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Eine ausgewählte Darstellung des Pädagogischen Konzeptes des Familienseminars für evangelische Strafgefangene aus bayerischen Vollzugsanstalten und deren Angehörige

Hausarbeit 2001 18 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Gliederung/Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Erläuterungen
2.1 Der Ablauf des Seminars
2.2 Die soziale Problemlage

3. Das pädagogische Konzept
3.1 Die Didaktik - die Frage nach dem WAS und WOHIN?
3.1.1 Die Zielgruppe
3.1.2 Der Anlass für die Durchführung des Seminars
3.1.3 Die Ziele des Seminars
3.1.4 Pädagogische Inhalte
3.1.5 Pädagogische Inhalte für die Erwachsenen
3.1.6 Pädagogische Inhalte für die gesamte Familie
3.2 Die Methodik - die Frage nach dem WIE?
3.2.1 “Vorne weg ...”
3.2.2 Methodische Grundlagen
3.2.3 Methoden der Erwachsenen-Gruppenstunden
3.2.4 Methoden der Familien-Gruppenstunden
3.2.5 Sonstiges

4. Abschließend

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Studienarbeit möchte ich Auszüge des Pädagogischen Konzeptes des ”Familien-seminars für evangelische Strafgefangene aus bayerischen Vollzugsanstalten und deren Angehörige” darstellen. Eine komplette Darstellung aller pädagogischen Hintergründe und Überlegungen ist in dieser Studienarbeit leider nicht möglich, da es den vorgegebenen Rahmen sprengen würde.

Einführend möchte ich unter Punkt 2 “Allgemeine Erläuterungen” kurz auf den Träger, die Zusammenstellung des Seminar-Teams sowie die soziale Problemlage und den Anlass für die Durchführung des Seminars eingehen, bevor ich mich dem pädagogischen Konzept widmen werde. Ich denke, dass dies für ein besseres Verständnis des pädagogischen Konzeptes sinnvoll ist.

Bei der Ausführung des pädagogischen Konzeptes möchte ich mich an die vier Grund-elemente “Didaktik”, “Methodik”, “Pädagogische Beziehung” und “Menschenbild” halten, um so einen roten Faden für das Konzept zu bekommen. Allerdings habe ich mich speziell auf die Elemente “Didaktik” und “Methodik” beschränkt, da sich eine Ausführung aller vier Elemente für die Rahmenbedingungen dieser Studienarbeit als zu umfangreich herausgestellt hat.

2. Allgemeine Erläuterungen

Das Seminar gibt es seit 1979, 18 Jahre lang wurde es vom Diakonischen Werk Bayern betreut. Seit 1997 hat die Rechtsträgerschaft die Stadtmission Nürnberg e. V. und damit wurde der Arbeitskreis Resozialisierung (Reso-Kreis) für die Durchführung des Seminars verantwortlich. Der Reso-Kreis, mit hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern unter der Hauptabteilung ”Gefährdetenhilfe” bei der Stadtmission eingegliedert, ist eine Einrichtung der ambulanten freien Straffälligenhilfe. Beim Reso-Kreis habe ich mein Jahresprak-tikum absolviert. Auf diese Weise bin ich zur Teilnahme an diesem Seminar gekommen. Meine Teilnahme hat sich über das Jahrespraktikum hinaus fortgesetzt, ich habe bereits drei Mal im Team des Seminars mitgearbeitet. Das Team, das mit der Durchführung des Seminars betraut ist, besteht aus dem Leiter der Maßnahme, weiteren SozialpädagogInnen, ErzieherInnen, SozialpädagogInnen in Ausbildung, PraktikantInnen der Fachakademie für Erziehung sowie einem Pfarrer aus einer bayerischen Justizvollzugsanstalt (JVA). Das Team wird jedes Jahr neu zusammengestellt, so dass immer wieder Mitarbeiter aus den verschiedensten privaten oder beruflichen Gründen herausfallen und dafür neue hinzukommen.

Diese Mischung aus erfahrenen und neuen Mitarbeitern hat sich bisher als außerordentlich vorteilhaft erwiesen, da es dem Seminar einerseits eine gewisse Stabilität gibt und andererseits immer wieder für frischen Wind sorgt.

Das Seminar-Großteam teilt sich zur Arbeit mit den Familien in drei Klein-Teams, bestehend aus zwei Erwachsenen-TeamerInnen und - je nach Alter der Kinder - zwei oder drei Kinder-TeamerInnen. Bei den Erwachsenen-TeamerInnen wird immer darauf geachtet, dass das Team aus einem Mann und einer Frau besteht. In der Arbeit mit den Eltern sollte immer für beide Ehepartner ein Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Die Erfahrung zeigt, dass es - trotz aller Gleichberechtigung und Emanzipation - Themen gibt, die eine Frau lieber mit einer Frau und ein Mann lieber mit einem Mann besprechen möchte. Auch im Hinblick auf die Gruppenarbeit ist es wichtig, dass im Team beide Geschlechter vertreten sind.

