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Was ist instinktive Kunst? : Versuch einer kulturalistischen Kritik an Stephen Pinker und Noam Chomsky

Hausarbeit 2002 22 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Was ist ‚instinktive Kunst'? : Versuch einer kulturalistischen Kritik an Stephen Pinker und Noam Chomsky

Einleitung

Für Harry und Roslyn Pinker,

die mir die Sprache gegeben haben.

(Steven Pinker: Der Sprachinstinkt, Widmung)

Mit seinem BuchThe Language Instinctvon 1994 formuliert Steven Pinker seinen Standpunkt als wissenschaftlicher Naturalist aus. Seine Ausführun- gen bauen auf die These auf, die menschliche Sprache sei - alsInstinkt- schon durch dieNaturdes Menschen determiniert und daher durch seineKulturallenfalls oberfläch- lich beeinflusst: Er möchte beweisen, dass die Sprache dem Individuum in weiten Zü- gen bereits genetisch vorgegeben, d.h. im menschlichen Geschlecht selbst verankert ist, hingegennichtvon jedem einzelnen Sprecher im Prozess des Lernens wieder neuerfun- denwird. ‚Erfunden’ sei hier so verstanden, dass der Sprecher seine Sprache zwar auf- bauend auf ihm innewohnende logische ‚Basics’, vor allem aber aufgrund des auf ihn wirkenden kulturellen Einflusses, seines (sprechenden) sozialen Umfeldes kreiert.

Diese Arbeit will versuchen zu zeigen, dass Pinkers Theorie insofern unzureichend ist, als dass sie gegebene Tatsachen nicht berücksichtigt - etwa die tragende Funktion, die der menschlichen Sprache in der Geschichte der Erde zukommt -, an einigen Stellen lückenhaft ist - z.B. in Bezug auf Kommunikationsformen bei Tieren -, sich bisweilen in Selbstwidersprüchen verfängt und vor allem auch ihr Ziel nicht erreichen kann: Eine naturalistische Theorie, die den Menschen letztendlich doch eben nur als funktionale - wenn auch hochkomplexe -Maschinebeschreibt, kann zwar eine Menge leisten, spricht aber gleichzeitig auch jenen von ihr beschriebenen Maschinen (welche immer noch die Theorie aufstellen) die Berechtigung ab, den Geltungsanspruch genau jener Beschrei- bung erheben, geschweige denn einlösen zu können.1Es geht dabei nicht darum, was der Mensch (womöglich noch in einer ‚menschenunabhängigen Realität’) ‚ist’, sondern lediglich darum, wieer selbst von sich selbstsinnvoll reden, waser selbst von sich selbstüberhaupt aussagen kann: Eine naturalistische Beschreibung negiert ihre eigene Basis.

Die in dieser Arbeit formulierte Kritik richtet sich grundsätzlich gegen Pinkers Zugang; es soll um die Angemessenheit der Beschreibung von Sprache als Instinkt gehen und es soll überlegt werden, ob Pinkers Theorie nicht zu aufgeblasen ist, ob man die menschliche Sprache nicht auch einfacher erfassen kann.

Laut Pinker ist die Sprache „eine großartige Fähigkeit […], die von allen lebenden Ar- ten nur der Homo sapiens beherrscht“2. Schon Aristoteles beschreibt denselben Sach- verhalt3, gewichtet ihn allerdings völlig anders: Ist die Sprache bei Pinker akzidentell - nämlichnicht„erhabene[r] Ausdruck menschlicher Einzigartigkeit“4-, ist sie bei Aris- toteles das, was den Menschen überhaupt erst als solchen - in Abgrenzung zum Tier - determiniert. Denn für letzteren, dessen Definitionsmethode später gefasst wurde als „definitio fit per genus proximum et differentiam specificam“, ist der Mensch „zoon logon echon“ - was hier übersetzt werden muss als „Wesen, wasSprachehat“.

Die Etymologie von ‚logos’ ist in diesem Zusammenhang auch sehr aufschlussreich: Die Griechen konnten in diesem einen Wort all das verbinden, was wir heute mit ‚Be- stimmung’ ‚Wort’, ‚Sprache’, ‚Verstand’, ‚Sinn’ oder gar ‚Wissen’ ausdrücken wollen. An diese Kritik anschließen müsste sich deshalb eine Überlegung, wie Sprache und Denken zusammenhängen, genauer: Ob Pinkers These, Sprache und Denken seien dis- junkt, haltbar ist5, oder ob doch Wittgensteins berühmter Satz „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“6vorzuziehen ist. Doch das würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen und so sei sie darauf beschränkt, darzulegen, warum Sprache als Kulturleistung gesehen werden muss und Pinker mit der seinem Buch vor- anstehenden Widmung eine Aussage über den Ursprung der Sprache gemacht hat, die viel treffender ist als seine ganze nachfolgende Theorie.

