Lade Inhalt...

Interpretative vs analytische Ethnologie - Netzwerkanalyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 20 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Interpretative oder Analytische Ethnologie

3 Theoretische Hintergründe zur Netzwerkanalyse

4 Ziele der Netzwerkanalytiker:

5 Theoretische Entwicklung der Netzwerkanalyse in den letzten 50 Jahren
5.1 Auswirkungen der Dichte der Netzwerke auf das Handeln
5.2 Die Bedeutung von fehlenden Beziehungen in Netzwerken
5.2.1 Strukturelle Löcher
5.3 Strukturelle Netzwerke und Kognition
5.4 Netzwerke und kulturelle Bedeutungssysteme

6 Darstellungsform

7 Relationale Daten

8 Anwendbarkeit und Schwierigkeiten

9 Bibliografie

1 Einleitung

Die folgende Arbeit ist im Rahmen der Diskussion um die beiden Forschungsrichtungen Interpretative und Analytische Ethnologie entstanden . Ich möchte hier eine der vor allem für die analytischen Ethnologie wichtigen Methoden, nämlich die Netzwerkanalyse vorstellen. Dafür werde ich zunächst kurz die unterschiedlichen Zielsetzungen von interpretativer und analytischer Ethnologie darstellen. Mein Anliegen ist es nicht eine genaue „Gebrauchsanweisung“ anzufertigen für die Anwendung und den Umgang mit der Netzwerkanalyse sondern ich werde zum einem die theoretischen Hintergründe und die Ziele der Netzwerkanalyse darstellen, um des weiteren auf die theoretische Entwicklung dieser Methode und der damit verbundenen Theorien einzugehen und innerhalb dieses Rahmens die wichtigsten Netzwerktheoretiker vorzustellen. Der Vollständigkeit halber werde ich kurz auf Darstellungsform und die verschiedenen Arten der relationalen Daten eingehen. Da ich selbst versucht habe, während eines Feldforschungspraktikum mit der Netzwerkanalyse zu arbeiten, werde ich abschließend versuchen, meine eigenen Erfahrungen als Kritik- und Anregungspunkte einzubringen.

2 Interpretative oder Analytische Ethnologie

In der Ethnologie existieren deutliche methodologische sowie theoretische Meinungsverschiedenheiten darüber, wie man die große Spannbreite von Untersuchungsgebieten in der Ethnologie zu erforschen hat.

Die „ethnologischen Kulturbeschreibungen schwanken (z.B.) entsprechend zwischen einerseits stärker abstrahierenden Strukturbeschreibungen einzelner Kulturen, die die individuellen und situativen Unterschiede unberücksichtigt lassen, und andererseits detailreichen Darstellungen kultureller Muster auf der sozialen Mikroebene, die tendenziell die Gesamtkultur vernachlässigen. (Schweizer 1993:81)

Dementsprechend haben sich unterschiedliche Forschungsansätze innerhalb des Faches entwickelt: man spricht zum einem von der „Interpretativen Ethnologie“ und zum andern von der „Analytischen Ethnologie“.

Die Entkolonialisierung brachte schon seit den 50er Jahren das Spannungsfeld zwischen machtpolitischen Verstrickungen der Ethnologie, die Aussagekraft der ethnographischen Daten und die Umstände ihrer Erhebung ins Bewusstsein der Wissenschaftler. In ihrem Artikel „Interpretative Ethnologie“ (1992)[1] fasst Irmtraud Stellrecht die Hauptstandpunkte der interpretativen Ethnologie folgendermaßen zusammen:

„Es gibt keine Gegenstände an sich, sondern sie entstehen bzw. erhalten ihre Realität erst über Bedeutungen, die ihnen von Teilnehmern einer bestimmten Kultur zugewiesen werden; diese erschaffen sich interpretierend und sinnstiftend ihre eigene bedeutungsvolle Welt. (...) Der Ethnologe akzeptiert diese Welt der Bedeutungen und versucht sie, da nicht direkt erfassbar, aus dem Kontext von Reden, Verhalten/Handeln bei der Feldforschung zu erkennen und zu verstehen. „(Stellrecht 1993:36)

