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Karthago bis zu den punischen Kriegen

Seminararbeit 2002 13 Seiten

Afrikawissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Kurzer geschichtlicher Überblick

2. Die Inbesitznahme Karthagos

3. Die Häfen

4. Die Befestigungen

5. Die Tempel

6. Die Profanbauten

7. Die karthagische Gesellschaft
7.1. Der Stadtstaat und die Nation
7.2. Die Priesterschaft
7.3. Der Grundbesitzende Adel und seine Untertanen

8. Die Fremden

9. Das soziale Problem

1) Einleitung: Kurzer geschichtlicher Überblick:

Der schriftlichen Überlieferung zufolge wurde Karthago im Jahr 814 v. Chr. von Dido oder Elissa, der Schwester des Königs Pygmalion von Tyros, gegründet.

Tyros war zu dieser Zeit die mächtigste Stadt der Phönizier.

Der Handel mit dem geheimnisvollen Land Tarsis war die Hauptquelle ihres Reichtums. Diesen Handel verdankt Karthago wahrscheinlich seine Gründung und seinen Aufstieg.

Die Gründung von Utica, der ersten phönizischen Kolonie in Afrika, soll nach Plinius im Jahr 1100 erfolgt sein.

Tyros näherte sich damals, zur gleichen Zeit wie Israel, dem Höhepunkt seiner Macht. Aber seit Beginn des 9. Jahrhunderts zogen die in dem grossen Hafen durch den Handel mit dem Mittelmeer und dem Roten Meer angehäuften Reichtümer ein gefährliches Volk an, die Assyrer.

Man hat lange Zeit geglaubt, dass das bedrohte, erpresste und belagerte Tyros versucht habe, seine Reichtümer in Sicherheit zu bringen in einer „neuen Hauptstadt“ (dies wäre nämlich die Bedeutung der Worte Quart-hadascht, woraus Karthago wurde, zunächst in Zypern, dann möglichst weit entfernt in einem beinahe unbewohnten Land, in Afrika.

Zweck der Neugründung soll die Sicherung des Handelsweges zwischen Phönizien und Spanien gewesen sein. Erst mit der Zeit habe sich Karthago von einem maritimen Stützpunkt und einfachem Kontor zu einer eigenständigen Stadt entwickelt.

Bei dieser Rekonstruktion sind die phönizisischen Stützpunkte und Kolonien Teile eines zentral geplanten Systems, das dem Handel diente.

Als Ausgleich für den Schutz, den es die Phönizier gegen die Griechen und die alteingesessenen Barbaren bietet, verlangt es zu seinem eigenen Vorteil den Verzicht auf jegliche politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit, lässt ihnen aber in allen Gebieten eine weitgehende Autonomie. So entsteht ein mit einer Wirtschaftsorganisation verbundenes Reich, das in dem afrikanischen Hafen die Reichtümer des Westens, besonders Silber und Zinn aus Spanien, konzentriert.

Die im 5. Jhdt. von Herodot gesammelten Überlieferungen, die ohne allzu viele Lücken bis in das Jahr 650 zurückreichen, zeigen uns schon ein „erwachsenes“, starkes und reiches Karthago.

Die historische Überlieferung nennt uns für diese Zeit karthagische Könige, Heerführer, die die Armeen in Sizilien führten. Es ist nicht bekannt, wie sie gewählt wurden, aber ihre Macht scheint, wenn auch nicht absolut, so doch effektiver als die Magistrate der folgenden Epoche gewesen zu sein.

Die Auseinandersetzung zieht sich über das gesamte 6. Jahrhundert hin: Gegen die Griechen gewinnt Karthago die Etruskerals Verbündete; die Einigung Asiens durch die Perser wirkt sich ebenfalls zu seinen Gunsten aus, auch wenn es der theoretischen Souveränität des Grosskönigs zustimmt.

Auf diese Weise untersützt, erringt Karthago gegen Ende des Jahrhunderts wichtige Siege: 525 wird die phokäische Kolonie auf Korsika zerstört, 510 der spartanische Königssohn Dorieus aus Tripolitanien vertrieben. Etwa zur gleichen Zeit wird den Griechen der Zugang nach Tarsis (Tartessos) versperrt, wo sie seit 630 versuchten, mit den Phöniziern zu konkurrieren. Karthago beherrscht das westliche Mittelmeer südlich der Linie, die über Sardinien und Ibiza verläuft, und dies bis zu seinem Fall. Die tyrischen Kolonien, seine Schwesterkolonien, werden brutal unterdrückt, und seine eigenen Handelsniederlassungen verdrängen nach und nach die der Mutterstadt: Seine Kolonisten besetzen seit dem 7. Jahrhundert Ibiza und Handelshäfen wie Tipasa in Algerien, Sousse in Byzancene und Leptis in der Syrte.

