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Einführung in die Aristotelische Rhetorik

Hausarbeit 2001 10 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt:

I. Einleitung

II. Die Rhetorik des Aristoteles
1. Einführung
2. Rhetorik als Mittel zur Überzeugung
3. Ethos
4. Pathos
5. Logos
6. Sprachstil

III. Abschluss

I. Einleitung

In unserem alltäglichen Leben werden wir stets mit Situationen konfrontiert, in denen wir uns mit anderen Person auseinandersetzen müssen. In Bezug auf eine sprachliche Konfrontation bedeutet dies, dass wir in dem jeweiligen Gespräch entweder auf Meinungsverschiedenheiten oder Übereinstimmungen im Hinblick auf die Klärung eines bestimmten Themas treffen. Je nach Reichweite des jeweiligen Themas wird auch das Ausmaß der zu behandelnden Punkte bestimmt, d.h. bei einer Frage wie zum Beispiel was der Sinn des Lebens ist, wird wohl ein extrem weites Ausmaß an Aspekten zu behandeln sein, im Gegensatz zu einer Frage die sich auf die Wahl des Mittagsmenüs bezieht. So scheint sich eine Kontroverse im Grunde lediglich auf die verschiedenen, untergeordneten Aspekte eines Themas zu beziehen. Im Falle einer Übereinstimmung der Meinungen sind beide Gesprächspartner wohl zufrieden und können sich einem nächsten Punkt zuwenden, oder, falls tatsächlich schon ein Resultat aufgrund jener Einigkeiten erzielt werden konnte, welches sich beiden Parteien als sinnvoll, wahrheitsgemäß und bewiesen darstellt, das Thema selbstzufrieden abgeschlossen werden kann. Im Falle von Meinungsverschiedenheiten sind allerdings mehrere Möglichkeiten gegeben, ein Gespräch weiterzuführen. Zum einen könnte man (beim Führen einer idealen Diskussion mit vernünftigen Gesprächsteilnehmern) den strittigen Punkt heraussuchen, in dem sich die Meinung beider unterscheidet, und sodann in einer tiefgreifenderen Analyse den Weg zu diesem Punkt betrachten. Dies bedeutet, dass man auf neue, detailliertere Aspekte trifft, die wiederum neue Konflikte oder auch Einigkeiten unter den Gesprächspartnern hervorrufen. Hier erkennt man, dass eine solche "Widerspruchssuche" ein gewagtes und langwieriges Unternehmen bedeutet und oftmals zu keinem Ergebnis führen kann. Das trifft allerdings auf jedes Gespräch zu, welches sich als Ziel das Verständnis eines Themas der jeweiligen Teilnehmern gesetzt hat, und vermutlich zielen die wenigsten ehrlich geführten Gespräche auf die Erzeugung von Missverständnissen hinaus. Eine zweite Möglichkeit, sich gegenüber einem Widerspruch zu verhalten, ist die Leugnung der eigenen, möglichen Fehlbarkeit. Das heißt, man stellt sich gegen den konstruktiven Weg der Fehlersuche, schiebt einfach die Schuld eines fehlerhaften Schlusses auf den anderen Gesprächspartner und beharrt auf seiner eigenen Meinung. Hier wird sofort ein gemeinsamer Konsens verwirkt. Ab diesem Punkt gilt es dennoch für jedermann, dass er dem jeweiligen Gegenüber seinen Fehler nachweißt, beziehungsweise beweißt, dass er sich im Irrtum befindet. Und dies bedeutet wiederum eine weitergehende Analyse neuer Aspekte, wobei abermals neue Übereinstimmungen oder Gegensätze auftreten werden.

