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Motivierende Gesprächsführung: Ein Konzept zur Beratung von Menschen mit Suchtproblemen

Ausarbeitung 2002 9 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Gliederung / Inhaltsverzeichnis

A) Entstehung, Definition, Anwendung

B) Praxis
a) Fünf Grundprinzipien
b) Gesprächsbeginn: Phase I
-- fünf Eröffnungsstrategien
-- mögliche Fallen

C) Der Umgang mit Widerstand: Erkennen und Reagieren

D) Phase II: Selbstverpflichtung
a) Vorbereitung des Übergangs in Phase II, Risiken
b) Aushandeln eines Plans,
Übergang zum Handlungsstadium

A) Entstehung und Definition

Die Motivierende Gesprächsführung entstand im Bereich der Arbeit mit Alkoholabhängigen als Alternative zu der bisher dominierenden (insbesondere in den USA zur therapeutischen Maxime im Suchtbereich erhobenen) Strategie der harten Konfrontation bei Suchtmittelproblemen. Sie wurde (nach zahlreichen Vorarbeiten und Evaluation der Beratungsstrategien in verschiedenen Studien) von William R. Miller und Stephen Rollnick 1991 als Gesamtkonzept veröffentlicht [dt. Ausgabe bearbeitet von Georg Kremer und Bernhard Schroer, Freiburg im Breisgau, 1999].

Was ist das Besondere der Motivierenden Gesprächsführung?

Definition der Methode: Ein direktives, klientenzentriertes Beratungskonzept zur Lösung ambivalenter Einstellungen gegenüber Verhaltensänderungen.

Diese Definition verortet die Motivierende Gesprächsführung im Kreis der Beratungskonzepte nach Rogers (Grundsätze der humanistischen Therapieschulen), hebt aber insbesondere das direktive Element hervor. D.h. der Berater hat durchgängig ein bestimmtes Ziel im Auge und setzt Strategien gezielt ein, um es zu erreichen.

Dies erklärt sich durch die im Bereich des Suchtverhaltens typische hohe Fixierung auf stereotype Verhaltensmuster („Ich verstehe mein eigenes Verhalten nicht. Ich tue nicht, was ich will, sondern genau das, was ich hasse.“ => Problem der Ambivalenz in Hinblick auf Veränderungen bei süchtigen Verhaltensweisen).

Der Klient wird als autonomer Mensch mit Suchtmittelproblemen betrachtet und in den Vordergrund gestellt (Prinzip der Selbstverantwortung). Diese respektvolle, offene Grundhaltung wird zum ethischen Prinzip erhoben (emanzipatorischer Ansatz). Es gilt, den Klienten auf seinem Weg zu begleiten. Keine Einflussnahme oder Machtausübung!

Beispiel: Bild des Gärtners, der seine Fähigkeiten darin investiert, Leben zu fördern und Wachstumsprozesse zu unterstützen, die er niemals selbst erschafft, sondern immer nur begleitet (Miller/Rollnick, S. 16)

- Motivation zur Veränderung ist nicht Voraussetzung, sondern Ziel der Beratung. Der substanzabhängige Mensch besitzt in der Regel Wissen um die verheerenden Folgen seines Verhaltens, hat mehrere gescheiterte Selbstkontrollversuche /Rückfälle hinter sich. Aufgabe des Therapeuten ist, je nach bestehender Motivationslage des Klienten, dessen Motivation sich zu ändern aufzubauen bzw. zu fördern (Bereitschaft zu Änderungen in bezug auf Konsumverhalten und in allgemeinen Alltagssituationen)

- Verzicht auf spezielle Krankheits- und Ursachentheorien

Anwendung:

Im gesamten Suchtbereich [Alkohol -und Drogenmissbrauch, Ess-Störungen, Spielsucht etc.] welcher durch „exzessives Verlangen“ charakterisiert ist (Orford 1985 - kurzfristiger Befriedigung wird zu Lasten langfristiger Schäden der Vorzug gegeben). Anwendung z.B. auch im Arbeitsamt, im Sektor der Justiz oder in der Bewährungshilfe geeignet.

Motivierende Gesprächsführung kann auch als Vorbereitung / Grundlage für andere Behandlungsformen gesehen werden und ist nicht als einzig sinnvolles Beratungskonzept zu verstehen.

B) Praxis

Praktisches Vorgehen: Motivierende Gesprächsführung integriert unterschiedliche Konzepte und Methoden => Strategien klientenzentrierter Gesprächsführung, kognitiver Therapie, Systemtheorie und Prinzipien der Sozialpsychologie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Phase I: Motivation zur Veränderung aufbauen

Eröffnungsstrategien, um die o.g. Grundprinzipien in die Praxis umzusetzen

Fünf spezifische Techniken der Gesprächsführung für die Anfangsphase (1.Hauptphase - Klient im Stadium der Absichtsbildung/Absichtslosigkeit; ambivalent):

1) offene Fragen stellen , die zur ausführlichen Äußerung anregen/zwingen
2) aktives Zuhören: „Kommunikationssperren“ vermeiden. Diese bieten eine „schnelle Lösung“ - nehmen dem Klienten den Raum zur Selbstexploration und schaffen ein Machtgefälle. Besser: Aus dem Gehörten auf den Sinngehalt schließen und diese Annahme in Form einer Feststellung (keine Frage)auf Richtigkeit prüfen. Selektives Widerspiegeln
3) bestätigen: explizite Anerkennung, Lob, Verständnis
4) zusammenfassen macht Ambivalenzen sichtbar. Selektives Hervorheben bestimmter Aussagen. Wichtig: Angebot zum Korrigieren bzw. Hinzufügen
5) selbstmotivierende Aussagen provozieren: Klient soll selbst Gründe für eine Verhaltensänderung formulieren