Möglicherweise bildete sich zu Beginn des 5. Jahrhunderts eine Zusammenarbeit zwischen Karthagern und Persern heraus, deren Ziel die gleichzeitige Niederwerfung der Griechen des Ostens und des Westens war. Das Vorhaben scheiterte 480 bei Salamis und dem sizilschen Himera.

Die Stadt hatte bis dahin nur über ein eng begrenztes Umland verfügt, das zudem noch von Tribut fordernden Lybiern bedroht wurde. In der Folge eroberten Karthagos Armeen ein Gebiet, das in seiner weitesten Ausdehnung den grössten Teil Tunesiens umfasste, den man auch systematisch erschloss.

Im Jahr 409 glaubte sich die karthagische Führung stark genug für den Versuch, den Niedergang der Vormachtstellung Athens, das soeben bei seiner beabsichtigten Eroberung Siziliens gescheitert war, auszunutzen. Der Krieg dauerte fast 100 Jahre ohne Unterbrechung. Ein politischer Sturz beseitigte daraufhin die schon angeschlagene Monarchie.

Die Macht wurde der Aristokratie übertragen, die 150 Jahre lang vermittels des Rates der Hundert, eine misstrauische Gewaltherrschaft über die Bürger und Unterworfenen ausüben sollte.

Das Jahr 396 v. Chr., in welchem der Kult der Demeter und der Kore, der griechischen Göttinnen des Getreides und der Unterwelt, eingeführt wurde, markiert einen entscheidenden Wendepunkt in seiner Kulturgeschichte. Die Errichtung eines den gesamten Orient beherrschenden griechischen Reiches durch Alexander in den Jahren 334 bis 323 zwang die Westphönizier, ihre Politik zu ändern.

Die punische Führung versuchte daher, sich der griechischen Welt zu nähern, und knüpfte Beziehungen zu Tarent und dem ptolemäischen Königreich Ägypten an.

Die punischen Händler fanden dort eine Gewinnquelle, die ihnen sehr gelegen kam, denn ihre Herrschaft über die Bewohner Spaniens und die äußersten westlichen Gebiete war bedeutend schwächer geworden.

Der rasche Niedergang Grossgriechenlands und Etruriens erlaubte Karthago, den ersten Rang innerhalb der westlichen Reiche zu behalten.

Diese Vormachtstellung wurde ihm jedoch bald von Rom streitig gemacht, zu dem es gute Beziehungen unterhalten hatte, solange die Stadt am Tiber streng agrarisch ausgerichtet war und sich auf das Festland beschränkte.

Rom hatte aber in der zweiten Hälfte des 4. und im ersten Viertel des 3. Jahrhunderts nach hartem Kampf der Herrschaft über das große industrielle Zentrum Kampanien und die griechischen Hafenstädte in Süditalien errungen. Diese neue Situation veranlasste es – beinahe ungewollt – zu dem Zeitpunkt in Sizilien einzugreifen, als sich Karthago die endgültige Kontrolle über die gesamte Insel sicherte. Das war der Anlass für den Ersten Punischen Krieg.

2) Die Inbesitznahme Karthagos:

Die weithin bekannte Überlieferung datiert die Inbesitznahme in das Jahr 814 v. Chr. Anscheinend wurde keine dauerhafte, massiv gebaute Ansiedlung und noch weniger eine Stadt, die diese Bezeichnung verdient hätte, vorher gegründet und die Gegend, wenn auch den Phöniziern zweifellos bekannt, nur von einzelnen in unregelmäßigen Abständen aufgesucht.

Afrika reizte sie weniger als jede andere Küste zu einer dauerhaften Ansiedlung. Dieses unfruchtbare, von ärmlichen Barbaren bevölkerte Land besaß nichts, was die Orientalen hätte interessieren können. Die Prähistoriker neigen der Ansicht zu, dass die Ibero-Marusier, nahe Verwandte der Cromagnon-Menschen, den grössten Teil der Küste noch zu der Zeit bewohnt hatten, als die ersten tyrischen Schiffe dort landeten.

