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Der Süd-West-Palast des Sanherib in Ninive

Seminararbeit 2002 13 Seiten

Archäologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

IHistorischer Kontext
I.IDas Assyrische Reich unter Sanherib,
I.IIDie Stadt Ninive,

IIFundgeschichte
II.IDie Überlieferung,
II.IIDie Ausgrabungen,

IIIDie Architektur
III.IDer Grundriss,
III.IINeurungen im Grundrisskonzept,

IV.Die erzählenden Reliefs
IV.IDie Motive,
IV.IIPlatzierung der Reliefs,
IV.IIIGestaltungsprinzipien,
IV.IVIkonographische Elemente,
IV.VBeschreibung einzelner Reliefs,

VQuellenverzeichnis,

IHistorischer Kontext

I.Historischer Kontext

I.IDas Assyrische Reich unter Sanherib

Als Sanherib 704 v. Chr. seinem Vater Sargon II. auf den Thron folgte, war Assyrien bereits auf dem Weg ein Weltreich zu werden. Sargon II. vermachte seinem Sohn ein Herrschaftsgebiet, das von Südanatolien bis zum Persischen Golf reichte, errichtet durch die fast jährlichen Eroberungs- und Plünderungszüge durch das Land. Letzten Endes kam Sargon II. während seines letzten Feldzuges gegen Tabal ums Leben.

Das Assyrische Reich hatte unter der Herrschaft Sargon II. (721 – 705 v. Chr.) einen machtpolitischen Höhepunkt erreicht, und die unterjochten Völker glaubten, sich mit dem Antritt des neuen Königs von Assyrien losreißen zu können. Neuassyrische Könige hatten stets Schwierigkeiten die aufsässigen Randgebiete im Schach zu halten, doch lange schien die Aufteilung des Reiches in Provinzen unter Sargon II. eine wirksame Kontrolle zu bieten.

In den Randgebieten wagte man dennoch den Aufstand und damit waren Sanheribs ersten Regierungsjahre durch ständige militärische Befriedungsaktionen geprägt:

Sanheribs erste Kampagne im Jahr seiner Machtübernahme führte ihn nach Südmesopotamien und richtete sich gegen eine Koalition von Chaldäern, Babyloniern und Elamern. Die Täler und Anhöhen des Zagros-Gebirges bildeten der Schauplatz seiner zweiten Kampagne (702 v. Chr.). Sanheribs Arme ging im Kampf gegen die Meder wiederum als Sieger hervor und brachten neben den üblichen Tributen ein im Norden erweitertes Staatsgebiet ein. Im folgenden Jahr zog Sanherib bis an die Levante-Küste sowie durch weite Teile Palästinas und unterwarf trotz der Intervention Ägyptens phönizische sowie philistische Städte und zahlreiche Orte in Juda.

Als sich dann 700 v. Chr. Babylonien wieder gegen Assyrien erheben wollte, zerschlug Sanherib erneut den Widerstand und setzte seinen Sohn Assur-nadin-sumi als dortigen König ein, um Assyriens Herrschaftsanspruch in Babylonien zu konsolidieren (Assyrien und Babylonien waren seit Sargon II. eine Doppelmonarchie unter assyrischer Führung).

Darauf folgte eine lange Zeit der „Ruhe“ im Assyrischen Reich Nach einem Feldzug gegen Elam 693 v. Chr. entstanden erneut Unruhen, die damit begannen, dass Sanheribs Sohn bei einem Überfall der Elamer auf Babylon getötet wurde. Darauf überschlugen sich Ereignisse der folgenden Jahre.

Zuerst war der Rachefeldzug gegen Elam erfolglos und ab 691 musste sich Sanherib in einem zweijährigen Krieg gegen die wieder erstarkten Chaldäer und Meder stellen, was in einer Fast –Niederlage endete.

Sanheribs Erbitterung durch diese Schicksalsschläge gipfelten 688 v. Chr. im Überfall auf Babylonien: Die Stadt wurde vollständig zerstört und überflutet, alle kulturellen Bauten und Heiligtümer niedergerissen.

Zum Ende der Regierungszeit Sanheribs blieb die außenpolitische Situation leicht angespannt, denn Assyriens Gegner Elam und Urartu erholten sich wieder. Aber außer der Niederschlagung palästinensischer Aufstände gab es keine großen Ereignisse.

Trotz der Rückschläge befand sich das Assyrische Reich noch immer in einer Blüteperiode und der Höhepunkt der Macht war noch nicht erreicht.

681 wurde Sanherib ermordet. Dafür werden Gegner seiner Babylonien-Politik verantwortlich gemacht, die ihm starke Vorwürfe wegen seines radikalen Vorgehens gemacht hatten. Darunter war auch sein Sohn Asarhaddon, der nun mit der Machtübernahme einen gegensätzlichen Kurs verfolgte.

I.IIDie Stadt Ninive

Der Herrschaftsantritt Sanheribs brachte Assyrien nicht nur einen neuen König, sondern auch eine neue Hauptstadt. Denn genau wie sein Vater zu seiner Zeit in Dur-Scharrukin ließ sich Sanherib mit Ninive einen neuen Herrschaftssitz errichten.

Zwar existierte Ninive bereits vorher als Siedlung und Herrschersitz, doch erst mit dem Ausbau zur Hauptstadt wurde Ninive bedeutend. Während der außenpolitisch ruhigen Zeit zwischen 700 und 694 v. Chr. widmete sich Sanherib intensiv diesem Vorhaben.

Ninive lag auf der östlichen Seite des Tigris, dort wo der Hosr mündet, gegenüber der heutigen Stadt Mosul. Ninive wurde durch den Hosr (Hosar/Hosur) zweigeteilt, wobei sich die Hauptzitadelle (heute Tell Kujundschik) im nördlichen und eine weitere Zitadelle (heute Tell Nabi Yunus) im südlichen Teil befand.

Durch Sanheribs Ausbau erhielt Ninive eine Ausdehnung von 7 km2 (4km lang und 2 km breit) innerhalb der 12 km langen Stadtmauer und beherbergte nach heutigen Schätzungen etwa 75.000 Einwohner. Um die Stadt herum ließ Sanherib zahlreiche Gärten anlegen, die durch ein verzweigtes Kanalsystem (unter anderem das erste überlieferte Aquädukt) bewässert wurden.

Wie Sargon II ließ auch Sanherib sich einen Palast bauen. Er sollte einzigartig sein und nicht zu vergleichen mit vorher da gewesenen. Ein „Palast ohnegleichen“ (ekullu sa sanina la isu) heißt es im Baubericht, sollte auf der Hauptzitadelle von Ninive errichtet werden. Für den Bau wurden überwiegend Kriegsgefangene eingesetzt.

Um Platz zu schaffen wurde der frühere Süd-West-Palast abgerissen und dessen Terrasse in der Höhe und in der Fläche vergrößert. Am Ende hatte die Terrasse eine Höhe von 190 gestapelten Lehmziegeln und eine Fläche von 503 x 242 m.

