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Männer sprechen anders - Frauen auch. Über die Unterschiede im Sprachverhalten der Geschlechter in der Massenkommunikation.

Seminararbeit 1999 28 Seiten

Medien / Kommunikation - Interpersonale Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Beobachtungen zum öffentlichen Sprechen von Frauen
2.1. Nachrichtensprecherinnen
2.2. Frauen in Fernsehdiskussionen

3 Systematisierung der Forschungssergebnisse
3.1. Gesprächskontrolle
3.2. Gesprächsarbeit
3.3. Beziehungssprache versus Berichtssprache

4 Diskussion der Ergebnisse im sozio-kulturellen Kontext
4.1. Der Machtaspekt in der öffentlichen Kommunikation
4.2. Die traditionelle Arbeitsteilung
4.3. Die Handlung und Behandlung von Frauen – ein Teufelskreis?

5 Schlußbemerkung

Anhang

Tabelle 1: Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Tabelle 2: Anzahl der Redebeiträge (ohne Moderator)

Tabelle 3: Redezeiten (Min.:Sek.), ohne Moderator

Tabelle 4: Wortvergabe durch den Moderator

Tabelle 5: Eigenübernahme des Wortes

Tabelle 6: Beendigung des Redebeitrags

Tabelle 7: Wer spricht wen direkt an?

Tabelle 8: Wer spricht wen mit Namen an?

Tabelle 9: Vergleich statushöchste Frau V – statushöchster Mann I und statusniedrigste Frau VI – statusniedrigster Mann IV

Diagramm 1: Anzahl der Redebeiträge ohne Störung / mit Störung

Diagramm 2: Beginn des Redebeitrags

Diagramm 3: Beendigung des Redebeitrags

Diagramm 4: Wer spricht wen direkt an?

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Als eine Fernsehstation, die in amerikanischen Händen war, in Dharan, Saudi-Arabien, vor zwei Jahren ihre Tätigkeit begann, entdeckte sie, daß die weibliche Stimme durch Regierungsbeschluß tabu war. Frauen ist es nicht gestattet, an den meisten öffentlichen Aktivitäten im Land teilzunehmen. Die Fernsehstation mußte bei Filmen Männer nehmen, um weibliche Stimmen zu synchronisieren... Frauen konnten zwar nicht aus Filmen herausgeschnitten werden, ihre Stimmen aber konnten eliminiert werden. Jetzt hat die saudi- arabische Regierung diese Einschränkung der weiblichen Stimmen aufgehoben.“[1]

Dieser Artikel mit dem Titel „Die Saudiaraber heben Fernsehbeschränkungen für Frauenstimmen auf“ erschien am 16.07.1959 im Christian Science Monitor (USA). Ohne nun näher auf diese recht interessante Regelung der Araber genauer einzugehen, stellt sie doch ein recht gutes Beispiel dafür dar, wie einerseits die Medien die gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegeln, und andererseits, wie unterschiedlich die Geschlechter in den Massenmedien behandelt werden können.

In unserer westlichen Gesellschaft sind Diskriminierungen dieser Art heute undenkbar. Aber existieren nichtsdestotrotz auch bei uns Unterschiede sowohl in der Behandlung als auch im Auftreten von Männern und Frauen in den Medien? Manifestieren sich diese unter anderem im Sprachverhalten? Und spielt Macht und Diskriminierung dabei doch noch eine Rolle, wenn auch eine verdeckte?

Um auf die Behandlung von Frauen in der Öffentlichkeit einzugehen, habe ich die Resonanzen auf Frauen als Nachrichtensprecherinnen näher betrachtet, und anschließend das Gesprächsverhalten von Frauen im Vergleich zu dem von Männern anhand der Analyse einer Fernsehdiskussion untersucht. Ausgehend von den empirischen Feststellungen habe ich deren Ergebnisse zusammengefasst und zu systematisieren versucht. Abschließend habe ich diese Ergebnisse vor dem Hintergrund der Kultur diskutiert, um eine Erklärung für die festgestellten Unterschiede zu finden.

