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Phantasien im Sozialisationsprozeß - Das Verhältnis von Eltern und Säugling aus psychoanalytischer und bindungstheoretischer Sicht

Diplomarbeit 1999 197 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Aussagen klassischer Psychoanalyse zur Thematik
1.1 Historischer Abriß zur Entstehung der Psychoanalyse
1.1.1 Biographische Anmerkung zur Person Sigmund Freuds
1.1.2 Die Geburt der Psychoanalyse
1.2 Grundlegungen der Psychoanalyse
1.3 Die Funktion des Unbewußten
1.3.1 Die Triebe
1.3.2 Der topographische Ansatz
1.3.3 Primär- und Sekundärprozeß
1.3.4 Das Strukturmodell
1.4 Zusammenfassung der Freudschen Metapsychologie
1.5 Das psychoanalytische Entwicklungsmodell
1.5.1 Die orale Phase (0-1 ½ Jahre)
1.5.2 Die anal-sadistische Phase (1 ½-3 Jahre)
1.5.3 Die ödipale oder phallische Phase (3-5 Jahre)
1.5.4 Die Latenzzeit und genitale Phase (ab 5 Jahre)

II. Wandlungen in der Sicht vom Säugling
2.1 Geschichtlicher Abriß der Eltern-Kind-Interaktion und die Neupositionierung infantiler Fähigkeiten
2.2 Ich-psychologische Annahmen
2.3 Objektbeziehungstheorien
2.4 Säuglingsforschung und Psychoanalyse
2.4.1 Die präverbale Kompetenz des Säuglings
2.4.1.1 Daniel N. Sterns Theorie der Entwicklung des Selbstempfindens
2.4.1.1.1 Das auftauchende Selbst (0-2 Monate)
2.4.1.1.2 Die Entstehung des Kern-Selbst (2./3.-7./9. Monat)
2.4.1.1.3 Das subjektive Selbstempfinden (7./9.-15./18. Monat)
Exkurs: Entwicklungs- und Interaktionsdimension von Affekten
2.4.1.1.4 Das Empfinden des verbalen Selbst (Beginn mit 15./18. Monat)
2.4.2 Kritische Anmerkungen

III. Die Entwicklung des Phantasiebegriffs in der Psychoanalyse in Bezug auf das Verständnis der Eltern-Kind-Interaktion
3.1 Die historische Entwicklung des Phantasiebegriffs in der Psychoanalyse
3.1.1 Freuds Phantasiebegriff
3.1.1.1 Bewußte Phantasien
3.1.1.1.1 Bewußte Phantasie und Handeln
3.1.1.2 Unbewußte Phantasien
3.1.1.2.1 Unbewußte Phantasie und Handeln
3.1.1.2.2 Übertragung als unbewußte Phantasieäußerung
3.1.1.3 Zusammenfassung
3.1.1.4 Phantasie versus Realität: Eine kritische Anmerkung
3.1.2 Der Phantasiebegriff bei Melanie Klein
3.1.2.1 Kritische Anmerkungen zum Kleinianischen Phantasiekonzept
3.2 Aktuelle Diskussionen um das Konzept unbewußter Phantasien
3.2.1 Das Phantasiekonzept von Martin Dornes
3.2.1.1 Repräsentationen und Phantasien
3.2.2 Daniel N. Sterns Modell der Säuglingsrepräsentationen als Grundlage eines Verständnisses von Phantasietätigkeit
3.2.2.1 Sterns Repräsentationsbegriff
3.2.2.2 Emergenter Moment
3.2.2.3 Schema-des-Zusammenseins-mit-einem-Anderen
3.2.2.3.1 Temporale Gefühlsgestalten bzw. zeitliche Gefühlsform als Grundmodell eines Affekt-Schemas
3.2.2.3.2 Protonarrative Hüllen
3.2.2.4 Sterns Konzept zur Entstehung von Phantasien
3.2.3 Zusammenfassung von Daniel N. Sterns Repräsentations-modell
3.2.3.1 Antwort auf einen denkbaren Zwischenruf
3.3 Abschlußbemerkungen über die Diskussion des Begriffes unbewußte Phantasie

IV. Die sozialisatorische Bedeutung elterlicher Phantasien
4.1 Zwei vorausgehende kritische Anmerkungen
4.2 Formen elterlicher Phantasien
4.2.1 Horst-Eberhard Richters frühe Würdigung elterlicher Phantasien
4.2.1.1 Kleiner geschichtlicher Abriß
4.2.1.2 Richters Verständnis der »Rolle des Kindes«
4.2.1.2.1 Die Rollen-Skalen
4.2.1.2.2 Die Rolle des Kindes als Substitut für einen Aspekt des eigenen (elter-lichen) Selbst
4.2.1.2.3 Die Rolle des Kindes als Substitut für einen anderen Partner
4.2.1.3 Kritische Anmerkungen
4.2.2 T. Berry Brazelton und Bertrand G. Cramer: Imaginäre Interaktion
4.2.2.1 Das Gespenst der Vergangenheit
4.2.2.2 Die Neuinszenierung alter Beziehungsformen
4.2.2.3 Das Kind als Teil seiner Eltern
4.2.2.4 Abschlußbemerkung
4.2.3 Daniel N. Sterns Theorie der elterlichen Schemata-des-Zusammenseins
4.2.3.1 Der Säugling und die mütterlichen Repräsentationen
4.2.3.2 Der Säugling und die väterlichen Repräsentationen
4.2.3.3 Sterns vier klinische Modelle der repräsentationalen Welt
4.2.3.3.1 Das Modell des dominanten Themas
4.2.3.3.2 Das Modell der Phaseninadäquatheit oder das ontogenetische Modell
4.2.3.3.3 Das Modell der Verzerrungen
4.2.3.3.4 Das Modell der narrativen Kohärenz

V. Bindungstheoretische Aspekte zum sozialisatorischen Einfluß elterlicher Phantasien
5.1 Historischer Abriß zur Entwicklung der Bindungs-theorie
5.2 Definition von Bindung
5.3 Abgrenzungen zur Psychoanalyse
5.4 Die repräsentationale Dimension von Bindung
5.4.1 Innere Arbeitsmodelle von Bindung
5.4.2 Die »Fremde Situation«
5.4.3 Vier Muster der Bindung
5.4.3.1 Sicher gebunden (secure: B)
5.4.3.2 Unsicher-vermeidend gebunden (insecure-avoidant: A)
5.4.3.3 Unsicher-ambivalent gebunden (insecure-resistant/ambivalent: C)
5.4.3.4 Desorganisiert/desorientiert gebunden (disorganized/Disoriented: D)
5.4.3.5 Bindungsmuster der frühen Kindheit: Zusammenfassung und Ergänzung
5.4.4 Die Erfassung elterlicher Bindungsrepräsentationen
5.4.4.1 Das Adult Attachment Interview
5.4.4.1.1 Sicher-autonom (free/secure/autonomous: F)
5.4.4.1.2 Unsicher-distanziert/Abweisend (dismissing: D)
5.4.4.1.3 Unsicher-präokkupiert/verstrickt (entangled/enmashed/preoccupied: E)
5.4.4.1.4 Unverarbeitetes Trauma (unresolved: U) und »cannot classify« (CC)
5.4.4.2 Bindungsmuster im Erwachsenenalter: Zusammenfassung
5.5 Der transgenerationale Aspekt von Bindung
5.5.1 Empirische Studien zur transgenerationalen Übertragung von Bindungsmustern
Exkurs: Die Erhebung von Bindungsrepräsentationen bei Kindern im Vorschulalter
5.5.1.1 Anmerkungen
5.5.2 Transgenerationale Übertragungsmechanismen
5.5.2.1 Die mütterliche Feinfühligkeit – maternal attunement/responsiveness
5.5.2.1.1 Die Affektanpassung (»affect attunement«)
5.5.3 Zusammenfassung und kritische Anmerkungen

VI. Schlußbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Ich glaube, daß die meisten Menschen zu Zeiten ihres Lebens Phantasien bilden. Es ist das eine Tatsache, die man lange Zeit übersehen und deren Bedeutung man darum nicht genug gewürdigt hat.“

(Sigmund Freud 1908, S. 172f)

„Was erblickt das Kind, das der Mutter ins Gesicht schaut? Ich vermute im allgemeinen das, was es in sich selbst erblickt. Mit anderen Worten: Die Mutter schaut das Kind an, und wie sie schaut, hängt davon ab, was sie selbst erblickt.“ (Donald W. Winnicott 1971, S. 129)

In der psychoanalytischen Theorie nimmt die psychische Realität des Menschen den wichtigsten Platz ein. Ein besonderer Schwerpunkt fällt dabei auf die Untersuchung von bewußten und - vor allen Dingen - unbewußten Phantasien. Was sind nun Phantasien? Das Wort Phantasie entstammt dem griechischen »Phantasia« und bedeutete ursprünglich »erscheinen lassen«, »Erscheinung« (z.B. im Traum oder im Tagtraum), »Vorstellung«, »Vorstellungskraft«, »Einbildungskraft« wie auch »geistiges Bild« (vgl. Dorsch 1994, S. 567; Arnold et al. 1980, S. 1603f; Ritter et al. 1984, S. 516ff; Meyers Enzyklopädisches Lexikon 1980, S. 548; Brockhaus Enzyklopädie 1972, S. 533). Leon Wurmser (1987) betont, daß erst mit der »aristotelischen« Psychologie das Phantasieren nicht mehr nur als ein abstraktes Phänomen verstanden, sondern es nun auch als Vorstellung begriffen wurde, was eine aktive Charakteristik darstellt. (vgl. S. 683).

Phantasien sind keine psychopathogene Erscheinungen. Sie sind bekannte wie unbekannte, bewußte wie auch unbewußte Bestandteile der psychischen Realität eines jeden Menschen. Sie helfen uns bei Entscheidungen, indem wir mögliche zukünftige Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven innerlich vorwegnehmen können oder trösten in Situationen, in denen die Realität uns die Erfüllung eines Wunsches vorenthält. Sie bauen uns auf, helfen uns, unseren Ärger, unsere Wut, unsere Trauer aber ebenso unser Glück und unsere Freude zu verarbeiten. So werden sie Elemente unserer psychischen Kreativität. Phantasien können jedoch auch den Blick für die »Realität« versperren. Sie steuern unsere Handlungen auf einer unbewußten Ebene, was nicht selten negative Folgen haben kann. Sie schaffen es sogar, die »Realität« den eigenen neurotischen Konfliktlösungsversuchen anzupassen. Ja, sie können uns sogar dem »äußeren« Leben vorenthalten.

Phantasiefähigkeit bedeutet, sich etwas anschaulich vorstellen zu können, unabhängig davon, ob diese Vorstellung, die meistens durch einen äußeren Reiz angeregt, eine neue Szene entwirft, oder ein äußerer Reiz eine Erinnerung evoziert. Das für das Lebewesen bedeutungsvolle »Phänomen« der Phantasie tritt aus einem undifferenzierten Hintergrund heraus (vgl. Uexküll et. al. 1996, S. 1021), wofür in der Psychoanalyse unbewußte Repräsentanzen stehen.[1] Zunächst scheint es irrelevant, ob das Resultat dieses Heraustretens Bruchstücke früherer Wahrnehmungen beinhaltet oder aus gänzlich neu geschaffenen Vorstellungselementen besteht, ob es in der sogenannten »Wirklichkeit« vorkommen kann oder nicht. Dabei kann die Fähigkeit zum Phantasieren sowohl kreative als auch pathogene Strukturen annehmen (Phantastik). Bleuler nannte diese pathogene Form der Phantasie auch „autistisches Denken“ (Arnold/Eyseneck/Meili 1980, S. 1603), welches einerseits wenige Sekunden andauern, anderseits auch ein ganzes Leben bestimmen kann. Charakteristisch für das psychoanalytische Verständnis vom Phantasieren, welches im III. Kapitel ausführlich behandelt wird, ist zum einen die kontrollierte, zum anderen die unkontrollierte Wunscherfüllung ohne Realitätsbezug.[2]

Die eben angeführte Definition von Phantasie läßt demnach einen innerpsychischen Gestaltungsprozeß erkennen. Ihr Einfluß prägt unser Leben in einer ganz spezifischen Weise. Wenn eben nur von einem innerpsychischen Erleben gesprochen wurde, ist zu fragen, ob Phantasien auch eine interpersonelle und damit sozialisatorische Dimension besitzen.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich belegen, daß Phantasieinhalte einerseits zu einem großen Teil von spezifischen Sozialisationserfahrungen abhängen und daß sie andererseits eine enorme sozialisatorische Kraft enthalten. Der Mensch wird spätestens mit seiner Geburt mit Interaktionszusammenhängen konfrontiert, durch die er seine Wirklichkeit konstruiert. Die Konstruktion der Wirklichkeit besteht primär aus zwei Dimensionen. Zum einen stellen die Eltern für den neugeborenen Menschen eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen dar. Sie geben Vorstellungen über eigene Wünsche, Ideale, Werte und Normen an das Kind ab. Solche Vorstellungen bestehen zu einem großen Teil sowohl aus bewußten wie auch unbewußten Phantasien. Zum anderen entwickelt der Säugling eigene Fähigkeiten, die ihn im besten Falle zu einem selbständigen, gesellschaftlich handlungsfähigen Individuum werden lassen (vgl. Heinz 1981, S. 987). Jene Fähigkeiten sind wiederum mit dem Aufbau einer Vielzahl von Repräsentationen verbunden, die zur Basis späterer Phantasiefähigkeit werden. Demnach wird hier ein Sozialisationskonzept postuliert, das Sozialisation auch als ein aktiven Aneignungsprozeß verstehen will. Das aktive, sich früh abzeichnende Streben nach Selbstverwirklichung wird im Rahmen vergesellschafteter Produktions- und Reproduktionsbedingungen möglich. Es beinhaltet auch das Potential für Veränderungen der sozialisierenden Umwelt (vgl. ebd.). Durch die determinierende Wirkung frühkindlicher Erfahrungen erscheint letzteres aus psychoanalytischer und bindungstheoretischer Sicht zwar begrenzt, jedoch nicht unmöglich. Es muß allerdings gefragt werden, ob das Bild des aktiven, „kompetenten Säuglings“ (Dornes 1993) dieser Sozialisationsauffassung mit dem psychoanalytischen bzw. bindungstheoretischen Bild des Säuglings überhaupt übereinstimmt.