Ob man sich in einem Gespräch einigen kann oder nicht, hängt auch im besonderen Maße von der persönlichen Einstellung, d.h. vom Charakter der jeweiligen Teilnehmer ab. Wie eben aufgezeigt wurde, ist der auf eigener Meinung grundlos beharrende Mensch der falsche Partner für ein gutes und produktives Gespräch. Ein unvoreingenommener und einsichtiger Mensch hingegen ist offen für Kritik, sowie auch für neue Sichtweisen, etc. Dies ist der Mensch, der am meisten aus seiner Umwelt lernen kann. Einsicht wird zum Vorbild, zur Tugend. „[...]nichts steht einer echten Verständigung von Ich und Du mehr im Wege, als wenn jemand den Anspruch erhebt, den anderen in seinem Sein und seiner Meinung zu verstehen.“1

Bisher wurden nur ein paar wenige Ansätze des sehr komplexen und lebensbestimmenden Themas der zwischenmenschlichen Rede aufgeführt. Dass uns in alltäglichen Gesprächen lediglich ein Minimum dieser Ansätze bewusst wird und wir diese auch anwenden (z.B. halbherzig geführte Argumentation und Beweißführung, Anwendung eines geringen Maßes an stilistischen Mitteln, und dergleichen mehr), liegt wohl in der Einfachheit und Schnelligkeit, in der wir unsere Gespräche führen. Und vermutlich bleibt uns nichts anderes übrig, stelle man sich nur einmal vor, wie ewiglich und langwierig die scheinbar einfachsten Probleme durch eine detaillierte Auseinandersetzung werden können. Ein gewöhnliches Gespräch ähnelt mehr einem Schlagaustausch von einzelnen Fakten, der meist ohne viel Berücksichtigung auf einen allgemeinen Kontext geführt wird und im Grunde auch nur weitere Vorurteile aus Vorurteilen produziert. Dies steht im Gegensatz zu der eigentlichen, rhetorischen Rede, welche ich jetzt behandeln werde.

II. Die Rhetorik des Aristoteles

1. Einführung

Sobald man sich in einem Gespräch, oder in Vorbereitung auf ein solches, einer gewissen Methodik bewusst ist, welche nicht nur inhaltliche Elemente mit einbezieht, sondern auch zum Beispiel ausgereifte Argumentationsketten, stilistische Mittel, die Disposition des Gegenüber, und dergleichen mehr, dann betreibt man Rhetorik. Eine solche rhetorische Rede hat nun nicht mehr den Charakter eines Gespräches, sondern gleicht einem längeren Monolog, welcher schon vor dem Halten der Rede in Ausrichtung auf bestimmte Ziele hin, detailliert überdacht, ausgearbeitet und verfasst wird. Die drei wichtigsten Komponenten einer Rede sind: der Redner selbst, der Sachverhalt über den gesprochen wird und das Publikum, was man auch unter dem Begriff der "Trias" zusammenfasst. Diese werden besonders bei der Überzeugung durch eine Rede eine entscheidende Rolle einnehmen. Bei Aristoteles trifft man ständig auf dreigeteilte Unterscheidungen, was vermutlich eine tiefere Begründung in seiner Weltanschauung besitzt, ich aber dieses Thema hier nicht weiter ausführen möchte. Das grundliegende Ziel einer rhetorischen Rede ist nicht nur das Erreichen von Verständnis unter den Zuhörern, was zwar zum einen Voraussetzung ist und zum anderen unbestreitbar auch nach der Rede erreicht wird, aber nicht direkt als Ziel verstanden wird, sondern eine Rede zu bestimmten Überzeugungen und Urteilen führen soll. Wenn der Redner erfolgreich war, d.h. die Zuhörer von seinen Darstellungen und seinen Meinungen bezüglich eines Themas überzeugt sind, dann ist sein Ziel erreicht (wie dies aussieht, hängt von dem Thema und der Intentionen des Redners ab und kann dementsprechend sehr vielfältig ausfallen) und er kann sich der Vorbereitung auf eine nächste Rede widmen. Mit dem Werk „Rhetorik“ von Aristoteles (von 384 bis 322 v. Chr.) liegt uns ein wunderbar systematisches und äußerst detailliert ausgeführtes Werk über die Rhetorik und deren Zusammenhänge vor. In einer dreibändigen Ausarbeitung behandelt Aristoteles in Band 1 und 2 hauptsächlich die inhaltlichen Schwerpunkte einer rhetorischen Argumentation (inventio), sowie in Band 3 die sprachliche Ausarbeitung der Rede, also den Stil (elocutio) und die Anordnung des Stoffes (dispositio). Dieses Werk war vermutlich nicht als reine Abhandlung über die Kunst der Rede zu verstehen, sondern galt als akademisches Lehrbuch für Aristoteles’ Schüler. Insofern trifft man auf Ansätze verschiedenster Art, hauptsächlich zwar technisch-rhetorische Ausführungen, doch wird einem Redner auch Wissen in Bereichen wie zum Beispiel der Dialektik, der Philosophie, der Psychologie, der Politik und auch der Ethik abverlangt. Also muss ein vollendeter Redner Kenntnisse in nahezu allen Bereichen menschlichen Wirkens und Denkens besitzen und diese auch anwenden können. Es eröffnet sich eine beinah unbegrenzte Reichweite bezüglich der Anwendung und des Nutzens der Rhetorik, die nicht als eingegrenzte Wissenschaft, sondern als themenübergreifendes Mittelding zwischen Dialektik und praktischer Philosophie betrachtet werden kann. Aristoteles selbst bezeichnet die Rhetorik als „[...]ein Gegenstück zur Dialektik. Denn beide behandeln solche Themen, deren Erkenntnis gewissermaßen allen Wissenschaften zuzuordnen ist und keinem bestimmten.“2 Gerade durch diesen grenzenlosen Charakter der Rhetorik und der detailgetreuen Ausführungen des Aristoteles, wird sogar ansatzweise eine Beschreibung der sozial-ethischen Beziehungen in der damaligen Welt gegeben, die sich auch in unserer gegenwärtigen Zeit oftmals widerspiegeln.

