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Debatten der Internationalen Politik

Hausarbeit 2003 7 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

I. Einleitung

Internationale Politik setzt sich aus den Außenpolitiken mehrerer Länder zusammen. Die akademische Disziplin der Internationalen Politik beschäftigt sich mit den Internationalen Beziehungen der Staaten untereinander und ist nach Ernst Otto Czempiel der „Oberbegriff“ über die „Analysen“ der Internationalen Politik, sowie der „Außenpolitik einzelner Staaten“.(Czempiel, S.4)[1]. Ihr oberstes Ziel ist es, Internationale Politik, im Folgenden IP genannt, verstehen und erklären zu können. Im Zuge dieser Untersuchungen haben sich die verschiedensten Theorien entwickelt, um die Vorgänge in der IP zu analysieren. Diese Methoden treffen oft sehr konträr aufeinander, da sie sich in ihrer Vorgehensweise zu Ursachenerklärungen deutlich voneinander differenzieren und an bestimmte Probleme methodisch anders herangehen. Im Zuge der Entstehung unterschiedlicher Methoden haben sich so vier große Debatten in den Internationalen Beziehungen entwickelt, die nun im Folgenden chronologisch dargestellt werden.

II. Die vier Debatten in den Internationalen Beziehungen

In der ersten Debatte der Internationalen Beziehungen von 1920 bis etwa 1950 treffen Idealisten und Realisten aufeinander, gefolgt von der zweiten Debatte zwischen Traditionalisten und Szientisten. Die dritte Debatte entstand nach Ende des Ost-West-Konflikts zwischen Neorealisten und Globalisten, wobei einige Politologen der Ansicht sind, dass diese bis heute andauert und so die vierte Debatte zwischen den etablierten Traditionen und neuen Ansätzen, wie (Post-) Positivismus und (Sozial-) Konstruktivismus als Teildebatte der dritten betrachten. Diese vier Debatten werden nun hinsichtlich ihres Erklärungspotentials untersucht und anhand konkreter historischer Ereignisse im internationalen Geschehen präzisiert.

1. Erste Debatte: Idealismus vs. Realismus

Der Idealismus wird auch als Utopischer Liberalismus bezeichnet. Ein Blick ins Lexikon zeigt, dass diese Bezeichnung durchaus zutreffend ist. Im Brockhaus[2] wird Idealismus allgemein als „durch Ideen oder Ideale bestimmte Weltanschauung“ beschrieben. Der Liberalismus, dessen bekannteste Vertreter Immanuel Kant und John Locke sind, fordert die Freiheit aller Menschen und Staaten und nimmt den Fortschritt in Kultur, Recht, Wirtschaft und sozialer Ordnung als geschichtliche Entwicklung an. Für Kant haben Menschen, und somit auch Staaten, kein vorrangiges Interesse an Macht, sondern v.a. am friedlichen Miteinander, denn nur durch Frieden ist Wohlstand für sie möglich. Im Fokus des Utopischen Liberalismus’, der u.a. von Edward Carr in seinem Buch „The twenty years’ crisis“ (1919-1939) begründet wurde, stehen „Völkerrecht, Internationale Organisationen, Interdependenz, Kooperation und Frieden“[3].

Im Gegensatz zu diesen „positiven“ Vorstellungen fokusiert der Politische Realismus (1930-1950) mit seinem Hauptvertreter Hans Morgenthau (der viele Bestandteile seiner Theorie aus Thomas Hobbes „Leviathan“ genommen hat) „Machtpolitik, Misstrauen, Konflikt / Krieg, militärische Sicherheit, Angriff und Aggression“ (Jackson / Soerensen)3. Für Realisten ist Krieg ein unvermeidbares Mittel, Probleme und Konflikte zu lösen. Nationale Macht ist dabei aber durchaus in die Schranken des Gleichgewichts der Mächte („Balance of Power“) verwiesen. Der wichtigste Grundsatz des Realismus’ ist nach Morgenthau, dass Staaten interessenorientiert handeln, wobei Interesse im Sinne von Macht verstanden wird. Macht bedeutet für ihn, über das Handeln anderer bestimmen und es beeinflussen zu können. Realistische Politik ist also immer „Machtpolitik“.[4]

