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Vergleich der Gralsthematik in Umberto Ecos Baudolino und Wolframs von Eschenbachs Parzival

Seminararbeit 2002 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

1. Hinführung zum Thema

„Ich sammle Bruchstücke von Geschehnissen, Splitter von Begebenheiten und gewinne daraus eine Geschichte,...“1. Die von Fakten, Geschichten und Fantasien überlaufende Erzählung Ecos gibt seine wahre Schönheit durch die Makellosigkeit ihrer Verknüpfung überhaupt erst auf den zweiten Blick frei. Die von Eco mit Worten eingefangene Dynamik unserer eigenen Geschichte und Vergangenheit, macht sich plötzlich wieder, wie bei der Berührung einer glatten Wasseroberfläche von einer Fingerspitze selbstständig, beginnt Wellen zu schlagen und erreicht Dimensionen, die kaum mehr zu überblicken sind. Man stößt auf eine raffinierte und gewollt sichtbare Intertextualität, die bibliothekenfüllend ist, denn „Literatur ist zu allen Zeiten intertextuell gewesen“2 und die Gefahr sich zwischen den vollgeladenen Regalen zu verlaufen ist hoch. Deswegen kommt es bei der Arbeit mit und an dem Text Ecos auf die Reduzierung hin zu einem klar formulierten Thema an und auf die ständige Kontrolle über seine Einhaltung.

Diese Seminararbeit soll die Übereinstimmungen, bzw. die Ähnlichkeiten der Gralsthematik des Umberto Eco Romans Baudolino mit Wolframs von Eschenbach Werk Parzival zum Thema haben. Bei der Betrachtung wird von Ecos Roman als Basis für den Vergleich ausgegangen und das im Parzival Wiedergefundene soll mit Interpretationstheorien über selbiges herausgearbeitet werden. Dabei wird sich hauptsächlich auf die beiden Primärtexte gestützt und die Sekundärliteratur nur exemplarisch verwendet, da das Angebot an Auslegungen und einzelnen Interpretationen zur Gralsthematik zu großist, um in dieser Arbeit einen kompletten Überblick liefern zu können.

2. Die Übereinstimmungen/Ähnlichkeiten in Umberto Ecos Baudolino und Wolframs von Eschenbach Parzival

Der Baudolino Roman besitzt unter dem Aspekt der Intertextualität eine sehr starke Kommunikativität, das heißt, der Grad der Bewusstheit über die intertextuellen Bezüge beim Autor und beim Rezipienten ist hoch.3

Auch die Dialogizität, also der Verweis auf die vorgegebenen Texte ist oft vorhanden. Eben diese Dialogizität bietet den Anreiz in Ecos Roman sich mit dem Prätext auseinander zusetzen, im Fall dieser Seminararbeit mit Wolframs von Eschenbach Parzival und nach Übereinstimmungen beziehungsweise nach Ähnlichkeiten zu suchen. In den folgenden Unterpunkten sollen diese dargestellt und auf ihre Hypertextualität4 untersucht werden.

2.1. Kyots Fantasien

Es wird bei der Untersuchung zwischen dem Erzählten der beiden Hauptfiguren des Graldiskurses nicht in der Wertigkeit des Erzählten unterschieden, sondern nur in der chronologische Abfolge und damit die Reihenfolge der Figuren aufgeteilt. Kyot ist erst seit kurzem bei der Gruppe um Baudolino und Eco lässt ihn nach dem Konsum des „grünen Honigs“, einer Droge mit haluzinogenen Auswirkungen, mit der Narration seiner Visionen beginnen.

2.1.1. Der Große Saal

Der detaillierten Beschreibung Wolframs über den großen Saal, in dem Parzival auf der Gralsburg „Munsalvasch“ steht,

hundert krône dâgehangen was, vil kerzen dr ûfgestôzen, ob den hûsgenôzen, kleine kerzen umbe an der want.5

setzt Eco zuerst die Verwunderung Kyots „Ah! Oh!“6 entgegen und dann fasst er die Beschreibung Wolframs in einem Satz, „Ich sehe einen großen Saal und Fackeln, die ihn erleuchten mit einem Licht, wie man es sich nie hätte vorstellen können“7 zusammen. Interessant dabei ist, dass bei Eco aus kleinen Kerzen an der Wand vermutlich Fackeln geworden sind, die früher meistens in Halterungen an der Wand angebracht worden sind. An einer Wand, die aber so nicht im Roman erwähnt wird. Dass im Baudolino wörtlich von „einem großen Saal“ gesprochen wird und im Parzival nicht, könnte daran liegen, dass Eco zum Verständnis über die Größe des Saales beitragen wollte. Indem er Wolframs Angabe, nämlich dass in diesem Saal hundert Kronleuchter aufgehängt waren, einfach auf das Adjektiv großreduziert und es damit für den heutigen Leser einfacher und deutlicher macht, eine Vorstellung von der Größe zu bekommen.

