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Die Position des Kritischen Rationalismus zum Werturteilsproblem

Seminararbeit 2003 9 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Fragestellung

Begriffsdefinition

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Wissenschaftstheoretischer Hintergrund/Geschichte des Kritischen Rationalismus: Hume, Kant, der Positivismus. Antagonisten: die Hermeneutik, die Frankfurter Schule
2.2 Wesentliche Elemente des kritischen Rationalismus
- Das Abgrenzungsproblem
- Der Falsifikationismus
- „Trial-and-Error“
- Der Fallibilismus
- Ein Problem des Kritischen Rationalismus
2.3 Die Position des Kritischen Rationalismus zum Werturteilsproblem
2.4 Konträre Positionen: Hermeneutik, Frankfurter Schule
2.5 Fazit

3. Schlussteil
3.1 Die Positionen im Vergleich
3.2 Resümee und Werturteil

Literaturliste

Kursiv: nicht ausgearbeitet

1 Einleitung

Einer der wichtigsten wissenschaftstheoretischen Ansätze des 20. Jahrhunderts ist unbestritten der Kritische Rationalismus Karl Raimund Poppers. Diese Arbeit beschäftigt sich im Allgemeinen mit wesentlichen Elementen des Kritischen Rationalismus und im Besonderen mit der Einstellung der Kritischen Rationalisten zur Frage der Werturteile. Vergleichend hinzugezogen werden sollen außerdem antagonistische Positionen wie zum Beispiel die hermeneutische und die der Frankfurter Schule.

Zunächst sollte einmal der Begriff des Kritischen Rationalismus genauer umrissen werden. Er ist der „Fachausdruck für eine Richtung in der Wissenschaftstheorie und der Sozialphilosophie, die auf dem strikt erfahrungswissenschaftlichen ‚Widerlegungsdenken’ anstelle des ‚Begründerdenkens’ (H.F. Spinner) beruht (Falsifikation) und nach den Grundsätzen und der Methodologie empirisch-analytischer Theorie ausgerichtet ist“1. Signifikant für die sozialphilosophischen und praktisch-politischen Ansprüche des Kritische Rationalismus ist der von Karl R. Popper formulierte Begriff der pluralistischen, „offenen Gesellschaft“. Er steht für kontrollierte, begrenzte und schrittweise Reformen, die prinzipiell widerrufbar sind. Er wendet sich somit gegen jegliche Form sozialrevolutionärer Theorien und die kritisch-dialektische im Besonderen.

Als wesentliche Vertreter sind Karl R. Popper und Hans Albert zu benennen. Popper gilt als Begründer, Albert hat seine Wissenschaftstheorie für die Sozialwissenschaften erschlossen.

Zunächst erscheint es wichtig, die wissenschaftshistorischen Voraussetzungen des Kritischen Rationalismus zu beleuchten, was mit einer kurzen Darstellung von Hume, Kant, dem Positivismus des frühen 19. Jahrhunderts und der Hermeneutik geschehen soll.

In einem ersten Schritt werde ich den wissenschaftstheoretischen Hintergrund, vor dem der Kritische Rationalismus entstand, skizzieren. Im Anschluss wird der Kritische Rationalismus selbst in wesentlichen Punkten dargelegt. Als Abschluss der Kurzhausarbeit wird der Standpunkt Hans Alberts als Vertreter des Kritischen Rationalismus beschrieben.

2.Hauptteil

2.1 Wissenschaftshistorischer Hintergrund des Kritischen Rationalismus

Die Beschäftigung mit der Logik und der Methodik wissenschaftlicher Erkenntnis hat eine lange Tradition. Hier scheint es sinnvoll, bei dem von Immanuel Kant als „Hume’sches Problem“ bezeichneten Induktivismus zu beginnen. Schon David Hume hatte nämlich festgestellt, dass der Schluss vom Einzelfall auf einen allgemeinen Satz nicht logisch richtig sei – und seien es noch so viele Einzelfälle. Kant seinerseits hatte nach Kriterien gesucht, die eine Abgrenzung zwischen empirischer und logischer Wissenschaftsmethodik ermöglichen.

