einen Teil des Reinhardswaldes vermittelt mehr eine atmosphärische Stimmung als tatsächliche Fakten. Einzigartig ist er vielmehr durch die hohe Intensität der Nutzung im Mittelalter. Neben der Nutzung des Holzes zur Energiegewinnung hüteten die Bauern ihre Tiere im Wald und holten sich Laub als Bodenstreu. Als wertvollster Baum wurde daher die Eiche angesehen, von deren Früchten insbesondere die Schweine sehr gut leben konnten. Buche und Hainbuche kamen in dieser Rangfolge an zweiter Stelle, auch wilde Apfelbäume waren gefragt. Andere Baumarten waren für die Nutzung uninteressant und wurden zugunsten der Entwicklung der bevorzugten Bäume und offener Weideflächen gefällt. Dies führte dazu, dass sich die einzelstehenden Bäume als Solitäre prächtig entfalten konnten.

Wie überall änderte sich die Landwirtschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch technische und soziale Änderungen sehr stark. Die Hutewälder wurden nicht mehr gebraucht, so dass sie in vielen Gebieten zugunsten schnellwachsender Nadelhölzer aufgeforstet wurden. Der Urwald Sababurg entging diesem Schicksal nur, weil es bereits 1907 den beiden Malern Rocholl und Müller, die seinen landschaftlichen Reiz sehr schätzten, gelang, ihn unter Schutz stellen zu lassen.

In einem natürlichen Prozess siedelte sich in den darauffolgenden Jahren vor allem die Rotbuche an. Um den Bestand in seiner Einzigartigkeit zu schützen, werden die alten Eichen freigehalten. Das Totholz der Buchen bleibt im Wald und stellt ein wichtiges Biotop dar, das allerdings leicht zerstörbar ist. Die Aufgabe des Ecomuseums Reinhardswald ist daher insbesondere darin zu sehen, Besucher über die Ökologie des Waldes aufzuklären und sie auf die angelegten Wege zu lenken. Zu diesem Zweck finden über das Jahr verteilt viele Führungen mit heimischen Förstern statt.

3.3.2.2 Das Wasserschloss Wülmersen

Die Grundmauern des heutigen Wasserschlosses Wülmersen wurden vor über 1000 Jahren errichtet. Als landwirtschaftliches Gut Wilmeressen versorgte es von 1108 n. Chr. bis zu dessen Auflösung im Jahre 1538 n. Chr. das Kloster Helmarshausen mit Lebensmitteln. Die landwirtschaftliche Nutzung stand über die Jahrhunderte im Vordergrund. Nach den Plünderungen des Dreißigjährigen Krieges wird das Gut mit Mauern und Wassergräben gesichert, woraus die heutige Bezeichnung Wasserschloss entstanden ist. Seit 1956 wurden die Gebäude nicht mehr genutzt und drohten zu verfallen, bis 1986 der Aus- und Fortbildungsverbund im Landkreis Kassel e.V. (AuF) auf das Gebäude aufmerksam wurde. Mit einem überzeugenden Sanierungskonzept konnte er die Ruine zum symbolischen Preis von 1,- DM vom Land Hessen erstehen. Für die Renovierung werden junge Erwachsene eingesetzt, die beim AuF in berufsqualifizierende Maßnahmen eingebunden sind. Ziel des AuF ist es, arbeitslose Menschen durch Beratung, Qualifizierung und Beschäftigung in ihrer Berufs- und Lebensplanung zu unterstützen. Dies geschieht vor allem in Verbindung mit der Renovierung bzw. dem Ausbau denkmalgeschützter Gebäude. Dabei können die jungen Menschen verschiedene Handwerkstechniken wie auch die Hauswirtschaft erlernen. Hinzu kommen fachliche, allgemeinbildende, künstlerische und erlebnispädagogische Unterrichtsinhalte. Diese Maßnahmen werden durch den ESF, das Land Hessen und den Landkreis Kassel gefördert.

Zusätzlich werden verstärkt Gruppenunterkünfte für Schulklassen und Jugendbegegnungen angeboten, insbesondere im Rahmen des Austauschprogramms „Jugend für Europa“. Das Wasserschloss Wülmersen ist eingebunden in das 1997 gegründete Netzwerk CASA EUROPA, in dem zusammen mit ähnlichen Häusern europäisches Kulturgut erhalten werden soll.

Ein Teil des renovierten Wasserschlosses wird für ein im Aufbau befindliches agrarhistorisches Aktionsmuseum genutzt, in dem in wechselnden Ausstellungen auf die Geschichte der Landwirtschaft in der Region eingegangen wird. Die Anschaulichkeit und Nachvollziehbarkeit der Ausstellungsinhalte stehen dabei im Mittelpunkt der Idee.

3.3.3 Das Modellprojekt Landwirtschaft und Naturschutz in Frankenau

Das Modellprojekt Landwirtschaft und Naturschutz in Frankenau geht auf eine gemeinsame Initiative der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Waldeck-Frankenberg, des ARLL in Korbach und der Frankenauer Ortsgruppe des NABU zurück.

Frankenau ist eine kleine Stadt am Westrand des Kellerwaldes im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Die Region hat einen Waldanteil von über 50% und beherbergt verschiedene wertvolle Biotope. Landwirtschaftlich herrscht eine extensive Grünlandnutzung mit Beweidung und Mahd waldnaher Flächen vor, die erhalten werden soll. Die sogenannte „Frankenauer Flur“ ist eine von Bachläufen durchschnittene Schiefergebirgs-Hochfläche, die zwischen 350 und 600 m hoch liegt. Vorherrschend sind flachgründige und nährstoffarme Böden. Die Jahresniederschläge sind mit 750 bis 800 mm mäßig hoch und schaffen in Verbindung mit der relativ geringen Jahresdurchschnittstemperatur von 6,5°C bis 7,5°C ein kühles Klima.

Wertvolle Biotope stellen neben den Bachläufen und Wäldern die artenreichen Frischwiesen und Weiden dar, die etwa 50% der landwirtschaftlichen Nutzfläche ausmachen. Sie werden extensiv genutzt, so dass sich verschiedene seltene Arten ansiedeln konnten. Hinzu kommen mehrere Sumpf- und Feuchtgebiete, die einst kultiviert wurden, sowie verschiedene Magerrasen und Wacholder-Heiden auf den Bergkuppen. Die Vernetzung der einzelnen Biotope rund um Frankenau ist sehr groß, eine heutzutage recht seltene Situation.

Das Modellprojekt Landwirtschaft und Naturschutz in Frankenau wurde 1991 ins Leben gerufen und setzt sich folgende Ziele (vgl. Prospekte im Anhang):

- Erhaltung und Steigerung der Biotopvielfalt sowie Ausbau der bestehenden Vernetzungsstrukturen;
- Aufrechterhaltung der extensiven Grünlandnutzung in Kooperation mit ansässigen Landwirten;
- Wiederherstellung und Pflege ungenutzter Biotope wie Magerrasen und Feuchtwiesen;
- Regeneration von Bachufern;
- Förderung von sanftem Tourismus;
- Förderung einer nachhaltigen regionalen Entwicklung;
- Verbindung von Naturschutzzielen mit der Sicherung bäuerlicher Existenzen;
- Entwicklungsmöglichkeiten für die vorwiegend im Nebenerwerb betriebene örtliche Landwirtschaft auf den benachteiligten Mittelgebirgsstandorten.

