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Sind wir ein Volk? - Deutsche Ausländer zwischen Marginalisierung und Integration

Hausarbeit 2002 34 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Historische Entwicklung der Arbeitsmigration in der Bundesrepublik Deutschland

3. Hypothesen

4. Integration, Marginalisierung und Segregation
4.1 Über den Fremden
4.2 Integration und ihre Dimensionen
4.2.1 Soziale Integration
4.2.2 Strukturelle Integration
4.2.3 Kulturelle und subjektive Integration
4.3 Segregation
4 . 4 Stadt und Integration
4.4.1 Strukturelle Segregation am Beispiel der Dortmunder Nordstadt

5. Methodische Vorgehensweise
5.1 Interview
5.1.1 Fragebogen als Sonderform des Interviews
5.1.1.1 Erstellung eines Fragebogens
5.1.1.2 Der Pretest
5.1.1.3 Erläuterungen zum Pretest-Fragebogen
5.1.1.4 Durchführung des Pretests
5.1.1.5 Veränderungen für die Hauptbefragung
5.1.1.6 Ergebnisse
5.1.2 Experteninterview
5.1.3 Narratives Interview
5.2 Literaturrecherche
5.3 Ortserkundung
5.3.1 Dortmund - Borsigplatz
5.3.2 Dortmund - Brackel
5.4 Raumbeobachtung

6. Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

8. Tabellenverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

10. Abkürzungsverzeichnis

11. Anhang
11.1 Ergebnisprotokoll des narrativen Interviews
11.2 Ergebnisprotokoll Experteninterview
11.3 Pretest-Version des Fragebogens

10.2 Korrigierte Version des Fragebogens:
10.3 Beobachtungsprotokoll

1. Einleitung

Wie der Titel der Arbeit bereits andeutet, soll im weiteren Verlauf der Frage nachgegangen werden, ob die in Deutschland lebenden Ausländer integrierter Bestandteil der Gesellschaft sind. Diese Frage scheint auch fünf Jahrzehnte nach der Immigration der ersten Ausländer nach Deutschland an Aktualität nichts eingebüßt zu haben und hat nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass ich einerseits in einem Stadtteil mit hohem ausländischen Bevölkerungsanteil lebe, andererseits auch durch den Umstand, dass meine Mutter Mitte der 60er Jahre aus Griechenland nach Deutschland kam, mein persönliches Interesse geweckt.

Um die Entwicklung der Immigration in die BRD besser nachvollziehen zu können wird im Kapitel 2 zunächst einmal ein historischer Abriss dieser Entwicklung vorge- nommen.

Zur weitergehenden Beantwortung der Integrationsfrage wird die Hypothese, dass „weder eine normative, noch ökonomische oder persönlich-rechtliche Integration“ stattgefunden hat mit Hilfe der im Rahmen der Untersuchung angewandten Metho- den auf ihre Richtigkeit hin untersucht. Es wird Bezug auf die räumliche Relevanz des Themas genommen und zwar dahingehend, dass einerseits eine räumliche Ab- grenzung bzw. Fokussierung auf den Bereich der Großstadt im Allgemeinen und auf zwei Stadtbezirke der Stadt Dortmund im Speziellen vorgenommen wird. Dies ge- schieht, da gerade der städtische Raum als „Integrationsmaschine“ (vgl. Heitmeyer, 2000: S.9, zit. n. Häußermann, 1995) bei der normativen, persönlich-rechtlichen und bei der ökonomischen Integration eine enorm wichtige Rolle spielt, zumal der Anteil an ausländischer Bevölkerung gerade in den Großstädten und Ballungsräumen we- sentlich höher ist, als es im ländlichen Raum der Fall ist (vgl. Bremer, 2000: S. 160 f.). Des Weiteren wird es wohl notwendig sein, eine genaue Definition der zentralen Begrifflichkeiten vorzunehmen, wozu auch eine theoretische Auseinandersetzung mit der Thematik der Integration gehört.

Aus den gewonnenen Erkenntnissen sollen dann abschließende Schlussfolgerungen gezogen werden.

2. Die Historische Entwicklung der Arbeitsmigration in der Bundesrepublik Deutschland

Mitte der 50er Jahre kamen die ersten ausländischen Arbeitnehmer in die Bundesrepublik Deutschland. Ein erster Anwerbevertrag wurde 1955 mit der italienischen Regierung geschlossen (vgl. V. Mc Rae, 1980: S. 11). Zunächst war die Zahl der italienischen Saisonarbeiter relativ klein, erfuhr aber 1959 einen steilen Anstieg, der sich aus der Tatsache erklären lässt, dass nach 1959 innerhalb von drei Jahren die Zahl der deutschen Arbeitslosen auf einen Wert sank, der Vollbeschäftigung bedeutete, so dass der Bedarf an Arbeitskräften stetig größer wurde.

Dieser Bedarf konnte zum Teil bis 1961 noch mit Zuwanderern aus der DDR gedeckt werden, die seit 1959 in die BRD immigriert waren. Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 und der darauf folgenden Absperrung der gesamten deutsch- deutschen Grenze versiegte dieser Zustrom, so dass der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften einen weiteren Anstieg erfuhr (vgl. U. Herbert, 1986: S. 194 f.)

Im Oktober 1961 wurde eine Anwerbevereinbarung mit der Türkei getroffen und im Frühjahr 1962 eine erste Vereinbarung mit Griechenland aus dem Jahre 1960 über- arbeitet. Zwischen 1961 und 1966 stieg die Gesamtzahl der ausländischen Arbeiter kontinuierlich auf 1,31 Millionen (vgl. K. Bade, 1994: S.65). Die größten Kontingente stellten dabei Italien und Jugoslawien, gefolgt von Griechenland und Spanien. Die Anzahl der türkischen Gastarbeiter war zu dem Zeitpunkt noch verhältnismäßig klein. Die Unterbringung der Arbeiter erfolgte damals oft in Massenquartieren, Lagern und Wohnheimen. Dieser Umstand ist zum einen durch die allgemein angespannte Wohnsituation, die zu dieser Zeit herrschte, zum anderen anhand der Tatsache zu erklären, dass die Ausländer für Mieten und Konsumausgaben nur sehr wenig Geld veranschlagten. Vielmehr wurden die erwirtschafteten Einkünfte zum Erwerb von Immobilien und für Geschäftskäufe im Heimatland genutzt, was damit zusammen- hängt, dass die meisten ausländischen Arbeiter der ersten Generation sich selbst als „Gastarbeiter“ verstanden, die nach einer gewissen Zeit der Erwerbstätigkeit im Aus- land wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Somit dienten diese Investitionen der Exis- tenzsicherung für das Leben nach der Rückkehr in die Entsendeländer (vgl. K. Bade, 1992: S. 81).

Diese Einstellung zum zeitlich beschränkten Aufenthalt ging auch mit der Auffassung der damaligen Regierung konform, die in den Arbeitsimmigranten einen Puffer an Arbeitskräften sahen, der sich zum einen durch die marktwirtschaftliche Verknap- pung der Arbeitsplätze und der sich daraus ergebenden Stagnation der Einwande- rung von Arbeit suchenden Ausländern, zum anderen durch die Remigration, also die Rückkehr in die Heimatländer der arbeitslosen Fremdarbeiter, die teilweise durch finanzielle Anreize unterstützt wurde, relativ unproblematisch aufzulösen schien.

So kehrten denn auch in den Jahren 1966/67 viele der Migranten wieder in ihre Hei- mat zurück, als sich aufgrund der eingetreten Rezession und der damit verbundenen Verdreifachung der Arbeitslosenzahlen eine Verschlechterung der Arbeitsmarktsitua- tion sowohl für die deutsche, als auch für die ausländische Bevölkerung einstellte.

In den Jahren zwischen 1968 und 1973 kam es zu einem regelrechten Gastarbeiter- boom. Dieser basierte darauf, dass sich nach der bereits erwähnten Periode des wirtschaftlichen Abschwungs der Vorjahre die konjunkturelle Situation derart verbes- serte, dass erneut ein großer Bedarf an zusätzlicher Arbeitskraft aus dem Ausland entstand. Daher stieg die Zahl der Einwanderungen wieder rapide an.

So erreichte 1971 die Zahl der in der BRD lebenden Ausländer mit über 2,5 Millionen einen neuen Höchststand, dem man mit der Verhängung eines Anwerbestopps ent- gegenzutreten versuchte, als sich 1973 im Rahmen der ersten Ölkrise eine erneute Verschlechterung der Wirtschaftslage abzuzeichnen begann. Dies bewirkte dann zwar einen Rückgang der ausländischen Beschäftigten um fast 25 Prozent, doch stellte sich ein so genannter „Klebeeffekt“ ein, da die erhoffte Rückwanderung aus- ländischer Arbeitnehmer nicht in dem gewünschten Maße eintrat, was einerseits da- durch zu erklären ist, dass sich aufgrund der an sich höheren Zahl der ausländischen Bevölkerung ein höherer Prozentsatz an Verbleibewilligen ergeben hatte. Zum ande- ren stellte sich aufgrund von Lohnnachschlägen eine immer größer werdende soziale und wirtschaftliche Diskrepanz zwischen Entsende- und Gastland ein, die die Gast- arbeiter immer weniger zur Remigration in ihr Heimatland veranlasste (vgl. H. Korte; A. Schmidt, 1983: S. 17 f.) . Dieses Faktum galt für alle Nationalitätengruppen, jedoch waren die Türken, die mittlerweile die stärkste ausländische Bevölkerungsgruppe darstellten, in besonderem Maße davon betroffen.