Die Positivisten des frühen 19. Jahrhunderts, deren Lehre mit der Industrialisierung einherging, sprechen dem menschlichen Verstand die prinzipielle Möglichkeit zu, die Realität in vollem Umfang zu verstehen; Mit dem Positivismus werden die Naturwissenschaften zunehmend wichtiger. Er beinhaltet empirisches Vorgehen und Induktivismus als wesentliche Elemente von wissenschaftlicher Erkenntnis. Nicht auf exakter Beobachtung oder Datenanalyse beruhende Erkenntnis weisen die Positivisten zurück.

Die traditionelle Hermeneutik (Verstehenslehre) ist „die Kunst, die Meinung eines anderen zu verstehen“ (Hans-Georg Gadamer2 ). Ihre Methodik, Deuten und Verstehen, soll das interpretative Ergreifen eines wissenschaftlichen Textes ermöglichen. Hierfür entscheidend ist das Vorverständnis des Wissenschaftlers beim Herangehen an einen Gegenstand. Mit der Hermeneutik verwandt ist die Topik, die keine logischen oder kausalen Schlüsse verlangt, sondern nur aufgrund gesunden Menschenverstandes und schlüssiger Rhetorik gewonnene brauchbare Ergebnisse3.

Die Frankfurter Schule (auch: „Kritische Theorie“) ist die Bezeichnung für eine Schule von Sozialwissenschaftlern am Frankfurter Institut für Sozialforschung, die in den 1920er Jahren gegründet wurde. Ihre wissenschaftstheoretische Ausrichtung ist „interdisziplinär, nicht-dogmatisch [und] neomarxistisch“4 Sie vereint unterschiedliche Forschungsansätze, denen die inhaltliche Weiterentwicklung des Marxismus unter Anwendung nicht-marxistischer Sozialforschung gemein ist. Die Grundlage der Forschung ist der Kritischen Theorie zufolge der „gesellschaftliche Lebenszusammenhang“ (Jürgen Habermas5 ), der ihr vorgeschaltet ist und sie bestimmt.

[Kommentar Korrektor: O.K., aber den Bezug zur konträren Darstellung des KR und Position zum Werturteilsproblem klarer darstellen!]

2.2 Wesentliche Elemente des Kritischen Rationalismus

Als wesentliche Grundprobleme der Geisteswissenschaften beziehungsweise der Wissenschaft allgemein beschrieb Popper das Induktionsproblem („Hume’sches Problem“, siehe oben) und das Abgrenzungsproblem. Aus der Ablehnung der Induktion als wissenschaftliche Methode zum Aufstellen allgemeiner Sätze heraus gewinnt das Abgrenzungsproblem zusätzlich an Bedeutung: Es ist „die Aufgabe, ein Kriterium zu finden, durch das wir die empirische Wissenschaft gegenüber Mathematik und Logik, aber auch gegenüber ‚metaphysischen’ Systemen abgrenzen können“6.

Das führt uns zum wichtigsten Popper’schen Abgrenzungskriterium: der Möglichkeit der Falsifikation. Popper verlangt von jeder wissenschaftlichen Theorie, dass sie prinzipiell widerlegbar sein muss. Ist dies nicht der Fall, ist sie unzureichend intersubjektiv und damit unwissenschaftlich. Eine empirische Aussage kann zum Beispiel lauten: Mindestens ein Schwan ist schwarz. Gesetzt der Fall, es gibt keinen schwarzen Schwan, so ist die Aussage „Alle Schwäne sind weiß“ trotzdem nicht widerlegbar, weil man die empirische Erfahrung ‚kein schwarzer Schwan’ nicht machen kann, sondern nur induktiv daraus schließen, dass man nur weiße Schwäne auffindet – die Aussage ist demzufolge nicht ausreichend überprüfbar und daher im Popper’schen Sinne nicht wissenschaftlich.

