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Die Kulturpolitik in der DDR am Beispiel der Literatur

Facharbeit (Schule) 2002 24 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Die Entwicklung der DDR - Literatur in Phasen ( 1945 - 1989)

2. Die Kulturpolitik in der DDR - Sozialistischer Realismus

3. Der Bitterfelder Weg

4. Die 70er und 80er / Die Ausbürgerung von Wolf Biermann

5. Die Literaturzensur in der DDR

6. Autoren der DDR

- Quellenangabe

1. Die Entwicklung der DDR - Literatur in Phasen (1945 - 1989)

Als DDR - Literatur bezeichnet man die während ihres Bestehens von 1949- 90 in der Deutschen Demokratischen Republik entstandene Literatur; darüber hinaus kann man die Nachkriegsliteratur in der Sowjetischen Besatzungszone (1945- 49) mit einbeziehen.

1.1.: 1. Phase (1945 - 1949): Demokratisierungsphase:

In dieser Phase versuchte man, nach der Niederlage des Nationalsozialismus, so viele Exilschriftsteller wie möglich zurück ins Land zu holen. Man erhoffte sich, dass sie das Volk durch ihre Schriften ermutigen und mit Hoffnung füllen würden.

Einige Schriftsteller, die aus dem Exil wiederkehrten waren unter anderem Anna Seghers, Arnold Zweig und Thomas und Heinrich Mann.

Es folgte die Regierungsreform und im Mai 1949 wurden offiziell die BRD und im Oktober die DDR als zwei getrennte deutsche Staaten gegründet.

1.2.: 2.Phase (ab 1949): Aufbau des Sozialismus / Schauprozesse:

Ab 1950 wurde für den Aufbau des Sozialismus propagiert. Gefordert wurde von der jetzt allein herrschenden SED eine Literatur, die für die Ziele des Sozialismus, den Aufbau der sozialistischen Produktion Partei ergreift („Parteilichkeit“), keine modernistischen und formalistischen Experimente durchführt und den Lesern Identifikationsfiguren („proletarischer Held“) liefert: Diese Forderungen wurden unter dem Begriff „Sozialistischer Realismus“ zusammen gefasst (siehe: ‚2. Die Kulturpolitik in der DDR - Sozialistischer Realismus‘). Solche Aufbau - Literatur zeigte Helden der Arbeit bei der Meisterung schwieriger Produktionsaufgaben, beim Wiederaufbau von Industrie und Landwirtschaft und bei der Entlarvung des Klassenfeindes.

Am 17. Juni 1953 kam es zum Volksaufstand, in der Hoffnung vom Volk damit das Entstehen einer Demokratie zu bewirken. Diese Hoffnung wurde in einer blutigen Schlacht mit Panzern und Wasserwerfern seitens der Regierung zunichte gemacht.

Mit der ersten Bitterfelder Konferenz 1959 wurde noch einen Schritt weitergegangen und der Bitterfelder Weg eingeschlagen. Die Schriftsteller wurden aufgefordert in den Betrieb zu gehen, um das Leben dort zu dokumentieren; die Arbeiter sollten sich intensiver mit der Kunst und Literatur befassen (siehe: ‚3. Der Bitterfelder Weg‘).

In dieser Zeit hatten sich auch unzählige Zirkel und Diskussionsrunden gebildet, in denen

Gespräche geführt und Kritik am Sozialismus geübt wurde. Diese Zeit wird auch als Zeit der Schauprozesse benannt, in denen viele Kritiker des Sozialismus angeklagt wurden.

1.3.: 3. Phase (ab 1961): Bau der Berliner Mauer / Ankunft im Alltag:

Diese Phase war gekennzeichnet durch die anfängliche Liberalisierung in der Kulturpolitik: die Schriftsteller waren wieder „frei“. Gleichzeitig erfolgte auch eine Stabilisierung der Wirtschaft. Zwei bekannte Werke aus dieser Zeit sind „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf und „Die Aula“ von Hermann Kant. 1963 wurde eben jene Liberalisierungspolitik wieder gestoppt, und es gab wieder zahlreiche Einschränkungen für die DDR - Künstler. Die DDR propagierte für die Schaffung einer eigenen „sozialistischen Nationalliteratur“.

Die Phase des sozialistischen Aufbaus wird als weitgehend abgeschlossen betrachtet, der

Klassenfeind - unter anderem auch durch den Bau der Mauer - besiegt, und nun galt es den neuen sozialistischen Alltag zu bewältigen, sich im „realen“ Sozialismus einzurichten. Diese Ankunft - Literatur brauchte „ Helden, die sich ü ber verschieden Stationen bis an die Wende zu sozialistischen Bewu ß tsein durchgearbeitet haben “ (Dieter Schlenstedt, Literaturwissenschaftler und -kritker); „ vom ich zum wir “ lautete nun die Parole. Im Rahmen dieser Vorgaben für die Schriftsteller entwickelte sich auch eine Haltung der „kritischen Subjektivität“: Das „Zu-sich-selbst-kommen“ des Individuums im Kollektiv ging nicht kritiklos. Der Techno- und Bürokratie wurde die Privatsphäre und das Recht auf Außenseitertum gegenübergestellt, Formen von Opportunismus (Anpassung) und des DDR - Spießertums wurden kritisiert: auch dies geschieht in Christa Wolfs Romanen „Der geteilte Himmel“ von 1963 (oben schon erwähnt) und „Nachdenken über Christa T.“ von 1968. Man kann hier auch noch den Roman von Ulrich Plenzdorf „Die neuen Leiden des jungen W.“ erwähnen. Er ist auch ein gutes Beispiel für ein Merkmal der DDR - Literatur: das Benutzen von klassischen Texten.

1.4.: 4. Phase (ab 1971): Erich Honecker - Ära:

Auf dem VIII. Parteitag der SED wurde Walter Ulbricht durch Erich Honecker abgelöst und die „ entwickelte sozialistische Gesellschaft “ proklamiert. Der Kurs von Ulbricht wurde korrigiert, mehr Selbständigkeit und Eigenverantwortung im Arbeitsprozess verlangt. Es kam zur „Ent- Tabuisierung“: „ Wenn man von den festen Positionen des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben, Das betrifft sowohl die Fragen der inhaltlichen Gestaltung als auch des Stils. “ (Erich Honecker im Dezember 1971). Er bewirkte geistig wie auch wirtschaftlich eine Liberalisierungspolitik. Nun war wieder Kritik am Sozialismus erlaubt, jedoch nicht im Prinzip. Die Kritik an der Partei und der Sowjetunion waren ebenfalls untersagt. Die Literatur konzentrierte sich von nun an endgültig auf die Befindlichkeit des „allseitig entwickelten Individuums“ und sparte, trotz der oben genannten Einschränkungen, nicht an Kritik an der sozialistischen Bürokratie. Beispiele dafür sind „Unvollendete Geschichte“ von Volker Braun (1975) und Reiner Kunzes Roman „die Wunderbaren Jahre“ (1976).

Im November 1976 löste die Ausbürgerung Wolf Biermanns (ein Liedermacher und Dichter) nach einem in der BRD gegeben Konzert - ihm wurde die DDR Staatsbürgerschaft abgesprochen -, offenen Widerspruch vieler DDR - Schriftsteller gegen die Kulturpolitik aus. Dies drückte sich unter anderem in Form einer Petition aus. Es kam zu zahlreichen Ausschüssen aus der Partei und dem Schriftstellerverband, die Ausreisewelle von DDR - Autoren in den Westen begann (auch ‚Exodus der DDR - Künstler‘ genannt). Künstler, die auswanderten waren zum Beispiel Reiner Kunze, Manfred Krug, Nina Hagen und Armin Müller - Stahl. Andere, vor allem junge Autoren, blieben zurück. Sie wollten für eine Änderung des politischen Systems in der DDR kämpfen und versuchten den schwierigen Balance- Akt zwischen Solidarität und Kritik: Christa Wolf, Volker Braun, Ulrich Plenzdorf und andere. Wieder welche lebten in der DDR und veröffentlichten, zum Teil mit großen Schwierigkeiten, im Westen: Stefan Heym, Monika Maron.

2. Die Kulturpolitik in der DDR - Sozialistischer Realismus

Schwerpunkt und Ziel der Kulturpolitik in der DDR war die Erziehung des sozialistischen Individuums. Die DDR befand sich im Wettstreit mit der BRD zum einen und dem kapitalistischen Ausland zum anderen. In den ersten Jahren, also 1949 und in den 50ern, war das Motto für die kommenden Jahre der Partei, der Aufbau des sozialistischen Staates. Nicht nur die Wirtschaft gehörte zum Aufbau, sondern auch die Kultur. Nur eine Nation, die gebildet und kulturell aktiv war, wurde auch international anerkannt. Dies hieß, daß auch die Kultur einen enormen Einfluß auf die Entwicklung der DDR hatte. Nicht nur die politischen

Richtlinien, sondern auch die kulturellen funktionierten nach sowjetisch stalinistischem Prinzip. Für die Kultur bedeutete das: alles politisch erwünschte wurde gefördert und politisch unerwünschtes wurde kontrolliert bzw. vernichtet (siehe auch :‘5. Die Literaturzensur in der DDR‘). Gerade hierin unterschieden sich die BRD und DDR in Hinsicht auf die Kulturpolitik. Während die Regierung der DDR versuchte , über die Kulturpolitik unmittelbar auf das literarische Schaffen Einfluss zu nehmen, und letztendlich darüber entschied, - wie gerade schon gesagt - welches Buch in welcher Auflage und zu welchem Zeitpunkt erscheint, standen den Behörden in der BRD keine dieser Eingriffs- und Gestaltungsmöglichkeiten zu. Zwar konnte der Staat auch hier in begrenzten Umfang, durch den Ankauf von Büchern, Stipendien oder die Verleihung von Preisen, fördernd tätig werden, aber niemals verhindernd in dem Sinne, dass er über den Druck eines Buches oder die Auswahl eines Verlages bestimmte. In der BRD hatte die Politik den Freiraum der Literatur zu wahren.