Hinzu kam, dass aufgrund der eingeschränkten Ein- und Ausreisemöglichkeiten da- mit begonnen wurde, die sich noch im Ausland befindlichen Familienangehörigen nachzuholen, so dass der Anwerbestopp im Endeffekt eine eher gegenteilige Wir- kung zeigte, da das Bewusstsein, dass eine Rückkehr in die Heimat von definitiver Natur sein würde und nicht mehr durch eine erneute Anwerbung rückgängig zu ma- chen war, die Fremdarbeiter zur Familienzusammenführung in der Bundesrepublik bewog. Aus Gastarbeitern wurden nunmehr ausländische Arbeitnehmer, die in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen versuchten (vgl. L. Diekamp, 1983: S. 101).

Diese Entwicklung bewirkte einen weiteren Anstieg der ausländischen Bevölkerung seit Mitte der siebziger bis Anfang der achtziger Jahre (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Zahl der Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland 1977-1981 und Zunahme (+) / Abnahme (-) im jeweiligen Jahr

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: H. Korte, A. Schmidt, 1983: Migration und ihre sozialen Folgen, Hannover, S. 22)

Oben aufgeführte Tabelle bestätigt den Anstieg der absoluten Zahl der ausländi- schen Bevölkerung. Sie betrug im Jahre 1977 3.948.278 und stieg bis 1981 auf 4.629.779. Betrachtet man die jährlichen Steigerungsraten der weiblichen ausländi- schen Wohnbevölkerung, so kann man einen kontinuierlichen Anstieg beobachten, während die jährliche Zunahme der Kinder unter 16 Jahren zwar einen nicht stetigen Zuwachs erfährt, allerdings ein starker Anstieg der Zahl von 1977 bis 1981 erkennbar ist. Beide Tatsachen bestätigen den oben genannten Trend zur Familienzusammen- führung und Existenzgründung in der Bundesrepublik Deutschland.

Um einer weiteren Zunahme der ausländischen Bevölkerung in einer Zeit der wirt- schaftlichen Rezession entgegenzuwirken, versuchte die Bundesregierung mittels des so genannten Rückkehrförderungsgesetzes die Rückkehrbereitschaft von Aus- ländern zu fördern. Infolge dessen verließen zwischen dem 31. Oktober 1983 und dem 30. September 1984 zahlreiche Ausländer, vor allem Türken, die BRD. „ In den Jahren 1981 bis einschließlich 1984 kehrten 471.614 Türken in die Türkei zurück, wobei fast die Hälfte der Fortzüge im letztgenannten Jahr stattfanden. Die Rückkehr- quote erreichte nahezu 15 %“ (F. Sen, C. Akkaya, Y. Özbek 1998: S. 306).

In den darauf folgenden Jahren stellte sich die Zahl der türkischen Rückkehrer auf durchschnittlich 40.000 - 45.000 pro Jahr ein. Das entspricht in etwa einem Prozent- satz von 2,3 %, so dass man sagen kann, „dass die Remigrationsprozesse der 80er Jahre heute als abgeschlossen betrachtet werden können“ (F. Sen, C. Akkaya, Y. Özbek, 1998: S. 306).

Die Tatsache, dass mittlerweile die dritte Generation von Ausländern in Deutschland aufwächst, lässt erkennen, dass es sich bei den Migranten nicht mehr um Gastarbeiter handelt, die nach einer gewissen Zeit der Erwerbstätigkeit wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Vielmehr stellen sie einen Bestandteil unserer Gesellschaft dar und sollten entsprechend ihres Status eine stärkere Beachtung und Einbindung erfahren. Dies gilt insbesondere für die Mitglieder der Drittstaaten, die, anders als die Bürger der Europäischen Union, durch Einschränkungen der politischen Partizipation eine starke Benachteiligung widerfahren, indem ihnen das Recht auf Selbstbestimmung, wenigstens auf kommunaler Ebene, verwährt bleibt.

3. Hypothesen

Im Rahmen der weiteren Arbeit sollen folgende Hypothesen untersucht und auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden:

Eine strukturelle Integration im Sinne der Definition findet nicht statt.

In diesem Zusammenhang wird eine gründlichere Auseinandersetzung mit dem In- tegrationsbegriff notwendig. Dies soll, wie eingangs erwähnt im Kapitel. 4 gesche- hen. Um einerseits die Hypothese auf ihre Stichhaltigkeit besser untersuchen zu können, vor allem aber auch augrund der Tatsache, dass gerade der urbane Raum aufgrund seiner besonderen Gegebenheiten in Bezug auf die Integrationsproblematik einer vornehmlichen Untersuchung erfordert, wird es notwendig sein, eine räumliche Abgrenzung vorzunehmen, so dass im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit auf zwei Stadtbezirke der Stadt Dortmund abgestellt wird, wobei der Stadtbezirk Innenstadt- Nord als repräsentativ für einen Stadtbezirk mit hohem ausländischen Bevölkerungs- anteil gelten soll, während der Stadtbezirk Brackel als eher ländlich zu bezeichnen- der Stadtteil eine eher niedrige ausländische Bevölkerungsrate aufzuweisen hat. Dies wird deutlich, wenn man sich die Abbildung 1 anschaut, die den Ausländeranteil in den Dortmunder Stadtbezirken am 31.12.2000 veranschaulicht.

Abb. 1: Ausländeranteil in den Stadtbezirken

Abbildung 1: Ausländer in den Stadtbezirken

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Stadt Dortmund, Amt für Statistik und Wahlen 2001, S. 7)

Des Weiteren soll geklärt werden, ob und, wenn ja, bis zu welchem Grad das Prob- lem der strukturellen Marginalisierung sich auf die soziale Integration der Ausländer auswirkt.

Zu diesem Zweck wird eine weitere Hypothese aufgestellt, die es gegebenenfalls zu verifizieren gilt:

Eine soziale Integration wird aufgrund der strukturellen Marginalisierung er- schwert.

Was der Leser unter sozialer Integration und was er unter struktureller Marginalisierung zu verstehen hat, wird in den folgenden Kapitel näher erläutert.

4. Integration, Marginalisierung und Segregation

In diesem Kapitel sollen die „Integration“, „Marginalisierung“ und „Segregation“ als wesentliche Begriffe der Arbeit eingegrenzt und näher definiert werden. Zuvor möchte ich jedoch auf die Ausführungen von Georg Simmel und Alfred Schütz und deren Verständnis des „Fremden“ näher eingehen, um somit die ursächlichen Konflikte zwischen den Immigranten und der Mehrheitsgesellschaft zu verdeutlichen.

4.1 Über den Fremden

Für Simmel ist der Fremde „nicht [...] der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern [...] der, der heute kommt und morgen bleibt“ (vgl. Simmel, 1908: S. 685). Demnach ein Besucher in einer Gesellschaft nicht als Fremder im soziologischen Sinne zu betrachten, da er nur temporär in die Gesellschaftsstruktur eindringt. Erst indem eine Person die Gesellschaft nicht nur besucht, sondern längerfristig zu einem Teil dieser wird, wird sie zu einem Fremden.

Der Fremde zeichnet sich durch ein gewisses Maß von Nähe und ein gewisses Maß von Ferne aus (vgl. Simmel, 1908: S. 691). Er ist innerhalb eines bestimmten Umkreises fixiert, gehört aber nicht von vornherein in diesen hinein (Simmel, 1908: S. 685). Somit wird der Fremde zum Bestandteil der Gesellschaft in Form der Mitgliedschaft der Out-Group, die komplementär zur In-Group, der Gruppe der Mehrheitsgesellschaft zu sehen ist. Alleine schon durch diese Kategorisierung in die Out-Group, zeigt sich, dass der Fremde „Element der Gruppe selbst [,] [...] zugleich ein Außerhalb und gegenüber“ ist (vgl. Simmel, 1908: S. 686).

Simmel definiert jegliche Beziehung zwischen Menschen dadurch, dass sie aus den Faktoren Nähe und Entferntheit besteht und somit ein distanziertes Verhältnis besteht, wenn das Ferne nach und das Nahe fern ist (vgl. Simmel, 1908: S 685). Abgesehen von der räumlichen Nähe bedarf es einer Nähe im Soziologischen Sinne, um den Fernen als nah zu bezeichnen, was nur durch Interaktionen zwischen dem Fremden und der Gesellschaft erreicht wird.