1. Kleine Anthropologie

Stephen Pinker gibt in seinem Buch viele wissenschaftlich fundierte - d.h. vor allem: empirisch belegte - Argumente, warum Sprache ‚lediglich’ als ein Vermögen angesehen werden darf, das etwa dem Echolot einiger Meeressäuger oder dem Orientierungssinn von Zugvögeln vergleichbar ist. Wie auch all jene Tiere sich nicht durch ihre speziellen Fähigkeiten definieren, darf sich der Mensch auf seine Sprache nicht zuviel einbilden, denn weder ist die Tatsache, dass er eine Sprache hat, sein eigener Verdienst - „Sprache ist genauso wenig eine kulturelle Erfindung wie der aufrechte Gang.“7- noch ist der Mensch überhaupt etwas Besonderes:

„In der großen Talentshow von Mutter Natur haben wir nur einen Auftritt unter vielen - wir sind nichts weiter als eine Primatenart mit der Fähigkeit, uns gegenseitig darüber zu informie- ren, wer wem was getan hat, indem wir die Geräusche modulieren, die beim Ausatmen entste- hen.“8

Dabei vergisst Pinker allerdings, dass der Menschdeutlichaus der ‚breiten Masse’ der Bewohner dieses Planeten hervorsticht, schon allein, weil er seinen Lebensraum in einem Ausmaß beeinflusst, wie es kein anderes Lebewesen vermag (oder zumindest doch: tut). Aufgrund seines Wirkens hat sich nicht nur die Geographie der Erde, ihre Flora und Fauna stark verändert, sondern auch für Phänomene wie etwa das Ozonloch zeichnet er wohl verantwortlich. Ohne von der ‚Krone der Schöpfung’ sprechen zu müssen, sind wir einer der dominierenden Faktoren in der Natur; angemessen wäre allenfalls noch der Vergleich mit dem enormen klimatischen Einfluss, den die Pflanzen hatten, als sie begannen, Kohlenstoffdioxid in Sauerstoff umzuwandeln.

Unbestreitbar hängt das Leistungsvermögen des Menschen vor allem mit der von Pinker herabgespielten einzigartigen Fähigkeit zusammen, etwa jenen von ihm zitierten (und andere ähnlich abstrakte) Gedanken zu formulieren bzw. zudenken:Jedesirdische Le- bewesen nimmt Informationen aus seiner Umwelt auf,vielebenutzen untereinander auch Kommunikation - oder in Anklang an Pinker: ‚informieren sich gegenseitig über etwas’ -, aber gerade die Ergebnisse der modernen Forschung lassen es sicher erschei- nen, dass außer dem Menschenkeine einzigeandere Spezies ein Verständnis davon hat, was ‚Informationen’ sind bzw. ‚Kommunikation’ ist oder sichbewusstist, dass es gera- de ‚informiert’ bzw. ‚kommuniziert’: Tiere können nicht auf sich selbst und ihre Aktionen reflektieren.

Diese Fähigkeit zu viel abstrakteren, komplexeren Denkvorgängen ermöglicht es dem Menschen, auch viel abstraktere, komplexere Handlungsschemata erst zu reflektieren und dann ggf. durchzuführen. Solch ein Vorgehen ist ungemein erfolgversprechender als bloßes Reiz-Reaktions-Handeln: Ein Schachspieler, der mehrere Züge im voraus berechnet, ist jenem, der nur auf den jeweils nächsten achtet, genauso deutlich überlegen, wie eine mehrfach rückgekoppelte Spieltheorie9einer einfachen. Und dies ist nureinAnwendungsbereich des Intellektes.

Jenes außerordentliche geistige Vermögen ist zumindest insofern unmittelbar an die Sprache gebunden, als dass es ohne sie weder im vorliegenden Maße möglich, noch sonderlich nützlich bzw. nutzbar wäre.

