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Lessing, G. E. - Nathan der Weise - ein Wiedergutmachungsstück?

Referat / Aufsatz (Schule) 2003 12 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Klasse: 11a

Deutsch: 3. Schulaufgabe (Hausaufsatz)

Zeitdauer: 01.03.01 – 14.03.01

Matthias Jantsch

Thema 3: Lessing ‚Nathan der Weise‘ – ein Wiedergutmachungsstück?

Nathan der Weise, das „dramatisches Gedicht“ von Gotthold Ephraim Lessing aus dem 18. Jahrhundert, dessen Utopie von religiöser Toleranz und Versöhnung, aufgrund der Gleichheit aller Menschen bis heute ein Wunschtraum geblieben ist und dessen Aussage bis heute gültig ist.

Vor sechsundfünfzig Jahren erst endete der Wahnsinn der Judenverfolgung und der geplanten Ausrottung durch die deutschen Nazis. Dieses schwarze Kapitel der deutschen Geschichte hat eine tiefe Wunde in Deutschland hinterlassen, die immer noch nicht verheilt ist. In vielen Ländern gelten die Deutschen bis heute als böse Nazis. Trotzdem hat die Anzahl von fremdenfeindlichen Übergriffen im letzten Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Auch die neugegründeten rechten Parteien haben besonders in Ostdeutschland einen starken Zulauf, sodass die Bundesregierung über ein Verbot der extrem rechtsgerichteten NPD nachdenkt. Hat man aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt, weiß man zu wenig aufgrund ungenügender Bildung, ist es einem egal und wissen die Anhänger und Wähler von REP, DVU und NPD überhaupt, auf was sie sich da einlassen?

Ein Blick in andere Länder lohnt sich. Die drei Schlagwörter der französischen Revolution „liberté, egalité et fraternité“ sind längst noch nicht überall verwirklicht.

In Indien gibt es immer noch das Kastenwesen, obwohl es vom Staat offiziell abgeschafft worden ist, das jeweilige Gesellschaftsschichten begünstigt und unter dem andere leiden. Selbst Gesprächskontakte mit Mitgliedern einer anderen Kaste gelten als entehrend und sind teilweise sogar verboten, genauso wie Körperkontakte. Von einer Gleichheit wird man hier noch lange träumen, wenn die Menschen ihre religiöse Einstellung nicht ändern.

In Afghanistan herrschen zur Zeit chaotische Zustände, das von den Kämpfern der Mudschaheddin gestürzte System wurde zu einem strenggläubigen islamischen Staat. Hier wird keine andere Religion geduldet. Selbst tausend Jahre alte Kulturdenkmäler der Buddhisten werden trotz weltweitem Protest rücksichtslos zerstört.

In Israel tobt eine Art religiöser Bürgerkrieg. Besonders in Jerusalem, dem Schauspielplatz von „Nathan der Weise“ treffen die religiös bedingten Gegensätze auch heute noch besonders hart aufeinander. Knapp 800 Jahre nach dem Ende der Kreuzzüge herrscht in Israel immer noch kein Frieden. Die Kämpfe zwischen Juden und Palästinensern nehmen unter der neuen Regierung von Ariel Sharon wieder größere Ausmaße ein.

Dieser Bürgerkrieg wird auch noch von deutschen Firmen unterstützt.

Die schwäbische Waffenfirma Heckler und Koch lieferte im letzten Jahr Kriegsgeräte im Wert von über 400 Millionen in den Nahen Osten. Aus einem Land, das aus der Geschichte gelernt haben sollte und sich verpflichtet hat, sich aus internationalen Konflikten herauszuhalten.

Die Aufzählung von weiteren Beispielen wie Nordirland oder dem Jugoslawienkonflikt führt zu ähnlichen Ergebnissen:

Auf der Welt herrscht genau das Gegenteil, von dem in „Nathan der Weise“ angesprochenen menschlichen, gesellschaftlichen und religiösen Idealen. Das Zeitalter der Aufklärung ist so gesehen noch lange nicht zu Ende. Würden wir uns alle an die in dem „dramatischen Gedicht“ angesprochenen Werte halten und gehalten haben, wäre das Paradies auf der Erde nahe.