2.1 Der Ablauf des Seminars

Das Seminar besteht aus zwei Teilen, einem Vortreffen und einem Haupttreffen. Das Vortreffen dauert zwei Tage - von Freitagmittag bis Sonntagmittag - und findet vier bis sechs Wochen vor dem Haupttreffen statt. Der Tagesablauf des Vortreffens ist ebenso strukturiert wie das Haupttreffen: Jeder Tag beginnt nach dem Frühstück mit einer Morgenrunde, an der komplett alle Familien, TeamerInnen und die Seminar-Leitung teilnehmen. Anschließend wird in den Gruppen gearbeitet. Es gibt drei Gruppen á fünf Familien. Insgesamt können 15 Familien an dem Seminar teilnehmen. Vormittags wird innerhalb der Gruppen nochmals mit Eltern und Kindern getrennt gearbeitet. Vormittags gibt es also sechs Gruppen: Drei Erwachsenen-Gruppen und drei Kinder-Gruppen. Die Zeit nach dem Mittagessen bis nach dem Kaffeetrinken steht den Familien zur freien Verfügung. Anschließend finden sich die Erwachsenen und Kinder innerhalb der Gruppen wieder zu Familien zusammen und es wird in den drei Familien-Gruppen zusammen mit den jeweiligen Betreuer-Teams gearbeitet.

Nach dem Abendessen gibt es zum Abschluss des Seminartages eine gemeinsame Abendrunde, an der nochmals alle Familien, TeamerInnen und die Seminar-Leitung teilnehmen. Der Rest des Abends steht wieder zur freien Verfügung. Es gibt ein offenes Angebot, wie Gute-Nacht-Geschichten, Tanzen, Puppentheater, Hallenbadbesuche und was dem jeweiligen Seminar-Team sonst noch alles einfällt. An einigen Nachmittagen sind auch Aktivitäten mit allen Familien und TeamerInnen gemeinsam geplant bzw. stehen auch einige Nachmittage zur freien Verfügung.

2.2 Die soziale Problemlage

Die Beschreibung der sozialen Problemlage beantwortet eigentlich die Frage nach dem WARUM und würde damit wohl Teil des “Menschenbildes eines pädagogischen Konzeptes” sein. Das Menschenbild habe ich aber, wie in der Einleitung bereits erwähnt, aus dieser Studienarbeit ausgeschlossen. Um Didaktik und Methodik besser zu verstehen, ist es meiner Meinung nach aber wichtig, vorher einen Einblick in die soziale Problemlage des Klientels zu bekommen. Deshalb also folgende Darstellung:

Droht einem Familienmitglied eine Haftstrafe, so bedeutet das nicht nur das Einsitzen in

einer JVA für den Straffälligen, sondern es handelt sich um einen dramatischen, tiefgreifenden Einschnitt für die gesamte Familie. Alle Familienmitglieder werden automatisch in Mitleidenschaft gezogen, egal, ob sie für die Situation mitverantwortlich sind oder nicht. Es ändert sich innerhalb weniger Tage - oft innerhalb weniger Stunden - die komplette Lebenssituation aller Beteiligten. Da bei unseren TN bisher immer der Mann die inhaftierte Person war, möchte ich diese sich ergebende Situation exemplarisch darstellen: Vom Moment der Inhaftierung an, lebt der Mann vom Rest der Familie abgetrennt, völlig isoliert von allen bisherigen Sozialkontakten, in einer totalen Institution - das heißt, alle Handlungen und Schritte werden ihm vorgegeben - mit vielen Subkulturen auf engstem Raum. Er muss sich mit dem Verlust der Selbstbestimmung und Gefühlen des Ausgeliefertseins und der Abhängigkeit aus-einandersetzen. Dazu kommt, dass er, der vor seiner Inhaftierung meist der Ernährer der Familie war, derjenige, der die Fäden in der Hand hielt, sich jetzt völlig hilflos fühlt. Von

seiner Frau und den Kindern bekommt er plötzlich nur noch mit, was sie ihm schreiben oder ihm bei ihrem einmaligen JVA-Besuch pro Monat erzählen (in den verschiedenen JVAs sind die Besuchszeiten unterschiedlich geregelt, meist ist jedoch eine Stunde im Monat erlaubt). Weder kann er seiner Familie bei auftretenden Problemen - von denen ihm vielleicht berichten wird - helfen, noch hat er seine Fantasie im Griff, die ihm in seiner Unwissenheit viele Streiche spielt!

