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Ethische Positionen der Evangelischen Kirche in Deutschland

Seminararbeit 2002 15 Seiten

BWL - Sonstiges

Leseprobe

1 Einführende Bemerkungen

Das menschliche Gemeinwesen steht von jeher im Spannungsfeld aus Politik, Ökonomie und Religion. Während im letzten Jahrhundert der Ein uss der Religion auf das Alltagsleben zugunsten von Politik und Ökonomie immer mehr zurückgedrängt wurde, so war er doch bis weit in die Zeit der industriellen Revolution in Deutschland hinein erheblich gröÿer, als man sich heute vielleicht vorzustellen vermag (vgl. hierzu [Webe]). Daher hat die Religion unseren Umgang mit der Wirtschaft entscheidend mitgeprägt. Im Folgenden soll nun - nach einer kurzen Darstellung der Hintergründe der Entstehung einer protestantischen Arbeitsund Wirtschaftsmoral - aufgezeigt werden, welche Positionen die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zum Umgang des Menschen mit ökonomischer Interaktion in der Gesellschaft bezogen hat und heute bezieht. Schlieÿlich soll noch die konkrete Anwendbarkeit dieser Positionen für Unternehmen analysiert werden.

Ein für die Aussagekraft dieser Darlegungen erschwerender Faktor besteht darin, dass einerseits im Protestantismus kein einheitliches Lehramt wie das des Papstes im Katholizismus existiert und andererseits viele der in Abschnitt 4 diskutierten Positionen ökumenisch, d.h. gemeinchristlich sind und kein spezi sch protestantisches Pro l aufweisen.

2 Historische Entwicklung des protestantischen Menschenbildes

Die im frühen 16. Jahrhundert in Mitteleuropa aufkommenden reformatorischen Bewegungen hatten, so unterschiedliche Ausprägungen sie auch haben mochten, eines gemeinsam: Sie alle unterschieden sich vom Katholizismus am wesentlichsten in ihrem Bild vom alltäglichen Leben der Menschen, d.h. insbesondere der Laien. So interpretierte Martin Luther das Priestertum aller Gläubigen so, dass ein jeder den Gottesdienst durch das ausüben sollte, was er tat. Der eigene Beruf sollte als göttliche Berufung verstanden werden und in einer Weise ausgeübt werden, die geeignet war, Gottes Ruhm zu mehren. Ein wahrhaft gläubiger Mensch brauchte sich nicht wie bisher aus der Welt in das asketische Priesteramt oder Mönchtum zurückzuziehen; er sollte das tun, was er konnte, solange es tugendhaft und gottgefällig war und er somit den anderen Christen ein Beispiel sein konnte. Insbesondere der Calvinismus, der übrigens laut Max Weber im Unterschied zum Luthertum erst in der Lage war, als `ecclesia militans'1 den Bestand des Protestantismus zu sichern [Webe, S.136], zielte auf eine religiöse Methodisierung des Alltagslebens ab. Dieser wurzelte in der Prädestinationslehre2 und entwickelte im Laufe der Zeit den Gedanken der Notwendigkeit der Bewährung des Glaubens im weltlichen Berufsleben hinzu [Webe, S.137]: Jeder, der sich für auserwählt hielt (und es musste sich quasi jeder für auserwählt halten, denn Zweifel an der eigenen Erwähltheit wären Zeichen eines nicht ausreichenden Glauben gewesen, und dieser wiederum kam nur durch Anfechtung des Teufels [Webe, S.128] zustande), konnte sich durch Erfolg im wirtschaftlichen Handeln, d.h. im Beruf, seines Gnadenstandes versichern.