Deshalb können wir uns die Frage stellen, ob Lessings „Nathan der Weise“ ein Wiedergutmachungsstück ist.

Der erste Punkt, der hier anzuführen ist, dass Nathan indirekt einen Krieg finanziert.„Sultan Saladin, der mohammedanische Herrscher Jerusalems braucht Geld, um einen Krieg zu finanzieren. Deshalb befiehlt er Nathan zu sich, der ihm das Geld beschaffen soll. [...] Auch der Geschäftsmann Nathan hat Geld zu einem Krieg zwischen Christen und Moslems beigesteuert.“[1]Dieses Argument aus der Sekundärliteratur erscheint jedoch nicht sehr überzeugend. Zu der Zeit, in der das Stück spielt, herrscht Waffenstillstand in Jerusalem, der Tempelherr rettet sogar eine Christin aus den Flammen und der Klosterbruder spaziert seelenruhig in Jerusalem umher. Hierzu der geschichtliche Hintergrund des Dramas: Der„[...]mächtige Sultan Saladin, der Herr über Ägypten und Syrien; er hatte den Krieg gegen die Christen entfacht, weil er den räuberischen Übergriffen der Ritter ein Ende setzen wollte, und hatte wenige Jahre zuvor ein christliches Heer am See Genezareth vernichtend geschlagen und die gefangenen ‚Franken‘ hinrichten lassen. Jetzt musste er sich gegenüber der christlichen Übermacht zu einem Waffenstillstand bereitfinden: dieser fand im Jahre 1192 statt, und im Jahr dieses Waffenstillstandes spielt die Handlung des Dramas.“[2]Zum Zweiten steht in dem Stück überhaupt nicht, für was der Saladin das Geld bräuchte, das ja sowieso nur ein Vorwand ist, um Nathan zu sich in den Palast zu locken und ihm die Frage nach der besten Religion zu stellen. Wie der Autor dieses Zeitungsartikels zu dieser fragwürdigen Aussage kommt, ist unklar und wird auch nicht weiter erläutert. Nimmt man dieses Argument jedoch ernst, eignet sich dieses „dramatische Gedicht“ nicht als Wiedergutmachungsstück, weil ein Krieg ja eine Verletzung der Toleranz des friedlichen Nebeneinanders der Menschen darstellt. Auch wenn dieser Punkt dann nicht ganz auffällig erscheint würde er dennoch zum Krieg aufrufen. Als ein Wiedergutmachungsstück ist es demnach fehl am Platze.

Der Begriff „Wiedergutmachung“ wurde jedoch erst in den 50er und 60er Jahren des 20.Jahrhunderts entscheidend geprägt. Damit meinte man die Wiedergutmachung der Europäer für die Gräueltaten an den Juden durch finanzielle Hilfe für den neugegründeten Staat Israel. Mit diesem Begriff brachte man sowohl die Judenverbrennungen in Spanien im Mittelalter als auch die Verfolgung der Juden durch die Nazis in Verbindung. Wie kann also ein Stück für einen Begriff stehen, der erst 3 Jahrhunderte später geprägt wurde?

Ein dritter Aspekt beinhaltet, dass die Anhänger und Wähler von rechtsradikalen Parteien, sowie andere Neonazis wohl kaum ein solches Theaterstück besuchen und für den Fall, dass sie es doch tun würden, bleibt immer noch in Frage zu stellen, ob sie darüber groß nachdenken und Lessings Botschaft von der Toleranz gegenüber anderen Kulturen und der Gleichheit aller Menschen verstehen und sie nicht weiterhin ignorieren. Es bleibt zwar dennoch ein Wiedergutmachungsstück, verändert aber nichts an der politischen Lage in Deutschland.