2.1.2. Der Knappe mit der Lanze

Gleich im anschließenden Satz geht Eco dann auf den Knappen mit der „weißen Lanze“ ein: „Und da erscheint ein Knappe mit einer Lanze so weiß, dass sie im Licht des Kaminfeuers schimmert.“8 Im Parzival wird ein kleiner Sprung gemacht, bis es heißt: ein knappe spranc zer tür darîn./ der truog eine glævîn9 .

Was auffällt ist, dass im Parzival nur eine Lanze, aber keine „weiße Lanze“ erwähnt wird. Nun fällt zum ersten Mal während dieser Arbeit auf, dass zwar Wolframs von Eschenbach Parzival das Hauptaugenmerk gilt, Eco aber auch teilweise bei der Herausbildung und der Geschichte der Grallegende und ihrer Einarbeitung noch weiter zurück geht. Hier nämlich auf Chrestiens de Troyes, der in seinem Werk Perceval, das als Vorlage für den Parzival gedient hat, „nach konkret farbiger Anschaulichkeit“10 strebt mit der Formulierung „ la blanche lance11. Diese Anschaulichkeit wird mit dem nächsten Satz im Baudolino erst erkennbar, wenn der Kontrast zur „weißen Lanze“ durch einen roten Blutstropfen aufgebaut wird: „Und aus der Spitze der Lanze quillt ein Blutstropfen und rinnt den Schaft hinunter bis auf die Hand des Knappen...“12. Hier könnte man so weit gehen und sagen, dass Ecos Satz eine gute Übersetzung des Wolfram Satzes darstellt: an der snîden huop sich pluot / und lief den schaft unz ûfdie hant13. Ein wiederum schönes Beispiel für die Intertextualität als „greifbare Anwesenheit eines Textes“14 in Ecos Roman. Eco übersetzt den Satz jedoch nicht bis zum Ende, das da heißt: deiz in dem ermel wider want 15. Ebenfalls weggelassen wird, wenn man so sagen will, das Ende des Auftritts des Knappen.

er truoc se in sînen henden

alumb zen vier wenden,

unz aber wider zuo der tür.

der knappe spranc hinûz derfür.16

Die drei Punkte am Ende von „Und aus der Spitze der Lanze quillt ein Blutstropfen und rinnt den Schaft hinunter bis auf die Hand des Knappen...“17 könnte man wieder unter dem Aspekt der Intertextualität als Dialogizität sehen, als einen indirekten Verweis auf den Prätext durch eine Anspielung auf die Auslassung von Prätextteilen. Von nun an wird die Lanze bei den im Parzival kommenden Gralepisoden nicht mehr erwähnt, verschwindet aber nicht völlig, sondern tritt nur in anderer Form auf.

2.1.3. Die zwei Knappen mit den goldenen Kerzenleuchtern

Bei Eco schließt sich sogleich im nächsten Satz eine weitere Episode an: „Dann kommen zwei weitere Knappen mit vergoldeten Leuchtern, auf denen jeweils mindestens zehn Kerzen brennen. Die Knappen sind wunderschön anzusehen...“18. Im Parzival lautet die Stelle wie folgt:

dâgiengenûz zwei werdiu kint. nu h œ rt wie diu geprüevet sint. daz si wol gæben minnen solt, swerz dâmit dienste het erholt.19

Eco hat hier die Reihenfolge umgedreht, denn Wolfram beginnt zuerst mit der Beschreibung der Kinder. Auch diese Beschreibung wird, ähnlich wie vorhin von Eco wieder vereinfacht. Statt „Die hätten den Lohn der Liebe reichlich geben können, wenn einer darum hätte dienen wollen“20 wird nur gesagt: „Die Knappen sind wunderschön anzusehen...“21. Die nächsten Zeilen im Parzival sind von Eco etwas freier „übersetzt“: iewederiu ûfder hende / truoc von golde ein kerzstal 22 und si trougen brinnendigiu lieht 23. Hier sieht man, dass im Gegensatz zu Eco die Leuchter aus Gold und nicht vergoldet sind, auch dass im Parzival keine Angabe über Anzahl der Kerzen, geschweige denn Kerzen selbst gemacht werden.

