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Schmerz und Tod: Theodizee

Hausarbeit 1994 16 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Auf der Suche nach Gott begegnen wir immer wieder der Frage nach dem Leiden. Johannes Brantschen bezeichnet das Leiden sogar als den „einzig wirklich ernstzunehmenden Einwand gegen Gott.“ Fragen:

- Warum das Übermaß an Leiden?
- Warum das Leiden unschuldiger Kinder?
- Wenn Gott uns gern hat, warum läßt er dann so viel Leid zu?

Viele Fragen stellen sich und bleiben doch unbeantwortet, daher gibt es lediglich mehr oder weniger zufriedenstellende Antwortversuche . Für das Leiden gibt es genug Beispiele, sei es in der Natur („Fressen und gefressen werden“) oder bei den Menschen („Menschengeschichte ist Leidensgeschichte“).So wie Albert Camus in seinem Buch „Die Pest“ meinte:“Ich werde mich in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden“ oder ein Pastorsohn schreibt seinem Vater in seinem letzten Brief aus Stalingrad, nachdem er den Schrecken des Krieges erfahren hatte:“Nein Vater, es gibt keinen Gott ... Und wenn es doch einen Gott geben sollte, dann gibt es ihn nur bei Euch, in den Gesangbüchern und Gebeten, den frommen Sprüchen der Priester und Pastoren, dem Läuten der Glocken und dem Duft des Weihrauches, aber in Stalingrad nicht.“

Wenn wir manches Leiden vielleicht als „Strafe“akzeptieren könnten, so stoßen wir doch angesichts der vielen Kinder oder Unschuldiger, die zB in einem Krieg mitleiden müssen, auf Widerstand gegen die Idee des „allmächtigen Gottes der uns alle lieb hat“. Bei diesem Punkt bekennen auch die Theologen ihre Ratlosigkeit, denn eine eindeutige, hundertprozentige Antwort nach dem Leid gibt es nicht.

Folgende Antwortversuche sind daher möglich:

- Klassische Antwort
- Gottes Möglichkeiten sind nicht unsere Möglichkeiten
- Freiheit
- Liebe
- Leiden als Schule des Lebens
- Gottes Antwort

1. Klassische Antwort

„Menschliches Leid und Tod ist Strafe für die (Ur-)Sünde, Medizin, die zur Läuterung und für die Prüfung des Menschen von Gott verabreicht wurde.“ Ursprünglich hat Gott den Menschen gut erschaffen und so ausgerüstet, daß er weder leiden noch sterben mußte. Eva aber hat sich vom Teufel verführen lassen und verführte auch Adam zu Ungehorsam. So sind Leid und Tod in die Welt gekommen. Nicht der gütige Gott (Schöfer- und Erlöser-)Gott, sondern allein der Mensch hat durch sein widergöttliches Nein Tod und Leid verursacht und deshalb dies auch zu verantworten. Zwar ist das Leid ein Übel, aber es ist nicht sinnlos, weil es seinen Ort im göttlichen Heilsplan besitzt. Es dient dem allmächtigen Gott als „heilsame Strafe“, zur Läuterung und Bewährung, „daß wir uns vom

Bösen bekehren“. Diese sogenannte „Klassische Antwort“ meint, daß Gott auch das Leiden will, weil er die Gerechtigkeit liebt. Der Mensch wäre an seinem Unglück selbst schuld und auch für das Glück, denn wie heißt es: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“

Das Leiden als Prüfung hinzustellen widerspricht jedoch dem Verhalten Jesu. Er hat das Leiden bekämpft. Viele meinen, diese Antwort („Leiden als Prüfung“) sei ein Skandal. Sie ist sogar gefährlich. Es besteht somit die Gefahr einer Verniedlichung des Leides. Außerdem gibt es viele verschiedene Leiden mit verschiedenen Ursachen. Wenn ein Raucher an Lungenkrebs stirbt, dann mag diese Erklärung ja plausibel klingen, welche Sünde kann man jedoch einem Kind vorwerfen, das ohne Ohren und Arme auf die Welt kommt? In anderen Religionen wird diese Antwort stichhaltiger (=nicht durch Beweise wiederlegbar), zB im Hinduismus durch den Reinkarnationsglauben. Hätte es die Ursünde nicht gegeben, gäbe es jetzt keine anderen biologischen Gesetze, aber manches „Unheil“ könnte als Glück und frohe Aufgabe empfunden werden wie zB Arbeit oder der Tod wäre ein friedvolles Aushauchen des Lebens in Gott hinein und nicht gleich ein „Unheil“.