Denn ein entscheidender Faktor für den evolutionären Erfolg der Gattung Mensch ist auch sein mit Hilfe des Erkenntnisvermögens erworbenesWissen. Der geistige Horizont eines isolierten Wesens (was der Mensch ohne Sprache bzw. Kommunikation schließlich wäre) ist jedoch notgedrungen äußerstbeschränktund hätte auch nursingulärenNutzen: Wissen wird im Wesentlichen durch Interaktion und Kommunikation einer Gemeinschaft erlangt, vergrößert und erhalten10und kann - als Wissen eines einzelnen Individuums - durch Kommunikation anderen zugänglich gemacht werden.11Der menschliche Verstand ist erst in Symbiose mit der Sprache zu seinen größten Leistungen fähig und somit spielt die menschliche Sprache selbst eine Rolle in der Geschichte unseres Planeten, deren Ausmaß kaum abschätzbar ist.

Soviel zu Pinkers ‚Tiefstapelei’: Benützten Fledermäuse kein Sonar, würde das am Bild der Welt ‚wie sie ist’ nicht viel ändern; hätten die Menschen keine Sprache, wäre sie nicht wiederzuerkennen.

Pinker bezeichnet die Sprache als eineinstinktive Kunst12. Durch die Unvereinbarkeit der Bedeutungen der in ihm enthaltenen Begriffe13ist dieser gut klingende Ausdruck jedoch lediglich eine selbstwidersprüchliche Worthülse.

Der Gedanke der angeborenen Sprache, um den Pinker geht, ist außerdem nicht neu und schon vorher oft kritisiert worden.

2. Die ersten Ansätze bei Chomsky

Pinkers Sprachinstinkt-Theorie begründet sich natürlich auch in der früheren For- schung; die Vorstellung, dass für die Erklärung des Spracherwerbs nicht allein eine all- gemeine Lerntheorie ausreicht, sondern ein bereits im menschlichen Erbgut angelegtes Vermögen vorausgesetzt werden muss, findet sich schon bei Noam Chomsky. Dieser wandte sich bereits in seinen frühen Schriften der 60er Jahre gegen den Behavio- rismus, indem er dem Menschen mehr Handlungs-Autonomie zugestand als jene Schu- le: Chomsky betont an mehreren Stellen14, dass es nicht möglich sei, die gesamte menschliche Sprache allein durch Reiz-Reaktions-Modelle zu erfassen, sondern es auch eines Aspektes bedürfe, der dieKreativitätdes Sprecher/Hörers erklärt, an der jene Mo- delle scheitern. Denn jeder Sprecher/Hörer ist in der Lage, solche Sätze sowohl zu ver- stehen als auch zu erzeugen, die, wie Pinker es später ausdrückt, „aus einer völlig neuen Wortkombination [bestehen], die in der Geschichte des Weltalls bislang nie dagewesen ist“15. Chomsky scheint ebenfalls der Versuch aussichtslos, Sprache ausschließlich anhand von Funktionen, aber ohneVerständniszu erfassen.

Heute, über 40 Jahre später, sind diese Thesen immer noch aktuell; es ist schließlich bislang weder ein Computer vorgestellt worden, der eigenständig sinnvoll sprechen oder Texte produzieren könnte,16noch auch ‚nur’ einer, der kompetente Übersetzungsarbeit leistet: Bei mehrfach aufeinander folgender Übersetzung17durch die gängigen Compu- terprogramme potenzieren sich jene Fehler, die schon bei der ersten Übersetzung auftre- ten18und das Ergebnis ist Nonsens. So wird eines der Vorzeigestücke der deutschen Dichtkunst, Rainer Maria RilkesPantherzumLeopardund die ersten vier Zeilen des Gedichtes mutieren zu

„sein Anblick wurde, wenn er ermüdet wird, / um das Personal zu führen, denen er nichts mehr beurteilt. / Er ist, als ob es tausend Personal / und hinter tausend Personal keine Welt geben würde.“19

Mit seiner Ablehnung des Behaviorismus bewegt sich Chomsky zwar vom Naturalismus weg, lässt aber zumindesteinenaturalistische Annahme zur Basis seiner gesamten Theorie werden: Er baut zentral auf die genetische Determination (speziell!) des menschlichen Sprachvermögens auf.