Die „neue Stadt“ wurde also von Anfang an nur als ein Komplex geschaffen, der sich selbst genügen konnte und aus drei verschiedenen Teilen bestand: einer Oberstadt – Zitadelle und religiöses sowie politisches Zentrum – mit Namen Byrsa; einer Unterstadt im Bereich der Häfen; eine ländliche Vorstadt, Megara genannt, die aus Wohnhäusern, Gärten und Feldern Bestand.

Das Hafengebiet war zunächst sehr klein, so dass es durch einen weiten freien Raum von der Oberstadt getrennt war.

Die Grenzen bildeten die Nekropolen, die einem in der Antike bei den meisten Völkern verbreiteten Brauch zufolge die Stadt der Lebenden umgaben, sowie die Heiligtümer, die nach semitischem Brauch an den Stadtrand verbannt waren.

3) Die Häfen:

Der Hafen war das Herz von Karthago. Es lässt sich belegen, dass Karthago zu Zeit der Punischen Kriege über einen ausgebaggerten Hafen mit zwei Becken verfügte: das eine, rechteckig geformt, war für Handelsschiffe bestimmt, während das andere, runde, der Kriegshafen war. In dessen Mitte befand sich eine Insel mit einem Gebäude, welches die Befehlsstelle des Admirals war.

Die Häfen lagen einander gegenüber; die Einfahrt vom Meer her war siebzig Fuß breit und mit eisernen Ketten verschlossen. Es ist bewiesen, dass diese Anlage künstlich angelegt wurde. So ist beispielsweise der Boden des runden Beckens gepflastert; Steinblöcke, die über die heutige Uferlinie hinausgehen, bilden den Rand eines Vierecks, das mit der Anlagestelle gleichzusetzen ist.

4) Die Befestigungen:

Über die karthagischen Befestigungsanlagen wissen wir nichts Genaues.Während der Punischen Kriege war die Halbinsel ein riesiges befestigtes Lager, das gegen das Festland hin durch eine uneinnehmbare dreifache Linie geschützt war. Die äussere Linie bildete ein mit einer Palisade versehener Grabungen, danach folgten zwei Wälle. Die zur Stadt gelegene Kurtine, 13,32m hoch und an der Basis 8,88m breit, diente gleichzeitig als Arsenal; die im Innern stufenförmig angelegten Kasematten konnten 300 Elefanten und 4000 Kavalleristen aufnehmen. Diese Befestigung wurde im Abstand von jeweils 59m von vorspringenden Türmen flankiert. Von beiden Wällen ist nicht der geringste Rest erhalten.

5) Die Tempel:

In Karthago gab es viele berühmte Heiligtümer. Die uns bekannten Überreste zeugen von einer abwechslungsreichen Architektur, die sich im Laufe der Zeit allerdings sehr wandelte.

Die strenge Gottesvorstellung ihrer Vorfahren aus dem fernen Kanaan verbot den Phöniziern sowohl „gebaute“ Heiligtümer als auch Götterstatuen.

Man stellte zunächst Steine und Altäre auf und pflanzte manchmal auch Bäume in dem heiligen Bezirk, in dem sich die übernatürlichen Kräfte offenbarten. Oft errichtete man Stelen über der Asche des Opfers, durch das der Mensch die göttliche Kraft erneuern wollte. Diese Art Heiligtum existierte bei den Phöniziern in Afrika während der gesamten Dauer der karthagischen Geschichte und darüber hinaus sogar in den von Rom unterworfenen Städten; wir bezeichnen sie mit dem der Bibel entliehenen Wort „Tophet“.

Der Einfluss der Ägypter und auch der Völker Mesopotamiens oder der Ägäis jedoch führte zu der Überlegung, dass die Götter eine Behausung benötigten.

Man wird ihm also schleunigst einen Palast bauen, damit er die Stunde des Regens, die Stunde der herausströmenden Wasser bestimmen, d.h. das für die Ernte notwendige Wasser besorgen kann.