Den Weg von einer Hypothese zu einer Theorie beschreibt Popper als „ Trial-and-error “. Das heißt, dass der Wissenschaftler, der eine Theorie aufstellen will, diese so lange an der Realität prüfen muss, bis er sie widerlegt hat, wofür ein einziges Gegenbeispiel genügt. Gelingt ihm das nicht, hat die Theorie vorläufige Gültigkeit. Gibt es allerdings einen kontradiktorischen Fall, muss die Theorie als ganze verworfen werden; Sie darf nicht modifiziert oder gar mit Zusätzen versehen werden, weil sonst die Intersubjektivität und so die Überprüfbarkeit verringert würde. [Kommentar Korrektor: ad-hoc-Theorie/Hypothesenbildung]

Darüber hinaus beinhaltet der Kritische Rationalismus auch die grundsätzliche Fehlbarkeit menschlicher Vernunft (Fallibilismus). Dies ist insofern bemerkenswert, als der Positivismus das genaue Gegenteil behauptet hatte (siehe oben). Der Fallibilismus steht allerdings in gewisser Weise im Widerspruch zum Falsifikationismus, denn wenn ein einziges Gegenbeispiel ausreicht, um eine Theorie zu widerlegen, so wird dem keine Rechnung getragen, dass der Verstand bei der Analyse dieses kontradiktorischen Falles fehlbar gewesen sein könnte. Also ist entweder die Theorie falsch oder das widersprüchliche Beispiel fehlerhaft analysiert. [Kommentar Korrektor: was folgt daraus?]

2.3 Die Position des Kritischen Rationalismus zu Werturteilen

Im Wesentlichen stützt sich der Hans Albert in seinen Ausführungen zu Werturteilen auf die späte Auffassung Max Webers7. Webers Hauptanliegen ist seine Forderung nach eindeutiger Trennung zwischen Tatsachenanalyse und Werturteilen. Er stellt in seinem Objektivitätsaufsatz von 1904 fest, dass es nicht Aufgabe der Erfahrungswissenschaften sein könne, „bindende Normen und Ideale zu ermitteln, um daraus für die Praxis Rezepte ableiten zu können“8. Er folgert jedoch nicht, dass deshalb Werturteile der wissenschaftlichen Diskussion generell entzogen sind. Hierbei soll es vor allem darum gehen zu prüfen, ob diese Werturteile, Zwecke und Ideale formal-logisch stimmig sind. Genauso wenig verurteilt er Eigeninteresse bei der Wahl der Sachproblematik. Seiner Meinung nach kommt persönliches Interesse an einem Sachverhalt zustande, weil das angehende Forschungsobjekt im Widerspruch zu den Werten des jeweiligen Wissenschaftlers steht.

Für Weber persönlich sind allerdings die allgemeinsten der ideellen Axiome unantastbare Werte und Ideale. Sie haben durch subjektiven Glauben Geltung und nur durch den Glauben kann man sich über deren Geltung verständigen. Sie sind keiner erfahrungswissenschaftlichen Betrachtung unterworfen. Sie dürfen aber auch umgekehrt nicht Ziel von Forschung sein.

Hans Albert charakterisiert in seinem „Traktat über kritische Vernunft“ das Werturteilsproblem zunächst als Problem des Verhältnisses von Erkenntnis und Entscheidung9. Ein Dualismus von Sein und Sollen ist allerdings inadäquat, weil hinter jeder Erkenntnis Entscheidungen stehen und somit die Grenzen verwischen. Wenn sich also die Ebene der Erkenntnis von jener der Entscheidung nicht mehr klar trennen lässt, ist dann – rein methodisch – noch die Möglichkeit gegeben, der Weber’schen Forderung nach Wertfreiheit in der Analyse nachzukommen? Zumal die Form der Forderung an sich selbst auch normativen Charakter hat? Albert beantwortet diese Frage negativ, indem er drei verschiedene Ebenen wissenschaftlicher Betätigungsfelder konstruiert: Die Ebene der Gegenstände, die Ebene der Objektsprache und die Ebene der Metasprache. Auf der Ebene der Gegenstände sozialwissenschaftlicher Forschung ist es unbestreitbar, dass Wissenschaftler Werte analysieren können, ja, sie sogar in ihrer Analyse von Individuen und Gruppen gar nicht außer acht lassen können. Ebenso ist die Ebene der Metasprache unbestritten, zum Beispiel bei der Auswahl des Sachthemas spielt der Wertekanon des Wissenschaftlers eine entscheidende Rolle (siehe oben). Worauf sich Weber laut Hans Albert aber bezieht, ist der Aussagenbereich: Ziel einer wissenschaftlichen Betrachtung darf demnach nie sein, Werturteile zu fällen. Wenn man sich nun mit der Erkenntnis der Wirklichkeit als Ziel wissenschaftlicher Arbeit zufrieden gibt, ist das Weber’sche Postulat der Werturteilsfreiheit kein Hindernis. Die Problematik des normativen Charakters des Postulats führt Albert auf sich selbst zurück, indem er sie zum Gegenstand seiner wissenschaftlicher Betrachtung macht und sie so in seine Systematik der Ebenen integriert. Außerdem ist das Postulat in seiner normativen Komponente in sich schlüssig und damit mit Webers Werturteil-Beurteilung kompatibel. [Kommentar Korrektor: Quelle?]

