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Analyse zu "Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes"

Skript 2002 14 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

GLIEDERUNG

1 Einleitung

2 Narzissmus
2.1 DIE SAGE VON NARZISSOS
2.2 NARZISSMUS NACH MILLER
2.2.1 NARZISSTISCHE BEDÜRFNISSE VON KINDERN

3 Das arme reiche Kind
3.1 BEDÜRFNISSE VON KINDERN
3.1.1 BEOBACHTUNGEN ZUR ELTERN - KIND -INTERAKTION

4 Die verlorene Welt der Gefühle
4.1 ABWEHRMECHANISMEN DER VERDRÄNGUNG
4.2 DAS FALSCHE SELBST
4.3 DIE PERMANENZ DER BINDUNG ZWISCHEN KINDERN UND ELTERN

5 Auf der Suche nach dem wahren Selbst
5.1 GRÖßENPHANTASIEN
5.2 CHRONOLOGISCHER WERTEGANG DER PSYCHOANALYSE
5.2.1 ANFANGSPHASE: DIE EIGENEN GEFÜHLE WAHRNEHMEN
5.2.2 ANALYTIKER WIRD ZUR ÜBERTRAGUNGSFIGUR
5.2.3 AMIVALENZ GEGENÜBER DER MUTTER
5.2.4 TRENNUNG

6 Die Situation des Psychoanalytikers

7 Literatur

1 Einleitung

Alice Miller studierte in Basel Philosophie und Soziologie. In Zürich beendete sie ihre Ausbildung zur Psychoanalyse. Für ihre Bücher zu den Ereignissen ihrer Kindheitsforschung erhielt sie 1986 in New York den Janusz- Korczak- Preis.

In heutiger Zeit zählt sie zu den bekanntesten Psychoanalytikerinnen. In ihrer Beschäftigung mit erwachsenen Patientinnen und Patienten stellt sich Miller auf die Seite des Kindes im Erwachsenen und versucht vor allem zu verstehen, was ihm in seiner Kindheit angetan worden ist. Sie erlebt, dass sich ihre Patienten als Kinder oft als böse, sündhaft, minderwertig und schuldig gefühlt haben. Dabei haben sie die Verantwortung für die Erziehungspraktiken ihrer Eltern übernommen. Noch als Erwachsenen verleugnen und verdrängen sie alle erlittenen Verletzungen, schonen die Eltern und ringen immer noch um deren Liebe und Aufmerksamkeit. Das „Drama des begabten Kindes“ besteht darin, schon in der Kindheit von seinen Gefühlen abgeschnitten zu sein, sich selbst Schuld zuzuweisen und die Meinungen und die Moral seiner Eltern - was richtig und falsch sei - zu übernehmen. In der Therapie werden die Patienten dann oftmals noch dazu gebracht, diejenigen, die ihnen Leid zugefügt haben, auch noch zu verstehen und ihnen zu verzeihen. Miller sieht sich als Anwalt des verletzen Kindes und nimmt ernst was ihre Patienten als Kinder erlebt haben.

Sie tritt in ihren Büchern vehement dafür ein, dass Kinder von Erwachsenen angemessen behandelt werden. Die Verantwortung für schädliche Lebenserfahrungen wird klar beim Namen genannt. Die Betroffenen werden ermuntert, es auszuhalten, wenn Wut, Ärger, Trauer und Enttäuschung über erlebte Misshandlungen und Irreführungen ins Bewusstsein dringen. Diesen Gefühlen muss eine Möglichkeit zur Artikulation und zum Erleben gegeben werden. Dadurch soll verhindert werden, dass sie sich „unbewusst“ an anderen abreagieren. Dies stellt die Möglichkeit wieder her, sich seiner bewusst zu werden, das Gebot aus der Kindheit - „ Du sollst nicht merken, dass wir unsere Konflikte auf deine Kosten, auf deinem Rücken austragen!“ - endlich hinter sich zu lassen.

In dem Buch „Das Drama des begabten Kindes“ zeichnet Alice Miller durch ihre langjährige Erfahrung ein sehr gutes Bild der Kinderseele. Sachlich kompakt, aber dennoch gut verständlich, liefert sie Informationen für ein besseres Verständnis für Kinder und Interaktionen. Des Weiteren lässt sie einem die eigene Kindheit aus einem anderen Blickwinkel sehen.

Alice Miller begibt sich in ihrem Buch auf die Suche nach dem „wahren Selbst“ und einer Erweiterung des Wissens über Traumatisierung und die Folgen ihrer Verdrängung.

