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Der Friedensvertrag von Versailles von John Maynard Keynes

Hausarbeit 2002 6 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

"Der Friedensvertrag von Versailles" von John Maynard Keynes

Der Friedensvertrag von Versailles, unterzeichnet am 28.6.1919 und am 20.1.1920 in Kraft getreten, gehört zu den Pariser Vorortverträgen, die den Ersten Weltkrieg offiziell beendeten1. Der Versailler Vertrag wurde getragen von Deutschland und 27 alliierten und assoziierten Nationen. Andere Länder, wie z.B. die USA oder China, schlossen in besonderen Verträgen Frieden mit Deutschland. Durch die Ratifizierung des Versailler Vertrages, die im übrigen unter grossen Protesten, insbesondere der Nationalisten und Kaisertreuen erreicht wurde, verpflichtete sich Deutschland u.a. zum Verzicht auf mehrere seiner Gebiete und all seine Kolonien, zur Leistung von Reparationszahlungen und zur Übernahme der alleinigen Schuld am Ausbruch des Krieges.

Der, im Jahre 1883 geborene, berühmte britische Volkswirtschaftler John Maynard Keynes, der seit 1915 Berater im britischen Schatzamt war, leitete dessen Delegation auf der Friedenskonferenz von Versaille, die die Bedingungen, unter denen ein Friedensvertrag mit Deutschland und seinen Verbündeten geschlossen werden sollte, aushandelte2. Er trat 1919 jedoch von dieser Position aus Protest gegen die Reparationsforderungen der Alliierten wieder zurück. Keynes hielt sie für volkswirtschaftlich nicht vertretbar. Seine Haltung hinsichtlich dieser Frage beschreibt er in dem im Jahre 1921 im Verlag für Politik und Wirtschaft erschienen Buch "Der Friedensvertrag von Versailles".

Keynes beginnt seine Ausführungen mit der Untersuchung des Friedensvertrages hinsichtlich seiner Gerechtigkeit. Er gelangt zu der Einsicht, dass es ungerecht war, Deutschland die alleinige Kriegsschuld aufzubürden. Vielmehr gibt er, zumindest teilweise, dem grundsätzlichen Charakter der internationalen Politik, dem wirtschaftlichen Imperialismus und dem Militarismus, der auch bei den anderen europäischen Mächten wie Russland oder Österreich - Ungarn ausgeprägt war, die Mitverantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Allerdings attestiert Keynes Deutschland eine besondere Verantwortung für den Ersten Weltkrieg. Dies soll ein Auszug belegen: "Die im Laufe des verflossenen Jahres uns zugänglich gemachten Beweise haben mich überzeugt, daß der Krieg während der dem August des Jahres 1914 vorangegangenen Wochen von führenden Personen Deutschlands mit voller Überlegung provoziert worden ist, mit der Absicht, ihn zum gegebenen Zeitpunkte beginnen zu lassen".

Tatsächlich veränderte sich das Verhältnis der europäischen Mächte nach Krönung Wilhelms II zum Kaiser sehr stark. Der Sohn Wilhelms I hatte das von Bismarck geschaffene Bündnissystem, welches die Isolation Frankreichs zum Ziel hatte, aufgekündigt und wollte Deutschland zu einer Kolonialmacht machen, die mit England und Frankreich konkurrieren sollte. Der Ausbau der Flotte bis zu einer mit der Englands vergleichbaren Stärke, hatte für den Kaiser oberste Priorität und sollte als wichtigstes Mittel zur Zielerreichung dienen. Diese aggressive deutsche Politik einerseits und eine expansive Kolonialpolitik der anderen europäischen Mächte andererseits führten zu immer größeren Spannungen. Die Ermordung des Österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo brachte das Fass schließlich zum Überlaufen.

