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Der Suizid. Begrifflichkeiten und Ursachen aus verschiedenen Perspektiven

Vordiplomarbeit 2002 34 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes
1. 1. Suizidversuche und Suizide
1. 2. Probleme bei der Erfassung emp. Daten und Zweck der Methodik

2. Theoretische Erklärungsansätze
2. 1. Medizinischer Ansatz
2. 1. 1. Das präsuizidale Syndrom
2. 2. Psychoanalytische Ansätze
2. 2. 1. Aggressionstrieb/ Todestrieb
2. 2. 2. Narzißmuskrise
2. 3. Soziologische Ansätze
2. 3. 1. Durkheims Suizidtheorie
2. 3. 2. Statusintegration
2. 3. 3. Imitation

3. Suizid als freie Willensentscheidung
3.1. Jean Amerys Diskurs über den Freitod

4. Schlussbemerkung oder die Folgen?

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Es gibt kaum Verhaltensweisen die nur dem Menschen eigen sind, Suizid und Suizidversuche sind solche. Sie berühren die Existenz des Menschen und setzen eine Selbstreflexion voraus, oder anders ausgedrückt: Suizid und Suizidversuche stellen ein bewußtes Handeln dar mit der Konsequenz bzw. dem Versuch, die eigene Existenz zu beenden. Das hat zur Folge, daß der Suizid seit jeher, in der geschriebenen Geschichte ebenso wie in der Gegenwart, eine umstrittene Handlung war und ist. So wurde durch die Verflechtung von staatlicher und kirchlicher Gewalt im Mittelalter, die kirchliche Verdammung des Suizides in vielen europäischen Staaten in die Gesetzgebung eingebunden.

Erst im Jahr 1790 strich Frankreich als erstes Land, während der Revolution, den Suizid von der Liste der gesetzlichen Verbrechen. 1796 folgte Preußen, 1850 Österreich und als letztes europäisches Land 1961 England. Vorher wurde Suizid mit Mord, sowie Suizidversuche mit versuchtem Mord gleichgesetzt und strafrechtlich verfolgt.

Die Abschaffung der strafrechtlichen Verfolgung bewirkte leider keinen offeneren Umgang mit der Thematik, so das man auch heute noch sagen kann, daß der Suizid ein Tabu geblieben ist. So dürfte kaum bekannt sein, daß z.B. in Deutschland die Zahl der Suizidtoten die der Verkehrstoten seit über einem halben Jahrzehnt übersteigt. Jeder 67ste Mann und jede 143ste Frau begehen Suizid. Die Aussagekraft solcher Zahlen bleibt jedoch eingeschränkt ( siehe 1. 2. ).

In dieser Arbeit geht es jedoch nicht um einen geschichtlichen Abriß der Suizidproblematik, sondern vielmehr um eine theoretische Darstellung einzelner Theorien mit dem Ziel eines bessern Verständnisses. Es wird der Versuch unternommen Einblicke in die Problematik zu gewähren, wenn auch die einzelnen Erklärungsansätze, aufgrund des Umfangs, stark verkürzt werden mußten, ohne jedoch den Inhalt zu verfälschen, so das ein adäquates Verständnis möglich ist. Die Auswahl der Theorien erfolgte aus zweierlei Gesichtspunkten. Zum einem auf Grund der benutzen Literatur in der die gewählten Theorien jeweils in nahezu jedem Buch vorhanden war. Und zum anderen wurde darauf geachtet, daß die einzelnen Theorien aufeinander Aufbauen, um am Ende zwei Pole zu kristallisieren. Als da währen die psychologischen Ansätze und dem entgegen die soziologischen Ansätze, welche gleichzeitig einen Zugang von Innen und Außen gewährleisten. Der Einstieg in die Thematik ( 2. 1. ) erfolgte aus rein subjektiven Gründen, und aufgrund der psychologischen Theorien welche die in diesem Punkt angesprochenen Aspekte aufgreifen. Nun wäre es im Sinne der Dialektik durchaus sinnvoll eine Synthese aus soziologischen und psychologischen Ansätzen zu bilden, leider konnte ich dazu aber keine passenden Theorien finden, so das diese vorhaben nicht umgesetzt werden konnte.

Wie bei allen wissenschaftlichen Arbeiten, so natürlich auch hier, besteht keine allgemeine Gültigkeit und es werden bei weitem nicht alle nennenswerten Aspekte herausgegriffen. Was bleibt ist der Anspruch Einblicke in die Thematik zu vermitteln.

Die Arbeit gliedert sich in Definition ( 1. 1. ), Probleme der Methodik und damit verbunden die Begründung für eine nicht Benutzung von Statistiken ( 1. 2. ), den Theorien ( 2. - 2. 3. 3. ), sowie der Darstellung von Amerys Buch ( 3. 1. ) als Gegengewicht gegenüber den Theorien.

1. Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes

1. 1. Suizidversuche und Suizide

Das Kapitel trägt die Überschrift Suizidversuche und Suizide. Ist diese Trennung überhaupt nötig? Und können die Begriffe überhaupt getrennt werden? Um diese Fragen zu beantworten ist es notwendig die Begriffe zuerst einmal zu definieren, zumal sie sich nicht selbst erklären, wie oft irrtümlich angenommen wird. Durch Definitionen wird der Sprachgebrauch geregelt, mit deren Hilfe man Aussagen über „seinen“ Gegenstand machen kann. „Verfügen wir nicht darüber, dann wird die Verwirrung, die die meisten Diskussionen über Selbsttötung kennzeichnet, nur noch größer, und wir sollten auf das Diskutieren besser verzichten“1.

Weiterhin tragen Definition dazu bei den Umfang der Forschung festzulegen, wobei es nicht immer sinnvoll ist nach einer allgemeingültigen Definition zu suchen, da dieses nur dann funktioniert, wenn der Untersuchungsgegenstand es zuläßt. Bei Suiziden und damit verbunden Suizidversuchen erscheint es mir sinnvoll diese durch Definitionen einzugrenzen.

Um Suizidversuche zu definieren greife ich auf eine Definition von Kreitman zurück, welche sich mittlerweile durchgesetzt hat. Er spricht von „Parasuizid“ und definiert diesen folgendermaßen: Ein „selbstinitiiertes, gewolltes Verhalten eines Patienten, der sich verletzt oder eine Substanz in einer Menge nimmt, die die therapeutische Dosis oder ein gewöhnliches Konsumniveau übersteigt und von welcher er glaubt, sie sei pharmakologisch wirksam“2. Eine solche Definition impliziert eine aktive Intention zur Beendigung des eigenen Lebens, woraus sich ergibt, daß ein „erfolgreicher“ Suizid auf einen zum Tode führenden Suizidversuch beruht. Daraus folgt, daß Suizide und Suizidversuche nicht so ohne weiteres getrennt werden können. Noch ist aber nicht geklärt, was mit dem Begriff Suizid gemeint ist.

Um eine geeignete Definition zu finden werde ich erst einmal einige Definitionen aufzählen, um anschließend eine mir geeignet erscheinende herauszuarbeiten, mit deren Hilfe der Sprachgebrauch geregelt werden soll. Erwin Stengel bezeichnet Selbstmord als „ die tödliche Selbstmordhandlung“3. Dieses Definition ist nicht so brauchbar, da nicht erklärt wird was unter Selbstmordhandlungen gefaßt wird. Thomas Bronisch bezeichnet als Suizid: „ Eine Handlung, die der Betroffene für sich selbst tut als letzten oder besten Ausweg aus einer für ihn unerträglichen Situation“4. Hier werden schon einige Einschränkungen gemacht, da der Suizidant die Handlung selbst vollzieht. Allerdings ist auch diese Definition noch zu wage. Durkheim sagt: „Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte“5. Die Definition von Durkheim erscheint mir am Besten geeignet die Handlungen, welche unter Suizid gefaßt werden herauszufiltern. Nun werden, durch die Kategorien „direkt oder indirekte Handlung oder Unterlassung“, alle Fälle mit in Betrachtung gezogen, welche den Tod eines Menschen zur Folge haben, auch wenn dieser den Tod nicht will, ihn aber dennoch in Kauf nimmt. Als Beispiele seien hier angeführt der Märtyrer, der für seinen Glauben an eine „gerechte“ Sache stirbt, „der Soldat, der einen sicheren Tod auf sich nimmt, um vielleicht sein Regiment zu retten“5 usw. Wichtig dabei ist der zweite Teil der Definition, „das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte“, denn dadurch fällt z. B. Rauchen nicht unter suizidäres Verhalten oder Freeclimbing. Die wenigsten Raucher werden davon ausgehen am rauchen zu sterben ebensowenig wie Extremsportler davon ausgehen werden in den Tod zu stürzen.

Bevor auf die Eingangsfragen eingegangen werden soll, möchte ich noch klären warum der Begriff Selbstmord, welcher schon ein paar mal gefallen ist, durch den Begriff Suizid ersetzt werden muß. Der Begriff Selbstmord, welchen es nur im Deutschen Sprachgebrauch gibt (siehe: Haller, Michael, Freiwillig Sterben Freiwillig?, S.11), als solches ist moralisch aufgeladen und suggeriert durch die Endung Mord einen Zusammenhang zwischen Mord als verwerfliche Tat und Selbstmord, was dadurch belegt wir, daß in einigen Studien eine Korrelation zwischen Mördern und Suizidanten hergestellt wurde, z. B. vom Psychoanalytiker Wilhelm Stekel, der behauptete niemand würde sich das Leben nehmen, wenn er nicht vorher daran gedacht hätte einen anderen zu töten oder zumindest den Tod eines anderen gewünscht hätte. Eine solche Praxis bürgt die Gefahr einer Disqualifikation von Suizidanten und verklärt den Blick auf die Ursachen von Suizid. Suizidanten sind keineswegs potentielle Mörder. Wobei natürlich nicht jeder, der den Begriff Selbstmord benutzt eine solche Behauptung aufstellt. Um aber eine solche moralische Wertung zu verhindern, wird in dieser Arbeit der Begriff Suizid verwendet. Der Begriff Suizid wurde um 1650 von Franzosen und Engländern eingeführt und aus dem lateinischen Ausdruck „ sua manu caedere, durch eigene Hand fallen“6 abgeleitet.