2. Rhetorik als Mittel zur Überzeugung

Aristoteles’ Kategorisierung aller die Rhetorik bestimmenden Aspekte beginnt bei den Begriff der Überzeugung und bei den Mitteln, durch die eine Person überzeugt werden kann; die „kunstgemäßen Überzeugungsmittel“, welche das Hauptanliegen des aristotelischen, „rhetorischen Schlussverfahrens“ bilden. Ein ebenso wichtiger Aspekt, der gewissermaßen transzendent in jedem Überzeugungsmittel seine Wirkung hat, ist jenes logische Schlussverfahren, welches die Gültigkeit und Wahrheit einer Argumentation und deren Bestandteile bestimmt. Eine Person ist meist nur dann überzeugt, wenn sie Einsicht in das Beweisverfahren einer Argumentation erlangt. Da, laut Aristoteles, alle Überzeugungsmittel eine Art von Beweisführung darstellen und ein rhetorischer Beweis ein Enthymem ist, d.h. ein rhetorischer Syllogismus (bei dem von allgemeinen Tatsachen oder Überzeugungen auf Einzelheiten, bzw. Besonderheiten logisch-deduktiv geschlussfolgert wird), und derjenige, „[...]der am besten zu beurteilen vermag, woraus und wie eine Schlussfolgerung zustande kommt, wohl auch am ehesten über Schlussfolgerungen Bescheid wissen dürfte[...]“3, folglich derjenige sich am sichersten und somit als am meisten überzeugt bezüglich eines Urteils befinden kann. Demzufolge zählt Aristoteles auch die rhetorische Beweisführung, unter anderem das Enthymem, als ein wichtiges, wenn nicht sogar als „[...]das bedeutendste Überzeugungsmittel[...]“4, wohlmöglich aus dem Grund, da jene logischen Beweise auch in allen anderen Bereichen der Überzeugung (unabhängig von den jeweiligen Thema) eine tragende Rolle spielen. Zusätzlich wird auch die Angabe eines Beispiels als zweites, logisches Überzeugungsmittel mitangeführt, welches, im Gegensatz zum Enthymem als rhetorischen Syllogismus, einen rhetorischen Induktionsbeweis darstellt, der von einzelnen Fakten, sprich vom Besonderen auf allgemein gültige Tatsachen schließt.

