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Psychische Krankheit - Autismus

Referat / Aufsatz (Schule) 2002 36 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Selbstreflexion und Fallbeispiel

2. Grundbegriffe

3. Thesen

4. Wissenschaftlicher Erklärungsansatz
4.1 Wahrnehmung
4.2 Autismus - Was ist das?
4.3 Unterformen des Autismus
4.4 Früherkennung und -förderung
4.5 Ursachen von Autismus
4.6 Anwendung von Medikamenten

5. Pädagogische Anwendung
5.1 Therapieformen
5.2 Gestützte Kommunikation (FC)
5.3 Festhaltetherapie (Forced holding)

6. Fragen zum Thema „Psychische Krankheit - Autismus“

7. Quellenangaben

1. Selbstreflexion und Fallbeispiel

Es war nicht wirklich leicht, ein Thema aus- zuwählen. Alles, was ich vorschlug, war entweder zu weitgehend, zu behavioristisch oder zu psycho- logisch. Nach langem Suchen jedoch stieß ich auf den Autismus und fand, in besonderem Betracht der pädagogischen Aspekte, ein sehr interessantes Thema. Welche Ausmaße es mit sich bringen würde, hätte ich allerdings nicht gedacht. In einem immensen Haufen von Informationen galt es nun, die Stecknadel zu finden. Dazu kam das Problem, dass ich kein Buch hatte, in dem ich Thema für Thema, Überschrift für Überschrift abklappern konnte, so wie es meine Kurskameraden tun.

Was ich mir unter Autismus vor meinen Nachfor- schungen vorstellen konnte, war nicht mehr, als ein apathisches Kind, das ständig die gleiche Handlung wiederholt. Dann jedoch entdeckte ich die Hinter- gründe, Besonderheiten und Differenzierungen inner- halb des weiten Feldes mit dem Oberbegriff „Au- tismus“. Jedes Kind ist ein besonderer Indi- vidualfall in seinem Autismus, so dass es einen klassischen Autisten gar nicht gibt. Durch eine Bekannte, die im sonderschulpädagogischen Bereich tätig ist, bekam ich Kontakt zu einem autistischen Kind, mit der Unterform des Asperger Syndroms, das ich im Laufe des Referates auch noch näher belichten werde, und seinen Eltern. Das Kind ist neun Jahre alt und es bereitete mir starke Schwierigkeiten, seine Sprache zu verstehen, da es viele eigenentwickelte Worte benutzte. Laut den Eltern hatte es das Sprechen überhaupt erst spät erlernt. Aber während meiner Beobachtungen zeigte es doch vermehrt Interesse, sich mitzuteilen, wenn auch auf eine für mich recht seltsame Weise. Mit seinen neun Jahren spielt es bereits hervorragend Klavier, allerdings nur Selbsterlerntes. Immer, wenn ich es nicht verstand, trat es an das Klavier und spielte eine von vier selbst komponierten Melodien auf dem Klavier vor. Die Eltern erzählen mir, dass sich das Kind auf diese Weise aus- zudrücken versuche. Wenn es kommuniziere, auf welche Weise auch immer, berichte es aus seinem Innenleben, auf die Wirkung von Umwelteinflüssen auf es selbst. Auf konkrete Fragen oder Antworten zu reagieren hinge von seiner Stimmung ab. Die Eltern betonten, dass die Intelligenz des Kindes nicht vermindert sei, es würde nur die Welt anders wahrnehmen, als wir es tun.

Ich empfand das Zusammentreffen als höchst interessant. Insbesondere, als ich mich, mit dem Gedanken an das Kind, mit dem Thema Wahrnehmung erneut auseinandersetze. In wiefern kann ich das beurteilen, was ich dort draußen sehe? Wie kann ich sicher sein, dass ein anderer Mensch mich kennt? Immer weiter und weiter geht des menschliche Geist, um den herum wir uns alles doch irgendwie eine eigene kleine Welt aufgebaut haben. Doch wie hoch ist die Mauer um diese kleine Welt in unseren Köpfen? Ist es überhaupt für einen anderen Menschen möglich, über in die Welt eines anderen ein- zudringen? An dieser Stelle könnte ich in eine philosophische Diskussion verfallen. Doch zurück zum Thema. Leider, wie ich erfahren musste, gibt es viele Menschen mit autistischen Symptomen, die aber nicht als solche erkannt und behandelt werden. Daher würde ich einen allgemeinen Test im Kindes- alter, auf jeden Fall vor dem fünften Lebensjahr, befürworten, damit das Syndrom rechtzeitig erkannt, bzw. ausgeschlossen werden kann. Ich bin mir bewusst, dass nur zwei bis vier von 10.000 Kindern betroffen sind, allerdings wäre ein solcher Test auch eine Chance, andere psychische Auffälligkeiten zu erkennen. Ebenfalls fand ich die verschiedenen Therapie-methoden höchst interessant, besonders mit dem Hintergrund, dass viele Therapien eine sehr differenzierte Sichtweise über die Ursachen von Autismus und seine Unterformen hat.

Am Schluss möchte ich noch anmerken, dass ich letzten Endes froh war, kein Pädagogik-Buch in der Hand gehalten zu haben, sondern ganz auf mich selbst gestellt war. Das machte die Nachforschungen um einiges spannender und ich meine kognitiven Fähigkeiten wurden durch diese Arbeit besser gefördert. Außerdem bin ich durch meine Nachforschungen auf ein Buch gestoßen, „Buntschatten und Fledermäuse“, was von einem Autisten selbst geschrieben wurde, was mich zusätzlich noch in die Thematik vertiefte und mir noch mehr Motivation gab, dieses Referat zu schreiben.

2. Grundbegriffe

Adäquat - angemessen, entsprechend

Echolalisch - nachhallend

Interdisziplinär - mehrfache (fachliche, wissenschaftliche) Disziplinen umfassend

Neuroleptika - zu den Psychopharmaka gehörende, dämpfend-entspannende Arzneimittel

Neuromotorik - vom Gehirn aus gesteuerte Nervenaktivität

Pathologie - die Lehre von den Krankheiten

Pharmakologisch - mit Arzneimitteln bewirkend

Psychogen - Eigenschaft, die aus der Psyche her- rührt

Somatogen - Eigenschaft, die vom Körper neu erworben und nicht erblich ist

Stereotyp - eine dem Vorurteil ähnliche, vorgefasste, schablonenhafte Meinung einer Gruppe von sich selbst (Autostereotyp) oder für andere Gruppen (Heterostereotyp)

Validieren - sich als gültig erweisen

3. Thesen

Wahrnehmung

Die Wahrnehmung ist der Prozess der Informationsgewinnung und -verarbeitung.