2. Gottes Möglichkeiten sind nicht unsere Möglichkeiten

Beispiel: Buch „Hiob - 1. Testamtent“

Ijob, wohl der Hauptleidende der Bibel, beteuert seine Unschuld und stellt Gott die Warum-Frage . Seine Freunde antworten ihm unter anderem „Leiden sei göttliche Medizin und alle drei sagen: „Ijob, du weißt doch genau, daß der Mensch es ist, der das Unheil erzeugt! Unglück ist immer eine Strafe für etwas. Es geziemt sich nicht, Gott anzuklagen.“ Da erscheint Gott und rügt seine Freunde für deren Aussagen. Dann überhäuft er Ijob mit Fragen, auf die er keine Antwort weiß. Gott rügt Ijob nicht, weil dieser geklagt hat, er rügt ihn nur, weil er geglaubt hat, Gottes Möglichkeiten durchschauen zu können. Ijob leidet, weil Gott ihn bestraft hat oder weil Gott ihn zum Besseren erziehen will. Damit aber wandeln sich die Freunde zu Feinden Ijobs, der nicht nur auf seiner Unschuld beharrt, sondern Gott vehement angeklagt. Die Frage nach dem Warum und Wozu des Leidens aber läßt das Ijob-Buch bewußt offen. Ijob, so wurde deutlich, klagt in seinem Leid Gott an, zweifelt aber nicht an dessen Existenz. Das Buch zeigt das ganze Spektrum, von der geduldigen Annahme - „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn“ (Ijob 2,21) - bis zur empörten Anklage Gottes. Seit den Tagen des Hiob muß jeder gläubige Mensch mit der Frage fertig werden, wie die Unvollkommenheit der Welt mit der Allmacht Gottes in Einklang zu bringen ist. Daß die unleugbare Unvollkommenheit und Mangelhaftigkeit der Welt also vielleicht damit zusammenhängt, daß sie einer noch nicht vollendeten Schöpfung entspringt. Woraus der gläubige Mensch, für den die Transzendenz (=Überschreitung der Grenzen, des Bewußtseins), das „Jenseits“, eine Realität ist, immerhin auch hier schon den Trost ziehen könnte, daß diese Unvollkommenheit sich insofern als eine Illusion herausstellen wird, als sie ein zeitlich begrenztes Phänomen und damit im Licht der transzendentalen Wahrheit nicht wirklich ist. Wenn wir also davon ausgehen, daß Evolution mit dem Schöpfungsakt identisch ist, ergeben sich ferne neue Ansätze zu einer Erweiterung des Verständnisses menschlicher Existenz. Wenn Evolution nichts anderes ist, als der uns faßbare Anblick einer sich vollziehenden Schöpfung, dann können wir zu der Einsicht kommen, daß uns offenbar die Ehre einer aktiven Beteiligung am Vollzug dieser Schöpfung zuteil wird. Die Schöpfung ist mit unserem Verstand nicht erklärbar. Beim Forschen nach der Unendlichkeit oder Gott kommen wir immer wieder auf diesen Schluß. Dies jedoch als einzige Antwort stehen zu lassen ist sehr einfach und keinesfalls zufriedenstellend. „Es existieren Dinge, die über meinen Horizont hinausgehen“. (P.Hans Wallhof) Wir sind wie ein Kind, das auf dem Fußboden sitzt und die Stickerei der Mutter betrachtet. Von unten sieht man nur wirre Fäden, erst wenn man aufsteht erkennt man die ganze Schönheit.

3. Freiheit

Gott schuf den Menschen in Freiheit und für die Freiheit. Der Mensch nimmt eher das Böse in Kauf, als daß er seine Freiheit beschneidet. Gott hat Freude an uns und er hat Freude an der Liebe, denn ohne Freiheit gäbe es keine Liebe. Freiheit ist aber ein Risiko, da sie mißbraucht werden kann. Gott braucht uns nicht, um Gott zu sein, aber er möchte nicht ohne uns Gott sein. Der Mensch ist wie schon bei der „klassischen Antwort“ an seinem Leiden selbst schuld, weil er mit seiner Freiheit nicht umzugehen weiß. Damit läßt sich zwar erklären, wieso Gott nicht in Kriege oder ähnliches eingreift, erklärt aber nicht das Unheil, das zB von Krankheiten ausgeht. Doch auch heutzutage gehen viele Krankheiten auf die Umweltverschmutzung zurück zB Krebs.