2.1.4. Die Jungfrau mit dem Gral

Nun bekommt man von Kyot den letzten Teil seiner Vision des Gralsspektakels zu hören: „Und da, jetzt tritt eine Jungfrau herein, die den Gradal hält, und durch den Saal verbreitet sich gleißendes Licht...die Kerzen verblassen wie der Mond und die Sterne, wenn die Sonne aufgeht.“24. Eco vermischt hier ein wenig die Geschehnisse, wie sie sich im Parzival ereignen:

nâch den kom diu künegîn

ir antlütze gap den schîn, si wânden alle ez wolde tagen.25

und etwas weiter dann

ûfeinem grüenen achmardîtruoc sie den wunsch von pardîs, bêde wurzeln unde rîs. daz was ein dinc, daz hiez der Grâl,26

Eco greift hier vorweg, dass die Königin Jungfrau ist, was sich dem Leser des Parzivals erst auf der folgenden Seite besser eröffnet diu maget mit der krône 27 und zweifelsfrei erst im Verlauf des Romans zu Tage kommt, da dies dem heutigen Leser bei Wolframs Formulierung im Zusammenhang mit dem Gral „wol muoser kiusche sîn bewart“28 vielleicht schwerer zugänglich sein mag. Beiden ist aber gemeinsam, dass mit dem Erscheinen der Königin mit dem Gral ein Lichtwechsel einhergeht, jedoch ist es diesmal mit der Vereinfachung umgekehrt. Für die Beschreibung Ecos „die Kerzen verblassen wie der Mond und die Sterne, wenn die Sonne aufgeht.“29, sagt Wolfram schlicht und einfach es „tagt“. Interessant bei diesem Schauspiel ist aber, dass beide Autoren unterschiedliche Ursachen für dieses Schauspiel angeben. Wolfram bezieht sich ganz klar auf die Königin, während Eco auch so verstanden werden könnte, als ob vom Gral das Licht ausgehen würde, ähnlich wie bei Chrestien de Troyes.30

2.2. Borons Fantasien

Als nächstes meldet sich bei Eco Boron, die zweite Hauptfigur im Graldiskurs im Baudolino zu Wort. Die Figur des Boron hat ebenfalls von dem „grünen Honig“ genommen.

2.2.1. Die Düfte des Palastes

Da die Figur des Boron auf eine tatsächliche historische Person und ihr Werk31 zurück zu führen ist, besitzen die Visionen hauptsächlich Ähnlichkeiten und so gut wie keine Übereinstimmungen. In der Schilderung des Boron heißt es „den Palast erfüllen Düfte aller Spezereien der Welt“32. Man kann dies in Beziehung setzen zu den Ausführungen Wolframs über die Dufthölzer, die in den Feuern auf „Munsalvasch“ brennen: darûffe was des fiwers name, / holz hiez lign al ôê .33 oder an anderer Stelle noch konkreter lign al ôê des fiwers smac 34. Einwandfrei lässt sich dies leider nicht sagen, da im Anschluss an den Satz im Baudolino vom Essen geredet wird. Dazu kommt, dass der vorliegende Baudolino eine Übersetzung ist und deshalb die semantische Bedeutung durch das Übertragen des italienischen Wortes ins Deutsche eine leichte Änderung erfahren haben könnte.

2.2.2. Der Gral als Tischlein-Deck-Dich

Das Letzte, was der Rezipient im Baudolino von Boron als Vision erfährt, ist auch das Letzte was der gemeinsamen chronologischen Abfolge der Ereignisse in punkto Gral entspricht. Eines der bedeutensten Wunder des Grals, nämlich die Speisung aller Anwesenden durch den Gral, wird von Eco nur in einem Satz behandelt. „Und während der Gradal rings um den Tisch getragen wird, füllen sich die Teller vor den Augen der Ritter mit allen nur denkbaren Speisen…“35. Man kann dies als Zusammenfassung der Aussage Wolframs betrachten, die äußerst detailliert und ausführlich gemacht wird.