Kulturpolitik wurde in der DDR zu einer Art Erziehungsmaßnahme: der Mensch sollte zu einer sozialistischen Persönlichkeit erzogen werden. Idealbilder, wie der fortschrittliche Arbeiter und Kollektivarbeit, wurden favorisiert. Umgesetzt wurde dieses Ziel vor allem durch Massenveranstaltungen, wie z.B. Sportfeste für die Arbeiter, aber auch durch die Präsenz von Kunstwerken im Betrieb, die den Arbeiter heroisierten. Auf dem Betriebsgelände fand man im Speisesaal ein überdimensionales Wandbild das die Freundschaft zur Sowjetunion thematisierte. In Büros hingen Bilder prämierter Arbeiter oder Kollektive, im Innenhof standen Arbeiterskulpturen. In allen Abteilungen des Betriebes befand sich diese Art von Kunst, welche zum großen Teil vorher von der Betriebsleitung in Auftrag gegeben wurde (Auftragskunst). Auch in Schulbüchern wurde die sozialistische Persönlichkeit - das Idealbild des Arbeiters - propagiert.

Eva-Maria Eishold faßt die Bedeutung der Kultur in der DDR so zusammen: "Kultur hatte zwei Funktionen: zum einen war sie Vorzeigeobjekt f ü r Traditionsbewu ß tsein und Pflege eines kulturellen Erbes, zum anderen Mittel zur allseitigen Ausbildung und Erziehung sozialistischer Pers ö nlichkeiten."

Schon vor der endgültigen Gründung der DDR standen die Ziele der Kulturpoloitik fest.

1. Im Vordergrund stand das nationale Kulturerbe: Die Klassik wurde zum Schönheitsideal für alles; Modernes und Abstraktes wurde abgelehnt. Vor allem in der Literatur wurde das Klassische bevorzugt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Roman von Ulrich Plenzdorf „Die neuen Leiden des jungen W.“. Goethes und Schillers Theorien wurden benutzt und mit ihnen die Verwirklichung der Arbeiterklasse unter der Parteiführung der SED. In der Kulturpolitik bestand eine enorme Abhängigkeit von den internationalen Vorgängen. Es wurde immer auf mögliche Bindungspartner, wie die Sowjetunion, und Feindbilder, wie der Kapitalismus, Bezug genommen.

2. Für die Kulturschaffenden in der DDR sollte es ein Prämiensystem und Privilegien (Sonderrechte) geben, so auch Sanktionen. Privilegien zu verteilen war das Mittel zur Disziplinierung der sogenannten Intelligenzschicht. Verlagsrechte wurden an bevorzugte Schriftsteller verteilt, bei anderen wurde die Veröffentlichung immer wieder verzögert. Für die Partei war es wichtig die sogenannten „Intellektuellen“ am Kampf der Arbeiterklasse teilhaben zu lassen, ihn sogar mit zu gestalten. Aus dieser Idee entstand der Bitterfelder

Weg, der Schriftsteller und Künstler aufforderte in den Betrieben ihrer Arbeit nachzugehen. Künstler sollten mit den Arbeitern zusammenarbeiten (siehe: ‚3. Der Bitterfelder Weg‘)

3. Auf kulturpolitischen Ebenen wurde eine konspirative (geheime) Taktik angestrebt.

Ausgewählte Personen kultureller Einrichtungen verfügten über deutliches Herrschaftswissen. Die Herrschaftstrukturen in der DDR basierten vor allem auf geheimen Regeln, Zentralisierung (an der Spitze stand immer die Partei) und überdimensionaler Verzweigung. Für alles gab es eine Verwaltungsebene, jeder arbeitete für sich, doch hinter allen Entscheidungen stand die Partei. Eine zentrale Position hatte auch der Betrieb, da die Bevölkerung und ihre kulturellen Interessen in ihm vereint wurden. Über dem Betrieb stand die SED, daraus erkennt man, dass der Betrieb zu einem zentralen Lenkungsorgan wurde. So nahm er auch das Privatleben seiner Mitarbeiter ein, dazu gehörte auch die Kultur. So konnte die SED ihre Arbeiter auch kulturell lenken und kontrollieren.

4. Weiterhin führte die Kulturpolitik, wie zuvor erwähnt, einen Kampf gegen Formalismus, Pessimismus, Kritik am System, imperialistische "Unkultur", Modernismus und Abstraktionismus. Der Realismus hatte überall Priorität.

5. Fortan sollte in der Kunst und in der Literatur der Sozialistische Realismus praktiziert werden.

In den ersten Jahren der DDR stand alles im Namen des Aufbaus des Sozialismus. Vorher festgelegte Dogmen wurden umgesetzt. Auf dem 4. Schriftstellerkongreß 1956 wurde die planmäßige Durchsetzung des Sozialistischen Realismus gefordert. In diesem Zuge wurde 1962 die Deutsche Akademie der Künste (Ost Berlin) in die Sozialistische Akademie umbenannt.

Ein Mittel zur Umsetzung des Sozialistischen Realismus war der Bitterfelder Weg (siehe: ‚3. Der Bitterfelder Weg‘), wie oben schon erwähnt.

Ein weiteres Mittel der Umsetzung der Richtlinien war die Auftragspolitk. Das bedeutet, das von bestimmten Institutionen, vor allem dem FDGB, Bildwerke mit zumeist vorgegebenen Bildinhalten in Auftrag gegeben wurden. Der Künstler bekam den Auftrag, ein Bild mit einem bestimmten Titel, zum Beispiel "Tag der Arbeit", zu fertigen, das im Betrieb aufgestellt wurde. So wurde systematisch Kunst ,die die Arbeitswelt mit heroischen Arbeiterportraits wieder spiegelte, in den Betrieb, direkt zum Arbeiter gebracht. Diese Auftragsbilder befanden sich in allen betrieblichen Einrichtungen, sei es der Speisesaal, der Kindergarten, die Betriebsambulanz oder eines der Ferienheime des FDGBs. Ziel dieser Auftragspolitik war es die Bevölkerung auf ihre Aufgabe im Sozialismus hinzuweisen.

Um die Arbeiter näher an die Kultur heranzubringen, sie zu bilden, wurden Betriebsausflüge zu Kunstausstellungen oder Theateraufführungen organisiert. Diese Ausflüge werden in der Literatur zum Teil als Pflichtveranstaltungen bezeichnet. Dennoch ist aus persönlichen Gesprächen hervorgegangen, dass diese Gruppenausflüge durchaus positiv und als kulturelle Bereicherung angenommen worden sind. Ausschlaggebend war sicherlich die Art des kulturellen Ausflugs.

Die Leitungsebenen der DDR waren weit gefächert. Es gab unzählige Kommissionen, Organisationen, Bünde und Verwaltungsgremien. Vor allem am Anfang der DDR wurden viele Ideen in die Tat umgesetzt und eine Kommission gegründet, doch nach zwei Jahren wieder für untauglich befunden. Aus diesem Grund werde ich nur die wichtigsten Organisationen nennen und welche die für einen längeren Zeitraum bestanden. Ich beginne in der obersten Schicht, mit dem Politbüro des ZK (Zentralkomitees) der SED, wo es von 1957 bis 1962 und wieder von 1972 bis 1989 eine Kommission für Fragen der Kultur gab. Des weiteren befand sich im Politbüro auch eine ideologische Kommission, ungefähr von 1963 bis 1989. Das Ministerium für Kultur existierte von 1954 bis 1989. Es gab hier eine Abteilung für Kunst. Das Ministerium entschied auch über die Verlags- und Filmrechte. Das bedeutete, hier wurde entschieden, ob ein Film veröffentlicht wurde oder nicht, ob ein Buch jetzt, zu einem späteren Zeitpunkt oder gar nicht erscheinen durfte (siehe auch: ‚5. Die Literaturzensur in der DDR‘).Entscheidungsgeber war auch hier wieder das ZK der SED selbst, das Ministerium war nur der Träger der Entscheidung. Der Kulturbund der DDR war zuständig für Rundfunkarbeit und Zeitschriften. Es gab ihn bis 1956 in der BRD und bis 1990 in der DDR. Gegründet wurde er 1945 als Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Das Motto des Kulturbundes war die Sammlung der intellektuellen und künstlerischen Kräfte und ihre politische Lenkung. Der Kulturbund steuerte die gesamte Kunstproduktion, Aufträge wurden von ihm erteilt, Themen dazu vorgegeben, Ausstellungen und Wettbewerbe organisiert . In dieser Organisation gab es auch eine Kommission für bildende Kunst. In Not geratene Künstler konnten vom Kulturbund Hilfe erwarten, gerade nach der Währungsunion waren finanzielle Schwierigkeiten unter den Künstlern weit verbreitet. Sie wurden beruflich wie finanziell an den Kulturbund gebunden. Daraufhin wurden sie oftmals zu politischen Zwecken eingesetzt. In einem Satz gesagt, der Kulturbund war das Lenkungssystem für die Kulturpoltik im Sinne der SED. Am Schluß nenne ich noch den Verein bildender Künstler (VBK). Erst war er eine Gewerkschaft des FDGB's, dann ein Verband im Kulturbund und 1950 wurde der VBK gegründet, der bis 1990 existierte. Nach der Gründung der DDR wurden alle Künstler in diesem Verband zusammengeschlossen, dieser Verband verstand sich sozusagen als der ideologische Rahmen für die Aufgaben der Künstler.

Das System der Organisation der Kultur in der DDR war sehr komplex. Seine Strukturen und Entscheidungsebenen sind schwer nachvollziehbar. Probleme bereitet es immer noch zu erkennen, wer welche Entscheidungen getroffen hat und woher der eigentliche Auftrag dafür kam.

Begriffserklärung ‚Sozialistischer Realismus‘:

Sozialistischer Realismus ist die Bezeichnung für die mit Beschluss des ZKs der KpdSU vom 23.4.1932 in der Sowjetunion und nach 1945 auch in der DDR festgesetzte offizielle Kunstdoktrin für Literatur, bildende Kunst und Musik. Der erste Allunionskongress sowjetischer Schriftsteller 1934 definierte diese Doktrin wie folgt: „ Der sozialistische Realismus als grundlegende Methode der sowjetischen k ü nstlerischen Literatur und Literaturkritik fordert vom K ü nstler eine wahrhafte, historisch - konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolution ä ren Entwicklung. Hierbei m ü ssen Wahrheit und historische Konkretheit der k ü nstlerischen Darstellung der Wirklichkeit in Abstimmung mit der Aufgabe der ideelen Umformung und Erziehung der Werkt ä tigen im Geiste des Sozialismus gebracht werden. “ Entscheidende Kriterien des künstlerischen Schaffens sind demzufolge die ideologisch- politische Position des Sozialismus und der Realismus als künstlerisches Prinzip der Wirklichkeitsdarstellung. Durch die Verbindung dieser beiden Kriterien unterscheidet sich der sozialistische Realismus vom bürgerlichen Realismus (aus der Sicht des sozialistischen Realismus auch kritischer Realismus genannt), in dem die bürgerliche Gesellschaft zwar kritisiert, nicht aber der Weg in den Sozialismus aufgezeigt wird. Literatur und Literaturkritik werden als parteiliche Mittel ideologischer Beinflussung im Sinne des historischen Materialismus („Parteilichkeit“ der Literatur) eingesetzt, so dass für eine subjektiv realistische oder gesellschaftskritische Literatur kein Platz bleibt. Typisch für literarische Werke des sozialistischen Realismus sind der positive Held als kommunistische Idealgestalt und der Optimismus hinsichtlich der Erreichung des kommunistischen Idealzustandes. Daraus folgen die Prinzipien des sozialistischen Realismus:

Prinzip 1: Literatur des Sozialistischen Realismus sollte in den Dienst der Partei und des

Proletariats gestellt werden, das heisst Literatur sollte parteilich sein und der tragenden Klasse dienen.