Autismus - Was ist das?

Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die sich durch starke Selbstbezogenheit und Störungen im zwischenmenschlichen Verhalten und in der Kommunikation auszeichnet.

Unterformen des Autismus

Es sind vier Unterformen des Autismus bekannt, die von verschiedenen Ursachen herrühren. Gemeinsamkeit aller Formen des Autismus ist das gestörte zwischenmenschliche Verhalten und Kommunikation.

Früherkennung und -förderung

Je früher autistische Verhaltensweisen in der kindlichen Entwicklung erkannt werden, desto früher können gezielte Hilfen eingesetzt werden, und zwar bereits in der Entwicklungsphase, in der noch kein hohes Maß an Einflussmöglichkeiten gegeben ist.

Ursachen von Autismus

Die Ergebnisse der Forschung ergeben, dass es keine Einzelursache gibt, die allein für die Entstehung einer autistischen Störung verantwortlich ist. Es gibt verschiedene Ansätze aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaft, die den Autismus in seinem Ursprung zu erklären versuchen.

Anwendung von Medikamenten

Die Anwendung von Medikamenten bei Autisten ist unabdingbar, wenn sie aggressives Verhalten aufweisen, das zur Selbstverletzung führen kann. Sie können ebenfalls einen positiven Effekt auf den Denkprozess und die Motorik haben.

Therapieformen

Es existieren Therapieansätze in so vielen unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen, eine einzelne, eindeutig einschlagende Therapie wurde allerdings noch nicht entdeckt. Fast immer werden Mischformen von Therapien angewandt, um ein möglichst breites Spektrum der Weiterentwicklung zu gewährleisten.

Gestützte Kommunikation (FC)

Bei der gestützten Kommunikation (FC) handelt es sich um eine nonverbale Kommunikationsmethode für Menschen mit schweren Kommunikationsstörungen.

Festhaltetherapie (Forced holding)

Das Kind hat in der frühesten Kindheit extreme Vernachlässigung erfahren, was zum Autismus geführt hat. Dieser kann durch nachträgliche, unnachgiebige mütterliche Nähe ausgeglichen werden.

4. Wissenschaftlicher Erklärungsansatz

4.1 Wahrnehmung

Zum Verständnis der psychischen Krankheit Autismus ist es unumgehbar, einige Kenntnisse über den Wahrnehmungsprozess zu haben, da dieser der Teil ist, der beim Autismus das eigentliche Kernproblem darstellt. Dazu zunächst ein Schaubild, das den Prozess verdeutlichen soll:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei autistischen Menschen ist zu beobachten, dass sie nicht fähig sind, ihre Umwelt selbst zu organisieren und ein normal zwischenmenschliches Verhalten an den Tag zu legen. Sie erleben die Umwelt anders, als Menschen ohne autistische Störungen es tun. Das liegt daran, dass Autisten eine andere Wahrnehmung der Wirklichkeit haben.

Die Wahrnehmung ist der Prozess und das Ergebnis der Informationsgewinnung und Verarbeitung. Reize dringen aus der Umwelt über die Sinnesorgane ins Gehirn und in das Nervensystem. Sie lösen dort Reaktionen aus, die als Empfindungen bezeichnet werden. Da die Umwelt jedoch sehr komplex ist und der Mensch, besonders in der heutigen Zeit, ständig in einer Reizüberflutung leben würde, wenn er alle Reize aufnehmen würde, werden nur selektierte Reize überhaupt aufgenommen. Die Auswahl der Reize hängt von der Aufmerksamkeit des Menschen ab. Wenn mehrere Sinne von den Reizen angesprochen werden, ist die Informationsaufnahme leichter und voll- ständiger. Dabei werden die Empfindungen an Er- fahrungen gekoppelt. Durch diese werden die Empfindungen im Gehirn bewertet. Ebenso ist die Wahrnehmung durch verschiedene Faktoren beein- flusst. Diese „gespeicherten Programme“ beinhalten individuelle, sowie soziale Faktoren. Zu den indi- viduellen zählen persönliche Erfahrungen, subjek- tive Bedürfnisse und Triebe, Gefühle und Stim- mungen, eigene Interessen und Werte, sowie eigene Fähigkeiten und Fertigkeiten. Zu den sozialen Faktoren zählen die Werte und Normen einer Gruppe, Vorurteile, Stereotypen, die von der Gesellschaft auferlegt werden, sowie der Einfluss anderer Personen und Gruppen. Diese Faktoren lösen bestimmt Erwartungen aus und die Reize werden den Er- wartungen angepasst. Außerdem wird die Wahrnehmung durch Gestaltgesetze strukturiert und durch Kon- stanzphänomene strukturiert. Fehler und Beein- trächtigungen können die Wahrnehmung täuschen. Wahrnehmungsfehler werden unterschieden in verschiedenen Kategorien:

- Das Verhalten wir auf Grund eines inneren Bildes interpretiert
- Der soziale Zusammenhang und die soziale Rolle bestimmen die Wahrnehmung
- Logische Fehler treten auf
- Projektion
- Primacy effect
- Halo-Effekt

Die Wahrnehmungsbeeinträchtigung muss unterschieden werden in langfristige oder kurzfristige Beeinträchtigung, ob die Sinnesorgane normal funktionieren oder ob es sich um Halluzinationen oder Wahnvorstellungen handelt. Die Folgen von Wahrnehmungsbeeinträchtigungen sind Leistungsmängel im kognitiven, emotionalen und sozialen Bereich, sowie Orientierungsschwierigkeiten.

Nach der Verarbeitung der Empfindungen in anbetracht der Beeinträchtigung der Wahrnehmung, wird eine Reaktion des Individuums durch Sprache, Motorik und Mimik wieder an die Umwelt abgegeben, was als „Feedback“ zu bezeichnen ist.

Die Beeinträchtigung des Wahrnehmung beim Autisten ist schon daran zu erkennen, dass sie kein, bzw. ein ungewöhnliches Feedback an die Umwelt abgeben. Die Eindrücke, die über die Sinnesorgane auf- genommen werden, scheinen im Hirn anders ver- arbeitet zu werden. So reagieren sie teilweise gar nicht, oder übersensibel auf eintreffende Reize.