Diese Grundhaltung, bzw. vielmehr dasAusmaß, welches Chomsky dem genetischen Einfluss zuschreibt, ist von vielen anderen Wissenschaftlern sowohl direkt als auch indi- rekt und aus unterschiedlichen Gründen scharf kritisiert worden. Diese Arbeit wird nur zwei von ihnen erwähnen, den Philosophen Hilary Putnam und den Kognitionspsycho- logen Jean Piaget.

2.1 DieInnateness Hypothesis

In seiner SchriftCartesian Linguisticsvon 1966 formulierte Chomsky die Theorie der Eingeborenen Ideen(Innateness Hypothesis, im Folgenden ‚IH’) zum ersten Mal, in einem kurzen Zeitschriftenbeitrag im folgenden Jahr20führte er sie weiter aus. Die IH besagt, dass dem Menschen gewisse grundlegende Informationen über Sprache notwendigerweise bereits angeboren sind, also nicht gelernt werden (müssen): „Es ist evident, daß diese […] Prinzipien in ihrer Gesamtheit nicht aus Erfahrung gelernt wer- den können, ja daß sie überhaupt unabhängig von Erfahrung sein können.“21Zur Un- termauerung der IH stützt er sich auch auf ältere Schriften, etwa von Leibnitz, der an PlatonsMenonerinnert - „nichts kann uns gelehrt werden, dessen Idee wir nicht schon im Geiste hätten“22. Weiterhin wird dann „externe Stimulation nur benötigt, um einge- borene Mechanismen in Gang zu setzen; sie bestimmt nicht die Form dessen, was er- worben wird.“23

Chomsky löst sich jedoch von seinen Vordenkern aus den vorigen Jahrhunderten. Aus- gehend von der von ihm schon vorher angesprochenen Universalgrammatik, die alle menschlichen Sprachen aufgrund der in ihnen enthaltenen Universalien - so enthält etwa die Grammatik jeder beliebigen Sprache strukturbeschreibende (SB-) Komponen- ten, Transformationsregeln (T-Regeln), weist gewisse syntaktische und semantische Kategorien (etwa ‚Eigenname’, ‚Satz’, ‚Verb’ etc.) auf, besitzt gewisse allgemeine se- mantische Regeln und interpretiert das Sprachmaterial phonologisch über einen gewis- sen endlichen Vorrat von phonetischen Zeichen - beschreiben und erklären kann, postu- liert er einenLanguage Acquisition Device(LAD). Der LAD steuert mit Hilfe der der Erfahrung dargebotenen sprachlichen Daten das Sprachlernen insoweit, als dass er etwa von allen möglichen Grammatiken die einfachste der zu jenen Daten passenden be- stimmt und den Sprecher diese Grammatik anwenden lässt. Auf die genaue Beschaffen- heit des LAD geht Chomsky allerdings genauso wenig ein24, wie auf dessen konkrete Arbeitsweise, bietet lediglich eine Beschreibung dessen, was durch diese ‚Black Box’ erreicht wird. Laut Chomsky kann die IH nun aber Folgendes erklären:

1) Die Ähnlichkeiten aller menschlichen Sprachen, also die Existenz der (oben ge- nannten) sprachlichen Universalien.

2) Die Tatsache, dass allein der Homo sapiens über (eine solch komplexe) Sprache verfügt.

3) Den Umstand, dass das Sprachvermögen eines Sprechers weder von seiner Intelli- genz noch von seiner individuellen Umwelt abhängt.

4) Die Leichtig- und Schnelligkeit, mit der Kinder - zumal in einem Alter „when a child is capable of little else“25- die Sprache lernen.

5) Das Vermögen, überhaupt Sprache zu erwerben. Laut Chomsky war jede Sprache viel zu umfangreich26um sie überhaupt jemals zu bewältigen: „Compared with the number of sentences that a child can produce or interpret with ease, the number of seconds in a lifetime is ridiculously small.“27

2.2 Erste Kritik an Chomskys Modell

Diese Theorie hat allerdings, gerade in solch einer Form, viele Schwachstellen.28

Solange lediglich die Existenz des LAD behauptet wird, Genaueres zu seinen Qualitäten (Form, Inhalt, Funktionsweise) aber nicht gesagt wird (werden kann), hat die ganze Hypothese keinerlei Erklärungswert. Hilary Putnam, der direkt auf Chomskys Artikel reagierte, schrieb: „Invoking ‚Innateness’ only postpones the problem of learning: it does not solve it.“29