Aus einer historischen Perspektive betrachtet, steht das intrapsychische Geschehen im Zentrum des psychoanalytischen Interesses. Säuglingsbeobachtungen, d.h. das Beobachten von sichtbarem Verhalten, war, bis auf einige AusnahmeforscherInnen, nicht ihr Interesse. Demnach geriet auch die Anerkennung frühkindlicher Fähigkeiten in den Hintergrund. Quelle ihrer entwicklungspsychologischen Theorie war die retrospektiv gewonnene Erkenntnis über die Kindheit durch die Analyse erwachsener PatientInnen. Das Verhalten wurde im Allgemeinen als Untersuchungsgegenstand behavioristisch orientierter Theorien gesehen, wie sie die Säuglingsforschung und die (frühe) Bindungstheorie darstellen.

Doch die Entwicklung moderner Beobachtungsmöglichkeiten in der Entwicklungspsychologie, wie z.B. die Mikroanalyse von Eltern-Kind-Interaktionen mittels Video- bzw. Ultraschall-Unterstützung, zwingt dem psychoanalytischem Theoriegebäude notwendige Veränderungen auf: Die neu entdeckten, ungeahnten Fähigkeiten des Säuglings widersprechen dem bisherigen Bild vom unreifen, kontaktunfähigen, zu früh geborenen Menschen, das durch die Fachliteratur geisterte. Das »Babywatching« - die Säuglingsbeobachtung – ist zu einem Schlüsselbegriff neuerer Entwicklungspsychologie geworden. Der mittlerweile etablierte Begriff des „competent infant“ (Stone et al. 1973) begeistert und regt die Fachschaft zu einer förmlichen Forschungs- und Publikationswut an. Ja, es ist sogar schon die Rede vom „frühreifen Säugling“ (Mandler 1991, zitiert bei Rauh [1995, S. 169]). Altvertraute psychoanalytische Theorien von Freud, Mahler, Klein u.a. müssen angesichts dieser Entdeckungen in Frage gestellt werden. Eine neue Generation von PsychoanalytikerInnen zollt diesen Säuglingsbeobachtungen mittlerweile ihren Tribut, indem sie versuchen, Ergebnisse der Säuglingsforschung mit psychoanalytischen Theorien zu verbinden. VertreterInnen dieser multidimensionalen Sichtweise sind u.a. John Bowlby als Begründer der Bindungstheorie sowie Daniel N. Stern, Lotte Köhler, Peter Fonagy oder Martin Dornes.

Als der britische Psychoanalytiker John Bowlby den Blick seiner Zunft auf das sichtbare Verhalten von Kindern in realen Trennungssituationen lenken wollte, um daraus theoretische Konsequenzen für die Psychoanalyse zu ziehen, reagierte die Mehrheit der damaligen AnalytikerInnen mit scharfer Kritik (vgl. Bretherton 1997, S. 35). Davon unbeeinflußt, beschlossen er und seine MitarbeiterInnen jedoch, an ihren Entdeckungen festzuhalten. Mit Hilfe des von Mary D. S. Ainsworth entwi-ckelten »Fremde-Situations-Tests« konnten allgegenwärtige Bindungsmuster bei Kindern beobachtet und kategorisiert werden. Jene Bindungsmuster, die den Grad der psychischen Anpassung an eine »reale« Umwelt wiedergeben, wurden bald zur festen diagnostischen Größe innerhalb der Entwicklungspsychologie. Die hohe statistische Signifikanz, die bei der Ermittlung der Stabilität von Bindungsmustern zu beobachten ist, beweist zu einem gewissen Maße die Plausibilität bindungstheoretischer Überlegungen und stellt somit einen wichtigen Aspekt für die Erforschung der frühen, psychischen Entwicklung des Menschen dar.

Nachdem nun kaum noch eine Bevölkerungsgruppe existiert, die nicht durch die »Fremde-Situation« geschickt wurde, beginnt nun wiederum ein Umdenken innerhalb der Bindungsforschung. Seit den letzten 10 bis 15 Jahren findet eine Fokusverän-derung statt, die als „A move to the level of representation“ bezeichnet wird (vgl. Main 1994). Bildete bisher die konkrete Beobachtung und Analyse des Bindungsverhaltens von Kleinkindern in der »Fremde-Situation« den Schwerpunkt der Erhebungen, so wird seit Mitte der 80er Jahre einerseits das symbolische Spiel, die Phantasien und die sprachlichen Mitteilungen von Kindern über bindungsrelevante Themen untersucht. Andererseits ermöglicht die Entwicklung des »Adult Attachment Interviews« (AAI) - durch George et al. (1985) - auch die Erforschung der elterlichen Repräsentanzenwelt und deren Einfluß auf die Bindungsqualität und –repräsentation der Kinder (vgl. Dornes 1998, S. 311). Hiermit gelingt es der Bindungstheorie, empirische Beweise für die schon länger existierende psychoanalytische Hypothese ins Feld zu führen, daß jene, in der präverbalen und präsymbolischen Lebensphase eines Säuglings gewonnenen Erfahrungen und ihre später sich entwickelnden phantastischen Korrelate, in entscheidender Weise das erwachsene Verhalten bestimmen, was sich wiederum auf die nächste Generation überträgt. Der Phantasie, als Träger transgenerationaler Übertragungen von Repräsentationsinhalten im Zusammenhang mit elterlichen Intentionalitäts- und Bedeutungszuschreibungen gegenüber dem Säugling, wird somit ein bedeutsames sozialisatorisches Potential zugestanden (vgl. Dornes 1993, S. 212ff). Die Erweiterung der Bindungstheorie durch Hinzunahme der repräsentationalen Dimension von Bindung (innere Arbeitsmodelle von Bindung), läßt sie nun auch für Psychoanalytiker höchst interessant werden, da der Gegenstand ihrer Forschung traditionell die Welt der inneren Repräsentationen ist (vgl. Köhler 1998, S. 370).

Fazit: Um ein möglichst vollständiges Bild von der sozialisatorischen Bedeutung von Phantasien in der Eltern-Kind-Interaktion zu bekommen, wird es notwendig, sich vier verschiedenen Betrachtungsebenen zu widmen: Ist von Elternphantasien die Rede, so wird deren Wirkung im Bezug auf den Säugling einerseits im elterlichen Verhalten sichtbar (1. Ebene), andererseits haben sie eine intra- und interpsychische Ebene (2. Ebene). Gleiches gilt auch bei der Betrachtung des Säuglings. Auch hier haben wir als Untersuchungsgegenstand einerseits das Säuglingsverhalten im Bezug auf das Verhalten des Erwachsenen (3. Ebene), andererseits die intra- und interpsychische Ebene des Säuglings (4. Ebene). Die Ebenen 1 und 3 beinhalten Fragen nach dem Wie der Interaktion und orientieren sich sowohl am sichtbaren Eltern-, wie auch am Säuglingsverhalten. Die Ebenen 2 und 4 gehören zu den Fragen nach dem Warum solcher Interaktion und schließen ihrem Charakter nach sowohl intra- wie interpsychische Prozesse mit ein – das Feld psychoanalytischer aber auch bindungstheoretischer Erklärungsansätze. Die Kenntnis um das Warum kann, wie Dornes (1993) schreibt, bei der Untersuchung von Interaktionsvorgängen „[...] zum Dreh- und Angelpunkt werden“ (S. 199). Wie ich aufzeigen werde, ist diese Frage bisher noch nicht hinreichend beantwortet, obwohl schon einige interessante Erklärungsversuche existieren.

Pädagogen wie Psychologen engagieren sich innerhalb dieser fachlichen Auseinandersetzung. Neben diversen Fachzeitschriftenartikeln und Buchpublikationen werden auch viele fachspezifische Fortbildungen zu Themen wie „Frühe Probleme“ (Bundeskonferenz für Erziehungsfragen in Fulda 1998; Referenten u.a.: M. Dornes,
L. Köhler, P. Crittenden, U. Ziegenhain), „Interdisziplinäre Kommunikation“ (3. Jahrestagung der Deutschsprachigen Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit 1998 in Graz) oder die 49. Lindauer Psychotherapiewochen 1999 (mit dem Thema „Bindung und Lösung“) angeboten. Hier treffen pädagogisch und psychotherapeutisch arbeitende Praktiker auf Wissenschaftler verschiedener Theorierichtungen. Ein reger Austausch hat begonnen und bereichert zunehmend die pädagogische und psychologische Praxis. Das aus dieser praktischen Arbeit mit Klienten erwachsende „multidimensionale Denken“ (Selvini et al. 1988, S. 367) und die dadurch aufkommende, interdisziplinäre Kommunikation macht das Bearbeiten eines solchen Themas für mich so interessant.

Der Fokus der vorliegenden Arbeit liegt jedoch nicht in der Darstellung von handlungsorientiertem, sondern von theoretischem Wissen. Das heißt, als Schwerpunkt der Betrachtungen sollen Verbindungen zwischen theoretischen Konzepten der Psychoanalyse, Säuglingsforschung und Bindungstheorie herausgearbeitet werden, die Auskunft darüber geben, wie und warum Phantasien als wichtige sozialisatorische Instanz anerkannt werden sollten und können. Im Aufbau der Arbeit wird ein historisches Fundament in zweierlei Hinsicht erkennebar: Erstens ist die gesamte Arbeit historisch gegliedert. Sie beginnt mit dem ersten Kapitel über klassische Aussagen psychoanalytischer Metatheorie als Grundlage eines Verständnisses für die Arbeitsweise des Unbewußten, das die Basis von Phantasien bildet, und es endet mit neuesten Ergebnissen der Bindungstheorie bzw. der Psychoanalyse im Hinblick auf die sozialisatorische Wirkung von Phantasien. Zweitens geben die Kapitel II, III und IV zudem einen in sich geschlossenen historischen Überblick über ihre jeweils spezifische Themen-stellung. Kapitel II beschäftigt sich mit dem Wandel der Sicht auf den Säugling aus psychoanalytischer Perspektive. Besondere Aufmerksamkeit soll hier auf der historisch gewachsenen Bedeutung frühester Eltern-Kind-Interaktion im psychoanalytischen Diskurs liegen. Untersucht werden Einflüsse der Säuglingsforschung auf psychoanalytische Objektbeziehungstheorien sowie ihre Relevanz für die Entstehung und Entwicklung von Phantasien. Im anschließenden III. Kapitel beschäftige ich mich mit dem psychoanalytischen Phantasiebegriff und seiner Veränderung durch die moderne Säuglingsforschung. Wie schon im II. Kapitel, wird auch hier aus einer historischen Perspektive die zunehmende Beachtung der sozialisatorischen Einflüsse von Eltern-Kind-Interaktionen auf die Entstehung und Prägung von Phantasien herausgearbeitet. Ausgewählte psychoanalytische Konzepte verschiedener Autoren zur Entstehung und Entwicklung von Phantasien werden gegenübergestellt. Nachdem die verschiedenen theoretischen Ansätze über die Entstehung von Phantasien referiert und kritisch hinterfragt wurden, betrachtet das IV. Kapitel die phantastischen Inhalte elterlicher Phantasien. Die Frage, die daran anschließt, lautet: Welchen Einfluß können spezifische, elterliche Phantasien auf das Säuglingsverhalten und seine intrapsychische Welt nehmen? Zur Beantwortung dieser Frage habe ich drei verschiedene Konzepte ausgewählt, die sich jedoch teilweise ergänzen und gegenseitig bestätigen: Richter (1963), Brazelton und Cramer (1990) sowie Stern (1995). Da die Ergebnisse der Bindungstheorie entscheidend zur Beantwortung der obigen Frage beitragen können, wird sich das V. Kapitel eingehend diesen Forschungsergebnissen widmen. Desweiteren soll hier der Frage nachgegangen werden, warum spezifische Eltern-Kind-Interaktionen funktionieren bzw. nicht funktionieren. Den Abschluß dieser Arbeit bildet eine kurze Zusammenfassung und einige Bemerkungen zur pädagogischen Relevanz der vorgetragenen Thematik.

I. Aussagen klassischer Psychoanalyse zur Thematik

„Man muß sich sagen: »So muß denn doch die Hexe dran.«[3] Die Hexe Meta-psychologie nämlich. Ohne metapsycho-logisches Spekulieren und Theoretisieren - beinahe hätte ich gesagt: Phantasieren - kommt man hier keinen Schritt weiter.“

(Sigmund Freud 1937, S. 365f)

Unter dem Begriff der Metapsychologie werden die theoretischen Grundannahmen der klassischen Psychoanalyse Freuds verstanden. Darunter fallen die Triebtheorie, das Strukturmodell, Verdrängungs- und Abwehrvorgänge u.v.m.. Die Säulen des metapsychologischen Gebäudes bestehen aus dem dynamischen Aspekt, der topischen Verortung und dem ökonomischen Grundprinzip der Psyche des Menschen[4] (vgl. Laplanche/Pontalis 1967, S. 307) und sollen im Anschluß an eine historische Verortung dargestellt werden. Ihre Beschreibung dient als Basis psychoanalytischen Verständnisses über die Wichtigkeit von bewußten bzw. unbewußten Phantasien und ihren sozialisatorischen Einfluß.

1.1 Historischer Abriß zur Entstehung der Psychoanalyse

Seit dem Beginn der Psychoanalyse in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich das Gesicht ihres Theoriekomplexes häufig verändert. Selbst das auf Anraten von Ernest Jones gegründete »geheime Komitee«[5] (vgl. Sachs 1950, S. 144ff; Gay 1987, S. 262) verhinderte nicht den zunehmenden Ideenpluralismus innerhalb der psychoanalytischen Theorie. Die psychoanalytische Sicht gegenüber Frauen, Kindern, Homosexuellen wie auch zu psychotischen Störungen und deren Behandelbarkeit etc., veränderte sich stark, und der Wandlungsprozeß ist immer noch im vollen Gange. Ein für diese Arbeit besonders wichtiger Wandel liegt in der Verlagerung des theoretischen Schwerpunktes psychoanalytischer Forschung. Wurde der Auslöser hysterischer bzw. neurotischer Symptomatik zunächst in einer realen sexuellen Traumatisierung gesehen, so rückte Freud später die Macht der Phantasien und ihre wichtige Rolle bei der Bewältigung des Ödipuskomplexes in den Vordergrund. Vom Ödipuskomplex, der infantilen Sexualität sowie der Betonung der Subjektebene verlagerte sich - noch zu Lebzeiten Freuds - die Aufmerksamkeit auf die präödipale Zeitspanne, d.h. von der Geburt bis zum 2 ½ bzw. 3. Lebensjahr. Damit wurden die frühesten Eltern-Kind-Interaktionen, die meist auf Beschreibungen der Mutter -Kind-Interaktionen reduziert waren, zu einem zentralen Beobachtungsgebiet. Hier sei die wenig beachtete Passage aus Freuds letzter Schrift » Abriß der Psychoanalyse « (1938) genannt, in der er selbst die außerordentliche Wichtigkeit der ersten Mutter-Kind-Interaktion betont:

„In diesen beiden Relationen [die Mutter als lustvolles wie frustrierendes Objekt] wurzelt die einzigartige, unvergleichliche fürs ganze Leben unabänderlich festgelegte Bedeutung der Mutter als erstes und stärkstes Liebesobjekt, als Vorbild aller späteren Liebesbeziehungen - bei beiden Geschlechtern“ (S. 45).