Allerdings haben Autisten eine geschärfte Wahrnehmung für Veränderungen und bemerken sofort Fehler in linearen Mustern.

4.2 Autismus - Was ist das?

Das Wort „Autismus“ selbst stammt vom Griechischen „autos“ (= „selbst“) ab. Der Begriff wurde 1911 von dem Schweizer Psychiater Bleuer geprägt, der die Symptomatik als Loslösung von der Wirklichkeit, zu- sammen mit dem relativen oder absoluten Überwiegen des Innenlebens bezeichnete. Resultiert ist die Erkenntnis aus der Forschung mit Schizophrenen; als „autistisch“ wurden diejenigen bezeichnet, die besonders starke Selbstbezogenheit und mangelnde soziale Integration aufwiesen. Autismus galt damals als eine Unterform der Schizophrenie und wurde erst 1943 durch den Psychiater Kanner genauer be- schrieben. Dieser unterschied den Autismus von der Schizophrenie, in dem er erkannte, dass Autismus bereits, im Gegensatz zur Schizophrenie, bereits in der Kindheit beginnt. Erst in den achtziger Jahren wurde der Autismus als eine eigene diagnostische Kategorie anerkannt.

Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die sich durch starke Selbstbezogenheit und Störungen im zwischenmenschlichen Verhalten und in der Kommu- nikation auszeichnet. Spätestens bis zum dritten Lebensjahr treten die ersten Anzeichen auf. Dabei bemerken die Symptome als erstes die Bezugsperson Mutter oder Vater, zu denen das Kind nicht fähig ist, ein normal-kindliches Verhalten herzustellen. Die Kinder erwidern kein Lächeln, keine Geste und scheinen kein Wort zu verstehen. Veränderungen in ihrer Umwelt erregt sie sehr, sie reagieren darauf mit großem Unbehagen. Ihre Phantasie und Interessen sind stark limitiert, so fällt auf, dass sie ein Spielzeug immer wieder in der gleichen Art und Weise benutzen, häufig in einer zweckentfremdeten Form. Sie sind nicht bereit, eigene „Spiel- techniken“ zu entwickeln. Oft resultieren daraus jedoch selbststimulierende Verhaltensweisen, die teilweise bis zur Selbstverletzung reichen können. Auffällig ist auch die Sprache: Die Stimmmelodie, ungewohnte Betonungen, Geschwindigkeit und Töne unterscheiden sich von normal sprechenden Kindern. Ebenfalls wiederholen autistische Kinder immer wieder bestimmte Worte oder Sätze und erfinden selbst eigene Worte. Dadurch ist die Kommunika- tionsfähigkeit stark eingeschränkt. Die Intelli- genz von autistischen Kindern ist sehr unter- schiedlich. Oft können die erstaunliche Teildis- ziplinen erzielen, wie z.B. in der Musik, im Rechnen oder in technischen Aufgaben. Geistige Behinderungen sind allerdings auch zu beobachten.

Nur zwei bis vier von 10.000 Kindern sind autistisch, wobei Jungen drei- bis viermal häufiger als Mädchen betroffen sind. Autistische Störungen werden in vier Gruppen unterteilt, die in den folgenden Unterpunkten auch dargestellt werden.

Gemeinsamkeit aller Formen des Autismus ist allerdings das gestörte zwischenmenschliche Verhalten und Kommunikation. Dieses bereitet den Eltern große Schwierigkeiten, mit dem Kind in Kontakt zu treten, es und seine Welt zu verstehen.

4.3 Unterformen des Autismus

- Der psychogene Autismus

Die Ursache für diese Unterform scheint starke Vernachlässigung des Kindes durch die Eltern zu sein. Daraus resultieren schwerwiegende An- zeichen emotionaler Gleichgültigkeit, fehlende Initiative von Seiten des Kindes und eine starke Störung in seiner Kommunikationsfähigkeit. Diese Form des Autismus kann jedoch meist durch starke Zuwendung und emotionalen Einschränkungen wieder ausgeglichen werden.

- Der somatogene Autismus

Der somatogene Autismus wird verursacht durch starke Schädigungen des Gehirns. Dazu kann z.B. durch mangelnde Sauerstoffaufnahme bei der Geburt oder durch Hirnhautentzündungen, wie sie vor der Erfindung des Antibiotikums häufig auftrat, kommen. Kinder mit dieser Form des Autismus isolieren sich noch stärker von der Umwelt und sind nicht fähig, mit anderen in Kontakt zu treten. Die wenigsten Autisten dieser Art erlernen überhaupt das Sprechen.

- Das Asperger Syndrom

Die ersten Symptome beim Asperger Syndrom treten erst zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr auf. Das auffälligste an dieser Unterform des Autismus ist die gestörte Kontaktfähigkeit, die aber erst ab dem Vorschulalter bemerkbar wird.

Ebenso haben sie zwar Störungen in zwischen- menschlichen Beziehungen, die aber nicht so tiefgreifend wie beim Kanner-Syndrom sind. Bei autistischen Kindern mit dieser Unterform setzt die Sprachentwicklung zwar spät ein, es ist den Kindern dennoch möglich eine weitgehend perfekte Sprache zu erlernen. Allerdings zeichnet sich ihre Sprache ebenfalls durch eine ungewöhnliche Sprachmelodie aus. Ebenfalls neigen sie zu Selbstgesprächen und gehen in einer Konversation wenig auf ihren Gegenüber ein. Trotz ihrer meist überdurchschnittlichen Intelligenz haben sie oft Lernschwierigkeiten, wofür mangelnde Konzen- trationsfähigkeit und eigene, zu Ablenkungen führende, spontane Ideen verantwortlich sind. Die Kinder haben oft sehr eigene Interessen, die sie teilweise mit einer Humor- und Rück- sichtslosigkeit auszuführen versuchen, dass sie die Geduld ihrer Edukanten oft auf die Probe stellen. Wenn die Kinder allerdings mit Regeln konfrontiert werden, reagieren sie darauf mit Aggressivität und sind ebenfalls den meisten, an sie gestellten Anforderungen nicht gewachsen. Im Erwachsenenalter ist es den meisten Autisten mit Asperger-Syndrom jedoch möglich, ein relativ normales, wenn auch isoliertes, Leben zu führen.