Prinzip 2: Literatur sollte ein realistisches Abbild der Wirklichkeit sein und perspektivenartig auf eine rosige Zukunft deuten. Es wurde ein neues Menschenbild beschrieben. Der ideale bürgerliche Held (zum Beispiel der Arbeiter) stand im Vordergrund und war der neue positive Held.

Prinzip 3: Die Schreibweise sollte volkstümlich und verständlich sein.

In den späten 50ern war die Thematik der im sozialistischen Realismus vorkommenden

Produktionsliteratur jedoch bald erschöpft und Kritik an den engen Auslegungen wurde laut. Die Anforderungen wurden gelockert und Abweichungen geduldet; öffentliche Auftritte und Ausstellungen und anderes unterlagen aber weiterhin der Zensur (siehe auch: ‚5. Die Literaturzensur in der DDR‘). Intensivere Kontakte zum Westen seiten 80ern bewirkten einen direkten Einfluss von aktuellen künstlerischen Entwicklungen, so dass sich eine Abkehr vom sozialistischen Realismus schon vor dem Zusammenbruch der DDR, ab 1989, abzeichnete.

3. Der Bitterfelder Weg

Einen Betrieb und somit seine Arbeiter fest mit der Kultur allgemein und im speziellen mit der Kunst zu verflechten, gehörte zu Walter Ulbrichts Plan, die DDR an die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Spitze zu führen. Wichtig war es, von der BRD sowie dem übrigen westlichem Ausland als souveräner Staat anerkannt zu werden. Ein Staat, der dank seiner produktiven Wirtschaft als ernst zunehmender Konkurrent gesehen werden konnte und dessen Einwohner eine hohe Bildung und kulturelles Niveau besaßen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden die DDR-Bürger intensiv nach Plan mit Kultur und Kunst konfrontiert und unter anderem durch sie zu einer sozialistischen Persönlichkeit erzogen.

Erziehung ist ein weiteres wichtiges Thema in der sozialistischen Kulturpolitik. Im Sozialismus werden die Individuen vom Staat erzogen, der darauf bedacht ist Persönlichkeiten zu erziehen, die sich in eine sozialistische Gemeinschaft einfügen und für den Staat arbeiten und leben. Alles wird in einem sozialistischen Land zentral durch die

Regierung geplant und gesteuert. Im Mittelpunkt steht die arbeitende Schicht, die Arbeiterklasse. Das hat zur Folge, dass der Betrieb zu einem wichtigen Steuerungsorgan wird (siehe auch ‚2. Die Kulturpolitik in der DDR - Sozialistischer Realismus‘). Daraus erklärt sich die starke Verbindung der Kunst mit dem Betrieb. Nach Ansicht der SED Regierung sollten die Bürger durch die Kunst auf ein höheres Leistungsniveau gebracht werden. Inhalte des Sozialistischen Realismus (siehe auch ‚2. Die Kulturpolitik der DDR - Sozialistischer Realismus‘), der in der DDR galt, waren vorrangig heroische Arbeitermotive und Kollektivarbeit. Wo anders als in einem Betrieb hätte man dieses Erziehungsinstrument ansetzen können, im Betrieb in dem sich der Großteil der Bevölkerung versammelt hatte. Im Rahmen des sogenannten Bitterfelder Weges wurden Künstler und Schriftsteller aufgefordert in die Betriebe zu gehen, um so den Aufbau des sozialistischen Staates künstlerisch darzustellen, zu dokumentieren und die „Literaturgesellschaft“ und Kulturschaffenden der DDR sowohl durch eine Annäherung der Schriftsteller und Künstler an die praktische Arbeit in Landwirtschaft und Industrie als auch durch eine Annäherung der Arbeiter an die Literatur („ Dichter in die Produktion! “; „ Greif zur Feder, Kumpel “) zu fördern.

„ Entfaltung der sch ö pferischen Kr ä fte aller Mitglieder der Gesellschaft um den notwendigen Ü berfluss an materiellen und geistigen G ü tern f ü r das gesamte Volk zu schaffen “, so lautete die Zielsetzung der ersten Bitterfelder Konferenz, welche am 23.April 1959 im Kulturpalast Wilhelm-Pieck des elektrochemischen Kombinats Bitterfeld - dem Zentrum der chemischen Industrie in der DDR - stattfand.

Politiker der SED nutzten die anfänglich kleine Autorenkonferez um ihre Forderungen an die neue Kulturpolitik zu thematisieren. Die auf dieser Konferenz gemachten Aussagen Alfred Kurellas (Schriftsteller und Politiker) und Walter Ulrichts prägten die Kulturpolitik der folgenden Jahrzehnte, denn auch nach dem eindeutigen Scheitern der Bitterfelder Idee hielt die Regierung an diesem Konzept bis zum Ende der DDR fest.

In seinem Grundsatzreferat sprach Walter Ulbricht über die Schaffung der sozialistischen Nationalkultur in der Kunst und Kultur.

An die Schriftsteller und Kulturschaffenden richtet er den Appell, die neuen Aufgaben schnell zu erfüllen, da die DDR “ ...auf allen Gebieten der Kultur die absolute Ü berlegenheit gegen ü ber Westdeutschland in den n ä chsten Jahren unter Beweis stellen [muss]. Das gilt f ü r alle Zweige der Kunst. “ . Außerdem forderte er, dass die Autoren „ das Neue im Leben, in den gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen, in ihrem Kampf um den sozialistischen Aufbau, um die sozialistische Umgestaltung des gesamten Lebens k ü nstlerisch gestalten, dass sie durch ihre k ü nstlerischen Leistungen die Menschen begeistern und dadurch mithelfen, das Tempo der Entwicklung zu beschleunigen und vorw ä rtszubringen. “

Alfred Kurella diskutierte in seinem Referat über die ökonomischen Aufgaben der Literatur. Er forderte die Einbeziehung der Kunst - besonders der Literatur - in den Siebenjahresplan (1959-1965), denn seiner Meinung nach hatten Wirtschaft und Politik schon mehr zum Aufbau des Sozialismus beigetragen als Kultur und Kunst. Künstler und Schriftsteller sollten Partei für die Arbeiter ergreifen und den Aufbau des Sozialismus zum Inhalt ihrer Werke nehmen. Es gab die Vorgabe, Themen und Stoffe aus der Arbeitswelt zu behandeln und sie ideologisch in die Darstellungsweise des sozialistischen Realismus zu bringen.

Gleichzeitig sollten die Arbeiter, mit Hilfe der Künstler, „ H ö hen der Kultur st ü rmen und von ihnen Besitz ergreifen. “. Mit Aussagen wie „ Kumpel, greif ´ zur Feder, die sozialistische Nationalkultur braucht dich! “, forderte Walter Ulbricht die Werktätigen auf, sich mit der Kunst und Literatur zu befassen und auseinanderzusetzen.

Weiterhin wurde auf der Konferenz von Max Zimmering vorgeschlagen, in Betrieben Planstellen einzurichten. Durch schriftliche Arbeitsvereinbarungen sollten die Künstler an den Betrieb gebunden werden. Diese sogenannten Werkverträge verpflichteten den Künstler zur künstlerischen Beratung, zur Herstellung mehrerer Kunstwerke für das Betriebsgelände bzw. schriftlichen Werken aller Art und zur Zusammenarbeit mit den Werktätigen, zum Teil in Zirkeln. Mit einem Werkvertrag war der Künstler beruflich wie finanziell gut abgesichert. Die Idee einen Künstler als Lehrmeister für Arbeit zu engagieren, stammt wohl zum Teil von der „Geburtshelfertheorie“ Andor Gabors. Hier heißt es, Künstler aus den bürgerlichen Schichten hätten lediglich die Aufgabe, den Arbeitern das entsprechende künstlerische Handwerk zu vermitteln. Die vom Betrieb organisierten Verkaufsmessen, Kunstvorträge und Kunstdiskussionen hatten nur das Ziel, das Verständnis der Arbeiter für die Bildende Kunst zu fördern.

In jeden Großbetrieb gab es ein großes Angebot an Volkskunstgruppen. In diesen Zirkeln und Gruppen konnten die Arbeiter ihren Hobbys nachgehen, wie zum Beispiel Theater spielen oder in einer Musikgruppe mitwirken. Diese Art der „betrieblichen Freizeitbeschäftigung“ war weit verbreitet und zu dem sehr beliebt. Volkskunstgruppen gab es schon vor der Bitterfelder Konferenz, danach jedoch noch vermehrt. Gesteigerter Wert wurde nun natürlich auf die Gruppen, die sich mit Literatur und der bildenden Kunst beschäftigten gelegt. Wichtig war hier, dass sie sich mit der Kunst und Literatur im Bitterfelder Sinne befassten. Dazu ein Beispiel aus dem Zirkel „Schreibende Arbeiter“ von der Neptun Werft in Rostock:

„ Schreibende Arbeiter “

Wir stehen acht Stunden in den Betrieben An den Maschinen und auf dem Kran, und weil auch wir die Heimat lieben, fangen wir mit dem Schreiben an.

Die H ä nde, ö lverschmiert, greifen wir zur Feder, die Z ä hne leuchten wei ß im Gesicht.

Und du willst schreiben fragt ein jeder, einen Roman, eine Novelle, ein Gedicht? Viele Arbeiter schreiben von gro ß en Taten,

welche vollbracht in Stadt und Land,

wie Kollegen und Intelligenz beraten,

wie sie die Pl ä ne erf ü llen - Hand in Hand - , von der Entwicklung der Jugendbrigaden, wo sie arbeiten mit gro ß en Elan, von der Einf ü hrung der Neuerermethoden,

von der Arbeit an unserem Siebenjahresplan.