Bevor jedoch auf psychoanalytische Theorien der Eltern-Kind-Interaktion eingegangen wird, ist es wichtig, einen genaueren Blick auf die Grundlagen wichtiger psychoanalytischer Konzepte zu werfen, um eine Basis für das Verständnis notwendiger theoretischer Veränderungen zu schaffen. Hierbei wird die historische Einbettung des theoretischen Wandels der Psychoanalyse notwendig, da im Laufe des wissenschaftlichen Lebens und Wirkens Sigmund Freuds und dessen Schülern, zentrale Begrifflichkeiten und Theorien häufig Revisionen, Ergänzungen, ja sogar Verwerfungen erfahren haben. So soll die historische Perspektive helfen, die Veränderungen verstehen und sinnvoll in das theoretische Gebäude der Psychoanalyse einordnen zu können.

1.1.1 Biographische Anmerkung zur Person Sigmund Freuds

Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 als Sohn einer jüdischen Familie in Freiberg in Mähren geboren (vgl. Freud 1925, S. 40). Im Alter von vier Jahren zog seine Familie mit ihm nach Wien. Hier verbrachte er den größten Teil seines Lebens, bis er 1938 vor dem nationalsozialistischen Regime über Paris nach London fliehen mußte. Ein Jahr nach seiner Ankunft verstarb er an den Folgen einer schweren, langjährigen Krebserkrankung.

Freuds wissenschaftliche Laufbahn begann zum Wintersemester 1873, als sich der 17jährige Gymnasiast an der Wiener Universität im Studiengang der Medizin immatrikulierte. Schwerpunkte während seines Medizinstudiums waren u.a. die Zoologie und die Neuroanatomie. Von 1876 bis 1882 arbeitete er im »Physiologischen Forschungsinstitut« unter der Leitung des angesehenen Physiologen Ernst Wilhelm von Brücke (vgl. Freud 1925, S.41f). Brückes Forschungsinteresse war es - gemäß seiner wissenschaftlich vom Positivismus inspirierten, mechanisch-organistischen Einstellung -, „psychologische Prozesse auf physiologische Gesetze zurückzuführen“ (Ellenberger 1970, S. 586). Diese Denkrichtung beeinflußte Freud sehr stark, da er hoffte, daß eines Tages physiologische Korrelate zu seinen triebdynamischen Überlegungen gefunden werden könnten. Jene Hoffnung zeigt sich in der Wahl seiner Worte immer wieder, wenn z.B. von Kräften, Bedürfnisspannungen oder Triebenergie die Rede ist. Erste klinische Erfahrungen machte er am Wiener Allgemeinen Krankenhaus zwischen 1882 bis 1885, wo er u.a. fünf Monate in der psychiatrischen Abteilung unter dem Leiter Theodor Meynert arbeitete.[6] Hier traf Freud auf einen weiteren Assistenten Brückes: dem 14 Jahre älteren Dr. Josef Breuer. In ihm fand Freud, wie Ellenberger schreibt, „[...] einen anregenden Kollegen, einen väterlichen Freund [...]“ (ebd., S. 586).

1.1.2 Die Geburt der Psychoanalyse

Das gemeinsame Interesse an der damals häufig in verschiedenen Formen vorkommenden Hysterie führte dazu, daß Breuer dem Freund und Kollegen Freud von seiner Behandlung der Patientin Bertha Pappenheim unterrichtete, die durch die » Studien über Hysterie « (1895) als Anna O. in die Geschichte der Psychoanalyse eingehen sollte (vgl. Freud/Breuer 1895, S. 20ff). Durch einen 19 Wochen dauernden Aufenthalt bei Jean-Martin Charcot (1825-1893) im Pariser Salpêtière wurde Freud auf die psychische Dimension dieser Krankheit aufmerksam, von der bis dahin immer angenommen wurde, sie sei körperlichen Ursprungs (vgl. Freud 1925, S. 45). Jene Anregungen über die Ätiologie der Hysterie reizten Freuds Neugier und gingen in die gemeinsame Arbeit mit Breuer ein. Resultat dieser Zusammenarbeit war die Veröffentlichung der » Studien über Hysterie « (1895). Sie beinhalten folgende Annahmen: Das hysterische Leiden ist durch Erinnerungen gekennzeichnet, die traumatischer[7] Natur sind, d.h. sie sind schmerzhaft und emotional stark besetzt (vgl. Freud/Breuer 1895, S. 10ff). Um diesem Schmerz nicht ausgeliefert zu sein, wird die traumatische Erinnerung verdrängt. Erinnerung und Verdrängung bleiben unbewußt, der Affekt jedoch bleibt erhalten und zeigt sich verschleiert im Ausdruck körperlicher (hysterischer) Symptome - die sog. »Konversionssymptome« (vgl. Laplanche/Pontalis 1967, S. 271). Hatte die bis dahin angewandte »Methode der Katharsis« jene Aufgabe, die eingeklemmten Affekte und der ihnen innewohnenden Energie durch Abreagieren freizusetzen, d.h. die Patienten sollen ihr traumatisches Erlebnis noch einmal durcharbeiten, um so die Affekte aus ihrer innerpsychischen Einklammerung zu befreien, so wurde später die Aufdeckung der Verdrängung zum eigentlichen Ziel der Behandlung (vgl. Mertens 1992, Bd. I., S. 27), die nunmehr als psychoanalytische[8] Behandlung bezeichnet wurde. Mittel zur Aufdeckung dieser eingeklemmten Affekte, d.h. zur Bewußtwerdung des bisher unbewußt gebliebenen Traumas, wurde die Technik der freien Assoziation, eine Arbeitsweise, die Breuer bei Anna O. mit dem Ziel anwandte[9], unter dem Primat der psychischen Determiniertheit (s.u.) und der Annahme eines Unbewußten, die verdrängten Erinnerungen, die das körperliche Symptom entstehen ließen, noch einmal zu erinnern, zu wiederholen und damit durchzuarbeiten (vgl. Freud 1914, S. 205ff). Was kann nun so traumatisch sein, daß der Mensch an einer Erinnerung erkrankt, die nicht einmal mehr bewußt ist? Es muß ein äußerst schmerzhaftes, peinliches und von der menschlichen Psyche nicht zu verarbeitendes Erlebnis sein, was in Konflikt mit dem erwachsenen Ich gerät.

Konflikt im psychoanalytischen Verständnis bedeutet, daß sich zwei im Subjekt befindliche Bestrebungen gegenüber stehen. Dieser kann auf manifestem, also dem Bewußtsein zugänglichen Niveau stattfinden, wie z.B. der Konflikt zwischen einem Wunsch und einer moralischen Gegenposition, er kann aber auch latent vorhanden, also dem Bewußtsein entzogen sein.[10] Beispiel hierfür wäre der ödipale Konflikt oder der Konflikt „zwischen dem Wunsch und der Abwehr, Konflikt zwischen den verschiedenen Systemen oder Instanzen [des psychischen Apparats]“ (Laplanche/Pontalis 1967, S. 257).

Die Erzählungen seiner damals überwiegend weiblichen Patientinnen hatten nach Freuds Auffassung alle einen gemeinsamen Nenner: ein Erlebnis in der frühen Kindheit, daß sich in der Analyse regelmäßig als eine sexuelle Verführung herausstellte (vgl. Freud 1925, S. 63f). Mit der Formulierung der Verführungstheorie zollte Freud nun dieser Entdeckung ihren Tribut: Auslöser einer Hysterie, so die damalige Auffassung, sei eine sexuelle Verführung in der Kindheit, wie sie schließlich von vielen Patientinnen Freuds in der Therapie erinnert wurde (vgl. Mertens 1992, S. 18ff). Seine Theorie beinhaltete viel Sprengstoff für die damalige Ärzteschaft.[11] Freud ging nicht nur soweit, die Hysterie als eine psychisch verursachte Krankheit anzusehen, er postulierte darüber hinaus eine Theorie der sexuellen Ätiologie der Krankheit, das Vorherrschen infantiler Sexualität, die Existenz des Unbewußten und damit zusammenhängend die Folgerung, daß der Mensch nicht »Herr im eigenen Hause« sei. Dadurch, daß diese Theorie sowohl die Idee einer infantilen Sexualität, als auch die eines mächtigen Unbewußten beinhaltet, ist sie für die Genese von Phantasien, deren Basis das Unbewußte bildet, von größter Wichtigkeit.

1.2 Grundlegungen der Psychoanalyse

„Und nun will ich Dir sofort das große Geheimnis anvertrauen, das mir in den letzten Monaten langsam gedämmert hat. Ich glaube an meine Neurotica [sic!] nicht mehr. [...]“ (Freud 1897, in: Masson 1986, S. 283)

Am 21.09.1897 eröffnete Freud seinem engen und vertrauten Freund, dem Berliner Hals-Nasen-Ohren-Arzt Wilhelm Fließ, Zweifel an seiner bisherigen Verführungstheorie. Folge dieses Briefes war ein Wandel in Freuds Auffassung über die Ätiologie von Neurosen. Den Phantasien psychisch erkrankter Menschen wurde nun ein hoher Stellenwert beigemessen.[12] Aus der Annahme einer tatsächlichen Verführung in der frühen Kindheit wurde nun das Konzept der unbewußt wirkenden Phantasien. Zentrum der psychoanalytischen Betrachtung wurde jetzt die psychische Realität. Gegenstand psychischer Realität sind unbewußte Wünsche und damit zusammenhängende Phantasien (vgl. Laplanche/Pontalis 1967, S. 426). Diese psychische Realität wird im Subjekt sowohl bewußt wie unbewußt konstruiert und erhält eine, mit der materiellen Realität vergleichbare Qualität (s.a. Reik 1956, S. 20). Diesem Gedanken liegt ein konstruktivistischer Ansatz zugrunde, der in der Theorie des »Radikalen Konstruktivismus« seinen Höhepunkt findet (s. dazu Schmidt 1987). Hier dominiert der Gedanke, daß Realität bzw. Wirklichkeit nicht existieren, sondern nur Konstrukte des Subjekts darstellen. Wie Watzlawick (1985), einer der bekanntesten Vertreter des Konstruktivismus innerhalb der Psychologie und Kritiker des allgemeinen psychotherapeutischen Verständnisses, bemerkt, hat sich der Glaube an eine Realität bzw. Wirklichkeit nur in der Psychiatrie halten können (vgl. S. 91). Das psychoanalytische Konzept der psychischen Realität kann daher als lobenswerter Ansatz einer konstruktivistischen Auffassung verstanden werden.

In der nachfolgenden Zeit verfaßte Freud seine großen Werke, wie » Die Traumdeutung « (1900) und » Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie « (1905b). Basis dieser Werke bilden vor allem zwei Annahmen, die sich in der ersten Phase der Entstehung der Psychoanalyse herausgebildet haben: Die erste Annahme ist das Prinzip der psychischen Determiniertheit (Brenner 1955, S. 15). Dieses besagt, daß in der Psyche des Menschen nichts geschieht, was einer Ursache entbehrt. Jedes neue Entwicklungsstadium, in das die menschliche Psyche taucht, ist von Erfahrungen der Vergangenheit gefärbt, so daß jene Erfahrungen das menschliche Erleben und Verhalten in der Gegenwart prägen. Es wird eine Art psychische Archäologie betrieben: Das Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten verschütteter, verdrängter Erlebnisse, welche neurotische Symptome produzieren können, soll zur Auflösung psychischer Störungen führen. Dadurch wird der Grund für die technische Methode der freien Assoziation einsichtig: Wenn alles Psychische determiniert ist, also alles Reden, Handeln, alle imaginären Bildungen wie Träume, Phantasien oder Wahnvorstellungen eines Menschen einen tieferen, im Unbewußten verankerten Sinn und ein Ziel haben, so bildet jede freie Assoziation über psychische Vorgänge einen weiteren Stein im Mosaik der neuen, eigenen Erkenntnis des Unbewußten. Die zunehmende Integration abgespaltener, verdrängter psychischer Inhalte unter dem Primat des Sekundärprozesses
(s. Punkt 1.3.3) bringt einen Wandel von »neurotischem Elend« hin zum »gemeinen Unglück«, wie Freud (vgl. 1895, S. 246) es einmal zurückhaltend auszudrücken wußte. Somit ist auch schon die zweite Annahme vorweggenommen. Diese besagt, daß psychische Prozesse, u.a. in Form von Phantasien, im Unbewußten existieren und dort auch deren Bedeutsamkeit verankert ist. Da das Unbewußte die Quelle der Phantasien darstellt, soll nun auf dessen Funktion näher eingegangen werden.

1.3 Die Funktion des Unbewußten

1.3.1 Die Triebe

Wie oben angesprochen, sind verdrängte Inhalte der Psyche nicht wirkungslos, sondern können im Rahmen eines Konfliktlösungsversuches - z.B. im Falle der Hysterie - körperliche Symptome ausbilden (vgl. Laplanche/Pontalis 1967, S. 271). Daß verdrängte Erinnerungen noch immer Wirkung zeigen, wird mit der Einführung der Freudschen Triebtheorie verständlicher. 1905 verwendet Freud in den
» Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie « den Begriff des »Triebes« folgendermaßen:

„Unter einem »Trieb« können wir zunächst nichts anderes verstehen als die psychische Repräsentanz einer kontinuierlich fließenden, innersomatischen Reizquelle, zum Unterschiede vom »Reiz«, der durch vereinzelte und von außen kommende Erregungen hergestellt wird. Trieb ist so einer der Begriffe der Abgrenzung des Seelischen vom Körperlichen“ (1905b, S. 76).

Mit der Vorstellung des Menschen als triebgesteuertes Wesen, verband er den in der Hysterie kulminierenden Konflikt zwischen sexuellen Wünschen einerseits und der unbefriedigenden Realität bzw. einer verinnerlichten moralischen Instanz andererseits. Der Mensch ist von inneren Konflikten gekennzeichnet. Diese Erkenntnis brachte ihn zu einer ersten Triebtheorie: Er hatte die Vorstellung einer Triebdynamik, deren innere Kräfteverbindungen Konflikte entstehen lassen können. Jene Kräfteverbindungen üben ein bestimmtes Drängen aus und stammen letztlich vom Trieb ab (vgl. Laplanche/Pontalis 1967, S. 125). Zunächst unterteilte Freud die Triebe in einen Selbsterhaltungs- und in einen Sexualtrieb. Doch damit sind einige Fragen ungeklärt geblieben, insbesondere die Möglichkeit zur Erklärung von Sadismus und Masochismus.