Den punischen Architekten standen also mehrere Vorbilder zur Verfügung; die Heiligtümer in Karthago waren daher ebenso verschieden wie zahlreich. Nur drei davon wurden allerdings wiederentdeckt. Das beachtenswerteste und auch älteste ist das Tophet, in dem kleine Kinder, ursprünglich nur zu Ehren der „Grossen Herrin“, durch das Feuer gereicht wurden.

6) Die Profanbauten:

Das immer wieder umgestaltete, vergrößerte und verschönerte Karthago hat keine Spuren hinterlassen, die es ermöglichten, die verschiedenen aufeinanderfolgenden Grenzen festzulegen und sich ein Bild von dem Aussehen der Stadt in den letzten Perioden vor der römischen Herrschaft zu machen. Bekannt ist lediglich, dass sich die Stadt über die Küstenebene und die Osthänge der Hügel, die an dieser Ebene zwischen den Häfen im Süden und den Nekropolen des Plateaus von Bordj Djedid im Norden verlaufen, erstreckte. Die natürlichen Gegebenheiten waren der Grund für diese „längliche“ Ausdehnung der Stadt, was auch zur Folge hatte, dass die Karthager das kreisförmig angelegte Stadtbild der antiken Städte des Vorderen Orients in eine ovale Form ändern mussten: Kerkuan, eine Mitte des 3. Jahrhundert zerstörte punische Stadt am Kap Bon, bietet dafür ein bemerkenswertes Beispiel.

Über einer früheren Nekropole förderten sie Giessereiwerkstätten und ein Viertel mit „Bürgerhäusern“ zutage, das durch Strassen, die wie diejenigen am Meer nord-südlich verliefen, in Blöcke aufgeteilt war.

Das sehr starke Gefälle zwang die Stadtplaner oft, die Strassenführung etwas abzuändern und Stufen einzubauen; diese Strassen waren demnach für Wagen nicht zugelassen, sondern lediglich für Lasttiere zugänglich.

Die Entwässerung und der Ablass der Abwässer aus den Häusern erfolgte hier durch Kanäle aus ineinandergefügten Amphorengehäusen, die mit steinernen Einstiegen versehen waren.

Die Häuser dieses Viertels waren nicht so prächtig wie die vorgenannten; eines hat lediglich eine Front von 5m bei 15m Tiefe. Ein einziger Eingang führt in einen langen Flur, der in einen länglichen Hof mit einer kleinen Portikus mündet; um diesen Hof gruppieren sich die einzelnen Räume. Dieser Typ des Peristylhauses kommt in Griechenland, seinem Ursprungsland, erst seit dem 3. Jahrhundert vor: Die Punier haben ihn also gleich nach seinem Aufkommen übernommen.

Die Mauern sind aus Ziegelstein oder Lehm und mit senkrechten, harpae genannten Pfeilern aus Stein armiert. Die Böden dieser Häuser waren mit sehr feinem, durch die Zugabe von zerstossenem Ziegelstein rot eingefärbtem Mörtel überzogen; ausserdem waren weisse Marmorstücke eingelassen, wie wir bei der Kapelle von Salammbo und Häusern am Meerufer gesehen haben.

Neben der Ausstattung war man auch Komfort bedacht. Die Häuser in Byrsa verfügten wie diejenigen in Kerkuan über einen am Eingang (direkt an der Kanalisation) gelegenen Waschraum mit Spültisch und Sitz- oder Bottischwanne mit Abfluss. Auch diese Neuerung stammte aus dem hellenistischen Griechenland.

Bisher hat man noch keine Teile einer Bedachung gefunden, aber wahrscheinlich hatten die Häuser wie in Phönizien Terrassendächer.

7) Die karthagische Gesellschaft:

7.1. Der Stadtstaat und die Nation:

Bei der Untersuchung der karthagischen Gesellschaft muss man berücksichtigen, dass Karthago ein Stadtstaat war; zweifellos eine offensichtliche Tatsache, aber doch nicht so banal, um nicht beachtet werden zu müssen. Die „Polis“ ist so sehr verbunden mit der Zivilisation des klassischen Altertums – sie ist der Anfang unserer Kultur-, dass es uns ganz natürlich erscheint, in ihr eine notwendige Stufe der menschlichen Entwicklung zu sehen. Sie ist ein ursprüngliches Gebilde, das vielleicht in den Ebenen Mesopotamiens oder Indiens entstand, aber an den Ufern des Mittelmeeres, und ganz allein dort, die menschlichen und wirtschaftlichen Bedingungen fand, die es zu seinem Aufblühen benötigte.

