Lade Inhalt...

Das Unbehagen in der Kultur - Warum kann der Mensch nicht glücklich sein?

Seminararbeit 2001 17 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort
1.1. Einleitung
1.2. Biographie Sigmund Freuds

2. Definition zum Begriff Trieb nach Freud

3. „Das Unbehagen in der Kultur“
3.1. Erste Kulturformen
3.2. Die kulturelle Gemeinschaft mit ihren Einschränkungen
3.3. Kultur und Aggression
3.4. Ödipuskomplex und Schuldgefühl
3.5. Das Schuldgefühl- das wichtigste Problem der Kulturentwicklung
3.6. Glück suchen, Unglück vermeiden -Kann das Leben immer lustvoll sein?

4. Alfred Adlers Individualpsychologie

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

1.1. Einleitung

In meiner Hausarbeit untersuche ich das Buch „Das Unbehagen in der Kultur“, das von Sigmund Freud im Jahr 1930 verfasst wurde. Ich gebe nur eine kurze Übersicht des Inhalts, da mich eine längere Ausführung dazu zwingen würde, zu wiederholen.

In dem Buch geht es um den Menschen in der kulturellen Gemeinschaft. Freud berichtet über die Entstehung von Familien zu Urzeiten, die er die ersten gesellschaftlichen Ordnungen nennt. Desweiteren bezieht er all seine Erkenntnisse über die Gesellschaft und die Menschen in ihr auf sein Instanzenmodell. Er erklärt den Kampf zwischen dem ÜBER-ICH, dem ICH und dem ES. Dies ist wichtig, denn im Buch ist ständig die Rede von den verschiedenen Trieben der Menschen und von den Versuchen, möglichst viele davon zu befriedigen. Freud erklärt den Konflikt der Menschen zwischen ihrem Wunsch nach Triebbefriedigung und den Normen und Werten der Gesellschaft, die der ungehemmten Triebbefriedigung grenzen setzt. Sein Fazit ist, dass der Mensch in der uns bekannten Gesellschaft nicht glücklich werden kann. Die kulturellen Einschränkungen behindern ihn, seine Wünsche zu befriedigen und machen ihn damit unglücklich. Freud nennt zwar noch einige Möglichkeiten, diesem trüben Schicksal zu entkommen, doch wie ich später beschreibe, ist dies vergebens.

Die Fragen, mit denen ich mich näher beschäftigen will sind:

- inwieweit ist die Kultur Schuld am Unglück der Menschen?
- welche Rolle spielt das ÜBER-ICH dabei?
- Warum ist es nach Freud so aussichtslos, glücklich zu werden?
- Wie stand Freuds Konkurrenz zu seiner Theorie? -Ein Vergleich mit Alfred Adler

1.2. Biographie Sigmund Freuds

Zu Beginn gibt es hier erstmal die wichtigsten Lebensdaten Freuds, die ich für das Gesamtverständnis für wichtig erachte.

Freud wurde am 6. Mai des Jahres 1856 in Freiberg geboren. Heute nennt sich der Ort Pribor und gehört zur Tschechei. Er war Jude. Aufgrund antisemitischer Ausschreitungen mußten er und seine Familie im Jahr 1859 über Leipzig nach Wien fliehen. Dort verbrachte Freud die meiste Zeit seines Lebens.

Im Jahr 1873 schrieb er sich an der Universität Wien für Medizin ein, weil ihn die Naturwissenschaften sehr interessierten. Einen großen Teil seines Studiums nahmen neurologische Forschungen ein, die eigentlich nicht zum Lehrplan gehörten und Freuds Studium um drei Jahre verlängerten. Seine praktischen Erfahrungen sammelte er am Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Dort beschäftigte er sich mit Psychiatrie, Dermatologie und Nervenkrankheiten. Mit einem Stipendium gelang es ihm bei einem französischen Arzt die Behandlung von Hysterie unter Hypnose kennenzulernen. Seitdem befaßte er sich intensiv mit psychischen Störungen.

Im Jahr 1886 eröffnete er in Wien seine erste Praxis in der er neurologische Krankheiten therapierte. Unter Kollegen war seine Methode nicht akzeptiert. Im gleichen Jahr heiratete er die Jüdin Martha Bernays, mit der er sechs Kinder zeugte.

Seine Arbeit entwickelte sich immer mehr in die Richtung, psychische Ursachen für bestimmte Krankheiten zu finden. Er gab seiner Methode den Namen Psychoanalyse.

1897 entdeckte Freud bei sich selbst den Ödipus-Komplex, den er später auf alle Menschen anwandte.

Die Ideen von Sexualtrieben, Aggressionstrieben, Ödipuskomplex usw. waren bei seinen Kollegen sehr umstritten. Die bekanntesten Gegner, die sich schließlich von ihm trennten, waren Carl Gustav Jung und Alfred Adler. Die Beiden gründeten ihre eigenen Theorien.

In der Zeit des ersten Weltkriegs begann Freud, weniger klinische Krankheiten zu untersuchen, sondern er befaßte sich mit der Gesellschaft, der Religion und kulturellen Strömungen. Er therapierte Soldaten, die durch die Kriegserlebnisse schwere Traumata erlitten hatten.

Im Jahr 1920 stirbt seine Tochter Sophie an Grippe.

Im Jahr 1929, kurz vor der Fertigstellung vom „Unbehagen in der Kultur“, steht in seinem Tagebuch, man habe ihn im Nobelpreis übergangen. Freuds größter Erfolg in der Forschung war seine Entdeckung des Unterbewußtseins. Die heute angewandte Psychotherapie basiert hauptsächlich auf seinen theoretischen Grundlagen.

Einige seiner Werke sind z.B. „Die Traumdeutung“, 1900, „Das Ich und das Es“, 1923, „Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“, 1933.