Alfred Schütz bestätigt Simmels Auffassung über den „Fremden“ im Sinne eines dauerhaften soziologischen Verhältnisses. Für ihn ist der Fremde ein „schockieren- der Eindringling, der sich nur durch völlige Neuordnung seines persönlichen Rele- vanzsystems in die neue Struktur zu integrieren vermag“ (Nassehi, 1997: S. 445). Somit ist der Fremde zunächst einmal ein nicht integriertes Objekt, welches selbst mit etwas Fremdartigen, sprich mit seiner neuen gesellschaftlichen Umgebung kon- frontiert wird. Er ist es, der sich mit der autochthonen Gesellschaft auseinander zu setzen hat und nicht umgekehrt. Somit wird laut Schütz der Status des Fremden dar- an gemessen, ob ihm die Aufnahme in die In-Group der einheimischen Gesellschaft gelingt, oder ob er der „kulturelle Bastard“ an der Grenze von zwei verschiedenen Mustern des Gruppenlebens bleibt (vgl. Nassehi, 1997: S. 445).

Betrachtet man diese Ausführungen, so wird schnell ersichtlich, dass es sich bei der Integrationsfrage um eine doppelte Frage handelt. Zum einen um die der Mehrheitsgesellschaft selbst, zum anderen um die der Minderheiten. Ferner geht man heute dazu über, nicht von einer Integration in die, sondern von einer Integration der Gesellschaft zu sprechen (vgl. Göschel, Schuleri-Hartje, 2002: S. 2), was wiederum die oben angeführten Thesen bestätigt, die ja vom „Fremden“ als Teil der Gesellschaft in Gestalt der Out-Group sprechen.

4.2 Integration und ihre Dimensionen

In der soziologischen Theorie wird mit der Frage nach dem Ausmaß und der Art von Integration einer Gesellschaft die Frage danach gestellt, was eine Gesellschaft zu- sammenhält, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, dass die Gesellschaf- ten trotz der Individualität ihrer Mitglieder und der Heterogenität sozialer Gruppen, trotz struktureller Ungleichheit, ungleicher Machtverteilung und unterschiedlicher In- teressen stabil bleiben, oder umgekehrt, unter welchen Bedingungen sie instabil werden. Der Begriff der Integration bezieht sich also nicht einzig und alleine auf Probleme der Integration ethnischer Minderheiten, sondern generell auf die Integration verschieden strukturierter Interessen und Gruppen zu einem mehr oder weniger geschlossenen System.

Integration kann als mehrdimensionaler Begriff verstanden werden, dem der Begriff der Marginalität bzw. Marginalisierung komplementär ist. Dabei sind Integration und Marginalisierung nicht nur als Gegensatzpaar zu betrachten, sondern auch als Merkmale, die das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit strukturell, sozial, kulturell und subjektbezogen charakterisieren.

4.2.1 Soziale Integration

„Soziale Integration wird im Allgemeinen über die Sicherstellung zweier zentraler Be- dingungen definiert. Zum einen geschieht dies über die Teilhabe an materiellen und kulturellen Gütern eines Kollektivs, zum anderen über das Vorliegen eines spezifi- schen subjektiven Zugehörigkeitsverständnisses zu einem sozialen Kollektiv“ (Bre- mer, 2000: S. 45) In diesem Zusammenhang treten zwei Thesen in Erscheinung: Zum einen die Deprivationsthese, die sich als subjektiv empfundener Grad von Be- nachteiligung, gemessen an den je eigenen Erwartungen oder Vergleich mit anderen Personen bzw. sozialen Vergleichsgruppen (vgl. Bremer 2000: S. 33) verstehen lässt, zum anderen die Verunsicherungsthese, die als Ergebnis gesellschaftlichen Wandels und Individualisierungsprozessen und der daraus folgenden Verunsicherung von vorwiegend (männlichen) Jugendlichen zu sehen ist (vgl. Bremer ebd.). Beiden Thesen gemein ist die Tatsache, dass ohne hinreichende Teilhabechancen, wie fehlende oder unzureichende Zugänge zu den wirtschaftlichen Zugangssystemen (Arbeits-, Wohnung-, Konsummärkte), sowie ohne sozialen Rückhalt, sprich soziale Aufmerksamkeit, keine soziale Anerkennung möglich ist und somit in beiden Fällen sozioökonomische oder sozio-emotionale Defizitstrukturen zu Anerkennungsverletzung und folglich zu einem Mangel an sozialer Integration führen (vgl. Bremer, 2000: S. 45).

Bernhard Peters definiert soziale Integration weiter als die „gelungene Lösung für drei Arten von Problemen, ohne deren Bewältigung soziale Lebenszusammenhänge sich nicht störungsarm reproduzieren lassen“ (Bremer, 2000: S. 46).

Bei den Problemen handelt es sich um

- das Problem der Orientierung in der objektiven Wirklichkeit und die Koordina- tion der äußeren Handlung, mit denen zweckmäßige Eingriffe in die objektive Welt erfolgreich durchgeführt werden,
- das Problem der Interpretation der Bedürfnisse der Mitglieder der sozialen Einheiten, insbesondere um die Stiftung affektiver Beziehung zwischen ihnen und die Ausbildung individueller wie kollektiver Identitäten sowie
- die Entwicklung von Kriterien und Verfahren, mittels derer konfligierende An- sprüche ausgeglichen werden können, ohne das Wohl und die Integrität aller Betroffenen zu verletzen.

Diese drei sozialen Grundprobleme lassen sich nach grundlegenden Problemdimensionen differenzieren, insofern jeweils strukturelle, institutionelle und sozioemotionale Aspekte einer Lösung zugeführt werden sollen.

Um soziale Integration auch als gesellschaftliche Integration im Sinne der Fragestel- lung verstehen zu können, wird im folgenden eine leicht abgewandelte Betrach- tungsweise eingeführt, die sich insofern unterscheidet, als dass sie mit der strukturel- len Problemdimension auf die Gewährleistung der Teilhabe an den gesellschaftlich produzierten Gütern, auf institutioneller Ebene einerseits auf die Sicherstellung eines Ausgleichs konfligierender Interessen unter Einhaltung von Grundprinzipien, die von allen als fair und gerecht bewertet werden können und die prinzipielle moralische Gleichwertigkeit des „Gegners“ anerkennen, andererseits um die Sicherstellung aus- reichender Partizipationschancen zur Teilnahme an öffentlichen und diskursiven Aus- einandersetzungen bei der Festlegung bzw. Änderung entsprechender Verfahren und auf sozio-emotionaler Ebene auf die expressive Integration, die konstitutiv für die Entwicklung individueller und kollektiver Identität und sozialen Rückhalt (in Familien, peer-groups, Vereinen, Nachbarschaften etc.) ist, abstellt (vgl. Bremer, ebd.).

Insofern besteht ein Hauptmerkmal von Integration im gleichberechtigten Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit. Marginalisierung bezeichnet den Prozess der Ausgrenzung der Minderheiten aus den Institutionen, aus den sozialen und kulturellen Bezügen der Mehrheit, verbunden mit der Entwicklung ethnisch definierter Unterschichten. Somit ist der Integrationsbegriff einer, der sich weiterhin auf verschiedenen Ebenen definitorisch zwischen

- normativer,
- ökonomischer und
- politisch-rechtlicher

Integration unterscheiden lässt. Diese drei Dimensionen von Integration korrespon- dieren mit den Definitionen der Stadt, die als „Integrationsmaschine“ auf diesen Ebenen beschrieben wird (Göschel, Schuleri, 2002: S. 2 zit. n. Häußermann, 1995: S.89f.). Aus diesem Grunde wird im Folgenden die Integrationsproblematik im räumlichen Kontext der Großstadt näher eruiert werden.

4.2.2 Strukturelle Integration

Unter strukturelle Integration versteht man die dem jeweiligen Bevölkerungsanteil entsprechende gleichberechtigte Teilhabe der Minderheiten an den Institutionen, den jeweiligen Hierarchiestufen und an den Gütern der Gesellschaft. Strukturelle Margi nalisierung wird durch Mechanismen und Regeln der Gesellschaft bewirkt, die sich unabhängig von Einzelpersonen durchsetzen.

Diese recht knapp gefasste Definition der strukturellen Integration soll keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit erheben, kann jedoch dem Leser einen durchaus verständlichen Eindruck von dem liefern, was unter diesem Terminus zu verstehen ist, so dass im weiteren Verlauf dieser Arbeit von diesem ohne weiterführende Erklärungen Gebrauch genommen werden kann.

4.2.3 Kulturelle und subjektive Integration

Da ich mich weiterhin zwecks Untersuchung der oben aufgestellten Hypothesen schwerpunktmäßig auf die soziale und strukturelle Integrationsproblematik konzent- rieren möchte, sollen in diesem Abschnitt die verbleibenden Dimensionen der Integ- ration definiert werden, ohne im weiteren Verlauf darauf besonderen Bezug zu neh- men.

Kulturelle Integration beschreibt die Gleichberechtigung verschiedener - z.B. ethni- scher, regionaler oder nationaler - Kulturen in sozialen Beziehungen und Institutio- nen.

Subjektive Integration nimmt Bezug auf die Ebene persönlicher Orientierungen und Identifikationsprozesse. Beispiele dafür sind: Erreichung eines psychosozialen „Gleichgewichts“ durch Identitätsfindung; Orientierung an der Gegenwart, d.h. dem Leben in der Mehrheitsgesellschaft, ohne Verleugnung der Herkunft.

Der Integrationsbegriff zur Beschreibung und Erklärung des Integrationsprozesses ist dynamisch und lässt deshalb keine eindeutige Definition zu (vgl. R. Bendit et al. 1988: S. 8 ff.).