Swânâch jener bôt die hant, daz er al bereite vant spîse warm, spîse kalt daz zam unt daz wilde.36

und weiter

Môraz, wîn, sinopel rôt, swânâch den napf ieslîcher bôt, swaz er trinkens kunde nennen, daz mother drinne erkennen allez von des grâles kraft.37

Was Eco noch in seine Aussage einfließen lässt, ist die Anwesenheit von Rittern, die auch Wolfram immer wieder erwähnt, wie z.B. dâsaz manec ritter kluoc, 38. Jedoch werden diese im Zusammenhang mit der Speisung nicht direkt mit dem Wort „Ritter“ bezeichnet. Vom Kontext ausgehend weißder Rezipient, dass die am Mahl teilnehmenden Personen Ritter sind.

3. Die Verwertungen der Interpretationsansätzen der Gralslegende

Eco bedient sich jedoch nicht ausschließlich der bloßen Übernahme von Textstücken oder Aussagen. Er versteht es auch hervorragend die Intertextualität, hier mit dem Parzival Werk, mit den gängigen Interpretationsansätzen der Gralslegende zu verbinden, die hier in den nachfolgenden auch angeführt werden sollen. So gesehen steigt die Referentialität, die den Parzival im Baudolino thematisiert39, wenn auch wie bei allen anderen Prätexten für Ecos Roman nur auszugsweise. Und auch die Autoreflexivität erhöht sich, die von Eco zumeist eine ironische Beurteilung erfährt.40

3.1. Borons Gralsauffassung Bernhards von Clairvaux und Robert de Boron

Beginn des Diskurses um die Auslegung der Identität des Grals, ist die Einführung Borons, der eine Anspielung auf Robert de Boron mit seinem Werk Estoire dou Graal (etwa 1170-1180), ja sogar die Personifikation der Theorie desselbigen darstellt. Eco eröffnet dabei eine neue Ansicht auf seine Figur Boron, der den Gral als Kelch sieht, als „[...]die kostbarste Reliquie der ganzen Christenheit, der Kelch, in welchem Jesus beim Letzten Abendmahl den Wein in Blut verwandelt hat und in welchem dann Joseph von Arimathia das Blut aus der Seite des Gekreuzigten aufgefangen hat.“41. Bodo Mergell sieht den Ursprung dieser Interpretationsauffassung vom Gral als Kelch im „Predigtzyklus De Adventu Domini42 von Bernhard von Clairvaux um 1150 herum, bei dem das „in gläserner Schale (in vase vitro) gesammelte Blut Christi zur objektiven Wirklichkeit des dichterischen Wortkunstwerkes erhoben, [...] wird“43. Von dem aus wird der „Schritt von geistlicher Predigt zur Legendendichtung“44 von Robert de Boron vollzogen. Daraus ergibt sich möglicherweise die Erklärung für Borons Standpunkt und Antwort im Baudolino auf die eindringliche Frage, woher er (Boron) wisse, dass der Gral ein Kelch sei: „Ich weißes eben,[...]Man hat es mir gesagt“45. Und auch Chrestien de Troyes dessen Werk Perceval zweifelsfrei Wolfram als Vorlage diente, beschreibt „den Gral als ein goldenes, mit Edelsteinen verziertes Gefäß“46.

3.2. Einführung Kyots mit der Auffassung von einem Stein

Dagegen wird sein „Opposant“ Kyot mit der Auffassung vom Stein, beziehungsweise vom dinc, daz hiez der grâl,47, also Ding oder Gegenstand eingeführt: „Die ihn gesehen haben, erinnern sich nicht an die Form, sondern wissen nur, dass er ein Gegenstand war, der außergewöhnliche Kräfte besaß.“48. Im Parzival wird er „als Stein bezeichnet ohne die geringste Angabe zu Form, Farbe, Größe.“49. Jedoch macht Wolfram die Aussage, dass der Stein ein Ende hat: zende an des steines drum 50.