Freud starb 1939 kurz nach seiner Flucht vor den Nazis in London.

Was ich für meine Arbeit besonders wichtig finde, ist die zeitliche Einordnung und das private Leben Freuds.

Das Ende des 19. Jahrhunderts war die Zeit der industriellen Revolution. Zahlreiche Entdeckung in der Technik, der Medizin und in den Naturwissenschaften wurden gemacht. Die Gesellschaft war in getrennte soziale Schichten aufgeteilt, Freud und seine Familie waren wohlhabende Leute. Die Menschen, die seine Praxis besuchten, waren oft verwöhnte Frauen und Männer der Oberschicht. Sie konnten es sich leisten, in den Therapiestunden über ihre sexuellen Sorgen zu sprechen. Doch gab es auch die Fabrikarbeiter, die stundenlang unter schlechten Bedingungen die fehlenden Glieder in den maschinellen Produktionsketten bilden mussten.

Es war die Zeit des Wandels vom kirchlichen Glaubenszeitalter zum technischen und materialistischen Zeitalter. Die Wissenschaftler suchten Unterschiede der Schädelgrößen von weißen und schwarzen Menschen oder stellten die Behauptung auf, das kriminelles Verhalten angeboren sei.

Psychisch Kranke waren seit jeher ein spezielles Phänomen. Im Mittelalter wurden sie als Hexen verbrannt, im 18. Jahrhundert in „Tollhäusern“ an die Mauern gekettet. Der amerikanische Arzt S. A. Cartwright veröffentlichte 1851 Studien über Sklaven in Amerika. Ihren Fluchtversuchen gab er den Namen Drapetomanie, der Wunsch wegzulaufen. Alle Probleme wurden mit psychischen Dispositionen oder mangelnder Intelligenz erklärt, über menschenverachtende Behandlung wurde nicht nachgedacht.

Bewusst habe ich auf Freuds Konfession hingewiesen, denn sein Leben lang litt er unter der Verfolgung. Bereits als dreijähriger floh er erstmalig mit seiner Familie. In hohem Alter und schwerkrank war er gezwungen, seine „Heimatstadt“ Wien zu verlassen.

Schmerzhaft für Freud war auch der Tod seines Bruders im ersten Weltkrieg.

1923 erkrankte er an Gaumenkrebs. Seine Tochter Anna reiste mit ihm sogar nach Berlin, um ihn behandeln zu lassen. Er wurde über 30 Mal operiert, doch war diese Krankheit ein ständiger schmerzhafter Bestandteil seines Lebens.

Ein weiterer schwerer Schlag im Leben Freuds war der Tod seiner Mutter, der er sehr nahe gestanden hatte. Freuds Leben war doch geprägt von seelischem und körperlichen Schmerz und schweren Verlusten geliebter Menschen. Obwohl wohlhabend, war er vermutlich selbst nie richtig glücklich, sonst hätte er wohl auch nicht solche Theorien aufgestellt. Wichtig ist außerdem noch, dass in der Zeit, in der Freud lebte, Sexualität ein absolutes Tabu war. Im Grunde wollten es natürlich alle, aber man sprach nicht darüber. Freud schockierte daraufhin die Gesellschaft mit seinen Ideen, vor allem seine Aussagen über die Sexualität des Kindes waren besonders verpönt, denn Kinder galten bislang als unschuldig.

2. Definition zum Begriff Trieb nach Freud

Bevor ich beginne, sollte diese Definition kurz dargestellt werden.

Freud teilt die menschliche Psyche in drei Instanzen auf, die ineinandergreifen. Das ES, das ICH und das ÜBER-ICH.

Das ES beinhaltet die ursprünglichen, angeborenen, nicht sozialisierten Triebe sowie die Grundbedürfnisse des Menschen. Man kann das ES auch als den Urtrieb an sich bezeichnen, denn es ist die älteste der drei Instanzen. Das ES beeinflusst das ICH und das ÜBER-ICH. Das ÜBER-ICH repräsentiert das Unterbewusstsein , das Gewissen. Es ist informiert über die ethischen und moralischen Grundvorstellungen der Aussenwelt. Das ÜBER-ICH ist nicht angeboren, es entwickelt sich erst im Menschen. Es verinnerlicht die Wertvorstellungen der gesamten Aussenwelt, also Eltern, Freunde, Staat, und vertritt diese später. Häufig ist diese Instanz später strenger mit ihrer Strafe, als es die Aussenwelt tatsächlich wäre.

Das ICH ist die Entscheidungsinstanz, die die wilden Wünsche des ES und die normativen Einschränkungen des ÜBER-ICHs kontrollieren muss. Es entwickelt sich mit der Zeit immer stärker, wenn nicht, liegt eine psychische Krankheit vor. Das ICH schafft es also nicht, diesen ständigen Konflikt zu lösen.

Die Triebe, die also dem ES zugeordnet werden, kann man noch unterteilen. Es gibt den sog. Lebenstrieb (Eros) und den Todestrieb (Thanatos). Wie man dem Begriff Lebenstrieb schon entnehmen kann, erhält dieser das Objekt, z.B. durch den Zwang zur Nahrungsaufnahme aufgrund von Hunger. Desweiteren versucht er, den Menschen zur Fortpflanzung zu animieren. Freud nannte diese Energie die Libido. Ihre Rolle am Unglück der Menschen werde ich gleich erörtern.

Der Todestrieb (Thanatos) beschreibt die Anziehungskraft des Todes für die Menschen. Ziel dieses Triebs ist es, Dinge zu zerstören und Spannungen aufzulösen. Freud führte diesen Begriff erst nach seinen Erfahrungen des 1. Weltkriegs ein. Laut Freud kämpfen diese beiden Triebe stetig gegeneinander, bis einer siegen würde. Damit sich der Mensch nun nicht umbringt, wird ein Teil der Energie in Form von Aggressionen nach Aussen abgeleitet. Doch diese Theorie galt immer als sehr umstritten.