Missbrauch, Gefühllosigkeit und andere zahlreiche Kinderschicksale verursachen Verhaltensweisen, die meist als „ nicht der Norm entsprechend“ eingestuft werden. Eine fröhliche Kindheit zu erleben ist nicht allen Kindern vergönnt. Die Verdrängung der einst in der Kindheit erfahrenen Misshandlungen treibt viele Menschen dazu, das Leben anderer und das eigene zu zerstören.

Die Psychotherapie setzt hier an und versucht Hilfestellungen zu geben. Doch Therapie kann allein die verlorene Kindheit nicht zurückgeben, Tatsachen nicht verändern und schon gar nicht Erlebtes rückgängig machen. Grandiosität und Depression als zwei wesentliche Formen der Verleugnung von Traumata in der Kindheit, die Spiegelbilder von Schicksalen kindlicher Bedürfnisse sind. Fragen werden gestellt und selbstkritisch beantwortet.

2 Narzissmus

2.1 Die Sage von Narzissos

Die Sage von Narzissos beschreibt die Tragik der narzisstischen Störung. Narzissos spiegelt sich im Wasser und ist in sein Spiegelbild verliebt. Seine Mutter ist sehr stolz auf ihn. Ebenso die Nymphe Echo hat sich in seine Schönheit verleibt. Echos Rufe täuschen den Jüngling. Gleiches tut sein Spiegelbild, indem es nur den vollkommenen, großartigen Teil von ihm spiegelt, nicht aber die innere Seite. Seine Rückenseite bleibt ihm verborgen. Narzissos kennt sein wahres Selbst nicht. Es bleibt ausgeklammert. Narzissos wollte nichts anderes als der schöne Jüngling sein, verleugnet sein wahres Selbst, wollte sich mit dem Spiegelbild vereinigen. Das führte zum Tod. Dieser Tod ist auf das falsche Selbst zurückzuführen. Denn es sind nicht nur die schönen, guten die gefälligen Gefühle die uns am Leben erhalten und uns zur eigenen Persönlichkeit verhelfen. Narzissos kann sich nicht wirklich lieben. Dies wiederum ermöglicht keine Objektliebe und keine Selbstliebe.

Geschildert wird nicht wie es zu dem falschen Selbst kommt. Ist er ein Junge, der ein Opfer seines sozialen Umfeldes wird, das ihm sein eigenes, wahres Selbst nicht zugesteht, und der deshalb gestorben ist?

2.2 Narzissmus nach Miller

Der Begriff „ Narzissmus“ wird - wie auch in der Alltagssprache - sehr vieldeutig verwendet. Nach Miller ist er für eine präzise psychoanalytische Begriffsbildung nicht mehr zu gebrauchen.

Mit Narzissmus kann ein Zustand, ein Entwicklungsstadium, ein Charakterzug als auch eine Krankheit beschrieben werden. Von der Alltagssprache bekommt der Begriff eine emotionale Färbung. So haften an ihm die Bedeutungen von: „in sich verliebt sein“, „ständig mit sich beschäftigt“ , „egozentrisch“, „zur Objektliebe nicht fähig“ und „egoistisch“.

Alice Miller verbindet den Begriff Narzissmus mit Egoismus. Nach Freud ist der schlimmste Egoist „ein Mensch, dem es noch nie in den Sinn gekommen ist, dass er ein Egoist sei“.

Verachtung findet der „ Egoist“ nach Miller sehr früh. Ein Kind, dass die bewussten als die auch die unbewussten Wünsche der Eltern erfüllt, ist ein gutes Kind. Weigert es sich aber, weil es andere Wünsche verfolgt, die nicht mit denen der Eltern übereinstimmen, bezeichnet man es als egoistisch und rücksichtslos.

Wie steht es aber mit den Eltern? Die Eltern glauben fest, dass sie ihre Kinder erziehen müssen, weil sie verpflichtet sind ihnen bei der Sozialisation zu helfen. Dabei merken die Erwachsenen nicht, dass sie das Kind brauchen, damit es ihre egoistischen Wünsche erfüllt.

Das Kind wird sehr früh verzichten lernen, lange bevor ein echtes Teilen und ein wahrer Verzicht überhaupt möglich geworden sind. Das Kind muss so handeln, denn es kann es sich nicht leisten die Liebe der Eltern zu verlieren. Es ist abhängig von ihnen.

Aber darf das Kind lange genug egoistisch sein, so entwickelt es von selbst die Freude am Teilen und Geben. Dazu muss es nach Miller nicht erzogen werden. Ein für die Bedürfnisse der Eltern erzogenes Kind erlebt und erfährt diese Freude vielleicht nie. Ebenso steht es mit dem Respekt, den die Eltern glauben ihren Nachkömmlingen beibringen zu müssen. Werden die Kinder von ihren Eltern respektiert, so wird das Kind ebenfalls mit Respekt antworten. Aber eine Mutter, die seinerzeit von ihrer Mutter nicht als das, was sie war, ernstgenommen wurde, wird versuchen, sich mit Hilfe der Erziehung Respekt zu verschaffen.

