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Ikonographische Analyse des Gemäldes -Das Gefolge der Diana beim Vogelschießen- Domenico Zampieri, gen. Domenichino

Hausarbeit 2002 7 Seiten

Kunst - Malerei

Leseprobe

Inhalt:

I. Einführung Beschreibung des Gemäldes

II. Quellenanalyse Ikonographische Deutung

III. Zusammenfassung

IV. Bibliographie

I. Einführung und Beschreibung des Gemäldes

Domenico Zampieri, auch Domenichino genannt, der 1581 in Bologna als Sohn eines Schuhmachers geboren wurde, vollendete sein Gemälde „Das Gefolge der Diana beim Vogelschießen“ im Jahre 1617 in Rom. Das 2,25 x 3,20 Meter große Ölgemälde befindet sich heute in der Galleria Borghese in Rom. Das Bild trägt unterschiedliche Titel in der Sekundärliteratur, unter anderem wird es mit „Diana und ihre Nymphen“ 1 betitelt, allerdings möchte ich in dieser Analyse den Titel „Das Gefolge der Diana beim Bogenschießen“ verwenden, der in der „Propyläen Kunstgeschichte“2 benutzt wird.

Das querformatige Gemälde stellt eine Gesellschaft von überwiegend weiblichen Personen im Freien dar. Angesichts der Waffen, die einige dieser Frauen bei sich tragen, kann davon ausgegangen werden, dass es sich um eine Jagdgesellschaft bei einem Wettschießen handelt. An prominenter Stelle in der linken Bildhälfte steht Diana, die römische Göttin der Jagd, hochaufgereckt und überschaut die Gruppe von Frauen, die sich auf ihrer rechten Seite befindet. Bei den Frauen handelt es sich um Nymphen, die das Gefolge der Diana bilden.

Drei dieser Nymphen haben gerade ihre Pfeile auf einen Vogel abgeschossen, der am rechten oberen Bildrand mit einem Band an einen Holzpflock angebunden und durch einen der Schüsse aus seiner Gefangenschaft befreit wurde. Jedoch sogleich von einem weiteren Pfeil durch den Kopf getötet wird und im Begriff ist, gen Boden zu fallen. Die drei schießenden Nymphen werden von zwei Knienden flankiert und hinter dieser Gruppe befinden sich im Anschnitt zwei weitere, die über den linken Bildrand hinausgehen. Alle sind eher luftig bekleidet; bei zwei der Bogenschützinnen ist die Brust entblößt.

Diana trägt ein goldgelbschimmerndes Gewand, das ihre Arme, sowie ihre Beine bis zur Mitte des Oberschenkels unbedeckt lässt. Sie trägt Sandalen, und ihr Haar ist mit einer silberglänzenden Mondsichel geschmückt. Diana hält in ihrer rechten, hochgereckten Hand ihren goldenen Bogen und einen Reif. Dieser Reif scheint der erste Preis, sozusagen die Jagdtrophäe, für die Gewinnerin des Wettkampfes zu sein. In ihrer linken Hand hält Diana ihren Köcher, der die Pfeile trägt. Auf ihrer rechten Seite hält eine junge Nymphe einen Holzstab in die Höhe, an dem sich an einem Rad verschiedene Dinge, wie zum Beispiel ein Horn, Sandalen und ein Gurt, befinden. Auch hierbei könnte es sich um Gewinne für die Siegerin des Wettschießens handeln. Auf Dianas linker Seite befinden sich drei weitere Nymphen. Eine von ihnen scheint gespannt das Wettschießen zu verfolgen, während die beiden anderen ihre Aufmerksamkeit einem Jagdhund schenken, der bei ihnen auf dem Boden sitzt.

Hinter den bisher beschriebenen Personen befindet sich ein kleines Wäldchen. Die dargestellte Szene findet auf einer Art Lichtung statt und ist auf beiden Seiten eingebettet in den Hain. In der rechten, hinteren Bildhälfte öffnet sich das Grün und gibt den Blick frei auf eine hügelige Landschaft und weitere Personen. Zwei bekleidete Frauen tragen über ihren Schultern ein geschossenes Reh, das an einen Stock gebunden ist. Eine von ihnen hält einen Bogen in ihrer Hand. Weiter hinten in der Bildtiefe befinden sich zwei männliche Gestalten, die nur mit einem Lendenschurz bekleidet den Weg entlang kommen. Auf dem Hügel dahinter bläst ein Mann in ein Horn und zwei weitere ringen.