4.3 Segregation

Ein weiterer zentraler Begriff in der Diskussion der Integrationsproblematik ist der der Segregation, welcher wie folgt definiert wird:

„Segregation ist die Projektion sozialer Struktur auf den Raum. Sie bezeichnet die empirische Tatsache, dass die sozialen Gruppen sich nicht gleichmäßig etwa über das Gebiet einer Stadt verteilen, sondern sich in bestimmten Räumen und zu be- stimmten Zeiten konzentrieren. Jede soziale Gruppe hat ihre typischen Wohn-, Ar- beits- und Freizeitorte. So definiert ist Segregation ein universelles Phänomen. Seit es Städte gibt, gibt es Segregation. Die sozialräumliche Struktur der Stadt lässt sich als eine Landkarte lesen, auf der die Sozialstruktur der Gesellschaft verzeichnet ist.

Der Raum der Stadt ist stets sozial definierter Raum. Aber nach welchen Merkmalen er definiert ist - nach Geschlecht, Religion, Schicht oder Ethnizität -, über welche Mechanismen sich diese sozialen Merkmale in räumliche Strukturen übersetzen - durch physische Gewalt, über Marktmechanismen oder durch politische Planung - und wie die so entstandene Stadtstruktur wahrgenommen und bewertet wird - als gottgewollt, als quasi naturgesetzlich gegeben, als wünschenswerte Zustand oder als zu bekämpfende Ungerechtigkeit -, all dies wandelt sich mit der jeweiligen gesellschaftlichen Formation (Häußermann, Siebel, o. J.: S. 3 f.).

4.4 Stadt und Integration

„In den Ballungsräumen der Bundesrepublik leben heute erhebliche Anteile ausländi- scher Bevölkerung, überwiegend türkischer Bevölkerung, zum Teil in zweiter oder dritter Generation und überwiegend mit dauerhaften Bleibeabsichten...“ (Göschel, Schuleri-Hartje, 2002: S. 9). Diese Aussage deckt sich auch mit den Zahlen des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung aus dem Jahre 1996, die besagen, dass acht von 10 Ausländern - beschäftigungsbedingt - in Großstädten wohnen, bei der deutschen Bevölkerung lediglich nur jeder sechste (Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, 1996: S. 245).

Des Weiteren ist auffällig, dass innerhalb der Großstädte eine ungleichmäßige Ver- teilung der ausländischen Wohnbevölkerung auf einzelne Stadtteile zu beobachten ist. Es ent- bzw. bestehen nationale Schwerpunkte, die abhängig von der Betrachtungsweise als „Kolonie“ oder „Ghetto“ bezeichnet werden (vgl. Göschel, SchuleriHartje; 2002: S. 11)

Betrachtet man diese Feststellungen im Kontext der strukturellen und somit auch der ökonomischen Integrationsleistungen, die die Stadt in der Vergangenheit erbracht hat, so muss man sich zwangsläufig die Frage stellen, wie diese Leistungen zu voll- bringen waren, bzw. welches die Garanten dieser waren. Als weitgehend gesichert gilt, dass die ökonomische Integration, also ein hohes Maß an Wohlstand und des- sen annähernde Gleichverteilung im Land, die Grundlage für Integration bildet. In der Phase von Mitte der 60er bis zum Beginn der 90er manifestierten sich Wohlstand, sowie ein unbekanntes Maß an Gleichheit vorrangig in den Städten, die damit zu Or- ten der Chancenerweiterung und des sozialen Aufstiegs für viele wurden, da das Le- ben in der Stadt in diesen Jahrzehnten bedeutete, dass eine Teilnahme an Wohlstand und Aufstieg leichter erreichbar waren als je zuvor (vgl. Göschel, Schule- ri-Hartje, 2002: S. 3 f.).

Immigration wurde bis dahin, im Hinblick auf die zumeist niederen Tätigkeiten, die die Arbeitsimmigranten ausübten, als eine Unterschichtung durch Zuwanderung verstanden, was sich durch eine Art akzeptierender Gleichgültigkeit gegenüber allen anderen Individuen äußerte.

Mittlerweile hat sich dieser Umstand jedoch geändert. Die Arbeitsmarktsituation bei- spielsweise hat sich dahingehend gewandelt, dass jetzt aufgrund von erwarteten Ab- stiege von Deutschen als auch durch die steigende Qualifikation der ausländischen Bevölkerung eine stärkere Konkurrenz zwischen den Etablierten und den Außensei- tern (vgl. Elias und Scotson, 1993) auftritt, wobei letzteren aufgrund ihrer ethnischen, gleichsam natürlichen Unterlegenheit in dieser Konfliktsituation eine Integration ver- währt bleibt.

Somit liegt zumindest die Vermutung nahe, dass aufgrund der genannten Faktoren, die strukturelle Integration erheblichen Schwierigkeiten unterworfen ist, die sich nicht zuletzt in der residentiellen Segregation niederschlagen, da durch den Konkurrenzdruck beider Gruppenmitglieder die soziale Schere in Form von sinkenden Löhnen weiter auseinander geht, so dass Wohnstandortnachteile nicht so ohne weiteres ausgeglichen werden können.

4.4.1 Strukturelle Segregation am Beispiel der Dortmunder Nordstadt

Wie bereits erwähnt, gilt der Dortmunder Stadtbezirk „Innenstadt-Nord“ mit rund 42 % Anteil an ausländischer Bevölkerung als derjenige mit dem höchsten im ganzen Stadtgebiet, gefolgt von den Stadtbezirken „Innenstadt-West“ und „Huckarde“. Dies wird auch aus der Tabelle 2 deutlich, welche die prozentualen Anteile der Ausländer nach Geschlecht und Staatsangehörigkeit in den Stadtbezirken verdeutlicht.

Tabelle 2: Ausländer nach Geschlecht und Staatsangehörigkeit in den Stadtbezirken

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Stadt Dortmund, Amt für Statistik und Wahlen 2001, S. 7)

Es fällt auf, dass die in Dortmund lebenden Ausländer auf einige wenige Stadtbezirke verteilt leben, so dass man sagen kann, dass eine strukturelle Integration auch bzw. gerade in Bezug auf Wohnen im Sinne der obigen Definition nicht stattgefunden hat. Vielmehr besteht immer noch das gravierende Problem der Marginalisierung. Gemeint ist hiermit wie oben bereits erwähnt der Prozess der Ausgrenzung der Minderheiten aus den Institutionen, aus den sozialen und kulturellen Bezügen der Mehrheit, verbunden mit der Entwicklung ethnisch definierter Unterschichten.

Aufgrund obiger Erkenntnisse bezüglich der räumlichen Verteilung der ausländischen Dortmunder Bevölkerung, scheint die aufgestellte Hypothese hinreichend verifiziert, so dass es recht unwahrscheinlich ist, dass eine weitergehende Untersuchung bezüglich des Wahrheitsgehaltes zusätzliche Erkenntnisse liefern würde, die zu einer anderen Schlussfolgerung führen würden.

Zu klären bleibt jedoch, ob die Aussage der zweiten Hypothese aufrechterhalten werden kann, oder ob gegebenenfalls eine Korrektur dieser von Nöten ist.

Der Klärung dieser Frage soll in den noch folgenden Kapiteln Beachtung geschenkt werden.

5. Methodische Vorgehensweise

„Zu empfehlen ist in der praktischen Arbeit eine Kombination möglichst mehrerer Methoden, also ein Neben- und Nacheinander von Methoden, Befragungen verschiedener Zielgruppen und Gruppendiskussionen. Damit lässt sich einerseits eine einseitige Darstellung nur eines Standpunktes oder eines Aspekts vermeiden und kann andererseits die Auseinandersetzung mit bestimmten Inhalten, Informationen und Meinungen in unterschiedlichen Situationen und unterverschiedenen Einflussbedingungen gerührt werden“ (Jany, 1979: S. 68).

Unter Berücksichtigung dieser Empfehlung soll in diesem Kapitel anhand des „Me- thoden-Mixes“, bestehend aus Ortserkundung, Raumbeobachtung, narrativem Inter- view, standardisierter Befragung i. F. v. Literaturrecherche, eines Fragebogens, so- wie eines Expertengespräches eine möglichst differenzierte Auseinandersetzung mit der Problematik erfolgen, d. h., dass die daraus resultierenden Ergebnisse zu nicht unerheblichen Teil mit in die am Ende der Arbeit zu ziehende Schlussfolgerung ein- fließen werden.

Sollten die verschiedenen Methoden zu einem nahezu gleichem Ergebnis führen, könnte man von einem durchaus repräsentativen Resultat sprechen.

Diese Art und Weise des Vorgehens ist in der Soziologie durchaus üblich und findet in der klassischen „Marienthal-Studie“ (Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel, 1960) über die Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit sein wohl bekanntestes Beispiel des angewand- ten Methodenpluralismus.

Nachfolgend wird das Interview als methodische Vorgehensweise innerhalb der So- ziawissenschaften vorgestellt. Zusätzlich wird begründet, warum das Interview in Form eines Fragebogens Anwendung finden soll.