Diese Art organisierter Freizeitbeschäftigung wurde von vielen Arbeitern als willkommene Abwechslung zum Betriebsalltag aufgefasst.

Der Großteil der Gruppen stand unter professioneller Leitung. Da gab es Mitglieder des Stadttheaters die den Schauspielzirkel leiteten, Bildhauer, die den Zirkel der Bildenden Kunst unterstützten und Schriftsteller, die sich um die „Schreibenden Arbeiter“ kümmerten. Ende 1959 wurde die Zusammenarbeit zwischen dem FDGB und dem VBK verträglich festgehalten. Beide Seiten erarbeiteten jährliche Maßnahmenpläne. Unter anderem wurde vom FDGB ein jährlicher Kulturpreis gestiftet und unterstützte damit unter anderem den VBK bei den Kunstausstellungen anlässlich der Arbeiterfestspiele. In neun Punkten wurde das Betätigungsfeld der Künstler festgehalten: es ging insbesondere darum, das kulturelle Bedürfnis der Arbeiter zu stillen.

Mit einer lebensbejahenden Kunst und deren ideologischen Inhalten - wie oben schon erwähnt - sollten die Arbeiter zu einer höheren Produktivität angeregt werden.

Nach nur ein paar Jahren hatten sich die Künstler auf dem Bitterfelder Weg fest gelaufen. Es ging künstlerisch nicht mehr voran. Literatur und Kunst konnten sich unter den ganzen Dogmen nicht mehr frei bewegen, sich nicht entwickeln. Viele der Künstler wollten ihre Welt darstellen, vor allem aber wollten sie nicht mehr nach den Richtlinien des sozialistischen Realismus arbeiten. Aus den festgefahrenen realistischen Malweisen, wurden experimentelle moderne Bilder. Schriftsteller schrieben sehr viel kritischer über den Alltag in den Betrieben, als es der Partei recht war. Zumal der Partei viele der Bilder zu realistisch wurden, es war nicht mehr der heroische Arbeiter, sondern der erschöpfte resignierte, der dargestellt wurde. Hier und da wurden Künstler zurückgerufen, weil ihre Bilder zu viel Realismus besaßen. Die Zahl der Verträge zwischen Künstlern und Betrieben ging Ende der 60er Jahre stark zurück. Bernd Heisig meinte dazu 1964, "der Bitterfelder Weg mache wenig Freude, die Partei behandle die K ü nstler wie Kinder."

Die Zielsetzung des Bitterfelder Weges musste teilweise korrigiert werden. Zunächst geschah dies auf den großen Kulturkonferenzen 1960. Jetzt war nur noch davon die Rede, dass diese neuen literarischen Werke der Arbeiter und Bauern eine wichtige Stoffsammlung für die großen, noch zu schreibenden Kunstwerke seien. Damit reagierte die offizielle Kulturpolitik auf die „Bitterfelder Lesefrüchte“ und den weiteren Verfall des literarischen Niveaus. Sicher haben auch kritische Äußerungen, wie die von Franz Fühmann in seinem Brief an den damaligen Kultusminister Hans Bentzien (1961-1966): „ Es muss aufh ö ren, jede thematisch begr üß enswerte, doch k ü nstlerisch amorphe Arbeit als ‚ Meisterwerk ‘ oder ‚ erneuten Beweis f ü r unsere noch nie dagewesene Literaturbl ü te ‘ zu feiern. Es muss aufh ö ren, dass einer f ü r Pfusch und Murks noch honoriert wird. Wir m ü ssen uns echte Ma ß st ä be k ü nstlerischer Leistung erarbeiten. Wir m ü ssen die Erkenntnis durchsetzen, dass ein bewu ß tes Hinarbeiten auf Spitzenprodukte kein Z ü chten von Stars ist. Wir m ü ssen allen Versuchen einer Nivellierung und Gleichmacherei entgegenwirken. “

Der mit der Doktrin des sozialistischen Realismus eingeleitete Konflikt zwischen den Schriftstellern und der Partei verschärfte sich mit Bitterfeld weiter. Die Ausreise einiger namhafter Schriftsteller aus der DDR, wie Uwe Johnson, Martin Gregor-Dellin, Helga M.

Novak, Horst Bienek und die Entlassung des international angesehenen Lyrikers und Chefredakteurs der Zeitschrift Sinn und Form, Peter Huchel, Ende 1962 sprechen für sich. Eine Einladung zur 2. Bitterfelder Konferenz sagte Franz Führmann mit einem Schreiben ab. In diesem äußerte er sich dahingehend, daß er für sich keine Möglichkeit mehr sähe diesen Weg weiter zugehen. Er sagte: "In einen Betrieb gehen und dort l ä ngere Zeit mit einer Brigade zu arbeiten ..., f ü gt den ersten sch ö nen und tiefen Erlebnissen der Begegnung von Schriftsteller und Arbeiter zu wenig neue Erlebnisse und Erfahrungen hinzu, als da ß sich der gro ß e Aufwand an Zeit noch rentiere, und auch wenn man den Betrieb wechselte, wie ich es getan habe, kommt man doch schlie ß lich einmal an eine Grenze, ... Letzten Endes ist man bei aller freundlichen, ja freundschaftlichen, ja herzlich-erwartungsvollen Aufnahme, die mir und anderen zuteil wurde, doch nur ein Au ß enstehender."

Auf der 2. Bitterfelder Konferenz am 24./ 25. April 1964 stand eine Neuorientierung auf kulturpolitischer Ebene an. Inoffiziell wurde das Scheitern dieses so wohl gerühmten Weges zugegeben: „ Vergessen ist der Bitterfelder Weg ...". "Der Bitterfelder Weg hatte sich fest gelaufen, weil dessen Kunst keinem, au ß er den Funktion ä ren gefiel, und auch nicht begriff."

Trotz allem, wurde am Bitterfelder Streben offiziell bis zum Ende der DDR festgehalten.

Der Bitterfelder Weg hat die Kultur in der DDR entschieden beeinflußt, wenn er auch nur etwa 5 Jahre lange wirklich praktiziert wurde. Durch ihn wurde das enorm ausgeprägte System der Auftragspolitik angekurbelt. Bis zum Ende der DDR wurde viel Kunst in den Betrieb geholt.

Aus vielen Gründen hatte der Bitterfelder Weg keine Chance, einer von ihnen ist der, daß Kunst nicht nach dem Plan der Partei funktionieren kann. Es muß immer eine Entwicklung geben. In einem Staat in dem die Kunst politischen Richtlinien unterworfen war und die Künstler nach ihnen ‚tanzen' mußten, konnte ein Bitterfelder Weg nur entgleisen. Ein Gutes hatte er allerdings: die Konfrontation mit Kunst. Es haben sich mehr Menschen mit Kunst befaßt, als sie es ohne den Bitterfelder Weg getan hätten.

Im Zuge des Bitterfelder Weges entstanden zum Berispiel Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ von 1963 oder Erik Neutschs Roman „Spur der Steine“ von 1964. Noch heute kaufen Firmen, wie das PCK Schwedt, Kunstwerke an, wenn auch ohne politischen Hintergrund und in weniger Mengen.

1965 äußerte Christ Wolf sich in „Selbstauskünfte“ zum Konzept des Bitterfelder Weges folgendermaßen: „ Gerade dadurch, dass ich Menschen in schweren, komplizierten Situationen erlebte, sah ich: Der Sozialismus ist in unserem Land, f ü nfzehn Jahre nach der Zerschlagung des deutschen Faschismus, f ü r Millionen eine Realit ä t geworden. Wirklichkeit des t ä glichen Lebens, Ziel ihrer Arbeit. Er wurde in einem Teil Deutschlands zur menschenbildenden Kraft. Diese Tatsache gibt uns die Sicherheit, uns frei in unserem Stoff zu bewegen, die Vorteile immer besser zu nutzen, die unsere Gesellschaft dem Schriftsteller bietet: Dass er in die Lage versetzt wird, sich das Wissen und die Erlebnisse zu verschaffen, die n ö tig sind, um ein Gesamtbild der modernen, komplizierten Industriegesellschaft zu bekommen; dass er sich nicht, wie ein Gro ß teil der b ü rgerlichen Literatur heute, mit Randerscheinungen zufrieden geben muss, sondern zum Wesentlichen gedr ä ngt wird. “

Zum Schluss muss ich noch erwähnen, dass Künstler nicht nur aufgrund des Bitterfelder

Weges in den Betrieb gingen. Es gab einige, so wie Walter Dötsch in Bitterfeld, die gerne die Arbeitswelt dokumentierten und aus eigenem Interesse in einen Betrieb gingen.

Zusammenfassung:

Der Bitterfelder Weg war ein Programm zur Entwicklung der „sozialistischen Nationalkultur“ in der DDR. Dieses Programm wurde auf der 1. Bitterfelder Konferenz (24. April 1959) verabschiedet. Danach sollten einerseits die Kulturschaffenden in direkten Kontakt mit dem „sozialistischen Aufbau“ gebracht („ Dichter in die Produktion “), andererseits die Werktätigen zu eigener literarischer und künstlicher Tätigkeit aufgefordert werden („ Greif zur Feder, Kumpel “). Ziel dieser Bewegung war die Verherrlichung des „sozialistischen Menschen“ mit den Mitteln des sozialistischen Realismus. Trotz großer Unterstützung dieses Programms durch den Staat und einer Erweiterung der Initiativen auf der 2. Bitterfelder Konferenz (24./25.4.1964), blieben die Ereignisse weit hinter den Erwartungen zurück.