Im Vordergrund, auf einer vertikalen Achse mit Diana, baden zwei nackte Nymphen in einem seichten Gewässer. Die eine guckt und zeigt in Richtung des getroffenen Vogels. Die andere Nymphe schaut direkt in die Augen des Betrachters. Rechts von ihnen hat eine bekleidete Nymphe Mühe, einen Jagdhund davon abzuhalten, in Richtung des niederstürzenden Vogels zu rennen. Ein weiterer Jagdhund lässt sich von der ganzen Aufregung des Wettschießens nicht irritieren und trinkt ungetrübt aus dem Gewässer, in dem die zwei Nymphen baden. Am rechten Bildrand, im Profil zum Betrachter, sitzt am Ufer eine nackte Nymphe, die nur noch eine Sandale an ihrem Fußträgt. Im Gebüsch, am äußersten rechten Rand des Bildes, verstecken sich zwei männliche Gestalten, die nicht zu der beschriebenen Gruppe gehören. Sie beobachten das Treiben auf der Lichtung heimlich, und einer von ihnen deutet durch Auflegen des Zeigefingers auf seinen Mund an, dass sie sich ruhig verhalten müssen, um nicht entdeckt zu werden.

II. Quellenanalyse und Ikonographische Deutung

Domenichinos Darstellung der Diana mit ihrem Gefolge beim Vogelschießen findet in der Literatur keine eindeutige mythologische Entsprechung. Allerdings gibt es unterschiedliche literarische Quellen, auf die die dargestellte Szene anspielt. Damit gehört das Bild „zu einem neuen Genre, in dem ein Typus von antiken Bildern wieder auflebt, den man aus literarischen Quellen kannte.“3 Die Textquelle, die am besten an Domenichinos Szene der Diana mit ihrem Gefolge beim Vogelschießen heranführt, findet sich im Fünften Buch von Vergils „ Aeneis “. Dort heißt es: „Und durch den Himmel geschnellt von schwirrender Sehne durchzischt als erster der Pfeil des Hyrtakussohnes die flüchtigen Lüfte, kommt ans Ziel und bleibt dann stecken oben am Mastbaum. Gleich erbebte der Mast, es flatterte ängstlich die Taube, und von Beifall dröhnte ringsum die donnernde Runde. Gleich trat Mnestheus eifrig heran, gezogen den Bogen, hochhinzielend spannt er zugleich das Geschoss und die Augen. Aber den Vogel selbst mit dem Pfeil zu treffen vermochte doch nicht der Arme, zerriss nur die Knoten und Fäden aus Flachs, mit denen am Fuße gefesselt, die Taube schwebte am Maste. Die aber flieht in die Winde empor und dunkles Gewölke. Drängend sodann, schon längst auf bereitem Bogen die Pfeile spannend, rief im Gebet Eurytion fromm seinen Bruder, schon erspäht er die froh im freien Himmel hinjubelnd flatternde Taube und trifft sie zu Tod unter düsterer Wolke. Abwärts stürzt sie entseelt und lässt ihr Leben hoch droben unter den Sternen und trägt im Fall den Pfeil noch im Leibe.“4 Obwohl diese Szene eine Beschreibung des Wettschießens des Aeneas ist und Diana und ihr Gefolge darin keine Rolle spielen, diente diese Textquelle dennoch eindeutig als Inspiration für das Gesamtthema des Werkes Domenichinos. Er transferierte Vergils literarische Beschreibung von Aeneas’ Wettschießen in eine Darstellung Dianas mit ihren Nymphen in einer äußerst ähnlichen Situation. Wie auch im literarischen Vorbild Vergils handelt es sich im Gemälde um eine Szene, in der drei Schützen hintereinander auf eine Taube schießen, die mit einem Band an einen Holzpflock gebunden ist. Der Pfeil des ersten Schützen bleibt im Pflock stecken, wobei der zweite Pfeil das Band zerreißt, so dass sich der Vogel auf kurze Zeit befreien kann, um nur Sekunden später vom Pfeil des dritten Schützen tödlich getroffen zu werden.