Diese Kontroverse des Idealismus’ und Realismus’ bringt Carr, der sich vom Realisten zum Idealisten wandelte, auf einen entscheidenden Punkt: Nachdem sich Utopie und Realität gegenüberstehen, also wie Politik idealerweise aussehen sollte (=Theorie) und wie sie tatsächlich in Erscheinung tritt (=Praxis), sollte es das Bestreben jedes Politikers sein, die beiden Gegensätze „Ethik“ (im Sinne von Moral) und „Politik“ (im Sinne von Macht) unter einen Hut zu bringen: „Ethics must be interpreted in terms of politics“, Ethik soll sich auf die politische Realität beziehen.

2. Zweite Debatte: Traditionalismus vs. Szientismus

Die zweite Debatte, die sich zu Beginn des Kalten Krieges entwickelt hat, wird wegen ihres Gehalts über die methodische Analyse von IP auch methodologische Debatte genannt. In Ihr finden sich traditionelle Ansätze mit dem Schwerpunkt des Verstehens und die szientistische Antwort des Erklärens wieder.

Traditionalisten versuchen historisch zu verstehen. Sie erklären insofern die Vergangenheit, indem sie auf Werte und Normen damaliger Gegebenheiten hinweisen, Umstände von bestimmten Situationen darstellen und somit die Ursachen von Konflikten und Kriegen beleuchten. In den Vordergrund rückt die Frage „Wie wird Krieg verhindert?“ im Gegensatz zu früheren Diskussionen „Wie wird Krieg gewonnen?“ Theorien innerhalb des Sachverhalts sind von entscheidender Bedeutung. Hans Morgenthau z.B. bedient sich für seinen Politischen Realismus der traditionellen Methode, indem er seine realistischen Thesen anhand historischer Ereignisse untermauert.

Die szientistische Antwort auf diesen Ansatz bilden Hypothesen, also Ursache/Wirkung-Darstellungen. Wissenschaftliches Wissen wird mit psychologischen Untersuchungen kombiniert, was den Szientisten ermöglicht, bestimmte Umstände in der IP zu erklären (wobei die Voraussetzung von „erklären“ selbstverständlich „verstehen“ ist). Daten und Fakten werden gesammelt und analysiert, um so vielleicht Prognosen für die Zukunft geben zu können. Theorien außerhalb des Sachverhalts rücken in den Vordergrund.

3. Dritte Debatte: Neorealismus vs. Globalismus

Nachdem sich nach dem Ende des Kalten Krieges eine neue (Macht-)Konstellation in der Welt herausgebildet hat, wurden die Karten neu gemischt und die traditionellen Strömungen in Frage gestellt. In dieser dritten Debatte, von der (wie bereits oben in der Einleitung kurz erwähnt) Einige der Meinung sind, dass sie noch nicht beendet ist, treffen (Neo-)Realisten und (Neo-)Liberalisten auf den Globalismus. Er kritisiert die herkömmlichen Theorien insofern, indem er ihnen vorwirft, über die Probleme in der Welt nur zu diskutieren, nichts aber an deren Wurzeln zu ändern. So rückt z.B. die Problematik der Dritte-Welt-Länder erstmals in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Der Globalismus stellt neben der Unterentwicklung in vielen Ländern der Welt auch die globale wirtschaftliche und kulturelle Abhängigkeit (=Dependenz) in den Vordergrund und sieht im Kapitalismus ein Wirtschaftssystem, das Menschen und Staaten zu seinen Marionetten dekliniert.

Der Neorealismus, der für die dritte Debatte mit namensgebend ist und als Hauptgegenpol zum Globalismus auftritt, zeichnet sich aus durch seine Betrachtungsweise, die sich auf der von Kenneth Waltz bezeichneten Systemebene (als der dritten Ebene, neben der Staaten- und der Individualebene) abspielt.[5] Waltz als Vertreter des Neorealismus’ kritisiert das bloße Sammeln von Fakten ohne deren logische Auswertung. Gesetze erklärten sich nicht von selbst, das könnten nur Theorien, so Waltz. In seinem Versuch IP zu erklären, wählt er die Systemtheorie, die sich mit den Staaten als Einheiten und deren Beziehungen zueinander als Strukturen innerhalb des politischen Systems beschäftigt.