Als Stadtbewohner gehörten die Karthager ungeachtet vieler Gegensätze zum gleichen sozialen Typus wie die Griechen und Römer. Die Trennungslinie in dieser Hinsicht verläuft nicht zwischen indoeuropäischer und semitischer Welt, sondern im Inneren Asiens zwischen Phönizien erinerseits und Ägypten, Israel sowie Persien, die die Form der Polis nicht kannten, selbst Mesopotamien, wo die sumerischen Städte schon früh ihre Eigenständigkeit im Rahmen der semitischen Königreiche verloren hatten, auf der anderen Seite.

Der Stadtstaat stellt sich zunächst als ein Zusammenschluss von Menschen dar, der im wesentlichen städtisch geprägt ist, selbst wenn seine Wirtschaft überwiegend agrarisch bestimmt ist: Der Grossteil der Bevölkerung wohnt in der Stadt selbst, dort, wo in der Regel die reichen Schichten leben; selbst die Armen und Sklaven unter den Stadtbewohnern leben im allgemeinen vergleichsweise besser als die entsprechende Landbevölkerung. In der Tat ist die Stadt nicht nur das finanzielle Zentrum eines Gemeinwesens, sondern sie ist auch und vor allen einziges politisches Zentrum.

Über die Bevölkerungszahl wissen wir nur wenig. Strabo, der als Zeitgenosse des Augustus ein Jahrhundert nach der Zerstörung Karthagos lebte, behauptet, dass die Stadt selbst 700 000 Einwohner hatte.

Diese Schätzung kann allerdings nicht aufrechterhalten werden; das eigentliche Stadtgebiet war nicht größer als 300 Hektar. Selbst unter Annahme einer sehr großen Bevölkerungsdichte dürfte die Einwohnerzahl kaum 100 000 überschritten haben. Wenn man annimmt, dass die dortige Bevölkerungsdichte mit der heutigen Sahelvorzone – der Wechsel von bewohnter Fläche und Gärten liefert uns eine Vorstellung der Landschaft der Megara – vergleichbar ist, konnten dort kaum mehr als 100 000 Einwohner zusätzlich leben.

Ein Nachteil des Stadtstaates war, sein Unvermögen, sich zu erweitern, seine Ablehnung aller, die von außen in seine Gesellschaft drängen wollen.

Die Schrift fasst ein Alphabet von 22 Buchstaben , das die Phönizier um das 12. Jahrhundert v. Chr. erfanden, nachdem sie verschiedentlich versucht hatten, keilförmige oder ägyptische Schriftzeichen zu benutzen. Bekanntlich steht dieses System, das zunächst von den Griechen, dann von den Römern angenommen wurde, am Anfang aller heute gebrauchten Schriftsysteme, ausgenommen natürlich die des Fernen Ostens. Das phönizische Alphabet wird von rechts nach links geschrieben; es hat keine Zeichen für Vokale, besitzt aber Halbvokale.

Zu keiner Zeit haben die Karthager auf Sprache und Schrift ihrer Heimat verzichtet, vielmehr haben sie auch zu deren Verbreitung bei den unterworfenen Völkern beigetragen. Schon die Fremden in Karthago, insbesondere die Söldner, bedienten sich des Punischen als Umgangssprache.

In ihrer Religion ist der Mensch nicht völlig ohne eigene Mittel zum Handeln fähig; diese sind magischer Art. Äußerstes Mittel ist das Opfer, durch das die göttliche Energie selbst widerbelebt wird. Dabei handelt es sich aber nicht um eine einfache Opfergabe an die Götter: Im Grunde bringt der Opfernde sich selbst zum Opfer dar, und die Opfergabe ist immer nur ein Ersatz seiner selbst; die Wirksamkeit des Aktes entspricht derjenigen der Hostie, was das langandauernde Fortbestehen von Menschenopfern erklärt. Das Kinderopfer ist somit die vollkommene Form des punischen Opfers, und nichts zeigt besser das unerschütterliche Festhalten der Punier in Afrika an ihrer Traditionen als ihre hartnäckige Weigerung, Druck und Zwang zum Trotze auf diesen Brauch zu verzichten.