Da Suizide und Suizidversuche nun definiert sind können die Eingangsfragen behandelt werden. Als erstes liegt die Vermutung nahe, daß die beiden Gruppen in einer Beziehung zueinander stehen und eine Trennung weder nötig noch sinnvoll erscheint. Dennoch ist es möglich die Gruppen getrennt zu betrachten, wie Erwin Stengel feststellte. Nach seiner Untersuchung begehen weit mehr Menschen Suizidversuche als Suizide. Wobei bei der Gruppe der Suizidversuche Frauen überwiegen und in der Gruppe der Suizide Männer. Im hohem Alter überwiegt die Zahl der Suizide, wogegen im jungem Alter die Zahl der Suizidversuche überwiegt. Die Wanderbewegungen, daher der Übergang von Suizidversuchen zum Suizid, sind sehr gering. Womit jedoch nicht gemeint ist das ein Mensch der einen Suizidversuch hinter sich hat nie einen Suizid verübt. Das entscheidende Kriterium liegt in der Häufigkeit von Suizidversuchen, je öfter sie unternommen werden, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit eines vollendeten Suizides. Weiterhin führen „mißlungene“ Suizidversuche oft zu einschneidenden Veränderungen im Leben eines Menschen, besonders innerhalb seiner sozialen Beziehungen, allerdings bleibt offen ob es zu einer positiven Veränderung kommt.

Durch Stengels Untersuchungen könnte der Eindruck entstehen, daß es sich bei der Suizidproblematik um zwei verschiedene Felder, Suizide und Suizidversuche, handelt. Diese beiden Gruppen können aber nicht vollkommen getrennt betrachtet werden, da sie eben nicht zwei entgegengesetzte Pole sind. Ein „erfolgreicher“ Suizidversuch führt ja, wie oben bereits erwähnt, zum Suizid. Der Verdienst von Stengel liegt aber darin aufgezeigt zu haben, daß bei Suizidversuchen zum Teil andere Faktoren eine Rolle spielen, als bei Suiziden und diese auch mehr Berücksichtigung finden müssen. Um die Frage wieder aufzunehmen ob es nötig ist eine Trennung zu vollziehen, so muß ich sie bei meiner Arbeit mit ja beantworten. Auf Grund des Umfangs der Arbeit und der sehr schwierigen Erfassung von Suizidversuchen und Suiziden, worauf in Punkt 1.2 eingehen werde, liegt der Schwerpunkt meiner Betrachtung auf den Suiziden und die Suizidversuche werden weitestgehend unberücksichtigt bleiben, soweit sie nicht als Grundlage von Theorien genommen werden, wie etwa beim präsuizidalem Syndrom.

1. 2. Probleme bei der Erfassung emp. Daten und Zweck der Methodik

Die Erfassung von Suiziden erfolgt, seit Beginn des 19. Jahrhunderts, mittels statistischer Verfahren. Mit Hilfe der so gewonnenen Daten werden Suizidraten für die untersuchten Teile einer Bevölkerung ermittelt, um anschließend die Suizidhäufigkeiten, zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten, vergleichen zu können. Wobei die Aufgabe der Todesursachenfeststellung, in den meisten europäischen Länder, in den Händen von Ärzten und Leichenbeschauern liegt. Die gerichtsmedizinischen Kriterien mit deren Hilfe ein Suizid diagnostiziert werden kann, variieren unter den Ländern, was zur Folge hat, daß es zu einer Verfälschung der Suizidziffern kommt. Ein weiterer Aspekt ist die schwierig zu entscheidende Aufgabe, ob die Todesursache nun ein Unfall oder Suizid war.

Weiter Faktoren, welche die Suizidziffern verfälschen, bestehen in der Unterschiedlichen Stellung von Suiziden innerhalb einer Gesellschaft. Beispielsweise bedeutet im Islam die Feststellung eines Suizids eine große Schande für den Verstorbenen und dessen Familie, weshalb der Leichenbeschauer mit Hilfe von Zuwendungen gnädig gestimmt wird und in den Totenschein eine andere Todesursache schreibt, womit die Ehre der Familie wiederhergestellt wird und der Verstorbene eine kirchliche Bestattung erhält.

Auch gibt es keine einheitlichen Registrierungsmethoden innerhalb der Länder, welche in der Weltgesundheitsorganisation ( WHO ) geführt werden. Aufgrund der genannten Probleme bei der Erfassung von Suiziden schrieb die WHO bereits 1968 in ihrem Bericht über die Suizidstatistiken: „Die Wirkliche Häufigkeit des Selbstmordes ist schwer festzustellen. Verschiedenartige Methoden der Beurkundung von Todesursachen, ihrer Registrierung und statistischer Verarbeitung sowie anderer Faktoren beeinflussen den Umfang und die Verläßlichkeit des einbezogenen Materials und machen daher internationale Vergleiche undurchführbar“7. Aus diese Gründen scheint es aussichtsreicher die Ursachen für die Höhe der Suizidrate innerhalb eines Landes zu ermitteln und Vergleiche mit anderen Ländern, nur bei gleicher statistisch methodischer Grundlage durchzuführen.

Da die Suizidrate durch viele Faktoren bedingt ist, werden Korrelationen aufgestellt. Positive Korrelationen, also Faktoren die einen Suizid begünstigen, sind z. B. männliches Geschlecht, Kinderlosigkeit, Alkoholkonsum, Wohnsitz in Großstadt usw. Demgegenüber werden negative Korrelationen gestellt. Mit solchen Kategorien muß sehr vorsichtig umgegangen werden, zum einen da sie nie eine konstante Gültigkeit haben können und zum anderen sind statistische Erhebungen sehr vom Standpunkt des Forschers, sowie der gewählten Methodik, abhängig. Gerade beim Thema Suizid können Statistiken, wenn überhaupt, nur bestimmte Tendenzen aufzeigen, um damit Risikogruppen zu bilden, wie auch von Erwin Ringel geschehen. Eine Bedeutung bekommen Risikogruppen für die Einrichtungen der Suizidprävention, welche mit Hilfe solcher Statistiken ihre Hilfsangebote koordinieren können. In dieser Arbeit werden Risikogruppen, und damit verbunden die sogenannten Prädiktoren für suizidales Verhalten, nur innerhalb der vorgestellten Theorien berücksichtigt, aufgrund der oben erwähnten Schwierigkeiten einerseits und des gewählten Schwerpunkts, wodurch die Suizidpräventation nicht weiter behandelt wird, anderseits. Eine Auflistung der Risikogruppen findet man im Buch: Der Suizid, Ursachen, Warnsignale, Prävention von Thomas Bronisch oder direkt in Erwin Ringels Buch: Selbstmordverhütung. Bei näherem Interesse für Suizidprävention siehe z. B. Pohlmeier: Selbstmord und Selbstmordverhütung.

2. Theoretische Erklärungsansätze

2. 1. Medizinischer Ansatz

2. 1. 1. Das präsuizidale Syndrom

Im 1953 erschienen Buch von Erwin Ringel „ Der Selbstmord. Abschluß einer krankhaften psychischen Entwicklung“ wurden die Ergebnisse seiner Studie über Suizidversuche unter dem Begriff „ präsuizidales Syndrom“ zusammengefaßt. Seine Studie umfaßt 745 Krankengeschichten von Patienten, welche einen Suizidversuch unternommen hatten und gerettet wurden. Erwin Ringel führte die Untersuchung der Patienten an der psychiatrischen Universitätsklinik in Wien durch, mit dem Ergebnis, daß alle Patienten vor dem Suizidversuch auffällige Verhaltensmuster zeigten, welche unter dem Begriff„ präsuizidales Syndrom“ gefaßt werden konnten. Kennzeichnend für das „ präsuizidale Syndrom“ sind: Einengung, gehemmte Aggression, Suizidphantasien.

Die Einengung beschreibt einen Prozeß indem der Betreffende seinen Lebensraum als eingeengt empfindet, da dieser ihm keine Bewegungsfreiheit mehr erlaubt. Sie wird besonders im Alter deutlich und zeigt sich im Verlust von expansiven Fähigkeiten. Aus einem inneren Angstgefühl heraus werden einzelne Lebensbereiche z. B. Freunde, Beruf, Familie aufgegeben. Das Gefühl der Wertlosigkeit bestimmt die Gedanken des Patienten, wodurch er sich im Kreis bewegt. Es werden immer gleiche Situationen gesucht, die in einem Abhängigkeitsverhältnis münden und Beziehungen angestrebt, die zum Scheitern verurteilt sind. Dadurch kommt es zu einer Stagnation, die letzten Endes in eine Regression führt. In dieser dominieren die Erinnerungen an die Vergangenheit, da eine Besserung in der Zukunft nicht für möglich gehalten wird und diese sowieso für den Patienten keine Rolle spielt. Zwar gibt es noch Wünsche nach Geborgenheit und Sicherheit, aber aus Angst vor Enttäuschungen werden keine neuen sozialen Kontakte oder Partnerschaften angestrebt. Als Folge der ganzen Faktoren kommt es zu einer zunehmenden Vereinsamung des Betroffenen. Letzten Endes führen die genannten Faktoren der Einengung zum Zusammenbruch der Persönlichkeit und als Ausweg sieht der Patient dann nur noch den Suizid.

Mit gehemmter Aggression beschreibt Ringel einen Zustand beim Betroffenen, in dem er Unfähig ist seine Zufluß an Aggressionen, wie z.B. gescheiterte soziale Kontakte, schlechte Beziehung zu seinen Eltern, zu verarbeiten und nach außen zu leiten. Vereinfacht ausgedrückt könnte man sagen, sie fressen alles in sich hin und sind nicht imstande sich Luft zu verschaffen. Die Hemmungen eigenen Aggressionen abzubauen liegen zum Teil in der Person selber, aufgrund einer zu strengen Gewissensstruktur. Und anderseits in äußeren Umständen, wie z. B. in der zunehmenden Zivilisation der westlichen Gesellschaften, „die immer mehr die Unterdrückung von Gefühlen verlangt, dadurch eine Bewußtseinserweiterung verhindert, Verdrängung fördert, harmlose Aggressionsentladungen immer schwieriger macht und somit destruktive Entladungen provoziert“8. Die Mangelnde Möglichkeit seine Aggressionen abzubauen, seien sie durch die eigene Person bedingt oder die Gesellschaft oder auch als Kombination beider Faktoren, fördern dann die noch einzige Möglichkeit der Aggressionsentladung in Form einer, etwas Polemisch aber bildlich ausgedrückt, Implosion.

Die Suizidphantasie vervollständigt, durch den Rückzug des Betroffenen in eine Scheinwelt, das präsuizidale Syndrom. Die Betroffenen kapseln sich allmählich von der „ Realität“ ( In Anführungsstrichen, da dieser Begriff schwer zu fassen bzw. definieren ist ) ab und beginnen in ihrer Phantasie den Tod als verlockend zu betrachten, als einen Ausweg aus einer für sie ansonsten aussichtslosen Situation. Der Rückzug in die Phantasiewelt wird mit der Zeit so intensiv, daß die Betroffenen nicht mehr zwischen Schein und „ Realität“ unterscheiden können, und sie dadurch immer mehr Wirklichkeitscharakter bekommt. Wichtig dabei ist, daß die Gedanken an Suizid, von den vielleicht anfänglichen gewollten Vorstellungen, in passive Zwangsvorstellungen umschlagen, welche sich ohne Absicht von selbst aufdrängen und zu beherrschenden Gedanken werden.