Wenn von Triebbefriedigung die Rede ist, so muss dass nicht zwangsläufig nur auf sexuelle Befriedigung hinauslaufen. Das ist zwar für Freud immer besonders wichtig, trotzdem können es auch ganz normale Wünsche des Menschen sein, z.B. einkaufen oder Arten von Freizeitbeschäftigungen, sofern diese zu Freuds Zeiten vorhanden waren.

3. „Das Unbehagen in der Kultur“

3.1. Erste Kulturformen

Freud stellt drei grundsätzliche Quellen des Leidens auf: „ Die Übermacht der Natur, die Hinfälligkeit unseres eigenen Körpers und die Unzulänglichkeit der Einrichtungen, welche die Beziehungen der Menschen zueinander in Familie, Staat und Gesellschaft regeln.“1 Die Natur und ihre Gesetze werden wir nie beherrschen können, ebenso nicht die Grenzen unserer Körper, auch wenn man immer wieder neue wissenschaftliche Kenntnisse erlangt. Wir müssen uns mit diesen beiden Tatsachen abfinden. Aber warum wir mit den Gesellschaftsphänomenen, die wir selbst geschaffen haben, nicht zufrieden sind, scheint seltsam zu sein.

Freud stellt also fest, das es unsere Kultur ist, die uns unglücklich macht. Bevor ich auf die verschiedenen Gründe, die Freud nennt, eingehen werde, möchte ich die Entwicklung dieser Kultur näher beschreiben. Freud definiert das Wort Kultur als „die Summe der Leistungen und Einrichtungen, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander.“2

Demnach waren also die ersten kulturellen Handlungen z.B. der Gebrauch von Werkzeug oder natürlich die Entdeckung des Feuers, die von großer Bedeutung war.

Auf die menschliche Gemeinschaft bezogen war der erste große Schritt die Bildung von Familien, bzw. sozialen Gruppen. Das geschah vermutlich aus folgenden Gründen:

Der erste war der „Zwang zur Arbeit“. Der Urmensch begriff irgendwann, dass er durch Arbeit sein Leben in positiven Sinn beeinflussen konnte und hatte natürlich Angst vor Konkurrenz, z.B. bei der Nahrungssuche. Also tat er sich mit seinen Konkurrenten zusammen und hatte bessere Kontrolle sowie Nutzen davon.

Der zweite und wohl weitreichendere Grund war der Wunsch oder besser Trieb nach genitaler Befriedigung. Dieser Trieb trat irgendwann vermehrt und nicht mehr nur zeitweise, wie bei Tieren, auf. Das Männchen hatte nun ein großes Interesse daran, das Weibchen dauerhaft bei sich zu halten. Dieses wiederum genoß den Schutz des „starken“ Männchens. Da das Weibchen natürlich ihre Kinder bei sich behielt, entstand die erste Familie der sich dann weitere anschlossen. So entstanden auch die ersten sozialen Ordnungen, an die sich die in der Gemeinschaft lebenden halten mußten.

Spätestens damit beginnen dann auch schon die Probleme, auf die ich nun genauer eingehen möchte.

3.2. Die kulturelle Gemeinschaft mit ihren Einschränkungen

Die frühen Menschen tauschten also ihre individuelle Freiheit gegen die Sicherheit der Gemeinschaft ein. Damit ist ein „Schicksalsproblem“ einen zufriedenstellenden Ausgleich zwischen individuellen Ansprüchen und denen der Gemeinschaft zu finden. Freuds zentrale These lautet dazu: „Die Kultur ist aufgebaut auf Triebverzicht!“3

Ich habe ja bereits gesagt, dass die Liebe ein entscheidender Faktor für die Bildung von Familien war. Die geschlechtliche Liebe bereitete nicht nur den Urmenschen die höchsten Glücksgefühle. Freud bezeichnet also sowohl den Wunsch nach genitaler Befriedigung zweier Personen mit Liebe, als auch die Gefühle zwischen Eltern und Kindern oder engen Freunden. Daraus folgt nun unweigerlich die erste große Quelle des menschlichen Unglücks:

- nichts macht den Menschen verletzlicher als die Abhängigkeit vom gewählten Liebesobjekt. Er kann durch Untreue verstoßen werden oder durch Tod verlassen werden, er lebt ständig mit der Angst, verschmäht zu werden. Er erlebt großes Glück, aber noch größeres Leid in der Liebe.
- Ein weiterer Punkt ist, dass die Familie Ihre Mitglieder nicht einfach an die Gemeinschaft verlieren will. Der Familienkreis schützt schließlich die Mitglieder, es ist schwer, diese zum Abnabeln zu bewegen. Doch nur so sichert sich der Fortbestand der Menschen (wir schließen Inzest aus). Ein für alle jungen Menschen schmerzhaftes Beispiel ist die Pubertät. Man löst sich von der eigenen Familie ab und tritt ein in den größeren Kreis der Gemeinschaft. Später gründet man selbst wieder eine Familie.

Der nächste Punkt schließt sich direkt an.

- Die Kultur läßt sich also aufteilen in zwei Gruppen. Eimal in die Gesellschaft an sich, aber auch in die unzähligen Liebespaare, bestehend aus nur zwei Personen, bei denen jeder weitere nur stören würde. Das ist paradox, da „es eine der Hauptbestrebungen der Kultur ist, die Menschen zu großen Einheiten zusammenzuballen.“4 Grund für dieses Problem ist der Sexualtrieb, die Libido. Ihr genügt es, zwei Menschen sexuell zueinander zu bringen. Für alles weitere ist dieser Trieb nicht zuständig. Das Unglück beginnt dann, wenn diese Personen ihren anderen Pflichten in der Gemeinschaft nachgehen müssen. Das Paar ist also gezwungen, sich zeitweise zu trennen, die Normen der Gesellschaft verlangen es so.

