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Goethe, Johann Wolfgang von - Die Leiden des jungen Werther - Biographische Einflüsse zu Goethes Werther

Facharbeit (Schule) 2003 10 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
Kurze Biographie Goethes (1749- 1774)
Zusammenfassung des Briefromans
Biographische Ereignisse
Kritik der Rezensenten am Roman

3. Schluss
Werthers Spuren

4. Quellenverzeichnis

5. Erklärung

6. Anhang

Johann Wolfgang von Goethe

In meiner Facharbeit versuche ich mit Literaturhilfe zu beweisen, dass Johann Wolfgang Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ nicht aus einer Laune heraus geschrieben wurde, sondern dass er durchaus biographische Ereignisse von seinem Leben in diesem Roman mit einfließen lässt.

Die Figuren in seinem Roman haben alle Vorbilder, die zu Goethes Zeit lebten und mit denen er einen Zeitabschnitt zusammen verbrachte. Lottes Vorbild ist Charlotte Buff, in die Goethe verliebt war und sie auch auf einem Ball zum gleichen Datum, wie Werther seine Lotte, kennenlernte. Lottes Verlobter Albert hat zum Vorbild Johann Christian Kestner, mit dem Goethe besser befreundet war als er es im Roman darstellt. Goethe beschreibt im Roman Szenen aus seinem eigenen Leben, die sogar fast zeitgleich stattfanden. Es sind also Szenen aus der Wirklichkeit entnommen, die eine Krise von Goethe 1772- 1774 beschrieben.

Es waren Ereignisse, die er sich von der Seele schreiben musste, um damit abzuschließen.

Die Figur Werther ist mit Goethe durchaus zu vergleichen, da sie seine Persönlichkeit widerspiegelt, kann sie aber auch mit Goethes Mitstudenten Karl Wilhelm Jerusalem verglichen werden, der ähnlich wie Goethe eine bereits vergebene Frau liebte und abgewiesen wurde. Der Selbstmord Werthers am Ende des Romans beschreibt auch das Ende Jerusalems, der sich am Schreibtisch sitzend erschoss. Goethe hat den Tathergang von Jerusalems Tod bis ins kleinste Detail übernommen.

Das Buch erhielt nicht nur Lob, sondern auch genug Kritik, meistens über das Ende des Buches, den Selbstmord. Man warf Goethe vor, er nehme keine moralische Position gegen den Selbstmord ein, es wäre eine Empfehlung des Selbstmordes. Durch die vielen Folgeselbstmorde wurde der Roman in Leipzig sogar verboten.

Biographie Goethes

Johann Wolfgang Goethe[1] wurde am 28.8.1749 in Frankfurt am Main geboren. Seine Eltern Johann Casper Goethe[2] und Catharina Elisabeth Textor[3] konnten ihm und seinen vier weiteren Geschwistern[4] ein wohlhabendes Elternhaus[5] bieten. Johann Wolfgang war der älteste Sohn der Familie Goethe. Jedoch verlor er schon nach ungefähr 12 Jahren drei seiner Geschwister bis auf seine eineinhalb Jahre jüngere Schwester Cornelia[6].

Johann Casper Goethe heiratet mit 38 Jahren die 18 jährige Catharina Elisabeth Textor. In der Ehe mit dem viele Jahre älteren Mann hat sie alle Hände voll zu tun sich durchzusetzen, da ihr Mann sie nach seinen Idealen formen möchte. Er ist sehr stur und durchsetzungswillig bei allem, was er vorhat. Johann Casper leidet daher schon früh an den Folgen seiner zwei Schlaganfälle und muss von seiner Frau gepflegt werden.

Johann Wolfgang wurde daheim mit seiner Schwester zusammen von seinem Vater unterrichtet in den Fächern: Naturwissenschaft, Literatur, Mathematik und alte und neue Sprache. Später unterrichtete sie ein Hauslehrer und im Jahr 1756 kam er in eine öffentliche Schule. Die Kinder profitieren von dem starken Bildungsdrang des Vaters, denn für ihn ist kein Buch, kein Lehrer zu teuer, um die Bildung seiner Kinder zu fördern. Jedoch hängt auch öfters der Haussegen schief, da die Familie mit seinem Starrsinn zu kämpfen hat[7].

Am 29.9.1765, mit 16 Jahren, sollte Johann Wolfgang auf Drängen seines Vaters das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Leipzig beginnen. Sein Vater studierte früher auch Jura in Gießen und später auch in Leipzig, er war zwar fleißig, aber nicht sehr begabt für dieses Studium[8].