- Das Kanner Syndrom

Die Syndrome bei dieser Unterform treten bereits in den ersten Lebensmonaten auf. Sie reagieren abneigend auf die Präsenz und die Zuneigung der Eltern. Das zwischenmenschliche Verhalten ist die größte Auffälligkeit beim Kanner Syndrom. Die Mitmenschen werde nicht nur als störend empfunden, das Kind nimmt sie gar nicht zur Kenntnis. Ebenso sind Kommunikationsschwie- rigkeiten zu beobachten. Die meisten erlernen nie eine vollständige Sprache, wissen sich nicht auszudrücken und äußern Leid anhand von Schreien und lassen sich dann auch nur schwer beruhigen. Wenn sie denn eine Sprache erlernen, scheint es ihnen unmöglich zu sein, sich in die wenigen Bezugspersonen einzufühlen, Dinge von einer an- deren Perspektive aus zu betrachten. Der kind- liche Egozentrismus scheint das ganze Leben lang bestehen zu bleiben. Wenn sie sprechen, sind ihre Konversationen monoton, sie gehen nicht auf ihr Gegenüber ein und sprechen auch nur von sich selbst. Ein Kind mit dem Kanner-Syndrom schließt sich beim Spielen selbst aus; es beschäftigt sich mit Objekten, ohne ein gemeinsames Spielen mit anderen Kindern überhaupt in Betracht zu ziehen. Wie bereits erwähnt, es scheint sie überhaupt nicht wahrzunehmen. Die meisten be- schäftigen sich außerdem nur mit Dingen linearem Aufbaus, wie z.B. Mustern, Fahr- und Stadt- plänen. Besonders bei dieser Unterform des Autismus treten oft selbststimulierende Hand- lungen auf, die auch zu Selbstverletzungen kommen können. Ebenfalls wiederholen sie immer wieder gleiche Bewegungen und Handlungen. Die Intelligenz dieser Kinder ist stark vermindert, oft reicht es bis in den Bereich einer geistigen Behinderung.

4.4 Früherkennung und -förderung

Je früher autistische Verhaltensweisen in der kindlichen Entwicklung erkannt werden, desto früher können gezielte Hilfen eingesetzt werden, und zwar bereits in der Entwicklungsphase, in der noch kein hohes Maß an Einflussmöglichkeiten gegeben ist. Die Frühförderung autistischer Kinder, zu der die Bereiche Früherkennung, Frühbehandlung und Früh- erziehung zu rechnen sind, ist eine Aufgabe, die nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit ge- leistet werden kann. Medizinische, psychologische, pädagogische und soziale Maßnahmen sind als Teile eines ganzheitlichen Konzepts, in dessen Mittel- punkt das autistische Kind und sein soziales Umfeld stehen, zu sehen. Ziele einer Frühförderung autistischer Kinder sind eine rechtzeitige, differ- enzierte Diagnostik, die Stärkung der Persönlich- keitsentwicklung, Selbständigkeit und soziale Integration. Erste Auffälligkeiten im Verhalten des Kindes bemerken als erstes der nahestehende Edukant. Dazu sind einige Merkmale zu beachten:

- Bereich Wahrnehmung

- Kind scheint taub zu sein
- Reagiert nicht auf Berührungen
- Kratzt häufig an bestimmten Oberflächen
- Starrt lange Zeit auf einen Punkt

- Bereich Sprachverhalten
- Bildet am Ende des 3. Monats noch keine Silben
- Gegen Ende des 7. Monats noch keine Sprechlaute
- Gegen Ende des 9. Monats noch kein „Nachplappern“
- Gegen Ende des 12. Monats spricht es noch kein Wort in Kindersprache
- Bereich Sozialverhalten
- Lacht bei Anblick der Mutter nicht
- Streckt die arme nicht aus
- Gegen Ende des 6. Monats scheint es nicht

beschäftigt werden zu wollen

- Imitiert nicht
- Zeigt wenig Interesse
- Beschäftigt sich mit monotonen Tätig- keiten
- Bereich Motorik
- Schlaffe, kraftlose Körperhaltung
- Langdauerndes Bewegen von Objekten vor den Augen
- Motorische Erkundung der Umwelt ist gering
- Weitere Auffälligkeiten
- Störungen bei der Nahrungsaufnahme
- Andauernde Wein- und Schreiphasen
- Phasen hoher Erregung bzw. tiefer Apathie
- Ungewöhnlich ruhiges Verhalten
- Schlafstörungen

4.5 Ursachen von Autismus

Autismus ist, wie zuvor beschrieben, in vier Untergruppen gegliedert, die alle von unter- schiedlichen Ausgangspunkten ausgehen. Die Er- gebnisse der Forschung ergeben, dass es keine Ein- zelursache gibt, die allein für die Entstehung einer autistischen Störung verantwortlich ist. Es gibt verschiedene Ansätze aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaft, die den Autismus in seinem Ursprung zu erklären versuchen. Die vier wichtigsten dieser Erklärungsversuche möchte ich hier darstellen.

- Psychologische Aspekte

Lange Zeit hielt man den psychoanalytischen Aspekt der Entstehung des Autismus für überwiegend. Dabei ging man davon aus, dass das Verhalten der Mutter eine entscheidende Rolle spiele. Die Mutter reagiere in diesem Fall ablehnend auf ihr Kind, verletzt es emotional. So fühlt sich das Kind gezwungen, eine eigene Welt aufzubauen, in die es sich zurückziehen kann und wo es vor Verletzungen und Enttäuschungen geschützt ist. Bruno Bettelheim benutzte den Begriff „Kühlschrank- Mutter“ in diesem Zusammenhang. Nach Bettel- heim führen fehlende Kommunikationsprozesse und Vernachlässigung zu einer unzureichenden Vorstellung vom eigenen Ich. Infolgedessen lernt das Kind nicht durch eigenes Handeln die persönliche Umwelt zu beeinflussen. Die Folge ist die Flucht in autistische Verhaltens- weisen. Allerdings gilt diese Erklärung inzwischen als unhaltbar. Es konnte nicht nachgewiesen werden, dass Eltern autistischer Kinder sich mit besonderer Ablehnung ihnen gegenüber verhalten, zum anderen treten die Symptome bereits im Säuglingsalter auf, was eher auf biologische Ursachen hinweist. Allerdings gelten beim psychogenen Autismus immer noch weitgehend psychische Faktoren als ausschlaggebend. Vernachlässigung führt hier- bei zu emotionaler Frustration und kann, je nach Veranlagung, den Autismus zum Ausbruch bringen.