Neben den Ausmaßen des Palastes waren auch die verwendeten Materialien außergewöhnlich: Zu den traditionellen Baustoffen wurden Edelsteine, wertvolle Metalle und Elfenbein hinzugefügt:

„Ich habe für meine Majestät einen Palast erbaut aus Elfenbein, Ebenholz, wertvollen Hölzern des Orients, dem Holz vom Buchsbaum, Zeder, Zypresse, Wacholder, Sandelholz und Eichenholz aus Sindu.“ Aus dem Baubericht von 694 v. Chr.

Die Baumaterialien wurden aus allen Teilen des Landes herbeigebracht. Im Baubericht und auf Relief-Inschriften wurde erwähnt, dass solche Unternehmen immer unter göttlicher Aufsicht stattfanden, meistens des Hauptgottes Assur, der dabei half geeignete Materialien zu finden. Auch die technisch aufwendigen Bronzearbeiten sollen durch das Mitwirken der Götter entstanden sein. Solche Werke wurden besonders gewürdigt, da sie von außerordentlicher göttlicher Inspiration zeugten. Die reliefverzierten Orthostaten mit denen die Wände des Palastes durchgehend geschmückt wurden, fanden keine Erwähnung im Baubericht. Dafür aber die kolossalen Torwächter-Figuren, die alle großen Durchgänge im Palast flankierten.

Nach 10 Jahren der Konstruktion wurde der Palast 694 v. Chr. eingeweiht.

Der Palast hat Sanherib lange überdauert und einige Reliefs stammen aus einer Zeit lange nach seinem Erbauer, und zwar von Assurbanipal.

In vielen Quellen ist der Niedergang Ninives am Ende des Assyrischen Reiches überliefert:

Die Prophetenschrift Nahums im Alten Testament schildert die Zerstörung Ninives als Racheakt Jahwes an den grausamen und hinterlistigen Feinden seines Volkes. In der Bibel war „die große Stadt“ Ninive stets ein Symbol für das Assyrische Reich und somit der Untergang Ninives auch der Untergang des Assyrischen Reiches.

Aus Babylonischen Chroniken geht folgendes hervor: Meder und Babylonier griffen 612 v. Chr. Ninive an und nahmen die Stadt nach zweimonatiger Belagerung ein. Paläste, Tempel und Häuser wurden geplündert und teilweise zerstört.

IIFundgeschichte

II.IDie Überlieferung

Ninive ging nach dessen Zerstörung nie wirklich verloren, auch wenn die Ruinen über 2000 Jahre unter Sand und Neubauen verborgen waren.

Nach dem Fall des Assyrischen Reiches gibt es zahlreiche archäologische Hinweise auf Ansiedlungen fremder Volksgruppen. Doch ein anderer Grund ist ausschlaggebend dafür, dass die Hügel und das Land darum immer mit der einst blühenden Metropole in Verbindung gebracht wurden:

Die alttestamentarische Überlieferung im Buch Jona.

In der Bibel war Ninive Sinnbild einer gottesfeindlichen Stadt, wofür sie letzten Endes auch zerstört worden sein soll. Eines Tages erhielt Jona von seinem Gott Jahwe den Auftrag zur „großen Stadt“ zu gehen und ihr das Trafgericht anzudrohen; er prophezeite den Untergang der Stadt durch göttliches Eingreifen. Die Einwohner und selbst der König erwiesen sich als umkehrbereit und von da an galt Ninive als Beispiel der Buße und der Gerechtigkeit Gottes.

Die Nebenzitadelle Ninives, die angebliche Stätte des Propheten, wurde in islamischen Zeiten zur Pilgerstätte, daher der Name Tell Nabi Yunus.

Nicht nur die Muslimen, sondern auch die abendländischen Christen hielten die Erinnerung an das Grab des Propheten Jona aufrecht. Seit dem Mittelalter sind Reiseberichte zur Stadt des Jona überliefert, doch erst Anfang des 19. Jahrhunderts gelang es die genaue Lage der Stadt mit ihrer Umfassungsmauer zu ermitteln. Seitdem C. James Rich ihren Verlauf rekonstruieren konnte, rissen sich Briten und Franzosen um die Zitadellenhügel.

Mitte des 19. Jahrhunderts stand eine Zeit großer Entdeckungen an.

II.IIDie Ausgrabungen

Die Zeit der ersten britischen Grabungen auf dem Tell Kujundschik (1845 – 1855) wurde eingeläutet durch A. H. Layard und C. Rassam.

Während seiner ersten überaus erfolgreichen Kampagne entdeckte man einige neuassyrische Tempel und Palastbauten, darunter den Süd-West-Palast. Layard identifizierte dessen Erbauer richtig als „den Sohn des Erbauers von Chorsabad“.

Obwohl Layard in seiner zweiten Kampagne große Teile des Palastes freilegen konnte und spätere Ausgrabungen weiter Bereiche im Nord-Westen und Süd-Westen erschlossen, ist bisher nur gut die Hälfte des Gebäudes ausgegraben worden und der Rest ist vermutlich nicht mehr vorhanden.

Ende des 19. Jahrhunderts erregte die Entdeckung der „biblischen“ Sintflut-Erzählung auf Keilschrift-Tafeln durch G. Smith großes Aufsehen und gab den Schub für weitere Ausgrabungen auf dem Tell. Es wurde eine regelrechte Jagd nach den Tafeln ausgelöst (tablet hunt), der sich auch C. Rassams Bruder H. Rassam anschloss.

1904 begann der Brite C. Thompson Ausgrabungen am Süd-West-Palast durchzuführen, die er 1930 fortsetzte. Während der Kampfhandlungen der beiden Weltkriege wurde der Tell Kujundschik wegen seiner strategisch günstigen Lage von türkischen beziehungsweise britischen Militärs als Basislager genutzt. Dennoch war der im Krieg entstandene Schaden für die weitere Forschung sehr gering im Vergleich mit den Ausgrabungen Thompsons.

Insgesamt ließ man während dieser umstrittenen Ära von Grabungen wenig Sorgfalt walten bei der graphischen Dokumentation architektonischer Überreste. Deshalb ist es den ersten Ausgräbern, vor allen Layard zu verdanken, dass wir heute äußerst genaue Grundriss-Zeichnungen des Süd-West-Palastes besitzen.

Nach dem zweiten Weltkrieg war es lange ruhig um Ninive, bis die irakische Abteilung für Antiquitäten 1965 wieder den Anfang machte. Besonderen wert legte man auf die Restauration der Paläste und Tempel und es wurden mehrere Rettungsgrabungen durchgeführt. Weite Bereiche wurden erneut aufgedeckt und zum Schutz der Reliefs überdacht. Das gesamte Gelände innerhalb der alten Stadtmauern erklärte die Regierung zum archäologischen Park und erteilte ein striktes Bauverbot.