Die drei Phasen des präsuizidalen Syndroms kennzeichnen, nach Ringel, jeden Menschen mit Neigungen zum Suizid. Es bildet daher auch die Grundkonzeption seiner Arbeit, mit deren Hilfe er versucht einen praktischen Nutzen für die Suizidprävention zu finden. Sein Überlegungen gehen daher über einen alleinigen Erklärungsansatz hinaus, da ihm der praktisch Nutzen besonders wichtig war. Nicht zuletzt aufgrund der von ihm 1948 in Wien gegründeten Lebensmüdenfürsorge. Hierin liegt wahrscheinlich auch seine Einschätzung begründet, Suizid als „ Abschluß einer krankhaften psychischen Entwicklung“ aufzufassen. Welches wiederum die Schwierigkeit seiner Theorie aufzeigt. Seine Ausdehnung des Krankheitsbegriffes, durch die Kategorien, Einengung, gehemmte Aggression, Suizidphantasien, erfolgt in einem Rahmen, welcher viel zu weit gesteckt ist und in solcher Form in der heutigen Medizin nicht mehr erfolgen würde. Denn dadurch würde nahezu jeder Lebenslauf oder jede Biographie unter einen der Krankheitsbegriffe fallen. Ebensowenig dürfte Zweifel darüber bestehen, daß seine rein medizinische Theorie, wie auch jede Andere, nicht die einzige oder gar alleinige Erklärung für das Syndrom Suizid sein kann.

Die in seiner Beschreibung bereits, direkt oder indirekt, angesprochenen Depressionen und Aggressionen werden in den folgenden psychoanalytischen Ansätzen näher betrachtet.

2. 2. Psychoanalytische Ansätz

2. 2. 1. Aggressiontrieb/ Todestrieb

Die Theorie des Aggressiontriebes wurde vom Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, entwickelt, in welcher er später noch den Begriff des Todestriebs einfügte. Die Grundlage seiner Theorie über suizidales Verhalten bildeten, analog zu Ringel, Beobachtungen an Patienten. Wobei der Blickwinkel der Betrachtung vor allem auf den psychologischen Dimensionen der Kranken lag und damit, meines Erachtens, eine Erklärung des Phänomens in den Vordergrund rückte, und nicht der Versuch bestimmte Risikogruppen zu bestimmen. Wenn auch diese Erkenntnisse natürlich einen Nutzen für die Suizidprävention darstellen. Was kennzeichnet die Theorie von Freud? Nach Freud besteht ein Zusammenhang zwischen suizidalem Verhalten und Depression. Auch Psychodynamik des Suizides genannt. Psychodynamik bedeutet, daß die psychischen Kräfte einen zur Selbstvernichtung treiben und die Abwehrkräfte ausgeschaltet werden. Im einzelnen zeigt sich dieses an der Wendung der Aggressionen gegen das eigene ich, sowie einer ambivalenten Einstellung gegenüber anderen Personen in Form von Mord. Ausschlaggebend ist ein Liebesentzug durch eine frühere Bezugsperson, welcher zuerst mit Aggression entgegentreten wird, darauf folgen Trauer, Schuldgefühle, Selbstentwertung und als letzte Konsequenz Suizid.

Der Suizid ergibt sich nach Freud aus der Depression heraus, in deren Zentrum der Verlust steht, aus welchen sich ein Konflikt, im Individuum, entwickelt. Der Konflikt besteht aus einem ständigem pendeln zwischen Liebe und Haß. Aus dieser Konstellation heraus entwickelt der Betroffene Schuldgefühle, welche in selbstzerstörerische Aggressionen umschlagen , und für Freud zum zentralen Kriterium der Unterscheidung zwischen Trauer und Melancholie wurde. In der Trauer versucht das Ich, eine verlorene Person wieder zum Leben zu erwecken, was durch eine Identifizierung mit dem anderen geschieht, um sie anschließend zu assimilieren. Der Prozeß der Assimilation dient dazu, die verlorene Person im eigenen Ich zu konstituieren, um als Teil seiner selbst weiter zu leben. Hiermit ist dann auch die Trauerarbeit bei „gewöhnlichen“ Menschen abgeschlossen, die eine Person, aus welchem Grund auch immer verloren haben. Es sei denn der Verlust tritt in einem besonders verwundbaren Alter ein, so das eine Reflexion noch nicht möglich ist.

Dagegen werden in der Melancholie die Schuldgefühle und Aggressionen für den Leidenden unerträglich. „Es ist, als glaube der Melancholiker, das durch Tod, Trennung oder Zurückweisung verlorene Objekt, sei durch ihn ermordet worden. Es kehrt deshalb als innerer Verfolger und Quälgeist wieder, strafend, rachsüchtig und sühnefordernd“9.

Eine neue Betrachtung seiner Theorie über den Aggressionstrieb erfolgte durch Freud, als er sich, durch den Erfahrungen mit dem ersten Weltkrieg, aus einer anderen Perspektive mit dem Gegenstand der Aggression beschäftigte und im Zuge dieser Betrachtung seinem Erklärungsmodell den Begriff Todestrieb zufügte. So bemerkte er bereits in seinem Buch „Trauer und Melancholie“: „Endlich muß uns auffallen, daß der Melancholiker sich doch nicht ganz so benimmt wie ein normalerweise von Reue und Selbstvorwurf Zerknirschter. Es fehlt das Schämen vor anderen, welches diesen letzteren Zustand vor allem charakterisieren würde, oder es tritt wenigstens nicht auffällig hervor. Man könnte am Melancholiker beinahe den gegenteiligen Zug einer aufdringlichen Mitteilsamkeit hervorheben, die an der eigenen Bloßstellung eine Befriedigung findet.“10. Kurz gesagt, der Schmerz der Melancholie wird für den Melancholiker zu einer Quelle der Lust. Um die Bedeutung der Lustempfindung an der Melancholie in Hinblick auf den Todestrieb aufzuzeigen, ist ein kleiner Exkurs in Freuds Frühwerk der Traumdeutung nötig.

Vereinfacht dargestellt, basiert die Traumdeutung, auf der These, daß alle Träume die Funktion haben Wünsche zu erfüllen und in dieser Hinsicht dienen sie der Befriedigung erotischer Triebe. Daraus entwickelt er die Theorie der Libido als ein immer vorhandenes Lust- und Selbsterhaltungsprinzip, welches unbewußt alle Phantasien durchdringt. Jedoch stellte Freud fest, daß bei bestimmten Formen der Neurose keine Lusterfüllung vorhanden war. In einer späteren Untersuchung über Wiederholungszwänge schien die Erklärung des Phänomens zu liegen. Der Zweck des Wiederholungszwanges, z. B. in den Alpträumen von unter Kriegsneurosen leiden Soldaten, schien die Bemühung zu sein eine Unlust zu bändigen. Mit Unlust ist der Todestrieb gemeint. Durch ein Zwanghaftes durchleben, der immer wiederkehrenden Situation versucht der Leidende sein Trauma zu überwinden.

Aus dieser dem Lustprinzip entgegengesetzten Kraft entwickelte Freud nun seine Theorie vom Todestrieb. Demnach kennzeichnet den Todestrieb, eine primäre Aggression, und zwar unerotischer Art, die seit der Geburt vorhanden ist und imstande ist Verbindungen aufzulösen, sowie zu zerstören. In der Form wie Eros versucht das Lustprinzip ständig zu vereinen, zu erneuern, zu erhalten und zu erregen, versucht der Todestrieb diesem entgegenzuwirken. Für den Suizid deutete Freud den Todestrieb, als eine Krankheit des Über- Ichs, welche in der Melancholie die Dominanz erringt und desto größer sie würde um so eher verübe der Patient Suizid. „Die Todesangst der Melancholie läßt nur die eine Erklärung zu, daß das Ich sich aufgibt, weil es sich vom Über- Ich gehaßt und verfolgt anstatt geliebt fühlt. Leben ist also für das Ich gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom Über- Ich geliebt werden“11.

Die Theorie über den Todestrieb wurde unter Psychologen stark kritisiert. Unter anderem, weil sie der Ansicht der Kritiker nach zu weit gefaßt sei. So sollte damit aggressives Verhalten im Allgemeinem, sowie normales und abnormales Schwächerwerden und Verfallen des Organismus erklärt werden. Dazu kam das Freud seine Theorie selbst als biologische Spekulation bezeichnete. Dennoch kann sie als Grundstein angesehen werden, um sich dem Phänomen des destruktiven Verhaltens zu nähern. Dessen Ungeachtet stieß seine Aggressionstheorie, die Wendung der Aggression gegen das eigene Ich, auf viel Zustimmung und erhielt eine Erweiterung durch die Narzißmustheorie.

2. 2. 2. Narzißmuskrise

Das Konzept des Narzißimus knüpft, wie schon gesagt, an die Arbeit von Freud an. Die Vorarbeit von Freud bestand darin den Unterschied zwischen Übertragungsneurosen und narzißtischen Neurosen, sowie Partnerwahl nach Anlehnungstyp und nach narzißtischen Typ herausgearbeitet zu haben. Die narzißtischen Neurosen umschrieben damals solche Krankheitsbilder, welche man heute unter den Bezeichnungen Schizophrenie und psychotische Depression zusammenfaßt. Mit der Partnerwahl nach Anlehnungstyp ist gemeint, daß im Partner wirklich ein anderer gesucht wird, um damit die Andersartigkeit des anderen realisieren zu können. Dagegen versucht derjenige mit einem narzißtischen Typ im anderen sich selbst zu finden, also erfolgt die Partnerwahl unter dem Kriterium, was in ihm von sich selbst wiederzufinden ist. Dieser Grundannahme folgend entwickelte Kohut seine Narzißmustheorie, welche anschließend von Henseler auf die Entstehung von suizidalem Verhalten hin angewandt und modifiziert wurde. Auf die Theorie von Henseler soll nun, im Hinblick auf das Thema, näher eingegangen werden.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Interpretation suizidalem Verhaltens als Folge einer narzißtischen Krise. Anhand von Interviews mit 50 Patienten, welche einen Suizidversuch hinter sich hatten, entwickelte er folgende für eine narzißtische Problematik hervorstechenden Charakteristika:

1. Bei den Patienten handelt es sich um ausgesprochen leicht zu verletzende Menschen, sei es durch Kritik, selbst wenn diese Berechtigt ist, oder auch nur durch Ablehnung. Der Grund liegt in einem schwach ausgebildetem Selbstwertgefühl, welches durch eine suizidale Tat wieder gesteigert werden soll.
2. Neben einem mangelnden Selbstwertgefühl existiert noch, bewußt oder unbewußt, eine Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, in Form eines überhöhten Selbstwertgefühls. Beide Formen können oszillieren, daher es Überwiegt in einem Moment das mangelnden Selbstwertgefühl und in einem anderen das überhöhte Selbstwertgefühl, oder aber der Betroffene ist sich nur eines Teils, etwa des mangelnden Selbstwertgefühls bewußt.
3. Weiterhin zeigt sich die narzißtische Problematik in der vollkommen falschen Einschätzung andere Personen, da der Patient ebensowenig seine eigenen Fähigkeiten einschätzen kann, wie die Bedürfnissen und Fähigkeiten anderer Person. Folglich fehlt es ihm an Einfühlungsvermögen in Eigenarten und Bedürfnisse anderer. Anderseits ist der Betroffene aber auch völlig abhängig von anderen Person, z. B. dem Partner, um sein seelisches Gleichgewicht erhalten zu können. Daraus ergibt sich eine fatale Situation, da der Betroffene ja nicht die Fähigkeit hat, die Eigenarten und Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen und dieser nun permanent Gefahr läuft ihn zu verletzen. In einer solchen Konstellation ist es nicht weiter verwunderlich, daß die Beziehungen sehr starken Belastungen ausgesetzt sind, welches schließlich in vielen Partnerschaften zu Trennungen führt.
4. Um aber eine Trennung zu verhindern richtet sich die Aggression des Patienten, wie schon in Freuds Theorie angesprochen, gegen das eigene Ich und zwar bis zur letzten Konsequenz, deren Folge ein Suizidversuch oder Suizid sein kann. Dabei überschätzt der Suizident sein eigenes aggressives Potential, er glaubt den eigenen Partner mitvernichten zu können.