- Genetische Faktoren

Es ist erwiesen, dass enge Blutsverwandte von Autisten eine erhöhte Anfälligkeit für autistische Symptome aufweisen. Demnach spielt die Vererbung eine große Rolle im Entstehen von Autismus. Bei Familien, die schon ein autistisches Kind haben, ist das Risiko, noch ein autistisches Kind zu bekommen 60 - 100 Mal höher als bei Familien, die gesunde Kinder zur Welt gebracht haben. Noch ist nicht geklärt, ob die Störung als Gesamtheit vererbt wird, oder lediglich bestimmte Komponenten. Bei Geschwistern von autistischen Kindern sind z.B. vermehrt Auffälligkeiten wie eine verzögerte Sprachentwicklung oder geistige Defizite festgestellt worden. Derzeit arbeiten Forscher daran, ein „Autismusgen“ ausfindig zu machen. Dabei liegt besondere Betrachtung darauf, Proteine zu finden, die beim Autismus eine Rolle spielen. Auf sechs Chromosomen wurden nun Regionen gefunden, die bei allen Autisten ähnlich sind. Die Forschung konzen- triert sich dabei hauptsächlich auf das Chromosom 7. Dort konnten Gene gefunden wer- den, die für die Entwicklung und Funktion des Gehirns wichtig sind. Die genetischen Unter- suchungen sind insofern problematisch, da Autisten häufig kinderlos bleiben und sich die Untersuchungen meist auf Familie mit zwei Autisten (hauptsächlich Geschwister) stützen.

- Biochemische Einflüsse

Es wurde festgestellt, dass bei vielen Autisten ein erhöhter Spiegel des Hirn- botenstoffs Serotonin vorhanden ist. Serotonin wirkt sich auf Schlaf, Essen, Schmerz, Stimmung oder auf die Selbst- und Fremd- aggression aus. Ebenso liegt bei 54% aller Autisten ein erhöhter Endorphinspiegel vor. Charakteristisch war es besonders für die- jenigen Autisten, die dazu neigten, sich selbst zu verletzen und die kaum Schmerz- empfindlichkeit zeigten. Dopamin wirkt beson- ders im limbischen System als Botenstoff. Bei etwa der Hälfte der autistischen Kinder wird auf einen erhöhten Dopaminspiegel geschlossen. Dopamin beeinflusst hauptsächlich die Motorik, das Ess- und das Trinkverhalten sowie die Kognition.

Demnach ist eine Veränderung der Neuro- transmitter im Organismus eines Autisten zu beobachten. Daraus lässt sich ableiten, dass wenn es eine Veränderung an dieser Stelle gibt, so werden Informationen von Nervenzelle zu Nervenzelle nicht mehr ordnungsgemäß weitergeleitet.

- Neurologische Veränderungen

Mit einem Verfahren der Kernspintomographie, die es ermöglichen, das Gehirn nachzubilden, wurde festgestellt, dass bei Autisten einige Teile des Gehirns unterentwickelt sind. Desgleichen wurden gestörte Hirnwellenmuster und eine verminderte Hirndurchblutung fest- gestellt, was zu obigem führt. Auffällig ist auch eine Dichteabnahme der Zellen im Klein- hirn, was zu einer Verkleinerung des Klein- hirns führt. Es wird davon ausgegangen, dass diese Schädigungen aus dem pränatalen Bereich rühren. Kleinhirn und Hirnstamm bleiben durch die Entwicklung hindurch, im Vergleich zu gesunden Kindern, verkleinert. Daraus lassen sich die motorischen Störungen bei Autisten ableiten, denn das Kleinhirn steuert Ko- ordination, Körperhaltung und -bewegung. Ebenso ist das Kleinhirn für die Augenkoordination verantwortlich. Das heißt, wenn man einen Gegenstand vor den Augen eines Autisten hin und her bewegt, so kann er den Bewegungen zwar folgen, wir das Objekt jedoch gestoppt, so kann der Autist die Augenbewegung nicht gezielt anhalten.

Bei Erwachsenen, die als Kind autistische Störungen hatten, treten des öfteren epi- leptische Anfälle auf. Außerdem ist das Risiko, dass ein Kind autistische Symptome entwickelt, um das zehnfache erhöht, wenn die Mutter während der Schwangerschaft an Röteln erkrankt. Auch können durch Hirnhaut- entzündungen Symptome auftreten, die denen des Autismus gleichen.

4.6 Anwendung von Medikamenten

Zur Behandlung von Autismus werden verschiedene Medikamente eingesetzt, so z.B. Präparate, die auch bei der Therapie Schizophrener angewendet werden oder Mittel, die den Serotoninspiegel senken. Bei einigen Kindern kann dadurch eine Verbesserung der geistigen Fähigkeiten und des Verhaltens erreicht werden, es treten aber auch unerwünschte Nebenwirkungen wie z.B. Reizbarkeit auf. Die medi- kamentöse Therapie ist unverzichtbar bei aggres- siven Autisten, die auch zur Selbstverletzung neigen. In dem Fall werden Betablocker gegeben, die die Ausschüttung von Nervenbotenstoffen hemmen sollen. Durch Neuroleptika lassen sich auch gestörte Denkprozesse und motorische Bewegungen positiv beeinflussen. Neuroleptika werden ebenfalls bei Patienten angewandt, die unter Schizophrenie leiden. Es gibt ein hohes Risiko für Neben- wirkungen, wie z.B. Muskelkrämpfe, Zittern, Sitz und Bewegungsunruhen sowie Antriebsschwäche.

Es ist zu bemerken, dass Medikamente thera- peutische Maßnahmen nicht ersetzen, sondern nur ergänzen können. Um positive Ergebnisse in der Entwicklung von Autisten zu erzielen, ist eine pädagogische Therapie unumgänglich.

5. Pädagogische Anwendung

5.1 Therapieformen

Es gibt unglaublich viele Therapieformen, um eine Besserung des Autismus herbeizuführen, dem Autisten eine Lebenshilfe und eine Verbesserung der Lebensqualität darzubieten. Es existieren Therapieansätze in so vielen unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen, eine einzelne, eindeutig einschlagende Therapie wurde aller- dings noch nicht entdeckt. Fast immer werden Mischformen von Therapien angewandt, um ein möglichst breites Spektrum der Weiterentwicklung zu gewährleisten. Viele Therapien sind sehr umstritten, besonders im pharmakologischen Be- reich, wenn man sich mit Betroffenen unterhält, auch im psychoanalytischen Bereich. Als Grund- satz jeder Therapie sollte folgendes gelten: In jeder Förderung sollte das Akzeptieren des Autisten als eine einmalige Persönlichkeit fundiert sein, ebenso wie ein Wissen um die entwicklungspsychologischen und entwicklungs- pathologischen Zusammenhänge und ein therapeutisches und pädagogisches Gesamtkonzept.