Miller schrieb ihr Buch „ Das Drama des begabten Kindes“ im Jahre 1983. Das war die Zeit der antiautoritären Erziehung, der sie sich auch sehr verbunden fühlte. Für sie hatte Erziehung sehr viel mit Manipulation zu tun. Das Kind sollte stattdessen fei sein und die Möglichkeit haben sich im Sinne Rousseaus entwickeln zu können. Heute ist es eher fraglich inwieweit diese These uneingeschränkte Gültigkeit bewahrt. Für Miller ist es wichtig , dass Erwachsene Kinder ernstnehmen und ihre Gefühle erleben lassen, dann entwickelt sich das Kind in vielen Bereichen selbstständig und bedarf nicht der Erziehung.

Von gesundem Narzissmus spricht Miller, wenn ein Mensch den wahren Zugang zu seinen Gefühlen lebt. Im Gegensatz dazu steht die narzisstische Störung, d.h. das wahre Selbst lebt isoliert und die echten Gefühle werden verdrängt und nicht gelebt.

2.2.1 Narzisstische Bedürfnisse von Kindern

Jedes Kind hat das narzisstische Bedürfnis, von der Mutter gesehen, verstanden, ernstgenommen und respektiert zu werden. Es ist darauf angewiesen, in den ersten Lebenswochen und Monaten über die Mutter verfügen zu können, sie zu gebrauchen, von ihr gespiegelt zu werden. Die Gefühle der Mutter spiegeln sich in dem Säugling. Der Säugling ist sich seiner Gefühle nicht bewusst. In den frühen Phasen der Kindesentwicklung, nach Winnicott, spielt die Umwelt - noch nicht in Ich und Nicht- Ich getrennt - für das Kind eine entscheidende Rolle. Der Säugling nimmt sich also dadurch wahr, dass seine Mutter ihn wahrnimmt. Er sieht sich im Auge der Mutter, die ihn anschaut. Das Bild, das der von seiner Mutter bzw. die primäre Bezugsperson von ihm widerspiegelt, wird er unbewusst vor Augen haben, wenn er sich selbst zum ersten Mal im Spiegel erkennt. Das Kleinkind identifiziert sich somit mit den affektiv - mimischen Reaktionen der primären Bezugsperson, d.h. mit dem mehr oder weniger realistischen Bild, das sie sich vom Kleinkind macht. Winnicott umschreibt diese Situation in einem Bild:

„Die Mutter schaut das Baby an, das sie im Arm hält, das Baby schaut in das Antlitz der Mutter und findet sich selbst darin vorausgesetzt, dass die Mutter wirklich das einmalige, hilflose Wesen anschaut und nicht ihren eigenen Introjektionen, auch nicht ihre Erwartungen, Ängste, Pläne, die sie für das Kind schmiedet, auf das Kind projiziert.“

Im letzteren Fall findet das Kind nicht sich selbst in den Augen der Mutter, sondern die Not der Mutter. Das Kind kann nicht sein eigenes „ Ich“ aufbauen. Es selbst bleibt ohne Spiegel und wird in seinem ganzen späteren Leben diesen Spiegel suchen. Das gesunde Selbstwertgefühl, dass empfundene Gefühle und Wünsche zum eigenen Selbst gehören, kann das Kind nicht entwickeln. Das Kind und dessen Gefühle, passen sich in diesem Falle an den „spiegelbildlichen Bezugsrahmen“ der Mutter an und die eigene emotionale Entwicklung wird gehemmt. Verläuft die primäre Mutter - Kind - Interaktion unsicher, unberechenbar, angsterfüllt der gar feindselig, weil das Vertrauen der Mutter zu sich selbst schwankend ist, dann nimmt das Kind in der Phase der Individuation seine eigenen Gefühle wahr, muss aber ohne einen verlässlichen Bezugsrahmen für seine Emotionen auskommen. Das Kind erlebt seine Gefühle ohne Rückversicherung bei der Mutter. Identitätsprobleme und eine Störung des primitiven Selbstgefühls sind die Folgen.

Nimmt die Mutter das Kind ernst, hat Verständnis für die Bedürfnisse des Kindes so entwickelt das Kind eine Sicherheit. Das Kind findet Zugang zu den eigenen selbstverständlichen Gefühlen und Wünschen, findet Halt in der Mutter und entwickelt seine Selbstachtung. Er darf seine Gefühle leben, darf traurig sein, verzweifelt oder hilfsbedürftig sein, ohne Angst haben zu müssen, die introjizierte Mutter damit unsicher gemacht zu haben.