In Kontrast zur Dialektik, welche sich durch logische Argumentation der Wahrheit zu nähern versucht, steht die Sophistik, zu deren Vertretern unter anderen Protagoras und Gorgias gezählt werden. Den Sophisten geht es hauptsächlich um die Verwirklichung ihrer spezifischen Ziele, zu deren Durchführung keine Rücksicht auf die Wahrheit genommen wird. So werden mit Hilfe scheinbar wahrer und gültiger Argumentationen etwaige Prämissen als bewiesen dargestellt, nur um die Zuhörerschaft einer Rede von der Richtigkeit der eigenen Meinungen zu überzeugen und somit an Macht, u.ä., zu gewinnen. Eine rein pragmatische Einstellung auf Kosten moralisch-ethischer Werte. Selbst in rhetorischen Reden wird zu gewissen Teilen, da bin ich mir sicher, oftmals eine Scheinargumentation, d.h. scheinbare Enthymeme, angewandt. Dies ist natürlich nicht zu befürworten und ich denke, dass ein wahrheitstreuer Mensch sich auch nicht dieser rhetorischen Sünde hingeben sollte.

Auf jeden Fall ist es ein Faktum, dass die logische Beweisführung alle übrigen Überzeugungsmittel in bedeutenden Maße stützt und ihnen zusätzliche Rechtfertigungskraft verleiht. Die anderen Überzeugungsmittel werden von Aristoteles in redetechnische und nicht-redetechnische Mittel unterteilt. Die nicht-redetechnischen Überzeugungsmittel, oder auch inartifizielle Beweismittel genannt, sind eine Eigenheit der Gerichtsrede: Gesetze, Zeugenaussagen, Verträge, Folterung und Eide. Diese Arten von Überzeugungsmitteln können nicht aus eigener Denkenskraft von einem Redner erzeugt werden, sondern "bestehen schon vorher". Besonders bei einer Gerichtsrede können sie als zusätzliche Stütze für eine Argumentation herangezogen werden. Ihre Gültigkeit oder Wahrheit beziehen sie aus sich selbst heraus und sind folglich selten widerlegbar. Die redetechnischen Überzeugungsmittel hingegen beinhalten ein weites Maß für einen möglichen Einsatz in einer Rede, gerade dadurch, dass ihnen ein variationsreicher Umfang an untergeordneten Bestandteilen zukommt und immer wieder etliche, verschiedene Gesichtspunkte (Topoi = allgemein anwendbare Aspekte) berücksichtigt werden müssen, welche spezifischen sowie allgemeinen Charakter haben können und bei allen Überzeugungsmitteln (im Grunde bei jeder Art von Argumentation) ihren Einsatz finden.

Die redetechnischen Mittel, eine Überzeugung zu bewirken, sind an der Zahl drei und lauten: Ethos, Pathos und Logos (Vgl. mit der Trias: Redner-Sache-Hörer). Der Ethos bezeichnet den Charakter eines Redners, der Pathos bezeichnet die Absicht, den Zuhörer in eine bestimmte Gefühlslage zu versetzen und der Logos beinhaltet die Rede selbst. Ich werde im Folgenden versuchen, eine arg gekürzte Erläuterung jeder dieser drei Begriffe und deren Bestandteile getrennt voneinander zu geben. Zwar fließen in eine Rede von allen drei Überzeugungsmitteln mal mehr, mal weniger Teile mit ein, sowie auch andere Punkte innerhalb einer Rede von Wichtigkeit sind (wie z.B. der Sprachstil, u.a.m.), doch beschränke ich mich hauptsächlich auf die Erläuterung jener Überzeugungsmittel, die laut Aristoteles’ Definition der Rhetorik, deren Aufgabe die Fähigkeit ist, „[...]zu erkennen, was, wie in allen übrigen Wissenschaften, jeder Sache an Überzeugendem zugrunde liegt“5, sowie das scheinbar Überzeugende zu erkennen, den wichtigsten Bestandteil einer wissenschaftlichen Klärung der Rhetorik ausmachen. Somit steht Aristoteles, der die Rhetorik nicht mehr als rein pragmatisches Mittel zur Überzeugung (Überredung) betrachtet, wie unter anderen Gorgias, sondern ihm durch die rhetorische Methodik hauptsächlich das Erkennen des Überzeugenden wichtig ist, im eindeutigen Kontrast zu der sophistischen Lehre und lehnt diese ab, sowie sein Lehrer Platon diese ebenfalls verteufelt und sie als ethisch nicht akzeptabel beschreibt.