Die bisher letzten Grabungen von 1987 bis zum Ausbruch des Golf-Krieges unternahm ein amerikanisches Team unter der Leitung von D. Stronach.

IIIDie Architektur

III.IDer Grundriss

Der Kernbereich des Palastes ist zwar überwiegend freigelegt und dokumentiert worden (von A. H. Layard, H. Rassam und A. Paterson), doch der gesamte Bereich vor der Thronsaal-Fassade konnte bis heute nicht rekonstruiert werden. Das schließt die Hauptfassade, die Umfassungsmauer und den öffentlichen Teil des Palastes (Babanu) mit ein.

Setzt man eine traditionelle Anordnung der Bauelemente voraus, muss der Hof der Babanu (H) auf der nord-östlichen Seite direkt in den Thronsaal (I) geführt haben. Denn dieser bildet gewöhnlich die Grenze zwischen dem Babanu und dem Bitanu (offizieller Teil) des Palastes.

Von dort aus gelangte man durch einen langen, breiten Gang, der parallel zum Thronsaal verlief (V), zum einem inneren Hof (VI). Er besaß mehrere Nebenräume und führt durch einen kleinen Raumkomplex oder durch zwei seitliche Gänge in einen größeren Hof (XIX). Auf diese beiden Höfe waren die Anlagen des Bitanu verteilt.

Der große Bitanu-Hof besaß wiederum Nebenräume. Dahinter schloss sich ein weiterer Gebäude-Teil an. Er bestand aus zwei, jeweils symmetrischen Raumkomplexen. Der eine, um die Räume XXIX und XXXIV, öffnete sich dem Hof XIX zur Rechten, während der andere, um Saal LIV nur durch einen breiten Umgang an der Palastrückseite zu erreichen war. Dieser äußere Umgang war gleichzeitig eine Palast-Terrasse, die sich um den eben erwähnten Baublock schloss. Die Rückseite des Palastes konnte nur durch lange schmale Gange oder eine breite Passage von den beiden Bitanu-Höfen aus erreicht werden.

III.IINeurungen im Grundrisskonzept

Sanherib brachte beim Bau seines Palastes Kompositionselemente ein, die sich in keinem anderen neuassyrischen Palast wieder finden, außer vielleicht im Königspalast Sargon II.

In Anlehnung an das väterliche Vorbild waren viele Bereiche symmetrisch konzipiert, besonders in den Raumkomplexen hinter dem großen Bitanu-Hof.

Mittelportale und axial angeordnete Ein- und Durchgänge waren überaus ungewöhnlich in der mesopotamischen Architektur, doch fanden bei Sanherib noch mehr als bei seinem Vater Anwendung.

Völlig neue Grundriss-Elemente waren vor allem der doppelte Bitanu-Hof und der riesige Baukörker, der sich daran anschloss.

Die Differenzierung von Innen- und Außenräumen, die unter Sargon II noch üblich war, waren dort aufgehoben. Architektonische Mittel, die sonst in Außenräumen angewandt wurden, fand man auch in Innenräumen, wie beispielsweise die Trebepfeiler in den beiden Bitanu-Höfen.

IVDie erzählenden Reliefs

IV.IDie Motive

Nach Assurnasirpal II lässt sich ein deutlicher Rückgang mythologisch-symbolischer Darstellungen von Genien, heiligen Bäumen, etc. in Palästen erkennen. Bei Sargon II traten derartige Darstellungen unter anderem im Zusammenhang mit Türen auf. In Sanheribs Palast sind nur sehr weinige Darstellungen aus dem mythologisch-symbolischen Bereich gefunden worden, unter anderem am Eingang zum Thronsaal. Das lässt vermuten, dass sie weiter an Bedeutung verloren, was sich bei der Unvollständigkeit des Fundes aber nicht mit Gewissheit sagen lässt.

Sanheribs Bild-Repertoire wurde von erzählenden Reliefs beherrscht. Auf den zwei Meter hohen Orthostatenplatten, die flächendeckend die Wände des Süd-West-Palastes schmückten, spielten sich Ereignisse aus den Kriegszügen, dem Palastbau, sowie Prozessions-Szenen ab.

Jagdszenen gab es nicht; eine Entwicklung, die sich bereits unter Sargon II abzeichnete: Statt auf Löwen und Großwild machte er sich in den Reliefs auf die Jagd nach Kleintieren. Entweder verlor die Jagd gegenüber anderen Beschäftigungen an Bedeutung oder es sind nur noch keine Jagdszenen gefunden worden.

Sargon II zeigte auf seinen Prozessions-Szenen überwiegend Adlige, wahrscheinlich um die Aristokraten zu rühmen. Für seine Herrschaft war das Notwendig, denn durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen, musste er Gruppen, die seinem Königtum gefährlich werden konnten, freundlich sinnen. Bei Sanheribs Herrschaftsantritt war die Regierungsform bereits konsolidiert, deshalb spielten solche Darstellungen eine weniger wichtige Rolle. Sie befanden sich in Bereichen, des Palastes, die mit der Versorgung und anderen Dienstleistungen zusammenhingen und zeigten seine Dienerschaft sowie Wachsoldaten.

Palastbau-Szenen zeigten den Abbau, die Bearbeitung und den Transport von Baumaterialien, nicht den eigentlichen Bau. Zum ersten Mal wurde der Palastbau dadurch zu einer ruhmvollen Leistung erhoben, die mit den Kriegszügen zu vergleichen war. Ein derartiges Thema in einem Relief war vorher nur einmal Mal aufgetreten und zwar an Hauptfassade vom Königspalast Sargon II. Er zeigte den Überwassertransport von Hölzern.

Nun lässt sich vermuten, dass sich Sanherib hier an seines Vaters Vorbild orientierte, doch gibt es Meinungen, dass diese Reliefs ebenfalls von Sanherib in Auftrag begeben worden waren.

Als Anhaltspunkt lässt sich ein Relief aus Sanheribs Seekrieg-Programm aufführen, das sehr an die Holztransport-Szene erinnert. Der direkte Vergleich zeigt aber Unterschiede: Die Darstellung aus Dur-Scharrukin zeigte wenig Vielfalt in den Details, wohingegen Sanheribs Reliefs eben dadurch bestachen. Die Holztransport-Szene zeigte immer die gleichen Boot-Typen, die von vier bis fünf gleich aussehende Ruderer gesteuert wurden. Dagegen erschienen bei Sanherib Ruderboote und Kriegsschiffe von denen jedes einzigartig war und von vier bis sieben Personen gesteuert wurden, von denen einige bärtige Männer, Frauen oder Soldaten waren. Dennoch lässt die an Sanherib erinnernde Darstellungsweise mit kleinen Figuren in einer riesigen Szenerie, die bei Sargon sonst nicht auftrat, vermuten, dass Sanherib dieses Relief in Auftrag gab.