Nur so kann sich in dem Kind das wahre Selbst entwickeln. Wenn aber die Mutter narzisstisch gestört ist, vielleicht weil sie nicht in einer solchen Atmosphäre aufgewachsen ist - kann sie die Spiegelfunktion für ihr Kind nicht erfüllen. Sie wird unbewusst, entgegen ihrem guten Willen, mit Hilfe ihres Kindes ihre eigenen narzisstischen Bedürfnisse zu befriedigen suchen. Das Kind bekommt auf diese Weise die Erwartungen und Bedürfnisse der Mutter introjiziert und kann, da es von der Mutter abhängig ist und ihre Liebe nicht verlieren will, sein wahres Selbst nicht entwickeln. So kommt es zur Entwicklung einer „ Als -Ob - Persönlichkeit“ , dem falschen Selbst. Die wirklichen Gefühle werden nicht in die sich bildende Persönlichkeit integriert, sondern abgespalten.

3 Das arme reiche Kind

Für Alice Miller sind Kinder arm und reich zugleich.

Mit dem reichen Kind beschreibt Miller jene Kinder die, die von ihren Eltern gefördert wurden. Diese Kinder entwickelten viele Talente und wurden wegen ihrer Gaben und Leistungen gelobt. Fast alle Analysanden Millers waren schon im ersten Lebensjahr trocken und viele halfen bereits im Alter von eineinhalb bis fünf Jahren sehr geschickt bei der Pflege ihrer kleinen Geschwister. Diese Kinder waren der Stolz ihrer Eltern. Alles was sie anpackten machten sie sehr gut. Sie erlebten Erfolg und Bewunderung. Doch was nützte ihnen der Erfolg? Man müsste glauben, dass diese erfolgreichen Menschen über ein sehr ausgeprägtes Selbstwertgefühl verfügten. Aber dem war nicht so.

Sobald sie nicht „on top“ waren, hatten sie das Gefühl vor dem Idealbild ihrer selbst versagt zu haben. Sie wurden von schweren Schuldgefühlen oder Ängsten oder Depressionen geplagt. Die Kinder standen unter einem enormen Leistungsdruck und Kontrollzwang seitens der Eltern. Ebenso war die Beziehung durch fehlendes emotionales Verstehen gekennzeichnet. Die Kinder konnten ihre „primäre narzisstischen Bedürfnisse“ nicht erleben.

Auffällig ist, dass die Patienten Millers kein Mitgefühl für das eigene Kind, das sie einmal waren, aufbringen können. Allgemein anzutreffen ist ferner ein völliges Ausbleiben von echten, emotionalen Verstehen und Ernstnehmen des eigenen Kinderschicksals, sowie eine völlige Ahnungslosigkeit in bezug auf die eigenen wahren Bedürfnisse, jenseits der Leistungszwänge.

Kinder sind reich aufgrund ihres Erfolges und arm durch ihr angepasstes Verhalten, welches keine wahren Gefühle zulässt und die Entwicklung des „wahren Selbst“ hindert.

3.1 Bedürfnisse von Kindern

1. Es ist ein Bedürfnis des Kindes von seinen Eltern ernstgenommen und beachtet zu werden. Es handelt sich hier um ein „narzisstisches Bedürfnis“, dessen Erfüllung zur Bildung eines gesunden Selbstgefühls unerlässlich ist.
2. Der Mensch wird durch seine Gefühle geleitet. Er muss lernen auch seine innere Stimme wahrzunehmen. Bereits im Säuglingsalter sind diese Gefühle wichtig. Die inneren Empfindungen bilden den Kern des Selbst. Gefühle kann man als den Kristallisationspunkt der Identitätsbildung verstehen.
3. In einer Atmosphäre der Achtung und Toleranz für die Gefühle des Kindes ist das Kind in der Lage die notwendigen Schritte zur Autonomie zu vollziehen.
4. Damit die Voraussetzungen des gesunden Narzissmus möglich wären, müssten die Eltern diese Kinder ebenfalls in einem solchen Klima aufgewachsen sein.
5. Eltern, die nicht einem solchen Klima aufgewachsen sind, sind narzisstisch bedürftig. Sie brauchen die Aufmerksamkeit, Bewunderung und Beachtung ihrer Kinder. Die Eltern suchen, das was ihre Eltern wiederum ihnen zu früheren Zeiten nicht geben konnten.
6. Allerdings können die versäumten narzisstischen Bedürfnisse der Eltern nicht zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Diese Zeit ist vorbei! Auch die eigenen Kinder können diese Bedürfnisse nicht stillen.
7. Der Mensch sucht sich Ersatzbefriedigungen. Der Traum nach einem Menschen, der immer für einen da ist wird auf Ersatzwegen zu befriedigen versucht.
8. Am Besten eignen sich dazu die eigenen Kinder. Ein Kind tut alles um die Liebe der Eltern nicht zu verlieren. Es ist abhängig und bedürftig nach Liebe.