=> vier allgemeine Kategorien selbstmotivierender Aussagen: Problem-bewußtsein, Besorgnis über Probleme, Veränderungsabsicht, Zuversicht

Methoden, solche Aussagen herbei zu führen:

- auffordernde Fragen
- die Entscheidungs-Waage
- ausführliche Darstellung
- Extreme benutzen
- Zurückschauen
- Nach vorn blicken
- Ziele herausfinden
- Paradox intervenieren

Mögliche Fallen beim Erstgespräch / während des Beratungsprozesses:

- die Frage-Antwort-Falle: Berater als „Experte“ kontrolliert die Sitzung, stellt kurze, geschlossene Fragen; Klient ist passiv.

Besser: offene Fragen bieten Gelegenheit zur Selbstexploration.

- die Konfrontations-Verleugnungs-Falle: der Klient ist in einem Motivationskonflikt - setzt sich der Therapeut nun für die Seite der „Problemveränderung“ ein, reagiert sein Gegenüber mit dem Muster, die andere Seite zu verteidigen
- die Expertenfalle: Berater will Situation des Klienten ordnen, Lösungen vorschreiben- dies vermittelt den Eindruck, er habe alle Lösungen parat
- die Etikettierungsfalle: negativ konnotierte Zuschreibungen
- die Vorzeitige-Eingrenzungs-Falle: Klient und Therapeut wollen unterschiedliche Problemfelder (zuerst) bearbeiten
- die Schuld-Falle: Schuldzuweisungen provozieren Rechtfertigung, Schuldfrage ist nicht relevant

[Kontaktaufnahme zwischen den Sitzungen: Studien zeigen ein vermindertes Risiko des Behandlungsabbruchs. Schon durch briefliche Kontaktierung erhöhte sich die Zahl der Rückkehrer]

Der Umgang mit Widerstand

Wie definiert man Widerstand?

Widerstand ist ein Kennzeichen, dass der Klient nicht mehr mit arbeitet; dass Strategien im Hinblick auf das gegenwärtige Veränderungsstadium des Klienten unangemessen sind

Erkennen der vier Kategorien von Widerstandsverhalten

- Argumentieren: der Klient stellt die Genauigkeit, Fachkenntnis oder Integrität des Therapeuten in Frage (z.B. Feindseligkeit)
- Unterbrechen in abwehrender Haltung (z.B. ins Wort fallen)
- Ablehnen: Widerwille des Klienten, Probleme zu erkennen, zu kooperieren, Verantwortung zu übernehmen (z.B. Widersprechen „ja, aber...)
- Ignorieren (z.B. Unaufmerksamkeit)

Reaktionsstrategien:

- einfache/überzogene Reflexion
- Reflexion der Ambivalenz
- Fokusverschiebung
- Zustimmung mit einer Wendung
- Betonung der persönlichen Entscheidungsfreiheit und Selbstkontrolle
- Umformulieren und anders beleuchten
- paradoxe Intervention.

Phase II: Die Selbstverpflichtung zur Veränderung stärken

Wichtig für den Berater ist das Erkennen des richtigen Moments (anhand von Indikatoren/Anzeichen)zum Strategiewechsel. Der richtige Augenblick, von der Motivationsbildung umzuschweifen auf das Ziel der 2. Hauptphase Motivierender Gesprächsführung, der Herstellung von Verbindlichkeit.

Miller und Rollnick ziehen hier einen Vergleich zum Ski-Fahren (S. 128) .

a) Vorbereitung des Übergangs in Phase II:

- Zusammenfassung der aktuellen Situation des Klienten,
- die sog. Schlüsselfragen (beantwortet mit aktivem Zuhören)

Risiken:

-Unterschätzen der Ambivalenz
-Unangemessene Verordnung
-mangelnde Lenkung

b) Prozess des Aushandelns eines Plans:

1) Ziele festlegen:

Formulierung konkreter, realistischer Veränderungsziele - langfristige umfassende Ziele vorausschauend im Auge behalten, zusätzliche neue Ziele können vom Berater vorgeschlagen werden

2) Veränderungsalternativen abwägen:

Mögliche Schritte zum Erreichen des Ziels aussuchen, Vorbereitung auf eventuelles Scheitern mit der gewählten Strategie

3) Veränderungsplan erstellen

konkreter schriftlicher Entwurf zur Veränderungsplanung (enthält z.B. Gründe, Hauptziele der Veränderung, Menschen, die behilflich sein könnten und Art der Unterstützung)

(Die Phasen sind nicht rein/klar voneinander abgrenzbar)

Übergang zum Handlungsstadium

z.B. indem Klient ein Buch erwirbt, beginnt, ein Medikament zu nehmen etc.

Literatur:

Miller, William R. und Rollnick, Stephen: Motivierende Gesprächsführung: Ein Konzept zur Beratung von Menschen mit Suchtproblemen, Freiburg im Breisgau, 1999 ISBN 3784111416, Lambertus Verlag

(Originalausgabe 1991: "Motivational Interviewing")

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Details

Seiten
9
Jahr
2002
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107213
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg
Note
bestanden
Schlagworte
Beratung

Autor

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Titel: Motivierende Gesprächsführung: Ein Konzept zur Beratung von Menschen mit Suchtproblemen