4. Liebe

„Liebe kann nur durch Liebe geweckt werden.“ Gott schickt uns Jesus als Antwort auf die mißverstandene Liebe und bietet allen die Liebe Gottes an und wird schlußendlich als Gotteslästerer gekreuzigt, denn Gott kann wohl nicht alle gleich gerne haben, wie er verkündet hat. Gott respektiert unsere Freiheit, weil er unsere Liebe will.

5. Leiden als Schule des Lebens

An leidvollen Tagen im Leben eines Menschen kann dieser reif und weise werden. Er muß sich jedoch dem Leiden stellen. Krankheiten können demnach ein Schlüssel sein, die uns gewisse Tore öffnen. Wer nicht leiden kann, der kann auch nicht lieben! Ein gewisses Maß an Leiden ist daher notwendig, um leben zu lernen. Manche Menschen blühen nach durchgestandenem Leid erst so richtig auf. Es bleibt jedoch auch hier ein Sinndefizit, denn es ist meist ein Übermaß an Leiden vorhanden, aus dem nichts gelernt werden kann. Viele Menschen leiden heutzutage unter dem Verlust von traditionellen Werten und diese werden immer mehr durch Egoismus, Orientierungslosikeit oder Kriminalität abgelöst. Kein Wunder also, daß durch die verlorengegangene Moral, Ethik, Tugend und der Werte vielen Angst wird, und darunter sehr leiden. Sie fragen sich wieder und immer wieder wie die menschliche Kälte zu besiegen ist.

6. Gottes Antwort

Gott allein kann Antwort geben. Ostern ist die Antwort Gottes auf die Frage nach dem Leid. Der Mensch kann sich nicht selbst aus allem Bösen und aus aller Gefangenschaft befreien. Gott muß helfen. Eine Erlösung durch das Meer der Tränen und das gequälte Menschsein entspricht einem Gott der Liebe. Auch dies ist keine wirkliche Antwort, aber Ostern gibt uns Katholiken genug Licht, um vertrauensvoll und mutig im dunklen Tal zu wandern, weil wir hoffen dürften, daß am Ende des Tales der Tag uns erwartet.

Wie sieht es mit dem Leid in anderen Religionen wie zB im Hinduismus oder Buddhismus aus?

- Hinduismus:

Reinkarnationsglaube: Man wird oft wiedergeboren, bis man im Nirwana (= ist die völlige innere Ruhe als Ziel des gläubigen Buddhisten, ist auch das Jenseits) Erlösung findet. Erlebt man in einem Leben Leid, so ist das die Sühne für Sünden, die man im früheren Leben begangen hat. Die Schwere des Leides richtet sich nach dem Karma (= östl. Religion, das den Menschen bestimmende Schicksal), welches man auferlegt bekam. Das gute an der Sache des Leidens wie die Hinduisten meinen ist: Man kommt viel leichter über das Leid hinweg, da man sicher sein kann, daß man es im nächsten Leben dafür besser und leichter hat.

- Buddhismus:

Bei Buddha (indischer Fürstensohn) führt die Erfahrung mit dem Leid zur Flucht aus dem Wohlstand heraus. Daher wendet der Buddhist sich der Askese (=streng enthaltsame Lebensweise) und der Meditation zu. Die Erlösung aus dem Leid wird durch das Auslöschen der eigentlichen Ursache des Leides, der Lebensgier, gesucht.

ANTWORTEN VON WELTANSCHAUUNGEN:

- Leid als „Betriebsunfall“
- Marxismus
- Nihilistische Anschauung (zB Sartre und Camus)
- Deismus
- Dualismus

1. Weltanschauung des Leides als „Betriebsunfall“

Diese Anschauung geht auf den griech. Philosophen Epikur (ca. 300 v. Chr.) zurück, der Leid, Krankheit, Sterben und Tod als „Betriebsunfälle“ des Lebens bezeichnet. Man soll sich um diese nicht kümmern, sondern das Leben genießen. Epikur „erlaubt“ auch Selbstmord. Da der Mensch ein mechanisch bewegtes Wesen ist, habe dieser auch das Recht, selbst sein Leben zum Stillstand zu bringen, wenn es ihm unerträglich wird.