Mit der Schrift » Jenseits des Lustprinzips « von 1920 revidierte er seine Ansichten und nannte seine beiden neu entwickelten Triebkräfte »Eros« und »Thanatos« bzw. »Destrudo«. Von nun an befand sich die menschliche Psyche in einem Wechselspiel zwischen »Eros« und »Thanatos« bzw. »Destrudo«: »Eros« als Gesamtheit der verfügbaren Energie und der Libido, »Thanatos/Destrudo« als Gesamtheit der Todestriebe, die das Ziel haben, einen Urzustand wiederherzustellen. Diese Erweiterung ist als zweite, dualistische Triebtheorie bekannt. Zentrale Quellen der Triebe sind die Ich- oder Selbsterhaltungstriebe und die Sexualtriebe bzw. Objekt-Triebe. Als Ich-Triebe bezeichnet man alles, was sich auf das Selbst bezieht: zum einen den Destruktions-/Todestrieb, der sich von der Geburt an aufbaut und die Libido kontinuierlich reduziert, zum anderen den libidinösen Ich-Trieb (Narzißmus), bei dem sich die Libido auf das Selbst richtet. Die Libido der Sexual- oder Objekt-Triebe ist auf Objekte gerichtet. Die Objekte sind in der Kindheit zunächst unbeschränkt, wenn eine nicht zu geringe Beweglichkeit der Libido besteht und es zu einer Fixierung kommt. Wir lernen aber im Laufe unseres Lebens die Objekte der Libido auszudifferenzieren und sie damit auch auf andere Ziele als die der Sexualität zu lenken.

Ziel eines Menschen ist es somit, psychische Spannung zu verringern, die entweder durch innere oder durch äußere Erregung, i.S. eines Triebreizes, provoziert werden kann. Als Modell dieser Regulation psychischer Spannung dient das Prinzip der Homöostase, d.h. das Konstanzprinzip. Um die Psyche nicht überwältigenden, traumatischen Eindrücken auszuliefern, welche die psychische Gesundheit der Person gefährden könnte, muß für die Bewahrung der psychischen Stabilität gesorgt werden (vgl. Freud 1915a).

1.3.2 Der topographische Ansatz

Verdrängte Inhalte des Unbewußten sind somit Triebrepräsentanzen, also psychische Derivate der Triebe, die die Form von Vorstellungen, von Phantasien annehmen und in späteren Schriften Freuds die Gesamtheit der Affekte mit einschließen. Hier wird die Wichtigkeit von Phantasien deutlich. Um zu verstehen, in welchem Kontext das Modell der Triebe eingebettet ist, soll an dieser Stelle Freuds topographischer Ansatz, seine erste Vorstellung der »Anatomie« des psychischen Apparats, dargestellt werden.

Der psychische Apparat gliedert sich auf in die Systeme Unbewußt und Vorbewußt bzw. Bewußt. Freud verband damit die Vorstellung, daß die zwei bzw. drei Systeme verschiedene Eigenschaften annehmen und in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet sind, die in einem metaphorischen Sinne auch als »psychische Orte«[13] (vgl. Laplanche/Pontalis 1967) verstanden werden können.

Das System Unbewußt repräsentiert die Gedanken und Gefühle, die verdrängt und deswegen der Person nicht bekannt sind. Diese verdrängten Aspekte sind einerseits Bestandteile der infantilen Sexualität, die durch die infantile Amnesie verdrängt bleiben, andererseits Triebrepräsentanzen, die bei Erreichung ihres Triebzieles Unlust hervorrufen könnten und damit ins Unbewußte zurückgedrängt und dort festgehalten werden müssen.[14]

Freud (1916) nannte das Unbewußte auch das „Reich der sachlichen Erinnerungsspuren“ (S. 210), womit ausgedrückt ist, daß die Inhalte des Unbewußten aus der infantilen, damit also aus der vorsprachlichen Zeit herrühren - eine Zeit, die primär durch die Mutterbezogenheit geprägt ist (vgl. Janus 1989a, S. 112) -, während das Vorbewußte Objektbesetzungen mit den ihr entsprechenden Wortvorstellungen beinhaltet. Folglich entwickelt sich das System Vorbewußt mit dem Beginn des Spracherwerbs. War Freud bis kurz vor seinem Tode von der zentralen Rolle des Vaters für die psychische Entwicklung überzeugt, so wandelte sich dieses Bild hin zu einer Mutterbezogenheit. Für unsere weitere Betrachtung ist diese Mutterbezogenheit[15] vom höchstem Interesse, da jene Erinnerungen, die der infantilen Amnesie unterliegen, von unbewußten mütterlichen Phantasien getränkt sind.

Nach dem topischen Modell des psychischen Apparats sind Inhalte, die dem System des Vorbewußten unterstehen, nicht aktiv dem Bewußtsein entzogen; sie unterliegen also nicht der Verdrängung und können daher bewußt werden. Das, was einer Person aktuell bewußt ist, wird unter dem System Bewußtsein subsumiert. Bewußtes ist jedoch sehr flüchtig und wechselt zwischen dem Vorbewußten und dem Bewußten hin und her, da nur wenige Gedanken aktuell bewußt sein können. Infolgedessen ist das System Vorbewußt nicht scharf vom System Bewußt zu trennen. Kurz, die Psyche ist im ersten topischen Modell in zwei Lager aufgespalten: in das Verdrängte (System Unbewußt [Ubw]) und in das Verdrängende (System Vorbewußt/Bewußt [Vbw/Bw]). Ersteres handelt nach dem Primär-, letzteres nach dem Sekundärprozeß.

1.3.3 Primär- und Sekundärprozeß

Ernest Jones (1953) beschreibt das Konzept des Primär- und Sekundärprozesses, auch Primär- und Sekundärvorgang genannt, als Freuds revolutionärsten Beitrag zur Psychologie (vgl. S. 397). Neben dem topischen und dem dynamischen Grundprinzip des psychischen Apparats, die oben schon genannt wurden, gibt es noch ein drittes: das ökonomische. In Freuds Schrift: » Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens « von 1911 stellt er die These auf, daß „unbewußte psychische Vorgänge und logische bewußte Denkprozesse unterschiedlichen Regeln folgen“ (Tyson/Tyson 1990, S. 173).

Beide Prozesse sind in ihrer Entstehung zeitlich und inhaltlich gut zu trennen. Zum einen ist die Fähigkeit des primärprozeßhaften Denkens zum Zeitpunkt der Geburt vorhanden, während sich der Sekundärprozeß mit der sprachlichen Entwicklung etabliert. Zum anderen stellt der Primärprozeß die Funktionsweise des Unbewußten, der Sekundärprozeß die Funktionsweise des Systems Vorbewußt-Bewußt dar.

Für den Primärprozeß sind zwei Merkmale charakteristisch: 1. Primat des Dranges nach unmittelbarer Befriedigung (Entladung der Besetzung), durch welches sich das Es und das unreife Ich auszeichnet; 2. Besetzungen sind frei beweglich - es besteht somit noch keine »Klebrigkeit der Libido« (vgl. Freud 1917, S. 198). D.h., wenn die Besetzung des einen Objekts mit Triebenergie keine Befriedigung mehr verspricht, kann sie ohne Probleme einem anderen, größere Befriedigung versprechenden Objekt zugeführt werden (vgl. Brenner 1967, S. 53). Der Primärprozeß ist außerdem für die Entstellung konflikthafter Triebabkömmlinge zuständig. Dadurch erleichtert er das Ziel der rascheren, teils auch umfangreicheren Triebbefriedigung. Entstellungsprozesse sind z.B. Verschiebung, Verdichtung, Umkehrung in das Gegenteil etc. - alles Mechanismen, die Freud schon im Rahmen seiner frühen Beschreibung des Unbewußten in einem seiner wichtigsten Werke „Die Traumdeutung“ (1900) als Traumarbeit des »Zensors« genannt hat. Den »Zensor« oder die »Zensur« nannte Freud die „wachgebliebene seelische Instanz“ (vgl. S. 485), die später in die Funktionsweise des Über-Ichs eingegliedert wurde.[16] Die Analyse von Träumen war für Freud der Schlüssel zur Erklärung der Funktion des Unbewußten (s. 1900, Kap. 7, S. 488ff).

Es ist noch einmal wichtig zu betonen: primärprozeßhaftes »Denken« ist nicht mit bewußtem Denken gleichzusetzen! Hier wird nicht bewußt ausgewogen, sondern unbewußt triebhaft, nach dem Lustprinzip gehandelt; es existiert keine Logik, kein sequentielles Zeitempfinden, keine Verneinung oder Einschränkung, und jene Vorstellungen sind bildhafte, keine sprachlichen (vgl. Dornes 1993, S. 178). Somit sind bewußte Phantasien durch sekundärprozeßhafte Bearbeitung veränderte, unbewußte Phantasien dem primärprozeßhaften »Denken« unterliegende.

Mit dem Sekundärprozeß verhält es sich anders. Dieser Prozeß ist gekennzeichnet durch seine Realitätsnähe; er ist dem Realitätsprinzip - im Gegensatz zum Lustprinzip des Systems Unbewußt - verpflichtet. Seine Energie ist zunächst gebunden, bis sie in kontrollierter Form abströmen, d.h. ein Hinausschieben toleriert werden kann (vgl. Laplanche/Pontalis 1967, S. 397). Der Sekundärprozeß ist für das reifere, in seiner Entwicklung vorangeschrittenere Ich charakteristisch, wobei das Ich noch im Sinne des ersten Modells als Teil des Systems Vorbewußt-Bewußt zu verstehen ist. Seine Energie kann einen Triebaufschub tolerieren, wenn die äußere Realität bzw. das reifere Ich eine direkte Triebabfuhr nicht zuläßt. Ein weiterer Unterschied zwischen dem Primärprozeß und dem Sekundärprozeß ist, daß letzterer die Fähigkeit besitzt, Objekte fester, stabiler mit libidinöser Energie zu besetzen, was wiederum für die oben erwähnte Fähigkeit des Herausschiebens von Triebenergie spricht. Jedoch darf auch dem Sekundärprozeß keine Bewußtheit zuerkannt werden. Er ist quasi die unbewußte Matrix, auf der bewußte Handlungen vonstatten gehen.

Wenn nun davon gesprochen wird, daß sich der Primärprozeß als ein zeitlich früherer entstandener bezeichnen läßt, wogegen der Sekundärprozeß in der Entwicklungsgeschichte des Menschen einem späteren Entstehungsmoment zufällt, so ist ein genauer Zeitpunkt der Entstehung beider Prozesse nicht zu bestimmen. Der eine Prozeß wird vom anderen nicht abgelöst. Beide existieren auch bei einem Erwachsenen, was deren Entdeckung durch Analysen Erwachsener möglich gemacht hat. Seit einiger Zeit gibt es eine kritische Position gegenüber der zeitlichen Entstehung beider Prozesse, auf die ich jedoch hier nicht weiter eingehen möchte (s. dazu: Dornes 1993, S.177-185).

1.3.4 Das Strukturmodell

Zunächst glaubten die Pioniere der Psychoanalyse mit dem eben Erläuterten eine zufriedenstellende Erklärung der Funktionsweise der menschlichen Psyche gefunden zu haben. Doch im Laufe der Weiterentwicklung entdeckten viele Psychoanalytiker Schwachstellen in der Darstellung des Unbewußten. So trennscharf, wie die Definition des Unbewußten in den Anfangstagen der Psychoanalyse noch wirkte, so ungenau bzw. widersprüchlich wurde sie mit wachsender theoretischer Erkenntnis und zu-nehmenden, praktischen Erfahrungen. Mit Freuds Arbeit » Das Ich und das Es « (1923) wurde ein neues, zweites Modell zur Erklärung der Funktion des Unbewußten und des psychischen Apparates vorgestellt: das Strukturmodell oder die Strukturtheorie. Jene Schrift beinhaltet die Begrifflichkeiten zur Erfassung der menschlichen Psyche, wie sie heute noch gebraucht werden.[17]

Wichtige Neuerung ist nun, daß das Unbewußte keine Eigentümlichkeit einer besonderen Instanz mehr ist. Das Es bleibt Repräsentant des Unbewußten. Das Ich und das Über-Ich, erstrecken sich über alle drei Schichten des topographischen Modells. Folgende Übersicht soll die Charakteristiken der psychischen Instanzen verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Brenner 1955; Laplanche/Pontalis 1967; Nagera 1969)

1.4 Zusammenfassung der Freudschen Metapsychologie

Die Metapsychologie Sigmund Freuds basiert primär auf zwei Schlüsselthesen:

1. Prinzip psychischer Determiniertheit: Jedes psychische Geschehen unterliegt einer Kausalität. Diese Kausalität umfaßt alle Erfahrungen und dazugehörigen psychischen Prozesse (Brenner 1955, S. 14f).
2. Annahme des Unbewußten: Die oben erwähnte Kausalität gründet sich auf die Annahme, daß die Existenz und Bedeutsamkeit psychischer Prozesse sowohl die Ebene des Bewußtseins, wie auch die Ebene des Unbewußten mit einschließt (ebd., S. 15f). Das Unbewußte wird zum einen inhaltlich, deskriptiv verstanden, zum anderen topisch. So wird zum einen die Frage nach dem Was, d.h. welche Inhalte sind dem Unbewußten zuzuordnen und wie sehen diese aus, zum anderen nach dem Wo des Unbewußten, also nach der Verortung im psychischen Apparat, gestellt. Die wichtigsten Charakteristika des Unbewußten faßt Freud in seiner Schrift »Das Unbewußte« von 1915 folgendermaßen zusammen:

„[...] Widerspruchslosigkeit, Primärvorgang [Beweglichkeit der Besetzungen], Zeitlosigkeit und Ersetzung der äußeren Realität durch die psychische [...]“ (vgl. 1915b, S. 146, Hervorhebungen - Freud).

Die dualistische Triebtheorie besteht aus zwei Grundtrieben: dem »Eros« und dem »Thanatos« bzw. »Destrudo«. »Eros« beinhaltet die gesamte verfügbare libidinöse Energie zur Erhaltung des Lebens und des Liebestriebes, »Thanatos« steht für Vernichtung/Zerstörung, also für den Todestrieb.