Wichtigstes Thema in Sanheribs Relief-Programm waren seine zahlreichen Feldzüge. Allerdings dokumentierten die Reliefs nur Ereignisse aus den ersten 3 Kampagnen: im Süden gegen die Babylonier, Chaldäer und Elamer, im Osten gegen die Meder und im Westen gegen Phönizier, Philister und Palästinenser. Ob die Reliefs an der Fassade der Palastrückseite Szenen aus der vierten Kampagne gegen Babylon zeigten, ist noch unklar. Da die Räume um Saal LIV aber sehr unvollständig mit Reliefs versehen waren, ist es wahrscheinlich, dass die Orthostaten des Palastes von Vorne nach Hinten dekoriert worden sind und die Räume um Saal LIV die letzten waren. Deshalb ist anzunehmen, dass sie Ereignisse aus der späteren Kampagne gegen Babylon zeigten.

Keilschriftlegenden sind meist nicht erhalten, da der obere Teil der Platten, an denen Inschriften angebracht wurden, oft abgebrochen ist. Dennoch lassen sich die dargestellten Kampagnen leicht identifizieren, da Sanheribs Bildhauer detailgetreue Charakteristika der Regionen und Völker einfügten.

IV.IIPlatzierung der Reliefs

Bei Sargon II. war es üblich einem Raum eine ganze militärische Kampagne zu widmen mit ihren unterschiedlichen Schauplätzen und Einzelereignissen. Doch mit der zunehmenden Komplexität und dem großen Bedarf an Bildfläche der riesigen Landschaftsgemälde Sanheribs, war dies nicht möglich.

Sanherib ließ in einem Raum nur noch ein einziges Ereignis aus einer ganzen Kampagne oder Unternehmung darstellen. Ausnahmen bildeten nur der Thronsaal und die beiden Bitanu-Höfe; als Repräsentationsräume sollten sie wohl einen Überblick über Sanheribs große Unternehmungen bieten.

Betrachtet man indes die Verteilung der Reliefs in den anderen Räumen fällt auf, dass bestimmte Raumkomplexe überwiegend Ereignisse aus einem Kriegszug zeigten und damit eine viel detailliertere Illustration einzelner Kampagnen boten. Ein derartiger Raumkomplex unterhalb Hof VI zeigte fast ausschließlich Ereignisse der Ostkampagne, während ein anderer links von Hof XIX überwiegend Bilder aus der Westkampagne repräsentierte.

IV.IIIGestaltungsprinzipien

Sanheribs Reliefs stellen in vielerlei Hinsicht etwas besonderes dar. Die Neuerungen und Weiterentwicklung in der Gestaltung wirken geradezu revolutionär in der neuassyrischen Flachbildkunst. Jedenfalls waren einige Formen der Gestaltung im Vergleich den Reliefs anderer Herrscher besonders ausgeprägt und wurden nach Sanherib nicht mehr im gleichen Maße eingesetzt, aber beeinflussten die Darstellungen späterer Bildhauer.

Die Einteilung der Bildfläche in Register wurde aufgegeben; diese Ordnung trat bei Sanherib nur noch selten auf. Dies führte aber keineswegs zu einem regellosen Durcheinander. Die Kompositionen ließen bildinterne Streifenordnungen erkennen.

Die Bilder waren über die gesamte Fläche der Orthostaten gelegt, was die Darstellung weiträumiger Szenarien ermöglichte. Dem Betrachter sollte der Eindruck vermittelt werden als beobachte er das Geschehen auf den Reliefs von einer hohen Warte aus, was dadurch erzeugt wurde, dass der perspektivische Blickpunkt erhöht und die Figuren verkleinert wurden. Ein weiterer Effekt war, dass das Bild eine große Tiefe besaß, da der Horizont weit nach hinten versetzt wurde.

Nicht mehr die Menschendarstellungen gaben die Größe der Bildfläche vor, sondern der umgebene Naturraum. Landschaftsgemälde hatten bei Sanherib ihren Höhepunkt. Zum ersten Mal wurde versucht den komplexen Handlungsraum zum Beispiel einer Schlacht genau wiederzugeben, um ein Bild der Realität zu schaffen.

Doch hierbei lässt sich deutlich zeigen, dass die Reliefs nach wie vor von traditionellen Darstellungsweisen geprägt waren. Mit Hilfe von bekannten Elementen der Landschaftsdarstellung versuchten die Bildhauer ein dreidimensionales Bild zu beschreiben, doch von einer räumlichen Perspektive in unserem Sinne kann man nicht reden. Um einen Berg oder eine Erhöhung darzustellen, wurde ein rautenförmiges Netz gezeichnet, wobei die Spitze der langen Seite einer Raute die Erhöhungsrichtung angab. Ebenen und flaches Land wurden dagegen als ungestalteter Hintergrund beschrieben. Deshalb sollte man diese Darstellungen eher als „symbolisierte“ Umsetzung eines Bildes betrachten.

Eine weitere Besonderheit in den sanheribschen Reliefs war die Darstellung von Menschenmassen, die in Reihen geordnet und auf mehreren Ebenen verteilt waren. Dies sollte wahrscheinlich als Propaganda-Mittel dienen und von der Macht des Königs zeugen. Außerdem ließ Sanherib sich auf fast allen Reliefs identisch Darstellen: Abseits vom Geschehen und an einer erhöhten Stelle. Sanherib wollte als Stratege gesehen werden, als Befehlshaber nicht als Kämpfer.

In der Flachbildkunst gibt es bestimmte Prinzipien, um Bewegung darzustellen: Die dynamische Wirkung einer Figur hängt davon ab, wie sie sich zur Standlinie oder anderen räumlichen Bezugspunkten verhält: Sie wirkt ruhig, wenn Körper und Gliedmaßen senkrecht zur Standlinie stehen. Je nachdem wie schräg die Figur beziehungsweise ihre Gliedmaßen zur Standlinie stehen, desto heftiger der Bewegungseindruck. Das geht bis zum Verlust jeglicher Beziehung beim freien Fall.

Die Diagonale verschafft einen hohen Grad an dynamischer Wirkung und Spannung und wurde in Sanheribs Reliefs besonders oft eingesetzt: Soldaten liefen diagonal einen Berg hinunter oder Belagerungsrampen lehnten schräg an einer Befestigungsmauer (Seite 13 und 21).

IV.IVIkonographische Elemente

Der Detailreichtum der sanheribschen Reliefs ermöglicht oft eine genaue Identifizierung der Darstellungen anhand ikonographischer Elemente. Im folgenden werde ich ausschließlich auf die Ikonographie der Feldzug-Szenen eingehen, wobei sich einzelne Elemente auch in den Darstellungen des Palastbaus und den Prozessions-Szenen wieder finden.