Johann Wolfgang hatte schwer mit der Entscheidung seines Vaters zu kämpfen, denn er interessierte sich nicht wirklich für das Studium, sondern viel mehr fühlte er sich zur Literatur hingezogen. Sein größter und sehnlichster Wunsch war es einmal an dem Tisch derer zu sitzen, die er bewunderte, und sich deren Lehren anzuhören. Diese Menschen waren zum Beispiel Christian Gottlob Heyne[9], David Michaelis[10] und viele andere Mitglieder des Dichterkreises in Göttingen[11].

Sogar Freunde und Bekannte hatten versucht Goethes Vater umzustimmen und ihn davon zu überzeugen, dass er für etwas anderes bestimmt sei. Sie stießen jedoch auf Sturheit seitens des Vaters, der sich von seinem Vorhaben nicht abbringen ließ. Er bestand hartnäckig darauf, dass sein Sohn einmal Anwalt wird, er selber arbeitete nie als Anwalt, obwohl er mit 28 Jahren den Doktor beider Rechte besaß (Doctor juris utriusque). Er kennt sich also im römischen wie auch im kirchlichen Recht aus[12].

Der Vater setzte sich schließendlich dann doch noch durch und Goethe begann sein Jurastudium in Leipzig. Er lässt auch dort seine Schwester, mit der er sich stets sehr gut verstand und viel unternahm, an seinem Leben teilhaben und schrieb ihr viele Briefe über das Geschehene dort.

Mit 19 Jahren, 1768, litt Goethe unter einer schweren Krankheit und schwebte einige Zeit sogar zwischen Leben und Tod. Dieser Blutsturz zwang ihn nach Frankfurt zurückzukehren und sich zu erholen. Nach einer zweijährigen Erholung daheim mit Hilfe einer Freundin der Mutter und durch Ärzte aus dem näheren Umfeld gelang ihm eine baldige Heilung der Krankheit.

Im Frühjahr 1770 nahm er das Studium, diesmal in Straßburg, wieder auf. Dort machte er eine der wichtigsten Bekanntschaften in seinem Leben. Er lernte Johann Gottfried Herder[13] kennen, durch den er zu Lektüren wie Shakespeare, Homer und Ossian angeregt wurde.

Ein Jahr nachdem Goethe sein Studium wieder aufnahm, bekam er endlich die ersehnte Lizenz für das Rechtswesen und kehrte wegen einer enttäuschte Liebe wieder nach Frankfurt zurück. Kurz darauf nahm Goethe eine Stelle in Wetzlar als Gerichtsreferendar am Reichskammergericht an, wodurch sein Ansehen beim Vater stark anstieg und er richtig Stolz auf seinen Sohn war. Jedoch ließen Johann Wolfgang seine literarischen Arbeiten nicht mehr los und er versuchte sich weiterhin auch noch damit zu beschäftigen.

Dies war für den Vater nun auch kein Problem mehr, der anfangs stark gegen diese Richtung seines Interesses war, da ihn dieser Beruf nicht hätte ernähren können, er lernte nun die dichterischen Arbeiten seines Sohnes zu akzeptieren. Johann Casper hatte schon erreicht, was er erreichen wollte, nämlich dass sein Sohn seinen Wunsch, Jura zu studieren und auch Anwalt zu werden, erfüllte.

Jedoch hoffte Johann Casper insgeheim, dass sein Sohn sich bald ganz seinem Beruf als Anwalt widmet.

Am 25.5.1772 absolvierte Goethe in Wetzlar für einige Monate ein Praktikum am Reichskammergericht, wieder auf Drängen seines Vaters hin.

Kurz darauf lernt er dort in Wetzlar Charlotte Buff[14] kennen, durch die sich für ihn viel veränderte, denn nun war die Vorlage des „Werther“ gegeben.

„Die Leiden des jungen Werther“ wurden im Frühjahr 1774 in nur einigen Wochen geschrieben und verschafften ihm weltweite Berühmtheit.

Biographische Bezüge

Goethe war gerade mal 25 Jahre alt, als er den Roman „Die Leiden des jungen Werther“ verfasste. Er schrieb auch nicht etliche Monate an diesem Werk, es reichten ihm lediglich einige Wochen.

Johann Wolfgang Goethe absolvierte ab 25.5.1772 ein Praktikum in Wetzlar. In dieser Zeit lernte er einige Wochen später Johann Christian Kestner kennen und freundete sich mit ihm an. Durch ihn lernte er auf einem Ball in Volpertshausen am 9.6.1772 Charlotte Buff, Kestners Verlobte, kennen. Goethe war 22, Charlotte 19 und war schon mit dem 11 Jahre älteren Kestner 4 Jahre verlobt[15]. Es dauerte nicht lange und Goethe verliebte sich in die schöne Lotte.