4. Die 70er und 80er / Die Ausbürgerung von Wolf Biermann Vorab möchte ich etwas zum 11. Plenum des Zentralkomitees der SED, vom 16. bis zum

18. Dezember 1965, sagen.

Wie in ‚1. Die Entwicklung der DDR - Literatur in Phasen (1945 - 1989)‘ schon erwähnt, fand nach dem Mauerbau ansatzweise ein Liberalisierung in der Kulturpolitik statt. Immer mehr Schriftsteller und Künstler wagten eine offene Kritik am Sozialismus. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965 macht damit Schluss. Das Plenum richtete über unangenehme Strömungen in der DDR - Literatur, vor allem aber im Film: Ganze zwölf Filme, ein ganzer DEFA - Jahrgang, wurden verboten, Theaterstücke, Radio- und Fernsehsendungen abgesetzt, Bücher kamen nicht in Druck. Die DDR wurde, so Erich Honecker, „ ein sauberer Staat “. Die DDR- Kunst, vor allem Film und Dramatik, hat sich von diesem Ausgang nie wieder erholt. Ins Zentrum der Kritik rückte auch Wolf Biermann, der im Westen als DDR- Kritiker gefeiert wurde. Nach dem er schon nach der Veröffentlichung seiner Liedersammlung „Die Drahtharfe“, Veröffentlichungs- und Auftrittsverbot erhielt, wurde ihm im November 1976 die Staatsbürgerschaft entzogen. Zur Begründung schrieb das Neue Deutschland vom 17. November 1976: „ Mit seinem feindseligen Auftreten gegen ü ber der Deutschen Demokratischen Republik hat er sich selbst den Boden f ü r die weitere Gew ä hrung der Staatsb ü rgerschaft der DDR entzogen. “ In einem weiteren Kommentar hieß es weiter dazu: „ Zur Staatsb ü rgerschaft geh ö rt eine Treuepflicht gegen ü ber dem Staat. “ Diese habe Biermann „ bewusst und st ä ndig grob verletzt “. Auch Stefan Heyms Roman „Fünf Tage im Juni“, eine Darstellung der Ereignisse um den 17. Juni 1953, durfte nur in der BRD erscheinen. Christa Wolf, die nicht in Ungnade gefallen war, zeigte auf dem 11. ZK- Plenum Mut, als sie sagte: „ Die Kunst muss auch Fragen aufwerfen, die neu sind. “. Über hundert Persönlichkeiten aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens protestierten gegen die Ausbürgerung Biermanns in einem von ihnen unterzeichneten offenen Brief. Sie forderten die Verantwortlichen auf, den Beschluss zu überdenken: „ Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter - das hat er mit vielen Dichtern der Vergangenheit gemein. Unser sozialistischer Staat, ..., m ü sste im Gegensatz zu anachronistischen (veralteten)

Gesellschaftsformen eine solche Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen k ö nnen. Wir identifizieren uns nicht mit jedem Wort und jeder Handlung Biermanns und distanzieren uns von Versuchen, die Vorg ä nge um Biermann gegen die DDR zu missbrauchen. Biermann selbst hat nie, auch nicht in K ö ln, Zweifel daran gelassen, f ü r welchen der beiden deutschen Staaten er bei aller Kritik eintritt. Wir protestieren gegen seine Ausb ü rgerung und bitten darum, die beschlossene Ma ß nahme zu ü berdenken. “ (veröffentlicht in der Zeit, am 3. Dezember 1976). Natürlich gab es auch Künstler und Schriftsteller, die für diese Maßnahme waren. Unter ihnen waren zum Beispiel Hermann Kant, Erik Neutsch, Dieter Noll, Anna Seghers. Sie äußerten sich aus eigenem Antrieb oder organisiert auf Wunsch derjenigen, die etwas im Bereich Kulturpolitk zu sagen hatten. Ihnen kam es natürlich darauf an, deutlich zu machen, dass die Entscheidung Biermann auszubürgern, eine breite Zustimmung bei der künstlerischen „Intelligenz“ gefunden habe. Diese Geschehnisse verursachten eine tiefe Kluft zwischen kritischen und sozusagen gefolgsamen Schriftstellern.

Der eigentliche Zweck der SED solcher Maßnahmen, und zwar Kulturschaffende wieder auf linientreuen Kurs zu bringen und Kritik am SED- Staat so weit wie möglich zu unterbinden, zog nicht nur innen- und kulturpolitisch schwere Konflikte nach sich, der die Partei nur mit Mühe Herr wurde. Sie trug auch zu einem gravierenden Stimmungsumschwung in der DDR bei. Binnen weniger Jahre führte die Solidarisierung namhafter Autoren und Autorinnen sowie Kunstschaffender mit Biermann zu massiven Gegenmaßnahmen der Partei. So wurden unter anderem Sarah Kirsch und Jurek Becker aus der Partei ausgeschlossen, Jürgen Fuchs, Christian Kunert und Gerulf Pannach wurden in die BRD abgeschoben. Nach fünf Jahren Sozialismus unter Honeckers Führung hatte sich zwar der Lebensstandard in der Bevölkerung verbessert, aber die Unzufriedenheit der Menschen konnte nicht entscheidend abgebaut werden. Honecker konnte die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Anspruch und Realität standen sich in den 70er Jahren wie schon zu Ulbrichts Zeiten unversöhnlich gegenüber. Der SED- Staat büßte immer mehr Glaubwürdigkeit ein. Darüber hinaus stieß er in zunehmenden Maße auf eine anpassungsunwillige Generation, die die alten, tief verinnerlichten Tabus der Älteren nicht gelten ließ. Immer mehr wurde in der Literatur das Gefühl der Jugend hervorgehoben. Der Roman „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf zeigt dies sehr gut.

In den 80er Jahren kristallisierten sich die Lyriker heraus. Das Vorgehen der DDR- Regierung gegen Andersdenkende hatte sich in diesen Jahren weiter verschärft. Die Festnahmen, Durchsuchungen und Ermittlungen im Januar 1988 im Umfeld der offiziellen „Kampfdemonstration zu Ehren Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts“ in Ost- Berlin führten dies der Öffentlichkeit auf die unfreundlichste Art und Weise vor Augen. Der Liedermacher Stefan Krawczyk, Integrationsfigur der Bürgerrechtsbewegung in der DDR; wurde mit anderen kritischen „Intellektuellen“ festgenommen und einige Wochen später, wie Biermann zuvor, gegen seinen Willen in die BRD abgeschoben. Er war der politischen Führung schon lange ein Dorn im Auge gewesen, da er trotz seines Auftrittsverbots von 1986 über 80.000 Menschen zu seinen Liedern um sich versammelt hatte. Hier waren sich die „Nichtangepassten“ näher gekommen. Er hatte sie ermutigt, selbst initiativ zu werden und durch seine schonungslose und selbstlose Offenheit Zuspruch dort gefunden, wo sie das Regime nicht erwünschte. Im Spiegel vom 8. Februar 1988 sagte Krawczyk später: „ Die

Angst der Parteib ü rokraten in der DDR vor der Zustimmung vieler Menschen in unseren Veranstaltungen und vor westlichen Medieninteresse ist so gro ß , dass die spitze abgebrochen werden musste “. Ähnlich hatte sich in den 60er Jahren bereits Biermann in „Die Drahtharfe“ geäußert:

„ Die einst vor Maschinengewehren mutig bestanden f ü rchten sich vor meiner Gitarre. Panik breitet sich aus, wenn ich den Rachen ö ffne und Angstschwei ß tritt den B ü roelefanten auf den R ü ssel, wenn ich mit Liedern den Saal heimsuche, wahrlich Ein Ungeheuer, eine Pest, das muss ich sein, wahrlich Ein Dinosaurier tanzt auf dem Marx- Engels- Platz

Ein Rohrkrepierer, fester Klo ß im feisten Hals Der Verantwortlichen, die nichts so f ü rchten wie Verantwortung. “

Die Kulturpolitiker fürchteten nach wie vor das gedruckte Wort und den kontroversen Dialog. Dies offenbarte nachdrücklich der X. Schriftstellerkongress im November 1987, von dem sich viele einen Durchbruch für mehr Offenheit erhofften. Im Mittelpunkt der Gespräche und Vorträge der Autoren, die in ungewohnter Offenheit und kontrovers - in Anwesenheit der politischen Führungsspitze - verliefen, stand die Forderung, endlich die Schikanen der Zensur (siehe: ‚5. Die Literaturzensur in der DDR‘) zu unterlassen und die staatliche Aufsicht beim Genehmigungsverfahren einzustellen. Am deutlichsten plädierte dafür der bekannte Schriftsteller Christoph Hein: „ Das Genehmigungsverfahren, die staatliche Aufsicht, k ü rzer und nicht weniger klar gesagt: die Zensur der Verlage und B ü cher, der Verleger und Autoren ist ü berlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar ... Die Zensur h ä tte zusammen mit den Lebensmittelmarken Mitte der 50er Jahre verschwinden m ü ssen, sp ä testens im Februar 1956. “

In der kulturpolitischen Phase von Biermann bis Krawczyk präsentierte sich der SED- Staat schwach und mächtig zugleich. Schwach, weil er den offenen Widerspruch kritischer Intellektueller so sehr fürchtete, dass er sich genötigt sah, sie einzusperren oder auszubürgern. Mächtig nur, weil dieses Regime nicht vor Menschenrechtsverletzungen und stalinistischen Unterdrückungsmethoden zurückschreckte, „ denen es seine Einsetzung verdankt und sein Ü berleben in den Jahren des ‚ Kalten Krieges ‘“ (Theo Sommer).

5. Die Literaturzensur in der DDR

5.1. Einleitung / Geschichte der Literaturzensur in Deutschland:

Literaturzensur bezeichnet die meist staatliche Kontrolle von Publikationen, um die Veröffentlichung unerwünschter Nachrichten und Meinungen zu verhindern.

Gerade in Deutschland hat diese Zensur eine lange Tradition. Wurden im 15. und 16. Jahrhundert Bücher vorrangig aus religiösen Gründen mit dem Bann belegt und als ketzerisch gebrandmarkt, zwangen Zensur und andere Unterdrückungsmethoden die Schriftsteller später meist aus politischen Gründen zur Emigration oder Anpassung. Einen Höhepunkt erlebte die Zensur Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem Wiener Kongreß unter Metternich. In einem Ausmaß wie nie zuvor wurden Bücherverbrennungen und Zensur im 3. Reich zu einem Instrument der Unterdrückung intellektueller, politischer und künstlerischer Aktivitäten.

Nach 1945 wurden Zensur und Unterdrückung Andersdenkender, wenn auch in anderem Maßstab und unter anderen politischen und ideellen Vorzeichen, im Ostteil Deutschlands fortgesetzt.

Die Regierung in der DDR nutzten die Zensur teils verdeckt, teils offen und brutal, um die Meinungs- und künstlerische Freiheit zu unterdrücken, die öffentliche Meinung zu manipulieren und provokative Ideen aus Büchern und Köpfen zu verbannen. Ziel aller diesbezüglichen Aktionen war die Kontrolle und Steuerung des Volkes.

Auf „zensurwürdige" Themen, spezielle Zensurformen, staatliche Druckmittel und die Entwicklung der Literaturzensur in der DDR möchte ich im Folgenden näher eingehen.

