Lade Inhalt...

Immanuel Kants Postulat Gottes

Hausarbeit 2001 8 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Immanuel Kants Postulat Gottes

Seit Anbeginn menschlichen Denkens hat man versucht alle äußeren Begebenheiten, Zustände und deren Zusammenhänge, die einem so in dieser, unserer Welt ins Auge fielen, auf verschiedenste Art und Weise zu erklären und zu verstehen. So entstanden vielfältige Interpretationen von Naturzuständen und äußerst kuriose Vermutungen über die Existenz von nicht-menschlichen oder überirdischen Wesen, die vermutlich ihre Berechtigung darin besaßen, daß es nun mal dem Menschen nicht möglich war und ist, die Welt in ihrer mannigfaltigen Pracht zu erfassen. Im Zuge dieses Weltverstehens-Prozesses, der auch bis heute noch kein Ende gefunden hat, sind wir alle in gewisser Weiße zu einer Annahme Gottes gelangt, das heißt die Vorstellung einer Idee, die alle äußeren, materiellen Dinge geschaffen und geordnet hat, beziehungsweise aus der Alles entstanden ist. Weiterhin ist jene Gottesvorstellung auch in unserer Gegenwart angeblich für alles Leben verantwortlich und richtet über dasselbe, Kraft seiner heiligen und gerechten Vernunft. Durch eben solche Vorstellungen einer ursprünglichen, unendlichen und allmächtigen Kraft ist die Religion entstanden, die sich ebenso vielfältig entwickelt hat und sich auf verschiedenste Weisen ihren Weg in das menschliche Gemüt bahnte. Ob nun ein Gott (Monotheism) Ursprung von allem ist, oder mehrere Götter sich jene Aufgaben teilten (Polytheism), scheinbar brauchen alle Menschen einen Sinnzusammenhang zwischen sich selbst und allen äußeren Umständen, wodurch auch Inhalt im eigenen Leben gefunden werden kann.

Im Laufe unserer Geschichte sind durch Religion und Glaube zahlreiche Konflikte zwischen Menschen und Völkern entstanden, die uns oftmals auch heute noch an der gerechten Gesinnung jenes Gottes (der Einfachheit halber verwende ich nunmehr die singuläre Bezeichnung eines Gottes) zweifeln lassen. Ebenso Naturkatastrophen, schreckliche Einzelschicksale und ähnliches scheinen keines Weges einem rein guten Pfad zu folgen, sondern fordern von dem Gläubigen sehr viel Vertrauen und Geduld, meist mit der Ausrede, dass Gottes Wege unergründlich sind, für den Menschen nicht nachvollziehbar und somit einer tieferen, göttlichen Logik folgen. Bleibt nun die Frage, ob ein Gott vollkommen gut sein kann, oder ob er nicht gleichgültig, unabhängig von der Einstellung des Menschen agiert, mithin sowohl Gut als auch Böse ist (vielmehr glaube ich, daß eine göttliche Existenz keine Unterscheidung zwischen Gut und Böse trifft, sondern vielmehr pragmatisch einer höheren Vernunft folgend, unabhängig von des Menschen Vorstellungen von Gut und Böse handelt). So gibt es etliche Ansätze mit denen man an einem Gott zweifeln könnte, doch kann niemand auf keine Weise die Existenz oder Nicht-Existenz eines solchen mit Sicherheit beweisen.

Selbst Immanuel Kant scheut sich davor seine Ansätze zur notwendigen Ableitung der Existenz Gottes aus ethisch-moralischen Begriffen oder Ideen als sicher hinzustellen und nennt somit eben dieses ein Postulat Gottes, das heißt eine bloße Annahme der Existenz eines solchen Wesens.

Meiner Meinung nach ist schon hier ein kritischer Punkt erkennbar, der nicht nur auf Kants Vorstellungen, sondern auch auf alle anderen zutrifft, nämlich der, daß man schon sehr schnell in Schwierigkeiten nicht nur mit den Begriffen ‚Wesen’ und ‚Gott’ kommen kann. Der Begriff Gott zum Beispiel ist im Laufe der Zeit überaus personifiziert und vermenschlicht worden, so daß manche Probleme doch nur auf falschen Begriffsdefinitionen und Sinngehalt beruhen zu scheinen. Doch bleibt uns Menschen wiederum nichts anderes übrig, als mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, das heißt mit Hilfe unserer Wahrnehmungsfähigkeiten und unserer Sprache, alle äußeren Begebenheiten zu verstehen und zu beschreiben.