Charlotte Buff, das sie zur Vorlage des Romans diente, ist vielen bekannt, jedoch sind dies nicht die einzigen Gemeinsamkeiten, die Werther und Goethe verbinden und zu ein und derselben Person werden lassen.

Goethe lernte Charlotte kennen und lieben, jedoch wies sie ihn immer wieder zurück, da sie bald einen anderen heiraten würde. Deshalb sah sich Goethe wie auch Werther zu einer Flucht gezwungen, um der enttäuschten Liebe zu entkommen, und verließ Wetzlar am 11.9.1772. Kurz vor seiner Abreise wollte er sich aber noch von den beiden verabschieden und führte ein Abschiedsgespräch[16] mit Charlotte und Kestner, welches auch im Roman auftritt und der Wirklichkeit entnommen ist. Sogar das Gesprächsthema war das gleiche, es ging über den Tod und einem Leben danach. Selbst das Datum der 10.9.1772 stimmt im Roman überein.

Gemeinsamkeiten zwischen Goethe und Werther sind also unbestritten, und dass Kestner die Rolle des Alberts übernimmt und Charlotte die der Hauptfigur Lotte, bleibt auch Außerfrage. Jedoch ist das Verhältnis zwischen Goethe und Kestner in der Wirklichkeit viel entspannter und freundlicher gewesen, als es im Roman zwischen Albert und Werther beschrieben ist.

Eine besondere Abweichung allerdings gibt es bei der Figur Lotte zu ihrem Original. Denn obwohl Lotte Charlotte Buff sehr zu ähneln scheint, gibt es eine wichtige Abweichung. Charlotte hat nicht wie im Roman beschrieben schwarze[17], sondern blaue Augen. Diese besagten schwarzen Augen stammen von einer weiteren umschwärmten Frau aus Goethes Leben, nämlich Maximiliane[18]

La Roche, die gerade mal 16 war, als Goethe sich in sie verliebte, und zu diesem Zeitpunkt leider auch schon verlobt war. Maximiliane wurde zu einer Nachfolgerin von Charlotte, doch schon bald heiratete sie den Frankfurter Kaufmann Peter Anton Brentano. Maximiliane ist die Tochter von Sophie La Roche, zu der Goethe später ständigen Briefkontakt hat. Als er Wetzlar durch die enttäuschte Liebe zu Charlotte verließ, wollte er einen Hausfreund namens Merck[19] der Familie La Roche besuchen. Zu der Zeit hielt er sich bei der Familie in Ehrenbreitstein auf. Goethe lernte dort Maximiliane kennen und verliebte sich auch sofort in sie. Sah sich deshalb erneut zu einer Flucht vor einer enttäuschten Liebe gezwungen und verließ Ehrenbreitstein.

Was auffällt ist, dass Goethe wie auch Werther im Roman oft vor enttäuschten Liebschaften geflohen ist[20]. Seine Flucht führte ihn wieder in seine Heimatstadt Frankfurt. Dort angekommen hält er jedoch weiterhin den Kontakt zu Kestner und Charlotte aufrecht. Kestner ist es auch, der Goethe Schattenrisse[21] von ihm und seiner Verlobten zukommen lässt, das Goethe sehr gefreut hat[22]. Früher war es nämlich so üblich, dass man Schattengesichter von Freunden an der Wand hängen hatte. Goethe konnte sich nun immer an Charlotte erfreuen und sie in guter Erinnerung behalten. Im „Werther“ hängt Lotte auch als Schattenriss an Werthers Wand, welches eine weitere Gemeinsamkeit zu Goethes Leben aufweist. Es ist, als hätte sich Goethe diesen Teil seines Lebens von der Seele geschrieben, um einen Neuanfang zu starten. Es heißt sogar, dass Goethe seine eigenen Wetzlarer Briefe, seine Selbstmordabsichten für die Verfassung des „Werther“ benutzt hat[23].

Doch das sind noch lange nicht alle Übereinstimmungen, die Goethe veranlassten „Die Leiden des jungen Werther“ zu schreiben. Ein wichtiger Beweis für die Gleichheit von Goethe und Werther wäre zum Beispiel, dass Werther wie Goethe am 28.8 Geburtstag hat.