3. Ethos

Das Überzeugungsmittel des Ethos’ beinhaltet, wie schon erwähnt wurde, den Charakter oder die Disposition des Redners selbst, welche „[...]fast die bedeutendste Überzeugungskraft hat[...]“6. Folglich ist es innerhalb einer Rede von größter Wichtigkeit, dass der Redner dem Publikum glaubhaft, mithin als ehrlich und wahrhaftig erscheint (es aber nicht unbedingt seien muss, um sein Ziel zu erreichen; siehe Sophistik). Somit gewinnt die Rede ebenfalls an Glaubhaftigkeit und Überzeugungskraft. Doch soll eine Charakterstärke des Redners, laut Aristoteles, nicht schon vor einer Rede dem Publikum bekannt sein, sondern muss die Zuhörerschaft durch den Vortrag überzeugt werden, dass der Redner ein anständiger, eben ein glaubwürdiger Mensch ist. Dies wird an solchen Stellen besonders wichtig, wo ein bestimmter Gegenstand dem Publikum unklar ist und der Redner hier die Möglichkeit hat, durch eine überzeugende Darstellung seiner Person und der daraus resultierenden Glaubhaftigkeit, alle Zweifel aufzuheben. Glaubhaft kann man durch drei verschiedene Faktoren werden, beziehungsweise werden diese durch deren Ursachen bestimmt, welche da wären: Einsicht, Tugend und Wohlwollen. Was diese drei Ursachen genauer bestimmt und wie sie im Verhältnis zur Rhetorik stehen, möchte ich aufgrund des Umfangs meiner Arbeit nicht näher erläutern und bitte den Leser, dies selbst in der „Rhetorik“ des Aristoteles nachzulesen7.

Da das Publikum stets ein Urteil über eine Rede fällt, d.h. es nicht nur die inhaltlichen Aspekte beurteilt, sondern auch im besonderen Maße das Auftreten des Redners, so ist es von großer Wichtigkeit, bei der Darstellung seiner eigenen Person auch auf die Stimmungslage des Publikums zu achten, sowie den Anlass einer Rede berücksichtigen. Zum Beispiel wäre es ein fataler Fehler, wenn man zu einer Trauerrede einem sich in depressiver Stimmung befindlichen Publikum mit bester Laune und ohne den notwendigen Ernst entgegentritt. Man kann hieran erkennen, wie jene Überzeugungsmittel ineinander übergehen und sich gegenseitig bedingen. Ebenso gilt es, unter Beachtung der Stimmungslage des Publikums, durch sein Auftreten die Gemütsverfassung der Teilnehmer zu beeinflussen, was auch von den durch die Rede zu erreichenden Zielen abhängt. Laut Heidegger wird sogar durch die jeweilige Stimmungslage in der man sich befindet, sein Verständnis bedingt, d.h. ermöglicht oder verhindert. Man kann also keine Rede nur auf der Anwendung eines spezifischen Überzeugungsmittels aufbauen, sondern muss man alle Mittel geschickt einzusetzen wissen, worin man den Begriff der Rhetorik als Kunst bestätigt sieht. Denn nicht jedem gelingt es, alle Aspekte im richtigen Moment, sowie im geeigneten Maße anzuwenden.