Im Sinne der Wiedergutmachung für die Schandtaten der Deutschen im Dritten Reich ist jedoch auch, dass der Neonazismus in Deutschland nicht weiter zunehmen darf, sondern bekämpft werden muss. Dass dies nur bedingt durch solch ein Stück geschehen kann, ist klar. Die Aufführung von „Nathan der Weise“ kann man dann nur als Akt politischer Toleranz in einem über den Nationalsozialismus aufgeklärten Land sehen, was aber auch im Widerspruch zu dem oben genannten steht.

Ein weiterer Punkt ist, dass nur die richtige Inszenierung die oben genannte Botschaft, die Lessing meinte, hervorbringt.„Eine Inszenierung des ‚Nathans‘ im 21. Jahrhundert fordert eine kritische Sicht auf den - besonders in der Ringparabel - formulierten Toleranzgedanken. Bis zum heutigen Tag verursachen Geld, Macht und Religion weiterhin Kriege.“[3]Die Botschaft der Gleichheit aller Menschen geht verloren, wenn Nathan als weiser oder intelligenter als die anderen Personen vom Regisseur dargestellt wird. Auch die Überwindung des Ständedenkens geht verloren, wenn Nathan sich hochmütig und überlegen gegenüber anderen Personen aus niedereren Gesellschaftsschichten zeigt.

Auch durch die Bühnengestaltung sollte man die Aktualität des Stückes erkennen. Hier sieht man ein weiteres Problem, das sich unmittelbar stellt. Der Erfolg hängt von einer einheitlichen Inszenierung in Deutschland ab. Wie man das Stück am besten inszeniert, damit der Charakter eines Wiedergutmachungsstückes für die Probleme der Welt in den Mittelpunkt gestellt wird, muss aber zuerst mal gefunden und festgelegt werden.

Die Sprache sollte ebenfalls nicht zu sehr an das Originalstück angepasst sein, damit die Aktualität herauskommt. Auf jeden Fall muss die Inszenierung auch für einfachere Gemüter verständlich sein. Doch die komplizierten Verwandschaftsbeziehungen in dem Stück erschweren dies zusätzlich. Aus den genannten Punkten ergibt sich, dass sich das Stück deshalb schlecht als Wiedergutmachungsstück eignet.

„Nathan der Weise“ ist jedoch ein Wiedergutmachungsstück, wenn man folgenden Aspekt betrachtet: Die Ständeunterschiede spielen für die handelnden Personen keine Rolle. Sultan Saladin stellt einen Derwisch, also einen mohammedanischen Bettelmönch, bei sich als

Schatzmeister ein. Hier zeigt sich der Gedanke Lessings von der Gleichheit aller Menschen, der auch für die Zeit, in der das Stück entstand, nämlich für die Aufklärung, typisch war. Nathan unterhält sich mit jedem Menschen auf die gleiche Art, er macht keinen Unterschied zwischen einem Bettler und einem Sultan, für ihn sind alle Menschen gleich.„Nathan gelingt dieser Aufbau freundschaftlicher Beziehungen sowohl bei den ‚höhergestellten‘ Personen als auch bei den ‚einfacheren‘, teilweise etwas naiven Vertretern der Religionsgemeinschaft. So verbindet ihn mit dem Derwisch Al-Hafi und auch mit dem christlichen Klosterbruder ein Vertrauensverhältnis.“[4]Das Drama ist deshalb ein Wiedergutmachungsstück, denn oft haben Angehörige niederer Standesschichten unter einer höheren oder der obersten Herrschaftsschicht gelitten. Zur Zeit des Absolutismus verarmten die normalen Bürger durch hohe Steuern, die Ludwig der XIV verhängte,

während er in Saus und Braus auf Versailles lebte. Zusätzlich litten die Bürger Hunger. Niemals hätte sich der Sonnenkönig eines Bettlers angenommen und diesen dann noch zu seinem Schatzmeister gemacht. Die französische Revolution hätte vielleicht verhindert werden können, wenn sich der König seines Volkes angenommen hätte.