Auf diese Weise breitete sich im Protestantismus eine vollkommene Rationalisierung des Lebens aus. Der gesamte Alltag wurde davon durchdrungen, die eigenen Handlungen so vorzunehmen, dass sie in einem eindeutigen Zeichen für die eigene Erwähltheit resultierten.3 Hier ist ein wichtiger Unterschiede zum Katholizismus festzustellen. Der Calvinist oder der Lutheraner konnte im Gegensatz zum Katholiken seiner Erwählung nicht gewiss werden, indem er über die Spanne seines Lebens möglichst viele Erfolge und gute, fromme Taten anhäufte und gleichzeitig die Sünden, wenn sie geschahen, so gering wie möglich hielt uns sie alsbald mittels der Beichte o.ä. wieder tilgte, bis ihm am Ende Gutes und Schlechtes gegeneinander aufgerechnet wurden. Er musste sich zu jedem Zeitpunkt des Lebens der Erwählung gewiss sein. Der Pietismus z.B. hatte die Prädestinationslehre dahingehend variiert, dass jedem Christen die Gnade Gottes während seines Lebens angeboten wurde, aber nur begrenzt oft, vielleicht sogar nur einmal. Folgerichtig musste man ununterbrochen seine Fähigkeit zur Erwähltheit unter Beweis stellen, um ja nicht den entscheidenen Moment zu verpassen. Auch andere Konfessionen, wie der Methodismus, der die religöse Methodik für das Alltagsleben sogar im Namen trägt, und das Täufertum, dem Max Weber einen ruhigen, nüchternen, hervorragend gewissenhaften Charakter [Webe, S.160f.] bescheinigt, verlangten von ihren Anhängern eine derartige

Einstellung zum Alltagsleben und somit auch zum wirtschaftlichen Handeln. Es soll an dieser Stelle ausdrücklich betont werden, dass es hierbei nicht um die Anhäufung von Reichtum und anderen weltlichen Gütern zu deren Genuss und zum Ausruhen auf diesen ging. Zeitverschwendung und Müÿigkeit waren schwere Sünden; auch im Protestantismus wurde Askese vom gläubigen Christen verlangt, nur war sie eben - anders als im Katholizismus - eine innerweltliche.

Diese religiöse Fundierung war jedoch nur an der ursprünglichen Entwicklung einer kapitalistischen Weltsicht beteiligt; heute ist von ihr praktisch nichts mehr übrig, wie Max Weber bereits 1905 bemerkte: Die kapitalistische Weltordnung ... ist eine Art des Sichverhaltens zu den äuÿeren Gütern, welche ... so sehr mit den Bedingungen des Sieges im ökonomischen Daseinskampfe verknüpft ist, daÿ von einem notwendigen Zusammenhange jener `chrematistischen'4 Lebensführung mit irgendeiner einheitlichen `Weltanschauung' heute in der Tat gar keine Rede mehr sein kann. [Webe, S.61]

3 Die historische Entwicklung der wirtschaftsethischen Positionen der EKD

Auch wenn die erste o zielle Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu einem wirtschaftlichen Thema erst 1962 erschien [EKD62], so entstanden doch bereits im 19. Jahrhundert Ansätze einer protestantischen Wirtschaftsund Sozialethik. Diese bestanden jedoch weniger in einer theoretischen Analyse des Themas durch einzelne, als vielmehr in einem breiten innerkirchlichen Konsens. Eine Ausarbeitung einer spezi schen Position der EKD wurde allein schon dadurch verhindert, dass es sie in dieser Form bis 1918 nicht gab und die unabhängigen Landeskirchen teilweise stark di erierende o zielle Au assungen hatten.

Vor allem freie Initiativen waren es, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die relgiös-weltanschaulichen Fundamente für die Entwicklung des deutschen bzw. preuÿischen Sozialstaates unter Bismarck legten. So setzte sich zum Beispiel der 1877 gegründete Zentralverein für Sozialreform mit dem damals gängigen Begri des Manchester-Kapitalismus5 kritisch auseinander: Der Mensch sei beides: eigenständige Person mit Selbstverantwortung für sich selbst und eingebunden in einen sozialen, solidarischen Gesamtzusammenhang, der ihn zur zwischenmenschlichen