Damit komme ich nun zur schwierigsten aller Quellen des Leids.

- Das Sexualleben der Menschen wird durch die Kultur stark eingeschränkt. Die Objektwahl beschränkt sich auf das gegenteilige Geschlecht, die Normen verlangten es jedenfalls zur Zeit Freuds so. Heute ist Homosexualität immerhin teilweise akzeptiert. Viele Menschen werden aber damit einfach aus diesem Kreislauf ausgestoßen. Die Einehe schränkt die nun nur noch übrigen Heterosexuellen noch weiter ein.
- Sex dient hier bereits nur noch zur Fortpflanzung, nicht dem Lustgewinn. Außergenitale Befriedigung gilt als pervers. Dieser Punkt ist wohl der problematischste überhaupt. Die Menschen können ja sowieso aufgrund der ganzen Normen nicht mehr soviel Sex haben, nun dürfen sie es noch nicht mal. Dies ist anzusehen als ein Relikt der (katholischen) Kirche, das ja sogar heute noch in einigen Gebieten Zuspruch findet. Dramatisch ist es, weil der Mensch einen starken, angeborenen Sexualtrieb (Libido) hat, der befriedigt werden will. Diese Befriedigung läßt die Kultur nun nicht mehr zu.
- Desweiteren verlangt dir Kultur nach Schönheit. So unnütz das auch klingen mag, ist es doch fester Bestandteil geworden. Man legt Blumenbete an und versucht, für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen. Auch die menschliche Hygiene gehört dazu. Dieser Punkt bringt natürlich auch Glück, er ist nur so schwer für den Menschen, weil dieser „einen natürlichen Hang zur Nachlässigkeit, Unregelmäßigkeit und Unzuverlässigkeit in seiner Arbeit an den Tag legt“5.

Jetzt möchte ich auf die Technik und ihre Errungenschaften zu sprechen kommen.

- Immer war es ein Traum der Menschen, die Natur zu unterwerfen oder zu kontrollieren. Freud stellt fest, dass es ihnen zwar zum Großteil gelungen ist, sie aber nicht so glücklich gemacht hat, wie sie gedacht hatten. Er sagt, das es schön sei, die Stimme des Kindes durchs Telefon zu hören, doch wäre das Kind nie weggefahren, wenn es nicht die schnelle Eisenbahn gegeben hätte. Deswegen macht uns die Erfindung des Telefons eigentlich nicht glücklicher. In diesem Fall hilft sie nur, den Schmerz zu lindern.

An dieser Stelle könnte man nun sagen, dass die Urmenschen oder auch einfache Völker viel glücklicher waren, als wir. Doch leider ist es nicht so einfach. In Urzeiten galt die totale Triebbefriedigung auch nur für das Oberhaupt der Gruppe, die anderen Mitglieder wurden heftig unterdrückt.

3.3. Kultur und Aggression

Freud sagt, das der Mensch, wie allgemein bekannt ist, nicht nur freundlich und nett ist, sondern ein enormes Aggressionspotenzial besitzt. Ein Überrest aus frühen Zeiten, wo Nahrungssuche noch Kampf ums Überleben bedeutetet.

Die Kultur muss diesem Trieb nun Schranken setzen. Diese Einschränkungen haben wir ja bereits kennengelernt.

Das beste ist natürlich, wie bei allen Trieben, die Auslebung dieser Aggressionen. Beispiele dafür nennt Freud den „Narzißmus der kleinen Differenzen“6. Er mein damit , dass diese Aggressionen in einem harmlosen Rahmen ausgelebt werden können, so z.B. bei den Norddeutschen, die über die Bayern lachen usw.

Das Leben in einer Gemeinschaft ist also durchaus harmonisch, wenn neben den Freunden auch Feinde übrig bleiben, an denen man seine Aggressionen loswerden kann.

Dies spricht allerdings gegen den christlichen Grundsatz der Nächstenliebe. Freud nimmt ihn als Beispiel für eine Ethik, die unser ICH einfach überfordert. Doch dazu muss ich erst die Verbindung von Aggression, Triebverzicht und Schuldgefühl erklären.

Vorher aber noch eine andere Möglichkeit, Aggressionen loszuwerden: die Autoaggression. Man richtet die Aggressionen gegen sich selbst. Das kann sehr gefährlich werden, denn wie ich bereits erwähnte, werden die Aggressionen des Thanatos nach außen gerichtet, damit sich der Mensch nicht selbst zerstört. Richtet man diese Aggressionen wieder auf sich selbst, läßt man dem Todestrieb freien Lauf. Patienten, die unter starken Autoaggressionen leiden, verletzten sich oft absichtlich sehr stark, schneiden sich z.B. die Arme auf. Sie finden keine andere Möglichkeit, ihrem Streß Herr zu werden.

Gehen wir mal davon aus, dass Aggression gegen ein Elternteil auch nicht ausgelebt werden kann. Hier geschieht es häufig, dass sich das Kind mit dem Elternteil sehr stark identifiziert. Es nimmt also den bösen Vater in sich auf, er erscheint im ÜBER-ICH. Dort sammeln sich auch alle Aggressionen. Die Konsequenz ist, dass der Vater, dem das Kind eigentlich schaden wollte, nun als unterbewußte Instanz auf das ICH einwirkt, mit dem gesamten Aggressionspotential, das zur Verfügung steht. Mit dieser Reaktion schadet sich das Kind letztendlich noch mehr. Es wird wieder vom ÜBER-ICH bestraft.

3.4. Ödipuskomplex und Schuldgefühl

Freud führt die Entstehung des Schuldgefühls auf den ersten Ödipuskomplex zurück. Der Ödipuskomplex basiert auf der griechischen Sage des König Ödipus, der unwissentlich seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete.