5.1 Interview

Das Interview gilt nach R. König als der „Königsweg“ der Sozialforschung. Dabei hat die Interviewsituation, das Interviewverhalten und Art und Weise der Konstruktionen des Messeinstruments selbst, also des Fragebogens, erheblichen Einfluss auf die Antwortreaktion. Das heißt, dass beispielsweise auch Ort und Zeit eine wesentliche Rolle spielen können. Aufgrund der vielen äußerlichen Einflüsse auf das Interview gibt es auch Kritiker wie Lück und Bungard, die ihrerseits meinen, mittels eines Inter- views sei man eher auf dem „Holzweg“ als auf dem „Königsweg“. Das Interview ist aber in der Sozialforschung der meistbeschrittenste Weg (vgl. A. Diekmann 1995; S. 371).

Für die Beantwortung der genannten Hypothese, sowie der daraus folgenden Fragestellung muss man sich zwangsläufig einer Methode bedienen, die in einem großen Umfang angewandt werden kann und ein Ergebnis liefert, welches auf einer quantitativen Bevölkerungsbefragung basiert. Dies liegt in der Tatsache begründet, dass die Quantität der Interaktionen im Sinne der sozialen Integration als Bestandteil sozialstruktureller Merkmale und Zusammenhänge der Gesellschaft durch eine quantitative Methode eruiert werden kann (vgl. ebd.).

Aus oben genannten Gründen wird das Interview in Form eines Fragebogens als eines der Hauptinstrumente der methodischen Vorgehensweise im weiteren Verlauf der Hausarbeit gewählt und im folgenden Kapitel näher vorgestellt.

5.1.1 Fragebogen als Sonderform des Interviews

„Objektivität, Reliabilität und Validität (...) sind Ansprüche, denen das Messinstrument des Fragebogens in möglichst hohem Grad gerecht werden solle (vgl. A. Diekmann, a.a.O. S. 374).

Die Reliabilität, sprich die Zuverlässigkeit eines Messinstruments ist hierbei ein Maß dafür, in welchem Umfang die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung reproduzierbar, dass heißt übertragbar sind.

Die Validität ist ein Maßstab für den Wahrheitsgehalt einer Aussage, die im Rahmen eines Fragebogens getroffen wird. Es wird also durch sie die Differenz zwischen der in Beantwortung einer Frage getroffenen Aussage und dem in der Realität vorzufin- denden Tatbestand festgestellt. (vgl. G.G. Lienert 1969: S.16, zit.n. A. Diekmann, a.a.O., S. 224)

Durch die stets gleiche Reihenfolge der Fragen und eingeschränkte Antwortmöglich- keiten, werden im Idealfall die Antwortreaktionen unabhängig vom Interviewer und Auswerter ausfallen. Die Objektivität soll im Falle eines Fragebogens einen möglichst hohen Wert aufweisen. Diese Standardisierung kann sich allerdings auch negativ auf das Interview auswirken, indem durch geschlossene Fragen keine Informationen jen- seits des Spektrums der vorgelegten Antwortkategorien preisgegeben werden.

Daher sollen im Fragebogen nur teilweise standardisierte Fragen verwendet werden, um den Befragten die Chance zu geben, anhand von offenen Fragen Gedanken und Anregungen zu artikulieren. Generell sollten Unzulänglichkeiten vermieden werden. Anschließend werden thematische Blöcke oder auch sogenannte Module gebildet, die den Fragebogen in Abschnitte einteilen. Im Laufe der Zeit hat sich eine zweck- mäßige Reihenfolge durchgesetzt (vgl. A. Diekmann, a.a.O., S. 414 ff.).

Der Fragebogen beginnt mit Eröffnungsfragen, die allgemein formuliert sind und langsam auf das Thema hinführen werden. Da die Aufmerksamkeit erfahrungsge- mäß im zweiten Drittel des Fragebogens am höchsten ist, werden dort die wichtigs- ten Fragen gestellt, bevor die Spannungskurve zum Ende hin wieder fällt.

Filterfragen innerhalb des Fragebogens helfen, überflüssige Fragestellungen zu ver- meiden und die zur Beantwortung notwendige Zeit zu verkürzen. Für den Interviewer müssen Filterfragen klar gekennzeichnet sein, damit er nicht orientierungslos durch den Fragebogen irrt. Insgesamt sollte eine Interviewzeit von 60 bis 90 Minuten nicht überschritten werden, damit weder Interviewer noch Befragte ermüden.

Die von A. Diekmann angegebene Interviewzeit scheint sich jedoch auf ein auf ein weitaus komplexeres Themenfeld zu beziehen, da sich im Zuge des Pretests eine Zeit von ca. 10 Minuten pro Interview heraus stellte.

5.1.1.1 Erstellung eines Fragebogens

Wie bereits oben angesprochen soll der Fragebogen als Hauptelement der empiri- schen Methodik dieser Arbeit dienen. Zu diesem Zwecke hat es sich als sinnvoll her- ausgestellt, vor einer Untersuchung mittels eines solchen Fragebogens, einen Pre- test dessen durchzuführen, um einerseits herauszufinden, ob die Fragen für die Be- fragten verständlich, andererseits ob die Antworten in Bezug auf die formulierte Fra- gestellung überhaupt von Nutzen ist. Ferner soll der ungefähre zeitliche Aufwand, der sich pro Interview ergibt, ermittelt werden, um im Hinblick auf die Hauptuntersu- chung von Vorneherein eine Überstrapazierung sowohl des Interviewers als auch des Interviewten zu vermeiden.

5.1.1.2 Der Pretest

Der Pretest wurde mit insgesamt 30 Personen durchgeführt, wobei jeweils 15 Personen in den beiden Stadtbezirken „Innenstadt-Ost“ und „Brackel“ interviewt wurden. Der Grund für diese Zweiteilung liegt darin, dass, wie bereits oben angesprochen, sowohl Interaktionen in Wohngegenden mit hohem ausländischer, sowie in Wohngegenden mit hoher deutschem Bevölkerungsanteil untersucht werden sollen, um die zweite Hypothese stützen oder widerlegen zu können.

5.1.1.3 Erläuterungen zum Pretest-Fragebogen

Die erste Frage nach dem Wohnort ist im Hinblick auf die zentrale Fragestellung dieser Arbeit beziehungsweise auf die hieraus folgenden Hypothesen entscheidend, da nur Antworten von Dortmunder Bürgern in diesem Zusammenhang Relevanz haben. Daher kann dass Fragebogen-Interview bei einer Verneinung dieser Frage sofort abgebrochen werden. Diese Tatsache ist auch die Ursache für die Positionierung der Frage an den Beginn des Fragebogen-Interviews.

Die darauf folgende Frage nach dem genauen Stadtbezirk von Dortmund als Wohn- ort ergibt insofern durch die genauere Aufsplittung der Antwortmöglichkeiten die Möglichkeit, im Zusammenhang mit einer relativ umfangreichen Befragung ein Bild von jedem Dortmunder Stadtteil zu erhalten.

Anschließend soll mit Frage Nr. 2 „Wie ist ihr Familienstand?“ im Zusammenhang mit Frage Nr. 5 „Haben Sie Familienmitglieder mit fremder Staatsangehörigkeit?“ der Wahrheitsgehalt der Antworten der einzelnen Interviews herausgefunden werden. Frage Nr. 2 dient also vorwiegend als Kontrollfrage der Antwortmöglichkeiten, die bei Frage Nr. 5 und eventuell daraus folgend bei Frage Nr. 6 gegeben werden. Des Weiteren bestehen unter Umständen Unterschiede in den Antworten bei Unterteilung der Interviewergebnisse nach dem Kriterium des Familienstandes.

Frage Nr. 3 „Wie viele Personen umfasst ihr Haushalt?“ soll die Anzahl der Haushaltsmitglieder der Interviewten Person in Erfahrung bringen.

Die Frage Nummer 4 ist eine der wesentlichen Fragen. Sie fragt nach der Staatsanghörigkeit, unterteilt in Deutsche und Andere. Mit ihrer Hilfe erfährt man im Rahmen der Befragung, ob in den Antworten der Interviewten Personen Unterschiede dahingehend bestehen, dass Deutsche im Bezug auf „Integration“ im definierten Sinne andere Antworten geben als Ausländer.

Mit den darauf folgenden beiden Fragen Nr. 5 „Haben Sie Familienmitglieder mit fremder Staatsangehörigkeit?“ und Nr. 6 „Welche Staatsangehörigkeit haben diese?“ soll in Verbindung mit Frage Nr. 4 herausgefunden werden, wie viele der Befragten Deutschen ausländische Familienmitglieder haben und umgekehrt, wie viele der befragten Ausländer Deutsche Familienmitglieder haben.

Mit Frage Nummer 7 soll herausgefunden werden, ob diese ebenfalls in Dortmund wohnen, um die Relevanz der Antworten zu den Fragen Nummer 5 und 6 im Bezug auf die Eingrenzung des Untersuchungsraumes herauszufinden.

Anschließend folgt der wichtigste Fragenkomplex. Er besteht aus den Fragen Nummer 8 - 13. Hier wird von vorneherein zwischen Interviewpartnern mit deutscher Staatsangehörigkeit und Interviewpartnern ohne deutsche Staatsangehörigkeit unterschieden. Die Fragen Nummer 8 - 10 sind für die erste Personengruppe, die Fragen Nummer 11 - 13 für die zweite Personengruppe gedacht.