Eine weitere Anspielung auf die klassische Literatur der Antike unternahm Domenichino, als er die beiden Jünglinge am rechten Bildrand, die in der Sekundärliteratur als „Schäfer“5 beschrieben werden, in seine Komposition aufnahm. Die Beiden, die von einem scheinbar sicheren Versteck aus Diana und ihre Nymphen beobachten, sind eine direkte Anspielung auf eine Szene aus den „ Metamorphosen “ des Ovids. Im Dritten Buch von Ovids Erzählung beobachtet Actaeon die nackte Diana beim Baden. Als diese ihn bei diesem Frevel entdeckt, betraft sie ihn, indem sie ihn in einen Hirschen verwandelt, woraufhin er von seinen eigenen Jagdhunden zerrissen wird.6 Mit den beiden Jünglingen, die Diana und ihre Nymphen, zwar nicht beim Baden, dafür aber beim Vogelschießen beobachten, spielt Domenichino auf genau diese Erzählung antiker Mythologie an. Das geschossenen Reh, das von den beiden Frauen im Mittelgrund getragen wird, kann als Anspielung auf die Rache der Diana gesehen werden, die jeden treffen kann, der sie verärgert. Wenn nötig, verwandelt die Göttin der Tiere jeden Störenfried einfach in ein Reh oder eben, wie bei Actaeon, in einen Hirschen. Der Jüngling, der mit seinem Zeigefinger auf den Lippen daran erinnert, dass alle Beobachter Dianas sich absolut ruhig und vorsichtig verhalten müssen, um nicht entdeckt und furchtbar bestraft zu werden, ermahnt mit seiner Geste nicht nur seinen Mitbeobachter, sondern auch den Betrachter des Bildes – also uns. Sein direkter Blick, der auf uns gerichtet ist, soll uns vermitteln, dass wir Zeugen einer Situation sind, die wir normalerweise, das heißt als normalsterbliche Menschen, nicht beobachten dürften. In gewisser Weise ist somit auch der Betrachter ein Eindringling in eine Situation einer autonomen Gruppe, derer er nicht angehört und in der er auch nicht erwünscht ist. Auch die Jagdhunde verweisen auf das literarische Vorbild bei Ovid, wird doch Actaeon von seinen eigenen Hunden zerrissen, allerdings stehen sie auch in allgemeiner Symbolik für die Jagd selbst. Sie sind ein Zeichen für treueste Ergebenheit, welche die Göttin von ihrem Gefolge erwartet und erinnern gleichzeitig daran, dass Diana auch die Herrin über Tiere und Natur ist.

Auch wenn man sich mit den Einzelmotiven und Symbolen in Domenichinos Gemälde beschäftigt, stößt man auf Entsprechungen in der klassischen Literatur der Antike. In der Mythologie spielt Diana vor allem als Göttin der Jagd und des Haines eine entscheidende Rolle. Sie wird oftmals gleichgesetzt mit der griechischen Göttin Artemis. Sie ist eine Tochter der Leto und des Zeus und somit Schwester des Apolls. „Als Göttin der Jagd durchstreifte sie mit einem Gefolge von Nymphen die Wälder. Sie steht in enger Beziehung zum Mond.“7 Attribute, die üblicherweise Diana zugeordnet werden, sind von Domenichino aufgenommen worden und finden ihre Entsprechung auch in literarischen Quellen. So heißt es beispielsweise in Vergils „ Aeneis “ im Elften Buch: „ Goldener Bogen klirrt von der Schulter und Pfeile Dianas8. Und auch Ovid beschreibt den Bogen genauso eindeutig: „ aus Gold der Bogen der Diana9. Diesen goldenen Bogen trägt Diana in Domenichinos Gemälde in ihrer rechten, hochgereckten Hand. Ein weiteres wichtiges Attribut der Diana ist das Symbol des Mondes, das sie als Schmuck in ihrem Haar trägt. „Der Halbmond, das Symbol des Schwindens wie der Wiederkehr der Gestalt, ist ein altes Zeichen der Mondgöttin Artemis (die darum den Bogen führt).“10 Die silberne Mondsichel in ihrem Haar deutet auf ihre mythologische Zugehörigkeit zum Mond hin.

Auch die Anordnung der Szene in einem Hain, der als Attribut Dianas beschrieben werden kann, verweist eindeutig auf ihre Position als Göttin des kleinen, heiligen Wäldchens: „ so stehen auf ragendem Gipfel Eichen hoch in der Luft oder Zapfenbehangene Zypressen, Jupiters hoher Wald, oder auch ein Hain der Diana11.