Ödipus mußte den Hass in Form von Aggression befriedigen und tötete den Vater als Rivalen. Später bereute er seine furchtbare Tat und spürte durch den Verlust plötzlich die Liebe zu seinem Vater. Die Reue ist das erste schlechte Gewissen, sie manifestiert sich als ÜBER-ICH. Der Vater erlangte von dort aus die Macht, seinen Sohn zu bestrafen und eine Wiederholung der Tat zu vermeiden. Doch in den Folgenden Generationen wiederholt sich der Konflikt zwischen der Liebe zur Mutter und dem Hass auf den Vater immer wieder. Das Schuldgefühl verfestigt sich im ÜBER-ICH durch die unterdrückten Aggressionen immer mehr. Soweit also zur Mythologie, doch die wissenschaftliche Erklärung ist ähnlich: Jeder Junge hat eine libidinöse Bindung an seine Mutter, sie ist die erste Frau die er nackt sieht, spürt usw. Seine Liebe zu ihr wird durch den Vater gestört, er wird zum Rivalen. Die aussichtslose Konkurrenz beginnt mit der einfachen Identifizierung mit dem Vater. Der Junge will so werden wie er und hat Vorbildfunktion. Doch der sexuelle Wunsch nach der Mutter wird stärker, damit auch der Hass auf den Vater. Normalerweise legt sich der Ödipuskomplex bald wieder, da sein Wunsch nicht erfüllt wird. Er tritt in der Pubertät wieder auf, dann aber in Bezug auf eine außerfamiliäre Person.

Solange nun aber die Familie als Gesellschaftsform weiter besteht, äußert sich der Konflikt der Gemeinschaft im Ödipuskomplex, der das Gewissen schafft und dadurch das Schuldgefühl ermöglicht.

3.5. Das Schuldgefühl- das wichtigste Problem der Kulturentwicklung

7 Das Schuldgefühl, vom Gewissen suggeriert, entsteht laut Freud aus dem Triebverzicht. Triebverzicht wiederum ist die Folge von Angst vor der Autorität. Ich erkläre an einem Beispiel: Jemand möchte seine Lust nach irgend etwas befriedigen, kennt das Verbot der Autorität und hat Angst, vor dem Entdecktwerden und der Bestrafung. Durch den Triebverzicht sichert er sich die Liebe der Autorität.

Gibt es die Autorität nicht mehr, z.B. weil die Person nicht mehr zu Hause wohnt, so verwandelt sich die Autorität in das ÜBER-ICH. Doch das ÜBER-ICH läßt den Triebverzicht nicht mehr gelten, denn es kennt den ursprünglichen Wunsch danach. Wir bekommen trotz Verzicht Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen. Die Strafe des ÜBER-ICHs ist dann häufig sogar schlimmer, als die Strafe der „echten“ Autorität.

Ähnlich verhält es sich auch mit der Aggression. Wird sie unterdrückt, verwandelt sie sich ins ÜBER-ICH und vermittelt uns von dort aus Schuldgefühle. Obwohl wir unseren Wutausbruch unterdrückt haben, bestraft uns das ÜBER-ICH gnadenlos. Schaffen wir es nicht, uns irgendwann einmal dagegen durchzusetzen, bekommen wir Autoaggressionen.

Jetzt will ich zurückkommen auf die Ethik. Freud geht davon aus, dass jeder Mensch ein ÜBER-ICH hat, aber dann gibt es auch so etwas wie ein KULTUR ÜBER-ICH der Gesellschaft. Dieses stellt auch Forderungen, so z.B. „liebe deinen Nächsten“. Die Nichtbeachtung dieses Wunsches wird mit Gewissensangst bestraft.8 Doch oft sind diese Ansprüche einfach zu hoch, sie überfordern das ICH. Im Beispiel der Nächstenliebe müßte das ICH seine Aggressionen, die es am liebsten gegen Fremde ausleben würde, unterdrücken. Aber das ICH hat keine absolute Kontrolle über sein ES, es kann nichts für seine Triebe.

Dies ist ein Beispiel, wie die Ethik der Gemeinschaft, das KULTUR ÜBER- ICH, unerfüllbare Ansprüche stellt, die ein schlechtes Gewissen zur Folge haben. Das ist ein unabwendbares Unglück, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Freud sagt also, dass der Mensch in der heutigen Kultur nicht glücklich sein kann. Ständig muss er seine Triebe und Wünsche unterdrücken, ständig muss er Aufgaben erfüllen, die ihm weniger Lust bereiten. Es scheint also nur naheliegend zu sein, dass die Gesellschaft immer mehr aus Kranken und Leidenden bestehen müsste. Freud führte Neurosen, Paranoia oder auch Hysterie auf diese Umstände zurück. Leider sagt Freud nicht, warum die Gesellschaft nicht nur aus Kranken besteht. Aber er nennt einige Möglichkeiten, die ich sogleich erörtern werde, um dieses Schicksal zu vermeiden.

3.6. Glück suchen, Unglück vermeiden -Kann das Leben immer lustvoll sein?

Der Mensch strebt also nach Glück. Also einerseits will er keinen Schmerz und andererseits starke Lustgefühle. Der Fachbegriff dafür lautet Hedonismus. Laut Freud ist es aber von der Schöpfung nicht vorgesehen, dass der Mensch glücklich ist, für ihn ist es also leichter, Unglück zu erfahren, als Glück.9 Die Gründe habe ich bereits erläutert, kommen wir nun also zu den Möglichkeiten, die Freud nennt, um dass Leid doch noch abzuwenden.