Eine Unterscheidung ist deshalb so wichtig, weil nicht nur die Antworten der „Deutschen“ auf die Fragen dieses Themenkomplexes im Bezug auf ausländische Mitbürger wichtig sind sondern auch umgekehrt die Antworten der ausländischen Mitbürger im Bezug auf die „Deutschen“.

Insgesamt soll mit den Fragen geklärt werden, bei welchen Gelegenheiten die jewei- lige Personengruppe mit Mitgliedern der anderen Personengruppe Kontakte pflegt, wie häufig diese unterschieden nach der Art des Kontaktes sind und wie nach Einschätzung der interviewten Person die Kontakte verlaufen, d.h. ob sie beispielsweise von freundlicher oder eher oberflächlicher Natur sind.

Das Interview schließt mit der einfachen Frage nach dem Alter der interviewten Per- son ab.

5.1.1.4 Durchführung des Pretests

Der Pretest wurde am Freitag, den 04.01.2002 durchgeführt und zwar einerseits in der Zeit von 10.00 Uhr bis 13.00 Uhr am Borsigplatz und in der Zeit von 15.00 Uhr bis 18.00 Uhr am Brackeler Hellweg andererseits.

Der Sinn und Zweck des Pretests liegt, wie bereits angesprochen, in der Überprüfung des Fragebogens bezüglich der Verständlichkeit und Sinnhaftigkeit der Fragen, sowie in der Findung sonstiger etwaiger Fehler.

Aus diesem Grunde war die Auswahl des Wochentages und des Zeitraumes weniger von Belang. Die Auswahl der Lokalitäten erwies sich als recht sinnvoll, da aufgrund der recht geschäftigen Orte eine große Bandbreite an verschiedenen Personengruppen anzutreffen war.

5.1.1.5 Veränderungen für die Hauptbefragung

Die Durchführung des Pretest ergab, dass der vorbereitete Fragebogen teilweise einige Mängel aufwies:

1. Die Fragen Nummer 5 bis 7 sind überflüssig, da durch die Antwortoption „Familie“ bei Frage Nummer 8 respektive Nummer 11 sämtliche Antwortoptionen, die sich aus den Fragen Nummer 5 bis 7 ergeben, mit abgedeckt sind. Insofern werden diese keine zusätzlichen Erkenntnisse gewonnen und dementsprechend für die Hauptbefragung aus dem Fragebogen gestrichen.

2. Bei der Beantwortung der Frage Nummer 9 bzw. 12 taten sich einige Interview- partner bei einer Entscheidung für eine der Antwortoptionen schwer. Daher soll hier jeweils der Hinweis durch den Interviewer erfolgen, dass die interviewten Personen sich für diejenige Antwortoption entscheiden sollen, die Ihrer Meinung nach der Realität am ehesten entspricht.

Um die Entscheidung noch weiter zu vereinfachen, wurden die Antwortmöglichkeiten „gelegentlich“ und „eher selten“ bei den Antwortoptionen der Fragen Nummer 9 und 12 jeweils durch die Formulierung „wöchentlich“ und „monatlich“ ersetzt.

3. Bei Beantwortung der Frage Nummer 10 bzw. 13 vermissten einige Interviewpartner die Antwortmöglichkeit „familiär“. Diese Antwortmöglichkeit wurde daraufhin bei Frage Nummer 10 und 13 ergänzt.

4. Die Frage Nummer 14 nach dem Alter erwies sich als irrelevant im Zusammen- hang mit der Fragestellung und wurde daher ebenfalls aus dem Fragebogen gestri- chen.

Beide Versionen des Fragebogens befinden sich im Anhang dieser Arbeit.

5.1.1.6 Ergebnisse

Wie oben angesprochen, wurden im Zuge des Pretest Mängel im Fragebogen ent- deckt, die es zu verbessern galt. Aufgrund der Tatsache, dass der Fragebogen Män- gel aufwies und somit einer verwertbaren Informationsgewinnung nur sehr bedingt dienlich war, wurde auf eine weitere Auswertung der Interviews verzichtet. Hinzu kommt, dass gerade bei dieser Thematik die Repräsentativität von nur insgesamt 30 Befragungen recht zweifelhaft wäre. Vielmehr müsste man wohl im Rahmen einer Hauptuntersuchung ein Vielfaches an Personen befragen, um wirklich ein aussag- kräftiges Ergebnis bezüglich der Interaktionen zwischen Ausländern und Deutschen zu erzielen. Dies würde jedoch deutlich den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen und wird deshalb nicht weiter verfolgt.

5.1.2 Experteninterview

Im Experteninterview werden Personen, die auf Grund ihrer beruflichen Tätigkeit mit Ausländern in den verschiedenen Lebensbereichen in Kontakt kommen (Schule, Arbeit, Ausbildung, Einkommen, Wohnen, Beratungsstellen, Ausländerbeauftragte etc.), nicht zuletzt die in den relevanten Stadtteilen tätigen Personen (Lehrer, Sozialarbeiter, kirchlich Engagierte) über ihre Erfahrungen und Einschätzungen bezüglich der zu bearbeitenden Problematik interviewt.

Ursprünglich wollte ich im Rahmen des Expertengesprächs eine/n Mitarbeiter/In des Zentrums für Türkeistudien in Essen interviewen, was jedoch aufgrund terminlicher Schwierigkeiten leider nicht möglich war, sodass ich gezwungen war, einen Alterna- tivgesprächspartner zu suchen, welchen ich in Herrn Niggemann, welcher seines Zeichens einerseits Vermieter mehrerer Immobilien im Untersuchungsraum ist und darüber hinaus lange Jahre als Lehrer an einer Dortmunder Gesamtschule in der Dortmunder Innenstadt tätig war.

Aus dem Interview ergab sich, dass laut Einschätzungen des Interviewten die residentielle Segregation in den letzten Jahren nicht abgenommen hat. Vielmehr meinte er beobachtet zu haben, dass es im Wohnbereich weiterhin den Trend zur Bildung homogener Gruppen gibt. Dies führte er einerseits darauf zurück, dass gerade die Migranten der ersten Generation innerhalb dieser ethnischen Communities immer noch einen Teil ihrer Identität widergespiegelt sehen.

Einen weiteren Grund für die zunehmende Konzentration der Segregation wird in der unvermindert hohen Arbeitslosigkeit gesehen, die seiner Ansicht nach gerade die ausländische Bevölkerung, speziell die älteren, trifft, die durch strukturelle Erwerbs- losigkeit aufgrund ihres niedrigen Ausbildungsgrades betroffen sind.

Die Einschätzungen bezüglich der sozialen und strukturellen Integration der dritten Generation wurde insofern positiver gedeutet, als dass beispielsweise im schulischen Bereich einerseits die Interaktionen zwischen ausländischen und deutschen Schülern quasi eine Selbstverständlichkeit darstellen würden und die daraus entstehenden sozialen Kontakte als wesentlicher Bestandteil der sozialen Integration verstanden werden kann. Andererseits wird die Tatsache, dass, zum Einen immer mehr auslän- dische Jugendliche die Schule mit einem Schulabschluss verlassen, zum Anderen immer mehr von ihnen die mittlerer Reife oder einen noch höheren Abschluss an- streben, als positiven Indikator für die weitere soziale und strukturelle Integration ge- sehen.

5.1.3 Narratives Interview

Ausgangspunkt für ein narratives Interview ist meist ein entsprechender erzählungs- generierender Stimulus, der eine Stegreif erz ä hlung der oder des Befragten hervor- ruft; es soll jedenfalls im Rahmen dieser ersten Erzählung eher vermieden werden, dass die/der Befragte das Erzählte z. B. begründet, aus einer "theoretischen" Per- spektive kommentiert oder umfassend bewertet. Im Einzelnen verläuft das narrative Interview im Regelfall folgendermaßen: Am Anfang steht die Erz ä hlaufforderung, die die/den Befragte/n zur Haupterz ä hlung veranlasst. Während dieser Haupterzählung soll die/der Befragte durch keinerlei (Nach-)Fragen unterbrochen oder gelenkt wer- den, die Erzählung wird vielmehr (nach Schütze) durch drei Erzählzwänge gesteuert: den Gestaltschlie ß ungszwang, den Zwang, angefangene Themen oder Erzählsträn- ge auch in irgendeiner Art und Weise abzuschließen; den Kondensierungszwang, den Zwang, die Erzählung soweit zu "verdichten", dass sie angesichts begrenzter Zeit für die/den Zuhörer/in nachvollziehbar bleibt. Diesem Zwang steht entgegen der Detaillierungszwang, der Zwang, Hintergrund- oder Zusatzinformationen einzubrin- gen, die für das Verständnis der Erzählung erforderlich sind. Zusammengenommen sollen diese Zwänge dafür sorgen, dass einerseits die wichtigsten Ereignisse berich- tet werden, andererseits das Interview für die Beteiligten - Befragte wie Befragende - handhabbar bleibt.