Wichtig hierbei ist, dass das Ergebnis der ethnologischen Untersuchung Einmaligkeitscharakter hat und nur bedingt auf andere Kulturen hinausweist und anwendbar ist. Die Anhänger der interpretativen Ethnologen vertreten die Ansicht, dass man westliche Wissenschaftsmodelle und Kategorien nicht an nichtwestlichen Kulturen anwenden kann, da so der „Weg zur Welt des Anderen und deren Sinn und Bedeutung“(ibid:37) verbaut werde. Man degradiere autonom denkende und handelnde Wesen zu einem „Mängelwesen ohne eigene Interpretationsautonomie“(ibid:37).

Im Gegensatz zur Interpretativen Ethnologie, die sich mit dem Deuten und Verstehen von Einzelkulturen zufrieden gibt, ist die Grundannahme der Analytischen Ethnologie, laut Irmtraud Stellrecht (1993), „dass es kausal erklärbare Regelmäßigkeiten im menschlichen Verhalten gibt. Sie zu erkennen ist das Forschungsziel“. Die Erklärungsabsicht bezieht sich sowohl auf „einzelne empirische Phänomene in bestimmten Kulturen als auch auf die Erkenntnis von Zusammenhängen in allen oder Teilmengen menschlicher Kulturen.“(Schweizer 1993:87) Die Vertreter der Analytischen Ethnologie gehen davon aus, dass sich aus den bei ethnologischen Untersuchungen erhobenen Daten und Ergebnisse Hypothesen entwickeln lassen, „die in interkulturellen Testverfahren eingesetzt werden, um so zu Generalisierungen zu kommen“ (Stellrecht 1993:35). Um dies zu erreichen, ist es notwendig sich an den „Grundkriterien für Wissenschaftlichkeit“ (Schweizer 1993) zu orientieren. Intersubjektive Nachprüfbarkeit und rationale Begründbarkeit der Ergebnisse sind hierbei die Schlüsselworte. Es wird eine Synthese zwischen quantitativen und qualitativen Analyseverfahren angestrebt. Eine dieser Analyseverfahren stellt die Netzwerkanalyse dar.

3 Theoretische Hintergründe zur Netzwerkanalyse

Die Netzwerkanalyse, innerhalb der Sozialethnologie entstanden[2], dient als Mittel zur Untersuchung von sozialen Beziehungen. Als soziale Beziehung wird jedwede mit Sinn versehene Handlung zwischen Akteuren bezeichnet, es kann sich hierbei also um so verschiedene Elemente handeln, wie Verwandtschaft, soziale Unterstützung, wirtschaftlicher Austausch, Ausübung von politischer Macht oder die Kommunikation zwischen Akteuren. Diese Beziehungen können bestimmte Ordnungsmuster erzeugen, die zum Beispiel im Grad ihrer Hierarchie, Verbundenheit oder Dichte variieren. (Schweizer 1996:14) Die Akteure verfolgen bestimmte Ziele, die sie in einem „sozialen Raum im Wechselspiel mit ihren Mitspielern und nach Maßgabe ihrer Ressourcen strategisch zu erreichen suchen“ (ibid 14f.)