Durch unterschiedliche Landschaftselemente waren die Schauplätze der Kriegszüge charakterisiert. Die Schwemmlandebenen Südmesopotamiens wurden durch Palmen, Schilfdickichte, Kanäle und Sümpfe beschrieben.

Die Gebiete des Zagros-Gebirges wurden durch schmale Wasserläufe und mit Pinien (oder Tannen) bewachsene Anhöhen dargestellt (Seite 15).

Ereignisse, die sich am Küstenstreifen des Mittelmeers abspielten, zeigten weite Wasserflächen, die durch über die gesamte Bildfläche gezogene Wellenlinien wiedergegeben wurden. Man sah auch Schiffe zwischen denen sich Fische, Krebse und Schildkröten tummelten (Seite 14).

Das Hügelland Palästinas war besonders ausgeprägt. Ein über die gesamte Bildfläche gebreitetes Schuppennetz verwandelte das Bild in eine einzige Gebirgslandschaft, die von der regionalen Flora bewachsen war. Weinreben mit ihren typischen Blättern und Traubenbündeln, Feigenbäume und eine andere Vegetationsart, die nicht eindeutig identifizierbar ist, wuchsen dicht nebeneinander (Seite13, 21 und 22).

Die Darstellung regionaler Architektur gibt auch Hinweise auf den repräsentierten Schauplatz.

Die befestigten Städte der Meder waren durch hohe Mauern und Türme ohne Fenster wiedergegeben. Die Einwohner waren in Felle gekleidet.

Stadtmauern der westlichen Regionen hatten Türme mit Fenstern, dreieckige Zinnen und mit Schilden behangene Balkone (Seite 14, 21 Platte 7-8, 22).

Assyrische Männer trugen immer einen langen, lockigen Bart und einen Nackenschopf, und so auch der König.

Sanherib ließ sich in den Reliefs stets mit Königstiara, einem langen gefransten Schalgewand und Schuhen darstellen. Die Kleidungsstücke waren mit den königlichen Symbolen der Rosette und dem Doppelkreis (Kreis im Kreis) verziert.

Dabei wurde der König ausnahmslos auf zwei Arten gezeigt: Einmal wurde Sanherib auf einem hohen Thron mit Fußbank sitzend dargestellt, während ihm Männer hohen Rangs in einer Prozession entgegenkamen. Hinter ihm standen zwei Eunuchen (Assyrer ohne Bart) und hielten in der rechten Hand Wedel aus Federn und in der linken Hand ein gefaltetes Tuch (Seite 21 Platte 12).

An anderer Stelle wurde Sanherib in seinem zeremoniellen Wagen stehend abgebildet, der entweder von zwei Pferden oder zwei Dienern gezogen werden konnte, während hinter ihm ein Sonnenschirmträger stand und neben ihm ein Wagenlenker die Zügel hielt (Seite 17).

Der zeremonielle Wagen Sanheribs wurde immer gleich wiedergegeben. Er hatte massive Räder mit acht Speichen und eine quadratische Fahrerkabine, die am Ende leicht gewölbt war. An der Seite waren eine Bogentasche und Standarte befestigt. Das Geschirr der zwei Pferde war reich mit Rosetten und Quasten geschmückt und deren Schweife waren zu Schleifen gebunden. Hinter dem Wagen oder in der Fahrerkabine hinter dem König stand immer ein Schirmträger (Seite 15, 17, 21 Platte 12-13).

Sanheribs königlicher Streitwagen hatte schmale, hohe Räder mit sechs Speichen. Seitlich an der Fahrerkabine waren zwei Köcher mit Pfeilen über kreuz angebracht. Der eine Köcher enthielt außerdem einen Bogen, der andere beinhaltete eine Doppelaxt und ein zepterähnliches Objekt. Das Geschirr war ebenfalls reich geschmückt und die Pferdeschwänze waren zu Schleifen gebunden. Das Joch lief zwischen den Köpfen der beiden Tiere in einer halbmondförmigen Scheibe aus und war durch ein verziertes Band mit der Fahrerkabine verbunden, was wahrscheinlich der Balancierung des Wagens bei schneller Fahrt diente (Seite 21 Platte 14-15).

Ein andere Wagentyp war der Kultwagen. Er wurde wahrscheinlich nicht als Fortbewegungsmittel benutzt, sondern diente nur magisch-religiösen Zwecken. Auf einem Ständer lehnend wurde er immer in geweihten Anlagen dargestellt, zusammen mit Priestern, Altar und Opfertisch. In der Fahrerkabine waren zwei große Standarte mit Seilen aufgespannt Seite 21 Platte 15).

Darstellungen assyrischer Soldaten unterschieden sich oft sehr stark nach Bewaffnungstypus, da bestimmte Bevölkerungsgruppen nur in bestimmten Regimentern eingesetzt wurden.

Die Reiter hatten das typische Erscheinungsbild eines Assyrischen Soldaten: Sie trugen einen Wickelrock mit seitlich herabhängendem Zipfel, ein Kettenhemd, außerdem Stiefel, Gamaschen und einen spitz zulaufenden Helm mit Ohrkappen. Zu ihrer Bewaffnung gehörte ein Speer, ein Kurzschwert an der Seite und eine Tasche mit Pfeil und Bogen auf dem Rücken (Seite 21 Platte 13-15).

Steinschleuderer waren ähnlich wie Reiter gekleidet, aber barfuss und hatten einen Gürtel quer über die Brust geschnallt. Sie trugen eine Schleuder in der Hand (Seite 21 Platte 5).

Bogenschützen waren entweder Assyrer oder Männer anderer Herkunft, die von der Assyrischen Armee rekrutiert worden waren. Assyrische Bogenschützen waren genauso schwer gepanzert wie assyrische Reiter. Eine andere Gruppe Bogenschützen war bärtig und hatten langes glattes Haar, das von einem Stirnband gehalten wurde, dessen Enden über die Ohren hingen. Sie trugen einen kurzen Rock und zwei Gurte, die sich über der Brust kreuzten. Eine weitere Gruppe hatte kurzes Haar und trug nichts außer einfachen langen Hemden und schmalen Gürteln um die Hüften.

Alle Bogenschützen trugen einen Köcher auf dem Rücken, einen Bogen in der Hand und ein Kurzschwert an der Seite (Seite 21 Platte 5-6).

Speerträger, ihrem Erscheinungsbild nach Assyrer, hielten große, runde Schilde, Speere und ein Schwert an der Seite. Sie waren mit einem Knielangen Hemd gekleidet und trugen zwei Gurte über der Brust, mit einer Scheibe dort wo sie sich kreuzen. Ihr Helm hat Ohrkappen und endet in einer sichelförmigen Spitze, die mit Federn geschmückt war (Seite 21 Platte 6).