- Da unser Unglück ja eng verknüpft ist mit unseren Trieben, ist die erste Möglichkeit die Beherrschung des Trieblebens. Freud führt dafür den Begriff „Realitätsprinzip“ ein. Er meint damit, dass sich die höheren psychischen Instanzen an die Realität angepasst haben und die Triebe weitgehend kontrollieren. Nur ist die Befriedigung von ungehemmten, wilden Trieben lustvoller, als die Befriedigung von gehemmten Trieben. So bietet diese Möglichkeit also nur einen gewissen Schutz vor dem Leid.
- Eine daran anschließende Methode wäre die Sublimierung der Triebe. Als Ersatzbefriedigung können alle anderen Tätigkeiten in Frage kommen, aus denen sich Lustgewinn erzielen läßt. Besonders geeignet sind künstlerische oder geistige Tätigkeiten, die allerdings nicht allen Menschen zugänglich sind. Ein Maler sollte also seine Begabung als besonders wertvoll für ihn ansehen und sich einreden, dass es die höchste und beste Arbeit für ihn ist. Doch genauer betrachtet reicht auch das nicht, um für wahre Befriedigung zu sorgen.
- Freud nennt den Genuß von Kunst als einen weiteren Punkt, obwohl er eng mit der Sublimierung zusammenhängt. Der Unterschied ist hier, dass alle Menschen, ob nun künstlerisch begabt oder nicht, sich an Kunst erfreuen können. „Doch vermag die milde Narkose, in die uns die Kunst versetzt, nicht mehr als eine flüchtige Entrückung aus den Nöten des Lebens herbeizuführen und ist nicht stark genug, um reales Elend vergessen zu machen.“10

Also reicht auch die Kunst nicht ganz aus, um uns glücklicher zu machen.

- Die nächste Möglichkeit bietet uns die Intoxikation. Der Einsatz von Rauschmitteln und Drogen aller Art findet in vielen Völkern auch schon seit Ewigkeiten Beachtung. Der Lustgewinn hat eine nicht zu unterschätzende Kraft, doch bringt er immer die Gefahr der Sucht mit sich. Es ist natürlich angenehm, sich dem Druck der Realität zu entziehen und macht sicherlich auch glücklich, doch geht viel von der Energie, die man für anderes zur Verfügung hätte, einfach verloren. Nach häufigerem Gebrauch ist man nicht mehr in der Lage, die Unlust zu ertragen ( noch weniger, als vorher), man kann ohne Droge nicht mehr Leben. Freud führte Versuche durch, Krankheiten mit Kokain zu heilen. Es war erfolglos, seine Patienten wurden abhängig.
- Eine andere Möglichkeit, dem Unglück zu entkommen, ist die Vereinsamung. Da das Leid häufig aus sozialen Beziehungen zu anderen Menschen oder der allgemeinen Außenwelt herrührt, ist die Fernhaltung von allen Menschen die logische Lösung. Allerdings ist der dadurch gewonnene Glückszustand recht fragwürdig. Man hat dann „seine Ruhe“, wird nicht weiter belangt oder belästigt, braucht sich mit niemandem auseinander zu setzen. Doch selbst Freud geht auf diese Methode nicht weiter ein. Eine weitaus bessere Lösung sei, gemeinsam mit anderen Gesellschaftsmitgliedern und mit Hilfe moderner Technik die Natur zu Unterwerfen. Alle Menschen arbeiten dann am Glück der anderen.
- Eine weitere Lösung auf der Suche nach dem Glück, die aber für halbwegs gesunde Menschen nicht in Frage kommen sollte, ist das „Zurechtrücken“ der Realität mit Hilfe von Wahnvorstellungen. Man stellt sich die Wirklichkeit einfach so vor, wie man sie am liebsten gern hätte. Ein psychologischer Ausdruck dafür ist Paranoia. Dieser Prozess findet bei echten Paranoikern aber unbewusst statt, und bedeutet, dass die Person schwer gestört ist.
- Freud nennt die Religion auch eine Art Massenwahn. Sie drängt sich allen auf und wirbt mit Glückserwerb und Leidensschutz. Doch in Wirklichkeit drückt sie nur den Wert des Lebens herab und gibt uns einen wahnhaft entstellten Blick auf die Welt. Die Religion schüchtert die Intelligenz ein und zieht die dumm gehaltenen Menschen in einen Massenwahn. Die Erlösung aus dem Leid mit Hilfe der Religion funktioniert nur durch bedingungslose Unterwerfung, doch unterwerfen kann man sich dann auch den anderen Zwängen. Freud sagt in seinem Buch, wenn man sich schon selbst aufgibt, braucht man dazu nicht die Religion.
- Die nächste Möglichkeit bietet das Erfreuen an Schönheit. Wie bereits angesprochen genießt der Mensch gerne schöne Dinge. Landschaften, Bilder oder andere Menschen. Schönheit und Reiz sind ursprüngliche Eigenschaften des Sexualobjekts. Aber alleine bietet auch diese Möglichkeit keinen ausreichenden Lustgewinn.

Die letzte, wohl beste aber auch schwierigste Methode glücklich zu werden, ist die Liebe.

- Freud sagt, sie „hält am ursprünglichen, leidenschaftlichen Streben nach positiver Glückserfüllung fest.“11 Die Befriedigungen kommen hier aus dem Lieben selbst und natürlich aus dem Geliebt werden. Desweiteren gilt die geschlechtliche Liebe als ursprünglichste Form der Glücksgewinnung überhaupt.

Es ist eigentlich naheliegend, diese Methode ständig zu verfolgen. Aber: „Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben, niemals hilfloser unglücklich, als wenn wir das geliebte Objekt oder seine Liebe verloren haben.“12 Liebe und Sexualität machen also die Menschen sehr glücklich, aber auch sehr unglücklich. Eigentlich paradox, doch wohl durchaus nachvollziehbar. Nur ist unsere Lösung gleichzeitig das Grundproblem unseres Leidens, also keine wirkliche Lösung. Die Lösung wäre vermutlich eine gute Beziehung mit viel Sex, aber bitte ohne Streit und Eifersucht und andere Verpflichtungen in der Gesellschaft!

