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Juden in Berlin 1938 - 1945

Seminararbeit 2001 14 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Hausarbeit zur deutsch-jüdischen Geschichte in Berlin 1938 – 1945

1. Einleitung

Die Juden in der Reichshauptstadt waren einerseits von der antijüdischen Politik der Reichsregierung, andererseits von den antisemitischen Maßnahmen der Berliner Stadtverwaltung betroffen.1 Die Behörden

diskriminierten Berliner Juden mit allen ihnen zur Verfügung stehenden administrativen Mitteln. Tausende verloren ihre Arbeit durch Berufs- und Gewerbebeschränkungen. Auch im Gesundheits- und Bildungswesen wurden ihre Rechte beschnitten.

Graf Helldorf, ehemaliger Freikorps-Soldat und SA-Gruppenführer, ist als Märtyrer des 20. Juli 1944 bekannt geworden. Als Polizeipräsident von Berlin trieb er allerdings die Judenverfolgung voran.2

Die Repressionen durch städtische Behörden und Parteistellen gab es seit 1933 in allen deutschen Großstädten. Ab Herbst 1937 war vor allem der Reichspropaganda-Minister und Gauleiter von Berlin, Joseph Goebbels, für die Judenverfolgung verantwortlich. Die Einzelaktionen von Stadtverwaltung, Polizei und NSDAP wurden nun vereinheitlicht und erheblich ausgeweitet.

2. Organisierte Unterdrückung

2.1 SA, SS, Reichssicherheitshauptamt RSHA

Die SA (=Sturmabteilung) war die treibende Kraft beim Straßenterror und der Verfolgung politischer Gegner der NSDAP. In den 20er Jahren fungierte sie noch als „Saalschutz“, lieferte sich Straßenschlachten mit Kommunisten und Sozialdemokraten. Nach der Machtergreifung verfolgte, folterte und ermordete diese „Hilfespolizei“ politische Gegner.

Die beiden führenden Köpfe der „Endlösung“ waren Heinrich Himmler, Reichsführer SS und oberster Dienstherr der deutschen Polizei, und der Chef des 1939 gegründeten Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich sowie sein Nachfolger Ernst Kaltenbrunner, anzusehen (Heydrich starb bei einem Attentat 1943). Zusammen mit Adolf Eichmann, dem Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), organisierten sie den Massenmord an den europäischen Juden. Mit den Vorbereitungen zur Deportation der Juden dominierte das Reichssicherheitshauptamt die Verfolgungspolitik im Dritten Reich. Das RSHA war ein Hauptamt der SS, dem die Polizei und der Sicherheitsdienst (SD) unterstanden.

Die vier Einsatzgruppen A-D von SS und SD waren für die Ermordung der Juden im eroberten Gebiet sowie für die Bewachung der Konzentrationslager zuständig.

2.2 Gestapo

Die geheime Staatspolizei wurde zunächst 1933 in Bayern und Preußen von Hermann Göring und Heinrich Himmler aufgebaut. Ihre Aufgabe bestand in der Aufdeckung und Verfolgung aller Handlungen, die das NS-Regime als politisches Vergehen oder Verbrechen erachtete. Sie war dabei keiner Kontrollinstanz unterworfen.

Die Gestapo trieb den Aufbau kontrollierter jüdischer Organisationen außerhalb der „deutschen“ Gesellschaft voran. Außerdem regelte sie zusammen mit der Kriminal- und Schutzpolizei die Deportationen. In Konflikt geriet sie dabei mit der Rüstungsindustrie, die rund 10.000 Berliner Juden als Zwangsarbeiter beschäftigte. Die ersten Juden, die deportiert wurden, waren auf Anweisung der Gestapo aus ökonomischen Gründen Menschen, die Kosten verursachten, also z.B. Sozialhilfe bekamen oder Insassen eines Alters- oder Waisenheims waren. Ihre Aufgaben setzte die Gestapo mit großer Brutalität um. Als beispielsweise einige Mitglieder der Berliner„Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ flüchteten, erschoß sie deren Repräsentanten. Ihre Methoden beinhalteten umfangreiche Bespitzelungen, Massenverhaftungen, Folter und Hinrichtungen.

2.3 Stadtverwaltung

Wie jüngere Forschungen der Sozialgeschichte ergaben, spielte die Berliner Stadtverwaltung bei der systematischen Verfolgung von Juden ei ne bedeutende Rolle. Ihre Maßnahmen kamen oftmals Beschlüssen und Regelungen auf Reichsebene zuvor. So „zeigt sich deutlich die aktive und ideenreiche Beteiligung städtischer Behörden an der Unterdrückung und Ausgrenzung jüdischer Berliner seit 1933. Städtische Initiativen beeinflußten gerade in der Reichshauptstadt die Planung zentraler Diskriminierungsmaßnahmen der NS-Führung oder motivierten solche erst.“3

Die erlassenen Gesetze und Anordnungen hatten einerseits die systematische Erfassung der Juden und ihrer Vermögen zum Ziel, andererseits sollten Juden in der Öffentlichkeit kenntlich gemacht und die Bevölkerung gegen sie aufgehetzt werden. Die angelegten Namenslisten waren so Grundlage für die von den Nationalsozialisten sogenannte