7.2. Die Priesterschaft:

Die größte Bedeutung kam in der Stadt sicherlich den Priestern zu. Ihre Aufgabe bestand darin, sich um den Schutz der gefürchteten Götter für ihre Stadt zu bemühen. Durch Opferhandlungen erneuerten sie deren übernatürliche Kräfte, damit sie die Ernten hervorbringen, die Fruchtbarkeit von Mensch und Vieh sichern, den Magistraten und den Kriegern Kraft einzugeben.

In Zeiten politischer oder wirtschaftlicher Not beklagten die Priester denn auch die fehlende Frömmigkeit der Gläubigen und entfesselten die Leidenschaften eines Mystizismus, der zu schrecklichen Menschenopfern führen konnte.

Enthaltsamkeit wurde nicht ständig von allen punischen Priestern gefordert, viele unter ihnen waren nämlich verheiratet und übertrugen ihr Amt im Erbgang.

Die punischen Geistlichen waren zum Teil strengster Disziplin unterworfen, die ihnen weltliche Tätigkeiten praktisch verunmöglichte: andere daneben, die Würdenträger aus den Reihen des politischen Adels, waren vom ständigen Gehorsam und den ihrem Amt prinzipiell auferlegten Geboten befreit.

Die phönizische Geistlichkeit prägte ein ausgesprochener Korpsgeist; die Inschriften belegen, dass die Hauptämter bestimmten Familien vorbehalten waren, die zweifelsohne ein Monopol ausübten.

Um diese Prieser-Kasten zu überwachen und vielleicht auch um eventuelle interne Streitigkeiten zu schlichten, fasste die Republik den Beschluss, Beamte einzusetzen, die von den Römern „Präfekten heiliger Dinge“ genannt wurden; in Karthago bildeten sie ein aus zehn Mitgliedern bestehendes Kollegium.

Innerhalb der eigentlichen Geistlichkeit herrschte eine sehr strenge Rangordnung; jeder Tempel hatte einen Oberpriester, der den eigentlichen Priestern, den Priestern zweiten Ranges und zahlreichen Gehilfen vorstand, wobei unter den letzteren die Schreiber an erster Stelle standen. Danach kamen die Kultgehilfen: die mit dem Zerlegen des Opferfleisches beauftragten Schlachter, Diener, die im Heiligtum die Lichter anzündeten, und geweihte Barbiere; sie mussten die Priestern wie auch den einfachen Gläubigen, die eingelassen werden wollten, oder den niedrigeren Rängen die Haare scheren.

Schließlich noch eine Schar mit allgemeinen Aufgaben betreuter „Hilfskräfte“, das konnten einfache Fromme oder in bestimmten Fällen Tempeldiener sein. Darunter befanden sich sicher auch Sklaven, die den Tempelboden pflegten, und die in den Werkstätten beschäftigten Arbeiter. Die Tempel waren in Ägypten und in ganz Asien große Wirtschaftsbetriebe, es wäre deshalb erstaunlich, wenn es in Karthago anders gewesen wäre.

Die Priester hatten zunächst für den reibungslosen Ablauf des Kulturlebens Sorge zu tragen, indem sie sich an sehr genaue heilige Gesetze hielten, von denen uns Bruchstücke überliefert sind und die auffallende Ähnlichkeiten mit dem 3. Buch Mose haben.

Hauptanliegen war die Organisation der Opferhandlungen: diese standen im Mittelpunkt der punischen Religion und ihrer Zeremonien, mit denen die göttliche Kraft erneuert und beinahe zwangsläufig der Segen der Gottheit in Form einer Wohltat erwirkt wurden; außerdem begründeten sie eine äußerst intensive mystische Verbindung zwischen dem Opfernden und dem Gott.

Trotz der spärlichen Quellen lässt sich der Einsatz der Priester für das geistige Erbe des Volkes erahnen. Die in dieser Hinsicht grundelgenden Geschehnisse gehen auf den Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr. zurück, als Karthago nach der Niederlage in Sizilien und dem rituellen Suizid seinen letzten Königs, Himilikos des Magnoiden, Republik wurde.

7.3. Der Grundbesitzende Adel und seine Untertanen:

Karthago war von seiner Entstehung bis zu seinem Untergang von einer Adelsschicht beherrscht, die sich durch edle Herkunft und Reichtum auszeichnete. Schon die Sage erzählt von Dido, wie sie sich, umringt von tyrischen Adligen, gegen die Schreckensherrschaft Pygmalions erhob.