Zu diesem Zweck wurden durch intensive Öffentlichkeitsarbeit mit den ansässigen Bauern Verträge im Sinne des HELP abgeschlossen. Bereits 1991 konnten über 140 Einzelverträge abgeschlossen werden. Dabei steht insbesondere die erstmalige Nutzung im Jahr im Vordergrund, die aus Naturschutzgründen möglichst spät erfolgen soll (je nach Ziel ab 15. Juni oder 01. Juli). Ein Projektleiter, der über einen Werkvertrag mit der Stadt Frankenau eingesetzt wurde, übernahm die persönlichen Gespräche mit den Landwirten, führte für interessierte Besucher Exkursionen durch und arbeitete an der Optimierung des Konzepts.

Seit dem politischen Wechsel in der Landesregierung Hessen 1999 ist die Finanzierung des Projektes nicht mehr gesichert. Ursprünglich sollte es Teil des Vorhabens Nationalpark Kellerwald sein, welches aber von der aktuellen Landesregierung auf Eis gelegt wurde.

3.3.4 Das Biosphärenreservat Rhön

Die Rhön, eine Landschaft im Dreiländereck von Bayern, Hessen und Thüringen, wurde im März 1991 von der UNESCO als Biosphärenreservat („Men and Biosphere“) anerkannt. Sie ist damit in das weltweite Netz von über 350 Biosphärenreservaten in mehr als 80 Ländern der Erde eingebunden. Mit dieser Auszeichnung wurde die artenreiche Kulturlandschaft der Rhön gewürdigt. In Deutschland wurden bisher 13 Gebiete als Biosphärenreservate ausgewiesen. Hier bemüht man sich um die Entwicklung modellhafter Projekte, die das Leben und Wirtschaften des Menschen mit der Natur in Einklang bringen, um die vielfältige Kulturlandschaft zu bewahren.

Die Rhön ist durch den ausgeprägten Vulkanismus zur Zeit des Tertiärs (vor ca. 20 Millionen Jahren) entstanden. Damals durchstieß heißes Magma aus dem Erdinneren die Erdkruste und bildete eine teils geschlossene Basaltdecke. Später setzten starke Erosionsvorgänge ein. Neben Basalt dominieren in der Rhön Buntsandstein, Muschelkalk und Phonolith.

Ursprünglich war die Rhön mit Buchenwald bedeckt. Durch das Bevölkerungswachstum des 16. Jahrhunderts setzte verstärkt Kahlschlag ein, da die Köhlerei weit verbreitet war. Immer mehr Flächen wurden für Siedlungen, Acker- und Weideland benötigt. So entstand die heute typische offene Kulturlandschaft, die sich durch zahlreiche unbewaldete Kuppen auszeichnet, was der Rhön auch den Namen „Land der offenen Ferne“ verschaffte.

3.3.4.1 Das Informationszentrum auf der Wasserkuppe

Die Wasserkuppe – mit 950 m der höchste Berg ganz Hessens – ist ein beliebtes Ausflugsziel. Zum einen wegen des örtlichen Segelflugplatzes, aber auch aufgrund ihrer einzigartigen Natur. Große Flächen sind von einem sehr artenarmen Borstgrasrasen bedeckt, der durch niedrigen Wuchs und farbliche Eintönigkeit außerhalb der Vegetationszeit auffällt. Sie sind ein Zeichen für besonders nährstoffarme Böden, die durch Hutungen entstanden sind. Die typischen Pflanzenarten dieses Lebensraumes – insbesondere viele Orchideenarten – vertragen keine Düngung. Sie bilden die Grundlage für die Ansiedlung spezialisierter Tierarten, z. B. von verschiedenen Schmetterlingen.

Die Grundlagen für extensive Weidenutzung sind kaum noch gegeben. Deshalb wird heutzutage versucht, ähnliche Bedingungen zu schaffen, indem dem Boden durch einmalige Mahd Nährstoffe entzogen werden. Häufigere Mahd würde viele Pflanzenarten zum Verschwinden bringen. Auch unter den Vögeln gibt es mehrere Wiesenbrüter – wie Bachstelze, Wachtelkönig und Wiesenpieper - , für die eine späte Mahd notwendig ist, um Brut und Aufzucht ihrer Jungen vollenden zu können.

Die Wasserkuppe zeichnet sich zudem durch einzigartige klimatische Bedingungen aus. Mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von 4,5°C und einer jährlichen Niederschlagsmenge von 1.115 mm zeigt sie deutliche Unterschiede zu landesweiten Vergleichsdaten (Temperatur ca. 8°C; Niederschlag etwa 700 mm).

Auf der Wasserkuppe hat die Hessische Verwaltungsstelle des Biosphärenreservates ihren Sitz. Neben ihr, die dem Regierungspräsidium Kassel zugeordnet ist, besteht zusätzlich der Verein Natur- und Lebensraum Rhön e.V., der im Jahre 1992 gegründet wurde und die Belange des hessischen Teils der Rhön zum Inhalt hat. Ihm gehören das Land Hessen, die Landkreise Fulda und Hersfeld-Rotenburg sowie die 17 ansässigen Gemeinden an. Darüber hinaus haben die Orts- bzw. Regionalgruppen anerkannter Naturschutzverbände sowie die Industrie- und Handelskammer, die Kreishandwerkerschaft und der Fremdenverkehrsverband Vertreter entsandt. Außerdem gehören dem Verein einzelne Land- und Forstwirte, interessierte Privatpersonen, Partnerbetriebe des Biosphärenreservates, Akteure aus Wissenschaft, Forschung und Kunst sowie aus sozialen und/oder religiösen Verbänden an.

Der Verein handelt nach dem Prinzip „bottom up“ und möchte das Potenzial der Region durch die Förderung von Projekten der ansässigen Bevölkerung nutzen. Dabei liegen folgende Ziele zugrunde:

- Bündelung aller Kräfte;
- Schaffung umweltgerechter Arbeitsplätze und Wohnungen in genügendem Umfang;
- Kreation einer europäischen Modellregion mit nachhaltigen Zielen;
- Organisation der Akzeptanz für die Ziele des Biosphärenreservates.

Vorgeschlagene Projekte werden in verschiedenen Fachforen bearbeitet, denen Mitglieder des Vereins und Bedienstete örtlicher Fachbehören angehören (vgl. Abb. 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Organigramm des Vereins Natur- und Lebensraum Rhön e.V. (Quelle: Biosphärenreservat Rhön 2001

Der Verein Natur- und Lebensraum Rhön e.V. unterstützt verschiedene Pilotprojekte, von denen einige im folgenden kurz vorgestellt werden sollen:

1. Die Wiederansiedlung der Rhöner Bachforelle

Zahlreiche natürliche Quellbäche in der Region bieten optimale Lebensbedingungen für Bachforellen (Salmo trutta f. fario). Sie sind in den letzten Jahrzehnten in starken Konkurrenzdruck durch die aus Nordamerika importierte Regenbogenforelle geraten, die das ökologische Gleichgewicht in der Region erheblich zu stören vermag. Der Verein unterstützt daher die Züchtung und Vermarktung der heimischen Forelle (vgl. Prospekt im Anhang).