Außerdem ist die Theorie schlicht nicht wahrheitsfähig: Nicht nur vom Kritischen Rati- onalismus wird gefordert, dass eine Aussage, damit ihr überhaupt ein Wahrheitswert - ‚wahr’ bzw. ‚falsch’ - zugeordnet werden kann, beide Möglichkeiten zulassen muss - eine Aussage, die in sich nicht einmal dieMöglichkeitträgt, überhaupt falsch sein zu können, kann eben auch nicht wahr sein.30

Für wahrheitsfähige Aussagen ist immer auch die Angabe gefordert, wie jene überprüft werden können. Dieses ist aber bei der IH unmöglich: Um sie zu überprüfen, müsste schließlich ein Gegenmodell angeführt werden31, also eine der unseren zwar in Kom- plexität und Aufbau in etwa vergleichbare Sprache, die abernichtdem LAD-Schema entsprechen dürfte und es müsste gezeigt werden, dass sie nicht lernbar sei. Da sie nicht lernbar wäre, könnte sie aber nicht einmal angegeben werden: Als ‚Sprache’ kann nur ein reglementiertes System bezeichnet werden, das erkennbar der Kommunikation dient. Bei einer (für den Menschen) nicht lernbaren Sprache wären aber (für den Men- schen) keinerlei Regeln ersichtlich, somit könnte kein Mensch dieseswas-auch-immer als Sprache bezeichnen.32Putnam kreiert in seinem Aufsatz hypothetische Marsbewoh- ner (wohlgemerkt: keine Marsmenschen!), deren nicht LAD-konforme Sprache dem Mensch völlig unzugänglich wäre.33Man muss jedoch sogar noch weiter gehen: die Mars-Sprachewürde vom menschlichen Betrachter nicht einmal als solcheerkannt werden können!

Und selbst als erklärendes Modell ist die IH nicht besonders leistungsstark: Zu 1)

Die IH ist nicht die einzige Möglichkeit, das vorliegende Material - die sprachlichen Universalien - zu beschreiben und zu erklären. So sind etwa SB- und T-Komponenten nicht in der Sprache selbst begründet, sondern sind lediglich Aspekte der die Sprache beschreibenden Grammatik, nur ein Teil derAbbildesder Sprache, das auch anders aus- sehen könnte - ein Gegenstand enthält nicht seine eigene Beschreibung.34(Mit den se- mantischen Regeln verhält es sich ähnlich: Sie sind für Chomskys Theorie notwendig, um irgendwie eine Verbindung zwischen sprachlichen Zeichen und dem von ihnen Intendierten zu erzeugen.)

Weiterhin ist es fraglich, ob die erwähnten Kategorien (‚Eigenname’, ‚Satz’, ‚Verb’ etc.) wirklich in den Grammatiken aller Sprachen vorkommen - oder ob ihre Universalität wiederum nur aufgrund der Beschreibung zustande kommt (Etwa: „Die x der Sprache y verhalten sich wie die bekannte Kategorie ‚Eigenname’.“). Putnam führt außerdem an, dass sich diese Kategorien wechselseitig bedingen, aus einer folgen auch die restlichen:

„If a language contains nouns - that is, a phrase-structure category which contains the proper names - it contains noun phrases, that is, phrases which occupy the environment of nouns. If it contains noun phrases it contains verb phrases - phrases which when combined with a noun phrase by a suitable construction yield sentences. If it contains verb phrases, it contains adverb phrases - phrases which, when combined with a verb phrase yield a verb phrase. Similarly, adjective phrases, etc., can be defined in terms of thetwobasic categories ‘noun’ and ‘sentence’. Thus the existence of nouns is all that has to be explained.”35

Die Häufigkeit des Auftretens dieser Kategorien ließe sich allerdings auch über dieLeistungsstärkevon Sprachen, die eben solche Kategorien benutzen, erklären: Laut Putnam wird durch Eigennamen die Schwierigkeit vermieden „of always finding a definitedescription[Hervorhebung W.W.] which will suffice instead“36.

Leistungsstärke ist darüber hinaus ein Argument, das die Gleichförmigkeit von Sprachen insgesamt verdeutlichen kann: Angenommen, es gäbe solch eine ‚merkwürdige’ Sprache wie die, die Benjamin Lee Whorf den Hopi-Indianern zuschreiben wollte; eine, die „keine Wörter, grammatische Formen, Konstruktionen oder Ausdrücke [enthielte], die sich direkt auf das beziehen, was wir ›Zeit‹ nennen“37. Auch wenn so ein Denken von sämtlichen Esoterik-Fans als das wahre Paradies gepriesen wird - die Sprecher dieser Sprache hätten ernsthafte Probleme.