Im 6. Jahrhundert kämpfte der Adel gegen die persönliche Macht der Könige, zuerst gegen Malchos und in der Folge gegen die Magnioden. Im 5. Jahrhundert wurde durch den Fall dieser Dynastie die Einsetzung einer oligarischen Regierung ermöglicht, die bis zum Ersten Punischen Krieg erhalten blieb.

In einem Kolonialstaat mit sehr gemischter Bevölkerung waren die Adligen vor allem darauf stolz, der dominierenden Rasse anzugehören. Die Sorgfalt, mit der sie auf den Stelen ihre Abstammung aufzeichnen und dabei die Ämter ihrer Vorfahren aufzählen, das Festhalten an den phönizischen Namen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden – oft vom Großvater an den Enkel – zeugen von diesem Rassenstolz.

Bei den Karthagern war allerdings, wie bei den meisten Orientalen, nur die Abstammung der männlichen Linie von Bedeutung. Die größten Familien waren gerne bereit, Verbindungen mit Fremden einzugehen.

Das Prestige des Adels beruhte in erster Linie auf seinem Wohlstand; alle klassischen Autoren teilen die Auffassung, dass das Geld in Karthago eine wichtige Rolle gespielt hat. In den ersten Jahrhunderten, als sich das punische Territorium auf die Stadt und ihre nähere Umgebung beschränkte, konnte dieser Reichtum nur übers Meer gekommen sein.

Die punischen Grundbesitzer waren darauf erpicht, sich das Monopol über die auf ihren Gütern hergestellten Edelprodukte zu bewahren, und scheinen deren Anbau nicht allein den Lybiern untersagt zu haben, die sich auf den für die Versorgung der Stadt wichtigen Getreideanbau spezialisieren mussten, sondern auch den Sarden, von denen man die gleichen Dienste erwartete.

Die Agrarwirtschaft basierte also auf strenger Spezialisierung sowie geschickter und intensiver Nutzung eines ziemlich begrenzten Gebiets.

Der Gutsherr bewirtschaftete mit Hilfe seiner Sklaven seinen Besitz selbst. Viele der Sklaven kamen nicht aus dem Land, sondern waren Kriegsgefangene oder wurden auf dem Markt erworben.

Der Hauptverdienst der karthagischen Kolonisten bestand darin, die in den schon früher zivilisierten Ländern des Mittelmeerraumes verbreiteten Nutzpflanzen nach Afrika gebracht, sie dem Klima angepasst und die Anbauverfahren soweit perfektioniert zu haben, dass sie ihrerseits als wahre Landwirtschaftsexperten gelten konnten.

Die Organisation der karthagischen Viehzucht schloss dann die Folge der Herdenwanderungen aus. Rund um die herrschaftlichen Güter wurden Weiden angelegt, so vor allem auf dem Kap Bon; offensichtlich fanden die Rinder dort besseres Futter vor als die Wanderherden der Lybier.

Die Arbeiter waren vergleichsweise zahlreich; gleichwohl sollte man sich natürlich keine Fabriken mit Hunderten von Angestellten vorstellen. Die wichtigsten Unternehmen, die vom Staat beaufsichtigt wurden, belieferten Flotte und Heer.

Die Rohstoffe für den Handwerkszweig wurden durch den Seehandel herbeigeschafft. Erstaunlicherweise lässt sich feststellen, dass die Karthager, die sich so große Versorgungsquellen für Rohmetalle sicherten, nicht versucht haben, ihre Endprodukte in andere Länder zu verkaufen, was ihnen sicher einen beachtlichen Gewinn eingebracht hätte.

Als Karthago das von den Babyloniern vernichtete Tyros ablöste, wurde der Außenhandel von seinen Rivalen beherrscht, und die punischen Werkstätten mussten sich damit begnügen, den Binnenmarkt zu versorgen; man findet keine in Afrika hergestellten Waren bei den europäischen Stämmen der Kelten, obwohl die karthagische Flotte deren Häfen häufig anstäuerte.

8) Die Fremden:

Die Karthager waren zwar grundsätzlich wenig gastfreundlich, doch waren sie als Handelsunternehmer gezwungen , Fremde bei sich aufzunehmen. Die Händler aller Nationen hatten freien Zugang zu ihrem Hafen, welcher der Einzige Umschlagplatz für die riesigen Territorien war, die von der punischen Marine kontrolliert wurden.