Des Weiteren wird im Roman erwähnt, dass Lottes Mutter gestorben ist und sie sich deshalb um ihre vielen Geschwister kümmern musste. Diese Tatsache hatte auch Charlotte zu verkraften und musste sich früh um ihre jüngeren Geschwister kümmern, um ihnen eine Mutter zu ersetzen. Die Szene, in der Lotte als Engel dargestellt in einem Kreis mehrerer Kinder stehend Brot verteilt, ist der Wirklichkeit entnommen[24] [25].

Auch Werthers besonders ausgeprägtes Verhältnis zur Natur entstammt den wahren Empfindungen, die auch Goethe in der Natur spürte. Er sah die Natur ebenfalls wie Werther als Heilung für sein Herz an und versuchte sich im Zeichnen. „Jetzt, da ich mir selbst und der Einsamkeit überlassen war, trat diese Gabe halb natürlich, halb erworben, hervor; wo ich hinsah erfreute, wollte ich festhalten, und ich fing an, auf die ungeschickteste Weise nach der Natur zu zeichnen.“ (Jeßling, Benedikt: Goethe gibt Auskunft über sein Leben, sein Werk, seine Zeit. S.75, unten)[26]

Goethe bewunderte auch wie Werther einen der größten Dichter, dessen Werke sich nach allen Seiten hinerstrecken[27]. Die Rede ist von Klopstock[28]. Die Bewunderung zu diesem Schriftsteller zeigt sich in der Szene, wo sich Lotte und Werther das erste Mal näher kommen und Lotte zu Werther den Namen „Klopstock“ ausruft und er sofort weiß, wie ihr zumute ist und was sie versucht mit diesem einen Wort auszudrücken. Werther erinnert sich sofort an die „Ode, die ihr [auch] in Gedanken lag, und [er] versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über [ihn] ausgoss.“(Reclam: Die Leiden des jungen Werther. Stuttgart 2001, S.30, Z.18- 20)

Es wird hierbei deutlich, wie viel Goethe und auch Werther gemeinsam haben und wie viel ihnen Klopstock bedeutet.

Ein besonders wichtiges Ereignis jedoch ist das frühzeitige Ende von Karl Wilhelm Jerusalem[29], der freiwillig aus dem Leben schied und sich eines Abends in seinem Zimmer erschoss. Goethe bat Kestner, den hannoveranischen Beamten, zwei Wochen nachdem er von seinem Tod hörte, um einen ausführlichen Bericht über den Tathergang von Jerusalems Tod. Goethe baute das Geschehene fast wort wörtlich in seinen Roman ein. Karl Wilhelm Jerusalem hat mit der Geschichte des Werthers demnach auch viel gemeinsam, besonders das freiwillige Ableben, denn die Gründe für seinen Selbstmord hatten viel mit der unerwiderten Liebe zu einer Frau eines Freundes, Elisabeth Herd, zu tun. Er hatte sich auch wie Goethe in eine Frau verliebt, die bereits vergeben war. Diese Tatsache über eine unerfüllte Liebe zu dieser Frau und die immer wieder auftretenden Schwierigkeiten mit seinem Vorgesetzten machten ihn innerlich so fertig, dass er sich in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 1772 in seinem Zimmer in den Kopf schoss.

Goethe verarbeitete aus den Berichten über Jerusalmes Tod selbst das kleinste Detail in seinem Roman. So lag zum Beispiel ein aufgeschlagenes Buch, Emilia Galotti[30], auf seinem Schreibtisch, an dem er sich erschoss. Das gleiche Buch lag auch bei Werthers Selbstmord aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch, an dem er sich erschoss[31]. Jedoch am kuriosesten ist die Tatsache, dass sich Jerusalem die für seinen Selbstmord nötigen Pistolen von seinem Kollegen Kestner, den er durch die Gesandtschaft kannte, für eine Reise auslieh. Kestner selber wusste auch nichts von Jerusalems Problemen und hatte keine Bedenken ihm die Pistolen auszuleihen. Im Roman sind die Worte, mit denen Jerusalem um die Pistolen bat wörtlich übernommen[32].

Goethe schreibt diesen Roman mit soviel Anteilnahme und deswegen ist die Wirkung dieses Buches so unglaublich groß.

Goethe verarbeitete nicht nur seine Geschichte zu einem Roman, sondern auch die eines Kommilitonen. Ein weiterer Beweis für die eingebrachte Geschichte des Karl Wilhelm Jerusalems ist die Episode, in der Werther Schwierigkeiten mit seinem Vorgesetzten[33] in der Residenz hat, wie auch Jerusalem sie hatte. Er übt Kritik am höfischen Zeremoniell[34] und ihm wird durch eine gesellschaftliche Demütigung[35], die auch Jerusalem erfahren musste, bewusst, dass er nie in die höhere Gesellschaft aufgenommen werde[36].