So werde ich nun versuchen, was mithin notwendig zur Klärung des Postulats Gottes von Kant ist, alle wichtigen Begriffe und Zusammenhänge in Kürze zu erläutern, da Kants Annahme Gottes aus seiner Ethik, seinen Vorstellungen von Vernunft und seinen Klärungen über das ganze Leben notwendig folgen soll, mithin aus Kants gesamter Philosophie, die ich leider nicht vollständig und exakt sinngemäß in dieser Arbeit darstellen kann.

Es bedeutet eine äußerst schwierige Aufgabe, jene Begriffe die Kant in seinen überaus komplexen Betrachtungsweisen verwendet, kurz darzustellen und zu erklären, da er es auf eine oftmals ungemein erschreckende Weise verstand, jene Begriffe neu zu definieren, stetig um Bedeutungen zu erweitern und viele in Beziehungen zueinander zu setzen, was sicherlich seine Berechtigung, vermutlich sogar auch Notwendigkeit besitzt. Insofern ist eine Beschreibung eines solchen Begriffes nur möglich, wenn auch andere Begriffe hinzugezogen werden, und um zur Erklärung oder Definition dieser anderen Begriffe ist es wiederum notwendig den Ersten zu Hilfe zu nehmen. Ich hoffe an dieser Stelle nicht in einem zirkulären Wahnsinn der Erläuterung jener Termini zu stranden, und das letzten Endes ein Mindestmaß an Verständnis erreicht wird, um zum Schluss Kants Postulat Gottes deutlich machen zu können.

Um einen Einstieg in das philosophische Werk Immanuel Kants zu leisten, werde ich mich zuerst dem Begriff der Moralität oder Moral zuwenden, welcher grundlegend für eine Klärung des Gottespostulats ist. Moralität, oder auch Sittlichkeit genannt, ist in erster Linie als die gute menschliche Gesinnung in bezug auf sein Handeln und sein Umgang zu anderen zu verstehen. Somit ist an dieser Stelle Kants überaus wichtiger kategorischer Imperativ zu nennen: „[...]handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“1 Aufgrund des kategorischen Imperativs, der als synthetisch- praktischer Satz a priori, das heißt unabhängig von Erfahrung auf nicht-begrifflicher Wahrheit beruht, notwendig als wahr gilt und somit zur Einhaltung desselben aufruft, mithin als Pflicht wirksam ist, wird ein Prinzip der Moralität erst möglich gemacht. Ein Imperativ ist die Formel eines Gebotes der Vernunft, welches man von sich aus als richtig und wahr erkennen muss, und somit als Pflicht gegen sich selbst auch anwenden muss. Doch wiederum Voraussetzung für die Möglichkeit einen kategorischen Imperativ, ist das oberste Prinzip der Moralität, die Autonomie des Willens. Der Wille der menschlichen Seele ist zum einem frei von Kausalitätszuständen, Naturnotwendigkeit oder dergleichen, sofern er sich auf die Dinge an sich, das sind alle Dinge oder auch Noumena genannt, die unabhängig von unserer Erfahrung oder menschlicher Perzeption, mithin objektiv für sich alleine existieren, bezieht und diesen auch angehört; andererseits ist er nicht frei und damit abhängig von Naturgesetzen, sofern er sich auf die bloßen Erscheinungen, das sind alle Dinge oder auch Phaenoumena genannt, die wir mithilfe unserer Sinneswahrnehmung erkennen und wir sie gar nicht als kausal unabhängig denken oder beeinflussen können, bezieht. Kant hat somit eine widerspruchsfreie Möglichkeit gefunden, den Willen als zugleich frei und abhängig denken zu können, dennoch aber autonom genug, um ihn für moralisches Handeln verantwortlich machen zu können. Dadurch wird es erst möglich, dass der freie Wille, dass ist die Autonomie des menschlichen Geistes, als Bedingung für Moralität fungieren kann. Ein freier Wille ist also notwendige Bedingung für einen kategorischen Imperativ und gibt uns den Weg für weitere Prinzipien der Moralität oder Sittlichkeit frei. „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“2 Ein guter Wille beschreibt eigentlich den durch das moralische Gesetz in uns angetriebenen Willen zum Guten, der auch nur möglich ist, wenn der Wille als frei gedacht werden kann und somit der Mensch oder das vernünftige Wesen die Möglichkeit erstens zum Erkennen des Richtigen oder des Falschen und zweitens zur Wahl zwischen Gut und Böse hat. Kant geht davon aus, das wir alle in unserer Natur ein Prinzip des Bösen und des Guten innewohnen haben und eine Anlage in uns und auf der Welt zu finden sei, die uns vom Schlechten zum Guten treibt und wohl vermutlich das moralische Gesetz als notwendig dafür gedacht wird. Doch eine genauere Erläuterung des möglichen Weges dorthin würde thematisch meine Arbeit um ein immenses Ausmaß vergrößern und ist somit an dieser Stelle unangebracht.