Es gab auch viele andere Kriege und blutige Aufstände, wie z.B. der Bauernkrieg im Mittelalter, die aufgrund der großen Probleme entstanden, die die Unterschichten durch Unterdrückung und Ausbeutung von der Oberschicht erleiden mussten. Insofern ist das Stück eine Wiedergutmachung für diese dunklen Zeiten und hat immer noch Aktualität, wie für Indien, wo es noch immer das Kastenwesen gibt, das Probleme bereitet.

Der nächste Punkt ist, dass Nathan ein Vorbildcharakter für alle Menschen ist. Er hat alle Merkmale, die nötig sind, damit Frieden und Humanität herrscht. Nathan ist also bis in unsere Zeit der ideale Vertreter des aufklärerischen Gedankenguts. Nathans Weisheit ist nicht intellektuell aufzufassen, sondern sozial und human, er ist, besser gesagt, „sozialgebildet“. Er zeigt Toleranz gegenüber anderen Religionen und verachtet sie nicht.„Die Bluts- und Geistesverwandtschaft der wichtigsten Personen überwindet die Kluft der Glaubensunterschiede, der Traum von einer großen Menschheitsfamilie wird zumindest auf der Bühne verwirklicht.“[5]Wie oft führte und führt heute noch religiöse Engstirnigkeit und Wunderglaube sowie Fanatismus zu schlimmen Kriegen. Die Figur, die im Stück als religiöser Fanatiker gezeigt wird, ist der Patriarch.„Isoliert steht einzig und allein der Patriarch, er ist die wirklich gefährliche und negative Figur.“[6]Neben den in der Einleitung genannten Konflikten sei hier noch der 30jährige Krieg genannt. Die Gleichheit aller Religionen tritt auch in der Ringparabel zum Vorschein: Alle Religionen haben ihre Wurzel in einer Religion, die den Vater darstellt. Die drei Söhne stehen für die Spaltung der Urreligion in mehrere Religionen. Die Zeit der Konflikte der drei Brüder kann man als die Zeit der religiösen Auseinandersetzungen sehen. Nathan schafft es, seine Tochter vom religiösen Wunderglauben abzubringen und aufzuklären, sie schwärmt vom Tempelherrn, der sie rettete, als wenn er ein Engel gewesen wäre. Auch hier sieht man den Charakter der Wiedergutmachung des Stückes. Würden die Menschen nicht religiös verblendet und in dem Glauben erzogen, dass es keine bessere Religion als ihre gibt, gäbe es keine religiös bedingten Auseinandersetzungen und Kriege.

„Nathan der Weise“ zeigt auch„die Gefährlichkeit und Inhumanität eines blinden Gehorsams gegenüber den unberechtigten Ansprüchen falscher Glaubenswächter werden aus den Gesprächen ersichtlich, die der Klosterbruder und der Tempelherr mit dem Patriarchen führen (IV, 1 und 2). Dessen Ziel ist die Fortsetzung des Glaubenskrieges, gestützt auf ein theologisch - juristisches System.“[7]Wie aktuell dieser Sachverhalt ist, sehen wir, wenn wir die heutigen Glaubenskriege betrachten, wie in Ex – Jugoslawien oder zur Zeit in Israel. Auch heute noch, im 21. Jahrhundert, rufen islamische Fundamentalisten auf der ganzen Welt zu einem heiligen, von Allah gewollten Krieg auf. Es gibt leider immer noch viele, die diesem Aufruf folgen und gnadenlos morden. Auch Soldaten sind oft gezwungen im Krieg Befehle auszuführen, deren Brutalität ihnen nicht einmal im Traum einfallen, sie müssen sie auch gegen ihren inneren Willen ausführen. Sadistische Hinrichtungen und Folterungen hinterlassen bei manchen Soldaten ein psychisches Trauma, das sie das ganze Leben verfolgt.

Deshalb ist Nathan der Weise ein Wiedergutmachungsstück, weil er auch diese Probleme anspricht und zeigt. Der Tempelherr und der Klosterbruder setzen sich über die Anweisung des Patriarchen hinweg und sind damit auch für den guten Schluss ausschlaggebend.