2. Umweltbildung

Um das Bewusstsein der Menschen für die Erhaltenswürdigkeit der Rhöner Kulturlandschaft zu schärfen, werden in Zusammenarbeit mit verschiedenen Einrichtungen umweltpädagogische Veranstaltungen angeboten, die sich vor allem an die heimische Bevölkerung richten. Zusätzlich wurde auf der Wasserkuppe wie auch im bayrischen Teil der Rhön ein Informationszentrum eingerichtet, das interessierten Besuchern zur Verfügung steht (vgl. Prospekt im Anhang).

3. Modellregion Pflanzenöl

Um Alternativen zum knappen Rohstoff Erdöl zu bieten, soll in der Rhön ein regionaler Wirtschaftskreislauf auf Basis von Pflanzenöl (Raps) eingerichtet werden. Nach der Pionierarbeit von Ludwig Elsbett sind in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verschiedene Anstrengungen unternommen worden, Pflanzenöl technisch zu verwerten. Durch Schaffung einer regionalen Ölmühle und verschiedener Tankstellen in der Region können umrüstungswillige Autobesitzer unterstützt werden. Der Presskuchen, der bei der Ölverwertung anfällt, kann zudem sinnvoll in der Tierfütterung eingesetzt werden (vgl. Prospekt im Anhang).

4. Partnerbetriebe des Biosphärenreservates

Betriebe, die sich den Zielen des Biosphärenreservates in besonderer Weise verpflichten, dürfen das Logo „Partnerbetrieb“ tragen und ihre Produkte darüber vermarkten. Sie stellen besonderes Wissen über die Rhön zur Verfügung, vermarkten einheimische Produkte, wirtschaften im Einklang mit der sie umgebenden Natur und arbeiten in möglichst geschlossenen Stoffkreisläufen (vgl. Prospekt im Anhang).

5. Das Rhönschaf

Die Erhaltung der heimischen Schafrasse Rhönschaf ist ein besonderes Anliegen des Vereins. Diese Rasse ist den Lebensbedingungen der Rhön optimal angepasst, hat jedoch in den letzten Jahrzehnten aufgrund einer im Vergleich zu anderen Schafrassen geringen Fleischausbeute einen schweren Stand gehabt, da sich eine Orientierung auf Wollproduktion hinsichtlich eingebrochener Preise nicht mehr rentiert. Seit 1985 kümmert sich der Bund Naturschutz, der bayrische Landesverband des BUND, erfolgreich um den Einsatz des Rhönschafs in der Landschaftspflege. In den gastwirtschaftlichen Partnerbetrieben des Biosphärenreservats wird zudem Fleisch dieser Rasse verwendet (vgl. Kap. 3.3.4.2).

3.3.4.2 Die Schafherde

Der Schäfer Dietmar Weckbach aus Ehrenberg-Wüstensachsen beweidet mit seiner Herde von über 500 Muttertieren verschiedene Landschaftsschutzgebiete in der Rhön und informiert bei Bedarf interessierte Besuchergruppen über die Bedeutung dieser Rasse, die noch vor 100 Jahren aufgrund ihrer Fleischqualität weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt war. Optisch ist es erkennbar durch einen (im Vergleich zum schwarzköpfigen Fleischschaf) sehr schmalen schwarzen Kopf und die bräunliche Halskrause. Zur Erhaltung ökologisch wertvoller Magerrasen ist das Schaf unersetzbar. Zudem ist es durch seine Wolle vor jedem Wetter geschützt und hat keine Probleme mit auch extremen Hanglagen.

Ein großer Bestandteil der Herde von Dietmar Weckbach stammt aus einer Aktion des BUND Hessen, der mit Unterstützung der Stiftung Hessischer Naturschutz 1997 eine im Bestand bedrohte Herde aufkaufte und an den Schäfer vermittelte. Die Erhaltung heimischer Rassen ist ein wichtiger Bestandteil zur Sicherung genetischer Vielfalt (vgl. Prospekt im Anhang).

3.3.4.3 Die Schaukelterei

Die Rhöner Schau-Kelterei veranstaltet jahreszeitabhängige Aktionen rund um den Apfel. So ist es möglich, in einer kleinen Kelterei selbst Apfelsaft zu pressen; ein Angebot, das von vielen Touristen – insbesondere solchen mit Kindern – sehr gern angenommen wird. Gleichzeitig bietet die Schau-Kelterei in einem kleinen Lädchen allerlei Produkte „rund um den Apfel“ an; neben Apfelsaft und –wein gehören dazu Trockenobstprodukte und sogar Apfelpralinen. Entstanden ist die Rhöner Schau-Kelterei aus dem gastwirtschaftlichen Betrieb Zur Krone, der mit heimischen Spezialitäten lockt, baubiologisch eingerichtete Unterkünfte anbietet und ein Partnerbetrieb des Biosphärenreservates ist. Schwerpunke liegen dabei auf den Produkten Rhönschaf und Apfel. In sehr innovativer Weise bieten Gasthof und Kelterei ein Programm über das ganze Jahr hinweg (vgl. Prospekte im Anhang).

Gleichzeitig sind sie Mitinitiatoren der Rhöner Apfelbörse, die sich die Absatzförderung von Streuobstprodukten sowie die Intensivierung der gastronomischen Verwendung heimischer Obstsorten zum Ziel gesetzt hat. Die Apfelbörse ist ein Veranstaltungsverzeichnis, das Ausstellungen, Obstbaumschnittseminare und viele weitere Veranstaltungen rund um den Apfel bzw. die Streuobstwiese beinhaltet. Zudem hat die Apfelinitiative e.V. als Herausgeberin der Apfelbörse einen Streuobstlehrpfad und einen Sortenerhaltungsgarten eingerichtet (vgl. Prospekt im Anhang).