Der Leser kann hier schon erkennen, welches Netz von Begriffen sich vor ihm ausbreitet, doch ich komme nicht umhin die wichtigsten Begriffe zu erläutern.

So werde ich nun mit der Erläuterung des kantianischen Begriffs der Vernunft fortfahren. Um eine allgemeine Definition zu geben, man versteht unter Vernunft das ganze, obere Erkenntnisvermögen, welches die Prinzipien und Gesetze dem Verstande zugänglich macht. Doch ist Vernunft nicht gleich Vernunft. Kant unterscheidet zwischen der praktischen und der spekulativen Vernunft. Beide haben eines gemeinsam: sie gehören zu der reinen Vernunft, welche, soweit ich Kant verstanden habe, die eigentliche und maßgebliche Fähigkeit des Menschen zur bewußten Reflexion seines Selbst ist, mithin alle äußeren, a priori erkennbaren Dinge, die ausnahmslos gewissen Prinzipien unterworfen sind, dem Verstande deutlich machen. Diese Fähigkeit obliegt nur vernünftigen Wesen, wie dem Menschen, und er unterscheidet sich dadurch von allen anderen Dingen. Zudem fällt Kant auch eine Unterscheidung der Vernunft bezüglich ihres Gebrauches; zum einen der theoretische Gebrauch der Vernunft, welcher sich mit Gegenständen des bloßen Erkenntnisvermögens beschäftigt, zum anderen der praktische Gebrauch der Vernunft, welcher sich mit den Bestimmungsgründen des Willens beschäftigt, wobei diese Unterscheidung wohl mit der zuvor gegebenen (zwischen spekulativer und praktischer Vernunft) übereinzustimmen scheint.

Nach Kant wirkt ein jedes Ding der Natur nach bestimmten Gesetzen. Da nur vernünftige Wesen das Vermögen besitzen, nach Gesetzen zu handeln, mithin dadurch einen Willen besitzen, das heißt ein Vermögen sich selbst zum Handeln nach Gesetzen zu bestimmen, und da „[...]zur Ableitung der Handlungen von Gesetzen Vernunft erfordert wird, so ist der Wille nichts anderes als praktische Vernunft.“3 Der objektive Grund dieser Selbstbestimmung, welche durch den Willen ausgedrückt und ermöglicht wird, ist der Zweck. Das Mittel wiederum ist Grund der Möglichkeit der Handlung, deren Wirkung der Zweck ist. Weiterhin unterscheidet Kant auch zwischen Triebfeder und Bewegungsgründen, die beide Bedingungen oder Voraussetzungen für Handeln sind, ersterer jedoch der subjektive Grund des Begehrens, letzterer der objektive Grund des Wollens bedeuten. Moralisches Handeln sollte niemals auf Triebfeder beruhen, also nicht auf etwaigen, subjektiven Gründen zur Erreichung eines bestimmten Zweckes, wie zum Beispiel Erfolg, sondern rein auf der Erkenntnis seiner Pflicht zur Einhaltung jener moralischen Gesetze. So entwickelt Kant nach und nach praktische Prinzipien oder Gesetze, die im Detail an dieser Stelle zu erläutern den Rahmen meiner Arbeit sprengen würden. „Reine Vernunft ist für sich allein praktisch, und gibt (dem Menschen) ein allgemeines Gesetz, welches wir das Sittengesetz nennen.“4 Das moralische Gesetz drückt nichts anderes aus, als die Autonomie der reinen praktischen Vernunft, das heißt die Freiheit derselben bezogen auf den guten Willen zum moralischen Handeln.