„Nathan der Weise“ ist auch insofern ein Wiedergutmachungsstück, weil der weise Jude keine Rachegefühle gegenüber den Christen empfindet, obwohl seine Familie von Christen brutal ermordet worden ist. Er lädt den Tempelherrn, der seine Tochter aus seinem brennenden Haus rettete, zu sich nach Hause ein. Nathan verzichtet auf das jüdische Talion – Prinzip (Aug‘ um Aug‘ , Zahn um Zahn) und überzeugt durch seine Selbstbeherrschung. In vielen Ländern war im letzten Jahrhundert noch die Blutrache üblich, wie z.B. auf Sizilien oder in verschiedenen Regionen von Ex – Jugoslawien, wie im Kosovo oder in Serbien. Auch heute noch wird in manchen Ländern die Blutrache illegal betrieben. Die „Kettenreaktion“, die in manchen Fällen schon Jahrzehnte dauert, wird solange nicht unterbrochen, bis einer, der an der Reihe ist, sich Nathans Vorbild zu Herzen nimmt und keine Wiedervergeltung verübt. Damit wird der Wahn unterbrochen. Nathan als Vorbild der Wiedergutmachung und Vergebung.

Den Begriff „Wiedergutmachung“ assoziiert man jedoch in unserer Zeit besonders in Bezug auf das Judenpogrom und die Judenverfolgung. Dass sich dabei „Nathan der Weise“ sehr gut eignet, wird klar, wenn man das Stück genauer betrachtet. Das„Appell: Orientierung an den Geboten der Nächstenliebe. Menschlichkeit; Toleranz in Glaubensfrage; Zulassung anderer Ansichten; friedlicher Wettstreit statt Aggression (vgl. auch Interpretationen S.45 – 49)!“[8]Im Mittelpunkt des Stücks steht Nathan, ein Jude, der vom Volk der Weise genannt wird und zwischen den einzelnen Religionen vermittelt. Er erzählt die Ringparabel, im Stück die zentrale Aussage und steht so als Friedensstifter zwischen den einzelnen Religionen.„Ganz entgegen der Tradition des Rollenfaches brachte Lessing keinen lasterhaften Juden auf die Bühne, sondern gab – zum erstenmal in einem deutschen Theaterstück - dem Publikum einen edlen Juden zum Vorbild (vgl. Hinck ,S. 283). Lessing verlangt die Anerkennung der Juden als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft.“[9]„Lessing wurde – nicht zuletzt aufgrund des frühen Schauspiels ‚Die Juden‘ - für einen Freund der Juden gehalten, schließlich hatte er einen bekannten Freund unter den Juden: Moses Mendelssohn. Jüdische Schriftsteller wie etwa der Leipziger Rabbiner Abraham Meyer –Goldschmidt verehrten ihn deshalb nicht nur als Verfasser des Nathan, sondern als Fürsprecher der Juden-Emanzipation: Er hat die Juden ‚mit dem deutschen Vaterlande beschenkt‘ und hat sie ‚in das deutsche Kultur- und soziale Leben eingeführt‘ (vgl. Steinmetz, Lessing, S.347; auch Guthke, Lessing und das Judentum, S.231).“[10]Durch diesen Aspekt gewinnt Lessing eine Vorbildfunktion für die Europäer und natürlich besonders für die Deutschen. Er will die Integration und Versöhnung mit den Juden. Nach den erschreckenden Geschehnissen, wie den Judenverbrennungen im Mittelalter in Spanien und der systematischen Vernichtung der Juden im Dritten Reich, wirkt Lessings Gesinnung daher wie eine Wiedergutmachung. Also ein weiterer Grund sein Stück aufzuführen.