3.3.5 Vergleichende Betrachtung der Projekte

Anhand der zentralen Fragen, welche die Teilnehmenden zu Anfang des Tutoriums erarbeitet hatten, wurden die besuchten Projekte miteinander verglichen (s. Anhang). Dabei zeigte sich, dass alle Projekte versuchen, Aspekte des Naturschutzes mit ökonomischen Initiativen zu verbinden. Die Projekte in größeren Regionen wie das Ecomuseum und das Biosphärenreservat Rhön sind deutlich touristisch orientiert, womit Menschen und somit Geld in die Region gezogen werden soll. Im Werra-Meißner-Kreis sowie in Frankenau hingegen bedingen die Projekte durch ihren landschaftspflegerischen Aspekt zwar auch eine Erhöhung der touristischen Attraktivität, allerdings ist dies kein deutlicher Schwerpunkt. In den beiden letztgenannten Projekten konnte ein direkter Nutzen für die Menschen im Gebiet durch die Entlohnung pflegerischer Arbeit festgestellt werden. Im Biosphärenreservat Rhön wurde der Nutzen von den Teilnehmenden in der Schaffung neuer Arbeitsplätze gesehen. Die Idee des Ecomuseums ließ sich jedoch schwerer vermitteln, keine der Teilnehmenden konnte bestimmen, worin genau der Nutzen für die Bewohner des Gebietes liegen soll. Als wichtig wurde es vor allem für diejenigen angesehen, die vom Tourismus profitieren, also Gaststätten- oder Hotelbesitzer. Dem Biosphärenreservat Rhön wird hingegen ein integrierender Charakter zugeschrieben, da der Nutzen nicht, wie im Werra-Meißner-Kreis oder in Frankenau auf einzelne Personengruppen – Streuobstwiesenbesitzer bzw. Landwirte – beschränkt werden kann. In allen Projekten wurde jedoch deutlich, dass die Menschen vor Ort beteiligt sind, wobei ihnen allerdings in der Rhön die meisten Möglichkeiten offen stehen. Insofern ist der identitätsstiftende Aspekt hier auch am größten anzusehen. Auch der Streuobstinitiative und dem Frankenauer Naturschutzprojekt wirken identitätsstiftend, das Ecomuseum Reinhardswald nach Ansicht der Teilnehmenden (bisher) jedoch nicht. Ein Nutzen für die Umwelt im Hinblick auf die Erhaltung der Artenvielfalt konnte hingegen in allen Projekten erkannt werden.

Hinsichtlich der Finanzierung wurden die verschiedenen strukturpolitischen Maßnahmen, wie im Kap. 3.2 dargestellt, sehr deutlich. Die Streuobstinitiative stellte sich als zum Teil von Geldern des BUND sowie über das Programm zur ländlichen Regionalentwicklung in Hessen finanziert dar. In Frankenau werden EU- und hessische Gelder über HELP genutzt. Das Ecomuseum hingegen beansprucht keine direkten Gelder; hier steht eine Idee im Vordergrund, die von den Angestellten des Vereins zur Regionalentwicklung im Landkreis Kassel e.V. initiiert, begleitet und verwaltet wird. Diese Angestellten werden zum größten Teil über Gelder des Vereins finanziert, der wiederum Beiträge von den einzelnen Mitgliedskommunen erhält. Der Verein selbst ist mit Hilfe der Förderung durch das Programm zur ländlichen Regionalentwicklung in Hessen ins Leben gerufen worden.

Deutlich wurde die ganze Bandbreite der Förderung insbesondere im Biosphärenreservat Rhön, wo Gelder der EU-Strukturpolitik (Ziel 2, LEADER), kombiniert mit dem hessischen Programm zur ländlichen Regionalentwicklung und der GAK eingesetzt werden.

Besonders auch die Frage nach Projektmethoden ist im Hinblick auf eine Evaluierung interessant. Die Streuobstinitiative im Werra-Meißner-Kreis setzt dabei vor allem auf Öffentlichkeitsarbeit durch Schaffung eines eigenen Logos und bietet zusätzlich praktische Beratung an. Das Ecomuseum gibt Veranstaltungsbroschüren heraus, während in Frankenau die direkte Ansprache im Vordergrund steht. Auch hier zeigte sich wieder die Größe und das „Alter“ des Projektes Biosphärenreservat Rhön, das eine große Palette verschiedener Methoden wie Broschüren, einen detaillierten Auftritt im Internet, ein Umweltbildungszentrum, ein Logo, die Schaffung und Verbreitung eigener Marken, eine eigene Verwaltungsstelle in jedem Bundesland, die Betreuung und Dokumentation von Forschungsprojekten etc. einsetzt.

Als schwierig erwies es sich, die Größe der Projekte miteinander zu vergleichen. Da ist zum einen natürlich die räumliche Ausdehnung zu nennen; führend hierbei wiederum das Biosphärenreservat Rhön, das sich in drei Bundesländer erstreckt. Das Ecomuseum hingegen ist auf Landkreisebene angesiedelt; wie auch die Streuobstinitiative, die sich allerdings auf einen Teil des Werra-Meißner-Kreises fokussiert. Am kleinsten in diesem Vergleich ist das Naturschutzprojekt in Frankenau, das vor allem auf Kommuneebene zu sehen ist. Während das Ecomuseum 70 Einzelprojekte vorweisen kann, ist die Zahl der beteiligten Personen mit etwa 50 relativ gering. Die Streuobstinitiative hat aktuell 60 Mitglieder, in Frankenau wurden 140 Verträge abgeschlossen. Inwieweit einzelne Projekte und Personen der Rhön involviert sind, lässt sich numerisch nicht beschreiben, da hier die Verknüpfungen sehr eng sind.

Die Zukunftsperspektiven wurden unterschiedlich beurteilt. Den schwersten Stand schien das Projekt in Frankenau zu haben, das aufgrund der politischen Situation in Hessen nicht mehr gefördert wird, sich aber nicht allein tragen kann, weil die Rolle der Vermittlungsperson, die direkt auf Landwirte zugeht, sehr wichtig ist. Die hier ursprünglich geschaffene Stelle wird seit 1999 nicht mehr finanziert. Die damalige Perspektive, Teil eines Nationalparks Kellerwald zu werden, war mit dem politischen Wechsel ebenfalls hinfällig.

Auch die Streuobstinitiative hatte aktuell mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die sich aus den qualitativen Mängeln der eingebundenen Kelterei ergaben. Hier hängt die Zukunft davon ab, inwieweit es gelingen wird, die Marke neu zu kreieren und in den Köpfen der Verbraucher zu verankern. Das Ecomuseum blieb hingegen auch unter diesem Aspekt schemenhaft, da sich der direkte Nutzen nicht zeigte und aufgrund der „Jugend“ dieses Projekts wenig perspektivische Aussagen getroffen werden konnten. Die Aussichten des Biosphärenreservates hingegen wurden allgemein als sehr gut bezeichnet, da in dieser Region viel passiert ist und das Ziel einer eigenständigen Region mit regionalen Wirtschaftskreisläufen bereits sehr greifbar erscheint.

Bei allen Projekten wurde deutlich, dass der Erfolg eines Projektes nicht vom Ideengeber, sondern von der Kommunikation seiner Idee und dem Engagement seiner Träger abhängt. Nicht immer lässt sich unterscheiden, ob das Projekt von „oben“ oder „unten“ bestimmt wurde; beispielsweise ist der BUND zwar eine nationale Organisation, die Streuobstinitiative wurde aber von Menschen entwickelt, die vor Ort wohnen. Das Biosphärenreservat Rhön hat inzwischen einen relativ großen Verwaltungsapparat, trotzdem kann es nach wie vor einer eigenständigen Regionalentwicklung zugeordnet werden. Auch in Frankenau zeigte sich, dass die Idee zwar in Ämtern entstanden war, aber dennoch erst durch den Einsatz der hauptverantwortlichen Person vor Ort großen Erfolg zeigte.