Die Haupterzählung wird meist abgeschlossen durch eine Erz ä hlkoda, also eine Äu- ßerung, die das Ende der Erzählung signalisiert, wie z. B. "Ja, das wär's eigentlich". Hierauf folgt i. a. eine Nachfragephase durch den/die Interviewer/in. Mit Schütze las- sen sich zwei Formen von Nachfragen unterscheiden: Immanente Nachfragen, also solche, die sich direkt auf das vorher Erzählte beziehen (z. B. auf Unklarheiten, auf Dinge, die nur angedeutet, aber nicht ausgeführt wurden, etc.), und exmanente Nachfragen, die sich auf Sachverhalte oder Probleme beziehen, die vom Befragten überhaupt nicht angesprochen wurden, die aber dem/der Interviewer/in aus bestimmten Gründen (z. B. wegen Fragestellungen, die im Forschungsprojekt geklärt werden sollen) wichtig erscheinen. Auch in dieser Nachfragephase soll die/der Befragte möglichst zu Erzählungen animiert werden.

Am Ende steht die Bilanzierungsphase, in der das bisher Erzählte abschließend zu- sammengefasst und bewertet wird. An dieser Stelle können nun auch Bewertungen des Geschehens und Erklärungen desselben seitens der/des Befragten erfolgen. (vgl.: ILMES - Internet-Lexikon der Methoden der empirischen Sozialforschung, 2002)

Das Ergebnis des von mir geführten narrativen Interviews ist in einem Ergebnisprotokoll dem Anhang beigefügt.

Das subjektive Integrationsempfinden der ethnischen Minderheit, insbesondere der ersten und zweiten Generation, scheint immer noch ein gespaltenes zu sein. Einer- seits fühlen sie sich in ihrer community als integrierter Bestandteil, andererseits be- steht durchaus der Wunsch nach mehr interkulturellen Kontakten. Dies zeigt, dass Segregation nicht als dauerhaft erwünschter Zustand betrachtet wird, auch wenn er in der Phase der Neuankunft durch das Bereitstellen informeller Netzwerke zur ge- genseitigen Unterstützung das Leben in der Fremde erleichtert hat. Der Versteti- gungsprozess der in Deutschland lebenden Ausländer weckt den Wunsch des Mit- einander-Seins, was nicht zuletzt die Vielzahl an interkulturellen Vereinigungen zeigt. Der Grund für das mangelnder Interesse der Mehrheitsgesellschaft an der Kontaktpflege mit der ethnischen Minderheit kann mehrere Ursachen haben. Eine davon mag in der bereits erwähnten Konkurrenz um die Arbeitsplätze sein, die in der heutigen Zeit der zunehmenden Globalisierung und der fortschreitenden Niedrig- Lohnarbeit immer mehr in den Vordergrund rückt.

Ein weiterer Aspekt mag auch im Wesen der Großstadt liegen, in der eine Vielzahl von heterogenen Gesellschaftsformen nebeneinander existieren, ohne von der ande- ren in einem größeren Maße Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen. Gerade die- ser Anonymität und Indifferenz zwischen den verschiedenen (Sub-) Kulturen ver- dankte die Großstadt ihren Ruf als „Integrationsmaschine“ (vgl. Heitmeyer, 2000: ebd.), der jedoch heute gerade aufgrund der, um Zuge der hohen Unterbeschäfti- gung auftretenden, strukturellen Probleme immer stärker ins wanken gerät.

5.2 Literaturrecherche

Eine weitere wesentliche Form der Methodik bildet die Literaturrecherche oder auch Inhaltsanalyse. Sie befasst sich mit der systematischen Erhebung und Auswertung von Texten (vgl. A. Diekmann, a.a.O., S. 481). Allerdings muss man sich bei der In- haltsanalyse nicht nur auf den Inhalt eines Textes konzentrieren, sondern kann die Aufmerksamkeit auch auf formale Gesichtspunkte wie stilistische Merkmale, Satz- länge etc. lenken. Berelson charakterisiert die Inhaltsanalyse als „objektive, systematische und quantitative Beschreibung des manifesten Inhalts von Kommunikation“ (B. Berelson, 1952, Content Analysis in Communication Research, zit. n. A. Diekmann, a.a.O. S. 482)

Der Anwendungsbereich der Inhaltsanalyse ist schier unbegrenzt und umfasst bei- spielsweise auch Texte, wie Leserbriefe, Stellenanzeigen, Schulbücher, Ratgeber, usw.. Man darf bei der Inhaltsanalyse jedoch nie vergessen, den Text auf eine präzi- se Hypothese hin zu untersuchen oder zumindest eine Fragestellung im Kopf zu ha- ben. Ansonsten besteht die Gefahr der Anhäufung nicht benötigten Materials.

Bezüglich meiner Hausarbeit habe ich mich in erster Linie auf die Recherche von Fachliteratur der Universitätsbibliothek, sowie der Bereichsbibliothek der Fakultät Raumplanung konzentriert Zusätzlich habe ich in den Fällen, in denen ich keine entsprechenden Informationen aus den Recherchen in den Bibliotheken gewinnen konnte, Internetrecherche betrieben.

Die insgesamt daraus gewonnenen Erkenntnisse spielen gerade bei der Beschrei- bung der vorangegangenen Kapitel, die die Abgrenzung der Begrifflichkeiten thematisieren, sine herausragende Rolle bei der Erarbeitung der Thematik. Gerade die Lektüre der in diesem Bereich der Soziologie führenden Autoren, wie Simmel, Schütz, Heitmeyer und Häußermann, stellte sich im Nachhinein als enorm wichtig heraus, da dadurch das Verständnis für die zu bearbeitende Problemstellung ge- schärft wurde.

5.3 Ortserkundung

Die Methode der Ortserkundung umfasst zum einen die Besichtigung und Beobachtung des zu untersuchenden Raumes, zum anderen die Bestandsaufnahme.

Die Beobachtung des Untersuchungsraumes erfolgt im nächsten Kapitel, sodass ich hier nur auf die Ortserkundung im Sinne der Besichtigung und Bestandsaufnahme eingehen möchte.

5.3.1 Dortmund - Borsigplatz

Bei dem zu untersuchenden Raum handelt es sich um den Borsigplatz, einem zentralen Platz in der nördlichen Innenstadt Dortmunds, der in einen Kreisverkehr eingefasst (siehe Abb. 2) ist und eine wichtige verkehrstechnische Rolle in diesem Teil der Innenstadt spielt, da er als wichtiger Verteiler des Verkehrsaufkommens auf die OW III A (siehe Abb. 3)und in die übrige Nordstadt fungiert. Zudem dient er der dort ansässigen Bevölkerung als Treffpunkt und Kommunikationsraum, zumal im unmittelbaren Umfeld eine Vielzahl von Geschäften, Gaststätten und Trinkhallen anzutreffen sind. Das Stadtbild ist in diesem Bereich von vielen Altbauwohnungen einfacherer Wohnqualität in zum Teil schlechten Zustand geprägt.

Abbildung 2: Borsigplatz in Dortmund

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Foto: Eigene Quelle)

Abbildung 3: Stadtplan Dortmund Innenstadt-Nord

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: http://www.falk.de)

5.3.2 Dortmund - Brackel

Im Zuge der Vorbereitungen, die ich im Vorfeld dieser Arbeit gemacht habe, habe ich zusätzlich zur Ortsbesichtigung des Borsigplatzes auch eine Besichtigung des Brackeler Hellweges durchgeführt. Dies diente nicht zuletzt der Vorbereitung der Raumbeobachtung, die sowohl in der Dortmunder Nordstadt als auch eben am Hellweg in Brackel stattfinden soll. Der Grund für die Durchführung zweier Raumbeobachtungen wird in Kapitel 5.3 näher erläutert.

Der Brackeler Hellweg ist ebenfalls ein durch reger Verkehrsaufkommen gekenn- zeichneter zentraler Ort, an dem sich die Geschäfte ähnlich einer Perlenschnur rei- hen.

Abbildung 4: Brackeler Hellweg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Foto: Eigene Quelle)

Insgesamt vermittelt dieser Stadtteil ein eher ländliches Flair, das sich auch durch die bauliche Substanz, die sogar durch vereinzelte Fachwerkbauten auffällt, ausdrückt.

Abbildung 5: Fachwerkhaus in Brackel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5.4 Raumbeobachtung

„Ist von der Erhebungsmethode der Beobachtung in der Sozialforschung die Rede, so wird darunter jedoch spezifischer die direkte Beobachtung menschlicher Handlun- gen (...) verstanden“ (A. Diekmann, a.a.O., S. 456). Bereits bei den Arbeiten von Le Play, der ethnologischen Schule der Feldforschung von Bronilsaw Malinowski und der Chicago-Schule der Soziologie in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts be- gegnen wir der Methode teilnehmender Beobachtungen (vgl. Diekmann, a.a.O.; S.457).