„ Es wird vom ersten Tag an all seine Möglichkeiten einsetzen, wie eine kleine Pflanze, die sich nach der Sonne dreht, um zu überleben (Miller 1971)“.

3.1.1 Beobachtungen zur Eltern - Kind -Interaktion

Die folgenden Tatsachen beruhen auf Beobachtungen von Alice Miller. Bei all ihren Untersuchungen war ein ähnliches Kinderschicksal vorzufinden.

Die Mutter war emotional unsicher und für ihr narzisstisches Gleichgewicht auf ein bestimmtes Verhalten des Kindes angewiesen. Hinter einer harten autoritären Umgebung konnte diese Unsicherheit dem Kind verborgen bleiben.

Die Kinder besaßen die erstaunliche Fähigkeit die Bedürfnisse ihrer Eltern zu spüren und darauf mit angepasstem Verhalten zu reagieren. Sie entwickelten sozusagen „Sensoren“ für die Bedürfnisse ihrer Eltern. Diese Funktion sicherte dem Kind die Liebe, d.h. hier die narzisstische Besetzung durch die Eltern. Es spürte, dass es gebraucht wurde und das gab seinem Leben die Existenzsicherung. Die Kinder beantworten die Bedürfnisse ihrer Eltern in solch einer Perfektion, dass sie nicht nur zu Müttern ihrer Mutter werden, sondern auch Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen. Sie bilden ein sensibles Sensorium für die Bedürfnisse der Eltern aus.

4 Die verlorene Welt der Gefühle

Die Anpassung als auch die narzisstische Störung beginnt bereits im Säuglingsalter. Die natürlichen narzisstischen Bedürfnisse der Säuglinge nach Teilnahme, Achtung und Verständnis erfahren ein ganz spezifisches Schicksal Die primären narzisstischen Bedürfnisse der Kinder werden von der Mutter nicht befriedigt. Die Kleinkinder dürfen ihre Gefühle nicht ausleben, da sie sich an die Wünsche und der Unsicherheit der Eltern anpassen. Eine Folge der Anpassung ist die Unmöglichkeit, bestimmte Gefühle wie z. B. Eifersucht, Neid, Angst usw. in der Kindheit und dann im Erwachsenenalter bewusst zu erleben. Das Kind entwickelt eine Kunst Gefühle nicht erleben zu müssen. Gefühle können nur erlebt werden, wenn eine Person da ist, die das Kind mit seinen Empfindungen annimmt, versteht und begleitet. Das Kind kann seine Gefühle nicht für sich alleine erleben. Es verdrängt sie und will den Verlust der Elternliebe nicht riskieren. Die Mitteilungen des Kindes erreichen nicht die Mutter. Das Kind ist ausgeliefert, kann sich an niemanden werden und ist auf sich alleine gestellt.

Im späteren Leben dieses Menschen werden von ihm unbewusst Situationen geschaffen, in denen diese damals nur im Ansatz vorhandenen Gefühle aufleben können. Der Zusammenhang wird dabei nicht verstanden. Es ist möglich den Sinn dieses „ Spiels“ in einer Psychoanalyse zu entziffern.

Die Mutter des Kindes ist selbst narzisstisch bedürftig und ist auf ein bestimmtes Echo des Kindes angewiesen. Sie macht sich unbewusst das Kind verfügbar. Sie erzieht es, dass es so wird wie sie es gerne hätte. Sie spiegelt sich in seiner Liebe und Bewunderung und fühlt sich im Zentrum der Beachtung. Die Mutter ist auf dieses Verhalten angewiesen.

Sie handelt wie das Kind, dass einst vor ihrer Mutter stand und vergeblich nach Verständnis, Achtung und Aufmerksamkeit suchte. Selbst musste auch sie ihre Gefühle verdrängen, da die Mutter ebenfalls das damalige Kind narzisstisch besetzte. Wenn eine Frau bei ihrer Mutter all die primären Bedürfnisse unterdrücken und verdrängen musste, ist es wahrlich schwer sich von diesem unbewussten Zwang freizumachen. Selbst eine gebildete Frau, die guten Willens ist und weiß was ein Kind braucht, wird nicht ohne weiteres dem Teufelskreis entfliehen können. Bei ihrem eigen Kind regen sich diese unbefriedigten Bedürfnisse aus ihrem Unterbewussten und streben nach Befriedigung, wie einst als Kind. Unbewusst setzt sich also die gleiche Eltern- Kind - Interaktion fort.