Die Suizidhandlung erfolgt somit aufgrund einer narzißtischen Krise, denn auf diese Weise wird der Ausweg in ein totes Gleichgewicht gesucht und in gewissermaßen auch gefunden.

Die „ Leistung“ Henselers, in Hinblick auf die Suizidproblematik, bestand darin eine Symbiose zwischen der Aggressionstheorie und der Narzißmustheorie hergestellt zu haben. Eine Suizidhandlung besteht darin aus einem Akt „der Autoaggression die pathologische Verarbeitung eines Aggressionskonfliktes durch Wendung der Aggression gegen die eigene Person“12, wobei die Wut der Aggression eben durch eine narzißtische Kränkung ausgelöst wird.

Mit der Darstellung der Narzißmuskrise verlasse ich in meiner Arbeit nun die Mikroebene um die soziologischen Ansätze und damit die Makroebene zu erörtern.

2. 3. Soziologische Ansätze

2. 3. 1. Durkheims Suizidtheorie

Im Jahre 1897 erschien das Buch „Le Suicide“ von Emile Durkheim. Mit diesem Buch unternahm Durkheim den Versuch, die Soziologie als eine eigenständige Wissenschaft mit entsprechender Methode zu etablieren. Seiner Meinung nach fehlte es der damaligen, im Gegensatz zu heute, „populären“ Wissenschaft vor allem an einer geeigneten Methode zur Untersuchung von gesellschaftlichen Vorgängen. Das Thema Suizid, als ein gesellschaftliches Problem, schien ihm geradezu prädestiniert für sein Anliegen. Aufgrund seiner Auffassung vom Suizid, wodurch diese ein rein gesellschaftliches Problem sei, und daher nur die Soziologie dementsprechend eine adäquate Erklärung liefern konnte. Sein Vorgehen entspricht dabei der heute üblichen quantitativen Methode. Wie kommt Durkheim zu seiner Auffassung? Zuerst einmal beschäftigte sich Durkheim in seinem Buch mit den zu seiner Zeit gängigen Erklärungen über einen Zusammenhang zwischen Suizid und psychopathischen Zuständen, wobei der Schwerpunkt auf Ursachen, dehnen man einen Einfluß auf die Suizidrate zuschreiben konnte, lag. Die psychopathischen Zustände gliedern sich in Monomanie, manischer Suizid, depressiver Suizid, Suizid als Zwangsvorstellung sowie den impulsiven oder auch reflexartigen Suizid.

Nebenbei angemerkt, eine Auffassung wie etwa Erwin Ringel, Suizid als eine Tat von Geisteskranken anzusehen, lehnte Durkheim von Vornherein ab, den dann könnte er sich seine Arbeit sparen, da die Frage somit gelöst wäre: „ Jeder Selbstmörder wäre irre“13. Es geht vielmehr darum, ob psychopathische Faktoren einen Anteil haben.

Monomanie bezeichnet eine Krankheit in welcher der Patient von Wahnvorstellungen heimgesucht wird. Es handelt sich hierbei um Menschen, die geistig völlig gesund sind, bis zum Zeitpunkt der eintretenden Wahnvorstellungen. Dieses äußert sich z. B. in einem absurden Drang zu trinken, stehlen oder auch in gewalttätigen Ausbrüchen. Das plötzliche Ausbrechen der Monomanie macht es natürlich schwierig festzustellen, welche Personen an diesem Krankheitsbild leiden und welche nicht, wodurch die einzige Möglichkeit der Belegung in einer Interpretation der Handlungen liegt. Und aus diesem Grund argumentiert Durkheim, wenn sich der Ursprung der Monomanie nicht ausmachen läßt, dann kann es sie auch nicht geben, sowie es keinen Suizid deswegen geben kann. Eine anders geartete Variante der Monomanie stehlt der manische Suizid dar.

Der manische Suizid ist, wie bei der Monomanie, zurückzuführen auf Wahnvorstellung oder auch Halluzinationen. Den Patienten offenbaren sich verschiedene Vorstellungen und Empfindungen, welche von widersprüchlichster Art sind. Er ist dadurch nicht in der Lage einen Bewußtseinszustand dauerhaft zu manifestieren. In Hinblick auf Motive für einen Suizid wechseln diese eben so schnell. Es entstehen unerwartet Wahnvorstellungen, die zu einem Suizidversuch führen und ebenso schnell flachen diese Vorstellungen wieder ab, so das bei einem mißlungenem Versuch erstmals kein zweiter folgt. Wird später ein neuer Versuch gestartet haben sich sehr wahrscheinlich auch die Gründe geändert. Auch kann ein unerwarteter Vorfall das gesamte Unternehmen kippen. Durkheim beschreibt ein Beispiel von einem Suizidanten, der sich in einen seichten Fluß gestürzt hatte und gerade dabei war, als er merkte das es an dieser Stelle nichts „ zu gewinnen gab“ ,eine Tiefere zu suchen. Als er eine neue Stelle gefunden hatte und dabei war sich zu ertränken, kam ein Zollbeamter, der seine Absicht erriet und seine Waffe auf den Suizidanten anlegte mit der Drohung zu schießen, falls er nicht aus dem Wasser herauskäme. Augenblicklich kletterte der Suizidant aus dem Wasser und ging nach Hause, an einen weiteren Suizidversuch hatte er nicht mehr gedacht.

Die beiden psychopathischen Zustände depressiver Suizid und Suizid als Zwangsvorstellung möchte ich Überspringen, da sie bereits behandelt wurden und sich durch Durkheim nichts neues hinzufügen läßt. Somit gehe ich noch kurz auf den impulsiven oder reflexartigen Suizid ein.

Im Gegensatz zum Suizid als eine Art Zwangsvorstellung, die sich langsam dem Patienten bemächtigt, entspringt diese Form des Suizides einer „fixen“ Idee. Daher der Begriff impulsiver/ reflexartiger Suizid. Der Suizid geschieht hier, im Gegensatz zu allen anderen „Krankheitsbildern“, völlig ohne Grund, es gibt keine wie auch immer geartete Logik. Das heißt die Neigung zum Suizid entspringt plötzlich, etwa beim Anblick eines Messers und bricht anschließend mit großer Kraft hervor. Die Suizidanten sind sich dessen nicht einmal bewußt. Nach Befragungen einiger Personen, welche gerettet werden konnten, stellte man fest, daß die Mehrheit weder an Suizid dachte, noch die Absicht hatten sich umzubringen und nicht in der Lage war den Vorgang zu rekapitulieren.

Nach Darlegung der psychopathischen Zustände bilanziert Durkheim, daß alle psychopathischen Suizide entweder ohne Motive oder nur durch rein imaginäre Motive bestimmt sind. Und sich nicht eindeutig in die eine oder andere Kategorie einordnen lassen. „Die Mehrzahl von ihnen ist sehr wohl motiviert und in der Realität begründet“14. Denn obwohl auch der „gesunde“ Mensch, bei einem Suizidversuch mit großer Wahrscheinlichkeit in einer depressiven Lebensphase steckt, unterscheidet ihn von einem „kranken“ Menschen, daß sein Zustand wie auch seine Handlungen einen objektiven Bezug zur Umwelt haben. Das heißt, er reagiert auf äußere Faktoren, die ihn soweit treiben, ohne innere Wahnvorstellungen, Illusion usw. Natürlich sind die Grenzen zwischen „normal“ und „unnormal“ fließend, nur meint Durkheim, daß ein Mensch, der vom Durchschnitt abweicht noch lange kein Psychopath ist. Trotz allem möchte Durkheim damit nicht die Psychologie und ihre Erkenntnisse innerhalb der Suizidforschung gänzlich verwerfen, sonder nur zum einen verdeutlichen, daß Suizidanten nicht zwangsläufig Geisteskrank sind, und zum anderen in Hinblick auf die Suizidrate deren Einfluß revidieren. Die Psychologie kann zwar, nach Durkheim, einzelne Faktoren erklären, welche vielleicht bei manchen Personen einen Suizid begünstigen, jedoch nicht die Schwankungen innerhalb der Suizidrate erklären. Mit anderen Worten, die Häufigkeit von Suiziden in bestimmten Ländern, Städten, Schichten usw. kann die Psychologie nicht erklären, aber gerade diese, alles in allem, soziale Faktoren und deren Auswirkungen auf die Suizidrate bedürfen einer genaueren Betrachtung, wenn man die Suizidneigungen erklären will und deshalb meint Durkheim, daß nur die Soziologie eine adäquate Illustrierung liefern kann.