Kyot stößt überhaupt erst im 12. Kapitel, in dem die Gralsthematik behandelt wird zur Gruppe um Baudolino. Die intertextuellen Verweise und Anspielungen auf die Figur des Kyot in Wolframs Parzival, Kyôt der meister wîs 51 , sowie Kyots Symbolcharakter für den Parzival im Baudolino werden durch die direkte Informationsvergabe aus dem Parzival durch Kyot im Baudolino deutlich. Ferner ist es vielleicht relevant zu wissen „[...], dass Wolfram, unter Berufung auf Kyot, seine Angaben als die einzig authentischen hervorhebt.“52. So wird zum Beispiel im Baudolino die Figur des Feirefiz von Kyot erwähnt, „einer von jenen Rittern, ein gewisser Feirefiz“53. Dieser Feirefiz ist, wenn man sich die Sippenbeziehungen in Wolframs Parzivals ansieht, ein Schwager von Wolframs Kyot54. Wieder findet sich eine Ähnlichkeit, die zwar nicht inhaltlicher Natur ist, aber doch durch die Parallelstellung der Figurenbeziehungen im Baudolino und im Parzival sichtbar wird. In beiden Fällen stellt Kyot für den Autor, sei es der „fiktive“ im Baudolino oder der „reale“ im Parzival, den greifbaren Erzähler der „legendenhaften“ Tatsachen dar.

Im Baudolino wird dann von Kyot das Motiv des Steins weiter ausgebaut: „[...]der Gradal ein vom Himmel gefallener Stein, lapis ex coelis, und wenn er ein Kelch war, dann nur, weil er aus diesem Stein geschnitten worden ist.“55 Ecos Formulierung „lapis ex coelis“ geht zwar auf Wolframs Worte lapsit exillîs zurück, sie beinhalten aber schon die Assimilation an die Interpretationstheorie des vom Himmel gefallenen Steines.

3.3. Signumsauslegung der Gralslanze durch den Poeten

Ein weiterer Aspekt auf den Eco eingeht, ist der der blutenden Lanze. Diese wird bei Wolfram als ein medizinisches Instrument erklärt, „das die Funktion hat, die Schmerzen des kranken Königs zu lindern“56. Im Baudolino wird dieses Motiv durch den Poeten aufgegriffen: „Ich sage euch: Die Lanze ist der wundertätige Gegenstand, und sie ist Zeichen der Macht, weil sie Zeichen der Stärke ist!“57 Der Poet steht somit auch für einen eigenen Interpretationsansatz, bei dem es darum geht, die Lanze mit dem Gral gleich zu setzen, da es eigentlich bei Chrestien noch zwei unterschiedliche Abenteuer gewesen sind.58

So also findet sich der Ursprung der Lanzenlegende bei Chrestien de Troyes, der den Realzusammenhang mit dem Blut Christi nicht ganz aufgegeben hat, sondern ihn auf die von ihm erfundene blutende Lanze übertragen hat59. Man kann die Vergabe dieser Thematik an eine Nebenperson der Gralsdiskussion als Hinweis sehen, dass Eco ebenfalls zu dem Urteil gekommen ist und dies damit ausdrücken wollte, „[...] dass Wolfram die Lanze aus dem Zusammenhang mit der Gralprozession und der Erlösungsfrage herausgelöst hat, offenbar weil er aus dem fragmentarischen Werk die von Chrestien beabsichtigte Symbolik nicht klar zu erkennen vermochte“60 oder um es noch deutlicher mit den Worten Richters zu sagen: „Aber wahrhaft einzudringen in diese Symbolik vermochte er nicht“61. Und auch Ranke, der es aber nicht ganz so scharf ausdrückt, sieht „[...] einen oder mehrere gut gebildete Berater[...]“62 hinter Wolfram.

3.4. Ungeklärte Diskussion ob Kelch oder Stein

Die vielen Interpretationsansätze, die Eco gleichzeitig darstellt, werden jedoch nicht, obwohl man dies vermuten könnte, bewertet. Eco lässt die Frage über die Richtigkeit einer Interpretation ungeklärt, da sich die Kontrahenten Boron und Kyot einen ständigen Diskurs liefern: „[...] Boron und Kyot verbissen sich in dialektische Dispute, Boron versuchte Kyot davon zu überzeugen, dass die Nichtexistenz der Leere entscheidend sei, um die Einzigartigkeit des Gradals zu beweisen, Kyot hatte sich in den Kopf gesetzt, dass der Gradal ein vom Himmel gefallener Stein sei, lapis es coelis, und von ihm aus konnte er auch durch leerste Räume aus einem anderen Universum gekommen sein“63. Eine zusätzliche und mögliche Interpretation oder Erklärung für den Gral hat Eco nur angeschnitten: „[...] wenn er ein Kelch war, dann nur, weil er aus diesem Stein geschnitten worden ist.“64.