4.1 Abwehrmechanismen der Verdrängung

Bei der Abwehr des frühkindlichen Gefühls von Verlassenheit sind viele Mechanismen anzutreffen. Dabei handelt es sich um Verdrängen der ursprünglichen Situation und der dazugehörigen Gefühle. Die Gefühle kommen erst viel später und nur in einer Analyse zum Durchbruch.

1. Das Helfersyndrom

„Ich zerbreche unter der dauernden Verantwortung, denn die Anderen brauchen mich ununterbrochen.

2. Die Umkehr des passiven Leidens in aktives Verhalten

„ Ich muss die Frauen immer wieder verlassen, sobald ich mich unentbehrlich für die fühle“. Hier fügt man anderen Schmerzen zu bevor man sie selbst erleidet.“

3. Verschiebung auf andere Objekte, Introjektion der Drohung von Liebesentzug.

„ Ich muss nur brav sein, den Normen entsprechen, dann riskiere ich nichts“

Die Betroffenen fühlen sich ständig überfordert und glauben, dass sie mehr leisten müssen als andere. Häufig findet man Intellektualisierungen , denn sie bieten einen großen Schutz von großer Verlässlichkeit.

4.2 Das falsche Selbst

Nach D. Winnicott entwickelt der Mensch ein falsches Selbst.

„ Der Mensch entwickelt eine Haltung, in der er nicht nur das zeigt, was von ihm gewünscht wird, sondern so mit den gezeigten verschmilzt, dass man - bis zur Analyse- kaum ahnen würde, wie viel Anderes hinter dem maskierten Selbstverständnis noch in ihm ist.“

Der Mensch lebt so angepasst, lebt nach den Wünschen der Eltern bzw. der Mutter, unterdrückt und verdrängt seine Gefühle und lebt in einem „ falschen Selbst“ .

Das wahre Selbst hat durch die Verdrängung nicht die Möglichkeit sich zu entwickeln, da es auch nicht gelebt werden kann. Das Selbst steht nach Winnicott im Zustand der Nichtkommunikation. Der Mensch kommuniziert nicht mit seinem Selbst. Er verdrängt seine Gefühle, nimmt sie nicht wahr und verleugnet sie.

Kinder greifen ihre Gefühle in Träumen bzw. Alpträumen auf. Ein Patient Miller träumt:

„Ich sehe eine grüne Wiese und darauf einen weißen Sarg stehen. Ich habe Angst, dass meine Mutter darin liegt, aber ich öffne den Deckel und zum Glück ist es nicht meine Mutter, sondern ich.“

Der Patient ist innerlich gestorben. Seine Gefühle wurden von der Mutter „getötet“. Hätte er seine Gefühle der Enttäuschung leben dürfen, wäre er lebendig geblieben. Aber das hätte zum Liebesentzug der Mutter geführt, was für ein Kind mit Objektentzug und Tötung gleichbedeutend ist. Das Kind tötet seine Gefühle, sein Selbst kann sich nicht entwickeln und ein Teil seiner Seele verkümmert. Damit erhält sich Kind das Selbstobjekt der Mutter.

4.3 Die Permanenz der Bindung zwischen Kindern und Eltern

Das Kind kann aufgrund der Verdrängung der eigenen Gefühlen keine eigenen Strukturen aufbauen. Es kann sich nicht auf seine Gefühle verlassen und hat keine Erfahrungen im Sinne von Trial and Error gemacht. Es kennt seine wahren Bedürfnisse nicht und steht mit sich im Zustand der Nichtkommunikation und kennt sein wahres Ich nicht. Das Kind lebt als Introjekt der Eltern, muss sein eigenes Selbst verstecken und ist von den Eltern abhängig.

Die Eltern haben im falschen Selbst des Kindes die gesuchte Bestätigung gefunden, die sie einst als Kind von ihren Eltern nicht bekamen. Die narzisstische Besetzung der Mutter schließt eine affektive Bindung nicht aus. Das Kind wird als Selbstobjekt der Mutter sehr geliebt aber nicht in dem Maße wie es das Kind braucht. Sondern die Mutter gebraucht das Kind und nicht umgekehrt. Für die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten ist das kein Hindernis, wohl aber für die Entfaltung des Gefühlslebens.

Die Eltern- Kind -Interaktion stellt ein Teufelkreis dar aus den kein Entfliehen möglich ist. Hier kann nach Miller nur eine Psychoanalyse zum Ausbruch verhelfen.