Bei Belagerungs-Darstellungen setzen Assyrische Heere Belagerungsrampen ein. Gegen die Mauern wurden Hügelbänke aus Steinen, Erde und Baumstämmen aufgeschüttet, so das Soldaten und Belagerungsmaschinen daran empor steigen konnten. Eine bei Sanherib überaus häufig dargestellte Maschine war der Rammbock. Sein Körper wurde auf Rädern bewegt und hatte an der Vorderseite eine turmähnliche Erhöhung mit Fenstern. Aus dem Inneren ragte ein langer, dicker Speer, der vor- und zurückgestoßen werden konnte, um dem Mauerwerk gezielt Schaden zuzufugen (Seite 21 P. 7-8).

Auf den Kriegzug-Reliefs waren oft Assyrische Heerlager abgebildet. Aus der Vogelperspektive sah man auf die ovale Befestigungsmauer mit ihren vielen Türmen und dreieckigen zinnenähnlichen Ornamenten. Das Innenleben des Lagers wurde innerhalb der Befestigung in der Frontansicht dargestellt. Durch eine breite Durchgangsstraße war das Lager zweigeteilt (Seite 13 und 21 P. 15-16).

IV.VBeschreibung einzelner Reliefs

- Thronsaal I

Platte 3:Das Relief zeigte einen waldigen Gebirgsabhang aus Sanheribs Westkampagne. Überall zwischen den Bäumen sah man assyrische Soldaten. Einige stiegen innerhalb einer Truppenformation in einer diagonalen Linie hinab und trieben Gefangene zu einem Assyrischen Heerlager, das man unten rechts erkennen konnte; andere bestiegen den Steilhang mit Hilfe ihrer Speere oder rasteten im Schatten eines Baumes. (Layard)

Dieses Relief zeigt beispielhaft die Neuerungen in Sanheribs Bildwerken: Die Menschen waren geradezu winzig im Vergleich zu der umgebenden Landschaft. Landschaftsbeschreibende Elemente wurden flächendeckend eingesetzt. Außerdem wird hier die dynamische Wirkung diagonaler Richtungen deutlich.

Platte 14-15:Gehörte zu den Darstellungen von Sanheribs Feldzug an die Levanteküste. Es wurden Boote wiedergegeben, die eine Stadt verließen, die an einer Küstenlinie am Fuß eines Berges stand. Ein Mann stand am Stadttor, das sich zum Wasser hin öffnete. Eine Frau, die bereits an Bord eines Schiffes gegangen war, streckte ihre Arme nach einem Kind aus, das der Mann ihr entgegen reichte.

Da waren zwei Schiffstypen; einige hatten einen Mast, ein Segel und Ruder, andere wurden nur von Ruderern angetrieben.

Die Schiffe waren in zwei Decks eingeteilt. Im Oberen standen Speere tragende Krieger und Frauen. Im Unteren (das wahrscheinlich zwei Abteilungen hatte) waren zwei Reihen Ruderer. Die Oberen Decks, waren mit Schilden behangen. (Layard)

Das Relief zeigte die Evakuierung einer Hafenstadt, die von Assyrien erobert worden war. Bei dem Volk, das hier die Flucht aufs Meer antrat, handelt es sich wahrscheinlich um Tyrer oder Cyprer (aus Tyrus oder Cypern). (Barnett)

- Hof VI

Platte 1:Das Relief zeigte einen Auszug aus Sanheribs Feldzug im Osten. Die linke Seite der Platte repräsentierte eine dicht bewaldete Gebirgslandschaft. In diagonaler Richtung lief ein Pfad den Berg hinunter. Assyrische Kavallerie ritt dort hinunter; auf gleicher Höhe neben einer Reihe Reiter, war Sanherib in seinem zeremoniellen Wagen dargestellt.

In der Mitte des Reliefs floss ein Schmaler, leicht wellenförmiger Fluss. Nach rechts öffnete sich die Landschaft beiderseits des Flusses einem weinbehangenen Tal mit bewaldeten Hügeln. (Layard)

Für dem heutigen Betrachter wirkt dieses Relief platt und unorganisch, dennoch hatte der Künstler hier ganze Arbeit geleistet. Wir dürfen diese Reliefs nicht unter den Kriterien einer dreidimensionalen, perspektivischen Darstellung betrachten, denn damalige Künstler hatten dieses Problem teilweise noch nicht gelöst. Zu assyrischer Zeit bediente man sich zur Darstellung dreidimensionaler Gegebenheiten der Landschaft zweidimensionaler Elemente, die stereotyp eingesetzt wurden. Dadurch ergibt sich für uns manchmal der Eindruck von Plattheit.

Platte 63-64:Teil von Sanheribs Palastbau-Aktivitäten. Ein großer Steinblock, der die Konturen eines Lamassu zeigte, lag der Länge nach auf einem Schlitten und wurde aus einem Floß aufs Ufer gestämmt. Vier Reihen von Sklaven, möglicherweise Judäer in der Oberen und Phönizier in den Unteren, wurden dabei gezeigt, wie sie die Taue zogen, an dem der Schlitten befestigt war. Sie wurden von Soldaten bewacht und von Aufsehern vorangetrieben. Vier Aufseher auf dem Lamassu, zwei mit Trompete, dirigierten die Aktion.

Auf einem Hügel, links oben im Bild, stand Sanherib in seinem zeremoniellen Wagen und überwachte die Arbeit. Rechts schleppten weitere Sklaven Geröll fort, das beim herausschlagen des Steinblocks entstand war und schütteten es auf einen Haufen. Unten links waren in einem kleineren Maßstab Sklaven dargestellt, die mit einem speziellen Gerät Wasser aus dem Fluss heben. (Erika Bleibtreu)

Dieses Relief zeigte die Streifenordnung in Sanheribs Reliefs: Unten der Flusslauf, in der Mitte die Sklaven, darüber Sanheribs Soldaten und ganz oben das Landschaftsbild.

Außerdem zeigte sich Sanherib in dieser Palastbau-Szene genauso wie in den Feldzügen, was dafür spricht, dass der Palastbaus von großer Bedeutung war.

- Raum XXXIII

Platte 1-3:Dieser Ausschnitt eines Relief von Assurbanipal zeigt die Schlacht am Fluss Ulai. 653 v. Chr. besiegte er dort das elamische Heer. Auf dem Ausschnitt waren fliehende elamische Soldaten dargestellt, die von ihren assyrischen Verfolgern regelrecht überrannt wurden.

Auf der ersten Platte war ein Teil eines künstlichen Hügels abgebildet, auf dem wahrscheinlich eine eroberte elamische Stadt stand. Die geschlagenen Soldaten rannten verzweifelt diesen Hügel hinunter. Einer riss an seinem Bart, was eine allgemein bekannte Geste war, die von Kummer zeugt; einige zogen an ihren Haaren, wieder andere drehten sich um und flehten um Verschonung. Oben, auf einer Seite des Hügels lagen Tote oder tödlich Verletzte, sowie ihre Köcher und Bögen. Darunter fiel ein verwundetes Pferd zu Boden und sein vom Pfeil getroffener Reiter, hob die Hand, um Gnade zu erbitten. Ein assyrischer Verbündeter zog einen toten Feind zu sich her, wahrscheinlich mit der Intension ihn zu Köpfen.. Ein assyrischer Reiter unterhalb des Hügels streckte im Vorbeiritt einen Elamer nieder und zwei Elamer in einem Streitwagen eilten von Schlachtfeld.