Bei diesem Ansatz wird vermutet, dass es sich bei dem Gral um einen in Valencia aufbewahrten Kelch handelt. Dieser in Valencia verwahrte Gral ist aus einem Stein geschnitten. Der steinerne Kelch ist in ein goldenes Gestell eingefügt, das mit Perlen und Edelsteinen verziert ist. Das Alter des Bechers wurde auf einen Zeitraum datiert, der zwischen dem 4. Jahrhundert vor und dem ersten Jahrhundert nach Christi Geburt liegt. Weiter wird geschätzt, dass Fußund Kelch um 1100 herum zusammengefügt worden sind.65

Deshalb gibt es die These, der Gral sei sowohl ein Stein, als auch ein Kelch, was Wolfram aber nicht wusste, was seine ungenauen Formulierungen im Parzival erklären könnten. Dadurch, dass Eco die Diskussion der beiden Kontrahenten auf ein Unentschieden hinaus laufen lässt, enthält er sich jedoch eines Urteils.

4. Ecos Klärung des Interpretationsproblems durch die Reduzierung auf eine „Bauernweisheit“

Im Zuge dieser Arbeit bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man sich bei der genauen Interpretation mittelhochdeutscher Texte schwer tut, da die Intertextualität eine große Rolle spielt und häufig die Prätexte unbekannt oder nur schwer zu zuweisen sind und zusätzlich wird noch ein hohes Maßan interdisziplinärem Fachwissen erfordert. Somit wurde im Rahmen dieser Arbeit weder eine Lösung für die gängigen Theorieansätze noch eine neu Theorie gefunden. Bei Eco aber erfahren die Interpretationsdispute eine recht einfache und eigene Lösung. Diese Lösung deutet sich schon am Beginn der Gralsdiskussion an, als Baudolino sagt: „Soweit ich weiß, müsste ein gradalis so etwas wie ein Napf oder eine Schüssel sein.“66 Endgültig aufgelöst wird die Geschichte um den Gral im Baudolino als Baudolino bei seinem sterbenden Vater ist und diesem von der Herrlichkeit des Grals erzählt. Woraufhin Gagliaudo seinen Sohn zurecht weist, „Jesus war der Sohn eines Zimmermanns und lebte zusammen mit Hungerleidern, die noch ärmer waren als er.“67 Deshalb zieht der Vater den Schluss: „Es wär schon viel gewesen, wenn er so eine Schale wie diese da gehabt hätte, die ihm sein Vater aus einer Wurzel geschnitzt haben könnte, wie ich’s mir gemacht hab.“68 Daraufhin erklärt Baudolino die Schale seines Vaters zum Gral und das Thema Gral hat ein Ende. Eben in diesem Schluss kann man, wenn man so will, die Freude Ecos an der Intertextualität wiedererkennen, da im Parzival der Gral auch als wurzeln69 bezeichnet wird. Somit hätte Eco nun auch noch die Kurve wieder hin zum Parzival bekommen. Je mehr man in dieses Beziehungsgeflecht der Texte eindringt, desto mehr beschäftigt man sich mit der Frage, dass auch im Kleinen das Falsche laueren könnte, da ja der Leser Ecos die „wahre“ Geschichte erzählt bekommt und wer kennt schon die genauen Umstände, unter denen Parzival entstanden ist.

Eine Nachricht oder Randbemerkung wie wir gelesen haben, entpuppt sich im Nachhinein als falsch und unterminiert beim Leser den Glauben an das Richtige, Echte, Wahre vielleicht mehr als die spektakulärsten Fälle, denn jede Fälschung, so Umberto Eco, will einen Verdacht erwecken gegen die Macht oder die Gegner, will Misstrauen gegen die Quellen erzeugen und Verwirrung stiften. .

In jenem seltenen Fall, wo die Fälschung so gelungen ist, dass sie von niemandem entlarvt werden kann oder bei der der Urheber nicht bestimmt werden kann, geschieht etwas noch Eigenartigeres: die Fälschung wird zum Original. In diesem durchaus unheimlichen Sinn aber ist wiederum jedes Original potentiell eine Fälschung, die eines Tages entlarvt werden könnte. Dem Rezipienten bleibt nur die Suche nach Übereinstimmungen beziehungsweise Ähnlichkeiten, die es ihm nur erlauben Beziehungen zwischen Texten herauszubringen, nicht aber neue Tatsachen. Ich glaube, genau das meint Eco, wenn er von der disruptiven Kraft der Fälschung spricht: das Falsche, das wir außerhalb (des Gesetzes, des Museums, der Zeitung, des Buches) wähnten, ist immer schon präsent: als Gefahr, aber auch als Chance. Als Beunruhigung, aber auch als Vergnügen, wie im Baudolino.