2 Beobachtungen zum öffentlichen Sprechen von Frauen

2.1 Nachrichtensprecherinnen

Schon in der frühen Zeit des Radios begann die Kontroverse über Frauen- stimmen in den Massenmedien, im besonderen über die Ungeeignetheit von Frauen zum Nachrichtensprechen. So veröffentlichte beispielsweise eine Londoner Zeitung am 19.09.1928 einen kurzen Artikel mit dem Untertitel „Das Feilen von Stahl“:

„Viele langjährige Zuhörerinnen und Zuhörer behaupten, daß ... Adam eine natürlichere Rundfunkstimme hat als Eva. Einige Zuhörer gehen soweit, daß sie sagen, eine Frauenstimme wird nach einiger Zeit monoton, ihre hohen Töne werden scharf und ähneln dem Feilen von Stahl, während ihre tiefen Töne oft wie Stöhnen klingen.“ (Daily Express)“[2]

Als weitere „Gründe“ für den Ausschluss der Frauen wurden unter anderem angeführt, dass diese Arbeit körperlich zu anstrengend sei, und dass es die „generelle Meinung“ sei, „daß es nur eine Frau unter ungefähr hunderttausend gibt, die, was die allgemeinen Probleme des Tages anbelangt, genügend gebildet ist, um Nachrichten in der Art und Weise ansagen zu können, wie sie angesagt werden sollten“[3], wie sich ein Sprecher der BBC ausdrückte.

Senta Trömel-Plötz führt als eine Erklärung dafür, dass das Vortragen der Nachrichten so lange Zeit eine Männerdomäne war, an, „daß die Sprechhandlung des Informierens über Dinge, die Männern wichtig sind, Frauen nicht zugestanden wird. Informieren bedingt ja, mehr Wissen zu haben als die Zuhörenden und Wissen, das für sie von Wichtigkeit ist. Wenn Männer auf solches Wissen von Frauen angewiesen sind, ist die Situation anscheinend schwer für sie erträglich. Sie empfinden es schnell als Belehrung

[...], denn Informieren, einen Wissensvorsprung zu haben, anderen Wissen zu vermitteln, ist ihnen allein vorbehalten.“[4]

Als die erste Frau die Nachrichten im deutschen Fernsehen vortrug, befassten sich die Reaktionen weniger mit den journalistischen Fähigkeiten der Frau, sondern sie wurde in ihrer Rolle als Frau betrachtet.

„,Am Mittwoch, 12.Mai 1971, um 22.14 eröffnete die Hamburgerin Wibke Bruhns (32) das Zeitalter der Nachrichtenfrauen. Mit schicker Frisur, Brille, Bluse im Safari-Look – ausgesprochen lässig‘ (Kölnische Rundschau, 14.5.1971). Nach 19 Monaten bei der ,heute‘-Sendung vom Zweiten Deutschen Fernsehen ,verlas die Journalistin, deren ,aufregende Bluse‘ selbst

TV-Altmeister Werner Höfer von den Nachrichten ablenkte, zum letzten Mal das Aktuellste vom Tage‘ (NRZ, 30.12.1972).“[5]

Es standen also nicht ihre beruflichen Qualitäten im Vordergrund, sondern ihre Weiblichkeit. Sie wurde nicht wie ihre männlichen Kollegen ernst genommen, sondern eher als Experiment belächelt.

2.2 Frauen in Fernsehdiskussionen

Stellvertretend für die Vielzahl der analysierten Fernsehdiskussion wird hier die Diskussion „Nach den Straßenschlachten“, die am 16.07.1980 im Schweizer Fernsehen lief und von Cornelia Hummel sowie von Senta Trömel-Plötz ausgewertet wurde, vorgestellt. Es diskutierten 2 Frauen und 4 Männer unter der Leitung eines Moderators.[6] Die Ergebnisse, zu denen Hummel und Trömel-Plötz bei ihrer

Gesprächsanalyse gelangen, sind repräsentativ für die Ergebnisse einer Reihe ähnlicher Untersuchungen ihrer KollegInnen, da das Gesprächsverhalten der Geschlechter hier sehr charakteristisch ist.[7]

Auffallend sind die starken Diskrepanzen bezüglich der Redezeit und Redehäufigkeit der Männer und Frauen. Die Frauen sprachen mit durchschnittlich 11 Redebeiträgen fast doppelt so oft wie die Männer mit 6 Beiträgen im Schnitt[8]; setzt man das aber ins Verhältnis mit der Redezeit, kommt man zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass die Frauen pro Redebeitrag 0:25 min, die Männer dagegen 1:02 min, also vier mal so lang reden[9]. Betrachtet man dazu noch den Umstand, dass den Männern zu 70,8%, den Frauen aber nur zu 4,5% ihrer Redebeiträge das Wort vom Moderator erteilt wurde[10], lässt sich klar feststellen, dass die Frauen viel mehr Eigeninitiative zeigen und zeigen müssen als die Männer, um zu Wort zu kommen. So kamen die Frauen bei 95,5% ihrer Beträge deshalb zu Wort, weil sie es sich selbst nahmen; die Männer bemühten sich dagegen nur bei 29,2% ihrer Beiträge selbständig um das Wort.