Denn es ist für den Menschen nicht nur ungemein nützlich, sondern sogar überlebens- wichtig (gar nicht mal nur gattungsbezogen), einmal erworbenes Wissen an seine Mit- menschen - insbesondere seine Nachkommenschaft - weiterzuvermitteln. Und bei sol- chen Beschreibungen ist bisweilen dieReihenfolge, in der etwa bestimmte Handlungen ausgeführt werden sollen, nicht beliebig. Der junge Hopi-Indianer, dem sein Vater nicht mitteilen konnte, dass man - um ein klischeehaftes Beispiel zu wählen - den Büffel zuersttötet und ihmdanachdas Fell abzieht - weil in seiner Sprache einfach keine Wörter wie ‚zuerst’ und ‚danach’ vorkommen - und der sich für die falsche Reihenfolge entscheidet, gerät wahrscheinlich in große Schwierigkeiten…38

…die schon allein durch eine Sprache, welche über einen Zeitbegriff und über Zeitwörter verfügt, hätten vermieden werden können. Ähnliche Beispiele ließen sich auch für die anderen oben erwähnten Kategorien finden.

Zur Notwendigkeit endlichen phonetischen Inventars meint Putnam schließlich: Schon die Ähnlichkeit aller menschlichen Sprechorgane allein bedingt, dass nicht unendlich viel phonetisch unterschiedliche Zeichen möglich sind (Er erklärt auch andere Gemeinsamkeiten beliebiger Sprachen dadurch, dass eben die sie sprechenden Menschen ebenfalls - nicht zuletzt physische - Gemeinsamkeiten haben.).39

Zu 2)

Die ausschließlich dem Menschen eigene Sprachfähigkeit lässt sich auf seine Intelligenz zurückführen, die sich von der der Tiere deutlich unterscheidet (es ist nicht einmal not- wendig, von einer ‚höheren’ Intelligenz zu sprechen). Das gilt selbst für Menschen mit Behinderungen.

Zu 3)

Wenn auch alle Menschen grundsätzlich fähig sind, eine Sprache zu lernen, sind Intelli- genz und Umfeld doch zumindest qualitativeFaktoren: Zwei Menschen, denen unter- schiedliche Intelligenzgrade zugeschrieben werden, unterscheiden sich gemeinhin eben- falls sowohl in ihrer Sprache (ihren sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten; selbst die Grammatik ist bisweilen betroffen, denn einige Menschen können sich selbst im Er- wachsenenalter auch einfachste grammatische Regeln - und sei es die Pluralbildung - nur bedingt aneignen40) als auch gerade in der Schnelligkeit ihres Spracherwerbs.41Und dass das soziale Umfeld einer Person deren Sprache beeinflusst, haben allemal Dutzen- de von soziolinguistischen Studien gezeigt.

Zu 4)

Bei Chomsky ist zu bemängeln, was auch bei Pinker vielerorts auffällt und was einer kritischen Betrachtung einfach nicht standhält42: die ständigen Anmerkungen, dass etwa „Kinder diese komplexen Grammatiken außerordentlich schnell […] entwickeln“43oder dass gesagt wird, Kinder vollbrächten „außergewöhnliche Schöpfungsakte“44, „Jedes Kind, das seine Muttersprache lernt, ist ein Sprachgenie.“45.

Denn was sollen in diesem Zusammenhang Worte wie ‚außergewöhnlich’, ‚außeror- dentlich’, und ‚Genie’, bedeuten, die schließlich immer nur relativ benutzt werden kön- nen: Jemand ist außergewöhnlich/außerordentlich oder ein Genielediglich im Vergleich mit jemand anderem oder dem Rest einer Gruppe. Chomsky und Pinker sagen doch, jederMensch sei in der Lage, Sprache zu lernen. Aber etwas, dasjedergewöhnliche Mensch beherrscht (und zudem auch noch ganz unwillkürlich lernt),kanneben nicht ‚außer-gewöhnlich’ oder ‚kompliziert’ genannt werden - wer es tut, benutzt die Worte schlicht und einfach falsch. Die Umstände fordern hingegen das Wort ‚normal’.