Rechts von Hügel waren die weiteren Darstellungen in drei Registern geordnet, von denen nur die unteren beiden vollständig waren.

Im unteren Fries waren Bogenschützen, Speerträger, einige auf Pferden, im Nahkampf mit dem Feind dargestellt, dessen Heer ebenfalls aus Infanterie und Kavallerie bestand. Das Schlachtfeld war von Erschlagenen und ihren Waffen übersät; aber, wie gewohnt, hatte der Künstler keinen einzigen toten oder verwundeten Assyrer abgebildet. Im mittleren Fries sah man den Feind in Streitwagen fliehen. Im obersten Fries waren assyrische Soldaten, die Köpfe ihrer Feinde trugen und in einem elamischen Wagen vom Schlachtfeld fuhren.

Hinter diesem Wagen war das Zelt des Registrators, dem ein gefangener Hauptmann mit zwei Gefolgsleuten vorgeführt wurden. Darin war auch ein Haufen abgetrennter Köpfe, der von zwei Assyrern vor den Schreibern angehäuft wurde. In einem anderen Teil des Schlachtszene sah man den Wagen eines elamischen Prinzen. Die Pferde waren verwundet, der Wagen überschlug sich und der Hauptmann, sowie sein Wagenlenker fielen heraus. Darunter war ein assyrischer Soldat, der sein Pferd am Zügel führend, auf einen liegenden Feind zulief, der den Assyrer anblickt und sein Schicksal ahnend seine Hand um den Hals schließt. Eine nicht vollständig erhaltene Inschrift über ihn, nannte ihn beim Namen.

Krähen und Geier, die sich auf die Leichen stürzten, wurden abgebildet. Am Ende Schlachtfeldes war ein breiter Fluss, in den Assyrer den Feind trieben: Er war voll mit den Leichen der Männer und Pferde und von Bögen und Köchern. (Bleibtreu)

Bei Assurbanipal lässt sich im Vergleich zu Sanherib ein starker Rückgang der Landschafts-Darstellungen erkennen. Das einige Gestaltungsprinzipien der sanheribschen Reliefs aber auch nach Sanherib noch richtungsweisend waren, zeigt dieses Relief ganz deutlich. Hier sind traditionelle Registereinteilung und Raumerweiterung nach Sanherib genial miteinander verknüpft.

Der Hauptteil der Schlacht war der Ordnung halber in Register gesperrt; doch an dramatischen Stellen, die von besonders starker Dynamik und Hektik waren, brachen die Friese auf, um den Darstellungsbereich zu vergrößern und es wirkt als ob die Figuren in das Chaos des Schlachtgetümmels stürzen würden.

- Raum XXXVI

Platte 5-16:Die Darstellungen in diesem Raum zeigten die Belagerung und Eroberung der judäischen Stadt Lahis durch die Assyrer.

Die einzelnen Stadien dieses Ereignisses bildeten eine kontinuierliche Szene, die links vom Eingang begann, nach rechts die Wand entlang lief und rechts vom Eingang endete. Das Bild der belagerten Stadt war der inhaltliche und formale Höhepunkt des Reliefs und lag genau gegenüber vom Eingang in der Mitte der Rückwand. Auf diese Weise musste jedem, der vom Hof XIX aus durch den Haupteingang schritt, bei günstigen Lichtverhältnissen der Sturm auf Lahis auffallen.

Obwohl die gesamte Darstellung keine Trennungen aufwies, vermischten sich die einzelnen Szenen nicht, denn es fanden sich zählreiche Zäsuren, die das Geschehen in Segmente einteilten. Links von den belagerten Stadtmauern war die aufgereihte Infanterie und Kavallerie beim Angriff wiedergegeben, während auf der rechten Seite die Ereignisse nach dem Angriff dargestellt waren. In der Mitte überschnitten sich diese zeitlich auseinander liegende Episoden und man sah Kampfhandlungen, sowie Deportationen.

Die Darstellungen auf der linken Wand sind heute nicht mehr bildlich überliefert, doch Layard beschrieb lange Reihen von Reitern und Streitwagenlenkern.

Das erste Segment, das bildlich überliefert ist, zeigte drei Reihen von assyrischen Steinschleuderern und Bogenschützen assyrischer und anderer Herkunft, die paarweise und ihre Waffen auf ein fernes Ziel fixierend, in Mitten einer Gebirgslandschaft standen. Sie bildeten eine kompakte und organisierte Angriffs-Front.

Weiter rechts standen in oberster Reihe assyrische Bogenschützen hinter mannshohen Schilden und spannten ihre Bögen, während in den unteren zwei Reihen Speerträger mit erhobenen Speeren und Schilden nach vorn stürmten.

Der vorderste Speerträger in der unteren Reihe richtete seinen Speer und seinen Blick nach recht oben, dort wo sich auf einem angedeuteten Hügel die Stadtmauern erhoben. Hier fand eine Zäsur statt, die der Künstler dadurch erreichte, dass von nun an alle Darstellungen in einem kleineren Maßstab waren.

Es kam zum Schusswechsel. Die Angreifer hatten Belagerungsrampen aufgebaut und Rammböcke an deren Enden gerollt, die begannen die Befestigung zu demolieren. Dahinter knieten Bogenschützen und Speerträger, die den abschüssigen Weg hinaufstiegen und ihre Geschosse auf die Verteidiger richteten. Gleichzeitig ließen die Belagerten Speere, Pfeile, Steine und Fackeln auf die Assyrer regnen. Dennoch sah man keine verwundeten oder toten Assyrer, aber dafür einige zu Tode stürzende Feinde. Auf den Rammböcken waren Bogenschützen und Männer, die mit einer großen Kelle Wasser auf die Brände gossen, die drohten die Maschinen zu zerstören.

In diesem Teil der Belagerungsszene war die Darstellung der Stadtmauern überwiegend zerstört; man sah nur noch Stellenweise zerbröckelndes Mauerwerk und herhabfallendes Geröll. Herunterstürzende Leitern wurden wohl zur Erstürmung benutzt, wohingegen herabfallend Wagenteile eher von den verzweifelten Verteidigern als Waffe eingesetzt worden waren.

Unterhalb der umkämpften Stadtmauer spielten sich bereits Szenen ab, die eigentlich nach dem Angriff stattfanden: Durch das Stadttor, das als erweiterter Turm dargestellt wurde, liefen in einer Prozession Gefangene heraus, die von Soldaten nach rechts geführt wurden (nur noch die Köpfe am unteren Rand sind erhalten). Zwei Soldaten unterhalb der Belagerungsrampen spießten ihre Gefangenen auf Pfählen auf.