4. Vierte Debatte: Etablierte Traditionen vs. Neue Ansätze

In der vierten Debatte der Internationalen Beziehungen, die von Einigen als Bestandteil der dritten Debatte gesehen wird, treffen die sogenannten etablierten Traditionen wie (Neo-) Realismus, (Neo-)Liberalismus, die Internationale Gesellschaft und die International Political Economy auf die neuen Ansätze des (Post-)Positivismus’ und des (Sozial-)Konstruktivismus’. Während der Positivismus v.a. unter Juristen, die nur nach dem geschriebenen Gesetz handeln, Anhänger findet, stellt der Konstruktivismus alle vorigen Theorien in Frage. In seiner Abhandlung „Internationale Beziehungen als Konstrukt“[6] beschreibt Ulrich Menzel u.a. das Stadienmodell von Normentstehung, Normverbreitung und Norminternalisierung, bei dem Normen als Erwartungen gelten, die von den Konstruktivisten untersucht werden: Woher kommt es, dass einige Staaten als Freunde und andere als Feinde betrachtet werden? Das Freund/Feind-Denken hat seinen Ursprung in bestimmten Erwartungen an ein Land. Wenn ein Land nicht die gleichen Werte und Normen (z.B. Demokratie) hat, wie ein anderes, wird es als Feind angesehen. Nach konstruktivistischer Sichtweise bilden sich Politiker (oder auch Wissenschaftler und Theoretiker) diese Konstrukte (daher der Name) allerdings nur ein. Die Souveränität eines Staates muss nicht zwangsläufig auf materiellen Dingen, wie Territorium oder Währung basieren, sie kann auch lediglich durch gegenseitiges Anerkennen bestehen. Der Staat tritt im Konstruktivismus nicht mehr als nutzen- und machtmaximierendes „Ungeheuer“ auf, sondern als gesellschaftliches Wesen, und das ist es, warum der Konstruktivismus mit den etablierten Traditionen konfrontiert.

III. Beispiele einer möglichen Debatten-Anwendung

Um diesen abstrakten Ausführungen ein Gesicht zu verleihen, werden einige dieser Methoden nun auf Ereignisse im internationalen Geschehen angewandt.

1. Der Kalte Krieg

1.1. Realistische Methode

Der im Rahmen des Ost-West-Konflikts stattgefundene, äußerst gefährliche Rüstungsstreit zwischen den USA und der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg hat nach realistischer Sichtweise seine Ursache im ständigen Machtstreben der Staaten, das aus einem gegenseitigen Misstrauen resultiert. Beide Staaten trauen dem anderem nicht und befinden sich so in einem Sicherheitsdilemma. In der Angst, die Sowjetunion könne mächtiger als die USA werden, entwickelten diese immer modernere und gefährlichere Waffen. Die Sowjetunion fühlte sich in ihrer Angst, von der militärischen Macht der USA besiegt zu werden, zu weiteren Aufrüstungen angespornt. Beide Staaten befanden sich in einem Teufelskreis, aus dem es keinen Ausweg zu geben schien, dessen Höhepunkt schließlich in der Kuba-Krise und der Stationierung amerikanischer Raketen in Europa erreicht war. Nur in letzter Sekunde konnte ein totaler Krieg, der verheerende Folgen gehabt hätte, verhindert werden.

1.2. Analyse der Konstruktivisten

Eine ganz andere Sichtweise in Bezug auf den Kalten Krieg bietet der Konstruktivismus. Für ihn hätten sich die USA und die Sowjetunion ihre Feindbilder nur „eingebildet“. Beide Staaten hatten bestimmte Erwartungen, verschiedene Normen und Werte. Als es während des Zweiten Weltkrieges noch den gemeinsamen Feind Deutschland gab, konnten sie ihre gegensätzlichen Wertvorstellungen noch überbrücken und Seite an Seite kämpfen. Als dieser Faktor dann wegfiel, kamen ihre Differenzen klar zum Ausdruck, Misstrauen wuchs und versperrte die Möglichkeit auf eine rationale Diskussion.