5 Auf der Suche nach dem wahren Selbst

Mit Hilfe der Psychoanalyse kann ein Mensch es schaffen den Teufelskreis zu durchbrechen. Das erleben der eigenen Wahrheit und das postambivalente Wissen um sie, ermöglicht dem Patient die Rückkehr zur eigenen Gefühlswelt. Die narzisstisch gestörten Patienten kommen zu der Einsicht, dass die Liebe, die sie sich mit so viel Aufwand erobert haben nicht dem galt, der sie in Wirklichkeit waren. Die Bewunderung galt ihren Leistungen und nicht dem Kind das es eigentlich war. Die Eltern definierten das Kind über seine Leistungen und Qualitäten und nicht seiner selbst. Diese Erkenntnis ist mit viel Schmerz und Trauer verbunden eröffnet aber gleichzeitig einen neue Sichtweise. Die Manifestationen des eigenen Selbst werden nun nicht mehr bagatellisiert .

5.1 Größenphantasien

Dann wagen sich auch die bisher abgespaltenen, weil verurteilten Größenphantasien hervor, und ihr Zusammenhang mit den frustrierenden und verdrängten Bedürfnissen nach Beachtung, Respekt, Verständnis, Echo und Spiegelung wird deutlich.

Im Kern dieser Phantasien stehen Wünsche die sich der Patient früher nie eingestanden hat und vielleicht noch nicht befähigt dazu war.

1. Ich stehe im Zentrum. Ich darf meine Eltern gebrachen. Sie stecken für mich ihre Bedürfnisse zurück.
2. Meine Eltern nehmen meine Gefühle ernst, versuchen mich zu verstehen und lachen mich nicht aus.
3. Meine Eltern sind nicht auf meine Leistungen angewiesen. Sie brauchen mein Trost und meine Aufmerksamkeit nicht. Ich darf meine Gefühle erleben und ausdrücken. Ich muss meine Empfindungen nicht nach den Bedürfnissen Anderer unterdrücken. Ich darf leben ohne Angst haben zu müssen meine Eltern zu verlieren.

Wenn man die Größenphantasien als entfremdete Form der echten Bedürfnisse erlebt und versteht, kann die Spaltung aufgehoben werden und die Integration erfolgen.

5.2 Chronologischer Wertegang der Psychoanalyse

5.2.1 Anfangsphase: Die eigenen Gefühle wahrnehmen

Der Patient wird ernstgenommen und ist erleichtert, dass man sein Inneres wahrnimmt ohne ihn abzuwürgen. Der Psychoanalytiker verhilft ihm dazu wahrzunehmen wie er seine Gefühle zu ironisieren und bagatellisieren versucht. Allmählich registriert der Patient seine Verdrängungstaktik, wie er selbst Zerstreuung sucht, wenn er bewegt, traurig oder erschüttert ist. Der Patient ist viel freier. Dank der Hilfs - Ich- Funktion des Analytikers bekommt er mehr von sich zu spüren, wenn ein Teil seiner gegenwärtigen Gefühle in der Stunde gelebt und ernstgenommen wird.

5.2.2 Analytiker wird zur Übertragungsfigur

Dem Analytiker wird die Übertragungsfunktion zugeteilt, d.h. der Patient ist auf den Analytiker angewiesen und kann sich noch nicht auf seine eigenen Gefühle verlassen. Der Patient artikuliert sich, bricht mit seiner Fügsamkeit. Er inszeniert aus dem Wiederholungszwang heraus Situationen, in denen er die Angst vor Objektverlust, vor Ablehnung, vor Isolierung auch real erleben muss und den Analytiker mit hineinzieht. Er übernimmt die Funktion der ablehnenden oder fordernden Mutter. Der Patient erlebt Befreiung, dass er das Risiko aushalten und zu selbst stehen konnte.

Er wird von Gefühlen überrascht, die man am liebsten verdrängt hätte, aber es ist zu spät. Das Sensorium der eigenen Gefühle ist freigelegt und es gibt kein zurück. Der Patient fordert die Aufmerksamkeit des Psychoanalytikers in besonderem Maße. Er entwickelt Eifersuchtsgefühle auf andere Patienten. Allmählich registriert er das Aufleben seiner Introjekte, er ist entsetzt, wenn er feststellt, dass er „ in den Kleidern seiner Mutter“ gewütet hat. Das Aufleben der Introjekte und die Auseinandersetzung bilden den Kern der Analyse.