Ursprünglich war der traditioneller Gegenstandsbereich der Sozialethnologie die Untersuchung von Verwandtschaft, da Verwandtschaft in nichtindustrialisierten Gesellschaften "als übergreifendes Strukturprinzip auf viele Lebensbereiche einwirk t" (ibid. 15). Als sich der Gegenstandsbereich der Ethnologie aber auch auf sich schneller wandelnde, komplexere Gesellschaften ausdehnte, in denen Verwandtschaft eine weniger dominante Rolle spielt, suchte man nach anderen Elementen, durch die sich die sozialen Strukturen manifestieren. Mitchell (1969)[3], aus der Richtung der Manchester School kommend, also von der britischen Social Anthropology, und J.A. Barnes (1954)[4] prägten in den 60er Jahren den Begriff des sozialen Netzwerks. Mitchell definiert das soziale Netzwerk folgendermaßen:

"a specific set of linkages among a defined set of persons, with the additional property that the characteristics of these linkages as a whole may be used to interpret the social behaviour of the persons involved"(Mitchell 1969a:2)

In den 60er und 70er Jahren gewannen dann symbolbezogene Forschungsrichtungen an Bedeutung und aufgrund dieses Paradigmenwechsels wurde die Netzwerkanalyse innerhalb der Ethnologie mehr oder weniger aufgegeben.

Außerhalb der Ethnologie wurden allerdings die Überlegungen von Mitchell, Barnes etc. aufgegriffen und gingen eine Synthese ein mit Entwicklungen aus der Sozialpsychologie, Soziologie, Kommunikationswissenschaft, der mathematischen Graphentheorie, der Statistik und der Computerwissenschaft. Hauptzentren dieser Synthese fanden sich in Harvard unter dem mathematischen Soziologen Harrison White und an der School of Social Sciences an der University of California in Irvine. Hieraus entwickelte sich die heutige Netzwerkanalyse.

4 Ziele der Netzwerkanalytiker:

Das Hauptanliegen der Netzwerkanalytiker ist es "soziale Beziehungen zu erfassen, das ihnen unterliegende Muster zu entwirren und das Handeln der Akteure aus der Struktur des umgebenden Beziehungsmuster zu klären."(Foster 1978/79)

Die Netzwerkanalyse untersucht die Verflechtung der Akteure in einem sozialen System und versucht diese Verflechtung zu beschreiben und aus dem Muster der Verflechtungen Auskunft über die Handlungen der Akteure zu gewinnen. Man sucht Regelhaftigkeiten im Beziehungsgeflecht der Akteure und Regelhaftigkeiten in dessen Auswirkungen auf das Handeln. Alle hier erläuterten Erklärungsversuche befassen sich mit dem Zusammenhang zwischen der Netzstruktur einerseits und dem Handeln der Akteure andererseits.

„Methodisches Ziel der Netzwerkanalyse ist im wesentlichen die Entdeckung und Darstellung der Sozialstruktur für ein gegebenes Netzwerk, das in relationalen Daten erfasst ist. Darauf aufbauend schließt sich die Erklärung der gefundenen Beziehungsmuster an (wie kommen sie zustande? Warum zerfallen sie? Wie prägt die Netzstruktur das Handeln der Akteure? Wie hängt das Ordnungsmuster mit anderen sozialen Merkmalen zusammen?).“ (Schweizer 1996:166)

[...]


[1] In: Schweizer/Schweizer/Kokot(Hg) (1993: Handbuch der Ethnologie. Berlin

[2] Sozialethnologie ist derjenige Bereich des Fachs, der sich mit sozialen Beziehungen und den aus dem Handeln der Individuen gestifteten und vielfach in soziale Gruppen gebundenen Ordnungsmustern der sozialen Beziehungen befasst.(Schweitzer 1996:14)

[3] Mitchell untersuchte die sozialen Beziehungen, die nur teilweise von Verwandtschaft geprägt und größtenteils sehr flüchtig sind, in den multiethnischen, von saisonalen Booms geprägten Minenstädten Zentralafrikas

[4] Barnes untersuchte die Freundschaftsbeziehungen einer norwegischen Gemeinde.

Details

Seiten
20
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638170581
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10701
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Ethnologie
Note
sehr gut
Schlagworte
Interpretative Ethnologie Netzwerkanalyse Oberseminar

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Interpretative vs analytische Ethnologie - Netzwerkanalyse