Außerdem, wie Putnam meint: „[N]ine or ten years is enough time to become pretty darn good atanything.”46

Chomsky und Pinker wollen vielleicht darauf hinaus, dass der Gedanke sie erstaunt, Kinder würden ohne Probleme etwas lernen, das uns Erwachsenen nur durch die Theorie der Generativen Grammatik zugänglich ist - und was durch deren Komplexität vielen Menschen ebengarnichtzugänglich ist. Aber das, was Kinder lernen, darf man genauso wenig mit letzterer verwechseln (denn diese bildet zu jenem eine Metaebene), wie man per Analogie vom Komplexitätsgrad explizit formulierter grammatikalischer Regeln auf den Komplexitätsgrad des Spracherlernens schließen darf.

Zu 5)

Und auch im letzten Punkt ist Chomskys These nicht zu halten, denn ebenso, wie es möglich ist, mit endlich vielen sprachlichen Mitteln unendlich viele Sätze zu erzeugen, muss es möglich sein, mit endlich vielen Regeln (die aus endlich vielen Daten gewonnen werdenkönnen) unendlich viele Sätze zu beherrschen.

Anders gesagt: Berücksichtigt man bei einer Schachpartie nicht nur den Spielstand zu einem gewissen Zeitpunkt (denn es gibt nur endlich viele mögliche Situationen), son- dern auch den bisherigen Verlauf (der ja auch für die Analyse der Strategien der beiden Kontrahenten wichtig ist), gibt es unendlich viele unterschiedliche Spielstände. Das Schachspiel hat nur endlich viele Regeln, die ein Schachspieler durchaus lernen kann: Auch ohne angeborene Schachspielkenntnisse weiß er dann unendlich viele unter- schiedliche Spielstände zu beurteilen, mit ihnen umzugehen und das Spiel fortzuführen.

Probleme bereitet weiterhin ein Punkt, der sich aus der Arbeitsweise des LAD ergibt. Chomsky selbst beschreibt ihn als eigenständig undausschließlich unterbewusstoperie- renden Mechanismus, der von dem bewussten Denken völlig getrennt sei, zu dem als solchen jenes gar keinen Zugang - besser noch: Zugriff- mehr habe und auf den - als ‚black box’, die quasi Zauberkunststückchen macht, welche man sich sonst nicht erklä- ren kann - lediglich in der Reflexion auf rekonstruierte Vorgänge geschlossen werden könne.47

Doch zusammen mit Chomskys These, Sprache sei viel zu komplex, um sie ohne den LAD vollständig zu erfassen, wird dann doch die Frage aufgeworfen, wie man über- haupt noch mit ihm umgehen kann: Wäre dann nicht allen Menschen der bewusste Zu- gang zum Verständnis ihrer Sprache versperrt, wäre dann nicht niemand mehr dazu in der Lage, so eine LAD-basierte Grammatik wirklich zu verstehen (einbewussterPro- zess!)?Undkönnte sie überhaupt jemand jemals soweit ausformulieren (ebenfalls ein bewussterVorgang), dass sie die Sprache vollständig beschriebe? Da die bewusste Re- flexion keinen Zugriff auf die unterbewussten Routinen des LAD hat, könnte sie das Reflektierte niemals einholen; Chomsky vermischt hier allerdings beide Ebenen.

Putnam bezweifelt außerdem, dass, wenn schon angenommen werden soll, dem Men- schen seien gewisse Ideen angeboren, diese sich unbedingt auf Sprache beschränkten. Er führt aus48, dass schon ein generellesinnate intellectual equipmentausreichen würde, welches unter anderem,aber eben nicht ausschließlichbeim Spracherlernen zum Tra- gen käme.

Ungemein ökonomischer als eine spezielle wäre einegenerellementale Vorrichtung allemal. Und genau dieser Einwand führt zu einem anderen wichtigen Kritiker Chomskys: Jean Piaget.

2.3 Das Gegenmodell Piagets

Piaget, der sich intensiv mit der (früh-) kindlichen Entwicklung beschäftigte, baut zwar auch auf Angeborenes, seine Schule erklärt aber die sprachliche Entwicklung des Kin- des über eineallgemeinekognitive Entwicklung. Die Sprache nimmt bei ihm keine Son- derrolle ein - ist lediglich „Abbild des Denkens“49-, sondern tritt nur als sekundäre Verhaltensweise auf.