Man kann also durchaus sagen, dass Goethe von 1772 bis 1774 durch eine Krise ging und diese durch seinen Roman „Die Leiden des jungen Werther“ bewältigte, in dem er sich seine Leiden von der Seele schrieb und es zu einem wahren Kunstwerk wurde. Deswegen sind auch die im Roman genannten Daten der Wirklichkeit entnommen und nicht einfach so ausgedacht. Dadurch schrieb Goethe eine Art Autobiographie aus diesem Teil seines Lebens. Nach der Niederschrift fühlte er sich frei und zu einem Neubeginn bereit. Goethe schreibt dazu: „ Ich hatte mich durch diese Komposition, mehr als durch jede andere, aus einem stürmischen Elemente gerettet. […] Ich fühlte mich wie nach einer Generalbeichte, wieder froh und frei, und zu einem neuen Leben berechtigt.“ (Siepmann, Thomas: Lektürehilfen Johann Wolfgang von Goethe, „Die Leiden des jungen Werther“. -8. Auflage – Stuttgart; Düsseldorf; Leipzig: Klett, 1998, S.98)

Das Problem des Selbstmords

Der Ausdruck „Selbstmord“ stammt aus einer Zeit, in der es ethisch und moralisch als falsch galt, sich umzubringen und es besonders nach christlichem Glauben schlichtweg als große Missetat angesehen wurde.

Im Mittelalter verbot die Kirche sogar die Bestattung des Körpers eines Selbstmörders innerhalb der Stadtmauern. Dieser Mensch hatte einfach zu stark gesündigt und durfte deshalb nicht in geweihter Erde bestattet werden[37].

Die im „Werther“ auftretenden Folgeselbstmorde sind aber auch nicht allein Goethes Schuld, obwohl viele Rezensenten dies behaupteten und das Buch verbieten wollten. Dazu aber später mehr. Es ist vielmehr eine logische Konsequenz der damaligen Zeit. Dadurch, dass sich die Selbstmörder auf die gleiche Weise umbrachten, das heißt, die gleiche Kleidung trugen, am Schreibtisch sitzend wie Werther, vielleicht sogar noch zur selben Uhrzeit sich erschossen, heißt nur, wie sehr sie sich mit der Romanfigur identifizierten und ihre Verbundenheit zu ihr dadurch ausdrücken wollten.

Einer dieser negativ reagierenden Rezensenten, Christian Ziegra, schreibt: „Zu den Schriften, welche Hr. Verf. als sichtbare Beyspiele der Ausbrüche des Verderbens unsrer Zeiten anführet, rechnen wir billig noch die Leiden des jungen Werthers, einen Roman, welcher keinen andern Zweck hat, als das schändliche von dem Selbstmorde eines jungen Witzlings, den eine närrische und verbotene Liebe, und eine daher entsprungene Desparation zu dem Entschlusse gebracht haben, sich die Pistolen vor den Kopf zu setzen, abzuwischen, und diese schwarze That als eine Handlung des Heroismus vorzuspiegeln, einen Roman, der von unsern jungen Leuten nicht gelesen sondern verschlungen wird.“

(Siepmann, Thomas: Lektürehilfen Johann Wolfgang von Goethe, „Die Leiden des jungen Werther“. 8. Auflage. Stuttgart; Düsseldorf; Leipzig: Klett, 1998, S.54)

Es gibt sogar Rezensenten, die soweit gingen dieses Buch zu verbieten. So auch der Leipziger Theologieprofessor Johann August Ernesti, er beantragte bei den Behörden in Leipzig ein sofortiges Verbot dieses Romans. Mit Erfolg. Es wurde daraufhin in Leipzig verboten[38]. Er begründete seine Tat dadurch, dass das Buch eine „Empfehlung des Selbst-Mordes“ sei. (Siepmann, Thomas: Lektürehilfen Johann Wolfgang von Goethe, „Die Leiden des jungen Werther“. 8. Auflage. Stuttgart; Düsseldorf; Leipzig: Klett, 1998, S.55)

Goethe schien sich dessen durchaus bewusst zu sein. Klare Vorwürfe, die man dem Autor machte, dass er den Selbstmord als Rechtfertigung für eine zerstörte Liebe missbrauchte und er durch dieses Reizthema Selbstmord in der damaligen Zeit unmoralisch vorgegangen sei, beeindruckten den Autor wenig.

Im „Werther“ ist die Rede von einer „Krankheit zum Tode“[39] als Definitionsansatz des Selbstmordes angeführt, auf dessen Aussage sich Werther im Roman immer wieder als Begründung zu seiner Absicht zum Tode beruft.