Zudem werden in dem Stück auch antisemitische Gesinnungen gezeigt, wie z.B. judenfeindliche Äußerungen. „Im vierten Aufzug beginnt der vierte Auftritt mit einem Dialog zwischen Saladin und dem Tempelherrn, der zu einem Freundschaftsbund führt. Im darauffolgenden Gespräch äußert der Tempelherr Bedenken über die Person Nathans. In heftigen Äußerungen sind auch antisemitische Worte zu erkennen.“[11]„Besonders grausig und besonders grell aber muß uns in den Ohren [...] jener Satz [klingen]:[12]‚Tut nichts! Der Jude wird verbrannt... [...]‘ “[13]Im Laufe des Stücke„ [werden] die antijüdischen Vorurteile des Tempelherrn [...] als unberechtigt und intolerant entlarvt“[14].Schließlich kann der Tempelherr von seiner gegen die Juden eingerichteten Einstellung geheilt werden. Dass diese Einstellung, auf nichtigen Vorurteilen gebaut, zu Volksverhetzung führen kann, haben wir im Dritten Reich gesehen.„Am Beispiel des Tempelherrn wird die Gefährlichkeit unaufgeklärter Denkweise, die in grundlosen und vorschnellen Vorverurteilungen ihren Ausdruck findet, dargestellt.“[15]„Woll oder wolle nicht! Er ist entdeckt. Der tolerante Schwätzer ist entdeckt! Ich werde hinter diesen jüd’schen Wolf im philosoph’schen Schafpelz Hunde schon zu bringen wissen, die ihn zausen sollen!“[16]Die Gefährlichkeit solcher Sprüche ist für uns allgegenwärtig, Nathan übergeht diese, lässt sich nicht provozieren und klärt am Ende alle auf. „Das aufklärerische Ideal der einen großen Menschheitsfamilie, in der Unterschiede der Rasse und Religionszugehörigkeit unbedeutend werden, wird bei Lessing zum zentralen Thema.“[17]

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die deutschen Nazis die Aufführung von Lessings „Nathan der Weise“ sogar verboten.„Nathan sei der Repräsentant der Humanität und eben deshalb abzulehnen, weil Humanität nur realisierbar sei im Volk und in der Rasse, insbesondere im deutschen Volk – so etwa argumentierte die faschistische Ideologie.“[18]Gerade der Kerngedanke des Werkes wird bei dieser Argumentation verfälscht, dass die Humanität vor der biologischen Abstammung zu stehen hat. Ein verhängnisvoller Fehler, wie die Geschichte gezeigt hat. Nicht umsonst wird das „dramatische Gedicht“ in der Literatur als„Lehrstück“[19]bezeichnet. Hätte man das Stück vor und in der Nazizeit (besser) gekannt oder studiert, hätten Hitler und seine Anhänger das Volk vielleicht nicht so leicht verblenden können. „Die Deutschen haben viel ‚mitgemacht‘ , im doppelten Sinne des Wortes: Sie haben Nathans Auftritt nicht nur verboten, sie haben die Nathans verfemt, verfolgt, vernichtet.“[20]

„Nach Kriegsende eröffneten die Theater ihre Spielzeiten wahlweise mit Goethes ‚Iphigenie auf Tauris‘ oder mit ‚Nathan der Weise‘. Der ‚Nathan‘ bot sich dabei gerade zu an als ein ‚zeitgemäß supranationales Wiedergutmachungsstück ‘ (Helmut Göbel).“[21]

Aus diesen ganzen Punkten gewinnt man den Eindruck, dass eine Inszenierung 56 Jahre nach Beendigung des Naziwahns Fingerspitzengefühl verlangt. Alle diese verschiedenen Aspekte müssen berücksichtigt werden und keiner der Punkte sollte in dem Stück untergehen. Eine schwierige Aufgabe, die dem Regisseur da bevorsteht.