Sie richteten dort auch feste Agenturen ein, und spätestens seit Beginn des 4. Jahrhunderts bildeten sich ziemlich große Kolonien, „Metöken“, wie die Athener sie nannten.

Die nachlassende Strenge der oligarchischen Regierung begünstigte in der Folge zwangsläufig ihre Ausdehnung.

Anscheinend wurden jene Fremden, die in Karthago um Asyl ersuchten, eher dazu angeregt, sich in neugegründeten Orten niederzulassen, wo sie ihre nationalen Traditionen ohne Rücksicht auf eine bestehende Zivilisation pflegen konnten.

9) Das soziale Problem:

Die Bevölkerung der großen Stadt setzte sich aus Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und Kultur zusammen, deren Macht und Reichtum höchst ungleich verteilt waren. Dennoch scheint es keine schwerwiegenden Klassenkonflikte gegeben zu haben. Über die sicher sehr zahlreichen Sklaven in der Stadt wissen wir praktisch nichts; von einem brennenden Hass gegen ihre Herren scheinen sie jedenfalls nicht beseelt gewesen zu sein.

Anfang des 4. Jahrhunderts versuchte der ehrgeizige Hanno der Grosse, ein Mann von hoher Geburt, einen politischen und sozialen Umsturz anzuzetteln mit dem Ziel, die Macht zu erlangen.

Er forderte die Sklaven auf, sich zu erheben, doch hatte er anscheinend bei denen, die in der Stadt arbeiteten und bei ihren Herren lebten, wenig Erfolg. Bomilkar, der in der Zeit der Agathokles-Kriege ebenfalls eine Diktatur zu errichten versuchte, stützte sich auf seine Söldner und fand wohl keine Sympathien im städtischen Proletariat. Zum Zeitpunkt der größten Gefahr schließlich, im Jahre 149, ordnete der punische Senat die Freilassung der Sklaven an.

Soziale Gefahr drohte von den lybischen Bauern, die in den Jahren 396 und 379 revoltierten und jedes Mal Karthago in ernsthafte Bedrängnis brachten. Sie blieben zwar frei, doch mussten sie einen Zehnten und in Kriegszeiten ein Viertel, manchmal sogar die Hälfte ihrer Ernte abgeben.

Dabei darf man nicht vergessen, dass bis vor kurzem in ganz Nordafrika die Khamessat in Kraft blieb, ein Pachtvertrag, der dem Landbesitzer vier Fünftel der Bodenerträge sicherte. Aber jene Afrikaner erinnerten sich, erst seit kurzem ihrer Freiheit beraubt worden zu sein.

Man hatte sie in ein Wirtschaftssystem integriert, das ihnen zweifellos missfiel und dem sie ihre Viehzucht und das gewohnte Nomadendasein zweifellos vorgezogen hätten.

Schließlich schürte die Nachbarschaft ihrer unabhängig gebliebenen Mitbrüder ihre Unzufriedenheit so weit, dass sie sich zum Aufstand sammelten.

Auch die Landsklaven, die auf den Gütern der karthagischen Aristokraten arbeiteten, haderten mit ihrem Schicksal.

Die Libyer dagegen lehnten sich geschlossen gegen die Karthager auf und konnten nur mit Gewalt in Abhängigkeit gehalten werden. Ähnlich wie sie fühlten sich die Eingeborenen der spanischen Kolonie.

So ging denn Karthago zugrunde, weil es ein äußerst schwieriges, für eine Kolonie typisches Problem nicht zu bewältigen vermochte: das Problem der Koexistenz verschiedener Bervölkerungsgruppen, deren Lebensstandard und Kultur zu krasse Gegensätze aufweist.

Quellenangabe:

- Ameling, Walter; Karthago; C.H. Beck`sche Verlagsbuchhandlung, München 1993
- Charles-Picard; Karthago; Leben und Kultur; Reclam Verlag; Stuttgart 1983
- Ellinger, Walter; Karthago; Reclam Verlag; Stuttgart 1990
- Niemeyer, H.G. Phönizier im Westen; Bertelsmann Verlag; Mainz 1967

Details

Seiten
13
Jahr
2002
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107688
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
Schlagworte
Karthago Kriegen

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Titel: Karthago bis zu den punischen Kriegen