Ein psychischer Vorgang muß unter allen drei folgenden Gesichtspunkten interpretiert werden:

1. Theorie der Topik: Es gibt zwei topische Modelle des psychischen Apparates. Das erste nennt sich das topische Modell und ist auf zwei bzw. drei verschiedenen
Systemen aufgebaut, die als psychische Orte unterschiedlichen Funktionsweisen unterliegen und dadurch auch in Konflikt geraten können: System Unbewußt, Vorbewußt, Bewußt, wobei das System Vorbewußt schwer vom System Bewußt abgrenzbar ist. Das zweite, auch Strukturmodell genannt, unterscheidet drei Instanzen: Es, Ich, Über-Ich (vgl. Laplanche/Pontalis 1967, S. 503).
2. Theorie der Dynamik: Psychische Vorgänge werden durch ihre Triebdynamik, d.h. durch die vom Trieb abstammende Kräfteverbindungen, die ein bestimmtes Drängen verursachen, und der daraus resultierenden Konflikte erklärt (vgl. Laplanche/Pontalis 1967, S. 125; Köhler 1995, S. 68)
3. Theorie der Ökonomie: Beinhaltet die Vorstellung, daß eine meßbare Triebenergie existiert, auf deren Basis sich die psychischen Vorgänge organisieren. Diese Energiemengen können erhöht, verringert oder mit anderen Energiemengen ein Gleichgewicht bilden. Die Annahme einer psychischen Homöostase, einem Konstanzprinzip, wie es Laplanche und Pontalis (1967) ausdrücken, liegt dem ökonomischen Gesichtspunkt zugrunde. Triebrepräsentanzen - psychische Derivate der Triebquelle - können Energieungleichgewichte auslösen. Deren Triebschicksal aufzudecken ist eine Aufgabe der psychoanalytischen Therapie. Therapeutisches Ziel ist die Wiederherstellung der psychischen Homöostase, wenn sie nicht selbst hergestellt werden kann (vgl. ebd., S. 261).

1.5 Das psychoanalytische Entwicklungsmodell

Die Entwicklung des klassischen psychoanalytischen Entwicklungsmodells - und damit ihres Sozialisationsverständnisses - hängt eng mit der oben beschriebenen psychoanalytischen Metatheorie zusammen. Auf der Basis der erinnerten Erzählungen der Patienten Freuds, die, nach Aufgabe der Verführungstheorie, überwiegend als Wunsch- und Phantasieprodukte erkannt wurden, entwickelte Freud die Theorie der infantilen Sexualität und bald darauf dessen phasenspezifische Entwicklung. Bahnbrechend dafür war u.a. seine Schrift » Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie « von 1915. Grundlage jener Phasentheorie stellt die libidinöse Triebentwicklung dar, die ihrerseits durch Einflüsse der Umwelt im allgemeinen und der elterlichen Erziehung im besonderen geprägt ist. Die Art und Weise wie das Kind seine libidinöse Triebentwicklung in der oralen, analen oder ödipalen Phase erlebt hat, findet ihren Niederschlag in der Ausbildung spezifischer Persönlichkeitseigenschaften. Gründe für eine neurotische Persönlichkeitsentwicklung sind nach Freud einerseits unbewußte Wüsche und daraus resultierende Phantasien, die aus einer normalen Objekterfahrung eine traumatische machen können, wenn sie zu drängend waren und demnach mit großem Energieaufwand abgewehrt werden müssen. Andererseits können störende externe Einflüsse problematischer Sozialisationsinstanzen, die die natürliche Entwicklung infantiler Sexualität übermäßig einschränken, unterbinden oder anderweitig behindern, neurotisierend wirken. Dazu gehört z.B. eine Überreizung der infantilen Sexualität durch sexuellen Mißbrauch oder Mißhandlung. Der Grad neurotischer Entwicklung ist abhängig von der Quantität bzw. Qualität der unbewußten kindlichen Wünsche und Phantasien, der behindernden Einflüsse auf das kindliche Triebleben, der spezifischen kindlichen Entwicklungsphase, in der diese Behinderungen an das Kind herangetragen wurden und vor allem wie das Kind all diese Einflüsse verarbeitet hat. Ging Freud zunächst von wenigen phantasierten, traumatischen Momenten aus, deren Wurzel nur in der Sexualsphäre lagen, so wurden sie schließlich auch auf libidinöse, aggressive und narzißtische Ansprüche des Ichs bezogen (vgl. Richter 1963, S.43).

Die frühe psychoanalytische Auffassung betont eher das Auftreten ganz bestimmter, gewichtiger traumatischer Erlebnisse, die mit der gerade zu durchlaufenden psychosexuellen Entwicklungsstufe gekoppelt, zur Verdrängung kindlicher Triebäußerungen und schließlich zur Ausbildung neurotischer Symptome führen (vgl. Dornes 1997a, S. 74). Beispiel dafür ist ein objektiv aufgetretenes Ereignis, wie z.B. eine Verführung oder ein subjektiv phantasiertes Ereignis, das als traumatisch erlebt wird, wie z.B. die Kastrationsdrohung, das Beobachten des elterlichen Beischlafs, der Tod eines Geschwisters, die Trennung/der Tod der Eltern oder die Trennung/der Tod eines Elternteils und die daran beteiligten kindlichen Wünsche und Phantasien. Mikrotraumatisierungen (vgl. Gaensbauer 1982a, S. 59), die in ihrer großen Bedeutung durch neuere Forschungen auffielen, sind in diesem Konzept jedoch nicht enthalten. Wie später gezeigt wird, hat sich diese Auffassung unter dem Einfluß von Objektbeziehungstheorien, Säuglingsforschung und der Bindungstheorie verändert.

Eine weitere Charakteristik früher psychoanalytischer Entwicklungspsychologie ist die Konzentration auf das phantasierte Erleben des Patienten. Reale Interaktionsserfahrungen mit Hauptbezugspersonen waren in der damaligen Psychoanalyse von geringerem Interesse. Im Mittelpunkt standen nicht die vom Patienten mitgeteilten »realen« Situationen, deren Wahrheitsgehalt nicht überprüfbar war, sondern wie sie in der Phantasie erlebt wurden und wie dieses Erleben nun unbewußt das Leben beeinflußte. Diese Phantasien sind bis heute von zentraler Bedeutung für die psychoanalytische Therapie, doch ist mit der Bindungstheorie und der Säuglingsforschung die reale Erfahrung wieder mehr in den Blickpunkt geraten.[18] Familiäre Beziehungen, die den Gegenstand systemischer Familientherapie darstellen, waren grundsätzlich nicht Inhalt klassischer Psychoanalyse.

Bevor die phasenspezifische, psychosexuelle Entwicklung vorgestellt wird, sei noch angemerkt, daß Freud diese als ein subjektiv erlebtes Kontinuum verstanden haben wollte. Sollten bei einer Person spezifische Fixierungen auf der einen oder anderen Phase vorkommen, so wird es mit der Wertung »Gesund« bzw. »Krank« problematisch, da keine scharfen Grenzen zwischen diesen beiden Wertungen existieren. Jedes Subjekt nimmt seine spezifische und unverwechselbare Position innerhalb dieses Kontinuums ein, die bei manchem jedoch manifest neurotischen Charakter annehmen kann und zu spezifischen Symptomen führt.

1.5.1 Die orale Phase (0-1 ½ Jahre)

Das psychoanalytische Phasenmodel unterteilt sich in eine orale, anal-sadistische und ödipale Phase mit der anschließenden Latenzphase. Die orale Phase kennzeichnet sich durch das im ersten Lebensabschnitt zentrale »Sexualorgan« Mund. Die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes sind in diesem Lebensabschnitt primär orale (vgl. Brenner 1967, S. 33). Sinnliche Erfahrungen werden durch die Reizung der Mundschleimhäute gemacht; Triebbedürfnisse sowohl libidinöser (z.B. Saugen, Wahrnehmen, Schmecken) wie auch aggressiver Natur (z.B. durch Beißen) werden dadurch befriedigt. Wurde dieser orale Drang dem Säugling verwehrt oder überstimmuliert, so kann sich im späteren Leben eine dem Wiederholungszwang verpflichtete, orale Fixierung einstellen, die sich im Rauchen, exessivem Essen, Depressionen oder anderen oral geprägten Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmerkmalen niederschlägt.[19]

1.5.2 Die anal-sadistische Phase (1 ½-3 Jahre)

In der anal-sadistische Phase dient der Anus als primäres Sexualorgan. Persönlichkeitseigenschaften, wie erste Unabhängigkeitsbestrebungen, erste Autonomieversuche manifestieren sich in dieser Phase. Das Kind lernt in dieser Zeit den Schließmuskel zu beherrschen. Dieser Entwicklungssprung beinhaltet das kindliche Vermögen, eigene Kontrolle über das Ausstoßen von Kot auszuüben. Das Ausstoßen des Kots wird als angenehm und sinnlich empfunden. Somit gewinnen auch alle Ausscheidungsprodukte und deren Gerüche eine hohe kindliche Aufmerksamkeit. Die sadistische Komponente in dieser Phase wird beschrieben als die Fähigkeit, die Fäzes auszustoßen bzw. in sich zu behalten. Das stellt eine Parallele zum bipolaren Sadismus dar, welcher „[...] kontradiktorisch das Objekt zu zerstören und es zu erhalten sucht“ (Laplanche/Pontalis 1967, S. 62). Der analen Phase werden ebenso bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zugeordnet. Bei einer neurotisch-analen Fixierung im höheren Alter können sich z.B. Schreibstörungen, sadomasochistische Sexualpraktiken, pathogener Geiz oder Zwangsstörungen einstellen. Eine sublimierte Form analer Fixierung kann sich in der künstlerischen Beschäftigung mit Ton, Stein, Farbe oder anderen Materialien äußern (vgl. König 1992, S. 29ff).

1.5.3 Die ödipale oder phallische Phase (3-5 Jahre)

Die letzte wichtige Phase ist die phallische oder ödipale. Zentrum des Interesses werden hier die primären Geschlechtsmerkmale. Der in der Psychoanalyse so zentrale Begriff des Ödipuskomplexes prägt diese Entwicklungsphase. Hier spielt sich das ödipale Drama ab, welches Freud als den Kernkomplex identifizierte und mit dessen erfolgreicher Bewältigung sich das Über-Ich konstituiert.[20] Als typisch ödipales Persönlichkeitsmerkmal ist hier der hysterische Charakter zu nennen. Das Spiel mit den Geschlechterrollen nimmt hier z.B. einen großen Platz ein: der feminine Mann, die maskuline Frau, Homo- oder Bisexualität etc.. Auch das berufliche Konkurrenzgebaren kann seine Wurzeln in einer Fixierung auf ödipaler Ebene haben (vgl. König 1992, S. 34ff).

1.5.4 Die Latenzzeit und genitale Phase (ab 5 Jahre)

Ergänzend ist noch hinzuzufügen, daß nach der ödipalen Phase die Latenzzeit anknüpft, in der all die Erfahrungen der frühen Kindheit ihre psychische »Verfestigung« erfahren, um dann in die genitale Phase - von der Adoleszenz bis zum Erwachsenenalter - einzumünden. Die Sexualentwicklung hat damit ihren Bestimmungsort - ihre geschlechtliche Bestimmung im Zusammenhang mit dem »Untergang des Ödipuskomplexes« - erreicht. Personen, die eine Fixierung in dieser Entwicklungsstufe erlebt haben, zeichnen sich z.B. durch häufige Übertragung von Elternobjekten auf andere Menschen oder durch ein generelles Auftreten aus, das eher auf eine adoleszente Person hinweisen würde als auf eine erwachsene Person. Verdeckte Bindungen an die Eltern bleiben bestehen: Die Personen wirken von ihren Eltern eher losgerissen als abgelöst (vgl. König 1992, S. 45ff).

Wie aufgezeigt, können Konflikte in allen fünf Stufen der Entwicklung entstehen. Basis dieser Konflikte sind, wie Richter beschreibt,

„[...] die angeborene Triebambivalenz, die Struktur der Psyche mit ihrer Spaltung und Es, Ich, Über-Ich, die unausweichliche Kollision der menschlichen Triebe mit dem Normenkodex der Gesellschaft, dessen Vermittlung den Erziehern obliegt, ferner ubiquitäre Belastungen wie das Abstillen, das Sauberkeitstraining, Geschwisterrivalität, die Konkurrenzproblematik in der ödipalen Phase usw.“ (1963, S. 23f).

Wie der Titel der vorliegenden Arbeit verspricht, wird die Aufmerksamkeit im folgenden primär auf der oralen Lebensphase liegen. Mit dem Rüstzeug der psychoanalytischen Metapsychologie und ihrem entwicklungspsychologischen Verständnis in der Hand, kann nun in der Darstellung der Sozialisationsbedeutung von Phantasien fortgeschritten werden.

II. Wandlungen in der Sicht vom Säugling

„Wir haben keinen anderen Weg, von einem komplizierten Nebeneinander Kenntnis zu geben, als durch das Nacheinander der Beschreibung, und darum sündigen alle unsere Dar-stellungen zunächst durch einseitige Vereinfachung, und warten darauf, ergänzt, überbaut und dabei berichtigt zu werden.“

(Sigmund Freud 1938, S. 59)

And I, understanding what you did not say, fell in love with you because you did not say it.

(Guerrini)

Mit der oben geschilderten psychoanalytischen Metatheorie ist die Grundlage des Freudschen Werkes benannt. Dieses Werk war und ist ein ständig ergänztes, verändertes oder anderweitig bearbeitetes, theoretisches Gebäude. Daher wird es problematisch, von »der« Psychoanalyse zu sprechen. Verschiedenste psychoanalytische Schulen existieren nebeneinander, manche in Kooperation, manche isoliert voneinander.

Die augenblicklich größte Herausforderung für die Psychoanalyse objektbeziehungs-theoretischer Prägung stellt die moderne Säuglingsforschung dar. Ihre Forschungsmethoden werden durch moderne Aufzeichnungstechniken unterstützt und machen daher Beobachtungen möglich, die zu Freuds Zeiten nicht denkbar waren. Überraschend sind dementsprechend auch die Entdeckungen, die den verschiedenen psychoanalytischen Theorien einen regelrechten Spagat abringen: zwischen einem Festhalten an bestimmten Grundlagen und der durch empirisch gewonnene Fakten zwingend gewordenen Veränderung des theoretischen Grundgebäudes. Einige Konzepte der Psychoanalyse können aufgrund der neuen Forschungsergebnisse der Säuglingsforscher nicht mehr aufrecht erhalten werden, wie z.B. Stern (insb. 1985), Köhler (insb. 1990) und Dornes (insb. 1993) eindrucksvoll beschreiben. Doch bestimmte theoretische Strömungen innerhalb der Psychoanalyse[21] stellen sich zunehmend der Herausforderung. Der Nachteil ist, daß eine Orientierung innerhalb der verschiedenen psychoanalytischen Richtungen nicht leicht fällt. So ist es notwendig, anhand ausgewählter psychoanalytischer Richtungen, einen historisch verankerten, inhaltlichen Überblick zu geben, der deutlich macht, daß der adultomorphisierte Blick auf den Säugling – der einen rekonstruierten Säugling beschreibt - einem in der Realität kompetenten und interaktiv äußerst begabten Säugling weichen muß. Seine neu entdeckten Fähigkeiten machen ihn daher auch besonders sensibel und empfänglich für bewußte wie unbewußte Phantasien seiner Eltern.