5.2. Zensur - ein Widerspruch zwischen Verfassung und Realität:

Die Literaturzensur war in der DDR allgegenwärtig. Wie konnte man auch an ihrer Existenz zweifeln, wenn sie im "Wörterbuch der Literaturwissenschaft" von 1986 folgendermaßen erläutert ist:

"Unter sozialistischen Gesellschaftsverh ä ltnissen, unter denen sich die Herausgabe und Verbreitung von Presse- und Verlagserzeugnissen grunds ä tzlich auf der Basis des demokratischen Zentralismus bei voller Verantwortlichkeit der Produzenten regelt, bleiben prinzipiell Publikationen ausgeschlossen, die den Frieden, die V ö lkerverst ä ndigung, die Menschenw ü rde und den sozialen Fortschritt gef ä hrden."

Daß in der DDR weder Meinungs- noch Pressefreiheit existierten, zeigt auch der folgende Brief aus dem Jahre 1968 der "Sächsischen Zeitung" an den Schriftsteller Siegmar Faust:

"Wir best ä tigen Ihnen den Eingang Ihrer Gedichte vom 14. diesen Monats. Gestatten Sie, da ß wir Ihnen in aller Offenheit sagen, da ß wir keine Redaktion finden werden, die Sie ver ö ffentlicht. Sie versteigern sich hier in pessimistische und ideologisch v ö llig abwegige Gedankeng ä nge, die unserem Lebensgef ü hl zutiefst widersprechen. Ehe Sie sich weiter bem ü hen, anderen Menschen etwas mitteilen zu wollen, halten wir es f ü r dringend ratsam, sich erst einmal selbst sehr eingehend mit unsere sozialistischen Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Die 13. Sitzung des Staatsrates und das 9. ZK-Plenum unserer Partei werden Ihnen dabei eine wertvolle Hilfe sein."

Dies alles steht allerdings im Widerspruch zur Verfassung der DDR. Diese bot eigentlich keine rechtliche Grundlage für Zensur in Kunst und Kultur. In Artikel 27 hieß es:

1. Jeder B ü rger der DDR hat das Recht, den Grunds ä tzen dieser Verfassung gem äß , seine Meinung frei und ö ffentlich zu ä u ß ern. [...]

2. Die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens ist gew ä hrleistet.

Nach dem Fall der Mauer 1989 wurde als einer der ersten Schritte die Zensur offiziell abgeschafft, obwohl sie ja eigentlich gar nicht bestanden hatte. Allein diese Tatsache zeigt, welche Differenz zwischen Verfassung und Wirklichkeit auf dem Gebiet der Zensur in der DDR herrschte.

In Wirklichkeit hatte die Regierung das Zensursystem bereits von der sowjetischen Militäradministration übernommen und es später weiter ausgebaut. Auf dem ersten Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller 1934 hatte A. Shdanow (damals erster Sekretär des Leningrader Gebiets- und Stadtkomitees der KpdSU) gesagt, die "wahrheitsgetreue und historisch konkrete k ü nstlerische Darstellung [der] Wirklichkeit in ihrer revolution ä ren Entwicklung [sei mit der Aufgabe zu verbinden], die werkt ä tigen Menschen ideologisch umzuformen und zu erziehen." An dieser Doktrin des sozialistischen Realismus hielt die SED in ihrer kulturpolitischen Programmatik bis zum Schluß fest.

5.3. Wonach hat der Zensor gesucht?

Da es keine schriftlichen Richtlinien gab, die die Zensur regelten, mußte sich der Zensor auf Erfahrungen, Fingerspitzengefühl und Intention verlassen. Er mußte ein Gespür für die Stimmungslage im ZK der SED haben. Natürlich war jeder Zensor daran interessiert, nicht selbst in die Schußlinie zu geraten und war somit gezwungen, seine Arbeit im Sinne der Regierung zu erledigen.

Bekannte Tabuthemen waren die positive Bewertung und Darstellung der westlichen Gesellschaft und des Kapitalismus, Texte mit faschistischen Zügen, Kritik an gewissen Zuständen in der DDR oder an der Regierung, kritische Darstellung der Sowjetunion und deren Führer (ausgenommen Gorbatschow) oder der kommunistischen Ideologie überhaupt und die Darstellung oder Diskussion von "Republikflucht". Außerdem hatten Themen wie Staatssicherheit, Polizeiwillkür, extreme Gewalt, Homosexualität, Pornographie, Wehrdienstverweigerung, Umweltverschmutzung, negative Zustände im Schulsystem, Selbstmord, Alkoholismus, Drogenmißbrauch, Arbeitslosigkeit und Kriminalität in sozialistischen Staaten so gut wie keine Chance öffentlich, das heißt auch in der Literatur diskutiert zu werden.

Bei dieser großen Zahl von Tabus scheint es unglaublich, daß überhaupt Literatur existieren konnte. Besonders erstaunlich ist dieses, wenn man bedenkt, daß auch bei allen anderen Themen der Mensch nie so dargestellt werden durfte wie er war, sondern nur so, wie er nach sozialistischer Ideologie sein sollte.

Ein Beispiel für eine solche Heroisierung ist die Manipulation der Thälmann - Biographie: Der KPD-Vorsitzende war Idol und Vorzeigeheld bei der patriotischen Erziehung der DDR- Jugend. Deshalb schreckte man bei offiziellen Werken wie der Thälmann-Biographie von 1979 nicht davor zurück, Episoden aus "Teddys" Leben zu streichen oder einfach zu verändern.

In dem Buch „Thälmann ist niemals gefallen?" deckt Tilo Gabelmann (Pseudonym) jetzt viele Lügen auf und erklärt wie diese entstanden sind. So wurde Thälmann von den SED- Legendenschreibern als unbeirrbarer, stahlharter Genosse geschildert. Gabelmann beweist, daß auch Thälmann während seiner Haft "verzagt und bedr ü ckt in seiner Zelle sa ß", aber das widersprach der Legende und konnte deshalb nicht veröffentlicht werden. So entstand auf vielfältige Weise ein völlig falsches Thälmann-Bild in der Öffentlichkeit. Dies ist nur eines von zahllosen Beispielen dieser Art DDR-Zensur.

5.4. Zensurarten:

Damit das Zensursystem auch wirklich optimale Arbeit leisten konnte, mußten Publikationen mehrere Zensurinstanzen durchlaufen.

Man kann hier zwischen der inneren und der äußeren Zensur unterscheiden. Zur äußeren Zensur gehörte erstens die Zensur der Verlage:

In der sogenannten Vorzensur las der Lektor das Manuskript und empfahl "Verbesserungen". Danach wurde das Werk durch ein Gremium des Verlages auf ketzerisches Gedankengut untersucht. Der Verlagsleiter griff nur bei Problemfällen ein.

Die zweite Form der Literaturzensur war die staatliche Zensur: Es existierten zwei staatliche Institutionen, die die Literaturzensur überwachten: die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel (HV) und das Büro für Urheberrechte. Die HV entschied über die Vergabe bzw. Nichtvergabe von Lizenzen und über die Auflagenhöhe, sowie über die Art und Weise der Vermarktung. Das Büro für Urheberrechte begutachtete, ob ein Buch im Ausland erscheinen durfte oder nicht.

Schließlich gab es noch die Parteizensur:

Sie existierte auf allen Ebenen, da Parteimitglieder in allen Institutionen Schlüsselpositionen besaßen. (z. B. im Schriftstellerverband). Teilweise erfolgte die Parteizensur aber auch von aller höchster Stelle, das heißt direkt vom Politbüro.

Als Ergebnis der äußeren, offiziellen Zensur etablierte sich nach und nach die innere oder auch Selbstzensur genannt immer stärker. Viele Autoren vermieden von vornherein Themen oder Formulierungen, die eine Veröffentlichung ihrer Werke gefährden könnten und machten so die äußere Zensur zum Teil überflüssig.

Zu dieser Problematik äußerte sich Christa Wolf 1974:

"Der Mechanismus der Selbstzensur, der dem der Zensur folgt, ist gef ä hrlicher als dieser. Er verinnerlicht Forderungen, die das Entstehen von Literatur verhindern k ö nnen, und verwickelt manchen Autor in ein unfruchtbares und aussichtsloses Gerangel mit einander ausschlie ß enden Geboten. [...] Ein Autor, der sich dieses Vorganges nicht sch ä rfstens bewu ß t bleibt und sein eigener unerbittlichster Kontrolleur ist, wird nachgeben, ausweichen, anfangen zu wischen."

Die Selbstzensur beeinflußte praktisch jede künstlerische Produktivität in der ehemaligen DDR. Nahezu jeder Autor war im Laufe seines schriftstellerischen Lebens einmal aber meistens öfter mit ihr konfrontiert, denn das System zwang Schriftsteller einfach Kompromisse einzugehen und ihre eigene Arbeit sowie ihr Denken - bewußt oder unbewußt - so zu beeinflussen, daß sie sich am Ende im Sinne der Regierung selbst zensierten. Wer das nicht wollte oder konnte, mußte entweder auf Veröffentlichungen verzichten und "für die Schublade schreiben" oder Kritik so versteckt anbringen, daß Zensoren sie nicht bemerkten. Doch wenn der Zensor sie nicht bemerkte, wer dann? - Der Durchschnittsbürger wohl kaum und genau das war das Ziel des gesamten Zensursystems. Ein Trick, den sich viele Autoren zu Nutzen machten, war die scheinbare Selbstzensur mit Hilfe des sogenannten "Porzellanhundes". Man baute eine stark übertriebene Kritik in sein Stück ein, die beim Zensor gar keine Chance haben konnte, aber eigentlich gar nicht wichtig war. Es folgte eine scharfe Diskussion mit dem Lektor über den "Porzellanhund". Man gab dann letztendlich doch nach, aber nur unter der Bedingung, daß alles andere im Text erhalten blieb. Somit war der "Porzellanhund zerschmissen", aber die eigentlich wichtige Stelle, die sonst wahrscheinlich Aufsehen erregt hätte, gerettet.

5.5. Bestrafungen:

Angesichts der zahlreichen Zensurarten und Unmenge an Tabuthemen, ist es nicht verwunderlich, daß die verschiedenen Zensurinstanzen über eine lange Reihe an Strafmöglichkeiten für die Autoren, die sich nicht nach den "Spielregeln" richteten, verfügten.