Selbst Herder teilt Goethes Gedanken vom Selbstmord als Krankengeschichte. Herder gehörte zu Goethes Bewunderern und die Bekanntschaft zu ihm war eine der wichtigsten in seinem Leben. Herders Theorie war also, dass „[e]ine wesentliche Naturkraft des Menschen […] seine Leidenschaft [ist]. Vermag der Mensch diese Leidenschaft nicht mehr zu kontrollieren, so gerät er in einen krankhaften Zustand, in dem all seine Kräfte aufgezehrt werden.“

(Siepmann, Thomas: Lektürehilfen Johann Wolfgang von Goethe, „Die Leiden des jungen Werther“. 8. Auflage. Stuttgart; Düsseldorf; Leipzig: Klett, 1998, S.58)

Jedoch kann man durchaus sagen, dass es für Werther eine Art der Befreiung durch den Selbstmord war, denn seine Symptome, die sich im Verlauf des Romans immer stärker ausprägen, weisen eine Krankheit auf. Seine Niedergeschlagenheit, die Depressionen, die Unfähigkeit Dinge zu Ende zu bringen oder gar anzufangen[40], mangelnde Entschlusskraft[41]. All dies ausgelöst durch die enttäuschte Liebe zu Lotte.

Doch was das zeituntypische Verhalten Werthers zum Schluss angeht, ist es durchaus kein Einzelfall, weil es sich um eine häufig vorkommende Krankheit handelt.

Goethe schreibt dazu in seiner Autobiographie: „Von unbefriedigten Leidenschaften gepeinigt, von außen zu bedeutenden Handlungen keineswegs angeregt, in der einzigen Aussicht, uns in einem schleppenden, geistlosen, bürgerlichen Leben hinhalten zu müssen, befreundete man sich in unmütigem Übermut, mit dem Gedanken, das Leben, wenn es einem nicht mehr anstehe, nach eignem Belieben allenfalls verlassen zu können, und half sich damit über die Unbilden und Langeweile der Tage notdürftig genug hin.“

(Siepmann, Thomas: Lektürehilfen Johann Wolfgang von Goethe, „Die Leiden des jungen Werther“. 8. Auflage. Stuttgart; Düsseldorf; Leipzig: Klett, 1998, S.59)

Goethe war also nicht darauf aus eine Verteidigung des Selbstmords zu finden, er wollte lediglich durch seine Krankengeschichte auf einen hilflosen, verletzten Menschen aufmerksam machen und zu Mitleid für sein verstoßenes Herz aufrufen.

Zum Schluss kann man sagen, dass es selbst Wahlheim, den Ort an dem Werther seinen Lieblingsplatz fand und er Lotte kennen lernte, gegeben hat[42]. Der Verfasser wollte zwar vermeiden, dass man die Vorbildstadt findet, jedoch ist es gelungen. Es ist die Stadt Garbenheim. Sie liegt in der Nähe von Wetzlar und Wetzlar ist die Stadt, die Werther in seinem Brief als „unangenehme“ Stadt beschrieb. Dort wird heute durch zwei Museen an Goethe gedacht. Es sind das Lotte- und Jerusalemhaus[43] mit freiem Eintritt für Bewunderer und Neugierige. Garbenheim war der Ort, an dem Werther seine Lotte kennen lernte. Die vielen Folgeselbstmorde, Werthers Mode (blauer Rock, gelbe Hose, Weste, graue Hüte und Stulpenstiefel), Werthers Sprache, die zu einer Art Umgangssprache wurde einfacher das Wertherfieber[44] prägte sich so stark aus, dass das Vorbild der Romanfigur, Charlotte Kestner, zu Hause besucht wurde, nur um sie betrachten zu dürfen.

Selbst der Stadtrat bat Charlotte darum sich auf einer Bank besichtigen zu lassen, um mehr Touristen anzulocken.

Als man von dem Buch zwei Exemplare in der Stadt Wetzlar verteilte, wurde eine richtige Hysterie[45] ausgelöst. Jeder Bewohner wollte dieses Buch lesen. Doch es gab nur zwei Exemplare und deshalb ging es soweit, dass die Menschen es sich gegenseitig stahlen.