Nachdem die psychopathischen Zustände als unzureichende Erklärungen für suiziduales Verhalten betrachtet wurden, wendet sich Durkheim anderen Einflußgrößen zu, als da wären Rasse, Erblichkeit, und Klima. Auch hier kommt er zu dem Schluß, daß die Rasse keinen Einfluß auf Suizidrate hat, die Erblichkeit gänzlich unbeachtet werden kann und beim Klima ebenfalls keine brauchbaren Erkenntnisse zustande kommen. Allenfalls interessant beim Klima ist die Feststellung, wonach in den wärmeren Monaten ein leichter Anstieg der Suizide zu beobachten ist. Durkheim deutet dieses Phänomen im Zusammenhang mit einer größeren Aktivität der Menschen in diesem Zeitraum, die sich bei manchen Zeitgenossen halt in einem Suizid vollziehen. Ungeachtet dessen schreibt Durkheim dem Klima keinerlei nennenswerten Einfluß auf die Suizidneigung zu. Weitaus produktiver für die Suizidproblematik wird der Teil des Buches indem es um die sozialen Ursachen und soziale Typen des Suizides geht in folge dessen Durkheim seine Theorien entwickelt. Betitelt als egoistischer, altruistischer und anomischer Suizid, welche sich zugleich ableiten lassen aus einer nicht geglückten Anpassung des Individuums an unterschiedlichen Gesellschaftsformen. Die Anpassung des Individuums an die Gesellschaft bedingt allerdings, daß die Individuation nicht zu stark aber auch nicht zu schwach ist. Ist die Individualität zu stark, geraten die Individuen einer Gesellschaft in Isolation, sie werden von der Gesellschaft ausgegrenzt und es kommt zum egoistischen Suizid. Während es bei einer zu schwachen Individualität eher zum altruistischen Suizid kommt. Der anomische Suizid tritt in Erscheinung, wenn das Individuum keine Vorstellung davon hat was gesellschaftlich erwünscht wird, also im Falle eines zu weiten oder unbestimmten „Normenkataloges“. Näheres über die einzelnen Theorien im folgenden.

Der egoistische Suizid

Anzeichen eines egoistischen Suizides lassen sich vor allen in den Religionsgemeinschaften, vorwiegend protestantische und katholische, eruieren. Durkheim findet heraus, daß in allen Ländern die Suizidrate unter den Protestanten höher ist als unter den Katholiken, folglich kann davon ausgegangen werden, daß die Häufigkeit der Anzahlen von Suiziden daraufhin weisen welche Religion in einem Land stärker vertreten ist. Somit ergibt sich ein Umstand, den man wie folgt Zusammenfassen kann, je höher der Anteil an Protestanten innerhalb einer Bevölkerung desto höher deren Suizidrate. Zweifelsohne handelt es sich hierbei um eine sehr starke Verallgemeinerung und es gibt mit Sicherheit einzelne Länder, Gebiete usw. in dehnen dieses Aussage nicht zutrifft, ungeachtet dessen scheint für Durkheim aber eine Tendenz erkenntlich, die eine solche Aussage zumindest stützt wenn nicht sogar wahrscheinlich macht. Welche Faktoren begünstigen eine solche Tendenz? Der entscheidende Faktor liegt in einem unterschiedlichen Lehrkodex beider Religionen. Beginnend mit der einfachen Tatsache, daß im Katholizismus die Bibel von einem Priester vorgelesen wird, hingegen der Protestant den Inhalt der Bibel selber erarbeiten muß. Eigentlich eine einfache Tatsache aber mit folgenreichen Konsequenzen. „Je mehr Denken und Handeln religiös bestimmt und folglich der freien Kritik entzogen sind, um so mehr ist die Gottesidee in allen Einzelheiten des Leben gegenwärtig und lenkt den Willen des einzelnen auf ein einziges und gleichbleibendes Ziel. Umgekehrt, je mehr eine Glaubensgemeinschaft dem Urteil des einzelnen überläßt, desto mehr entfremdet sie sich seinem Leben, desto weniger Zusammenhalt und Vitalität zeichnet sie aus“15. Insofern liegt die höhere Suizidanfälligkeit des Protestantismus in einer weniger starken Integration innerhalb der Kirche, im Gegensatz zum Katholizismus. Die geringere Integration des Protestantismus hat zur Folge, daß sich deren Anhänger stärker Bilden müssen, wenigstens in dem Maße ab welchem sie sich die Bibel zugänglich machen können, also Lesen und Schreiben beherrschen müssen. Tatsächlich findet Durkheim heraus, daß die Analphabetenquote bei den Protestanten geringer ist als bei den Katholiken. Aus dieser schlichten Feststellung leitet Durkheim weitere Folgerungen ab. Wenn im Protestantismus die Bibel selber erörtert und damit natürlich auch von jedem Mitglied selber interpretiert werden kann, besteht die Gefahr, daß ehemals feste Glaubensgrundsätze ins wanken geraten können. Zum Beispiel die Autorität des Pfarrers, in Bezug auf Glaubensfragen, bezweifelt wird, da man mit seiner Auslegung der Bibel nicht einverstanden ist. Dieses kritische Haltung muß sich nicht nur auf religiöse Fragen beziehen, ist allerdings in der Religion einfacher zu Untersuchen, sondern kann sich auf andere Bereiche ausweichen, in deren Folge das Individuum in eine Art Vakuum gerät und keine „Richtungsanzeige“ mehr vorfindet. Kurz: Je höher der Stand der Bildung desto höher die Suizidrate. Allerdings, und das betont Durkheim besonders, bestimmt nicht die Bildung selbst eine derartige Zunahme. „ Der Mensch sucht Bildung und ergibt sich dem Tod, weil die Glaubensgemeinschaft der er angehört, ihren Zusammenhang eingebüßt hat. Aber er sucht den Tod nicht, weil er sich bildet“16. Die Bildung und damit zusammenhängend die Wissenschaften sind der „ Motor“ um überhaupt Veränderungen und Weiterentwicklungen jeglicher Art durchführen zu können, wodurch gesagt werden soll, daß nicht eine wenig gebildete Gesellschaft eine Schutzfunktion gegenüber den Suizid ausübt. Und in Folge dessen es besser wäre deren Mitglieder einen ganzen Katalog von Vorschriften aufzudrängen und jegliche Weiterbildung zu untersagen. Das Entscheidende ist den Mitglieder einer Gemeinschaft in ihrem kollektiven Dasein genügend Inhalte zu geben um eine „ Entfremdung“ zu verhindern. In dem Beispiel mit der Autorität des Pfarrers z. B. den Mitgliedern der Gemeinde eine Art von Forum zu schaffen innerhalb derer sie ihre Meinungen Austauschen können.

Zusammenfassend: Die Religion schützt ihre Mitglieder nur vor dem Suizid insofern eine soziale Ordnung vorhanden ist. Wenn eine soziale Ordnung in der Religion ihre Mitglieder schützen kann, dann liegt es nahe, daß andere soziale Ordnungen die gleiche Wirkung haben. Unter diesem Aspekt untersucht Durkheim im weiteren Verlauf des Buches nun die Familie und den Staat.

Die Familie bietet eine starke Schutzfunktion vor dem Suizid aufgrund der dort ebenso vorhandenen Kollektivgefühle, welche bei jedem Mitglied ein Echo finden. Deren Intensität ist dabei unmittelbar mit der Größe der Gruppe gekoppelt. Durch die Größe der Familie können Leidenschaften heftiger und befreiter ausgelebt werden, da sie groß genug ist um Gefühle und Erinnerungen durch Gemeinsamkeit zu verstärken. In kleinen Familien ist dieses nicht möglich. Zum einen weil sie nur eine kurze Dauer haben und andererseits weil dort

Kollektiväußerungen eher selten sind, denn die Häufigkeit von Kollektiväußerungen ist abhängig von dem Nachdruck, mit dem Meinungen und Eindrücke ausgetauscht werden, „und davon, daß dieser Austausch um so schneller vor sich geht, je mehr einzelne daran teilnehmen“17. Eine große Familie hat einfach den Vorteil, daß immer jemand zu Hause ist und die sozialen Beziehungen nie unterbrochen werden, während bei Kleinfamilien zeitweise der Kontakt unterbrochen wird.

Und durch die immer vorhandenen sozialen Beziehungen entsteht eine innere Verbundenheit zwischen den einzelnen Individuen, wodurch gewährleistet wird, daß sich die Einzelpersönlichkeit nicht über das Kollektiv stellt. Erst wenn die Gruppe geschwächt wird, also die sozialen Kontakte gelockert werden, besteht die Gefahr einer „egoistischen“ Verhaltensform. Mit anderen Worten, die Abhängigkeit innerhalb der Gruppe fällt weg und die einzelnen Mitglieder folgen nur noch ihren eigenen Privatinteressen. Das individuelle Ich stellt sich über das soziale Ich. Dieses kennzeichnet nach Durkheim den egoistischen Suizid.

Gleiches gilt für die Beziehung zwischen dem Staat und seiner Bürger. Solange die einzelnen Bürger eine kollektive „Verbindung“ haben z. B. mit dem Begriff Heimat etwas gemeinsames Verbinden, denkt der einzelne weniger an sich selbst und mehr an die gemeinsame Sache. Insbesondere wenn es irgendwelche Krisen zu bewältigen gibt etwa bei einen Angriff auf „sein“ Land, wo alle gebraucht werden um eine Gefahr abzuwenden. Wodurch gezielt an das Gemeinschaftsgefühl aller Individuen appelliert wird. Oder aktuell z. B. in Amerika und der dortigen breiten Zustimmung im Krieg gegen den Terrorismus, infolge dessen jegliche kritische Haltung als antiamerikanisch bezeichnet wird.

Letztendlich bezeichnet Durkheim mit egoistischen Suizid, jedes Verhalten das aus einer übermäßigen Individuation hervorgeht.

Der altruistische Suizid

„ Wenn der Mensch aus der Gesellschaft herausgelöst wird, begeht er leicht Selbstmord. Das tut er auch, wenn er zu sehr in sie verstrickt ist“18. Hierin liegt die Grundannahme für den altruistischen Suizid, welcher besonders in „ primitiven“ Gesellschaften zu beobachten ist. In solchen Gesellschaftsformen tötet sich ein Mensch, weil die soziale Ordnung ihn dazu verpflichtet. Kommt er seiner Verpflichtung nicht nach drohen Sanktionen.

Der Suizid hat in „ primitiven Völkern“ bestimmte Charakterzüge, die Durkheim folgenden Kategorien zuordnet:

1. Suizid von Menschen aufgrund eines Krankheitsleidens oder Überschreitung einer Altersschwelle.
2. Suizid der Ehefrau beim Tode des Gatten.
3. Suizid von Gefolgsleuten oder Dienern im Falle des Todes ihres Herren.

In jeder Kategorie geschieht der Suizid nicht aus „ freien“ Stücken, wie etwa beim egoistischen Suizid, wo das Ich ein Eigenleben führt und nur sich selbst gehorcht, sondern aufgrund von Dingen die außerhalb seiner selbst liegen, wo sein Verhalten von der Gruppe, und deren sozialer Ordnung, die er angehört bestimmt wird. Diesen Zustand drückt das Wort Altruismus aus.

In „moderneren“ Gesellschaften kommt das Militär von der Struktur her den „primitiven“ Gesellschaften am nächsten. Auch hier richtet der Soldat sein Verhalten nach Maximen, welche außerhalb seiner selbst liegen, was den charakteristischen Zug des Altruismus kennzeichnet. Beim Militär wird das Individuum in eine soziale Ordnung hineingezwängt, die ihn an der Entfaltung eines Eigenlebens hindert und so einen Nährboden für den altruistischen Suizid bietet.