4. Pathos

Wie auch schon erwähnt wurde, bezieht sich das Überzeugungsmittel des Pathos auf die Zuhörerschaft, d.h. man muss bereits vor einer Rede erkennen können, in welcher Stimmungslage sich das Publikum befindet. Erst dann kann der Redner mittels der Affektbeeinflussung die Stimmung und die Emotionslage der Teilnehmer versuchen zu verändern, so dass sie zum einen sich in die Rede einfühlen können und demzufolge Verständnis erreichen, und zum anderen eben dadurch von der Richtigkeit der Rede überzeugt werden. In einer sehr detaillierten Ausführung hat Aristoteles die verschiedenen Affekte, deren Zusammenhang mit der Rhetorik und wie man sie im einzelnen beeinflussen könnte, dargestellt, wie z.B. Zorn und Sanftmütigkeit, Freude, Freundschaft, Furcht, Scham, Wohlwollen, Mitleid und Entrüstung, Neid und ehrgeizige Rivalität8.

Es wird aber keinen noch so perfekten Redner jemals gelingen können, das gesamte Publikum zu überzeugen, da einfach zu viele Unterschiede unter den Teilnehmern bestehen, die man nicht alle in einer Rede berücksichtigen kann. Ein Publikum ist und bleibt immer eine Gruppe von einzelnen Individuen, die durch verschiedene Vorstellungen und Ansprüche sich nicht nur untereinander unterscheiden, sondern auch eine Rede auf unterschiedlichste Art und Weise verstehen und rezipieren. Dies wird weiterhin durch deren Vorkenntnisse bezüglich einer Sache bestimmt (Vgl. die Aussage: Je weniger man von einer Sache versteht, desto leichter lässt man sich überzeugen), durch deren soziale Beziehungen wie Arbeit, Familie, etc., ebenso durch deren unterschiedliches Alter, und dergleichen mehr. Zwar schränkt sich diese Vielfalt durch den Anlass einer Rede, sprich durch die jeweilige Redegattung ein, doch gibt es auch bei einem noch so speziellen Anlass leider kein ideales, uniformes Publikum, welches ja am einfachsten zu überzeugen wäre. Ein "ausgereifter" Redner muss also ein spezielles Einfühlungsvermögen entwickelt haben, um sich in die Gefühlslage seines Publikums hinversetzten zu können, sowie dieselbe verändern zu können, was tatsächlich einer künstlerischen Begabung nahe kommt. Dies ist sicherlich, wie man sich leicht vorstellen kann, keine leichte Aufgabe und wird vermutlich nur durch Talent und durch praktische Erfahrungen ermöglicht.

5. Logos

Das Überzeugungsmittel des Logos beinhaltet solche Aspekte, die bezüglich der Rede selbst beachtet werden müssen, um ein Publikum zu überzeugen. Das bedeutet, dass inhaltliche, sowie formelle Punkte einer Rede glaubwürdig und logisch gültig sein müssen. „Durch die Rede endlich überzeugt man, wenn man Wahres oder Wahrscheinliches aus jeweils glaubwürdigen Argumenten darstellt.“9 Dies sagt im Grunde nur, dass man stets im Bezug zum Sachverhalt den Inhalt einer Rede aufzubauen hat, sowie sich nicht offensichtlich widersprechen sollte. Aristoteles teilt die rhetorische Rede sogar zeitlich ein, folglich gibt es ein Reden über Vergangenes (z.B. vor Gericht), über Gegenwärtiges (was vermutlich Bestandteil jeder Rede seien kann) und über Zukünftiges (z.B. bei einer politischen Rede). Der Zweck jeder Rede ist auf das Publikum ausgerichtet, welches über den jeweiligen Gegenstand der Rede, dessen Inhalt und Relevanz und über das Auftreten und Erscheinen des Redners urteilt. So ist es von essentieller Notwendigkeit, seine Rede in Hinblick auf den jeweiligen Anlass zu verfassen, d.h. die spezifische, dem Anlass angepasste Redegattung zu beachten. Aristoteles nennt drei verschiedene Redegattungen: die Beratungsrede, die Gerichtsrede und die Festrede.