2.1 Geschichtlicher Abriß der Eltern-Kind-Interaktion und die Neupositionierung infantiler Fähigkeiten

Schon zu Lebzeiten Freuds gab es im psychoanalytischen Lager verschiedene Auffassungen über die Theorie und Technik der Psychoanalyse. Geradezu legendär sind die Geschichten um eine Handvoll »Dissidenten«, wie z.B. Carl Gustav Jung, Alfred Adler, Otto Rank, Wilhelm Reich, Melanie Klein oder Sándor Ferenczi. Wenn Eckpfeiler des psychoanalytischen Theoriegebäudes, wie der Ödipus-Komplex oder die sexuelle Ätiologie der psychischen Störungen, durch junge Nachwuchsanalytiker in Frage gestellt wurden, war eine leidenschaftliche Debatte vorprogrammiert, welche nicht selten mit dem Rausschmiß der unbequemen Person aus der psychoanalytischen Gesellschaft endete (s. Fußnote 5, S. 14). Und doch hat sich die Psychoanalyse weiterentwickeln können. Mit dem Beginn der psychoanalytischen Behandlung von Kindern u.a. durch Anna Freud oder Melanie Klein Mitte der 20er Jahre (vgl. Freud, A. 1966, Bd I., S. 3)[22], wurde die präödipale Zeitspanne zunehmend ins Zentrum des theoretischen Interesses gerückt. An dem Versuch, diese früheste Lebensphase verstehen zu lernen, war die Hoffnung geknüpft, den Schlüssel zur Behandelbarkeit von schweren Psychosen zu finden - jener Form psychischer Erkrankung, die viele psychoanalytische ForscherInnen bis dahin als nicht behandelbar ansahen.

Rückblickend kann eine Chronologie theoretischer Veränderungen aufgezeichnet werden. Mit der Entwicklung Ich-psychologischer Ansätze, die Freud (1923) selbst durch sein Strukturmodell einleitete und von anderen, insbesondere durch die späteren Arbeiten Sigmund Freuds sowie von Anna Freud (1936) und Heinz Hartmann (1939), fortgeführt wurden, entwickelten sich in den 40er Jahren erste Objektbeziehungstheorien und damit ein neues Bild des Säuglings. Neben den »neuen« Narzißmustheorien Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre (Kohut 1971; 1984), auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, gab es durch den technischen Fortschritt bessere Möglichkeiten der Beobachtung. Ich beginne mit einem Zeitsprung in die 20/30er Jahre unseres Jahrhunderts und wende mich anschließend dem Einfluß moderner Säuglingsforschung auf die Psychoanalyse zu.

2.2 Ich-psychologische Annahmen

Mit der Entdeckung, daß der Patient mit unbewußten Widerständen in der analytischen Therapie reagiert, mußte das topographische Konzept der Psyche revidiert bzw. ergänzt werden. Das Ich konnte nicht ohne Probleme mit dem System Bewußt gleichgestellt werden, wenn offensichtlich im Ich unbewußte Bereiche existieren, wie z.B. die Abwehrmechanismen. Die Abwehranalyse ersetzte die Analyse der Triebschicksale. Resultat war, wie schon beschrieben, die Entwicklung des Strukturmodells. Nun hatte das Ich an zwei Fronten zu kämpfen: einerseits gegenüber der Umwelt, andererseits gegenüber dem Es und Über-Ich. Freud (1933) schreibt:

„So vom Es getrieben, vom Über-Ich eingeengt, von der Realität zurückgestoßen, ringt das Ich um die Bewältigung seiner ökonomischen Aufgabe, die Harmonie unter den Kräften und Einflüssen herzustellen, die in ihm und auf es wirken, und wir verstehen, warum wir so oft den Ausruf nicht unterdrücken können: Das Leben ist nicht leicht!“ (S. 515).

Ein gewisser Hang zum Pessimismus ist bei Freud wohl nicht zu leugnen. Dagegen gibt Mertens (1990) eine positive Umdeutung und beschreibt die Aufgabe des Ichs aus einer resourcenorientierten Sichtweise:

„Das Ich besitzt die Fähigkeit zur Unterdrückung eines Triebimpulses, indem es dem Es den Zugang zur willkürlichen Motorik verwehrt; ferner die Möglichkeit der Phantasiebefriedigung, mit der es Trieb-Impulse durch vorgestellte Erfüllung schwächen kann [...]“ (Bd. I, S.91).

Mit der genaueren Analyse der Fähigkeiten des Ichs und seiner Abwehrmechanismen (vgl. Anna Freud 1936) ist ein wichtiger Schritt getan worden: von einer Es-Analyse hin zu einer Ich-Analyse. Die Fähigkeiten des Ichs wurden nun in den Mittelpunkt des Interesses gerückt - „Wo Es war, soll Ich werden.“ (Freud 1933, S. 516) - womit auch Fragen nach dem Zeitpunkt der Entstehung des Ich neu aufgeworfen wurden. Mertens (1990) schreibt, daß Hartmann (1939) als der eigentliche Begründer der Ich-Psychologie gilt (vgl. Mertens, Bd. I., S. 92). In seiner Schrift » Ich-Psychologie und Anpassungsproblem « von 1939 spricht er von »Apparaten der primären Autonomie« (vgl. Mertens 1990, Bd. I., S. 92) - angeborene Fähigkeiten des Ich wie z.B. Wahrnehmung, Gedächtnis, Intelligenz - die, zunächst konfliktfrei, erst auf sekundärem Wege durch Konflikte eingeschränkt werden. Mit der Herausarbeitung von normalpsychologischen Fähigkeiten, die im Ich angesiedelt sind, hat Hartmann auch eine Brücke zwischen der akademischen Psychologie und der Psychoanalyse geschlagen (vgl. Schraml 1968, S. 43).

2.3 Objektbeziehungstheorien

Durch die Neuformulierungen der Ich-Psychologie, die insbesondere das Postulat der von Geburt an vorhandenen Ich-Funktionen betreffen, wurde eine neue entwicklungspsychologische Sichtweise notwendig, die, so Mertens (1990),

„[...] zwangsläufig über die psychosexuelle Phasenlehre hinausgehen mußte und den Weg für psychoanalytische Mutter-Kind-Beobachtungen schuf [...]“ (Bd. I, S.92).

Jene Beobachtungen zogen die Entwicklung von Objektbeziehungstheorien nach sich, die heute eine zentrale Stellung in der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie einnehmen. Aus einer historischen Perspektive gesehen, waren die psychoanalytischen ObjektbeziehungstheoretikerInnen die ersten, die die Frage nach den möglichen Einflüssen des inneren elterlichen Erlebens auf die psychische Entwicklung des Kindes aufgeworfen haben (vgl. Haft/Slade 1989, S. 161).

Objektbeziehungstheorien sind eine Reihe von streckenweise voneinander abweichenden Theorien, die aussagen, daß Beziehungen, beginnend mit der Mutter-Kind-Dyade, wichtige, prägende, primäre Erfahrungen beinhalten. Deren intrapsychische-, interpersonelle- und Gruppenerfahrungen legen die Grundlage für die Entwicklung individueller Identität. Die individuelle Interpretation dieser Beziehungen, sei sie bewußt oder unbewußt, ist die Basis, auf der spätere Beziehungen mit anderen verstanden werden, ob es z.B. nun Freunde, Ehepartner oder die eigenen Kinder sind. Beinahe alle Erfahrungen des Säuglings sind daher unabdingbar mit dem mütterlichen resp. väterlichen Innenleben verwoben (vgl. Haft/Slade 1989, S. 161). Elterliche Gefühle, Phanta-sien, Erwartungen etc. prägen ihre Beziehung zum Kind und damit das kindliche Selbst. Um sich ein Bild davon zu machen, wie aktiv frühes Interaktionserleben das spätere Selbst beeinflußt, müssen alle Stufen der Entwicklung untersucht werden, beginnend mit der Geburt (vgl. Mertens 1990, Bd. I., S. 95). Manche AutorInnen halten den Zeitpunkt der Geburt sogar für einen zu späten Untersuchungsbeginn: Exemplarisch sind an dieser Stelle Piontelli (1992), Blum (1993) und Janus (1989b; 1997) zu nennen, die in Anlehnung an Rank (1924) bzw. Ferenczi (1924) noch einen Schritt weitergehen und für eine intensive Erforschung pränataler Einflüsse auf die Entwicklung der menschlichen Psyche plädieren.

Desweiteren wird versucht, Aussagen darüber zu treffen, wie die inneren Objekte sich modifizieren und durch Lebenserfahrung modifiziert werden. Die Kritik der Objektbeziehungstheorie setzt an einem Aspekt der Triebtheorie Freuds an. War in der klassischen Psychoanalyse Freuds eine Objektbeziehung charakterisiert durch die Besetzung des Objektes mit libidinöser oder aggressiver Triebenergie, so hat sich im Laufe der theoretischen Weiterentwicklung eine Sichtweise etabliert, die über Triebäußerungen hinaus eine Theorie der Objektbeziehungen entwickelt:

„In die Objektbeziehung gehen auch immer Vorstellungen über die Erwartungen des Interaktionspartners über sein tatsächliches Verhalten, über den Situationskontext mit ein und bestimmen zu einem großen Teil das tatsächliche Interaktionsverhalten“ (Mertens 1990, Bd. I, S. 95).

Der Fokus hat sich somit vom Subjekt und seiner Triebmanifestation, also einer „Einpersonenpsychologie“ (Cremerius 1983, S. 1002) bzw. „one-body psychology“ (vgl. Mertens 1990, Bd. I., S. 95), auf das Interaktionsgeschehen, also einer „Zweipersonenpsychologie“ (Cremerius 1983, S. 990) verlagert. Nach Leitner (vgl. 1997, S. 118) hat das Otto Rank schon 1926 in seinem Buch »Technik der Psychoanalyse I « in Ansätzen beschrieben, indem er die Analytikerin bzw. den Analytiker als Person - und nicht als »Freudsches Neutrum« - einbrachte und so die Aufmerksamkeit auf den Beziehungsaspekt lenkte (vgl. Rank 1926, S. 52). Köhler (1995) schreibt, daß eine Triebmanifestation nie ohne das Objekt verstanden werden kann, auf das sich diese Triebmanifestation richtet (vgl. S. 71). Die Redewendung von Winnicott (1947) „There is no such thing as a baby“ (zitiert bei Abram 1998, S. 1) pointiert jenen theoretischen Wandel. Zwar wurde die Triebtheorie nicht aufgegeben, doch sah sie sich durch einen Beziehungsaspekt ergänzt bzw. erweitert. Auslöser dieser Veränderung war - neben der schon erwähnten Ich-Psychologie - zum einen die sozialpsychologische Strömung des symbolischen Interaktionismus[23] (vgl. Blumer 1973), zum anderen psychoanalytische Beobachtungsstudien, insbesondere durch Spitz (1956), Robertson (1953) und Bowlby (1969; 1973; 1980). Im Gegensatz zur Bindungstheorie John Bowlbys, die sich mehr und mehr vom Triebkonzept entfernt, gehen jedoch Klein und Winnicott immer noch von Trieben als wesentliche Motivationsfaktoren aus (vgl. Köhler 1995, S. 71f).

Die Mutter-Kind-Interaktion wurde besonders im Hinblick auf Auswirkungen mangelhafter elterlicher Fürsorge und Empathie untersucht. Schwerpunkt der theoretischen Untersuchungen wurden entwicklungspsychologische Konzepte wie Symbiose, Differenzierung, Übungsphase, Wiederannäherung und Objektkonstanz (vgl. Mertens 1990, S. 100). Zentrale These war, daß

„[...] lange vor dem Erreichen eines neurotischen Konfliktpotentials die Ich-Entwicklung des Kindes in entscheidenden Punkten traumatisch beeinträchtigt, unterbrochen oder angehalten werden kann“ (ebd.).

Traumatische Beeinträchtigungen wurden in den Objektbeziehungstheorien auch nicht mehr als einmalige oder wenige, schwer traumatische Momente verstanden. Es hat sich zunehmend die Überzeugung herausgebildet, daß kleinste, sich wiederholende und dadurch den Alltag bestimmende Mikrotraumatisierungen[24] schwere psychische Störungen hervorrufen können.

Ebenso wandelte sich der Begriff des »Objekts«: Das »Objekt« ist nicht mehr nur eine passive Person, die die Aufgabe hat, Trieberregungen des Subjekts aufzuheben. Ihm wird nun auch eine aktive Komponente zuerkannt (vgl. Winnicott 1965a, S. 20). »Objektbeziehung« bedeutet einerseits, eine Beziehung zu einer anderen Person zu unterhalten, die bestimmte Qualitäten annimmt, andererseits auch die dringende Notwendigkeit eines Gegenübers zur Definition eigener Subjektivität. Erfahrene Interaktionen mit dem Objekt werden vom Subjekt unbewußt als Repräsentationen verinnerlicht. Sie stellen also psychische »Abbildungen« erlebter Erfahrungen dar, die jedoch nicht als isomorphe Abbildungen der äußeren Realität verstanden werden dürfen. Nach Bretherton (persönl. Mitteilung, 21.04.1999) beinhalten Repräsentationen Gefühle. Sie stellen das bedeutungsschaffende System dar, welches später der Kognition dient. Im Prozeß des Aufbaus innerer Repräsentanzen werden äußere Erfahrungen subjektiv bearbeitet; ihnen wird also eine subjektive Wertung beigemessen (vgl. Stern 1995, S. 103ff) Im Zusammenhang mit klassischen psychoanalytischen und objektbeziehungstheoretischen Annahmen, werden Repräsentationen als Selbstschutz gegen Überstimulation angesehen (Konstanz-prinzip). Diese Ansicht hat sich jedoch mit dem Einfluß der Säuglingsforschung verändert (vgl. Zelnick/Buchholz 1990, S. 828). Die Arbeiten von Sandler (1964; 1973; 1976a; 1976b), Sandler und Rosenblatt (1962) u.a., Sandler und Nagera (1966) oder Fairbain (1952), stehen für die theoretischen Überlegungen über Entstehung, Inhalt und Dynamik der Repräsentationen bzw. Phantasien - sowohl aus objektbeziehungstheoretischer Sicht als auch aus der veränderten Sichtweise durch den Einfluß der Säuglingsforschung (s. dazu: Zelnick und Buchholz [1990]; Stern [1985; 1995, 1996]). Kapitel III wird sich dieser Diskussion ausführlicher widmen.