Das Auswahlkriterium „institutionell“ oder „Eigeninitiative“, dem die Beispielprojekte zugeordnet wurden, zeigte also wenig Auswirkungen auf den Erfolg eines Projekts. Vielmehr ließ sich die Lehre ziehen, dass kreative Ideen und persönliches Engagement ausschlaggebend sind. Sie bestimmen den Grad der Verbreitung des Projekts und finden Mittel und Wege zur Finanzierung. Allerdings reichen sie allein nicht immer, wie sie in Frankenau zeigte, wo die politischen Konstellationen in Hessen erheblichen Einfluss auf den Fortgang des Projekts haben.

3.4 Das Planspiel

Um ihren eigenen Lernerfolg konkret einschätzen zu können, wurden die fünf tschechischen Teilnehmerinnen des Tutoriums aufgefordert, in einem Planspiel ein Entwicklungskonzept für eine fiktive Region[7] zu erstellen, in der sich Aspekte der verschiedenen Projektbeispiele sowie die von den Teilnehmerinnen zu Anfang des Tutoriums genannten Kriterien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

wiederfanden (vgl. Abb. 6)

Den Teilnehmenden wurden nun Rollen zugeteilt, mit denen sie bestimmte Schwerpunkte in der Konzeption eines Entwicklungsprogramms vertreten sollten (vgl. Abb. 7). Auf Einladung der „Bürgermeisterin“ setzten sich diese fünf Frauen zusammen, um gemeinsam eine Projektidee zu erarbeiten. Hierfür wurden ihnen 45 Minuten bewilligt, um anschließend in 15 Minuten ein gemeinsames Konzept zu präsentieren.

Es entspann sich eine rege Diskussion, die in ihrer Vehemenz den Vergleich mit der Wirklichkeit nicht zu scheuen braucht. Dabei zeigte sich deutlich, wie schwierig sich unterschiedliche Ansichten verschiedener stakeholder vereinbaren lassen. So war es den Teilnehmerinnen nach dieser Zeit auch nicht möglich, ein gemeinsames Konzept vorzutragen. Schwerpunkte eines zu erarbeitenden Projekts sollten die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Förderung eines sanften Tourismus sein. In den Kommentaren, welche die Teilnehmerinnen in ihrer Rolle abgaben, wurde deutlich, dass die Stärkung einer nachhaltigen und ökologisch orientierten Lebensweise, die sie auch in ihrem privaten Leben vertreten, ein wichtiges Anliegen ist, so dass hier – anders als vielerorts in der Wirklichkeit – große Einigkeit herrschte.

Der „Ökologin “ war es das wichtigste Anliegen, den Wald vor der Zerstörung durch die städtischen Besucher zu schützen. Zu diesem Zweck sollten Stadtbesucher nicht mehr in den Wald fahren dürfen; es sollten Abfallbehälter und Hinweisschilder aufgestellt werden. Ein Parkplatz sollte am Waldrand in Teichnähe gebaut werden. Außerdem wollte die „Ökologin“ einen Lehrpfad zur Ökologie des Waldes einrichten.

Die „Lehrerin“ sprudelte vor Ideen, eine ökologische Erziehung ihrer Schüler mit ökonomischen Vorteilen für das Dorf zu verbinden. Sie plädierte dafür, die alten Schulgebäude zu Jugendwohnheimen und –bildungsstätten umzubauen. Dann sollten Schüler für ein- bis zweiwöchige Exkursionen hier wohnen können, in der Ökologie des Waldes unterrichtet werden und praktische Arbeit im Wald, in Baumschulen, aber auch im Sägewerk verrichten, um alle Aspekte kennen zu lernen. Gelder für den Umbau der Gebäude sollten von der Stadt bereitgestellt werden. Zwei der sieben Grundschullehrer im Dorf sollten die Organisation und Betreuung der Gruppen übernehmen. Zu Zeiten, in denen die Jugendwohnheime nicht für Schüler genutzt würden, sollten sie an Touristen vermietet werden. Die „Lehrerin“ selbst wollte für die Verbreitung der Idee in der Stadt sorgen.Auch die „Bürgermeisterin“ plädierte für einen Parkplatz am Teich. Neben dem Kiosk, den die „Wirtin“ hier bereits aufgestellt hat, sollte ein Campingplatz errichtet werden. Dadurch würden auch Arbeitsplätze für Wächter und Putzfrauen entstehen. Das alte Sägewerk sollte für touristische Führungen geöffnet werden.

Die „Leiterin des örtlichen Forstunternehmens“ zeigte viel Eigeninitiative. Sie unterstützte die Idee der „Lehrerin“ und wollte ihre Flächen hierfür zur Verfügung stellen. Sie sicherte Gelder zur Ausstattung der Gebäude sowie zur Finanzierung der Abfallkörbe und Schautafeln des Lehrpfades zu. Außerdem setzte sie sich für die Eröffnung eines Souvenirgeschäfts im alten Sägewerk mit dem Schwerpunkt „Holz“ ein.

Die „Wirtin/Kioskbesitzerin“ hat ihren aktuellen Kiosk am alten Sägewerk und einen neuen am Teich eröffnet. Ihre Idee war, zukünftig ein Restaurant im Dorf zu eröffnen. Dadurch würden Arbeitsplätze geschaffen, so dass sie auf günstige Kredite spekulierte.

4 Evaluation

Um Rückschlüsse auf folgende Veranstaltungen dieser Art ziehen zu können, werden in diesem Kapitel das inhaltliche sowie das didaktische Konzept des Tutoriums einer kritischen Prüfung unterzogen.

4.1 Rückblick aus Sicht der Teilnehmenden

Nach einer unverbindlichen Runde zur Evaluation der Veranstaltung wurde den Teilnehmenden zusätzlich ein Fragebogen ausgehändigt, in dem sie konkret nach ihrem Lernerfolg befragt wurden (s. Anhang).

Die Resonanz auf die Veranstaltung war sehr positiv. Alle Teilnehmenden fanden das Thema interessant und meinten, dass die einzelnen Veranstaltungen gut bis sehr gut dazu passten. Der persönliche Lernerfolg wurde von zwei Teilnehmerinnen als mittel, von weiteren zwei als hoch und von einer Teilnehmerin als sehr hoch bezeichnet. Dabei zeigte sich das große ökologische Interesse der Teilnehmerinnen. Eine empfand es als positiv, dass viele Menschen den Willen haben, durch Ökologische Landwirtschaft umweltgerecht zu arbeiten; eine weitere lernte, dass ein starkes Interesse für eine Sache auch Möglichkeiten schafft und dass dies insbesondere auch für den Ökologischen Landbau gelte. Drei der Teilnehmerinnen haben gelernt, was regionale Entwicklung bedeutet, welche Möglichkeiten und Unterschiede es in verschiedenen Regionen gibt. Eine Teilnehmende empfand es als positiv zu erfahren, dass auch kleine Projekte eine Chance haben.