Schriftstellern, die sich weigerten nach den Regeln zu schreiben, oder zumindest Kompromisse einzugehen, drohten Publikationsverbote, Verbote von öffentlichen Lesungen, Parteiausschluß, Ablehnung von Visaanträgen für Reisen in den Westen, Veröffentlichung von Büchern in lächerlich kleinen Auflagen. Die Strafmöglichkeiten gipfelten in Hausarrest, Inhaftierung und Ausbürgerung

5.6. Entwicklung der Zensur unter Ulbricht und Honecker / verbotene Werke:

Die Liste der verbotenen Bücher und Texte, die der DDR-Zensur zum Opfer fielen ist sehr lang, deshalb kann im folgendem nur ein kleiner Teil dieser genannt werden. In der Ära Ulbricht(1949-71) galten bereits öffentliche Distanzierung und milde Kritik als staatsfeindlich. Die Zensur war sehr streng und unnachgiebig.

In den fünfziger Jahren wurden Werke von Brecht wie "Das Leben des Galilei" und "Verhör des Lukullus" und von Stefan Heym "Fünf Tage im Juni" verboten.

Mit dem Mauerbau von 1961 hofften viele Schriftsteller und Kritiker auf eine Entspannung der Lage, da dem Klassenfeind der Zutritt verwehrt sei und die Literatur nun auf Schönfärberei der Verhältnisse verzichten und die Probleme offener beim Namen nennen könne.

Doch die Mauer erwies sich als sogenannte "Hoffnungsfalle". Auch in den sechziger Jahren wurden sehr viele Bücher verboten, so z. B. "Nachdenken über Christa T." von Christa Wolf, "Das Impressum" von Hermann Kant und nahezu alles von Wolf Biermann und Reiner Kunze.

Diese Kulturpolitik unter Ulbricht wurde von vielen Schriftstellern akzeptiert und von einigen sogar verteidigt. So sagte z. B. Anna Seghers: "Ist die Arbeit sch ä dlich, wom ö glich gar feindlich? Dann darf sie nicht herauskommen."

In den ersten 5 Jahren der Honecker- Ära (ab 1971) wurde die Zensur recht großzügig gehandhabt. Kurzzeitig konnten auch Werke, die die Zustände in der DDR kritisch betrachteten, gedruckt werden z. B. Ulrich Plenzdorf: "Die neuen Leiden des jungen W."

Zwischen 1971 und 1976 bemühte man sich um Aussöhnung mit den meisten prominenten Dissidenten (Bürger mit antisozialistischer Haltung) ausgenommen Wolf Biermann. Das Jahr 1976 läutete das Ende der "literarischen Tauwetterjahre" ein. Es kam wieder vermehrt zu Verboten. Stücke von Stefan Heym ("Collin" 1979), Bettina Wegner ("Wenn meine Lieder nicht mehr stimmen" 1979), Günter Kunert (verschiedene Lyrikbände), Jurek Becker("Schlaflose Tage" 1978) und vielen anderen durften nicht mehr erscheinen. Zu Schriftstellern, deren Werke zensiert oder verboten wurden, gehörten Günter de Bruyn, Ulrich Plenzdorf, Stefan Heym, Volker Braun und Heiner Müller.

5.7. Positive Rolle der Zensur?

Die Allgegenwart der Zensur stellte für viele Schriftsteller (besonders die der eben erwähnten 4. Gruppe) auch eine Herausforderung dar. Sie war Ansporn zu mehr Kreativität, denn es war oft nötig alle künstlerischen Mittel wie Satire, Ironie, Metapher, Verfremdung usw. auszuschöpfen um die Zensur zu umgehen.

In Anbetracht der negativen Folgen der Literaturzensur wie die Verblendung der Bevölkerung, Unterdrückung der freien Meinungsäußerung und Ausweisung und Verhaftung von Schriftstellern kann diese positive Seite der Zensur nur als lächerlich klein angesehen werden. Es gibt, denke ich, wesentlich mehr Gründe kreativ zu sein, als den Zensor umgehen zu wollen.

5.8. Zusammenfassung / Welche Wahl hatten Schriftsteller?

Zusammenfassend kann man sagen, daß sich aufgrund des Zensursystems in der DDR fünf Arten von Schriftstellern herausbildeten.

Die erste und größte Gruppe umfaßte diejenigen Schriftsteller, die Selbstzensur übten und sich auch von außen Zensieren ließen. Sie hatten meistens ein schlechtes Gewissen, da sie wussten, daß das was sie geschrieben haben nicht wahr oder zumindest angepaßt ist. Zur 2. Gruppe gehörten diejenigen Schriftsteller, die sich aus Überzeugung der Ideologie des Staates widmeten und dementsprechende Bücher schrieben, die nicht zensiert wurden.

In der 3. Gruppe können alle Schriftsteller, die im freiwilligen oder unfreiwilligen Exil lebten, zusammengefaßt werden.

Die 4. Gruppe schließlich umfaßte Autoren, die durch Verschlüsselungen, Andeutungen und Umschreibungen versuchten versteckte Kritik zu üben.

Bleibt noch die 5. Gruppe zu nennen. Ihr gehörten die Autoren der sogenannten Schubladenliteratur an. Sie waren die einzigen wirklich freien Schriftsteller, aber diese

Freiheit beim Schreiben nutzte ihnen wohl recht wenig, da sie ihre Werke nicht publizieren konnten. Die Erfahrung lehrte, dass der autoritäre Staat die Freiheit des Geistes fürchtete. Er hatte deshalb einen Kontrollapparat eingerichtet, der die Freiräume beherrschte, um seine Allgegenwärtigkeit sicherzustellen.

6. Autoren der DDR

Im folgenden möchte ich vier Autoren der DDR vorstellen. Natürlich gibt es noch wesentlich mehr namhafte Autoren, die man nennen sollte, doch ich denke, dass vier für diese Arbeit ausreichen sollten.

6.1.: Christa Wolf

Ich möchte zu Christa Wolf ausführlicher schreiben, da ich beim durchgehen meiner Materialien über sie, oft die Aussage gelesen habe: „ prominenteste DDR- Schriftstellerin “. Christa Wolf ist am 18. März 1929 in Landsberg / Warthe geboren. Von 1949 bis 1953 studierte sie Germanistik in Jena und Leipzig. Sie trat 1949 der SED bei. 1953 bis 1962 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband. Ab 1956 war sie zusätzlich Cheflektorin des Verlages „Neues Leben“ in Berlin und 1958/59 Redakteurin der Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“. Von 1959 bis 1962 arbeitete sie als freie Mitarbeiterin des „Mitteldeutschen Verlages“ in Halle. In den Jahren 1960 bis 1961 absolvierte Christa Wolf im Zuge des Bitterfelder Weges ein Betriebspraktikum im Waggonwerk Ammendorf. 1961 veröffentlichte sie ihr erstes Prosawerk „Moskauer Novelle“, das in der DDR große Beachtung erlangte, in der BRD allerdings nicht veröffentlicht wurde. Ab 1962 arbeitete sie als freiberufliche Schriftstellerin. Ihren ersten großen Erfolg erzielte sie mit dem Roman „Der geteilte Himmel“, der sich mit der Problematik des geteilten Deutschland auseinandersetzt. 1963 wurde sie dafür mit dem Heinrich- Mann- Preis ausgezeichnet und 1964 wurde die Geschichte verfilmt. Von 1963 bis 1967 war sie Kandidatin des Zentralkomitees der SED, sie schied jedoch nach einer kritischen Rede aus dem Gremium aus. Ihre Etablierung im Literaturbetrieb erreichte Christa Wolf 1968 mit der Erzählung „Nachdenken über Christa T.“. Darin wird der Konflikt zwischen der historischen Entwicklung der Gesellschaft und den individuellen Ansprüchen der Protagonisten geschildert. 1974 wurde sie Mitglied der Akademie der Künste der DDR. 1981 wurde sie auch Mitglied der gleichnamigen Akademie in West- Berlin. Auch sie protestierte 1976 gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Ab 1978 hielt sie unter anderem Gastvorträge in den USA, Schottland, Italien und auch in der Bundesrepublik Deutschland. 1983 war die Veröffentlichung ihres Roman „Kassandra“ (Auszug), der nach eigenen Angaben eine „Schlüsselerzählung“ ist. Inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf der Darstellung des Geschlechterkonfliktes und der Gefährdung des Friedens. 1987 wurde sie mit dem Nobelpreis I. Klasse der DDR ausgezeichnet. 1989/90 trat sie aus der SED aus. Christa Wolf sprach sich dafür aus „ aus dem eigenen Land heraus Ver ä nderungen “ zu bewirken. 1990 wurde die Erzählung „Was bleibt“, die mit autobiographischen Zügen ihre Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR schildert, veröffentlicht.

Später zog sie sich ganz aus der politischen Öffentlichkeit zurück. 1990 verlieh ihr die Universität Hildesheim die Ehrendoktorwürde. 1993 bekannte sich Christa Wolf in einem Interview öffentlich dazu, zwischen 1959 und 1962 „Informelle Mitarbeiterin“ des Ministerium für Staatssicherheit der DDR gewesen zu sein. Unter dem Titel „Akteneinsicht Christa Wolf“ veröffentlichte sie die Akte, die sich mit dieser Zeit beschäftigt. Daneben liegen 42 Bände vor, die ihre Überwachung zwischen 1969 und 1989 dokumentieren. Aus der Akademie der Künste trat sie aufgrund der Diskussion um ihre Person aus, sie wurde aber 1994 wieder aufgenommen. 1994 veröffentlichte sie eine Sammlung von Texten, die sehr intim ihre Empfindungen und Verletzungen seit der Wiedervereinigung Deutschlands wiedergeben. 1996 war die Veröffentlichung des Romans „Medea - Stimmen“, in dem sie wie bei „Kassandra“ eine Gestalt aus der antiken Sagenwelt für sich sprechen läßt. 1999 erschien noch die Erzählung „Hierzulande - Andernorts“ und 2002 „Leibhaftig“. Einmal will ich dieses Licht noch sehen. Das Licht, das ich gemeinsam mit Aineias sah, sooft wir konnten. Das Licht der Stunde, eh die Sonne untergeht. Wenn jeder Gegenstand aus sich heraus zu leuchten anfängt und die Farbe, die ihm eigen ist, hervorbringt. Aineias sagte: Um sich vor der Nacht noch einmal zu behaupten. Ich sagte: Um den Rest von Licht und Wärme zu verströmen und dann Dunkelheit und Kälte in sich aufzunehmen. Wir mussten lachen, als wir merkten, dass wir im Gleichnis sprachen. Der Krieg, unfähig, sich noch zu bewegen, lag schwer und matt, ein wunder Drachen, über unsrer Stadt. Seine nächste Regung musste uns zerschmettern. Ganz plötzlich, von einem Augenblick zum anderen, konnte unsre Sonne untergehn. Liebevoll und genau haben wir ihren Gang an jedem unsrer Tage, die gezählt waren, verfolgt. Mich erstaunte, dass eine jede von den Frauen am Skamander, so sehr verschieden wir auch voneinander waren, fühlte, dass wir etwas ausprobierten. Und dass es nicht darauf ankam, wieviel zeit wir hatten. Oder ob wir die Mehrzahl unsrer Troer, die selbstverständlich in der düstren Stadt verblieben, überzeugten. Wir sahn uns nicht als Beispiel. Wir waren dankbar, dass gerade wir das höchste Vorrecht, das es gibt, genießen durften, in die finstere Gegenwart, die alle Zeit besetzt hält, einen schmalen Streifen Zukunft vorzuschreiben.