Die Stadtbesichtigung, die wegen dem Wertherfieber angeboten wird, folgt hauptsächlich den Spuren Werthers durch Wetzlar. So hat Charlotte Buff im Ordenshof, heute Lottestraße 8/10 gewohnt, in der sich auch die Szene abspielte, in der Lotte Brot an ihre Geschwister verteilt. Im Schillerplatz Nr.5 hat sich Goethes Mitstudent erschossen. Selbst der Sessel, in dem sich Jerusalem erschoss, steht noch an derselben Stelle[46]. Auf einem Friedhof ganz in der Nähe vom Schillerplatz wurde ein Stein zu Gedenken des „200. Geburtstages Goethes“ gesetzt[47].

Diese Stadtbesichtigung wäre jedoch nicht vollständig, wenn man sich nicht das alte Ballhaus[48], in dem sich Lotte und Werther zum ersten Mal näher kamen und ebenso Goethe Charlotte zum Tanzen aufforderte, ansehen würde.

Es ist also kein Wunder, dass dieses Buch zum Bestseller wurde. Goethe schreibt mit soviel Anteilnahme und seine Romanfigur Werther wird für den Leser selbst greifbar, weil Werther so individuell über seine Gefühle berichtet, dass man meinen könnte, man wäre dabei gewesen.

Der Leser nimmt Anteil am Schicksal Werthers, er dient durch die Briefform als Ansprechpartner. Der Leser fühlt mit und identifiziert sich mit der Hauptfigur.

„Es waren individuelle, nahe liegende Verhältnisse, die mir auf den Nägeln brannten und mir zu schaffen machten und die mich in jenen Gemütszustand brachten, aus dem der Werther hervorging. Ich hatte gelebt, geliebt und sehr viel gelitten! Das war es“. (Reclam: Die Leiden des jungen Werther. Stuttgart 2001, S.160)

Literaturverzeichnis

2.1/ 2.3 Biographie Goethe/ Biographische Ereignisse

Quellen: Seehafer, Klaus: Mein Leben ein einzig Abenteuer. Johann Wolfgang Goethe, Biografie. Berlin 1998. S.15, 16, 17, 18, 19, 108, 113, 118, 120

Jeßling, Benedikt: Goethe gibt Auskunft über sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Stuttgart 1999. S.9, 30, 32, 37, 42, 52, 74, 75, 76, 79, 81, 82, 87, 98, 100, 101, 103, 125, 126, 129, 130, 132, 135, 136, 137, 139, 147,

Reclam, Philipp: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther. Stuttgart 2001. S. 160, 161, 162

Siepmann, Thomas: Lektürehilfen Johann Wolfgang von Goethe, Die Leiden des jungen Werther. Stuttgart; Düsseldorf; Leipzig: Klett, 1999. S.95, 96, 97, 98

Steiger, Robert: Goethes Leben von Tag zu Tag. Zürich und München. S. 644, 638,

Grenzmann, Wilhelm: Der junge Goethe ab S.52- 61, 5. Kapitel. Schöningh. S. 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59,

2.2 Zusammenfassung des Briefromans

Quellen: Reclam, Philipp: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther. Stuttgart 2001.

2.4 Kritik der Rezensenten

Quellen: Siepmann, Thomas: Lektürehilfen Johann Wolfgang von Goethe, Die Leiden des jungen Werther. Stuttgart; Düsseldorf; Leipzig: Klett, 1999. S.54, 55, 56, 58, 59, 98

www.ash.xanthia.com/freitod/vh-lexikon.html

3.1 Werthers Spuren

Quellen:

Seehafer, Klaus: Mein Leben ein einzig Abenteuer. Johann Wolfgang Goethe, Biografie. Berlin 1998. S. 109, 110, 111, 112

6 Anhang

Quellen: Anlage A/B: Jeßling, Benedikt: Goethe gibt Auskunft über sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Stuttgart 1999. S.15, 77, 104, 131, 138, 149, 175

[...]


[1] siehe Anlage A, Anhang Nr.1

[2] siehe Anlage A, Anhang Nr.2

[3] siehe Anlage A, Anhang Nr.3

[4] Seehafer, Klaus: Mein Leben ein einzig Abenteuer. Johannn Wolfgang Goethe Biografie. 2. Auflage Berlin, 1998. S.18

[5] siehe Anlage A, Anhang Nr.4

[6] siehe Anlage A, Anhang Nr.5

[7] Seehafer, Klaus: Mein Leben ein einzig Abenteuer. Johannn Wolfgang Goethe Biografie. 2. Auflage Berlin, 1998. S.17

[8] Seehafer, Klaus : Mein Leben ein einzig Abenteuer. Johannn Wolfgang Goethe Biografie. 2. Auflage Berlin, 1998. S.15