In den Bereich der Beratungsrede fällt die politische Rede, welche über verschiedene Topoi zu urteilen hat, d.h. positive und negative Aspekte gegeneinander abwiegt und demzufolge eine bestmögliche Lösung zu bestimmen sucht. In der Politik herrscht ein reges Zu- und Abraten, ein Aufdecken des Nützlichen sowie des Schädlichen. Unter die verschiedenen Topoi, über die ein Redner bezüglich der politischen Rede informiert sein muss, fallen Aspekte wie der Finanzhaushalt, Krieg und Frieden, die Landesverteidigung, Ein- und Ausfuhren (wirtschaftliche Aspekte; besonders das Garant der Ernährung des Volkes) und die Gesetzgebung10. Bei einer Gerichtsrede ist es zweifellos von Notwendigkeit, über das Gesetz detailliert informiert zu sein, um über Recht sowie Unrecht urteilen zu können, sowie eine Anklage oder eine Verteidigungsrede sinnvoll halten zu können. Um über eine Anklage oder Verteidigung zu reden, wird es wichtig sein zu erkennen, „[...]aus wie vielen und welchen Prämissen Schlussfolgerungen gezogen werden müssen. Man muß dazu drei Punkte erfassen: erstens aus welchen und wie vielen Motiven Menschen Unrecht tun, zweitens in welcher Gemütsverfassung sie dabei sind, und drittens die Art und die Lebensumstände der Opfer [und der wohl Täter auch; Zusatz von mir].“11 Dies wird von Aristoteles weitergehend noch im Detail erläutert12. Weiterhin wird es von Nutzen sein, über die verschiedenen Staatsformen (Demokratie, Aristokratie, Monarchie und Oligarchie) und deren Gesetzgebung Bescheid zu wissen, was ebenso ein Bestandteil der Beratungsrede ist. Ein Ziel der Rhetorik bezüglich der politischen Rede, ist eine Perfektionierung des Hauswesens und der Staatskunst, um dies nur zu erwähnen. Der Festrede geht es hauptsächlich darum, über jemanden oder über etwas mit Lob oder mit Tadel zu reden. Insofern steht auch der Begriff der Ehre, oder dessen Gegensatz, in enger Verbindung mit der Festrede, da eine ehrenhafte Person gelobt werden und eine unehrenhafte Person getadelt werden sollte. Doch werden nicht nur Personen oder deren Leistungen gelobt, sondern auch unbelebte Dinge, die einen gewissen Aspekt von Schönheit oder Edlem besitzen, o.ä. Dadurch gilt es den Begriff des Edlen zu definieren. „Edel ist also, was um seiner selbst willen erstrebens- und somit lobenswert oder was gut und somit angenehm ist, weil es eben gut ist.“13 Somit fallen nicht nur die Tugenden, sondern ebenfalls das Schöne unter den Begriff des Guten und Lobenswerten. An Tugenden nennt Aristoteles neun an der Zahl: Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigkeit, Edelmut, innere Größe, Freigiebigkeit, Sanftmut, Einsicht und Weisheit. Die größten Tugenden sind diejenigen, die für die Menschheit am nützlichsten sind, wie z.B. Gerechtigkeit und Tapferkeit (vermutlich ist die Reihenfolge der aufgezählten Tugenden maßgebend für jene Nützlichkeit). Weiterhin werden selbstredend die Tugenden und deren Zusammenhang mit der Rhetorik von Aristoteles genauer untersucht14. Mit dem Tadel verhält es sich nahe entgegengesetzt und soll somit auch nicht Gegenstand meiner Untersuchung sein (Aristoteles geht den gleichen Weg).

6. Sprachstil

Aristoteles widmet sein drittes Buch der genauen Analyse der sprachlichen Ausarbeitung einer Rede. Hierzu gilt es alle möglichen Stilmittel zu betrachten, deren richtige oder fehlerhafte Anwendung, weitergehend Sprachrichtigkeit, Ausdrucksmöglichkeiten und sicherlich deren Bezug zu den Überzeugungsmitteln aufzuzeigen. Ebenso ist die formelle Anordnung des Stoffes von Wichtigkeit, da sie über die richtige Darstellung einer Rede und deren Bestandteile entscheidet und folglich auch über die Reihenfolge der logischen Argumentation. Doch wollte ich dies nur der Vollständigkeit halber erwähnen und beende dieses Kapitel frühzeitig.