Rechts neben den letzten Belagerungsrampen, sah man wieder die Stadtmauern. Doch die Verteidiger schienen jetzt nicht mehr zu kämpfen, sondern streckten ihre Hände in die Luft. Hier endete die Belagerungsszene und man sah den angedeuteten Abhang des Stadthügels. Die Figuren wurden wieder in einem größeren Maßstab dargestellt. Nun zogen zwei Reihen von Deportierten, umgeben von Landschaftsdarstellungen, bis zum thronenden König Sanherib.

Judäische Frauen und Mädchen wurden mit einem einfachen Gewand und einem Kopftuch dargestellt, das sie über die Schultern bis zur Länge ihres Gewandes herunter fallen ließen.

Judäische Männer trugen eine Kappe, die aus einem um den Kopf gewickelten Tuch bestand, dessen gefranste Enden über die Ohren hingen. Sie trugen außerdem einen Wickelrock mit gefranstem Ausläufer an der Seite, ein Hemd und einen breiten Gürtel. Alle Männer hatten einen lockigen Bart.

Es gab noch Männer ohne Kopfbedeckung, die nur mit einem einfachen langen Gewand bekleidet waren. Sie wurden im Gegensatz zu den anderen Gefangenen gefoltert und ermordet. Barnett vermutet, das diese Männer wesentlich zur Verteidigung der Stadt beigetragen hatten. Sie wurden stets mit erhobenen Händen dargestellt. Alle Deportierten waren barfüssig.

In der ersten Reihe liefen assyrische Soldaten mit Beute in den Händen und trieben Gefangene vor sich her. Der hinterste trug ein Bündel Schwerter, der nächste Schilde, ein weiterer Speere. Danach zog einer einen judäischen Wagen hinter sich her und der folgende trug einen Stuhl oder Thron. Darauf folgten zwei mit zeremoniellen Gefäßen. Der erste in der Reihe hielt einen Knüppel oder vielleicht ein Zepter.

Unter den vorwärts getriebenen Gefangenen waren Frauen mit Kindern und Männer mit oder ohne Kopfbedeckung. Ein Mann führte einen mit Ochsen bespannten Karren auf dem zwei Frauen und zwei Kinder saßen. Die Reihe wurde von einigen Judäern ohne Kopfbedeckung angeführt, von denen drei vor dem König auf die Knie gingen.

In der unteren Prozessions-Reihe sah man wieder judäische Frauen und Männer, die unter anderem ein Kamel und einen Ochsenkarren zogen. Außerdem wurden Männer ohne Kopfbedeckung in den Händen ihrer Folterer dargestellt. Zwei wurden entkleidet auf dem Boden ausgestreckt und möglicherweise bei lebendigem Leibe gehäutet, andere wiederum mit dem Schwert niedergestreckt.

Am Ende des Prozessions-Zuges thronte Sanherib auf einem Hügel und empfing Soldaten. Es waren wahrscheinlich Kommandanten, die wie Bogenschützen gekleidet waren und einen Knüppel in der Hand hielten. Direkt vor dem König stand wohl ein Kommandant höheren Rangs, denn er trug ein elegantes Gewand und mit Rosetten verzierte Stirn- und Armbänder. Sanherib legte seine linke Hand auf einen Bogen und hielt mit der rechten Hand zwei Pfeile in die Luft, was wahrscheinlich Sieg im Kampf demonstrierte.

Hinter Sanherib stand sein königliches Zelt und unterhalb des Hügels sein zeremonieller Wagen. Hinter dem Hügel folgte in zwei Reihen das Gefolge des Königs, das aus mehreren Reitern und dem königlichen Streitwagen, der zusätzlich von vier Bediensteten umgeben war, bestand.

Der letzte Teil des Lahis-Reliefs zeigte ein befestigtes Assyrisches Lager, worin sich der Kultwagen Sanheribs befand.

- Raum XLVIII

Platte 11-13:Darstellung eines Ereignisses aus der Westkampagne. Dieses Relief kann auf zwei Weisen gesehen werden. Entweder wurde eine Stadt dargestellt, die auf zwei Hügeln steht, zwischen denen ein breiter Fluss strömte, oder eine Stadt deren Gebäude auf unterschiedlichen Höhen eines Hügels erbaut waren und ein Fluss, der hinter dem Hügel verlief. Gegen ersteres spricht, dass die assyrischen Soldaten, die beutebeladen aus dem Stadttor liefen, nicht wie dargestellt über beide Hügel hinweg hätten „springen“ könnten.

Interessant ist dieses Relief aus dem Grund, dass hier eine echte perspektivische Darstellung vorliegt, die neu war für die assyrische Flachbildkunst: Die Sicht auf den Fluss wurde kurz durch den hohen und breiten Hügel unterbrochen. Der Fluss floss jedoch für den Betrachter unsichtbar weiter und erschien dann wieder.

- Gallerie XLIX

Platte 5-7:Zeigte drei Reihen von Männern unterschiedlicher Herkunft, die Taue zogen.

Typisch für Sanheribs Reliefs war die Darstellung von Menschenmassen, die er befehligte und kontrollierte. Der einzelne war nicht wichtig; die Masse war Ausdruck von Macht.

- Passage LI

Platte 1-17:Die Reliefs zeigten eine Prozession von Bediensteten, die über die gesamte Höhe der Orthostaten gelegt war. Ganz hinten in der Reihe wurden Vasen mit Blumen herbei getragen, weiter rechts hielten Diener lange Tablette mit Obst und anderen Speisen. Sie nächsten brachten Granatäpfel, Kassiaschoten, Vögel und Hasen. Die zwei Personen ganz vorne waren bewaffnet und gehörten wahrscheinlich zur Leibwache des Königs, die die Prozession zu ihm führten. Direkt hinter ihnen liefen zwei Männer höheren Rangs, wie ihre Kleidung vermuten lässt.

VQuellenverzeichnis

Barnett, Bleibtreu, Turner, Sculptures from the South-West-Palace of Sennacherib

Die Bibel, Buch Nahum Buch Jona

Nissen, Geschichte Alt-Vorderasiens

Orthmann, Der Alte Orient

Paolo Matthiae, Ninive

Rainer Maria Czichon, Die Gestaltungsprinzipien der neuassyrischen Flachbildkunst

Reallexikon der Assyriologie, Stichwort: Ninive Stichwort: neuassyrische Kunstperiode, Flachbildkunst

David Ussishkin, The Conquest of Lachish by Sennacherib

Alle Abbildungen, Raum- und Plattenangaben aus „Sculptures from the South-West-Palace of Sennacherib“

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Details

Seiten
13
Jahr
2002
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107543
Note
Schlagworte
Süd-West-Palast Sanherib Ninive Assyrische Reliefs

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Titel: Der Süd-West-Palast des Sanherib in Ninive