Eine genauere Erklärung der spekulativen Vernunft zu geben, ist an dieser Stelle nicht notwendig, da, wie schon erkenntlich geworden ist, hauptsächlich die reine, praktische Vernunft als Bedingung für Moralität gilt und der praktische Gebrauch derselben in Absicht auf die Freiheit auf absolute Notwendigkeit der Gesetze der Handlungen eines vernünftigen Wesens führt, die spekulative Vernunft hingegen lediglich etwas wie ein Hilfsmittel für spekulatives Erkennen, das heißt nicht sicheres, durch vermutete Schlussfolgerungen mithilfe des Verstandes erworbenes Wissen, von metaphysischen Entitäten wie zum Beispiel Gott darstellt, folglich keine feste Grundlage für eine Ableitung der Notwendigkeit des Sittenbegriffes und des Begriffes von Gott bieten kann, dennoch der spekulative Gebrauch der Vernunft in Ansehung der Natur auf absolute Notwendigkeit irgend einer obersten Ursache der Welt führt.

Ferner muss noch der Begriff der Pflicht kurz betrachtet werden. Die Pflicht ist eine ebenso wichtige Bedingung für moralisches Handeln. Nur durch das Erkennen seiner Pflicht gegenüber dem moralischen Gesetz ist es möglich auch wirklich moralisch gut zu handeln.

Man könnte fragen: warum sollte ich einsehen, daß jenes moralische Gesetz mich zur Einhaltung desselben verpflichtet? Nur durch die reine praktische Vernunft als solche erkennt man die Notwendigkeit der Pflicht, dadurch auch die des moralischen Gesetzes. Keineswegs dürfen subjektive Gründe oder Triebfeder als Bedingung der Moralität gelten, wie zum Beispiel eine Belohnung für etwaiges moralisch gutes Handeln oder Ähnliches, sondern nur die durch Vernunft erkannte Pflicht soll Bewegungsgrund für moralisches Handeln sein. Somit wird die Pflicht zum obersten Lebensprinzip aller Moralität im Menschen. „Das moralische Gesetz ist nämlich für den Willen eines allervollkommensten Wesens ein Gesetz der Heiligkeit, für den Willen jedes endlichen vernünftigen Wesens aber ein Gesetz der Pflicht, der moralischen Nötigung und der Bestimmung der Handlungen desselben durch Achtung für dies Gesetz und aus Ehrfurcht für seine Pflicht.“5

Ich hoffe dass es mir gelungen ist, die wichtigsten Begriffe einigermaßen anschaulich dargestellt und dem Leser verständlich gemacht zu haben, sodass ich nun zu dem Kernstück meiner Arbeit kommen kann, dem Postulat eines Gottes von Immanuel Kant. So werde ich Punkt für Punkt durchgehen, um letztendlich die Herleitung der Notwendigkeit einer Annahme Gottes darlegen zu können.

Erster zu behandelnder Aspekt soll Gott als die Ursache von allem sein. Die Religion, beziehungsweise deren Grundlage die Bibel, machen es sich hiermit recht einfach. Gott wird unkomplizierter Weise schon vor allem als Schöpfer vorausgesetzt, ohne eine weitere Begründung nötig zu haben. Bei Kant hingegen gilt es natürlich aufzuweisen, wie Gott als ursächliche Entität, mithin erster Grund aller Existenz und Herr über die Kausalität, in den von uns denkbaren Rahmen passen kann. So tritt hier schon eine erste Schwierigkeit auf, die der zeitlichen Bedingtheit, mithin jene dadurch bedingte Abhängigkeit der Kausalität einer jeglichen Sache. Kant meint, dass Gott nicht als Ursache der Zeit tätig sein konnte, da diese als notwendige Bedingung a priori dem Dasein der Dinge vorausgesetzt sein muss, da die Existenz einer bestimmten Sache, oder Anfang derselben, zeitlich immer auf einen bestimmten Punkt zurückführbar ist. Dadurch treten selbstverständlich erste Widersprüche in bezug auf die Unendlichkeit und Unabhängigkeit göttlicher Existenz auf. Meiner Meinung nach ist es ebenfalls sehr schwierig, Gottes Existenz als sprachlichen Ausdruck für sein Bestehen auf seinen eigentlichen, transzendentellen Charakter zu übertragen, da alles was wir zum Ausdruck bringen, von der bedingten Flexibilität unserer Sprache abhängt, mithin vermutlich niemals wirklich objektiv Gott, oder das göttliche Wesen, oder die Ordnung der Welt und Ähnliches, beschreiben kann. Beispiel hierfür ist schon mit dem Ausdruck ‚Gottes Existenz’ gegeben, da in diesen beiden Wörtern schon erstens jene göttliche Entität gewissermaßen personifiziert und vermenschlicht wird, und zweitens als Existenz selbst in den oben schon aufgeführten Widerspruch verfällt.