Damit stellt Freud fest, dass es uns nicht möglich ist, glücklich zu sein. Jedenfalls nicht, solange wir nach dem Lustprinzip leben, auf dem wiederum seine Theorien basieren. Auch nicht, solange wir von der Gesellschaft mit so vielen Normen und Werten unterdrückt werden. Trotzdem sollen wir nicht aufgeben, nach dem Glück zu suchen. Die dargestellten Theorien lassen sich oft nur verbinden und nicht einzeln verwenden. Jeder muss mit seiner Art zu leben glücklich werden. Die Menschen, die es überhaupt nicht schaffen, werden zu Neurotikern oder gar Psychopathen. Diese Krankheiten sind dann eine Art Ersatzbefriedigung, die die Patienten schließlich doch noch „glücklich“ machen können.

4. Alfred Adlers Individualpsychologie

Ich möchte an dieser Stelle noch einen kurzen Einblick in die Schwerpunkte der Individualpsychologie von Alfred Adler geben. Grund dafür ist die Ausweglosigkeit von Freuds Theorie. Die Negativität zwingt mich dazu, einmal kurz Adlers Ansatz zu erläutern, der etwas optimistischer mit der Gesellschaft umgeht.

Adlers Theorie beginnt mit der Annahme, dass sich jedes Kind anderen Menschen gegenüber Minderwertig fühlt. Er setzt dieses Gefühl als angeboren voraus (Freud sagt, dass sich das Gewissen erst entwickelt). Das Kind ist anfänglich hilflos und muss einiges erst lernen, z.B. Sauberkeit. Um das Gefühl der Minderwertigkeit loszuwerden, sucht es nun nach Lösungen (z.B. sauber werden). Diese müssen nicht unbedingt Lustvoll sein. Adler sagt nun, das jedes Lebewesen so einen „Lebensplan“ hat, es strebt nach Vollkommenheit. Diese Theorie deckt sich teilweise mit der Evolutionstheorie von Darwin, die ja auch eine Höherentwicklung beschreibt. Nur geht es bei der Individualpsychologie um eine soziale Evolution, die sich von der biologischen unterscheiden läßt. Bei Tieren unterscheidet man z.B. nicht gut und böse, bei Menschen hingegen ergibt sich das recht schnell.

Adler spricht also von einem Streben nach Vollkommenheit, dass sich durchs ganze Leben zieht und niemals aufhört. Freud hingegen erkennt das Streben der Menschen zwar auch an, sieht es aber eher als eine Form der Triebsublimierung. Der Drang nach vorn ist also nur eine Notlösung des Menschen, ihm bleibt keine Möglichkeit, seine Triebe auszuleben, deshalb scheint er rastlos und auf der Suche nach Vollkommenheit zu sein.13

Die Begriffe Lebensplan und Lebensstil sind bei Adlers Theorie grundlegend. Der Lebensplan ist das Grundprogramm, die Probleme der Außenwelt müssen gelöst werden. Der Lebensstil bezeichnet dann die spezifischen Taktiken, dies zu verwirklichen, es ist sozusagen das Verhalten des Einzelnen.

Der zentralste Punkt in Adlers Theorie ist das Gemeinschaftsgefühl. Jeder (gesunde) Mensch sollte demnach die Lösung seiner Probleme immer im Rahmen der Gemeinschaft suchen. Desweiteren sollte man sich also für die Belange und Sorgen anderer Menschen interessieren und einsetzen. Er sieht sogar den Sinn der Evolution darin, in einer idealen Gemeinschaft zu leben. Das Gemeinschaftsgefühl führt nach Adler zu Glück und Zufriedenheit der Menschen.14 Freud hingegen sieht die Gemeinschaft als Grundproblem der Menschheit.

Dieses Gefühl wird dem Kind in der Beziehung zu seiner Mutter bewußt. Durch das gegenseitige Vertrauen entwickelt es ein Gefühl von Geben und Nehmen. Es interessiert sich dafür, wenn die Mutter traurig oder krank ist, weil die Mutter dies ebenso tut. Ein Kind, das so aufwächst, ist für Adler gut für die Aufgaben des Lebens vorbereitet.

Wächst das Kind allerdings in einem herzlosen Klima auf, wird vernachlässigt oder zu sehr verwöhnt dann kann es dieses Gemeinschaftsgefühl nicht entwickeln. Es wird stets auf sich selbst bedacht sein oder ständig Hilfe von anderen erwarten. Es hat nie gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Es wird den Aufgaben des Lebens nicht gewachsen sein. Für dieses Krankheitsbild wird der Begriff Minderwertigkeitskomplex benutzt, dass Kind konnte sein Gefühl der Minderwertigkeit nicht loswerden. Häufig folgt bei solchen Menschen dann eine Überkompensation. Adler warf den großen Machtmenschen seiner Zeit ( Hitler, Stalin) dieses Krankheitsbild vor. Ihre Belange waren nicht mehr gemeinschaftlich ausgerichtet und dienten nur der persönlichen Kompensation der Minderwertigkeit. Überkompensation betrieb auch ein lispelnder Grieche in der Antike. Er übte so lange mit Kieseln im Mund, bis er einer der größten Redner seiner Zeit wurde.

Als kurzer Überblick reicht das schon völlig aus, mir geht es hauptsächlich darum, aufzuzeigen, dass Adler davon ausging, dass der Mensch glücklich sein kann. Der Lebensplan geht natürlich von einer Minussituation aus, doch ist es trotzdem möglich, ein Gefühl der Zufriedenheit zu erlangen. Der Begriff Vollkommenheit kann bei Adler für jeden etwas anderes bedeuten, schließlich hat auch jeder eine andere Vorstellung von Glück. Freud und Adler sind das beste Beispiel dafür! Hat nun aber ein Mensch vorübergehend seine persönliche Vollkommenheit erreicht, so ist er mit seiner Situation und seinem Leben zufrieden. Er ist glücklich. Ist dies irgendwann nicht mehr der Fall, wir er sich neue Lösungen suchen, um diesen Zustand wieder zu erreichen. Adlers Theorie gibt dem Menschen wenigstens die Chance, glücklich zu sein.