Im folgenden möchte ich zwei Formen der pädagogischen Anwendung vorstellen, die zwar, wie jede Therapieform umstritten sind, sich aber in vielen Fällen ebenfalls bewährt haben und außerdem weit verbreitet sind.

5.2 Gestützte Kommunikation (FC)

Der zwischenmenschliche Austausch über die Sprache, mitzuteilen, was man möchte und was nicht, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Menschen, die über Sprache verfügen, sind sich über die große Bedeutung von Kommunikation vermutlich nicht immer bewusst. Rosemary Cross- ley entwickelte Mitte der 70er Jahre eine Me- thode der gestützten Kommunikation (engl.: Facilitated Communication, Abk.: „FC“) mit Anne McDonald, einer schwerst körperbehinderten Frau, um ihr die Fähigkeit zu geben, sich mitzuteilen. 1994 gab Crossley folgendes Statement ab: „Kommunikation fällt in die gleiche Kategorie wie Essen, Trinken und Schutz - sie ist lebenswichtig. Ohne sie ist Leben wertlos.“

Die Kommunikation stellt die Grundlage jeden Kontaktes, jeder Beziehung und Interaktion dar. Viele Personen mit Autismus verfügen nicht über effektive Kommunikationsmöglichkeiten. Die Be- zeichnung „schwere Kommunikationsstörung“ be- deutet allerdings nicht, dass diese Menschen nicht sprechen können. Ihre Sprache ist sehr unterschiedlich; reicht von echolalisch bzw. stereotyp bis zu einer, für die Umwelt, un- verständliche Sprache. Diese Menschen benötigen eine intensive und individuelle Förderung ihrer kommunikativen Kompetenzen. Autisten können insbesondere von der gestützten Kommunikation profitieren. Bei der gestützten Kommunikation (FC) handelt es sich um eine nonverbale Kommunikationsmethode für Menschen mit schweren Kommunikationsstörungen. FC hat das Ziel, größtmögliche Unabhängigkeit in der Benutzung von Kommunikationshilfen zu schaffen. FC er- möglicht schwer behinderten Menschen, auf Ob- jekte, Bilder, Symbole und Wörter zu zeigen und sich so mitzuteilen. Folglich geht es primär um die Ermöglichung des gezielten Zeigens, worauf gezeigt wird, ist zweitrangig. So wird den Menschen, die weder Schreiben, Lesen oder Sprechen können, ermöglicht, zu „zeigen“, was sie verlangen oder bewegt. Viele Autisten haben jedoch auch bereits Kenntnisse im Lesen und Schreiben, konnten jedoch nie ihre Fähigkeiten zeigen.

Bei der gestützten Kommunikation gibt es einen Kommunikationspartner, den „Stützer“, der dem Gestützten „FC-Schreiber“ physische, verbale und emotionale Unterstützung gibt. Der Stützer führt hierbei nicht, sondern gibt Gegendruck und gibt dem Impuls des FC-Schreibers nach. In der physischen Unterstützung kann Hand, Unterarm, Oberarm oder Schulter gestützt werden, damit es einen erleichterten Einstieg ins Zeigen oder auch Schreiben gewährleistet. „Ausblenden“ wird als Prozess des Reduzierens der physischen Stütze bezeichnet, jedoch ist auch zu beachten, dass es auch FC-Schreiber gibt, bei denen die Stütze auf Grund emotionaler und neuro- motorischer Beeinträchtigungen nie ganz ausgeblendet werden kann. Die physische Stütze bietet dem FC-Schreiber eine individuelle Hilfestellung zur motorischen Kontrolle und gezielten Hilfeleistung. Das geschieht durch folgendes:

- Halten der Hand des FC-Schreibers in einer für die Zielbewegung günstigen Ausgangsposition ¾ Hilfen zur Zeigefingerisolierung
- Bessere Orientierung durch das Spüren der Berührung durch den Stützer
- Erleichterung des Bewegungsbeginns
- Zeitweilige Normalisierung bei zu niedriger oder zu hoher Muskelspannung
- Bremsen von überschießenden Bewegungen
- Hochziehen der Hand des FC-Schreibers durch Stützperson zur Verhinderung von ständigen Wiederholungen
- Ermöglichen eines rhythmischen Bewegungsab- laufes

Autisten haben außerdem noch Probleme mit der Aufmerksamkeitslenkung. Dazu gibt der Stützer zusätzlich verbale Hilfen zur Aufrechterhaltung der Konzentration und Fokussierung auf das Kommu- nikationsgerät. Es ist außerdem wichtig, anfangs Aufgaben zu wählen, die Leicht zu bewältigen sind, um Fehler vorzubeugen, da Autisten eine geringe Frustrationstoleranz haben. Eine reizarme Umgebung, verbale Ermutigungen und positives Feedback dienen ebenfalls zur Konzentrations- und Leistungsver- besserung. Kritiker zweifeln die Fortschritte durch FC an, da die davon ausgehen, dass der FC-Schreiber durch die Stützperson beeinflusst ist und die Ergebnisse der gestützten Kommunikation eher von Stützer als vom FC-Schreiber stammen. Allerdings ist Einfluss in jeder Kommunikation vorhanden, so eben auch bei der gestützten Kommunikation.

Allerdings ist die Gefahr der Manipulation durch den Stützer durchaus, besonders durch den engen physischen Kontakt, gegeben. Darüber sollte sich der Stützer im Klaren sein. Zur Überprüfung der Validität von FC werden Beweisführungsstudien durchgeführt, bei denen man methodisch primär zwischen qualitativen und quantitativ-experimen- tellen Studien unterscheidet. Die quantitativen Studien arbeiten dabei mit dem „message passing“, d.h. sie überprüfen die Fähigkeit des FC-Schrei- bers, ihren Stützern mittels FC unbekannte, verifizierbare Informationen zu übermitteln. Bis 1994 schienen alle Überprüfungen das Ergebnis zu haben, dass sich FC nicht bewährt hat, die FC- Schreiber bestanden nicht. Mit dem Ändern der Testbedingungen änderten sich jedoch auch die Ergenisse; fortan ließ man die beteiligten FC- Schreiber unter kontrollierten Bedingungen ihre Kommunikation validieren. Laut dem Verband „Hilfe für das autistische Kind“ ist eine generelle Aussage über die Validität von FC nicht möglich. Man betont, dass sich das Kind in einem ständigen Lernprozess und Testfähigkeiten wie „message- passing“ durch Übung zu erwerbende Fertigkeiten darstellt, die nicht von vorn herein vorausgesetzt werden können.