Den Kritikpunkt, wertfreie Wissenschaft sei nur bedingt brauchbar und praxisrelevant, bestreitet Albert, indem er darauf verweist, dass für die praktische Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnis eine ausreichende Klarheit über den eigenen Willen immer nötig ist. „Die reine Wissenschaft gibt uns also in Anwendung auf praktische Probleme Mittel in die Hand, praktische Möglichkeiten zu untersuchen und damit herauszubekommen, wie wir die vorliegende Situation bewältigen können, aber sie sagt uns nicht, dass wir irgendeine der in Frage kommenden Möglichkeiten realisieren sollen“10. Die notwendigen Entscheidungen gehen also immer über die Ergebnisse der wertfreien Wissenschaft hinaus.

Es kann also nur darum gehen, den Entscheidungsträgern brauchbares Wissen bereitzustellen, gegebenenfalls mit Abwägungen und Empfehlungen zu den möglichen Handlungsoptionen und deren Folgen. Die situationsspezifische Entscheidung a priori mittels eines normativen Wertegerüsts getroffen zu haben, lehnt Hans Albert ab.

Literaturliste

Albert, Hans: Konstruktion und Kritik, Hamburg 1972

Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft, Hamburg 31975

Böhret, Carl/Jann, Werner/Kronenwett, Eva: Innenpolitik und politische Theorie. Opladen 1988

Keuth, Herbert: Wissenschaft und Werturteil, Tübingen 1989

Popper, Karl R.: Logik der Forschung. Tübingen 61976

Schmidt, Manfred G.: Wörterbuch zur Politik. Stuttgart 1995

Internet:

http://www.kuwi.euv-frankfurt-o.de/~vgkulsoz/Lehrstuhl/Lehre/soziologische%20Theorien/Weberhandout.doc

[...]


1 Schmidt, Manfred G. (1995): Wörterbuch zur Politik, „Kritischer Rationalismus“, S. 532

2 zitiert in: Schmidt, Manfred G. (1995): Wörterbuch zur Politik, „Hermeneutik“, S. 598

3 Böhret, Carl/Jann, Werner/Kronenwett, Eva (1988): Innenpolitik und politische Theorie, S. 405f.

4 Schmidt, Manfred G. (1995): Wörterbuch zur Politik, „Frankfurter Schule“, S. 315

5 zitiert in: Keuth, Herbert (1989): Wissenschaft und Werturteil, S. 94

6 Popper, Karl R. (19766): Logik der Forschung, S. 9

7 die sich wesentlich von seiner früheren Meinung zu dieser Fragestellung unterscheidet, vgl. Freiburger Rede von 1895. Siehe Albert, Hans (1972): Konstruktion und Kritik, S. 43

8 zitiert in: Albert, Hans (1972): Konstruktion und Kritik, S. 44f.

9 Albert, Hans (1968): Traktat über kritische Vernunft, S. 55

10 Albert, Hans (1968): Traktat über kritische Vernunft, S. 66

Details

Seiten
9
Jahr
2003
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107781
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Schlagworte
Position Kritischen Rationalismus Werturteilsproblem Einführung Politische Wissenschaft

Autor

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