2. Weltanschauung des Marxismus

Der Marxismus führt das Leiden, die Krankheiten, das Sterben und den Tod auf die ungerechten sozialen und ökonomischen Verhältnisse der kapitalistischen Welt zurück. Unsterblich ist nicht der Mensch, sondern nur die Früchte seines Schaffens. Wenn das Leben sinnvoll war, dann ist auch der Tod sinnvoll. Im Marxismus wird übrigens die Religion durch die Politik ersetzt.

3. Weltanschauung der Nihilistischen Anschauung (zB von Satre und Camus)

Die nihilistische Anschauung meint, daß das Leben absurd und sinnlos ist, ebenso das Fragen nach der Bedeutung von Leid oder Tod. Gerade durch den Tod zeigt sich die Vernichtung jeden Sinnes.

4. Weltanschauung des Deismus

Gott hat die Welt erschaffen und kümmert sich jetzt nicht mehr um sie. Das Leid der Kreatur rührt ihn nicht.

5. Weltanschauung des Dualismus

Es gilt das Prinzip von Gut und Böse. Diese zwei Mächte liegen im Streit miteinander über die Herrschaft auf der Welt. Die Welt ist der Kampfplatz dieser Auseinandersetzung und das Leid ist die Auswirkung des Kampfes.

Wie sollten wir mit dem Leid umgehen?

- Man darf vor dem Skandal des Leidens nicht die Augen verschließen
- Man sollte das Leiden nicht verdrängen, sondern daran arbeiten. Wir leben in einer gefühlsunfähigen Kultur in der Leid- und Schmerzfreiheit als Ideal gelten. Man sehnt sich nach Moral, Tugend, Werten, Solidarität, Munterkeit und Zuversicht um jeden Preis. Wir können nicht mehr leiden, weinen. Die Beziehungen werden oberflächlich. Das Leid wird aber auch versteckt. So kommen Kranke und Behinderte ins Heim und schwierige Ehen werden geschieden. Die Industrienationen haben übrigens die höchsten Suizidraten. Nochmals, wer nicht leiden kann, kann auch nicht lieben.
- An den leidvollen Dingen im Leben kann der Mensch reif und weise werden, aber er muß sich diesem Leiden stellen.
- Es ist wichtiger, einander im Leiden zu helfen, als darüber nachzudenken!
- Trost spenden, denn jeder braucht Trost! Trösten kann auch heißen, Zeit für einander haben, einander zuzuhören. Man sollte sich beim Trösten von seinem Herz leiten lassen. Ein Kranker, der sein Leid akzeptiert hat, kann eine Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlen, die dem Gesunden Mut und Trost gibt. Gelähmte Kinder zum Beispiel brauchen keine Leidensmiene, sondern unsere Fröhlichkeit. Am Sterbebett hingegen bleibt nichts anderes übrig, als stumm auszuharren. Wieder andere brauchen unsere Tränen.
- Der Haß kann durch das Verzeihen durchbrochen werden. Nur durch das Verzeihen bricht etwas Neues in unsere Welt ein. Verzeihen ist nicht verdrängen, nicht vergessen und verzeihen hat nichts mit Naivität zu tun. Jeder von uns tut sich schwer und hat oft das Problem des Nicht-Verzeihen-Könnens. Keiner will den ersten Schritt tun, da es heutzutage schwerfällt in dieser kalten, skrupelosen Welt. Wer verzeiht setzt auf die Hoffnung, daß durch das Verzeihen dem Feind die Sinnlosigkeit des Hasses allmählich aufgeht und er so die Chance erhält, ein anderer zu werden.

Wie ging Jesus mit dem Leid um?

Jesus überhäuft niemanden mit Gerede, Erklärungen oder gar Bibelsprüchen. Er packt das Leid an der Wurzel, in dem er dem leidenden Menschen persönlich begegnet. Diese Begegnungen brechen die Einsamkeit und Verlassenheit des Leidenden auf und führen ihn so in die Geborgenheit des Heils. Er wirkt heilend, weil er den konkreten Menschen wahr nimmt und dann entsprechend handelt. Das Verzeihen Jesu zeigt lediglich, daß niemand in seinem Haß eingeschlossen bleiben muß. Auch Jesus blieb das Leid in seinen vielfältigen Formen nicht erspart:

- Er ringt mit Angst und Zweifel (Mk 14,32-42 parr)
- Er wird von einem Anhänger verraten, von seinen Freunden isoliert und seinem Vertrauen Simon Petrus verleugnet
- Er wird verspottet, gefoltert und erleidet den schmachvollen Kreuzestod
- Er bangt zwischen Gottesverlassenheit (Mk 15,34) und Gotteszuversicht (Lk 23,46)

Welche Phasen durchlaufen Leid und Tod bis man sich diesem annehmen kann (bzw. muß)?