Durch die gestützte Kommunikation verändert sich allerdings nicht nur die Mitteilungsfähigkeit, sondern es wurden auch andere Veränderungen im Leben der betroffenen Autisten beobachtet:

- Positive Verhaltensänderung (z.B. Zunahme der Selbststeuerung)
- Erweiterung der Freizeitangebote und Ermög- lichung einer größeren Anteilnahme am Familienleben
- Zunahme an Selbstbewusstsein
- Ermöglichung von Brieffreundschaften
- Neue Perspektiven hinsichtlich Bildung ind Schule

Neben den genannten positiven Effekten gibt es jedoch auch Probleme, die sich daraus ergeben:

- Zukunftsgestaltung
- Äußerung unbequemer Fragen
- Fixierung des FC-Schreibers auf einen bestimmten Stützer
- FC-Schreiber arbeiten nicht mit allen Stützern gleich gut
- Schwankungen in der Mitteilungsfähigkeit

Zum Schluss muss man auch bei dieser Methode bemerken, dass eine Verbesserung der autistischen Syndrome durch FC sehr unterschiedlich ist, und die Therapie individuell gestaltet werden muss, um überhaupt Erfolge zu erzielen. Eine Heilung vom Autismus kann es natürlich nicht geben. Allerdings sind in vielen Fällen sehr positive Verhaltens- änderungen beobachtet worden. Manche Autisten reagieren auch gar nicht auf FC, so dass für diese eine alternative, adäquate Kommunikationsmöglich- keit gefunden werden sollte. Wenn sich allerdings Veränderungen einstellen, so ist das eine Chance, die Zukunft des Autisten anders auszurichten. Diese Herausforderung gilt es anzunehmen mit gemeinsam mit allen Beteiligten zu überlegen, wie der Autist in seiner Gesamtpersönlichkeit am adäquatesten gefördert und respektiert werden kann.

5.3 Festhaltetherapie (Forced holding)

In den 70er Jahren entwickelte die Kinder- psychologin Martha G. Welch in Zusammenarbeit mit den niederländisch-britischen Verhaltensforschern Niko und Elisabeth A. Tinbergen die Festhalte- therapie (engl. „Forced holding“). 1973 wurde die Therapie auch durch den Nobelpreisträger Niko Tinbergen und seine Frau nach Deutschland gebracht. Die Tinbergens waren der Auffassung, dass gene- tische Disposition und organische Grundlagen bei der Entstehung von Autismus beteiligt sein könnten, der Ursprung allerdings liege im psychischen Bereich. Die Grundannahmen für die Festhaltetherapie sind folgende:

- Autistische Störungen sind Störungen des emotionalen Gleichgewichts, die durch schlimme Erlebnisse in der frühen Kindheit verursacht worden sind. Martha Welch vertritt hierbei folgende Theorie: „Die Mütter haben an- scheinend vor Beginn der Behandlung keine normalen Instinkte gegenüber ihren autist- ischen Kindern. Sie sind nicht imstande, deren Bedürfnisse zu verstehen und diese normal zu befriedigen.“

- Um das gestörte Gleichgewicht wieder herzu- stellen, bedarf es einer gezielten Verän- derung der Umweltfaktoren. Ein autistisches Kind, dass zu wenig mütterliche Zuwendung bekommen hat, braucht laut Tinbergen „eine außerordentliche Dosis extrastarker mütter- licher Betreuung“, die „den Autismus an der Wurzel packt“ und eine früher versäumte Mutterbindung nachholt.

Demnach sind die Eltern des autistischen Kindes aktiv an der Therapie beteiligt. Der Therapeut zielt darauf aus, eine intakte Verbindung zwischen Mutter und Kind wieder herzustellen.

Praktiziert wird die Festhaltetherapie auf einer weichen Unterlage, auf dem die Mutter das Kidn auf dem Schoß halten muss; so, dass das Kind der Mutter direkt in die Augen blicken kann. Der Vater soll sich neben die Mutter setzen und einen Arm um ihren Nacken legen. Die Mutter legt die Arme des Kindes um ihren eigenen Körper und hält diese unter ihren eigenen Armen fest. So kann sie den Kopf des Kindes halten, um Blickkontakt zu gewährleisten. Die Mutter muss das Kind konstant festhalten, auch, wenn es sich wehrt. Sie darf es keinesfalls zu früh loslassen. Ein Loslassen ist erst erlaubt, wenn das Kind den Widerstand aufgibt und sich an den Körper der Mutter schmiegt. Die Übung kann sich über mehrere stunden hinziehen und es wird geraten, sie täglich anzuwenden, auch wenn das Kind dabei einen unglücklichen Eindruck macht. Die Fortschritte in der Therapie spüren sowohl Kind als auch die Eltern. Es geht bei der Festhaltetherapie nicht ausschließlich um das Kind, sondern auch um die Gefühle der Mutter, sowie um das Verhältnis zwischen den beiden Elternteilen. Der Therapeut hat dabei viele Aufgaben, die es abzuschätzen und auszuführen gilt. Dabei ist es wichtig, dass er die Mutter dazu antreibt, das Kind trotz Widerstand zu halten, auch wenn sie davor Hemmungen hat. Ebenfalls muss er Zeichen erkennen, die Mutter und Kind einander geben, eventuell jedoch missver- standen werden, um sie dann zu übersetzen. So können Schwierigkeiten zwischen Mutter und Kind, aber auch zwischen der Mutter und anderen Familienmitgliedern ausgeräumt werden, die auf Missverständnissen beruhen. Der Therapeut muss auch Wut und Frustration von Mutter und Kind über sich ergehen lassen und mit seiner Gelassenheit ein gutes Beispiel für die Mutter geben. Außerdem muss er die Hilfe des Vaters gewinnen, die wichtig ist, dass Mutter und Vater sich halten können, wenn die Mutter das Kind hält. Auch der Vater muss lernen, das Kind zu halten. Er muss die anderen Kinder an sich halten, während die Mutter das autistische Kind hält. Der Therapeut hat außerdem die Aufgabe, die Fragen, die die Mutter bezüglich der Beziehung zu anderen Menschen, insbesondere innerhalb der Familie hat, durcharbeiten und analysieren.