Die Partnerin erlebt das Gegenteil: Meist unvermittelt, ohne etwas zu ahnen, steht sie von der einen auf die andere Minute als Ernährerin und Alleinverantwortliche der Familie da. Sie muss sich um die Finanzierung der Existenz, alle Belange des Haushalts und um die Er-ziehung der Kinder kümmern. Das Sozialamt und das Jugendamt werden oft zu neuen ständigen Begleitern. Alle auftretenden Probleme und misslichen Situationen muss sie alleine oder mit Hilfe von Freunden und Verwandten meistern. Wobei Freunde und Verwandte sich in dieser Situation häufig gerne zurückziehen! Besonders dann, wenn die Familie sich dazu entschlossen hat, auf den Inhaftierten zu warten und mit ihm nach seiner Entlassung weiter zusammen zu leben. Oft muss sie für sie völlig neue Aufgaben übernehmen und grund-legende Entscheidungen ohne ihren Mann treffen.

Was erleben die Kinder? Sie verlieren von heute auf morgen ihren Vater. Warum sie ihn verlieren wissen sie meist nicht, da sie es aufgrund ihres Alters oft noch gar nicht verstehen können oder die Wahrheit vor ihnen verschwiegen wird und sie es nur erahnen können. Es bleibt aber nicht dabei, diesen Verlust zu erleben, sie müssen ihn auch noch vor Freunden, Kindergarten- oder Schulkameraden, in der Nachbarschaft, ... rechtfertigen oder verheim- lichen und lügen.

Alle Beteiligten erleben Gefühle von Schuld, Scham, Minderwertigkeit und Erniedrigung. Wobei die “Draussengebliebenen” zusätzlich Blicken, Getuschel und Unverständnis ausgesetzt sind.

Das Tragische an dieser sozialen Problemlage ist die Tatsache, dass unschuldige

Familienmitglieder mindestens genauso sehr unter der Situation mitleiden, wie der Inhaftierte selbst.

3. Das pädagogische Konzept

Das pädagogische Konzept des Seminars hat sich über die Jahre hinweg entwickelt. Die Entwicklung des Konzepts beruht auf Erfahrungen, die alljährlich bei der Durchführung des Seminars gemacht wurden, und auf Erfahrungen, die die jeweiligen Teamer und Teamerinnen aus ihrer Ausbildung und Berufspraxis mit einbringen. Bisher gibt es keine schriftliche Ausarbeitung des pädagogischen Konzeptes des Familienseminars. Die Überlegungen, die hinter der angewandten Pädagogik stecken, erachte ich aber als sehr wertvoll und eine schriftliche Ausarbeitung des pädagogische Konzeptes daher auch als durchaus sinnvoll.

An dieser Stelle möchte ich nun auf Didaktik und Methodik des pädagogischen Konzeptes des Familienseminars eingehen.

3.1 Die Didaktik - die Frage nach dem WAS und WOHIN?

3.1.1 Die Zielgruppe

Zur Zielgruppe des Seminars gehören alle Strafgefangenen Bayerns, die verheiratet sind oder in einer eheähnlichen Beziehung leben, mindestens ein Kind haben und sowohl mit dem Partner als auch mit dem Kind bzw. den Kindern vor und nach der Inhaftierung in einer Familie - also in einem Haushalt - leben. Am Seminar nehmen sowohl die Inhaftierten als auch deren Partner und die Kinder teil. Da es sich um eine Maßnahme der freien Straf-fälligenhilfe handelt, ist die Teilnahme an dem Seminar freiwillig, das heißt sie kann weder angeordnet, noch kann ein Anspruch erhoben werden.

Bisher haben an dem Seminar nur Familien teilgenommen, deren inhaftierte Person der Mann war. Dies liegt einerseits daran, dass viel mehr Männer als Frauen inhaftiert sind und andererseits, dass unter den inhaftierten Frauen kaum welche dabei sind, auf die außerhalb der Gefängnismauern Mann und Kinder auf deren Rückkehr warten. Bei inhaftierten Frauen ist häufiger als bei inhaftierten Männern zu beobachten, dass die Beziehung durch die Inhaftierung zerbricht und eventuell vorhandene Kinder in Pflegefamilien oder Heimen untergebracht werden. Da es also nur wenig inhaftierte Frauen gibt, die die Grundvoraussetzung ”Familie” für eine Teilnahme am Seminar erfüllen, ist es schwierig mindestens fünf Familien mit inhaftierten Frauen zu bekommen, die am Seminar teilnehmen könnten. „Fünf“ ist aber die Mindestanzahl, die erreicht werden müsste, da im Seminar eine Gruppe aus fünf

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Details

Seiten
18
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638170949
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10748
Institution / Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg – FB Sozialarbeit
Note
gut
Schlagworte
Eine Darstellung Pädagogischen Konzeptes Familienseminars Strafgefangene Vollzugsanstalten Angehörige Konzepte Handelns Alters- Zielgruppen

Autor

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