Innerhalb der Objektbeziehungstheorien gibt es verschiedene Schulen. Die Englische Schule ist durch Melanie Klein (1882-1960) bekannt geworden, die als Pionierin der Objektbeziehungstheorie gilt (vgl. Mertens 1990, Bd. I., S.94). Sie hat als eine der Ersten die Bedeutsamkeit präödipaler Beziehungen herausgehoben.[25] Damit löste sie eine starke und emotionale Theoriediskussion aus, da sie mit der Hervorhebung der präödipalen Phase die Wichtigkeit des Ödipus-Komplexes infrage stellte. Der zentralen Bedeutung des Vaters (und damit auch des Phallus) in der Freudschen Theorie drohte durch Kleins Schriften große Gefahr. Nach Klein wurde die omnipotente Rolle des Mannes zur einer der Frau, basierend auf der Vormachtstellung der weiblichen Brust. Der wichtigste Aspekt ihrer Theorie für diese Arbeit ist aber, neben der erwähnten Betonung der präödipalen Zeit, ihre veränderte Auffassung über den psychoanalytischen Phantasiebegriff, der durch sie erheblich erweitert wurde. So gerieten besonders Anna Freud und Melanie Klein in den 30er Jahren aneinander, da für Anna Freud die Aufgabe der zentralen Stellung des Ödipus-Komplexes einer Verleugnung ihres Vaters gleichkam (s.a. Punkt 3.1.2). Nach Holmes (1995) wurde dieser Streit erst 1944 durch ein „gentleman´s aggreement“ (S. 23) zwischen Anna Freud und Melanie Klein beigelegt.

In Abgrenzung zur Englischen Schule, die sich um Klein und ihre Anhänger gebildet hat, entstand innerhalb der Britischen Schule eine eigene Tradition und Theorie von Objektbeziehungen. Die Britische Schule zeichnet sich durch theoretische Entwicklungen von Objektbeziehungstheorien aus, die die zentrale Kernaussage treffen, daß die Fähigkeit zu Objektbeziehungen von Geburt an besteht, wie auch das Ich des Menschen von Geburt an eine bestimmte Form des Selbstkonzepts besitzt.

Doch auch innerhalb der Britischen Schule gab es zwei verschiedene Lager. Winnicott z.B., einer der einflußreichsten Psychoanalytiker der Britischen Schule, zählt mit Balint, Fairbain und Guntrip zur Independent-Group oder Middle Group - eine Schulenrichtung, die sich von der B-Group der Freudianer unterschied – letztere bezeichnen sich heute als Contemporary Freudians (vgl. Tyson/Tyson 1990, S. 87-88). Leider ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, die genauen Unterschiede zwischen den Schulen herauszuarbeiten (s. dazu Tyson/Tyson 1990, S. 87ff; Mertens 1990, S. 94ff).

Wenn von Objektbeziehungstheorien die Rede ist, die dem Säugling eine spezifische Beziehung zu seinen Objekten in frühester Lebenszeit zuschreiben, so mag es verwundern, daß auch Margaret Mahler als Objektbeziehungstheoretikerin gehandelt wird, da sie von einer ersten »normalen autistischen Phase« im Leben eines Säuglings ausgeht, die eben durch die Unfähigkeit Beziehungen eingehen zu können gezeichnet ist (vgl. Mahler 1979, S. 161). Schon (1995) greift diesen Widerspruch auf und schreibt, daß der Begriff der »Beziehung« irreführend sei. Seine Kritik beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Mahlersche Objektbeziehungskonzept, wenn er schreibt:

„Die Objektbeziehungstheorie geht davon aus, daß man in den ersten Lebenswochen und -monaten überhaupt nicht von „Beziehungen“ im eigentlichen Sinne sprechen kann, da dieser Begriff ja voraussetzt, daß sich ein Subjekt auf ein Objekt bezieht. Das heißt, das Subjekt (hier: der Säugling) müßte in irgendeiner Weise „erkannt“ haben, daß es eine von der Umwelt abgegrenzte Einheit (ein „Selbst“) darstellt, und daß Mutter, Vater und andere Personen (Objekte) außerhalb davon stehen“ (S. 18).

Das bedeutet demnach, daß in der frühesten Lebensphase keine Beziehung stattfindet, da der Säugling sich selbst noch nicht von der Umwelt und insbesondere von den Objekten getrennt erlebt - womit er im Falle von Mahler (1968, 1979) recht behält. Doch Schons Annahme ist problematisch. Es ist ebenso irreführend, wenn Schon hier von der Objektbeziehungstheorie spricht. Dieser Vorwurf ist für das Symbiosekonzept von Mahler zutreffend, da hier dem Säugling ein mit der Mutter verschmelzungsähnliches Erleben in den ersten beiden Lebensmonaten unterstellt wird, daß erst im vierten bis fünften Monat durch eine Loslösungs- und Individuationsphase erlischt. Margaret Mahler, eine durch die Ich-psychologischen Theorien Hartmanns und Jacobsons beeinflußte Objektbeziehungstheoretikerin, teilte Freuds Vorstellung einer angeborenen Reizschranke, die den Säugling vor Schädigungen äußerer Reize bewahren soll. Nach dieser Theorie stünden in den ersten Lebensmonaten physiologische Prozesse im Vordergrund. Schons (1995) Aussage steht aber im Widerspruch zu den Objektbeziehungstheorien Melanie Kleins und der Britischen Schule. Letztere nehmen nämlich ein von Geburt an existentes, wenn auch rudimentäres Ich an (vgl. Tyson/Tyson 1990), und Beziehung ist bei Klein auf einer »phantastischen« Ebene Realität. Es ist ungenau, wenn Schon den LeserInnen suggeriert, daß nur eine Form der Objektbeziehungstheorie existiert. Objektbeziehungstheorie ist eben nicht gleich Objektbeziehungstheorie.

Umfaßte das gemeinsame Paradigma der Objektbeziehungstheorien zwar die Wichtigkeit der Interaktion, so mußte jedoch das patho- und adultomorphe Bild des Säuglings aufgrund von neuen, verbesserten Beobachtungsstudien zunehmend verändert werden. Das, was die Eltern im Umgang mit ihrem Säugling schon immer zu wissen glaubten, nämlich daß der Umgang mit ihm nicht nur seiner Bedürfnisbefriedigung allein dienlich ist sondern der Säugling auch aktiv Reize wahrnehmen will und sie verarbeiten kann, findet heute in den entwicklungstheoretischen Formulierungen der psychoanalytisch orientierten Säuglingsforschern seinen verdienten Niederschlag. Eine neue, durch fortschreitende technische Entwicklung unterstützte neonatologische Forschung, führt nun zu den » Neuen psychoanalytischen Theorien über den Säugling« (NPTS) (Zuriff 1993, S. 1153).

2.4 Säuglingsforschung und Psychoanalyse

Wie eben angesprochen, ist ein Hauptkritikpunkt der NPTS an den bisherigen Theorien, daß die herkömmliche Psychoanalyse aus adultomorphen und pathomorphen Erlebnisschilderungen Erwachsener eine Entwicklungspsychologie strickt, die krankhafte Phasen der erwachsenen Psyche nun als »normalen« Ausgangspunkt des Säuglingserlebens definiert. So wird bei Klein (1960) z.B. von den Abhängigkeitswünschen eines Depressiven auf eine frühe »depressive Position« oder »depressive Phase« geschlossen (vgl. S. 201ff), die im Erleben eines jeden Säuglings prädominant sein soll, „so als ob das Leben bereits schon mit dem Krankhaften beginnt“ (Mertens 1990, S. 115). Doch die Vorstellung vom Säugling als ein von Trieben gebeuteltes, «paranoid-schizoides« bzw. »depressives« (Klein 1932) oder »autistisches« bzw. »symbiotisches« (Mahler 1979) Mangelwesen ist heute nicht mehr aufrechtzuerhalten. Der Analytiker Basch (1983) schreibt nicht ohne den Unterton einer leichten Selbstkritik:

„This baby is not an angry unhappy blob of unwilling protoplasm, but someone who in his own way converses happily with his mother at great length, has a distinct personality, and refuses to behave in the way that psychoanalytic theory would predict“ (S. 21).

Emde spricht sogar von einer „Erschütterung der Grundfesten der Psychoanalyse“ (Emde 1981, zitiert bei Mertens 1990, S. 112). Die angenommene Undifferenziertheit von Selbst- und Objektvorstellungen des Säuglings und das Postulat der Spannungsabfuhr als hauptsächliches Regulationsprinzip (Bohleber 1991, S. 742), müssen einem neuen Bild des Säuglings weichen: dem eines kleinen, aber »aktiven« (Stork 1986, S. 10), eines »kompetenten Säuglings« (Dornes 1993); eines Säuglings, der sich von Anfang an aktiv auf die Suche nach Stimuli begibt und erheblich früher als bisher angenommen zwischen Selbst und Objekt unterscheiden kann, „um seine präformierten Fähigkeiten entwickeln zu können“ (Bohleber 1991, S. 742). Köhler (1990) nennt als präformierte Fähigkeiten eine beachtliche kognitive Kompetenz und eine Reihe von angeborenen Auslösemechansimen (AAM), die im Hinblick auf ihre Bedeutung - insbesondere im Zusammenhang mit der Mutter-Kind-Dyade - verarbeitet werden (vgl. S. 35). Auch die Art und Weise des Einflusses von angeborenem Temperament wird hier angesprochen, womit die Temperamentsforschung wieder neuen Auftrieb bekommt (Eagle 1995, S. 129ff; s.a. Zentner 1997). So wurde der Zustand der sogenannten »alert inactivity« (Bohleber 1991, S. 741), einer wachen Aufmerksamkeit ohne sichtbare Aktivität des Säuglings, zum Forschungsschwerpunkt. Resultate dieser Forschungen zeichnen nun das Bild eines äußerst sozialen, mit wichtigen, grundlegenden Fähigkeiten ausgestatteten und in der Realität kompetenten Säuglings.

Damit wurde das hydromechanische Energiemodell, wie es noch die klassische Psychoanalyse favoritisierte, obsolet. Heute werden statt dessen kybernetische, kommunikations-, system- oder informationstheoretische Modelle diskutiert (vgl. Köhler 1990, S. 32). Motivation oder Motivationssysteme ersetzen zunehmend den Triebbegriff (vgl. Dornes 1997a, S. 43). Weiterhin erlebt der Terminus »Unbewußt« im Zusammenhang mit dem Begriff der »inneren Repräsentanzen« eine erweiterte Definition. Die unbewußte Qualität innerer Repräsentanzen wird nicht mehr als Resultat verdrängender Kräfte angesehen, sondern als Organisationssysteme, die spontan gebildet und im Unbewußten gespeichert werden (vgl. Zelnick/Buchholz 1990, S. 811 [s. dazu Kapitel III]). Ebenso hat das Strukturmodell (Ich, Es, Über-Ich) und dessen Abwehrmechanismen eine Übersetzung gefunden, so daß nun von Stufen der Organisation oder von Anpassungsstrategien die Rede ist (vgl. Köhler 1990, S. 33).[26]

Direktbeobachtungen an Säuglingen machen deutlich, wie umfangreich die Wahrnehmung schon zu Beginn des Lebens eines Menschen ist. Zuriff (1993) charakterisiert den Säugling im Blicke der NPTS auch als einen gut angepaßten »Reizsucher« (vgl. S. 1156), der deutlich entwickelte und beobachtbare Wahrnehmungsfähigkeiten und -präferenzen aufweist. Untersuchungen zu visuellen, auditiven, geschmacklichen, geruchlichen und kreuzmodalen[27] Fähigkeiten belegen dem Säugling eine ungeahnte Vielfalt an Möglichkeiten mit seiner Umwelt zu interagieren und sein Selbstempfinden zu organisieren (vgl. Dornes 1993, S. 43).

Wichtig für diese Arbeit sind die Forschungen um eben jene Interaktionsfähigkeit des Säuglings, die, wie Stern (1985) schreibt, von der klassischen Psychoanalyse ungeachtet blieb, da sie ausschließlich auf physiologische Regulationsmechanismen der frühen Lebensphase beschränkt war (vgl. ebd., S. 25). Nun konstitutionieren sich aber gerade diese Regulationsmechanismen durch einen Austausch von Sozialverhalten. Sie werden in der und durch die Interaktion mit der Mutter bzw. anderen primären Bezugspersonen sozialisiert, wobei elterliche Phantasien einen entscheidenden Sozialisationsmoment darstellen (s. Kap. III). Stern (1985) läßt dort ein kommunikations-theoretisches Modell entstehen, wo die klassische Psychoanalyse ihr Triebmodell behauptete. Im Gegensatz zum Freudschen Postulat eines Reizschutzes, der „[...] für den lebenden Organismus [...] eine beinahe wichtigere Aufgabe [darstellt,] als die Reizaufnahme [...]“ (Freud 1920, S. 237), läßt die moderne Säuglingsforschung den Säugling gerade als ein reizsuchendes Wesen erscheinen. Stern (1994) hebt in diesem Zusammenhang die große Bedeutung der »goal-directedness« hervor (vgl. S. 16). Alle alten und neuen Richtungen der Psychoanalyse, wie auch verschiedenste andere Forschungsrichtungen innerhalb der Psychologie, gehen von einer zentralen Zielgerichtetheit im Menschen aus, die Basis der menschlichen Motivation ist und die sich schon in der Triebtheorie Freuds (1915a) widerspiegelt, wenn er z.B. von Triebzielen spricht (vgl. S. 90). Auch in der Beschreibung unbewußter Phantasien wird von zweckgerichteten Vorstellungen gesprochen (vgl. Stern 1995, S. 115). Zielgerichtete Motivation stellt besonders auf der subjektiven Ebene des menschlichen Verhaltens eine zentrale Bedeutung dar. Als Ziele benennt Stern (1995):

„[...] äußere und innere Zustände der Objektbezogenheit (zum Beispiel Bindung und Geborgenheit [Sicherheit (1996, S. 196)]), Affektzustände und Zustände der Selbstachtung und Sicherheit sowie physiologische Bedürfnisbefriedigung und Nahrungsaufnahme“ (S. 115).