5.2.3 Amivalenz gegenüber der Mutter

Durch die Auseinandersetzung mit den erlebten früheren Gefühlen wird der Patient immer stärker. Dies befähigt ihn, sich Gefühlen der ganz frühen Kindheit auszusetzen und die Hilflosigkeit und Ambivalenz zu erleben. Er erlebt die ganze Ambivalenz seiner Mutter gegenüber. Das Bild der Mutter wird aus anderen Augen betrachtet und er stellt fest, dass sie dem Kind keine Kontinuität in der Beziehung gegen konnte. In diesem Stadium der Analyse werden frühe Gefühle der Ohnmacht, der Wut und des Ausgeliefert seins an das geliebte Objekt erlebt, wie sie früher nie hätten erinnert werden können. Die Gefühle werden jetzt zu ersten Mal bewusst erlebt. Der Patient steht in Kommunikation mit seinem Selbst.

Hinter dam falschen Selbst versteckt sich kein wahres Selbst. In einem solchen Fall gäbe es keine narzisstische Störung, sonder ein bewusstes sich schützen. Das Kind jedoch ahnt nicht was es versteckt. Ein erwachsener Mensch ist auch dann nur befähigt seine Gefühle zu erleben, wenn er über ein empathisches Selbstobjekt verfügt. Menschen mit narzisstischer Störung können nicht von Gefühlen überrascht erden, denn es werden nur solche Empfindungen wahrgenommen, die die Erbin der Eltern zulässt. Die Depression ist die Folge. Das wahre Selbst ist in einem unentwickelten Zustand geblieben - in einem inneren Gefängnis.

Nach der Befreiung in der Analyse fängt das Selbst an sich zu artikulieren. Es wächst und seine Kreativität beginnt sich zu entwickeln. Nach Miller handelt es sich hier um eine „ Heinfindung“.

5.2.4 Trennung

Die Trennung des Analytikers beginnt, wenn der Analysand eine stabile Fähigkeit zu trauern erworben hat.. Er ist nicht mehr auf den Analytiker angewiesen und kann sich mit Gefühlen aus der Kindheit auseinandersetzen, ohne auf den Analytiker angewiesen zu sein.

6 Die Situation des Psychoanalytikers

Man hört oft die Behauptung, dass Psychoanalytiker selbst Opfer einer narzisstischen Störung sind. Diese Tatsachen resultieren aus erfahrenen Tatsachen als auch aus der Art der Begabung. Seine Sensibilität, seine Fähigkeit zur Einfühlung, zu intensiven und differenzierten Gefühlen, seine übermäßige Ausstattung mit Antennen prädestinieren ihn geradezu dazu, als Kind von narzisstisch Bedürftigen gebraucht - wenn nicht missbraucht zu werden.

Natürlich gibt es auch narzisstisch gesund entwickelte Menschen. Es ist aber kaum anzunehmen, dass sie später den Beruf des Psychoanalytikers wählen würden. Es ist fraglich, ob diese Menschen das geeignete Sensorium für den Anderen in dem Maße ausbilden und entwickeln könnten, ohne es selbst in einer Form erlebt und erfahren zu haben. So ist es meist das Schicksal als auch die Begabung die den Psychoanalytiker befähigt.

Dabei ist es wichtig, dass der Analytiker seine Trauer über die Nichtverfügbarkeit der Eltern für seine primären narzisstischen Bedürfnisse erlebt hat. Hat der Psychoanalytiker seine Verzweiflung nicht durchlebt, so kann es dazu führen dass er unbewusst sich seine Patienten verfügbar macht. Wen würde es wundern, wenn diese unbewusste Wut keinen anderen Weg dazu finden würde, als wiederum ein schwächeres Wesen dazu zu benutzen, es sich an Stelle der Eltern verfügbar zu machen? Ebenso wie die Kinder von den Eltern sind die Patienten von ihrem Analytiker abhängig. Er übernimmt eine wichtige Position ein ( Übertragungsfigur). Der Analytiker würde die gleich Art der Manipulation ausüben wie damals die Eltern des Patienten. Die Autonomie und die „ als - ob Befreiung“ würde wieder in einer Depression münden und der Teufelskreis würde wieder geschlossen werden.

In der heutigen psychoanalytischen Behandlungsmethode spielt die Beziehung zwischen Therapeut und Patient eine große Rolle. Es gilt nicht nur, Einsicht in zurückliegende Konfliktzusammenhänge zu gewinnen, sondern das Beziehungsgeschehen im Hier und Jetzt zwischen Analytiker und Analysanden zu beobachten und widerzuspiegeln.

7 Literatur

- Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes, Frankfurt 1979
- Bründel, Hurrelmann: Einführung in die Kindheitsforschung, Weinheim 1996

Details

Seiten
14
Jahr
2002
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106858
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
Schlagworte
Alice Miller Drama Narzissmus Kind Erziehung Pädagogik Eltern Kind Interaktion

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