Anhand der Raumbeobachtung sollen Aussagekraft, die Erkenntnisse des Fragebo- gens und damit verbunden auch die vorab formulierte Hypothese überprüft werden, was bedeutet, dass, wie bereits angekündigt, zwei Methoden zur Beantwortung ein und derselben Fragestellung eingesetzt werden, um das Vertrauen in das Ergebnis zu stärken, sofern es gleich ausfällt. In bezug auf die Hypothese besteht die Gefahr der selektiven Verzerrung, was bedeutet, dass vorrangig Entscheidungen wahrge- nommen werden, die die Hypothese bestätigen. Dies gilt es zu vermeiden. Des Wei- teren besteht das Problem der (Fehl-) Interpretation des beobachteten sozialen Ge- schehens. Vermeiden lässt sich dies, indem eine sehr sorgfältige Auswertung des Fragebogens vorgenommen und der Versuch unternommen wird, voreilige Interpre- tationen zu unterlassen.

Der Beobachtungsraum der empirischen Untersuchung wurde dem Ergebnis des Fragebogens angepasst. Da es im Fragebogen um die Interaktion zwischen Auslän- dern und Deutschen geht, wurde der Raum so ausgewählt, dass anhand dieser Aus- wahl Aussagen über die Hypothese getroffen werden können. Zu diesem Zwecke wurden zwei Raumbeobachtungen durchgeführt, in denen einerseits die Interaktio- nen in einem Raum mit hauptsächlich ausländischer Bevölkerung und andererseits die Interaktionen in einem durch einen mehrheitlich deutschen Bevölkerungsanteil geprägten Raum untersucht wurden. Dies wart alleine schon deshalb notwendig, um eine Vergleichbarkeit zwischen Interaktionen in den jeweiligen Räumen erreichen zu können. Als Untersuchungsräume in Bezug auf die oben genannten Kriterien schie- nen mir zum einen der Borsigplatz mit seiner zentralen Lage innerhalb des Stadtbe- zirks Innenstadt-Nord und seinem hohen Anteil an ausländischer Bevölkerung und zum anderen ein Platz im Stadtbezirk Brackel, der lt. Tabelle 2 den geringsten Anteil an ausländischer Wohnbevölkerung aufweist, geeignet zu sein.

Das strukturierte Beobachtungsprotokoll, das während der Beobachtung geführt wurde, enthält Angaben über die Beobachter, den Ort, das Datum und die Uhrzeit (allgemeine Angaben), und Geschlecht, ungefähres Alter und Anzahl der beobachte- ten Passanten (festzuhalten in Form einer Strichliste). Ungenauigkeiten entstanden bei der Alterserfassung, da diese anhand von Schätzungen nur grob ermittelt werden konnte. Das geführte Beobachtungsprotokoll ist dem Anhang beigefügt.

Die Auswertung des Beobachtungsprotokolls ergab, dass die Interaktionen, die sich im Beobachtungszeitraum zwischen Ausländern und Deutschen ergaben, eher ober- flächlicher Natur waren, beispielsweise bei der Erledigung von Einkäufen im Super- markt. Ansonsten fiel auf, dass sowohl die Deutschen, als auch die Ausländer den Kontakt innerhalb ihrer Gruppen präferierten. Besonders auffällig war dies bei der Raumbeobachtung am Borsigplatz, wo sich eine Kleingruppe Deutscher untereinan- der unterhielten, während sie alkoholische Getränke zu sich nahmen. Es hatte fast den Anschein, als ob es dabei selbst um Mitglieder der marginalisierten Gruppe der sozial Benachteiligten handelt, die ebenfalls einen großen Anteil der Bevölkerung in diesem Raum ausmachen.

Ein ganz anderes Bild bot sich bei der Raumbeobachtung in Dortmund-Brackel, ge- nauer gesagt am Brackeler Hellweg. Die meisten dort zu beobachtenden Menschen waren, sofern man das von äußeren Erscheinungsbild ableiten kann, deutscher oder mitteleuropäischer Herkunft und nur recht vereinzelt erschienen ausländisch anmu- tende Personen, sodass die Interaktionen zwischen Ausländern und Deutschen dementsprechend gering ausfielen.

6. Schlussfolgerung

Die aufgestellte These, dass eine soziale Integration auf Grund struktureller Margina- lisierung erschwert wird, kann nicht hinreichend widerlegt werden. Es wird vielmehr aufgrund der gewonnen Erkenntnisse zumindest die Vermutung nahe gelegt, dass es mit dieser Aussage durchaus etwas auf sich hat. Gerade die Mitglieder der ersten, jedoch auch ein Teil der zweiten Generation sehen sich immer noch dem Problem der strukturellen und somit auch der residentiellen Segregation ausgeliefert. Als eine der Ursachen kann sicherlich die mangelnde Bildung und die damit verbundene Be- nachteiligung auf dem durch Globalisierung und Strukturwandel gekennzeichneten Arbeitsmarkt, dessen Bedarf an un- und angelernten Arbeitskräften stetig abnimmt, was sich auch im Verhalten des Teils der deutschen Bevölkerung niederschlägt, der in Folge dieses Umstandes in einer ähnlichen Situation steckt und somit mit den aus- ländischen Mitbürgern um die noch verbliebenen Arbeitsplätze konkurriert, was eine Art konflingierender Interaktionssituation nach sich zieht, die soziale Integration kaum zulässt.

Abermals stellt sich heraus, dass Bildung als wichtigstes Bindeglied zwischen struk- tureller und sozialer Integration fungiert. Nur wenn ein gleichberechtigter Zugang aller, sowohl Deutscher als auch Ausländer, an der Teilhabe öffentlicher Gütern ge- währleistet werden kann, kann soziale Integration eine Chance haben. Die Betonung auf den gleichberechtigten Zugang ist deshalb so wichtig, weil Integration, wie bereits beschrieben, ein doppelter Prozess ist, bei dem es nicht um die Integration in die, sondern vielmehr um die Integration der Gesellschaft, also auch der Mehrheitsge- sellschaft geht. Wenn sich Teile dieser aber ihrerseits marginalisiert fühlen, kommt es zu den beschriebenen Deprivationsprozessen und infolge dessen zu feindseligem Verhalten den ethnischen Minderheiten gegenüber und damit einhergehend zu wei- terer Segregation und Marginalisierung.

7. Literaturverzeichnis

1. K. Bade, 1994: Ausländer, Aussiedler, Asyl, Osnabrück
2. K. Bade, 1992: Migration in Geschichte und Gegenwart, München
3. L. Diekamp, 1983: ein Zugang zum Thema Migration, Berlin
4. B. Hof, 1993: Europa im Zeichen der Migration, Köln
5. H. Korte; A. Schmidt, 1983: Migration und ihre sozialen Folgen, Hannover
6. U. Niebacher, 1995: Migration - Integration und Biographie, Münster/New York
7. A. J. Tumat (Hrsg.), 1986: Migration und Integration, o. O.
8. R. Gronemeyer, 1973: Integration durch Partizipation, Frankfurt/Main
9. M. Rosch (Hrsg.), 1985: Ausländische Arbeitnehmer und Immigranten, Wein- heim/Basel
10. H. Esser, E. Gaugler, K.-H. Neumann u.a., 1979: Arbeitsmigration und Integrati- on, Königstein/Ts.
11. F. Sen, C. Akkaya, Y. Özbek, 1998: Länderbericht Türkei, Essen
12. A. Göschel, U.-C. Schuleri-Hartje, 2002: 25 Jahre Difu Zukunftswerkstatt - Integ- ration und Desintegration in der Stadt http://www.difu.de/25jahre/papiere/integration.shtml (Zugriff vom 23.03.2002)
13. A. Diekmann, 1995: Empirische Sozialforschung - Grundlagen, Methoden, An- wendungen, Originalausgabe, Reinbek bei Hamburg
14. R. Schnell, P. B. Hill, E. Esser, 1995: Methoden der empirischen Sozialfor- schung, München/Wien
15. G. Simmel, 1908: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesell- schaftung, Berlin
16. A. Nassehi (Hg.), 1995: Der Fremde als Vertrauter. Soziologische Beobachtung zur Konstruktion von Identitäten und Differenzen. In: Kölner Zeitschrift für Sozio- logie und Sozialpsychologie 47,3, S. 443-463, Köln
17. W. Heitmeyer, R. Anhut, 2000: Bedrohte Stadtgesellschaft. Soziale Desintegrati- onsprozesse und ethnisch-kulturelle Konfliktkonstellationen, Weinheim und Mün- chen
18. U. Jany, 1979: Methoden-Reader. Bedeutung und Anwendung soziologischer Forschungsmethoden,Oldenburg
19. ILMES - Internet-Lexikon der Methoden der empirischen Sozialforschung http://www.lrz-muenchen.de/~wlm/ilm_n1.htm (Zugriff vom 24.03.2002)

8. Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Zahl der Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland 1977-1981

Tabelle 2: Ausländer nach Geschlecht und Staatsangehörigkeit in den Stadtbezirken

9. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ausländer in den Stadtbezirken

Abbildung 2: Borsigplatz in Dortmund

Abbildung 3: Stadtplan Dortmund Innenstadt-Nord

Abbildung 4: Brackeler Hellweg

Abbildung 5: Fachwerkhaus in Brackel

10. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Details

Seiten
34
Jahr
2002
Dateigröße
777 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106842
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
3,3 (meine
Schlagworte
Sind Volk Deutsche Ausländer Marginalisierung Integration Soziologische Grundlagen

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Titel: Sind wir ein Volk? - Deutsche Ausländer zwischen Marginalisierung und Integration