Mitverantwortung verp ichtet. Das liberalistische Individualprinzip müsse durch das solidarische Sozialprinzip zur Ganzheit menschlicher Existenz ergänzt werden [Korf, S.715]. Auch an der Arbeit des Evangelisch-Sozialen Kongresses (ESK) kann man erkennen, dass es keine formale Entwicklung einer evangelischen Sozialethik gab; man verstand sich bzw. die eigenen Re exionen als Hilfsmittel für diejenigen, die die (sozial-)politischen Entscheidungen zu tre en hatten. Aber indem man dies tat, leistete man doch einen wesentlichen Beitrag zur Entstehung eines modernen Sozialstaates. Einige Forderungen aus dieser Zeit sollen hier exemplarisch angeführt werden: Verbot von Kinderund Frauenarbeit in den Fabriken, Verbot der Sonntagsarbeit, Einführung von Normalarbeitszeiten in den einzelnen Branchen, Schutz gegen gesundheitswidrige Zustände in den Arbeitsstätten, Einschränkung der Nachtarbeit... [Korf, S.718] Ihre bekanntesten Vertreter waren Adolf von Harnack, Friedrich Naumann, Max Weber, Ernst Troeltsch und Otto Baumgarten. Diese Männer hatten auch Anhänger in den deutschen bzw. preuÿischen Parlamenten und Amtsstuben, die ihre Tätigkeit im Staatsdienst als praktisches Christentum verstanden [Korf, S.721] und die sich trotz ihrer festen Einbindung in den Beamtenstaat immer um neue soziale Verbesserungen bemühten.

Nach dem Ersten Weltkrieg, in der Weimarer Republik, herrschte in dieser Angelegenheit im wesentlichen Kontinuität. Während die einen sich in antidemokratischen, d.h. monarchistischen Bewegungen organisierten und die Weiterentwicklung des Sozialstaates in der Tradition Bismarcks forderten, gab es auf der anderen Seite auch christlich-sozialistische Positionen, so z.B. die von Georg Wünsch in Evangelische Wirtschaftsethik [Wüns]. Es wurde also unter evangelischen Christen weiterhin eine intensive Diskussion über sozialund wirtschaftsethische Grundsatzfragen geführt. Schlieÿlich erkannte auch die o zielle, verfasste Kirche die soziale Verantwortung als eine ihrer Aufgaben, wenngleich sie die bereits gescha enen Ergebnisse der freien Initiativen von Protestanten kaum aufnahm und somit gröÿtenteils hinter dem bisher erreichten Diskussionsstand zurückblieb.

Unter der Herrschaft des Nationalsozialismus schlossen sich Christen konfessionsübergreifend im Widerstand zur Bekennenden Kirche zusammen. Neben dem alltäglichen, aktuellen Kampf um das Überleben entwickelten sie auch Konzepte für die Zeit nach dem Ende des totalitären Systems. Am wichtigsten ist hierbei die Denkschrift In der Stunde Null (auch als Freiburger Denkschrift bekannt) aus dem Januar 1943, in der das, was der Nationalökonom und Religionssoziologe Alfred Müller-Armack später Soziale Marktwirtschaft nannte, bereits entwickelt wurde.

[...]


1ecclesia militans (lat.): kämpfende Kirche

2Gemäÿ der Prädestinationslehre ist jeder Mensch vom Anbeginn der Zeit in eine von zwei Gruppen eingeteilt: Entweder er ist ein Auserwählter, der zum Jüngsten Gericht von Gott in das Himmelreich aufgenommen wird, oder er ist verworfen . Darüber, zu welcher Gruppe er gehört, wird der Mensch vor dem Jüngsten Gericht i.A. nicht explizit informiert, und er hat auch während seines Lebens keinen Ein uss mehr darauf. Die letzten beiden Punkte werden von verschiedenen Konfessionen verschieden strikt interpretiert.

3Besonders ausgeprägt war dies bei den sogenannten Puritanern. Diese Gruppe war vor allem als Einwanderer in Nordamerika zu nden, und obwohl Max Weber sein hier mehrfach zitiertes Werk bereits 1905 verfasste, als von einer internationalen Vormachtstellung der USA in vielerlei Hinsicht, wie sie heute der Fall ist, noch keine Rede sein konnte, lässt sich daraus gelegentlich der Eindruck gewinnen, dass die USA ihre Wirtschaftsmacht durchaus auch den stahlharten puritanischen Kau euten jenes heroischen Zeitalters des Kapitalismus [Webe, S.129] zu verdanken haben.

4 τ α χρηµατ α (altgr.): das Geld

5Gemeint ist hiermit die damals z.B. in Fabriken - exemplarisch in Manchester - vorherrschende Ausbeutung von Arbeitnehmern durch Unternehmer.

Details

Seiten
15
Jahr
2002
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107801
Institution / Hochschule
Universität Ulm
Note
1,7
Schlagworte
Ethische Positionen Evangelischen Kirche Deutschland Seminar Ansätze Unternehmensethik

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