Eine Inszenierung nach dem epischen Theater wäre deshalb hier nicht fehl am Platze. Der Zuschauer soll nicht einen romantischen Abend im Theater genießen, sondern er soll sich der versteckt oder sichtbar angesprochenen Problematik bewusst werden und gebildet das Theater verlassen. Deshalb sollte man die Bühne nicht zu romantisch gestalten. Vielmehr sollte man Elemente einbringen, die die Problematik Judenverfolgung und Glaubenskriege ansprechen.„Einer im Parkett sich rasch verfestigenden Gewohnheit entgegenzustemmen, ist seit Brechts theatertechnischem Eingriff in das geplante Spiel durch den Verfremdungseffekt oft versucht worden. Inschriften auf Sudelvorhängen und Schriftprojektionen begleitet mit Paukenschlag sollten aufmerksam machen auf die Gegenwart, Inschriften wie: ‚Gastarbeiter raus‘, ‚Judensau‘ oder ‚Jud bleibt Jud‘ u.a. Ob die Wirkung dadurch zu intensivieren ist, bleibt dahingestellt, eines aber ist sicher, nämlich, dass die im Spiel parabolisch in Erscheinung tretende Idee bzw. das Ideal der Humanität als das gesehen wird, was es in Wirklichkeit ist: eine über ‚tausend tausend Jahre‘ alltäglich zu realisierende Utopie (s. dazu Stadelmaier, ebd., S.109 – 112).“[22]Zusätzlich soll der Regisseur das Stück nicht völlig entfremden, z.B. den Personen andere Namen geben oder den Ort der Handlung verlegen.

Was aber eine gute Idee ist, es in unsere Zeit zu verlegen, Israel, Jerusalem sind immer noch Konfliktgebiete. Dann würde auch die Utopie des Wiedergutmachungsstücks gut zum Vorschein kommen.

Man kann Lessings dramatisches Gedicht aber auch ein Präludium vorstellen. Man könnte als Neonazis verkleidete Schauspieler grölend über die Bühne ziehen lassen, bevor sich der Vorgang öffnet. „Als im wiederher-gestellten Münchner Prinzregententheater im Januar 1988 als Festakt das Nathan-Drama über die Bühne ging, half der Regisseur Achim Benning der Aktualisierung dadurch nach, dass er ein ‚Vorspiel‘ vorschaltete: Männer in schwarzen Uniformen eröffnen das Spiel, indem sie die mit einem Judenstern gebrandmarkten Spieler auf die Bühne jagen [...]“[23]

Auch die Inszenierung in Ingolstadt von Wolfram Krempel im Frühjahr 2001 kann man als gelungen ansehen. Die Bühne wurde hier von einem mit MG - Salven und Granatmörsern zerschossenem Metallrahmen umgeben, als Anspielung auf die jetzige Situation in Jerusalem. Nathan wird am Ende des Stückes im Mittelpunkt für etwa eine halbe Minute beleuchtet, wenn die anderen Figuren die Bühne bereits verlassen haben. Nathan wird als Zeichen der Versöhnung mit den Juden in den Mittelpunkt gestellt, womit der Charakter eines Wiedergutmachungsstücks erreicht wird. Eine andere Inszenierung stellte genau das Gegenteil dar, Nathan verlässt die Bühne, während die anderen Figuren auf den Brettern stehen bleiben. „Hingegen war die Inszenierung von Pavel Fieber in Ulm (1985) eindrucksvoller, nicht zuletzt deshalb, weil das Ende nachwirkt wie ein Schock, wenn Nathan abgeht, während die anderen bei fallendem Vorhang im Umarmungen verweilen; [...] “[24]. Wie man sieht, kann man Nathan sehr gut als Wiedergutmachungsstück inszenieren, wenn man die einzelnen Aspekte berücksichtigt und herausarbeitet.

[...]


[1]http://www.sz-newsline.de/theater/theater17.htm Warum Nathan einen Krieg finanziert; Artikel aus der Saarbrücker Zeitung

[2]Theater Ingolstadt, Spielzeit 2000/01, Krempel Wolfram, Nathan der Weise, Dramatisches Gedicht von Gotthold Ephraim Lessing, Seite VII der ersten Einlage = Programmheft zu dem Drama „Nathan der Weise

[3]http://www.sz-newsline.de/theater/theater17.htm Warum Nathan einen Krieg finanziert; Artikel aus der Saarbrücker Zeitung

[4]Rahner, Thomas, Lektüre-Durchblick Band 301, GOTTHOLD EPHRAIM LESSING Nathan der Weise, Seite 7, 1999 5. Auflage, Mentor Verlag, München 1995