Um den Widerspruch zwischen zeitlicher Bedingtheit und göttlicher Allmacht zu umgehen, nimmt Kant seine getroffene Unterscheidung zwischen Noumenon und Phaenoumenon zur Hilfe. Dadurch ist es möglich, die göttliche Existenz als Ding an sich selbst zu denken, mithin von den Erscheinungen der Sinnenwelt getrennt und infolgedessen Gott unabhängig von Zeit und Raum zu einer Entität alleine der Verstandeswelt angehörig gedacht werden kann, folglich auch seine Identität als ursächliche, unendliche und unabhängige Entität weiterhin gewahrt wird.

Als nächstes wende ich mich der göttlichen, höchsten und selbständigen Vollkommenheit zu. Um vollkommen zu sein, muss Gott Begriffe wie Unendlichkeit, Unabhängigkeit und Allmacht in einer Entität vereinigen können. Dies ist nur unter verschiedenen Kriterien möglich. Unendlichkeit bedeutet unabhängig von Raum und Zeit zu sein, was wir oben schon als möglich erwiesen haben. Unabhängigkeit bedeutet Freiheit von kausalen Zuständen, mithin Selbständigkeit und Autonomie des Willens. Unter Allmacht versteht man eine weitreichendere Begrifflichkeit, die nicht nur vorhergehende Begriffe wie Unendlichkeit und Unabhängigkeit unter sich vereint, sondern noch die Möglichkeit zur Formung der Welt, Beeinflussung aller Dinge und Ähnliches bezeichnet. Selbständige Vollkommenheit beinhaltet den Willen Gottes, der ausschließlich als höchstes Gut verstanden wird. Diese Erfüllung des höchsten Guts bezogen auf den Menschen, das ist die moralische Besserung des vernünftigen Wesens (vom Bösen zum Guten), kann uns nur durch das Prinzip der Sittlichkeit erkennbar werden, und auch nur durch die Befolgung jener moralischen Gesetze kann eine Annäherung an eine weltliche Vollkommenheit geschehen, die wir nie imstande sein werden auf Erden vollständig zu verwirklichen. „Die völlige Angemessenheit der Gesinnung zum moralischen Gesetze ist Heiligkeit, eine Vollkommenheit, deren kein vernünftiges Wesen der Sinnenwelt, in keinem Zeitpunkte seines Daseins, fähig ist.“6 Aus diesem Grund ist auch, nach Kant, ein Postulat der Unsterblichkeit notwendig, das heißt eine ins Unendliche fortdauernde Existenz und Persönlichkeit des vernünftigen Wesens, welches man die Unsterblichkeit der Seele nennen kann. Die Verwirklichung des höchsten Guts ist somit nur unter Voraussetzung der Unsterblichkeit möglich und demzufolge nicht auf weltlicher Ebene realisierbar. In Termini der Religion würde dies die Errichtung oder Vollendung des Reichs Gottes auf Erden bedeuten, was, wie erwiesen wurden ist, eine reine Utopie des Wunschtraumes der Menschheit darstellt.