III. Zusammenfassung

Durch die Symbolauswahl und Inszenierung des Themas erzeugt Domenichino in seinem Gemälde „ Das Gefolge der Diana beim Vogelschießen “ Querverweise auf die antike Literatur. Nicht nur in den Versen des Vergils und Ovids spielt die vielseitige Göttin eine Rolle, auch Dichter wie Homer und später Giovanni Boccaccio nahmen sich ihrer Person und Geschichte an und verfassten Gedichte und Hymnen über sie. Und auch die bildende Kunst kann der Faszination, die von der Göttin Diana ausgeht, nicht wiederstehen. In vielfältigster Art und Weise wurde sie vor und nach Domenichinos Lebzeiten gemalt und in Stein gehauen. Manchmal wird sie als Jägerin dargestellt, wie zum Beispiel in Peter Paul Rubens Werk „ Dianas Heimkehr von der Jagd “ oder in Correggios Gemälde „ Diana als Jägerin “. Oftmals wird sie dem Betrachter in ihrer vielleicht berühmtesten Szene, die Tizian in seinem Werk „ Der Tod des Actaeon “ festhält, gezeigt. Allerdings ist mir keine Darstellung bekannt, in der die Szene der Diana beim Wettschießen mit ihren Nymphen dargestellt ist. Somit hat Domenichino ein neues und bisher unbekanntes Bildmotiv für die Jagdgöttin geschaffen, indem er die antike Geschichte der Verse Vergils auf Diana und ihre Nymphen transferiert hat.

IV. Bibliographie

Quellen:

Hermann Breitenbach (Hrsg.): Publius Ovidius Naso: Metamorphosen: lat.-dt./Ovid, Zürich, 1958.

Johannes Götte (Hrsg.): Publius Vergilius Marco: Aeneis: lat.-dt./Vergil, München, Zürich 1983.

Sekundärliteratur:

Beverly Louise Brown (Hrsg.): Die Geburt des Barock, Stuttgart, 2001.

Wolfgang Bauer und Irmtraud Dümotz (Hrsg.): Bildlexikon der Symbole, München, 1980.

Gerd Heinz-Mohr: Lexikon der Symbole, Düsseldorf, Köln, 1971.

Propyläen Kunstgeschichte, Bd. 9, Frankfurt am Main, Berlin, Wien, 1970.

[...]


1 Beverly Louise Brown (Hrsg.): Die Geburt des Barock, Stuttgart, 2001, Seite 135.

2 Propyläen Kunstgeschichte, Bd. 9, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1970, Tafel 18.

3 Beverly Louise Brown (Hrsg.): Die Geburt des Barock, Stuttgart, 2001, Seite 135.

4 Johannes Götte (Hrsg.): Publius Vergilius Marco: Aeneis: lat.-dt./Vergil, München, Zürich 1983, Fünftes Buch, Zeilen 502-518.

5 Beverly Louise Brown (Hrsg.): Die Geburt des Barock, Stuttgart, 2001, Seite 135.

6 Hermann Breitenbach (Hrsg.): Publius Ovidius Naso: Metamorphosen: lat.-dt./Ovid , Zürich, 1958, Drittes Buch, Zeilen 177-255.

7 Wolfgang Bauer und Irmtraud Dümotz (Hrsg.): Bildlexikon der Symbole, München, 1980, Seiten 154-155.

8 Johannes Götte (Hrsg.): Publius Vergilius Marco: Aeneis, 1983, Elftes Buch, Zeile 652.

9 Hermann Breitenbach (Hrsg.): Publius Ovidius Naso: Metamorphosen, 1958, Erstes Buch, Zeile 697.

10 Gerd Heinz-Mohr: Lexikon der Symbole, Düsseldorf, Köln, 1971, Seite 215.

11 Johannes Götte (Hrsg.): Publius Vergilius Marco: Aeneis, 1983, Drittes Buch, Zeile 679.

Details

Seiten
7
Jahr
2002
ISBN (Buch)
9783640119509
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106918
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
Schlagworte
Ikonographische Analyse Gemäldes Gefolge Diana Vogelschießen- Domenico Zampieri Domenichino Seminar

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