5. Literaturverzeichnis

Primärtexte

Eco, Umberto: Baudolino, München, Wien 2001.

Chrestien de Troyes: Der Percevalroman, Hrsg. Alfons Hilka, Halle 1932.

Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe nach der 6. Ausgabe von Karl Lachmann /mittel-neuhochdeutsch, Berlin, New York 1998.

Sekundärtexte

Broich, Ulrich: Art. ‚Intertextualität’, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, Hrsg. Harald Fricke, Bd. 2: H-O, Berlin, New York 2000.

Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach, Stuttgart 1964.

Mergell, Bodo: Der Gral in Wolframs Parzival. Entstehung und Ausbildung der Gralsage im Hochmittelalter, Halle 1952.

Pfister, Manfred: Konzepte der Intertextualität, in: Ulrich Broich, Manfred Pfister: Intertextualität. Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien, Tübingen 1985, S. 1- 30.

Ranke, Friedrich: Zur Symbolik des Grals bei Wolfram von Eschenbach, in: Heinz Rupp: Wolfram von Eschenbach, Darmstadt 1966, S. 38-48.

Richter, Werner: Wolfram von Eschenbach und die blutende Lanze, in: Euphorion 53 1959, S. 369-379.

Schäfer, Hans-Wilhelm: Kelch und Stein: Untersuchungen zum Werk Wolframs von Eschenbach, Frankfurt/Main, Bern 1983.

[...]


1 Eco (2001), S. 20.

2 Broich (2000), S. 177.

3 Pfister (1985), S. 27.

4 Pfister (1985), S. 17.

5 Wolfram (1998), S. 233.

6 Eco (2001), S. 161.

7 ebenda.

8 ebenda.

9 Wolfram (1998), S .235.

10 Mergell (1952), S. 107.

11 Chrestien (1932), V. 3197.

12 Eco (2001), S.161.

13 Wolfram (1998), S. 235.

14 Pfister (1985), S. 17.

15 Wolfram (1998), S. 235.

16 ebenda.

17 Eco (2001), S.161.

18 ebenda.

19 Wolfram (1998), S. 236.

20 Wolfram (1998), S. 236.

21 Eco (2001), S.161.

22 Wolfram (1998), S. 236.

23 ebenda.

24 Eco (2001), S.161.

25 Wolfram (1998), S. 239.

26 ebenda.

27 Wolfram (1998), S. 240.

28 ebenda, S. 239.

29 Eco (2001), S.161.

30 Ranke (1966), S. 39.

31 Darauf wird in 3.1 noch genauer eingegangen.

32 Eco (2001), S.162.

33 Wolfram (1998), S. 234.

34 Wolfram (1998), S. 812.

35 Eco (2001), S. 162.

36 Wolfram (1998), S. 242.

37 ebenda.

38 Wolfram (1998), S. 235.

39 Pfister (1985), S. 26.

40 ebenda, S. 27f.

41 Eco (2001), S. 157f.

42 Mergell (1952), S. 99.

43 ebenda, S. 101.

44 Mergell (1952), S. 101.

45 Eco (2001), S. 162.

46 Bumke (1964), S. 257.

47 Wolfram (1998), S. 239.

48 Eco (2001), S. 158.

49 Schäfer (1983), S. 48.

50 Wolfram (1998), S. 452.

51 ebenda, S. 459.

52 Schäfer (1983), S. 49.

53 Eco (2001), S. 159.

54 Mergell (1952), S. 126.

55 Eco (2001), S. 163.

56 Bumke (1964), S. 262.

57 Eco (2001), S. 163.

58 Richter (1959), S. 372.

59 Bumke (1964), S. 251.

60 ebenda, S. 262.

61 Richter (1959), S. 376.

62 Ranke (1966), S. 47.

63 Eco (2001), S. 200.

64 ebenda, S. 163.

65 Schäfer (1983), S. 51f.

66 Eco (2001), S. 157.

67 ebenda, S. 315.

68 ebenda.

69 Wolfram (1998),S. 239.

Details

Seiten
14
Jahr
2002
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106899
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
Schlagworte
Vergleich Gralsthematik Umberto Ecos Baudolino Wolframs Eschenbachs Parzival Proseminar

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