Der erste und vornehmste Teil des höchsten Guts ist die Sittlichkeit, welche nur durch Unsterblichkeit der Seele in einer jenseitigen Existenz vollkommen aufgelöst, das heißt realisiert werden kann und auch den Begriffe der Pflicht beinhaltet. Zweites Element des höchsten Guts ist jene der Sittlichkeit angemessene Glückseligkeit, welche nur unter Voraussetzung des Daseins einer dieser Wirkung adäquaten Ursache, das ist die Existenz Gottes, erdenklich ist. Glückseligkeit ist, so Kant, ein aus Naturnotwendigkeit gegebenes Prinzip, welches man bei allen vernünftigen Wesen voraussetzen kann und den subjektiven Endzweck derselben bedeutet. Dieses Prinzip der eigenen Glückseligkeit beinhaltet aber auch die Gefahr einer gewissen Manipulation von moralischen Triebfedern, welche folglich nicht durch subjektiv begründete Prinzipien der eigenen Glückseligkeit, mithin durch Aussicht auf reines Wohlergehen oder Wohlbefinden bestimmt sein dürfen, sondern, wie schon erwähnt wurde, rein auf den Prinzipien der Pflicht zur moralischen Besserung des Menschen beruhen müssen. Doch sei die Glückseligkeit, zwar nicht als Triebfeder menschlicher Bemühungen zur Moralität, sondern als zweites Element des höchsten Guts, mithin als eine alle unsere Zwecke bestimmende Entität gedacht, die zusammen mit der Pflicht, welche die formale Bedingung aller Zwecke, die wir haben sollen, beinhaltet, zu einer Idee von einem Objekte verbunden wird, „[...]zu dessen Möglichkeit wir ein höheres, moralisches, heiligstes und allvermögendes Wesen annehmen müssen[...]“7, das ist Gott.

Ein weiterer und ebenso wichtiger Punkt, den ich leider nur kurz darstellen kann, ein zur Allmacht Gottes zählbarer Ansatz, ist das heilige Gericht, Gott als Gesetzgeber und Richter über die Welt, folglich auch Herrscher über Alles. Gleichermaßen trifft die Bezeichnung Oberhaupt des Reiches der Zwecke zu, als gesetzgebend keinem Willen untergeordnet und eben dieser folglich auch gesetzgebend wirksam ist. Der moralische Weltherrscher, der als oberster Gesetzgeber eines ethischen gemeinen Wesens gedacht wird, gibt alle moralischen Prinzipien dem Menschen vor und wird somit auch zum Richter über die Handlungen der Menschen. So entscheidet die göttliche Vernunft über gute sowie böse Handlungen aller Wesen, aber nur soweit es das moralische Gesetz zuläßt, was keine Abhängigkeit bedeutet, sondern vielmehr Gott das moralische Prinzip selbst beinhaltet und dadurch diesem logischerweise auch folgt.

Weiterhin interessant ist die Problematik der Liebe zu Gott, die sich laut Kant bloß als die praktische Liebe äußert, die im Kern aller moralischen Gesetze verstanden wird. Somit bedeutet Gott zu lieben, auch alle moralischen Prinzipien gerne zu tun, mithin auch die Pflicht gerne auszuüben. So fällt jeglicher Zwang zur Erfüllung seiner Pflichten gegenüber der Sittlichkeit und gegenüber Gott weg, da ein jeder, der etwas gerne tut, dies auch weiterhin realisiert, ohne jegliche Gefahr einer Abweichung vom rechten Pfade. Allerdings wird niemand jemals in der Lage sein, all seine Pflichten gerne zu tun und diese zu lieben, da er immer von Begierden und Neigungen begrenzt abhängig seien wird, was auf seine leider doch fehlbare Natur zurückzuführen ist. Dies ist kennzeichnend für die fehlerhafte Natur des Menschen, und dafür, daß er sich nur an göttliche Prinzipien und dergleichen annähern, sie jedoch niemals erreichen kann.