Die Tatsache, dass die Männer 66,7%, die Frauen allerdings nur 36,4% ihrer Beiträge durch eigene Entscheidung beendeten[11], bestätigt die These, dass den Frauen viel weniger Möglichkeiten zu Äußerungen gegeben wird und diese dann auch noch vorzeitig beendet werden. Verstärkt wird diese Feststellung noch durch die Beobachtung, dass 58,3% der Beiträge der Männer ohne Störung, die der Frauen aber nur zu 13,6% störungsfrei verliefen.[12]

Während sich kein Mann entschuldigt, entschuldigt sich eine Frau gleich 3x, und zwar jedes Mal für ihre Inanspruchnahme ihres Rederechts.[13] Sie leitet sogar ihren ersten Redebeitrag mit einer Entschuldigung für ihre Eigenübernahme des Wortes ein. Sie entschuldigt sich somit für etwas, wofür es nicht den geringsten Anlass gibt und das die anderen TeilnehmerInnen als ihr selbstverständliches Recht ansehen. Nach Marie Ritchie Key ist die „erklärende Sprechweise“ der Männer der „entschuldigenden Sprechweise“ der Frauen gegenüberzustellen: „Auch Männer sagen ab und zu ,tut mir leid‘ oder ,Entschuldigung‘, aber für Frauen ist es eine Lebensart.“[14]

Leider liegen keine Daten über die Anzahl der vorgebrachten Vorwürfe durch Männer und Frauen in dieser Fernsehdiskussion vor. Dafür stellte Hummel deutliche Diskrepanzen in der Art, auf einen Vorwurf zu reagieren, fest:

„Während die Frauen sich auf einen Vorwurf hin entschuldigen und sich verteidigen, formulieren die Männer einen Gegenvorwurf. [...] Während die Männer Vorwürfe durchgehend sehr bestimmt und selbstsicher zurückweisen und fast immer gleichzeitig ihr Gegenüber beschuldigen, sie bzw. er habe nicht die Wahrheit gesprochen, machen es die Frauen ihrer Gesprächspartnerin bzw. ihrem Gesprächspartner recht leicht, die

Zurückweisung eines Vorwurfs zu akzeptieren, indem sie ihre Aussage stark einschränken, sich entschuldigen oder sonstige Zugeständnisse machen.“[15]

Außerdem traten signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede in Häu- figkeit und Art der Formulierung einer Bitte auf. So stellten – um die statusgleichen Paare einander gegenüberzustellen – die Stadträtin 2x und der Stadtrat 0x; die Vertreterin der Jugendbewegung 7x und der Vertreter der Jugendbewegung 2x eine Bitte.[16]

„Auffallend ist, daß die expliziten Bitten, die während der Diskussion formuliert werden (unter Verwendung des performativen Verbs ,bitten‘ oder des Zusatzes ,bitte‘), nur von Frauen gestellt werden, während die Männer ihre Bitten durchweg nie als explizite Bitten, sondern immer als Behauptung oder Frage formulieren. [...] Wie das Analyseergebnis zeigt, haben es die Männer auch tatsächlich nicht nötig, starke, explizite Bitten zu formulieren, da schon ihre indirekten, nur angedeuteten Bitten nahezu alle erfüllt werden, während die nicht explizit formulierten Bitten der Frauen (und nicht nur diese) hingegen fast alle vergeblich sind.“[17]

Durchschnittlich sprechen die Männer andere TeilnehmerInnen 1,5 mal an, davon 1 mal mit Namen. Die Frauen dagegen sprechen andere im Schnitt 3 mal namentlich, also 3 mal so oft an; direkte Ansprachen verwenden sie sogar knapp 9 mal so häufig, nämlich 13 mal im Schnitt.[18]