2. Der Indien/Pakistan-Konflikt 1999/2000

2.1. Traditioneller Ansatz

Der Streit um die Kaschmir-Region zwischen den Atommächten Indien und Pakistan besteht schon seit 1947, als Großbritannien die beiden Länder in die Unabhängigkeit entließ. Die Hochgebirgslandschaft und ehemaliger Fürstenstaat (bis 1947) war schon die Ursache des Krieges von 1971, indem Pakistan zwar unterlegen war, den Konflikt aber bis heute nicht endgültig löste. 1999/2000 flammte der Streit erneut auf und gipfelte mit dem gegenseitigen Aufstellen von Raketen an der Grenze der beiden Republiken.

2.2. Szientistischer Erklärungsversuch

Die Kaschmir-Region wird mit einer Fläche von 141.122 km2 zur Schafzucht genützt und ihr fruchtbarer Boden bietet gute landwirtschaftliche Voraussetzungen für den Anbau von Reis, Mais, Weizen, Gerste und Obst (s. Brockhaus, S.478)2. Es ist klar, dass sich die eher armen Länder Indien und Pakistan um dieses Gebiet reißen, denn die Möglichkeit auf mehr Erträge bedeutet höheren Wohlstand und verbessert auch deren Wirtschaftslage.

IV. Fazit: Die Debatten als entscheidende Rolle in der akademischen Disziplin der Internationalen Beziehungen

Die vier dargestellten Debatten spielen eine recht große Rolle in der akademischen Disziplin der Internationalen Beziehungen. Denn sie beinhalten nicht nur Methoden, die zur Erklärung von Krieg und Frieden dienen, sie sind auch Werkzeuge, mit denen sich alle Vorgänge im Internationalen System erklären lassen können. Die Debatten spiegeln wieder, dass es verschiedene Ansätze gibt, Internationale Politik zu erklären. Die Diskussion, welche Methode zur Analyse internationaler Ereignisse geeignet ist, zeigt wohl, dass bis jetzt kein Ansatz für sich alleine ausreicht, um die komplexen Vorgänge zu erklären.

Doch staatliches Handeln wird in jedem Falle nachvollziehbarer, wenn man weiß, aus welcher Situation heraus agiert wird. Diese Ansätze sind wie Brillen, durch die man verschiedene Betrachtungsweisen erlangt. Eine rote Brille verschafft – wie z.B. der Utopische Liberalismus – eine andere Betrachtungsweise als eine grüne Brille bzw. der Globalismus. Wie die obigen Beispiele zeigen, kann man sich mehrerer solcher „Werkzeuge“ zur Analyse bedienen. Wenn man sich aber für eine Brille entschieden hat, darf man nicht den Fehler machen, innerhalb seiner Untersuchung die Brille plötzlich zu wechseln. Es würde ein unklares, ja verzerrtes Bild entstehen, da jede Brille über ein anderes Erklärungspotential verfügt.

Welche Brille wo von Vorteil ist, liegt – im Gegensatz zu manchen Politikern, die so manche Fakten zu ihren Gunsten auslegen – im Sinne eines scharfsinnigen Politologen ...

[...]


[1] Czempiel, Ernst Otto. Die Disziplin „Internationale Beziehungen“ und die Bestimmung des Gegenstandes. In: Einführung in die Internationale Politik. S.2-26. München: 1996.

[2] Der Brockhaus in einem Band.9 Fa. Brockhaus GmbH. Leipzig: 2000

[3] Aus: Jackson / Soerensen: Introduction to International Relations. Oxford: 1999

[4] Morgenthau, Hans. Macht und Frieden. Gütersloh: 1963. S.48-80

[5] Waltz, Kenneth. Theory of International Politics. Random House. New York: 1979. Kapitel 1-6

[6] Menzel, Ulrich. Internationale Beziehungen als Konstrukt. In: Zwischen Idealismus und Realismus. Frankfurt/Main: 2001. Kap.27

Details

Seiten
7
Jahr
2003
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108040
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1
Schlagworte
Debatten Internationalen Politik Grundkurs Internationale Politk

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