„Reichskristallnacht“. Dieser von Joseph Goebbels initiierte Pogrom fand in der Nacht vom 8. Zum 9. November 1938 statt. Angeblich handelte es sich dabei um spontane Volksaufsstände gegen die Juden. Dabei wurden 91 Juden in ganz Deutschland ermordet, 30.000 verhaftet und mehr als 7000 Geschäfte zerstört. Unmittelbarer Anlaß war die Ermordung eines Botschaftsbeamten in Paris durch einen jungen deutschen Juden am Tag zuvor. Die Nationalsozialisten nutzen diesen Mord, um durch eine Welle der Gewalt die Juden zur Auswanderung zu bewegen. Eine Sondersteuer für Juden in Höhe von 1 Milliarde Reichsmark ergänzte die Maßnahmen. In Berlin verwüsteten marodierende SA-Horden und Hitlerjungen vor allem Geschäfte am Kurfürstendamm, in der Potsdamer Straße, Unter den Linden und Königstraße. Auch die Bevölkerung nahm daran teil.

3. Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland

Xxx Es mag merkwürdig erscheinen, die Reichsvereinigung an dieser Stelle zu erwähnen, so als stünde sie in einer Reihe mit den Behörden und der Gestapo. Tatsächlich kam der Reichsvereinigung eine Sonderrolle zu, die ihr von der Gestapo – wie oben bereits erwähnt – zugewiesen wurde. Als letzte jüdische Organisation war sie – von den Nazis gegründet – ein Werkzeug zur

„Lösung der Judenfrage“. Nur waren es hier im Gegensatz zu Gestapo und SS Juden und nicht Nazis, die sich gezwungenermaßen instrumentalisieren ließen, Namenslisten für die Transporte erstellten und die Berliner Juden ruhig hielten.

Im Juli 1939 gegründet, stellte sie unter dem Vorsitz des Rabbiners Dr. Leo Baeck die Nachfolgeorganisation der Reichsvertretung der Juden dar. Im Gegensatz zur vorherigen Organisation war sie eine Zwangsvereinigung im Sinne der Nürnberger Gesetze und regelte u.a. das Schul- und Wohlfahrtswesen. Ihre primäre Aufgabe lag jedoch in der Beschleunigung der Auswanderung.4 Weiterhin halfen sie „entmieteten“ Juden bei der Beschaffung einer neuen Unterkunft, in der Regel bei einem anderen Juden, wie es die NS-Führung wünschte.

4. Verfolgung und Ausgrenzung in Alltag und Beruf

Am 20. Juli 1938 erließ Polizeipräsident Helldorf die „Richtlinien zur Behandlung von Juden und Judenangelegenheiten“.5 Sie waren eine Anweisung für die Berliner Polizei, die Judenverfolgung mit allen bestehenden Mitteln durchzuführen. Bis zum Herbst 1938 waren die Berliner Behörden in der Durchführung solcher Maßnahmen dem gesamten Reich voraus. Dann nahm die Reichsregierung die Führungsrolle in diesen Belangen ein. Vor dem Hintergrund eines näher rückenden Krieges – die Sudetenkrise bahnte sich an – wurden im Oktober 1938 Tausende polnische Juden ausgewiesen und der berüchtigte Pogrom „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938 organisiert.

Diskriminierung und angedrohte wie ausgeführte Gewalt kannten die Berliner Juden schon lange, auch vor 1933. Doch noch bis 1938 führten sie ein weitgehend „normales“ Leben, auch wenn neue Gesetze gegen sie in kraft traten. Das Jahr 1938 stellt in der Leidensgeschichte der Juden, zumal in Berlin, eine Zäsur dar. Der im Dezember von Helldorf verhängte Judenbann untersagte Berliner Juden den Besuch aller öffentlichen kulturellen und sportlichen Veranstaltungen. Das Ziel dieses Banns war die Isolation der Juden, die noch nicht emigriert waren. Nach dem Pogrom vom Novemberflüchteten rund 16.000 Juden aus der Hauptstadt. Mit Beginn des Kriegesänderten die Nazis ihre Taktik: Statt zielloser Vertreibung wollten sie dieJuden nun genau erfassen und verschleppen.

[...]


1 Vgl. Gruner, Wolf: Die Reichshauptstadt und die Verfolgung der Berliner Juden 1933-1945, in: Rürup, Reinhard (Hg.): Jüdische Geschichte in Berlin. Essays und Studien. Berlin 1995, S. 229-266.

2 Vgl. Gruner, Wolf: Judenverfolgung in Berlin 1933-1945. Eine Chronologie der Behördenmaßnahmen in der Reichshauptstadt. Berlin 1996, S. 9.

3 Gruner, Wolf: Judenverfolgung in Berlin 1933-1945. Eine Chronologie der Behördenmaßnahmen in der Reichshauptstadt. Berlin 1996, S. 7.

4 Vgl. Landesbildungstelle Berlin (Hg.): Die Grunewald-Rampe. Die Deportation der Berliner Juden. Berlin 1993, S, 24.

5 Vgl. Gruner, Wolf: „Lesen brauchen sie nicht zu können...“ Die „Denkschrift über die Behandlung der Juden in der Reichshauptstadt auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens“ vom Mai 1938. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 4 (1995), S. 305-341.

Details

Seiten
14
Jahr
2001
Dateigröße
688 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v107049
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
Juden Berlin Mittelseminar

Autor

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