III. Abschluss

Abschließend möchte ich nicht weiter auf die technischen, formellen oder inhaltlichen Aspekte der rhetorischen Rede Bezug nehmen, deren wichtigsten Bestandteile erklärt und ansatzweise auch tiefgreifender erläutert wurden, sondern mochte ich viel lieber kurz auf die praktisch9e Anwendung und deren Wirkung eingehen.

Wie wir gesehen haben, kann man die Rhetorik nicht auf ein bestimmtes, wissenschaftliches Gebiet eingrenzen, sondern hat sie vielmehr einen universellen Charakter, welcher in allen Bereichen unseres Lebens, den praktischen sowie den theoretischen, eine gewisse Anwendung findet. So bietet uns die Rhetorik, gerade durch die erschöpfend und sorgfältig durchdachten Ausführungen des Aristoteles, eine Möglichkeit, unseren sozialen Umgang gewissermaßen zu perfektionieren. Da wohl die wenigsten von uns in den Genuss kommen werden, ausführliche Reden vor einem größeren Publikum zu halten, ist es vermutlich nicht von Nöten, sich mit allen Einzelheiten der rhetorischen Lehre zu beschäftigen, sondern obliegt es jedermann selbst, sich das Beste "herauszufiltern" und dies anzuwenden. Ob in unseren alltäglichen, zwischenmenschlichen Begegnungen, oder wo auch immer eine Person seine Meinungen ausdrücken und seine Ziele verwirklichen möchte, dort kann die Rhetorik ein zusätzliche und positive Wirkung für alle Beteiligten erreichen, insofern sie nicht missbraucht, d.h. als bloße Überredungskunst eingesetzt wird. In allen öffentlichen und privaten Angelegenheiten, ob sie in mündlicher, schriftlicher oder durch die technischen Medien (Film, Fernsehen, Internet) vermittelter Form auftritt, kann die Rhetorik als nutzbringendes Mittel zum richtigen Zweck eingesetzt werden und ich vermute sogar, dass sie einen weit größeren Einfluss in allen unseren Lebensbereichen hat, als wir uns bisher eingestehen wollen.

Literaturangabe:

Aristoteles: „Rhetorik“ (griech. Originaltitel: „TEXNH PHTOPIKH“); übersetzt und herausgegeben von Gernot Krapinger; Phillip Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1999

Sekundärliteratur:

Charpa, Ulrich: „Aristoteles“; Campus Verlag GmbH, Frankfurt a.M. 1991

Gadamer, H.G.: „Kleine Schriften - Philosophie. Hermeneutik.“; Tübingen : Mohr, 1976 Höffe, Otfried: „Aristoteles“; Verlag C.H. Beck, München 1996

Ueding, Gert: „Rhetorik des Schreibens - eine Einführung“; Beltz Athenäum Verlag, Weinheim 1996

[...]


1 Gadamer, H.G.: „Kleine Schriften - Philosophie. Hermeneutik.“; S.9

2 Aristoteles: „Rhetorik“; S. 7

3 Aristoteles: „Rhetorik“; S. 10

4 Aristoteles: „Rhetorik“; S. 9

5 Aristoteles: „Rhetorik“; S. 11

6 Aristoteles: „Rhetorik“; S. 12

7 Anm.: Vgl. Aristoteles: „Rhetorik“; Einsicht: S. 77; Tugend: S. 42ff; Wohlwollen: S. 99f

8 Anm.: Vgl. Aristoteles: „Rhetorik“; S. 77 - 110

9 Aristoteles: „Rhetorik“; S. 13

10 Anm.: Vgl. Aristoteles: „Rhetorik“; S. 22ff

11 Aristoteles: „Rhetorik“; S. 48

12 Anm.: Vgl. Aristoteles: „Rhetorik“; S.48ff

13 Aristoteles: „Rhetorik“; S. 42

14 Anm.: Vgl. Aristoteles: „Rhetorik“; S. 42ff

Details

Seiten
10
Jahr
2001
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106962
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1.3
Schlagworte
Einführung Aristotelische Rhetorik

Autor

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Titel: Einführung in die Aristotelische Rhetorik