Es folgt die Feststellung, dass das Deutsche Reich sich zu einer Kapitulation bereit erklärt hatte, jedoch sollte der Friedensvertrag auf Grundlage der 14 - Punkte des amerikanischen Präsidenten Wilson abgeschlossen werden. Keynes kommt jedoch zu dem Schluss, dass dies nicht der Fall sei und damit Verpflichtungen, die von den Alliierten gegenüber dem Deutschen Reich eingegangen worden sind nicht eingehalten wurden. Der Wilsonsche 14 - Punkte - Plan hatte vor allem einen Frieden des gerechten Ausgleichs und die Selbstbestimmung der Völker zum Ziel. Darüber hinaus sollte ein System der kollektiven Sicherheit geschaffen werden, der alle Staaten angehören sollten. Präsident Wilson wollte mit seinen 14 - Punkten den Weltfrieden sichern und die Völkerverständigung in Zukunft fördern.

Tatsächlich wurden jedoch mindestens zwei Ziele der Wilsonschen 14 - Punkte mit dem Versailler Vertrag verfehlt. Zum einen war der Friede nicht gerecht, sondern ein Diktatfriede der Siegermächte. Vor allem Frankreich, der ewige Rivale, wollte sich an Deutschland für die im Ersten Weltkrieg erlittenen Verluste, aber auch für die Schmach der Niederlage im deutsch - französischen Krieg von 1870/71 rächen. Dies impliziert schon allein der Ort der Vertragsunterzeichnung: Spiegelsaal von Versailles, in dem Wilhelm II 1871 zum Kaiser gekrönt wurde. Zum anderen war der Völkerbund, der zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens dienen sollte, mit dem Fernbleiben der USA praktisch ohne jegliche Macht.

Als nächstes untersucht Keynes die Folgen des Versailler Vertrages insbesondere für Deutschland, aber auch für die Siegermächte. Gleich zu Beginn des einleitenden Kapitels (S. 17-18) stellt Keynes die provokante These auf, dass der Vertrag "die wirtschaftliche Solidarität Europas ignoriert, indem er die Zerstörung des wirtschaftlichen Lebens Deutschlands anstrebt, bedroht er das Wohl und die Wohlfahrt der Alliierten selbst".

Darüber hinaus behauptet er dass "durch die Aufstellung von Forderungen, deren Ausführung im wörtlichen Sinn unmöglich ist, macht er sich lächerlich und beunruhigt Europa noch mehr". Die erste Behauptung, die den Siegermächten das Streben nach einer wirtschaftlichen Zerstörung Deutschlands unterstellt, ist insofern richtig, als dass durch den Versailler Vertrag die Wirtschaft des deutschen Reiches erheblich geschwächt wurde. Dieses Ziel ist in besonderem Maße Frankreich zuzuschreiben, das den Feind im Westen in Gestalt des Deutschen Reiches für immer beseitigen wollte. Dies führt auch Keynes als Argument an und gibt dazu Beispiele3. Durch die Gebietsabtretungen verlor Deutschland einen Grossteil seiner Kohle- und Erzvorkommen, sowie seiner Produktionsstätten. Außerdem war das Deutsche Reich dazu verpflichtet, die gesamte Handelsmarine abzugeben. Die Siegermächte übernahmen auch alle deutschen Kolonien, vornehmlich in Afrika, aber auch im Pazifik, sowie deutsche Kapitaleinlagen im Ausland.

Insbesondere die geringeren Kohle- und Erzvorkommen und damit die Förderung dieser Rohstoffe konnte auch für die Alliierten nicht zu unterschätzende Folgen haben, denn Deutschland wurde durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages dazu verpflichtet, den Siegermächten Kohle und Erze zu liefern. Diese festgeschriebenen Mengen haben diese Länder fest einkalkuliert. Geringere Lieferungen konnten negative Folgen für die Volkswirtschaften dieser Länder haben.