Die tschechischen Teilnehmerinnen nahmen am Schwerpunktstudium tropische und subtropische Landwirtschaft in Witzenhausen teil. Auch wenn das Thema „ländliche Regionalentwicklung in Nordhessen“ auf den ersten Blick keinen Bezug hierzu erkennen lässt, waren drei der fünf Teilnehmerinnen der Meinung, es hätte in ihr Studium gepasst, da die Methoden ländlicher Regionalentwicklung auch auf Entwicklungshilfeprojekte übertragbar seien. Zwei fanden es dabei wichtig, die Mentalität der Menschen zu beachten; eine machte für sich die Erfahrung der Wichtigkeit der Identifikation der Menschen mit ihrer Region. Nur eine der Studentinnen war bedingungslos der Meinung, das Thema habe nicht in ihr Studium gepasst.

Die einzelnen Veranstaltungen wurden unter den Rubriken „Thematischer Inhalt“, „Vorbereitung und Gestaltung“ (Didaktik) und „Spaß“ bewertet. Die Rubrik „Spaß“ ist nach Meinung der Veranstalterin für dauerhafte Lernerfolge sehr wichtig, weil sie auch das Maß an Interesse für den thematischen Inhalt bzw. seine Darstellung widerspiegelt.

Spitzenreiter in jeder Rubrik waren dabei die beiden letzten Veranstaltungen – der Ausflug in die Rhön und das Planspiel, die in allen Rubriken mit „sehr gut“ bewertet wurden. Schlusspunkt hingegen war das Referat zur EU-Strukturpolitik, dessen Thematik als sehr trocken empfunden wurde und hinsichtlich des Spaßfaktors ein Minus bekam. Die Bedeutung dieses Themas konnte nicht nachvollzogen werden und wurde im Durchschnitt als neutral bewertet, nur die didaktische Gestaltung bekam ein Plus. Die erste Veranstaltung wurde allgemein als gut bewertet. Die restlichen drei Exkursionen (Streuobstinitiative, Ecomuseum, Frankenau) bekamen in der inhaltlichen Bewertung jeweils durchschnittlich ein Plus, wobei das Projekt in Frankenau mit dem Schwerpunkt Naturschutz von zweien auch als sehr gut bewertet wurde. Eine Teilnehmende empfand es inhaltlich als neutral. Dies mag mit daran liegen, dass der referierende Projektteilnehmer sehr schnell sprach und schwer zu verstehen war. Zudem war es ein sehr heißer Tag, was die Konzentration erschwerte. Der Spaßfaktor wurde folgerichtig als neutral bezeichnet (dreimal Plus, einmal Minus, einmal neutral). Das Ecomuseum wurde in allen Rubriken als gut bewertet, ebenso wie die Streuobstinitiative, wobei hier der Spaßfaktor ein doppeltes Plus bekam (was an der Apfelweinprobe gelegen haben mag).

Auf die Frage nach ihrer Mitarbeit meinten vier Teilnehmerinnen, dass sie genau im richtigen Umfang mitarbeiten mussten, eine meinte, die geforderte Mitarbeit hätte stärker sein können.

Hinsichtlich ihrer Sprachkenntnisse meinten vier der Teilnehmerinnen, dass sie den Gesprächen folgen konnten, während es einer Teilnehmerin schwer fiel. Leicht war es für keine der Teilnehmenden. Ebenso konnten drei in deutscher Sprache ausdrücken, was sie sagen wollten, während zwei Schwierigkeiten damit hatten. Auch hier fiel es keine der Teilnehmenden leicht, mit der fremden Sprache umzugehen. Der zweiwöchige Abstand der Veranstaltungen wurde von zwei Teilnehmerinnen als zu lang, von den anderen drei als genau richtig empfunden. Die einzelnen Veranstaltungen (im Umfang von drei bis sechs Zeitstunden) wurden von vier Teilnehmerinnen als genau richtig, von einer als teilweise zu lang empfunden.

Befragt nach Vorschlägen zur Gestaltung zukünftiger Veranstaltungen dieser Art machten zwei der Teilnehmerinnen keine Angaben. Eine wünschte sich noch mehr Projekte kennen zu lernen, noch mehr Zeit zu haben und noch mehr Informationen zu bekommen. Eine weitere hätte gerne die negativen Seiten und Nachteile der Projekte stärker herausgearbeitet. Die dritte Teilnehmerin empfand die (sehr) kleine Gruppe wegen der guten Kommunikationsstrukturen als sehr positiv. Sie hätte sich noch mehr Zeit für das Planspiel gewünscht.

Als Resümee der Veranstaltung bedankten sich vier der fünf Teilnehmerinnen für das Seminar, das sie als gut vorbereitet empfanden, da sie viel Spaß hatten, nette Menschen kennen lernen konnten, fruchtbare Diskussionen geführt hatten und ihren eigenen Wahrnehmungshorizont erweitern konnten.

4.3 Rückblick aus Sicht der Seminarleitung

Im Hinblick auf die Zielformulierung (vgl. Kap. 2.1) hat das Tutorium den zuvor gesetzten Ansprüchen voll genügt. Die Teilnehmerinnen wurden mit den Strukturen der Region und mit den Aspekten und Problemen regionaler Entwicklung bekannt gemacht. Durch die konkrete Anschauung der vier Beispielprojekte waren Vergleiche sehr gut möglich. Insbesondere an der Art und Weise, wie Projektbeteiligte selbst kommuniziert haben, wurde die Bedeutung der Projekte sehr deutlich. Die Streuobstinitiative hatte zwar aktuell einen schweren Stand, so dass unter allen Teilnehmenden ein Gefühl des Mitleidens aufkam, sie „kämpft“ jedoch weiter und das Daumendrücken der Teilnehmerinnen war deutlich zu spüren. Die Referentin des Ecomuseums schien emotional wenig beteiligt zu sein; hier gelang es weder, die Idee dieses Projekts noch seine Bedeutung in der Region oder seine Zukunftsperspektiven deutlich zu vermitteln. In Frankenau wiederum spaltete sich die Einschätzung des Projekts analog zum Vortrag des Gesprächspartners. Schilderte er die Situation anfangs sehr engagiert, so überwog im zweiten Teil des Gesprächs die Resignation angesichts der politischen Situation in Hessen. Das Biosphärenreservat Rhön hinterließ den nachhaltigsten Eindruck. Zum einen setzt es eine Fülle professioneller Medien ein, um seine Ziele zu vermitteln, so dass der Eindruck der Professionalität auch in der Projektgestaltung entstand. Zum anderen waren die beteiligten Gesprächspartner (ein Mitarbeiter der Verwaltungsstelle auf der Wasserkuppe, der Schäfer, die Besitzerin der Schaukelterei) sehr engagiert und trugen immer wieder neue kreative Ideen vor. Die Zukunftsperspektiven dieses Projekts wurden daher auch sehr positiv eingeschätzt.

Im Rückblick lässt sich sagen, dass die konkrete Anschauung verschiedener Projekte bei einer solchen Veranstaltung sehr wichtig ist. Eine Einführung in die Idee nachhaltiger Regionalentwicklung, die sich auf eine theoretische Auseinandersetzung beschränkt, wird den hier dargestellten Lernerfolg nicht erreichen. Am deutlichsten wird dies dadurch, dass zwar alle Beteiligten mit dem Begriff „Regionalentwicklung“ zu Anfang des Tutoriums etwas anzufangen wussten, ihn später jedoch wesentlich konkreter füllen konnten und dies auch selbst so empfanden.