Somit läßt sich festhalten, daß der altruistische Suizid genau das Gegenteil vom egoistischen Suizid ausdrückt. Er geschieht aus einer zu starken Integration innerhalb eines sozialen Gefüges, wodurch jegliche „Individualität“ unterdrückt wird.

Der anomische Suizid

Der anomische Suizid zeigt sich am deutlichsten im Wirtschaftsleben der einzelnen Individuen. Und insbesondere in den geltenden Vorstellungen über bestimmte Lebensführungen in der Arbeitshierarchie einer Gesellschaft. Zunächst stellt die Gesellschaft, als übergeordnete moralische Kraft, eine Autorität für deren Mitglieder dar, welche dazu in der Lage ist Recht zu sprechen und den Begierden Schranken zu setzen, über die man nicht hinausgehen darf. Für den Arbeiter z. B. gibt es eine obere Grenze, bis zu der er sich Vorstellungen machen kann, wie sein Leben verbessert werden könnte und eine untere Grenze, die er, ohne in der allgemeinen Achtung tiefer zu sinken, nicht unterschreiten darf. Beide Grenzen sind unterschiedlich für den Arbeiter in der Stadt oder auf dem Land, für den Büroangestellten, Beamten usw. Darin liegen nach Durkheim auch die Gründe ,in der öffentlichen Meinung, einen Menschen, der zu viel Geldmittel aufwendet ,für überflüssige Sachen, zu verurteilen. Demzufolge gibt es also „tatsächlich eine Reglementierung, und wenn sie auch nicht die Form geschriebener Gesetze annimmt, so stellt sie doch relativ streng das Maximum an Wohlstand fest, das jede Gesellschaftsklasse erlaubterweise für sich erstreben darf“19. Natürlich ist dieses Modell kein starres, sondern variiert je nachdem, ob das Gesamteinkommen steigt oder fällt und nach der gerade herrschenden Moralvorstellung in der Gesellschaft. Kommt es allerdings innerhalb einer Gesellschaft zu einer Krise, durch die eine Klasse besonders begünstigt wurde, wird diese nicht mehr bereit sein ihren gleichen Verzicht zu üben und durch ihren erhöhten Wohlstand erzeugen sie wiederum Begehrlichkeiten jeglicher Art neben und unter ihr. Somit steigen neben dem Wohlstand auch die Bedürfnisse, so das sie ( Klassen neben und unter der Begünstigten ) angestachelt durch die reiche Beute, die ihnen vorgehalten wird, jede vormals herrschende Regel mit samt ihrer Autorität über Bord werfen. Die infolgedessen gestörte Ordnung ( Anomie ) führt zu einer Höhe von Ansprüchen die unmöglich befriedigt werden können. „Gleich, was erreicht ist, die überreizten Begierden werden über jedes Maß hinausschießen, denn es erhebt sich keine warnende Stimme zu einem < Bis hierher, und nicht weiter! >“20. Demnach verfolgen die Menschen ein unerreichbares Ziel , was Durkheim zu der Vermutung veranlaßt, daß sie zu ewiger Unzufriedenheit verdammt zu seien scheinen, da sie durch ihre fieberhafte Ungeduld über einen gerade erreichten Punkt hinauszukommen , bei Fehlschlägen, eine starke Kränkung erreichen, welche in einem Suizid enden könnte.

Eine Mitverantwortung für diese Tendenz sieht Durkheim in der Wirtschaft, welche durch ihre Maximen allen möglichen Spekulationen Tür und Tor öffnet, da sie das Risiko sucht um ihre Gewinne puschen zu können. Allerdings wachsen mit der Risikobereitschaft auch die Rückschläge und daran gekoppelt die Krisen, die wiederum bestehende Gesellschaftsordnungen durcheinanderwirbeln ( siehe oben ) und den Bedürfnissen keine „Richtlinien“ vorgeben, was ergo eine erhöhte Suizidgefahr ( anomischer Suizid ) bewirkt.

Der anomische Suizid bezeichnet letztendlich einen Zustand in einer Gesellschaft, in der jedes Handeln regellos wird und deren Mitglieder darunter leiden.

Nach Darstellung der drei Suizitypen ergeben sich im weiteren Verlauf des Buches, meiner Meinung nach, keine nennenswerten Erkenntnisse mehr, so das ich mich auf die beschriebenen Aspekte beschränken möchte, da die zentralen Aspekte seiner Theorien damit abgedeckt sein sollten. Hinzugefügt werden muß allerdings, daß Durkheim, für jeden Suizidtyp, Statistiken zurate gezogen hat um seine Hypothesen zu bestätigen und genau hier setzt auch die Kritik an, da es genauso viele Statistiken gibt, welche seine Hypothesen widerlegen ( siehe Henry und Short: Suicide and homiicide ). Auch seine Auffassung vom Suizid als einem nur durch die Soziologie zu erklärendem Phänomen wurde stark kritisiert und dürfte mittlerweile gänzlich verschwunden sein. Ungeachtet dessen bildete seine, wenn man egoistischer, altruistischer und anomischer Suizid zusammenfaßt, Integrationshypothese den Grundstein für die nachfolgend zu besprechenden Statusintegrationstheorie. Vorweg möchte ich allerdings Durkheim mit Freud vergleichen, da sich hier doch durchaus interessante Parallelen aufzeigen, mit deren Hilfe die Suizidproblematik adäquater dargestellt wird.

Durkheim und Freud

Bei einer ersten Betrachtung der Theorien von Freud und Durkheim entsteht leicht der Eindruck, daß diese durch Welten getrennt zu seien scheinen. Auf der einen Seite die Theorie einer kollektiven Tendenz, die den einzelnen zwingt, sich umzubringen, und auf der anderen Seite die psychoanalytischen Vorstellungen vom Ursprung der Suizidneigungen. Dennoch haben beide Theorien einen bedeutsamen gemeinsamen Aspekt. Sie sehen beide die Handlungen des einzelnen als Konsequenz von Dingen, über die er nur eine begrenzte Kontrolle hat. Bei Durkheim liegen die Dinge oder auch Kräfte außerhalb des einzelnen in der Gesellschaft, bei Freud im Unbewußten. Das von Durkheim angenommene Kollektivbewußtsein hat in der psychoanalytischen Theorie sein Gegenstück im Über- Ich, also in der psychischen Repräsentanz der moralischen Forderungen. Die Gesellschaft modifiziert nach Freud die Triebe und formt das Über- Ich. Demzufolge sind Durkheim und Freud nicht so unvereinbar, wie es zunächst scheint, denn beide deuten das menschliche Verhalten als Folge der Wirkung von Kräften, dehnen der Mensch unterworfen ist, und deren er nicht voll gewahr wird. Für die Suizidproblematik wäre es daher sehr Hilfreich, wenn die Grenzen der einzelnen Wissenschaftsbereiche überwunden werden und dadurch ein reger Erkenntnisaustausch stattfindet, da es bei Durkheim und Freud z. B. von Interesse sein könnte, wie das Kollektivbewußtsein den einzelnen beeinflussen, daher wie die Gesellschaft bestimmte psychische Zustände hervorruft oder eben begünstigt. Oder umgekehrt wie sich psychische Zustände von Personen auf deren Integration innerhalb der Gesellschaft auswirken. Den Vergleich von Durkheim und Freud schien mir geeignet um zu Zeigen, daß eine Behauptung wie von Durkheim geschehen, zur Wiederholung das Suizidproblem kann nur durch die Soziologie adäquat erklärt werden, nicht zutreffend sein kann, da andere Wissenschaftsbereiche ( aus ihren spezielle Sichtpunkt ) durchaus ähnlich Erkenntnisse hervorbringen, denen man sich nicht verschließen sollte.

Nach diesem kurzen Ausflug möchte ich nun mit der Darstellung der Statusintegrationstheorie fortfahren, die ja wie schon gesagt auf Durkheims Integrationshypothese zurückgreift.

2. 3. 2. Statusintegration

Die Statusintegrationstheorie wurde von Gibbs und Martin aufgestellt, und versucht die Statusintegration als einen besonderen Integrationstyp zu messen. Bei ihrer Untersuchung gingen sie von folgende Hypothese aus: „ Die Selbstmordrate einer Bevölkerung variiert umgekehrt mit dem Grad der Statusintegration dieser Gruppe: je höher die Statusintegration der Mitglieder einer Gruppe, um so niedriger die Selbstmordrate der Gruppe“21. Den Status einer Person kennzeichnet die soziale Identifizierbarkeit des einzelnen Individuums mit Hilfe von Merkmalen, welche durch andere Personen des Systems wahrnehmbar sind und dadurch mit bestimmten Rechten und Pflichten verbunden sind. Wobei die Rechten und Pflichten bestimmend sind für die Rollen eines Status.

Um nun die Integration zu messen sind von Gibbs und Martin insgesamt fünf Status verwendet worden: Alter, Geschlecht, Rasse, Beruf und Zivilstand. Anschließend wurde die Untersuchung in 30 Staaten und 28 Großstadtgebiete der USA durchgeführt. Mit dem Ergebnis, daß von 676 Prognosen 392 oder auch 58% richtig, daher wie erwartet zutrafen. Und von den 175 Korrelationskoeffizienten zwischen Statusintegration und Suizid zeigten 160 in die prognostizierte Richtung. Dadurch fanden sie ihre Hypothese bestätigt und haben daraus empirische Verallgemeinerungen ( A ) abgeleitet, welche an einigen Beispielen über Rasse, Geschlecht und Rassenzugehörigkeit dargestellt werden sollen. Wobei sich aus der allgemeinen Hypothese ( T ) spezielle Hypothesen ( Ts ) ableiten lassen.

T Wenn die Statusintegration der Mitglieder einer Gruppe relativ niedrig ist, dann ist die Suizidhäufigkeit der Gruppenmitglieder relativ hoch.

A1 Männer haben eine geringer Statusintegration als Frauen.

A2 Weiße besitzen eine geringere Statusintegration als Farbige.

A3 Weiße Männer haben eine geringere Statusintegration als Farbige, weiße Frauen und farbige Frauen.

A4 Farbige Männer verfügen über eine geringere Statusintegration als weiße und farbige Frauen.

A5 Weiße Frauen weisen eine geringere Statusintegration auf als farbige Frauen.

Ts1 Männer habe eine höhere Suizidrate als Frauen.

Ts2 Weiße besitzen eine höhere Suizidrate als Farbige.

Ts3 Weiße Männer haben eine größere Suizidrate als Farbige, weiße und farbige Frauen.

Ts4 Farbige Männer verfügen über eine höhere Suizidrate als weiße und farbige Frauen.

Ts5 Weiße Frauen begehen häufiger Suizid als farbige Frauen.