[5]Rahner, Thomas, Lektüre-Durchblick Band 301, GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, Nathan der Weise, Seite 6, 1999 5. Auflage, Mentor Verlag, München 1995

[6]Rahner,Thomas, Lektüre-Durchblick Band 301, GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, Nathan der Weise, Seite 7, 1999 5. Auflage, Mentor Verlag, München 1995

[7]Barner, Wilfried und Grimm, Gunter (Hg.), Arbeitsbücher für den literaturgeschichtlichen Unterricht ; Lessing Epoche - Werk – Wirkung Seite 286 , Dritte, neubearbeitete Auflage von 1977, Verlag C. H. Beck, München 1975

[8]Rahner, Thomas, Lektüre-Durchblick Band 301, GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, Nathan der Weise, Seite 64, 1999 5. Auflage, Mentor Verlag, München 1995

[9]Barner, Wilfried und Grimm, Gunter (Hg.), Arbeitsbücher für den literaturgeschichtlichen Unterricht ; Lessing Epoche - Werk – Wirkung Seite 280, Dritte, neubearbeitete Auflage von 1977, Verlag C. H. Beck, München 1975

[10]Arendt, Dieter, Grundlagen und Gedanken Drama, Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise, Seite 80/81, 6. Auflage 1998, Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main 1984

[11]http://www.gymnasium-borghorst.de/nathan/analy44.html René Frieß, Klasse 11a: G.E. Lessing: Nathan der Weise (IV, 4) (Textanalyse)

[12]http://www.internetloge.de/arstzei/nathan.htm Nathan der Weise (Einige Betrachtungen) von Kober Jürgen

[13]Lessing, Gotthold Ephraim, Nathan der Weise, Seite 84 Vers 2558-2559, oJ. , Hamburger Lesehefte Verlag Husum/Nordsee 17. Heft

[14]Rahner, Thomas, Lektüre-Durchblick Band 301, GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, Nathan der Weise, Seite 26, 1999 5. Auflage, Mentor Verlag, München 1995

[15]Rahner, Thomas, Lektüre-Durchblick Band 301, GOTTHOLD EPHRAIM LESSING Nathan der Weise, Seite 36, 1999 5. Auflage, Mentor Verlag, München 1995

[16]Lessing, Gotthold Ephraim, Nathan der Weise Seite 91 Vers 2778-2782, oJ. , Hamburger Lesehefte Verlag, Husum/Nordsee 17. Heft

[17]Rahner, Thomas, Lektüre-Durchblick Band 301, GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, Nathan der Weise, Seite 36, 1999 5. Auflage, Mentor Verlag, München 1995

[18] Arendt, Dieter, Grundlagen und Gedanken Drama, Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise, Seite 81, 6. Auflage 1998, Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main 1984

[19]Barner, Wilfried und Grimm, Gunter (Hrsg.), Arbeitsbücher für den literaturgeschichtlichen Unterricht ; Lessing Epoche - Werk – Wirkung Seite 278 , Dritte, neubearbeitete Auflage von 1977, Verlag C. H. Beck, München 1975

[20]Arendt, Dieter, Grundlagen und Gedanken Drama, Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise, Seite 81, 6. Auflage 1998, Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main 1984

[21]http://www.sz-newsline.de/theater/theater17.htm Warum Nathan einen Krieg finanziert Artikel aus der Saarbrücker Zeitung

[22]Arendt, Dieter, Grundlagen und Gedanken Drama, Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise Seite 84, 6. Auflage 1998, Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main 1984

[23]Arendt, Dieter, Grundlagen und Gedanken Drama, Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise Seite 86, 6. Auflage 1998, Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main 1984

[24]Arendt, Dieter, Grundlagen und Gedanken Drama, Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise Seite 85, 6. Auflage 1998, Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main 1984

Details

Seiten
12
Jahr
2003
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107612
Note
Schlagworte
Lessing Nathan Weise Wiedergutmachungsstück

Autor

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Titel: Lessing, G. E. - Nathan der Weise - ein Wiedergutmachungsstück?