[9] Christian Gottlob Heyne (1729- 1812), Rhetorikprofessor in Göttingen

[10] David Michaelis (1717- 1791), Theologe und Orientalist in Göttingen

[11] Jeßling, Benedikt: Goethe gibt Auskunft über sein Leben, sein Werk, seine Zeit. Stuttgart: Reclam 1999. S.81

[12] Seehafer, Klaus : Mein Leben ein einzig Abenteuer. Johannn Wolfgang Goethe Biografie. 2. Auflage Berlin, 1998. S.15/16

[13] Johann Gottfried Herder (1744- 1803), dt. Philosoph. Siehe Anlage A, Anhang Nr.8

[14] siehe Anlage A, Anhang Nr.9

[15] Reclam, Philipp. Stuttgart 2001. S.161

[16] siehe 1

[17] „[…] und während unserer Spaziergänge glaubte ich in Lottens schwarzen Augen- […] du solltest sie sehen, diese Augen.“ („Werther“, S.42, oben)

[18] Seehafer, Klaus : Mein Leben ein einzig Abenteuer. Johannn Wolfgang Goethe Biografie. 2. Auflage Berlin, 1998. S.120

[19] Johann Heinrich Merck (1741- 1791), Freund und Korrespondent Goethes

[20] siehe Brief im „Werther“ vom 4.5.1771

[21] siehe Anlage C, Anhang Nr.4

[22] Jeßlin, Benedikt : Goethe gibt Auskunft…Stuttgart 1999. S.138

[23] Steiger, Robert : Goethes Leben von Tag zu Tag, Band 1 1749-1775 dokumentarische Chronik. Artemis Verlag Zürich, München. S.638

[24] siehe im „Werther“ S.22, Z.21- 28

[25] Grenzmann, Wilhelm : Der junge Goethe. Interpretationen Wort, Werk, Gestalt Schöningh. Kapitel 5 Die Leiden des jungen Werthers ab S.52-61. S.54

[26] siehe im „Werther“ S.15, 26.Mai, Z.9- 14

[27] Jeßling, Benedikt: Goethe gibt Auskunft…Stuttgart 1999. S.42

[28] Friedrich Gottlieb Klopstock, dt. Schriftsteller (1724- 1803)

[29] Grenzmann, Wilhelm : Der junge Goethe. Interpretationen Wort, Werk, Gestalt Schöningh. Kapitel 5 Die Leiden des jungen Werthers ab S.52-61. S.57

[30] Seehafer, Klaus : Mein Leben ein einzig Abenteuer. Johann Wolfgang Goethe. Biografie. Berlin 1998. S.110

[31] siehe im „Werther“ S.153, Z.24

[32] Siepmann, Thomas: Lektürehilfen Johann Wolfgang von Goethe, „Die Leiden des jungen Werther“. Stuttgart; Düsseldorf; Leipzig: Klett, 1998. S.97

[33] siehe im „Werther“ S.74, oben

[34] siehe im „Werther“ S.77, 8.Januar

[35] siehe im „Werther“ S.81, 15.März

[36] siehe 18

[37] www.ash.xanthia.com/freitod/vh-lexikon.html

[38] Siepmann, Thomas: Lektürehilfen Johann Wolfgang Goethe, „Die Leiden des jungen Werther“. Stuttgart; Düsseldorf; Leipzig: Klett, 1998. S.55

[39] Siepmann, Thomas: Lektürehilfen Johann Wolfgang Goethe, „Die Leiden des jungen Werther“. Stuttgart; Düsseldorf; Leipzig: Klett, 1998. S.56

[40] siehe im „Werther“, 24 julius

[41] siehe im „Werther“, S.50, 8. August

[42] Seehafer, Klaus : Mein Leben ein einzig Abenteuer, Johann Wolfgang Goethe. Biografie. Berlin, 1998. S.109

[43] siehe 1

[44] Siepmann, Thomas : Lektürehilfen. Stuttgart ; Düsseldorf ; Leipzig : Klett, 1998. S.100

[45] siehe 1

[46] Seehafer, Klaus : Mein Leben ein einzig Abenteuer, Johann Wolfgang Goethe. Biografie. Berlin, 1998. S.110

[47] Seehafer, Klaus : Mein Leben ein einzig Abenteuer, Johann Wolfgang Goethe. Biografie. Berlin, 1998. S.111

[48] Seehafer, Klaus : Mein Leben ein einzig Abenteuer, Johann Wolfgang Goethe. Biografie. Berlin, 1998. S.112

Details

Seiten
10
Jahr
2003
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v108022
Note
1
Schlagworte
Goethe Johann Wolfgang Leiden Werther Biographische Einflüsse Goethes

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