Die Festhaltetherapie hat schnelle und gute Erfolge zu verzeichnen. Besonders praktisch ist sie, weil sie ambulant durchgeführt werden kann. Anfangs ist der Therapeut als Leiter und Begleitperson dabei, später kann die Therapie auch zu Hause weiter- geführt werden. Die Therapie lässt sich auf das „Im Arm halten“ zurückführen, mit dem Kleinkinder von den Eltern getröstet werden. Sie soll also das autistische Abschotten des Kindes unterbrechen und einen Bezug zu den Eltern herstellen. Es ist wichtig, mit der Festhaltetherapie so früh wie möglich zu beginnen, d.h., in einem Stadium, in dem die Eltern dem Kind auf jeden Fall noch körperlich überlegen sind. Ist das Kind zu groß und zu schwer zu halten, muss auf eine andere Therapie auswichen werden.

Trotz der zu verzeichnenden Erfolge der Therapie gibt es viele Kritiken zur Festhaltetherapie.

Zum einen führt die Therapie auf das klassische Konditionieren zurück, was heißt, dass sich das Kind ein bestimmtes Verhalten aneignet, das durch ein bestimmtes Signal ausgelöst wird. Daraus lässt sich ableiten, dass das Kind erlernt, sich in den Armen der Mutter ruhig zu verhalten, um so schnell wie möglich wieder losgelassen zu werden. Ebenso können aggressive Verhaltensweisen auftreten, die die Distanz zwischen Kind und Eltern noch vergrößern. Die Therapie ist, wie der Name „Forced holding“ schon ausdrückt, ein „erzwungenes Halten“; wenn es also erzwungen wird, so stellt sich die Frage, in wie weit die Persönlichkeit des Autisten bei dieser Therapie respektiert wird. Für den Autisten ist die Therapie eine Traktur des Zwanges ohne beziehungsmäßige Entsprechung. Da das Kind die Berührung der Eltern als äußerst unangenehm em- pfindet, stehen Sinn und Handlung für das Kind im Widerspruch zueinander. Ebenfalls kann die Fest- haltetherapie als Machausübung gegen Schutzbe- fohlene angesehen werden. Dabei ist das Kind dem Elternteil sowohl im kognitiven, als auch im körperlichen Bereich unterlegen und steht dazu in einem einseitigen Abhängigkeitsverhältnis zu den Eltern. Die Eltern nutzen dabei die Angst des Kindes vor engem Kontakt als Angriffsfläche für ihr Handeln. Zu beachten ist ebenfalls, dass das Kind „bei Erfolg der Therapie“ aufgegeben hat, d.h. man hat den Willen des Kindes gebrochen, was wiederum Auswirkungen auf sein späteres Verhalten haben kann. Die Festhaltetherapie hat besonders viele Kritiken, da die Persönlichkeit des Kindes nicht respektiert wird. Dennoch hat die Festhaltetherapie auch besonders gute Nebeneffekte, die nicht außer Acht gelassen werden sollten. So dient sie nebenbei auch noch als Familientherapie, da sich der Therapeut, wie oben schon angesprochen, auch mit der intrafamiliären Interaktion beschäftigt, diese analysiert und auch dort Probleme beheben kann. Außerdem wird die Beziehung zwischen den beiden Elternteilen verstärkt, da beide Eltern eisern für ein gemeinsames Ziel stehen und sich in der Er- reichung dessen gegenseitig unterstützen. Ebenfalls durch Konditionierung erlernt das Kind aber auch, dass die Arme der Mutter Schutz vor anderen unangenehmen Situationen bedeuten können. Dieses ist die Kehrseite der oben angesprochenen Aus- wirkung von klassischem Konditionierung in der Festhaltetherapie.

Wie in jeder Therapie gilt es, den Ist-Wert mit dem Soll-Wert zu vergleichen und mögliche Abweichungen vom Soll-Wert abzuschätzen. Wie bereits erwähnt gibt es gegen Autismus kein Patent-Rezept und auch keine Therapie, immer zuverlässig wirkt, ohne dass Misserfolge zu verzeichnen sind.

6. Fragen zum Thema „Psychische Krankheit - Autismus“

Nennen:

1. Nennen Sie die vier Unterformen von Autismus!
2. Nennen Sie sechs Auffälligkeiten, die bei einem Kind auf Autismus hinweisen können!
3. Nennen Sie vier Aufgaben, die der Stützer bei der Gestützten Kommunikation hat!

Beschreiben:

1. Beschreiben Sie zwei mögliche Ursachen von Autismus!
2. Beschreiben Sie die Wirkung von Medikamenten auf den Autisten!
3. Beschreiben Sie die biochemischen Einflüsse, die als Ursache für Autismus gelten!

Erklären:

1. Erklären Sie die Wichtigkeit der Früherkennung und -förderung von autistischen Kindern!
2. Erklären Sie, was Autismus ist!
3. Erklären Sie den Unterschied zwischen dem Asperger und dem Kanner Syndrom!

Diskutieren:

1. Diskutieren Sie die Validität von gestützter Kommunikation!
2. Diskutieren Sie die Durchführung der Fest- haltetherapie!
3. Diskutieren Sie den Einbezug der Eltern in den Therapieverlauf!

8.Quellenangaben

Literatur:

- Michel, Novak

„Kleines Psychologisches Wörterbuch“ HERDER Spektrum, 2001, 20. Auflage

- Weiß, Michaela

„Autismus-Therapien im Vergleich“ Wissenschaftsverlag Volker Spiess, 2002, 2.Auflage

- Bundesverband HAK

„Gestützte Kommunikation“ Bundesverband HAK, 1996

- Bundesverband HAK, Wissenschaftlicher Beirat

„Frühförderung autistischer und von Autismus bedrohter Kinder“ Bundesverband HAK, 1986

Internet:

- http://www.autismus.de

- http://www.thz-autismus.de

- http://www.medicine-worldwide.de

- http://www.autismus-online.de

- http://www.autismus-nordbaden.de

- http://www.uni-bamberg.de

- http://www.autism.org

- http://www.autismus-muenchen.de

- http://www.dialogische-fachdidaktik.de

- http://www.spicken.de

- http://info.uibk.ac.at

Details

Seiten
36
Jahr
2002
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107439
Note
Schlagworte
Psychische Krankheit Autismus

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Titel: Psychische Krankheit - Autismus