Allgemein betrachtet könnte man ein göttliches Wesen, oder die Existenz desselben, mit einem von jedermann erkennbaren Prinzip des Ganzen vergleichen, daß alle äußeren und inneren Dinge, alles Seiende, sowie Raum und Zeit, nicht nur Dank seiner heiligen Kraft hat entstehen lassen, sondern auch alles weiterhin gestaltet und seinem göttlichen Willen nach formt. Nach Kant zählt für den Menschen in Bezug auf Gott allein die Annäherung an das höchste Gut, welches er nur durch Hilfe seines Verstandes, das heißt der Befolgung aller moralischen Gesetze, und durch seinen Willen, das heißt die Kausalität dieses intelligiblen Wesens gemäß der Vorstellung jener Gesetze, möglich ist. Insofern muß auch eine Ursache in der Natur für die Möglichkeit des Menschen zur Verstandestätigkeit und zur Willensbeeinflussung postuliert werden, das ist Gott. „Folglich ist das Postulat der Möglichkeit des höchsten Guts (der besten Welt) zugleich das Postulat der Wirklichkeit eines höchsten ursprünglichen Guts, nämlich der Existenz Gottes.“8 Durch unsere Pflicht zur Beförderung des höchsten Guts, mithin die Annäherung an dasselbe, wird es moralisch notwendig das Dasein Gottes anzunehmen, da nur unter Voraussetzung der Pflicht zur Erfüllung des moralischen Gesetzes das höchste Gut befördert werden kann und dieses als unzertrennlich mit dem Dasein eines Gottes gedacht wird. Ansonsten würde wohl grundsätzlich keine Moralität existieren könnte, mithin der Mensch niemals fähig zur Erkenntnis des Guten seien könnte und für ewig im Fegefeuer der Hölle schmoren. Das moralische Gesetz führt durch das höchste Gut, als das Objekt und Endzweck der reinen praktischen Vernunft, zur Religion, das heißt zur Erkenntnis aller Pflichten als göttliche Gebote, die uneigennützig auf Pflicht begründet dem freien Willen obliegen. Daher muß unser Wille auch mit dem göttlichen Willen übereinstimmen, das heißt mit dem höchsten Gut, wodurch Gott im höchsten Maße Achtung für sein Gebot entgegenkommt.

Schlußendlich möchte ich noch erwähnen, daß es mir bisher nur durch die allgemeine, unwissenschaftliche Perspektive zur Betrachtung und Hinterfragung einer Existenz Gottes möglich war, an derselben zu zweifeln, mithin lediglich religiöse Vorstellungen kritisierte und niemals auf die Idee einer moralischen Begründung der Notwendigkeit der Existenz Gottes gekommen bin. Insofern hat Immanuel Kant einen mir bis jetzt zwar auch noch recht schwer einzugrenzenden Rahmen vorgelegt, der aber auf den Anspruch zur plausibelsten Erklärung unter allen avanciert; den es dennoch gilt tiefer zu ergründen, so daß ich eines Tages tatsächlich in der Lage sein kann, Gott und die Welt zu verstehen, beziehungsweise auch zu kritisieren. Das etliche Vorstellungen der ‚normal Sterblichen‘, welche meist religiöser Art sind (was nicht weiter verwunderlich ist), zu vielen falschen Vorstellungen und Ansichten geführt haben, ist grundsätzlich nicht mehr widerlegbar. Und das es langsam an der Zeit ist, die Vorstellungen eines Gottes unabhängig von der Religion zu denken, da die Realisierung des Reichs Gottes doch nur, wie begründet wurde, eine wahnwitzige Utopie darstellt, sollte auch mittlerweile jedermann vernünftig erscheinen. Nichts desto Trotz hoffe ich, daß meine Darlegungen des Postulats Gottes von Immanuel Kant nicht allzu viele Widersprüche und Inkonsequenzen enthalten, und daß ich doch ein Mindestmaß an Verständnis für den Leser und vor allem für mich selbst erreichen konnte.

Literaturverzeichnis:

- Kant, I. „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, Reclam 2000
- Kant, I. „Kritik der praktischen Vernunft“, Reclam 1998
- Kant, I. „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, Reclam 1996
- Kant, I. „Kritik der reinen Vernunft“, Reclam 1998

Zitate:

Alexander Machatschek

[...]


1 Kant, I. „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, S. 68

2 Kant, I. „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, S. 28

3 Kant, I. „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, S. 56

4 Kant, I. „Kritik der praktischen Vernunft“, S. 55

5 Kant, I. „Kritik der praktischen Vernunft“, S. 133

6 Kant, I. „Kritik der praktischen Vernunft“, S. 194

7 Kant, I. „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, S. 5

8 Kant, I. „Kritik der praktischen Vernunft“, S. 199

Details

Seiten
8
Jahr
2001
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106961
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1.3
Schlagworte
Immanuel Kants Postulat Gottes Kant Religion Grenzen Vernunft

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Immanuel Kants Postulat Gottes