Die durch die Deduktion modifizierten Hypothesen ( Ts1-5 ) waren wiederum die Grundlage zur Überprüfung alternativer Thesen der sozialen Desorganisation. Gibbs u. Martin untersuchten im folgenden den Zusammenhang zwischen Mobilität und Suizid, Zivilisation (damit ist gemeint, daß eine Zunahme der soziokulturellen Komplexität sich auf die Suizidrate negativ auswirkt ) und Suizid, sowie Psychopathologie und Suizid. Dabei kamen aber keinen nennenswerten Erkenntnisse zustande.

Im Grunde ist die ganze Theorie von schwierig darzustellen, was wahrscheinlich in der Tatsache begründet liegt, daß nicht weiter ( zumindest in der mir zugrundeliegenden Darstellung ) erklärt wird wie die einzelnen Prognosen zustande kommen oder auch welche Art von Tests durchgeführt wurden und vor allen nicht weiter definiert wurde, was die Begriffe: Merkmalen, Rechten und Pflichten ( siehe oben ) bedeuteten. Dennoch habe ich die Theorie mit hineingenommen, da es durchaus einen interessanten Ansatz darstellt die einzelnen Rollen der Mitglieder einer sozialen Gruppe in Hinblick auf deren Suizidneigung zu Untersuchen, auch wenn dieser Ansatz noch einer näheren Beleuchtung bedarf.

Zum Abschluß der theoretischen Erklärungsansätze möchte ich noch die Imitationshypothese darstellen, welche indirekt die Statusintegration aufgreift.

2. 3. 3. Imitation

Die Imitationshypothese beruht auf der Feststellung von Kreitman und Welz, wodurch Suizidversuche gehäuft in Familien und deren Freundes- und Bekanntenkreis sowie in bestimmten Straßenzügen vorkommen. Aus diesem Grunde könnte man auch von Ansteckungshypothese oder Suggestionshypothese sprechen. Grundlegend für alle drei genannten Hypothesen ist, daß das suizidale Verhalten eines Vorbildes imitiert wird, wobei das Verhalten des Individuums durch seine Persönlichkeit, unzureichende soziale Ressourcen zur Krisenbewältigung, soziale Belastungen oder soziale Beeinflußbarkeit bestimmt sein kann. Beispiele für die Imitationshypothese tauchen immer wieder auf, z. B. die „Suizidwelle“ nach Veröffentlichung des Liedes vom traurigen Sonntag, oder nach dem Suizid von Kurt Cobain und ebenfalls aufgrund des hohen Bekanntheitsgrades von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers usw. Der sog. Werther- Effekt konnte in einer Reihe von empirischen Studien nachgewiesen werden, wobei im folgenden die Studie von Schmidtke und Häfner dargestellt werden soll, da sie als exemplarisch für solche Studien gelten kann.

1981 und 1982 strahlte das Zweite Deutsche Fernsehen eine sechsteilige Serie mit dem Titel „Tod eines Schülers“ aus. Dabei ging es um einen 19jährigen Schüler der einen fiktiven Eisenbahnsuizid unternahm. Die Ausstrahlung bewirkte in der BRD einen starken Anstieg von Suiziden, die mit der gleichen Methode durchgeführt wurden, und zwar in der Zeitspanne der Sendung und unmittelbar danach. Wobei die Häufigkeitszunahme der Eisenbahnsuizide in den Gruppen der Bevölkerung am stärksten waren, welche nach Alter und Geschlecht dem fiktiven Modell ähnelten. So betrug der Anstieg bei den Männern im Alter zwischen 15- 19 Jahren innerhalb eines Zeitabschnitts von 70 Tagen während und nach der Erstausstrahlung gegenüber den Vergleichszeiträumen 175%, und für Frauen der gleichen Altersklasse 167%. Während es bei Männern über 30 und Frauen über 40 keine signifikanten Änderungen gab.

So kamen die Autoren zu dem Ergebnis, daß „ wahrscheinlich eine beträchtliche Anzahl junger Menschen durch diese mit guter Absicht gedrehte Fernsehserie den Anstoß erfahren (haben ), ihrem Leben ein rasches, dramatisches Ende zu setzen22.

Ungeachtet dessen bleibt die Aussagekraft der Imitationshypothese sehr gering. Es ist wahrscheinlich nicht ausgeschlossen, daß sich einige Personen ein Vorbild oder einen Anreiz suchen um ihren von vornherein beschlossenen Suizid zu „ Vollenden“. Wenngleich eine Imitation immer nur, wenn überhaupt, den Abschluß einer ganzen Reihe von Faktoren darstellen kann, welche vorher auf das Individuum einwirken. Dafür spricht ebenfalls der nur vorübergehende Anstieg der Suizidrate innerhalb eines bestimmten Zeitraum, in unserem Beispiel 70 Tage während und nach der Erstausstrahlung. Ergo bietet die Imitationshypothese keinerlei Erklärung für suizidales Verhalten.

Im letzten Abschnitt wird das Buch von Jean Amery ( Hand an sich legen: Diskurs über den Freitod ) behandelt, welches eine Gegenpool zu den theoretischen Erklärungsansätzen bildet.

3. Suizid als freie Willensentscheidung

3.1. Jean Amerys Diskurs über den Freitod

Bevor ich auf das Buch eingehe, vorab einige Bemerkungen zum Autor. Jean Amery wurde am 31.10.1912 in Wien geboren, studierte Literatur und Philosophie und emigrierte1938 nach Belgien, wo er sich der Widerstandsbewegung anschloß. 1943 kam er zwei Jahre in KZ- Haft, um anschließend als freier Schriftsteller und Rundfunkmitarbeiter zu arbeiten. 1970 erhielt Amery den Deutschen Kritiker- Preis und 1971 den Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Schönen Künste, sowie 1977 den Lessingpreis der Freien Hansestadt Hamburg. Im Jahr 1978 nahm Amery sich in Salzburg das Leben.

Die Grundintention des Buches besteht in der Annahme, daß der Suizid eines Menschen seine freie Willensentscheidung ist, weshalb Amery statt der Begriffe Suizid oder Selbstmord den Begriff Freitod benutzt. Weiterhin ist das Buch in fünf Kapitel mit folgenden Überschriften gegliedert: Vor dem Absprung, Wie natürlich ist der Tod?, Hand an sich legen, Sich selbst gehören und Der Weg ins Freie.

Das erste Kapitel behandelt die Situation vor dem Absprung, daher die unmittelbare Situation vor einer suizidalen Handlung, welche nach Amery für alle Suizidenten gleich ist, gleichgültig ob es sich nach der herrschenden Lehrmeinung um eine Autoaggression, narzißtische Krise, soziale Isolation usw. handelt. Zugleich wird eine Kritik an der Suizidologie ( fächerübergreifende Forschung ) deutlich: „ Ich habe das und jenes aus solchen fleißigen Zusammenstellungen gelernt: Wie, wo, warum Menschen sich zurücknehmen, welche Altersklasse die gefährdetsten sind, in welchen Ländern mehr und welchen anderen weniger Freitode man verzeichnet. Übrigens widersprechen die Statistiken einander oft, das gibt den Suizidologen Gelegenheit zu gelehrtem Zank. Wie einfach doch alles ist, man braucht nur aufmerksam der Fachliteratur zu folgen und weiß dann - was? Nichts“23. Warum weiß man nichts? Aufgrund der Herangehensweise an das Thema Suizid, denn wo immer Suizid als ein objektives Faktum betrachtet wird, entfernt sich der Beobachter, um so mehr vom Freitod, je mehr Daten und Fakten gesammelt werden. Bis er schließlich ihn seinen eigenen Kategorienapparat gefangen ist.

Des weiteren entzieht sich die Situation vor dem Absprung jeder noch so verdienstvollen suizidologischen Veröffentlichung, daher wie sehr sich ein Wissenschaftler auch mit dem Thema Suizid beschäftigt hat, mitreden kann er nur, laut Amery, wenn er selber vor dem Absprung steht, andrerseits wird nichts nützliches zum Vorschein kommen. Was ist so ungewöhnlich oder auch faszinierend am Suizid?

Amery beschäftigt sich im weiterem Verlauf des Kapitels mit der Lebenslogik. Lebenslogik bezeichnet eine in die Alltagssprache eingegangene Reaktion, welche sich in dem Ausdruck manifestiert, daß man schließlich leben muß, ungeachtet der einzelnen Lebenssituationen. Aber muß man leben, nur weil man nun mal da ist? „ Nein! Man muß vielleicht, ich aber will nicht und beuge mich nicht einem Zwange, der sich von außen als Gesetz der Gesellschaft und von innen als eine lex naturae drangvoll spürbar macht, die ich aber nicht länger anerkennen will“24.

Neben der Lebenslogik existiert noch die Todeslogik, aus diesem Grunde hat auch der Suizid für den Suizidenten eine eigene Logik in Form der „ besten“ oder „ natürlichsten“ Handlung. Der Suizident ist sich dessen bewußt und steht vor dem Absprung mit einem Bein sozusagen in der Lebenslogik und mit dem anderen in der Todeslogik, und in diesem Vakuum trifft er seine Entscheidung, welche ,wie Amery betont, eine Erkenntnis des logischen „ wahr“ oder „ falsch“ darstellt, die aber nicht von vornherein, im Falle des Suizides oder der nicht Ausführung, als falsch bewertet werden kann.

Im zweiten Kapitel „ Wie natürlich ist der Tod?“ bezweifelt Amery, daß es einen Unterschied zwischen natürlichem und unnatürlichem Tod gibt. Da der Tod im Grunde niemals natürlich ist, ganz besonders für den Betroffenen nicht, wenn dieser noch halbwegs im Besitz seiner geistigen Kräfte ist, und somit gilt das gleiche wie für den Freitod.

Insbesondere stützt sich Amery auf die Begriffe Humanität und Diginität. Der Freitod stellt ein Recht und für den Suizidenten ebenso eine „ Freiheit“ dar, selbst über sein Leben zu entscheiden und ist deshalb nicht weniger human als ein „ natürlicher“ Tod. Es stellt sich zugleich die Frage ob der Freitod nicht sogar humaner, in besonderen Fälle, wäre. Welcher Mensch möchte schon das Ende seines Lebens am Bett „ gefesselt“ im Krankenhaus abwarten? Wobei dies kein Appell für die Sterbehilfe sein soll. Es geht vielmehr um das Recht und die „ Freiheit“ sein Ende selbst zu bestimmen. Die „ Freiheit“ wird dem Suizidenten aber in dem Augenblick genommen, in dem er zu einem kranken Menschen erklärt wird. „ Der Depressive oder Melancholiker, für welchen die Vergangenheit unwürdig, die Gegenwart schmerzhaft, die Zukunft nicht existenz sind, wie der Fachmann seinen Zustand beschreibt, ist so wenig krank wie der Homoerotiker. Er ist nur anders“25.