Auszug aus „Kassandra“ von 1983.

6.2.: Erik Neutsch

Erik Neutsch ist am 21. Juni 1931 in Schönebeck geboren. Ab 1949 war er SED- Mitglied. Von 1950 bis 1953 studierte er Publizistik und Gesellschaftswissenschaften an der Universität Leipzig. Von 1953 bis 1960 war er als Journalist und Kulturredakteur bei der Zeitung „Freiheit“ in Halle/Saale tätig. Ab 1960 arbeitete er dann als freier Schriftsteller und war Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR. Erik Neutsch trat mit seinen Romanen und Erzählungen, aber auch mit Novellen, Gedichten, Dramen, Essays und Drehbüchern für die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft ein, für die er sich auch politisch engagierte (seit 1963 als Mitglied der Bezirksleitung in Halle); Erik Neutsch zählte zu den renommiertesten (angesehensten) staatstreuen DDR-Schriftstellern. 1990 zog er den 4. Teil von „Der Friede im Osten“ wegen Falschdarstellung der Ereignisse 1968 in Prag zurück. Werke von ihm waren unter anderem „Die Regengeschichte“ (1960), „Die zweite Begegnung“ (1961), „Spur der Steine“ (1964), „drei Tage unseres Lebens“ (1970), „Karin Lenz“ (1971; Opernlibretto),

„Haut oder Hemd“ (1972; Drama), „Auf der Suche nach Gatt“ (1973) und „Der Friede im Osten“ (1974/78). „Vor fünfhundert Jahren wurde die Menschheit durch einen Aufbrauch erneuert, der den Namen Renaissance erhielt. Die Naturwissenschaften entstanden und sprengten das geistige Dogma der Religion. Der Erdball wurde entdeckt, Zwerge wurden zu Riesen. Ich glaube, der Mensch erkannte sich damals zum ersten Mal selbst. Vor genau fünfzig Jahren begann unsere Gegenwart. Und heute steht die Menschheit wiederum vor der Erneuerung, der tiefsten, die sie jemals erlebte. Innerhalb weniger Jahre erschloß uns die Wissenschaft Räume, deren Ausmaß wir vorerst nur ahnen können: die Atomphysik und die Mikrobiologie, die Raumfahrt und die Kybernetik, das Größte und das kleinste, und schließlich das Gesellschaftssystem des Sozialismus, den Schlüssel zu dieser gigantischen Umwälzung, in der der Mensch zum Beherrscher seiner selbst werden soll ... Ich bin kein Mystiker. Ich bin auch kein Fatalist. Aber wenn sich die menschliche Entwicklung auch weiterhin in solchen Bahnen bewegt, was dann? Was wird in fünfzig Jahren?“. „Dann geht die Welt unter“, rief einer, ein Witzbold vielleicht. „Irrtum“, und Konz lachte auch dazu. „...die Menschheit wird sich in einem Umbruch von Permanenz befinden. Doch endlich wird sie wohl auch zur ruhe kommen. Die Dialektik begänne zu wirken. Die Bewegung wird zugleich die Ruhe sein und umgekehrt. Die Menschheit hat ihren Neuzustand. Wenn sie sich heute schon darauf einrichtet... Wenn wir heute schon danach leben... Holen wir deshalb den Mond in unsere Städte. Seien wir weniger zaghaft.“ Er setzte sich, und ich gebe zu, dass ich niemals zuvor eine solche Rede gehört hatte. Konz ergänzte zwar noch, dass er sich des Mechanistischen seiner Thesen vollauf bewusst sei, und bat um Nachsicht für die eine oder andere Jahreszahl, aber der Eindruck, wir schritten auf das Jahr Null der Weltgeschichte zu, auf die Neugeburt der Menschheit, blieb bei uns allen haften.

Auszug aus der Erzählung „Drei Tage unseres Lebens“ von 1970

6.3.: Anna Seghers

Anna Seghers ist am 19. November 1900 in Mainz als Tochter eines Antiquitätenhändlers geboren. Sie studierte ab 1919 in Köln und Heidelberg Philologie, Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie und machte 1924 ihre Promotion. 1928 trat sie der KPD bei und war Mitglied des Bundes proletarisch- revolutionärer Schriftsteller. 1933 wurde sie verhaftet und floh nach Frankreich. In Paris arbeitete sie bei antifaschistischen Zeitschriften mit und 1935 nahm sie am Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in Paris teil. 1937 in Madrid und 1938 in Paris nahm sie auch am II. und III. Internationalen Schriftstellerkongress teil. 1940 floh Anna wiederum in den unbesetzten Teil Frankreichs und über Marseille nach Mexiko. Dort war sie Mitherausgeberin der Zeitschrift „Freies Deutschland“ und Vorsitzende des antifaschistischen „Heine- Klubs“. Sie kehrte 1947 nach Berlin zurück. Sie war Gründungsmitglied der Akademie der Künste, Mitglied des Präsidiums des Weltfriedensrates und Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR seit seiner Gründung. Bis zu ihren Tod am 1. Juni 1983 lebte Anna Seghers in Berlin. In diesem Augenblick begann in dem Inneren des Raumes ein tönen in vielen Abstufungen, bald schwer, bald weich. Ihm bebte es wieder den rücken hinunter. Noch mehr erregte es als das Läuten am frühen morgen. Es kam wohl aus Menschenstimmen. Er erblickte auf einer

Treppe mehrere reihen von Knaben in Schwarz und Weiß, und diese Knaben stimmten das Tönen an, aus ihren runden Mündern, bald laut, bald leise, bald alle auf einmal, bald gruppenweise. Er dachte: Was diese Erdenkinder alles vermögen! Er dachte plötzlich ganz scharf, wie er zu denken gewohnt war: Was man uns gelehrt hat über den Erdstern, war falsch. Ja, aus der Luft sah ich, ihr Ackerland ist verwüstet, die meisten Städte sind halb verbrannt, ein neuer Krieg zieht auf, er wird auch diese Stadt bald erreichen, dann muss sie untergehen in Blut und Feuer, das alles, ja, haben die alten Kundschafter wahrheitsgemäß berichtet. Dass man auf diesem Stern Herrlichkeit erfunden hat, die es bei uns gar nicht gibt. Beides ist da, das Furchtbare und das Herrliche; wieso beides zugleich da ist, weiß ich noch nicht.

Auszug aus „Sagen von Unirdischen“ von 1970

6.4.: Bertolt Brecht

Bertolt Brecht ist am 10. Februar 1898 in Augsburg als Sohn eines Fabrikdirektors geboren. Er studierte Literatur, Philosophie und Medizin. Im 1. Weltkrieg war er Soldat. 1924 übersiedelte er nach Berlin und arbeitete bis 1926 als Dramaturg bei Max Reinhardt am Deutschen Theater. 1933 emigrierte er über Österreich, die Schweiz und Frankreich nach Dänemark. Auch er nahm, wie Anna Seghers am Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in Paris teil. 1941 zog Bertolt über Schweden, Finnland und die Sowjetunion in die USA. Er kehrte aber nach einem Verhör durch das „Komitee zur Bekämpfung unamerikanischen Verhaltens“ 1947 zurück nach Europa. Dort ging es dann wieder über die Schweiz 1948 nach Berlin. 1949 gründete er zusammen mit Helene Weigel das Berliner Ensemble. Natürlich übernahm er auch bis zu seinem Tod am 14. August 1956 die Leitung dieses Theaters.

Um den Geschmack der Kinder auszubilden, muss man sie in eine besondere Schule bringen, wo sie machen können, was man für die Chemie in den Laboratorien macht. Sie müssen Möbel zur Verfügung haben, mit denen sie Zimmer einrichten, Kleider, die sie anziehen können und so weiter. Und es muss gute und schlechte Möbel geben und Kleider verschiedener Güte. Sie müssen Baukästen bekommen mit Bauteilen verschiedener Epochen, die sie aussuchen können. Aus kleinen Modellen sollen sie Gärten planen, aus künstlichen Blumen Sträuße binden lernen. Für den Musikunterricht brauchen sie Tonbänder, auf denen Musikwerke zerlegt aufgenommen sind und so weiter. Sie sollen Photographieren lernen und dabei Komponieren lernen. Drehen und Bemalen einfacher Tontöpfe. Setzkästen zum Komponieren von Buchseiten. Mappen mit kitschigen Bildern. Lesen von Gedichten, dann Abhören der Rezitation durch gute und schlechte Rezitatoren, auf Platten. Mappen mit edlen Gebrauchsgegenständen, Essbestecken, Spielkarten.

Auszug aus „Schule der Ästhetik“ von 1954.

Quellenangabe:

- „Deutschland - Report 7: Zwischen Anpassung und Kritik - Literatur im real existierenden Sozialismus der DDR“; von Günther Rüther; Konrad-Adenauer-Stiftung; Verlag Ernst Knoth GmbH, Melle

- „Kultur und Macht - Deutsche Literatur 1949 - 1989“; Aisthesis Verlag

- „Schüler - Duden: Die Literatur“; Meyers Lexikonverlag

- „Abiturwissen: Literatur“, von H. Stadler, K. Dickopf; Weltbild Kolleg

- „Dichter im Frieden - 100 Autoren der DDR“; von Günther Dommer; Aufbau-Verlag Berlin

- „Deutschland in den 70er / 80er Jahren“ von der Bundeszentrale für politische Bildung

- „Deutsche Geschichte von 1949 bis zur Jahrtausendwende“ von der Bundeszentrale für politische Bildung; CD- Rom; Olzologverlag

- Internet

Details

Seiten
24
Jahr
2002
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107395
Note
Schlagworte
Kulturpolitik Beispiel Literatur

Autor

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Titel: Die Kulturpolitik in der DDR am Beispiel der Literatur