Aufgrund der vielen Exkursionen reichte der zunächst angesetzte Zeitrahmen nicht aus. In Absprache mit den Teilnehmerinnen wurden also teilweise mehr Zeitstunden für die Exkursionen angesetzt, um durch die teilweise lange Fahrzeit nicht zu wenig Zeit für die Anschauung und inhaltliche Auseinandersetzung zu haben. So wurden sowohl für den Besuch des Biosphärenreservates Rhön als auch des Modellprojekts Landwirtschaft und Naturschutz in Frankenau insgesamt sechs Zeitstunden genutzt.

Die Vorbereitung der einzelnen Projekte durch die einzelnen Teilnehmerinnen war sehr sinnvoll, weil sie sich dadurch selbst verantwortlicher für „ihr“ jeweiliges Projekt fühlten. Deutlicher hätte jedoch die Aufgabe der Protokoll- bzw. Gesprächsführung gestellt werden sollen, damit die zu Anfang aufgeworfenen Fragen besser hätten geklärt werden können, um die Projekte vergleichbar zu machen. Dies scheiterte zum einen an den mit den Sprachschwierigkeiten verbundenen Unsicherheiten, aber auch an der Tatsache, dass während der ersten beiden Termine die Bedeutung dieser Aufgabe noch nicht wahrnehmbar war. Mit dem Verlassen der theoretischen Ebene dieser Termine und der konkreten Anschauung stieg die Motivation der Teilnehmerinnen deutlich.

Ein Problem war das Referat zur Strukturpolitik. Es scheint der Veranstalterin notwendig, entsprechende Informationen weiterzugeben, damit deren Finanzierungskonzepte konkret eingeordnet werden können. In dem geplanten Konzept des Tutoriums war es jedoch schwierig, die Relevanz dieses sehr trockenen Themas zu vermitteln. Die Ausgabe entsprechender Unterlagen ist in jedem Fall sinnvoll. Nach dem Referat war eine verwirrte Stimmung zu spüren, die sich aber durch den ersten Besuch eines Beispielprojekts schnell wieder hob.

Ursprünglich war einmal geplant, die Beschreibung der verschiedenen Leitbilder, die hinter den Projekten stehen, zum Inhalt des Tutoriums zu machen. Dies wäre jedoch eine von der Seminarleiterin forcierte Fragestellung gewesen und hätte mit Sicherheit nicht zu dem Lernerfolg geführt wie die Klärung der von den Teilnehmenden selbst aufgeworfenen Fragen.

Insgesamt gesehen war das Tutorium eine sehr gelungene Veranstaltung, da der Lernerfolg der Teilnehmerinnen und ihre hohe Motivation stets zu spüren war. Das gewählte Konzept macht daher mit einigen Veränderungen Sinn.

5 Ausblick

Für zukünftige Veranstaltungen dieser Art empfiehlt es sich auf jeden Fall, Beispielprojekte einzubinden. Eine vertiefte theoretische Auseinandersetzung kann in anschließenden Seminaren stattfinden. Die Eindrücke einer konkreten Anschauung in einer Einführungsveranstaltung lassen sich jedoch durch nichts ersetzen. Die Freiheit in dem gesetzten Zeitrahmen, wie sie in dem hier beschriebenen Tutorium gegeben war, ist dabei nicht zwingend notwendig, da sich mit Sicherheit auch in näherer Umgebung genügend Projekte finden werden. Auch müssen es nicht unbedingt vier sein; empfehlenswert scheint jedoch der Besuch mindestens zweier Projekte, um durch die Differenzierung verschiedene Aspekte der ländlichen Regionalentwicklung besser herausarbeiten zu können.

Die Einbindung der Teilnehmenden ist für den Lernerfolg sehr ausschlaggebend. Zum einen stärkt sie die Motivation, sich mit dem Thema auseinander zu setzen, zum anderen wird der Wissensstand der Teilnehmenden automatisch berücksichtigt. Die Vorbereitung der Projektbesuche durch die Teilnehmenden selbst wie auch die Klärung der von ihnen – und nicht von dem oder der Seminarleitenden – aufgeworfenen Fragen sind der beste Garant für eine starke Auseinandersetzung mit dem Thema und bleibende Eindrücke. In diesem Sinn wäre es auch hilfreich gewesen, die Teilnehmenden selbst mit der Darstellung der Strukturpolitik sowie der Finanzierungskonzepte auf EU- und Länderebene zu betrauen. Nicht zwangsläufig muss dies vor dem Besuch der Projekte geschehen. Nach dem Besuch von ein oder zwei Projekten wäre die Notwendigkeit der Informationen wahrscheinlich sehr viel deutlicher geworden.

Die Rolle der Seminarleitung besteht also darin, eine „vorbereitete Umgebung“[8] zu schaffen, in der die Teilnehmenden Lernerfolge erreichen können. Dies beinhaltet die Auswahl der Beispielprojekte, die Versorgung mit Literatur bzw. die Öffnung anderer Informationsquellen und individuelle Hilfestellung. Fragen, die bearbeitet werden sollen, müssen Fragen der Teilnehmenden, nicht der Leitung sein. Die Seminarleitung kann dabei Anregungen geben; ihr Einfluss auf den Seminarinhalt besteht jedoch vor allem in der Auswahl und Ankündigung des Themas vor Beginn des Tutoriums. Sie sollte eine klare Zielsetzung formulieren und den Verlauf des Tutoriums im Hinblick auf das Erreichen dieses Ziels kontrollieren.

Es ist wichtig, Aufgaben deutlich zu machen. Jeder und jede Teilnehmende muss wissen, was von ihm erwartet wird, und die Chance haben, persönliche Schwierigkeiten von Anfang an berücksichtigt zu wissen.

Insgesamt gesehen ist ein derartiges Seminar nicht nur für Studierende entsprechender Fachrichtungen interessant. Vielmehr könnte es auch genutzt werden, um Bewohnern und Bewohnerinnen einer Region Projekte in ihrem Gebiet bekannt zu machen bzw. die ländliche Bevölkerung selbst mit der Strukturpolitik und ihren Möglichkeiten vertraut zu machen. Entsprechende Seminare wären beispielsweise in Volkshochschulen, Fortbildungsakademien, auf Gewerkschaftsebene oder in der Sekundarstufe II der Schulen durchführbar. Für Bewohner und Bewohnerinnen einer Region selbst würden sie zur Stärkung der Identität beitragen, die ein nicht unerheblicher Motor regionaler Entwicklung ist. Allgemein ist die ländliche Regionalentwicklung ein wichtiger politischer Faktor zur Entfaltung nachhaltiger Lebensweisen, so dass sie als Bildungsthema Teil einer politischen Aufklärung sein sollte.

6 Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit wird das Konzept, der Inhalt und die Evaluierung eines Tutoriums „Ländliche Regionalentwicklung in Nordhessen“ beschrieben, das im Sommersemester 2001 durchgeführt wurde.