Das dritte Kapitel befaßt sich mit dem Akt der Selbsttötung oder auch „ Hand an sich legen “. Der eigentliche Akt des Hand- an- sich- Legens sieht Amery als eine quälende und keineswegs leichte Handlung. Dennoch kann sich unser Ich bei der Selbstauslöschung, vielleicht zum ersten mal verwirklichen und ein nie gekanntes Glücksgefühl erzeugen. Als Beispiel dient ihm der Abiturient, welcher in diesem Augenblick einen großen Frieden empfinden muß, da nun seine Sorgen bedeutungslos werden.

„ Nur schlecht begreift, wer immer da den Gedanken des Freitods, und sei es auch nur stundenweise, sei es sogar kokett- spielerisch, zu fassen sich anstrickt, die zudringliche Besorgtheit der Gesellschaft um sein Endgeschick. Sie hat, diese Gesellschaft, sich wenig gekümmert um sein Dasein und Sosein. Krieg wird angezettelt: man wird ihn einziehen und ihm aufgeben, daß er sich wohlbewähre inmitten von Blut und Eisen. Sie hat ihm die Arbeit genommen, nachdem sie ihn zu ihr erzog: jetzt ist er arbeitslos, man fertigt ihn ab mit Almosen, die er verbraucht und sich mit ihnen“25. Und nachdem er in Krankheit fällt und der Todesneigung nachzugeben wünscht, wird ihm der Berufsehrgeiz der Ärzte vorgeführt, welche seinen Suizid verhindern wollen, um seine „ Rettung auf ihr professionelles Habenkonto“ zu schreiben. Anhand diese Zitats sollte deutlich werden worum es im vierten Kapitel „ Sich selbst gehören“ geht. Einerseits soll der Freitod endlich als das anerkannt werden, was er ist, also als ein freier Tod und andrerseits möge die Gesellschaft, der sein, Leben nie etwas bedeutet hat auch jetzt nicht eingreifen, zumal die wirklichen Motive verschleiert werden.

Denn „ wo die Gesellschaftsordnung unverschämt ( und doch ehrlich genug ) war, einzugestehen, es gehe ihr nur um das Material Mensch, um seine Arbeitskraft, so daß also Suizidäre durch schreckliche Strafandrohung von der Durchführung ihres Vorhabens abgeschreckt wurden, heute Soziologie, Psychiatrie und Psychologie, bestallte Träger der öffentlichen Ordnung, den Freitod behandeln, wie man eine Krankheit behandelt“26.

In folge dessen entspricht jegliche Suizidforschung , ob psychologische oder soziologische, den gesellschaftlichen Erfordernissen, auch wenn sie bestehende Verhältnisse kritisiert, und kann dadurch nicht anders als den Suizid unter der Kategorie Krankheit zu fassen. Zumal sie nicht dort sucht, wo er allein auffindbar ist, in seinem eigenen System. Damit meint Amery in den entscheidenden Lebensmomenten, wo jeder nur sich selbst gehört und deshalb jede Kategorisierung Irrelevant wird.

Das letzte Kapitel, „ Der weg ins Freie“ beschreibt den Suizid als einen Akt der Befreiung. Insofern, erlöst uns der Freitod von einem Sein, das unerträglich war und von einer Existenz die nur noch Angst bedeutet. Natürlich grenzt Amery die Anzahl von Menschen mit solchen Lebensekel ein und betont, daß es nur eine kleine Anzahl von Situationen gibt, die nicht von der Mehrheit bewältigt werden könnten. Was allerdings nicht bedeutet, daß Weiterleben, um jeden Preis, automatisch das Rechte ist. In einer solchen Deutung, wie sie in der Suizidologie und ebenso im Alltagswissen vorhanden ist, sieht Amery einen logischen Irrtum.

Dieser kurze Ausschnitt sollte alle, mir wesentlich erscheinenden, Aspekte der Suizidproblematik aus Amerys Sichtweise darstellen, und zugleich den Schlußpunkt meiner Arbeit markieren. In der Schlussbemerkung erfolgt noch ein kurzes Resümee über das hier dargestellte.

4. Schlussbemerkung oder die Folgen?

Wenn man die hier vorliegende Arbeit betrachtet, stellt sich vielleicht die Frage: Woran liegt denn nun die Bereitschaft sich das Leben zu nehmen? oder anders: Welche Theorie bittet eine ausreichende Erklärung für suizidales Verhalten?. Eventuell neigt man auch dazu Amerys Standpunkt zu teilen. Für keine dieser Fragen gibt es eine konkrete Antwort. Es handelt sich hierbei um einzelne Aspekte eines großen Themengebiets und damit zusammenhängend um verschiedene herangehensweisen, abhängig von dem jeweiligen wissenschaftlichen Standpunkt. Viel interessanter erscheint mir die Frage nach der Motivation der einzelnen Forscher sich diesem Thema zu widmen. Der vielleicht offensichtlichste Reiz liegt darin, daß es ein rein menschliches Verhalten ist und damit zusammenhängend eine Tat, die nicht nachvollziehbar ist, so banal das auch klingen mag. Nachdem man sich nun aber diesem Thema nähert bleibt unweigerlich die Frage zu welchem Zweck?, soll das Verhalten erklärt werden oder weitergehend mögliche Suizide verhindert. Muß dann nicht der Suizid als eine Krankheit angesehen werden um überhaupt einschreiten zu können? Sobald suizidales Verhalten als „krank“ angesehen wird und dadurch „geheilt“ werden muß ergeben sich weitere Schwierigkeiten. Wie soll dann z. B. in Holland verfahren werden, wo die aktive Sterbehilfe erlaubt ist und nichts anders darstellt als einen Suizid. Einwerfend möge man sagen, daß es sich dort um schwerst, körperlich, Kranke handelt und die Zustimmung unter strengen Auflagen geschieht. Nun, ich möchte nicht die Beurteilung von körperlichen und seelischen Schmerz übernehmen oder diese gar vergleichen. Läßt man die Kategorie Krankheit fallen bleibt immer noch die Frage nach der Hilfestellung oder anders muß bei Suizidenten eingegriffen werden oder nicht. Sollte man sie, wie Amery betont, einfach lassen oder eben nicht. Wenn eingegriffen wird geschieht dies dann aufgrund von gesellschaftlichen Gegebenheiten, welche sich jeder Forschung bemächtigt um z. B. das Arbeitsmaterial Mensch nicht zu verlieren oder aufgrund der Anname es handelt sich um einen Hilfeschrei? Auch darauf vermag ich keine Antwort zu geben. Für mich stellt der Suizid keine Krankheit dar und ebensowenig vermag ich zu behaupten es gebe keine Suizidenten, die den Suizid als Kommunikationsmöglichkeit benutzen wollen. Eine Trennlinie vermag ich dennoch nicht ziehen.

Ungeachtet derartiger Überlegung scheint Amery in einem Punkt recht zu haben, für den Suizidenten sind jegliche Theorien uninteressant, da sie ihm überhaupt nicht helfen. Was nützt das Wissen um eine z. B. Narzißmuskrise wenn ich mein Leben beenden möchte? Gar nichts.

Letztendlich bedeutet dies aber keine Abwertung oder sogar Verwerfung solcher Theorien, denn sie helfen „Außenstehenden“ Einblicke und mehr Verständnis für das Thema zu erlangen und vielleicht „Hilfestellung“ bei der Bewältigung von Problemen zu geben und das ist schon eine ganze Menge.

5. Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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1 Kuitert, Harry M., Das falsche Urteil über den Suizid: Gibt es eine Pflicht zu leben?. Stuttgart 1986, S. 14

2 Zitat aus: Bronisch, Thomas, Der Suizid: Ursachen, Warnsignale, Prävention. München 1999, S. 11

3 Strengel, Erwin, Selbstmord und Selbstmordversuche. Frankfurt am Main 1969, S. 2

4 Bronisch, Thomas, Der Suizid. München 1999, S. 12

5 Durkheim, Emile, Der Selbstmord. Frankfurt am Main 1999 ( Original 1897 ), S. 27, S. 26

6 Haller, Michael, Freiwillig Sterben Freiwillig?: Selbstmord, Sterbehilfe, Suchttod. Hamburg 1986, S.11

7 Zitat aus: Stengel, Erwin, Selbstmord und Selbstmordversuche. Frankfurt am Main 1969, S. 11-12

8 Zitat aus: Haller, Michael, Freiwillig Sterben Freiwillig?. Hamburg 1986, S. 121-122

9 Alvarez, A., Der Grausame Gott: Eine Studie über den Selbstmord. Hamburg 1999, S.129

10 Freud, Sigmund, Trauer und Melancholie: Gesammelte Werke Band 10. London 1949, S. 432

11 Freud, Sigmund, Das Ich und das Es: Gesammelte Werke Band 10. London 1949, S.288

12 Henseler, H., Die Bedeutung von narzißtischen Kränkungen für die Entstehung von Suizidalität. Caritas 79 (1978), S. 120

13 Durkheim, Emile, Der Selbstmord. Frankfurt am Main 1999 ( Original 1897 ), S. 43

14 Durkheim, Emile, Der Selbstmord. Frankfurt am Main 1999 ( Original 1897 ), S. 52

15 Durkheim, Emile, Der Selbstmord. Frankfurt am Main 1999 ( Original 1897 ), S. 171

16 Durkheim, Emile, Der Selbstmord. Frankfurt am Main 1999 ( Original 1897 ), S. 183

17 Durkheim, Emile, Der Selbstmord. Frankfurt am Main 1999 ( Original 1897 ), S. 223- 224

18 Durkheim, Emile, Der Selbstmord. Frankfurt am Main 1999 ( Original 1897 ), S. 242

19 Durkheim, Emile, Der Selbstmord. Frankfurt am Main 1999 ( Original 1897 ), S. 284

20 Durkheim, Emile, Der Selbstmord. Frankfurt am Main 1999 ( Original 1897 ), S. 289

21 Zitat aus: Braun, Christa, Selbstmord: Soziologie, Sozialpsychologie, Psychologie. München 1971, S. 64

22 Bronisch, Thomas, Der Suizid. München 1999, S. 72

23 Amery, Jean, Hand an sich legen: Diskurs über den Freitod. Stuttgart 1976, S. 14- 15

24 Amery, Jean, Hand an sich legen. Stuttgart 1976, S.25

25 Amery, Jean, Hand an sich legen. Stuttgart 1976, S. 65, 99

26 Amery, Jean, Hand an sich legen. Stuttgart 1976, S. 103

Details

Seiten
34
Jahr
2002
ISBN (Buch)
9783640124732
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107071
Note
2
Schlagworte
Suizid Begrifflichkeiten Ursachen Perspektiven

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Titel: Der Suizid. Begrifflichkeiten und Ursachen aus verschiedenen Perspektiven