Keynes zweite These läßt sich dahingehend interpretieren, dass dadurch, dass die Alliierten Forderungen stellten, die durch ein ohnehin wirtschaftlich geschwächtes Deutschland nicht erfüllbar waren, sie ihre Glaubwürdigkeit bei der europäischen Bevölkerung verspielten. Darüber hinaus wird die Bevölkerung in den Siegerstaaten, bei der hohe Erwartungen hinsichtlich Entschädigungen geweckt wurden, beim Ausbleiben der eingeplanten Lieferungen seitens Deutschlands auf ihre Ansprüche pochen. Dies wird die Regierungen der betroffenen Länder dazu veranlassen, ihre Ansprüche notfalls mit Gewalt zu sichern. Keynes sieht diese Entwicklung voraus: "Die Kohleparagraphen sind nicht ausführbar und werden es niemals sein" und "Es wird zu militärischen Okkupationen und Blutvergießen kommen". Seine Vorsehung sollte im Jahre 1923 mit der Besetzung des Rheinlandes in Erfüllung gehen, als die Alliierten auf ein Ausbleiben deutscher Lieferungen mit dem Einmarsch in das wichtigste deutsche Industriegebiet reagierten. Die deutsche Reichsregierung antwortete mit einem Aufruf zum passiven Widerstand gegen die Besatzer, die sich dadurch provoziert füllten und mit Gewalt den Widerstand zu unterdrücken versuchten. Es gab jedoch auch aktive Widerstandsgruppen, die beispielsweise durch Sprengungen von Brücken Kohletransporte zu verhindern versuchten4. Um die Unerfüllbarkeit alliierter Forderungen durch Deutschland zu verdeutlichen, untersucht Keynes die Möglichkeiten die Reparationen zu bezahlen. Er führt dabei drei Möglichkeiten an:

- Sofort übertragbare Güter in Form von Gold, Schiffen und ausländischen Sicherheiten

- Der Eigentumswert von abgetretenen oder unter dem Waffenstillstand übergebenen Gebieten

- Jährliche Zahlungen, auf eine Reihe von Jahren verteilt, teilweise in bar und teils in Materialien, wie Kohleprodukte, Kali und Eisen Die dritte Möglichkeit kommt nach Keynes Auffassung nicht infrage, da sie eine Erhöhung des deutschen Exports erfordert. Dies ist jedoch unmöglich, da wie bereits weiter oben gesagt wurde, Deutschland mitsamt den abgetretenen Gebieten auch einen Grossteil seiner Kohleund Erzvorkommen, sowie Produktionsanlagen abgeben musste.

Die zweite Möglichkeit scheidet ebenfalls aus, weil die wertvollsten Güter durch die Inflation infolge des Krieges enorm an Wert verloren haben.

Bleibt nur die erste Möglichkeit. Keynes kommt jedoch zu dem Schluss, dass der Wert dieser Güter bei weitem nicht ausreicht um annähernd einen Bruchteil der Forderungen, die auf Deutschland mit dem Versailler Vertrag zukommen, zu begleichen.

Alle genannten Argumente lassen Keynes zu der Überzeugen gelangen, dass eine Revision des Friedensvertrages unvermeidlich sei ("Für meinen eigenen Teil halte ich mit wachsender Überzeugung daran fest, dass eine Revision des Friedensvertrages notwendig und unvermeidlich ist"). Der Vertrag sollte aber nach seiner Auffassung völlig neu entworfen werden und nicht nur teilweise abgeändert ("Der Unterschied zwischen der sofortigen Revision und der allmählichen Änderung aus dem Zwange der Verhältnisse heraus gleicht dem Unterschied zwischen einem soliden Neubau und einem täglich neu zu stützenden alten Bauwerk"). Allerdings ist es notwendig, dass Amerika eine Revision mitträgt ("Aber es wird ein Unglück für die Welt bedeuten, wenn Amerika sich fernhält").

Literaturverzeichnis:

1. Brockhaus-Enzyklopädie, XI Band, 19. Auflage, Mannheim 1990.

2. Brockhaus-Enzyklopädie, XXIII Band, 19. Auflage, Mannheim 1990.

3. Keynes, John Maynard:Der Freidensvertrag von Versailles, Berlin 1921.

4. Keynes, John Maynard:Revision des Friedensvertrages, München und Leipzig 1922.

5. Kampf um die Republik in:Informationen zur politischen Bildung, Nr. 261, 1998.

[...]


1Brockhaus-Enzyklopädie, XXXIII Band, S.253

2 Brockhaus-Enzyklopädie, XI Band, S.654

3 Keynes, John Maynard, Der Friedensvertrag von Versailles, S.19-22

4 Informationen zur politischen Bildung, Nr. 261, 1998, S.27

Details

Seiten
6
Jahr
2002
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107162
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
Schlagworte
Friedensvertrag Versailles John Maynard Keynes

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