Diese Zielgerichtetheit schließt auch das schon erwähnte Homöostaseprinzip ein, das nach einer Störung versucht, den alten Gleichgewichtszustand wiederherzustellen. René Spitz (1965), John Bowlby (1969; 1973; 1980) u.a. haben die tragischen Konsequenzen erforscht und anschaulich dargestellt, was passiert, wenn Säuglinge keinerlei interaktiven Reizen ausgesetzt - gleichsam ihrer Zielorientiertheit beraubt - werden. Begriffe wie »Anaklitische Depression« oder »Hospitalismus« (Spitz 1965, S.279ff), sind seit diesen Studien feste Bestandteile der klinischen Diagnostik und der Deprivationsforschung. Der Gesichtsausdruck des »Marasmus« zeigt nur zu deutlich die Qualen des »zielberaubten« Säuglings (vgl. ebd., S. 292). Das Streben nach Zielen wie auch nach Gleichgewicht ist insbesondere im Zusammenhang mit äußeren und inneren Zuständen der Objektbezogenheit von besonderer Bedeutung und wird, anhand der Bindungsforschung, noch anschaulich darstellt (s. Kapitel V).

2.4.1 Die präverbale Kompetenz des Säuglings

Daniel N. Stern gilt als einer der einflußreichsten Forscher, der die neonatologische Forschung mit der Psychoanalyse zu verbinden versucht. Er unterstreicht die Neuerungen der Objektbeziehungstheorie als einen wichtigen Entwicklungsschritt, doch verändert er einen entscheidenden Punkt: Die Annahme, daß der Säugling zwischen sich selbst und »verschwommen« wahrgenommenen sozialen Vorgängen nicht differenzieren kann , die für ihn angeblich unverbunden und unintegriert erscheinen und mit denen er sich auseinandersetzen muß, teilt er nicht (vgl. ebd., S. 70). Die Wissenschaft war nicht in der Lage, so Stern (1985),

„[...] die geistigen Fähigkeiten zu erkennen, die den Säugling dazu veranlassen könnten, anhand dieser Erfahrungen ein Empfinden des Selbst oder des Anderen zu entwickeln“ (S. 71).

Die Entwicklung des Säuglings ist also grundlegend von der real stattfindenden Interaktion mit seinen Bezugspersonen abhängig, die ihn in seinem Verhalten maßgeblich prägt und in ihm ein »auftauchendes« Erleben seines eigenen Körpers entstehen läßt (vgl. ebd., S. 74ff). In der Realität liegt demnach auch seine Kompetenz. Diese Kompetenz möchte ich im folgenden anhand der Theorie von Stern (1985) näher beschreiben.

[...]


[1] Punkt 3.2.1.1 behandelt das Verhältnis von Phantasien zu Repräsentationen.

[2] Im Oxford English Dictionary wird ein Unterschied in der englischen Schreibweise herausgehoben: Das Wort »fantasy« umfaßt die Bedeutung von „Kaprice, Laune, verspielter Einfall“ (zitiert nach Laplanche/Pontalis 1985, S. 66f), wogegen »phantasy« als »Imagination« oder »visionäre Vorstellung« (vgl. ebd.) verstanden werden soll. Eine solche Möglichkeit der Differenzierung hat sich in der neueren (psychoanalytischen) Literatur jedoch nicht durchgesetzt. Daher ist es schwierig, anhand der Texte zwischen beiden Bedeutungsinhalten zu unterscheiden, was besonders in den psychoanalytischen Schriften nicht leicht fällt, da Phantasien sowohl aus bewußten, wie auch aus unbewußten Ebenen geboren werden.

[3] Goethe, Faust, I. Teil, 6. Szene.

[4] David Rapaport (1959) beschreibt vier grundlegende psychoanalytische Modelle: das topographische, das ökonomische, das genetische (in Anlehnung an Darwin) und das neurale Integrationshierarchie-Modell. Alle vier Modelle werden von ihm in einem kombinierten Modell vereinigt. Aus Gründen der gebotenen Kürze kann an dieser Stelle leider nicht weiter auf Rapaports Vorstellungen eingegangen werden (siehe dazu Rapaport, S. 23-37).

[5] Gegründet 1912 nach dem Ausscheiden C.G. Jungs aus dem psychoanalytischen Lager. Dieser Weggang öffnete nicht nur bei Freud alte, noch nicht verheilte Wunden, die durch theoretische Diskrepanzen zwischen den Pionieren der psychoanalytischen Theorie in ihrer Konsolidierungsphase (vgl. Mertens 1990, Bd.I., S. 19) aufgerissen wurden: So verließ vor Jung auch Alfred Adler die Wiener Psychoanalytische Vereinigung im Sommer 1911. Um sich vor solchen Enttäuschungen in näherer Zukunft zu schützen, wurde nach der Idee von Ernest Jones eine Gruppe um Freud versammelt, die die Eckpfeiler der psychoanalytischen Lehre - Verdrängung, das Unbewußte, die infantile Sexualität usw. - verteidigen sollten (vgl. Gay 1987, S. 262f). Mitglieder dieses Komitees waren: Karl Abraham, Sandor Ferenczi, Sigmund Freud, Ernest Jones, Otto Rank, Hanns Sachs und ab 1919 Max Eitingon. Doch auch in diesen erlauchten Reihen befanden sich zwei Analytiker, denen später das gleiche Schicksal ereilte: Otto Rank und Sandor Ferenczi (vgl. Jones [1953, Bd. II]; Kerr [1993]) über den Weggang C.G. Jungs; Sperber [1970] über Adler).

[6] Seinen Doktortitel erhielt Freud am 31. März 1881 (Ellenberger 1970, S. 588).

[7] Trauma bedeutet große Verletzung oder Wunde auf psychischer Ebene.

[8] Der Begriff der Psychoanalyse wurde von Freud zuerst in der französischen Arbeit » L´hérédité et l´étiologie des nérvoses « benutzt (Rev. Neurol., 4, 1896a, S. 161-169). Die erste Nennung des Wortes Psychoanalyse in einem deutschen Text findet sich in dem Aufsatz: » Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen « (1896b: G.W., Bd. I., S. 379/383).

[9] Die Technik der freien Assoziation ist durch die gemeinsame Arbeit Breuers mit der Patientin Anna O. entstanden, die diese Behandlungsweise als „chimney-sweeping“ oder „talking cure“ (Freud/Breuer 1895, S. 27) bezeichnete. Breuer merkte, daß das Aussprechen ohne einen direkten Frage-Antwort-Dialog die Symptome der Patientin verbesserte. Peter Gay (1987) schreibt: „Es erwies sich als kathartisch, da es wichtige Erinnerungen weckte und starke Emotionen beseitigte, die sie nicht hatte wachrufen oder ausdrücken können, wenn sie ihr normales Selbst war“ (S. 80).

[10] Im Bezug auf den Traum: Der manifeste Trauminhalt ist das, was nach dem Aufwachen erinnert wird, der latente Traumgedanke ist der durch die Traumarbeit (den »Zensor«) verschlüsselte Wunsch (vgl. Freud 1900, S. 485f).

[11] Freud hielt am 21. April 1896 (c) den Vortrag » Zur Ätiologie der Hysterie « (Studienausgabe, Bd. VI, S. 53-81) vor dem Wiener » Verein für Psychiatrie und Neurologie «, der, wie er seinem damaligen Freund Wilhelm Fließ berichtete, eine eisige Aufnahme fand. Kraft-Ebing, der den Vorsitz inne hatte, soll gesagt haben: „Es klingt wie ein wissenschaftliches Märchen“ (vgl. » Editorische Vorbemerkung «, in: Studienausgabe, Bd. VI, S. 52).

[12] Die Meinung mancher Kritiker, Freud hätte nun begonnen, die sozialisatorische Wirkung der Realität zu verleugnen, ist nicht aufrecht zu erhalten. Die Revision der Verführungstheorie bedeutete für ihn vielmehr die Aufgabe der „Überschätzung der Realität“. (Freud 1896b, S. 66). In bezug auf die Phantasiediskussion wird Punkt 3.1.1.4 noch genauer eingehen.

[13] Obgleich Freud immer vor einer zu wörtlich genommenen örtlichen bzw. räumlichen Vorstellung der Systeme im psychischen Apparat warnte (vgl. » Editorische Vorbemerkung «, in: Studienausgabe, Bd. III., S. 276).

[14] Zeitlich ist die infantile Amnesie durch den Untergang des Ödipuskomplexes begrenzt.

[15] Ich denke, es ist im Sinne einer »gender correctness«, hier explizit von Mutterbezogenheit zu sprechen, da in der Mehrheit der Fälle die Mutter die primäre Beziehungsperson für den Säugling in seinen ersten Lebensmonaten darstellt. Daher wird auch in der vorliegenden Arbeit überwiegend von der Mutter gesprochen, ohne damit andere primäre Bezugspersonen ausgrenzen zu wollen.

[16] Eine Ausdifferenzierung dieser Instanz ist unter Punkt 3.1.1.2 zu finden.

[17] Charles Brenner hat in den letzten Jahren begonnen, das Strukturmodell kritisch zu hinterfragen. In seinen beiden Schriften » The Mind as Conflict and Compromise Formation « (1993) und » Beyond the Id Revisited « (1997) hat er auf Schwächen dieser - oft noch sehr stringenten - Einteilung des psychischen Apparates hingewiesen und eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Seine Zweifel begannen mit der Analyse normaler, nicht pathogener psychischer Funktion. Nach seiner Meinung existiert kein spezieller oder rationaler Teil des Geistes, der einen realistischen Bericht über die externe Realität liefert, ohne von libidinösen oder aggressiven Kindheitswünschen und den dazugehörigen unlustvoll erwarteten Konsequenzen beeinflußt zu sein. Es gibt, so Brenner, keinen Bestandteil des Geistes, der reif, integriert und konfliktfrei genug ist, wie es die Strukturtheorie annimmt (vgl. 1997, S. 5).

[18] Das kann u.a. an den von Ursula Nuber (1999) kritisierten, Ende der 80er Jahre wieder verstärkt aufgetretenden Trauma-Theorien liegen, die der realen Kindheitserfahrung wieder mehr Gewicht zuerkennen. Leider mündet ihre durchaus berechtigte Kritik an der blinden Überschätzung einzelner realer Traumatisierungen in eine haltlose Verallgemeinerung verschiedenster Therapieströmungen. Regelrecht absurd wird es, wenn sie moderne Formen der Psychoanalyse mit der u.a. von Jeffrey M. Masson (1984) und Alice Miller (1994) reanimierten Verführungstheorie gleichsetzt. Wer Psychoanalyse und Trauma-Theorie zu einem Synonym werden läßt, muß sich ein mangelhaftes historisches wie theoretisches Verständnis von der Entwicklung der psychoanalytischen Theorie vorwerfen lassen.

[19] An dieser Stelle sei – neben Freuds Schriften - auf zwei interessante Bücher zur psychoanalytischen Charakterkunde hingewiesen: Riemann (1961) und König (1992). Leider ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, ausführlich auf die möglichen, phasenspezifischen Persönlicheitseigenschaften einzugehen.

[20] Der Begriff der phallischen Phase wird im Zusammenhang mit der feministischen Kritik an der Psychoanalyse seit den letzten 30 Jahren zurecht heftig angegriffen. Die Schriften u.a. von Chodorow (1978), Benjamin (1988), Olivier (1980; 1990; 1994) oder Stemann-Acheampong (1996) nehmen sich dieser Kontroverse an. Wie schon oben angesprochen, gerät auch die zentrale Position des Vaters im ödipalen Konflikt unter »Beschuß«.

[21] Siehe Mertens (1990, Bd. I, S. 90ff) für eine kurze Zusammenfassung der verschiedenen theoretischen Strömungen innerhalb der Psychoanalyse.

[22] Der Beginn der Kinderpsychoanalyse kann zwar mit dem von Sigmund Freud beschriebenen Fall „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“ von 1909 verbunden werden, doch wurde mit der systematischen Entwicklung der Kinderpsychoanalyse erst in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts begonnen (s. Anna Freuds „Einführung in die Technik der Kinderanalyse“ von 1927).

[23] Dieser weist nach, daß der Mensch in einer symbolischen Umwelt lebt. Alle Gegenstände, Strukturen, Personen, Verhaltensweisen und dadurch auch Phantasien, erhalten durch gemeinsame Interaktionen soziale Beziehungen und Bedeutungen (vgl. Blumer 1973, S. 81).

[24] Mikrotraumatisierungen sind kleinste, immer wiederkehrende Traumatisierungen, die oft auf einer nonverbalen Ebene stattfinden und meist nur mit moderner Video-Technik zu entdecken sind. So kann ein »nur« ausdrucksloses Gesicht der Mutter (»still face«) über einen längeren Zeitraum für das Kind zur Traumatisierung führen (vgl. Dornes 1997a, S. 143).

[25] Mach Meinung von Leitner (1997) war es Otto Rank, der in seinem Werk » Technik der Psychoanalyse I « von 1926 als erster den Begriff der »Präödipussituation« bzw. »präödipal« erwähnte. Die Übertragungssituation in der Analyse, die er als eine mütterliche identifizierte - im Gegensatz zur Auffassung Freuds, der in ihr eine väterliche sah -, mußte nach Ranks Meinung systematisch bis in die präödipale Zeit zurückverfolgt werden, um so das Geburtstrauma der Analyse zugänglich und dadurch bearbeitbar werden zu lassen (vgl. Leitner 1997, S. 119).

[26] Neben diesen theoretischen Modellen ist auch, wie Köhler (1990) zurecht anmerkt, ein kultureller und historischer Wandel um die Bedeutung der Kindheit eingetreten. Das in der Vergangenheit vorherrschende Bild des Säuglings als ein gieriges Tier, das unfähig zu sprechen und in seinen Trieben ungebändigt schien, findet sich nun ersetzt durch das Bild des Säuglings als „menschliches Wesen mit ausgeprägten sozialen Zügen und Eigenschaften“ (S. 33; s.a. Busch [1994]).

[27] „Der Prozeß, in dem die verschiedenen Sinneswahrnehmungen miteinander in Beziehung gesetzt werden, heißt intersensorische Koordination oder kreuzmodale Wahrnehmung. Sinneswahrnehmungen aus verschiedenen Modalitäten (sehen, höhren, tasten) werden miteinander koordiniert, und auf diese Weise nehmen wir einheitliche Objekte wahr und leben nicht in einer Welt separierter Empfindungen“ (Dornes, 1993, S. 43).

Details

Seiten
197
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638171342
ISBN (Buch)
9783638698085
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10800
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Erziehungswissenschaft, Psychologie und Sportwissenschaft
Note
1,1
Schlagworte
Bindungstheorie Psychoanalyse Phantasien

Autor

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Titel: Phantasien im Sozialisationsprozeß - Das Verhältnis von Eltern und Säugling aus psychoanalytischer und bindungstheoretischer Sicht