Adlers gesamte Theorie ist weniger auf Trieben oder Instanzen aufgebaut, sondern zielt eher auf die humanitäre Seite des Menschen. Damit wollte er sich vor allem von Freud distanzieren.

Die unterschiedlichen Lebensweisen Freuds und Adlers sind daran nicht unmaßgeblich beteiligt. Freud war selber immer wohlhabend und brauchte sich um seinen Lebensunterhalt selten sorgen zu machen. Adler hingegen gehörte sozial zur unteren Mittelschicht, seine Patienten kamen auch aus der Mittelschicht. Es ging ihnen weniger um sexuelle Nöte als um die ständigen Klassenunterschiede, die sie natürlich auch finanziell spürten.

Desweiteren war Adler auch als Kind schon häufig krank, was zu einer ständigen Fürsorge seitens seiner Mutter führte. In seiner Individualpsychologie befasst er sich intensiv mit diesem Thema. Adler beschäftigte sich mit Marx und dem Sozialismus und heiratete eine russische Sozialistin.

Beruflich waren Freud und Adler zwischen 1902 und 1911 Kollegen. Doch Adler grenzte sich schließlich wütend von ihm ab und gründete seine eigene Theorie und seine eigene Zeitschrift. Er emigrierte nach Amerika, wo seine Arbeit bis heute große Beachtung findet.

5. Zusammenfassung

Freud beschreibt die Menschheit als Sklaven ihrer Triebe und ihrer Kultur. Durch die Feststellung, der Mensch sei Triebgesteuert und die Tatsache, dass man sich den kulturellen Zwängen unterordnen müsse, läuft Freud in eine Sackgasse. Der Weg führt unweigerlich nur ins Unglück. Er ist sich dessen durchaus bewusst, doch schien es ihm trotzdem der Wahrheit zu entsprechen. Nicht nur für mich erscheint das seltsam. Das „Unbehagen in der Kultur“ sagt vor allem viel über die Person Sigmund Freud aus. Er war selbst kein Optimist und hat anscheinend auch keine anderen Menschen getroffen, die welche waren. Aber egal, ob man seine Meinung nun teilt oder nicht, so muss man ihm seine psychologischen und soziologischen Erkenntnisse doch hoch anrechnen. Gesehen auf seine Zeit, in der Sexualität höchstens noch in den Köpfen (und dort wohl sehr intensiv) stattfand, hat er ausgesprochen, was alle gefühlt haben. Der Mensch muss ständig seine Lust auf Sex unterdrücken und auch die anderen netten Dinge des Lebens können nur in Maßen genossen werden. Damit war er Gesprächsthema Nummer Eins, aber er machte sich natürlich auch unbeliebt. Doch soviel Kritik er auch erhalten hat, konnte niemand seine Theorien als falsch darstellen. Es waren höchstens einzelne Dinge, die andere Leute verändert haben. Häufige Kritik war die recht eingeschränkte Sichtweise, für die aber wohl hauptsächlich sein sozialer Status verantwortlich war. Sicherlich war Freuds Methode eine Art Therapie für reiche Leute, doch gerade deswegen wollte ich noch den Vergleich zu Adler herstellen, der ja aus der Arbeiterschicht stammte und einen anderen Ansatz verfolgte.

Ich hoffe, es ist mir gelungen, den „Klassiker“ Freud und sein Unbehagen in der Kultur ausreichend darzustellen und zu würdigen.

6. Literaturverzeichnis

Freud, Sigmund: Abriß der Psychoanalyse. Das Unbehagen in der Kultur. Fischer. Frankfurt/M. 1953.

Adler, Alfred: Der Sinn des Lebens. Fischer. Frankfurt/M. 1973.

Kriz, Jürgen: Grundkonzepte der Psychotherapie. Eine Einführung. Zweite Auflage. Psychologie Verlags Union. München 1989.

Revenstorf, Dirk: Psychotherapeutische Verfahren. Band 1: Tiefenpsychologische Therapie. Verlag W.Kohlhammer. Stuttgart 1982.

Willig, Wolfgang: Arbeitstexte für Psychologie, Soziologie, Pädagogik an Pflegeschulen. Ein praxisorientiertes Lehrbuch für Schüler an Krankenpflegeschulen. Zehnte Auflage. Balingen 1986.

Internetseite des Freud Museums in Wien: 20.03.2002, 18.00 Uhr

http://freud.t0.or.at/freud/index-d.htm

[...]


1 Freud, Sigmund: Abriß der Psychoanalyse.Das Unbehagen in der Kultur. Frankfurt 1953. S.82 5

2 Ebd. S.85

3 Vgl. Ebd. S. 92

4 Ebd. S.96

5 Ebd. S.88

6 Ebd. S. 104

7 Vgl. Ebd. S. 119

8 Vgl. Ebd. S. 125

9 Vgl. Ebd. S. 75

10 Ebd. S. 78

11 Ebd. S. 79

12 Ebd. S. 80

13 Kriz, Jürgen: Grundkonzepte der Psychotherapie. Zweite Auflage. München 1989. S. 56

14 Vgl. Adler, Alfred: Der Sinn des Lebens. Frankfurt 1973. S. 172

Details

Seiten
17
Jahr
2001
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107475
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2+
Schlagworte
Unbehagen Kultur Warum Mensch Liebe Intimität Sicht

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Das Unbehagen in der Kultur - Warum kann der Mensch nicht glücklich sein?