Die Konzeption des Tutoriums beruht vor allem auf der Anschauung konkreter Beispielprojekte in verschiedenen Regionen Nordhessens, die anhand zentraler Fragen miteinander verglichen werden. Diese Fragen werden von den Teilnehmenden erarbeitet.

Die inhaltlichen Themen des Tutoriums werden in der Arbeit ausführlich beschrieben:

- Die Region Nordhessen;
- Die Strukturpolitik der Europäischen Union;
- Die Strukturpolitik des Landes Hessen;
- Die vier Beispielprojekte;
- Die vergleichende Betrachtung der Projekte;
- Ein Planspiel zur Kontrolle des Lernerfolgs.

In der Evaluierung des Tutoriums werden Anregungen der Teilnehmenden sowie der Tutorin genutzt, um Vorschläge für die Gestaltung zukünftiger Seminare dieser Art zu machen.

7 Quellen

- Agrar-Bündnis e.V. (2001): Landwirtschaft 2002 - Der kritische Agrarbericht. Rheda-Wiedenbrück;
- Agrar-Bündnis e.V. (2000): Landwirtschaft 2001 – Der kritische Agrarbericht. Rheda-Wiedenbrück;
- Bach et al. (1998): Europäische Strukturpolitik auf Bundes-, Landes-, regionaler und kommunaler Ebene; Bayreuth;
- BBR (2001) – Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung; in http://www.bbr.bund.de/raumordnung/strukturpolitik-finanzen/gemeinschaftsaufgabe.htm; vom 26.04.2001;
- Biosphärenreservat Rhön (2001): in http://www.biosphaerenreservat-rhoen.de; vom 02.06.2001;
- BMELF (1996) – Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten: Aktionen zur ländlichen Entwicklung – Bundesweites LEADER II Seminar, 16. bis 18. April 1996 in Netzeband/Brandenburg. Bonn;
- Bundeszentrale für politische Bildung (2000): Staatsrecht der Bundesrepublik Deutschland; Bonn;
- Deutscher Bundestag (2002); in http://www.bundestag.de/aktuell/bp/2001/bp0104/0104046c.html; vom 26.08.2002;
- DVL (1999) – Deutscher Verband für Landschaftspflege: Verzeichnis der Regional-Initiativen. 230 Beispiele zur nachhaltigen Entwicklung. Ansbach;
- DVL (o.J.) - Deutscher Verband für Landschaftspflege: Regionen im Aufbruch – Kulturlandschaften auf dem Weg zur nachhaltigen Entwicklung. Heft 2 der DVL-Schriftenreihe „Landschaft als Lebensraum“. Ansbach;
- Europäische Kommission (2001); Generaldirektion Regionalpolitik; in http://europa.eu.int/comm/regional_policy/sources/graph/maps/cnat/de_obj1-2_de.pdf; vom 12.08.2002;
- GG (Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland); in Bundeszentrale für politische Bildung (2000), S. 7-89;
- Giering, C. (2000): Agenda 2000; in Weidenfeld/Wessels, S. 53-57;
- HDLGN (2001)– Hessisches Dienstleistungszentrum für Landwirtschaft, Gartenbau und Naturschutz; in http://www.hdlgn.de; vom 23.05.2001;
- HLT (1995): Förderkonzept für den Landkreis Waldeck-Frankenberg; Wiesbaden;
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- HMULF (2001) – Hessisches Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Forsten: STAR-Arbeitsdokument; in http://www.mulf.hessen.de/landwirtschaft/entwicklungsplan/entwicklandraum.htm; vom 29.04.2001;
- HMWVL (2000/I) – Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung: Landesentwicklungsplan Hessen 2000. Wiesbaden;
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- Inforegio (2001) – Informationswebsite der Europäischen Kommission, Generaldirektion Regionalpolitik; in http://www.inforegio.cec.eu.int; vom 13.04.2001;
- Initiative Pro Nationalpark (Hrsg.) (1991): Nationalparkregion Kellerwald. Korbach;
- Ipsen, D., et al. (1999): Evaluierung des Programms zur ländlichen Regionalentwicklung in Hessen - Ein Projekt der Arbeitsgruppe Empirische Planungsforschung an der Universität Kassel, Fachbereich für Stadtplanung und Landschaftsplanung; unveröffentlicht.;
- LFN-Reformgesetz (2001) – Gesetz zur Reform der Landwirtschafts-, Forst-, Naturschutz-, Landschaftspflege-, Regionalentwicklungs- und Flurneuordnungsverwaltung; in http://www.hessenrecht.hessen.de/gvbl/gesetze/800_Organisation_und_Behoerdenaufbau.htm; vom 29.04.2001;
- RP Kassel (2001) - Regierungspräsidium Kassel: in http://www.rp-kassel.de; vom 31.03.2001;
- Seidel, B. (2000): Regional-, Struktur- und Kohäsionspolitik; in Weidenfeld/Wessel, S. 322-329;
- Verein für Regionalentwicklung im Landkreis Kassel (1997): RegionalReport. Hofgeismar;
- Verein für Regionalentwicklung (VfR) Werra-Meißner (1999): Der Anfang ist gemacht! 4 Jahre Regionalentwicklung im Werra-Meißner-Kreis (Broschüre). Eschwege;
- Volkshochschule (VHS) Landkreis Kassel / Verein für Regionalentwicklung im Landkreis Kassel (1995): Leben und lernen in der Region - Projekt Weser-Diemel - Jahresbericht 1995. Hofgeismar;
- Weidenfeld, W.; Wessels, W. (Hrsg.) (2000): Europa von A bis Z - Taschenbuch der europäischen Integration. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn.

[...]


[1] Didaktische Methoden sind in Kapitälchen gesetzt und werden im Anhang erklärt.

[2] alle statistischen Zahlen nach HSL 2000

[3] mit „Abhängigkeitsraten“ wird die Zahl der nicht erwerbsfähigen Personen von unter 15 bzw. über 65 Jahren bezeichnet, die auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter kommen.

[4] Verordnung = gilt in jedem Mitgliedsstaat; Richtlinie = Zielbeschreibung; die Modalitäten bestimmen die Mitgliedsstaaten selbst; Entscheidung = gilt für einzelnen Mitgliedsstaaten oder (natürliche bzw. juristische) Person

[5] Ergänzung 2002: Die Programme wurden im Frühjahr 2002 genehmigt, so dass die konkrete Förderung von LEADER+ Projekten erst zu diesem Zeitpunkt beginnen konnte.

[6] Ergänzung 2002: Im Januar 2002 wurden neue Richtlinien zur Förderung der regionalen Entwicklung in Hessen veröffentlicht, womit das ursprüngliche Programm der rot-grünen Landesregierung endgültig aufgehoben wurde (StZHe 1/2002)

[7] Im Anhang findet sich eine graphische Darstellung der fiktiven Region.

[8] Der Ausdruck „vorbereitete Umgebung“ stammt von der Reformpädagogin Maria Montessori (1870-1952)

Details

Seiten
47
Jahr
2002
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108102
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,7
Schlagworte
Ländliche Regionalentwicklung Nordhessen Tutorium

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Titel: Ländliche Regionalentwicklung in Nordhessen - ein Tutorium