„Wenn davon ausgegangen wird, daß eine direkte Anrede ein Signal dafür ist, daß die sprechende Person verstärkt die Aufmerksamkeit der angesprochenen Person auf sich lenken möchte und deren Bereitschaft zum Zuhören sichergestellt werden soll, dann lassen sich die oben angeführten Analyseergebnisse dahingehend interpretieren, daß Frauen sich um die

Aufmerksamkeit anderer Gesprächsteilnehmerinnen und Gesprächsteilnehmer erheblich mehr bemühen müssen als Männer.“[19]

„Werden die Analyseergebnisse letztendlich unter dem Aspekt betrachtet, daß die direkte Anrede Höflichkeit und Respekt der sprechenden Person gegenüber der angesprochenen Person zum Ausdruck bringt, so ergibt sich [...] das Bild, daß die Frauen anderen Gesprächsteilnehmerinnen und Gesprächsteilnehmern mehr Höflichkeit und Respekt entgegenbringen, als dies die Männer tun.“[20]

Beide Intentionen, sowohl das Sichern der Aufmerksamkeit als auch das Erweisen von Respekt und Höflichkeit, weisen auf eine asymmetrische Beziehung hin, die auf einem Status- und Machtunterschied basiert. Ein Vergleich der statusgleichen Paare macht deutlich, dass sich das Gesprächsverhalten der Frauen bzw. Männern unter sich viel ähnlicher ist als das eines Mannes und einer Frau von gleichem Status.[21]

„Was ihre Redezeit, die Wortvergabe durch den Moderator und das Muster der Unterbrechungen angeht, rangieren erst alle anwesenden Männer, dann Lieberherr und natürlich zuletzt Erna Müller. Also unter den sogenannten Statusgleichen Lieberherr – Frick und Erna Müller – Hans Müller bekommen die jeweiligen Männer höheren Gesprächsstatus als die Frauen, und absolut gesehen haben alle Männer höheren Gesprächsstatus als die Frauen.“[22]

[...]


[1] Cheris KRAMARAE: Nachrichten zu sprechen gestatte ich der Frau nicht. Widerstand gegenüber dem öffentlichen Sprechen von Frauen. Mit Kommentar über die deutschen Nachrichtenfrauen von Ute Remus. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.): Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen. Frankfurt/Main 1984, S. 203.

[2] Cheris KRAMARAE 1984, S. 205.

[3] Cheris KRAMARAE 1984, S. 206.

[4] Senta TRÖMEL-PLÖTZ: Vatersprache – Mutterland. Beobachtungen zu Sprache und Politik. 2., überarbeitete Auflage. München 1993, S. 62.

[5] Cheris KRAMARAE 1984, S. 228.

[6] siehe Tabelle 1, S. 16.

[7] Weitere Analysen von Fernsehdiskussionen wurden u.a. vorgestellt in Ulrike GRÄßEL 1991; Helga KOTTHOFF 1992; Heidi LAUPER / Constance LOTZ 1984; Senta TRÖMEL-PLÖTZ 1982, 1984a, 1984b, 1984c; Ursula ZUMBÜHL 1984.

[8] siehe Tabelle 2, S. 16.

[9] siehe Tabelle 3, S. 17.

[10] siehe Tabelle 4, S. 17.

[11] siehe Tabelle 6, S. 18.

[12] siehe Tabelle 2, S. 16.

[13] vgl. Cornelia HUMMEL: „Sie haben jetzt ja lange geredet, Frau Lieberherr“: Entschuldigungen, Vorwürfe, Bitten und direkte Anreden in Fernsehdiskussionen. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.): Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen. Frankfurt/Main 1984, S. 262f.

[14] Cornelia HUMMEL 1984, S. 264.

[15] Cornelia HUMMEL 1984, S. 268.

[16] siehe Tabelle 9, S. 20.

[17] Cornelia HUMMEL 1984, S. 272.

[18] siehe Tabellen 7 + 8, S. 19.

[19] Cornelia HUMMEL 1984, S. 279.

[20] Cornelia HUMMEL 1984, S. 280.

[21] siehe Tabelle 9, S. 20.

[22] Senta TRÖMEL-PLÖTZ: Gewalt durch Sprache. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.): Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen. Frankfurt/Main 1984, S. 63f.

Details

Seiten
28
Jahr
1999
Dateigröße
1000 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107148
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
Männer Frauen Unterschiede Sprachverhalten Geschlechter Massenkommunikation Proseminar Sprache

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