- PHASE 1 - Nicht wahrhaben wollen: „Ich doch nicht...“, „Das kann doch nicht sein...“, „Was ist eigentlich los...?“, UNGEWISSHEIT, „Ja, aber das kann doch nicht sein...?“, GEWISSHEIT, „Warum eigenlich ich...?“ LEUGNEN DER REALITÄT. Diese Phase ist zum Teil notwendig, weil es nicht immer möglich ist, dem Tod ins Auge zu sehen, oft auch, weil Angehörige die Realität und die Auseinandersetzung damit nicht ertragen können.

Verhaltensmuster: -stumm, -dumpf explosiv, -sprachlos, -stöhnen, -Isolation, -reaktives Verhalten, -Ziele sind nicht mehr organisierbar

- PHASE 2 - Zorn:

„Warum gerade ich?“, AGGRESSION, „Wenn..., dann muß gerade ich...?, „Warum gerade jetzt?“ Dies ist die Zeit, in der der Patient schwer zu ertragen ist. Er nörgelt, kritisiert, ist undankbar. Oft kommt der Zorn auf Gott hinzu, der so etwas zulassen kann.

Verhaltensmuster: -klagend

- PHASE 3 - Verhandeln:

„Ja ich, aber...“, „Ich möchte noch erleben, daß...“ Diese Phase ist der Versuch, das Unvermeidliche durch Verhandeln hinauszuschieben; versprechen („dann bin ich bereit zu gehen“) im Austausch zur Lebensverlängerung, VERHANDLUNG, „Wozu..., alles ist ...sinnlos...?

Verhaltensmuster: -organisierend, -verändernd, -rationale Sprache, -Solidarität, -Leidensdruck wird solidarisiert, -aktives Verhalten

- PHASE 4 - Depression:

„Wozu..., alles ist sinnlos...!“

- als reaktive Phase: Scham- und Schuldgefühl bzw. Trauer wegen der krankheitsbedingten Veränderungen (verminderte Leistungsfähigkeit)
- als stiller Schmerz: Vorbereitung auf das Sterben, Abschied von der Welt

- PHASE 5 - Zustimmung/Annahme:

An die Stelle eines resignierten, hoffnungslosen Aufgebens tritt die positive Annahme des Leids und es entsteht das Gefühl des inneren Friedens. Dies wird meist an die Umwelt mitgeteilt (zB verschenkt man seine Uhr - „Ich brauche sie nicht mehr lange“, „vom Sterben reden...“), AKTIVITÄT, „Ich tue das...!“, SOLIDARITÄT, „Wir handeln...!“, Ziele sind organisierbar, eine Situation wird mitbestimmt, man möchte noch Dinge verändern

Diese Phasen können auch in unterschiedlicher Reihenfolge ablaufen. Manche Patienten machen einige Phasen gar nicht oder auch mehrmals durch. Im Endeffekt gibt es drei menschliche Möglichkeiten angesichts menschlichen Leides:

- Revolte (=Empörung)
- Resignation
- christliche Ergebung

Christliche Ergebung ist weder passives Erdulden, noch blinde Unterwerfung, sondern aktive Annahme des Leids , getragen von der Hoffnung, daß Gottes Hände uns noch dort auffangen können, wo wir

„Macher“ am Ende sind.

THEODIZEE

Def.: Ist die Rechtfertigung Gottes hinsichtlich des von ihm in der Welt gelassenen Übels

Das Theodizeeproblem ist seit über 2000 Jahren in der abendländischen Geistesgeschichte beheimatet. Menschen suchen Antworten auf die Frage, wie sich die Übel in der Welt mit Gottes Allmacht und Güte in Einklang bringen lassen. Christen sind wie Juden und Moslems Monotheisten (= Glaube an einen einzigen Gott). Deshalb scheiden sowohl polytheistische - es gibt gute und böse Götter - als auch dualistische - dem bösen Schöpfergott steht der gute Erlösergott gegenüber - Antworten aus. Die biblisch und theologisch einzig verantwortbare Option heißt:

⇒ Offenhalten der Theodizeefrage

Offenhalten im Interesse des Menschen und im Interesse Gottes:

- im Interesse des Menschen

Im Interesse des Menschen, weil auf diese Weise dem Menschen die Freiheit und Würde bleibt, die Erfahrung des Übels immer wieder klagend, anklagend oder bittend Gott ins „Angesicht“ zu sagen. Diese Erfahrung des Übels wird damit zum Ort der uns gerade das Alte Testament immer wieder ermutigt. Diese klagende, bittende oder protestierende Gottesrede freilich wird umso glaubwürdiger, je mehr der Mensch seinen eigenen Anteil an Verantwortung für das Übel nicht ausklammert, sondern mitthematisiert. Bervor Menschen Gottes Verantwortung einklagen, tun sie gut daran, selbstkritisch ihre eigene zu benennen. Für das nichtverschuldete, nicht zu verantwortende Übel aber (etwa unschuldiges, ungerechtes Leiden) wird jeder von der Schrift ermutigt, Gott die Provokation nicht zu ersparen und die Anfechtung direkt mit ihm auszumachen. Eine Theologie (= Auslegung und Erforschung einer Religion) des Zweifels im Interesse Gottes hat hier ihren Ort, ihre Plausibilität und Legimität.

- im Interesse Gottes

Gerade im Interesse Gottes muß die Theodizeefrage offengehalten werden. Das Scheitern aller rationalen Theodizee ist Indikator der Einsicht, daß Menschen Gott mit ihren Gedanken letztlich nicht denken können, daß es vom Menschen aus keine Rechtfertigung Gottes gibt. Wenn das Scheitern der rationalen Theodizee diese Einsicht erzeugt, dann ist es ein „glückliches Scheitern“ gewesen, das nur den Grad der Selbstüberschätzung freilegt, die hinter dem Gedanken steht, der Mensch könne je von sich aus Gott rechtfertigen.

ALTERNATIVE

Eine theologisch glaubwürdige und biblisch fundierte Alternative ist weder eine Verlagerung des Verantwortungsproblems von Gott auf den Menschen, noch eine dialektische Manipulation am Gottesbegriff. Sie besteht in der nüchternen Hoffnung auf eine Selbstrechtfertigung Gottes angesichts des Übels, der Hoffnung also darauf, daß Gott selbst eines Tages die verbliebenen Rätsel seiner Schöpfung auflösen wird Diese Freiheit Gottes zur Selbstrechfertigung muß jede Theologie der Theodizee ermöglichen, oder sie hört auf, wahre Theologie zu sein. Diese Aussage deckt sich im großen und ganzen auch mit meiner persönlichen Meinung.

EPIKUR (341-270 v. Chr.), FRAGMENT

„Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht,

oder der kann und will es nicht,

oder er kann es nicht und will es nicht,

oder er kann es und will es.

Wenn er nun will und nicht kann,

dann ist er schwach, was auf Gott nicht zutrifft.

Wenn er kann und nicht will,

dann ist er mißgünstig, was ebenfalls Gott fremd ist.

Wenn er nicht will und nicht kann,

dann ist er sowohl mißgünstig als auch schwach und dann auch nicht Gott.

Wenn er aber will und kann, was allein sich für Gott ziehmt,

woher kommen dann die Übel, und warum nimmt er sie nicht weg?“

Quelle: Johannes B. Brantschen „Warum läßt Gott uns leiden?“

Focus - Das moderne Nachrichtenmagazin/März 1997

THEODIZEE, „Wie könnte ein Gott so etwas zulassen?“, Alfred Kall, Thomas Menges

- „Gott führt uns durch Leid zum Heil“, Kath. Katechismus der Bistümer, 1995
- „Offenhalten der Theodizeefrage“, Walter Groß, Karl-Josef Kuschel
- „Phasen des Leidens“, Dorothee Sölle, Leiden, Verlag Herder, Freiburg
- „Phasen der Verarbeitung“, nach Erika Schuchardt
- „Evolution und Leid“, Hoimar v. Ditfurth, „Wir sind nicht nur von dieser Welt“
- „Epikur (341-270 v. Chr.), Fragment, Epikur, Von der Überwindung der Furcht

Details

Seiten
16
Jahr
1994
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107875
Note
Sehr gut
Schlagworte
Schmerz Theodizee

Autor

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Titel: Schmerz und Tod: Theodizee