In Piagets Theorie werden die Lernprozesse (und -erfolge) des Kleinkindes aus dessen Handlungen deriviert: Lernen hat einen physischen Ursprung. Das Kind eignet sich kein ‚realistisches’ Wissen, keine ‚ewigen Wahrheiten’ an, sondern lernt ‚einfach nur’, mit seiner Umgebung umzugehen - was an Erfolg und Misserfolg seiner Handlungen gemessen wird - undkonstruiert(Piaget bezeichnete sich selbst alsKonstruktivisten) sich dabeihandelndseine (eigene) Wirklichkeit.Sensomotorische Intelligenzist die Voraussetzung, die es dafür benötigt: Die Fähigkeit, die eigenen ‚Aktionen’kognitiv zu verarbeiten - und mit denReaktionender Umwelt zu verrechnen.50

Mit Hilfe dieser sensomotorischen Intelligenz konstruiert sich das Kind stufenweise (Stufenmodell) die (Grund-) Strukturen des eigenen Denkens, zu denen etwa neben den kognitiven Substrukturen auch die Grundzüge der (besser: ‚einer’) Logik gehören.51„[A]ber ich bestreite, daß diese Strukturen angeboren sind. Ich glaube […], daß sie ein Ergebnis von Entwicklung sind.“52

Auch Piagets Ansatz wurde angezweifelt, ein einfacher aber sehr gewichtiger Einwand stammt von Jerry Fodor, der zu bedenken gab, dass formal-logisch Systeme einer bestimmten Stärke nicht aus schwächeren entwickelt werden können. Dieses Vorgehen ist aber für Piagets Stufenmodell vonnöten.

Unbeachtet bleibt dabei, dass auch das Verfahren der mathematischen Induktion eine analoge Schwäche aufweist, die aber eben ‚nur’ formal besteht und in der Pragmatik vernachlässigt wird - denn das Prinzipwirdangewendet und zwar erfolgreich.

Sowohl Chomsky als auch Piaget gehen von einemfixed nucleus, einem ‚angeborenen Kern’ aus53und lediglich über dessen Qualitäten herrscht Uneinigkeit. Piagets Modell ist aber eine im Bezug auf den nötigen Aufwand viel effektivere Alternative als die Chomskys. Die IH entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als etwas, auf das man getrost Occams Rasiermesser anwenden darf: Obwohl weder explizit ausformuliert noch überhaupt testbar, ist sie aufallesanwendbar und gestattet keinerlei Gegenmodelle. Aus Gründen der Ökonomie kann und sollte man daher auf sie verzichten.

3. PinkersSprachinstinkt

Alle Kritik an Chomskys Grundlage - der genetischen Determination (speziell!) der Sprache - trifft auch bei Pinkers Ansatz ins Schwarze.

Letzterer verschärft die These allerdings, ist der Ansicht, der Menschkönne gar nichtanders, als Sprache auszubilden und vergleicht das Sprachvermögen des Menschen daher mit der Webkunst einer Spinne:

„Die Herstellung eines Spinnennetzes wurde nicht etwa von irgendeinem in Vergessenheit ge- ratenen Spinnengenie erfunden und ist unabhängig von einer soliden Ausbildung oder der Be- gabung zum Architekten oder Bauingenieur. Vielmehr spinnt die Spinne ihr Netz, weil sie ein Spinnengehirn besitzt, das in ihr den Drang zu spinnen weckt und sie befähigt, diesem Drang mit Erfolg nachzugeben.“54

Eine Spinne braucht also keine Anleitung von Artgenossen, um zu spinnen, tut es unab- hängig von ihrer Situation.55Aber fängt ein Kind, das nicht durch seine Umgebung mit Sprache konfrontiert wird, allein an zu reden; entwickelt es ohne Kontakt eine ‚Proto- sprache’, die, fehlt der Gegenüber, zu dem man spricht, schließlich völlig sinnlos ist? (I.e.: Kann dem Menschen wirklich nicht mehr Zweckrationalität zugestanden werden als einer Spinne?)

Die Schilderungen des Falles von Kaspar Hauser sind sich einig, dass der etwa 16 Jahre alte Junge bei seinem Auftauchen nicht in der Lage war zu kommunizieren (Er konnte lediglich einen Satz aufsagen, Sprache hatte aber für ihn keine Bedeutung.), anfangs nicht einmal das Prinzip ‚Sprache’ begriff, es aber mit Hilfe seiner Mitmenschen an- satzweise (bis er fünf Jahre später ermordet wurde) lernte: Er hatte sich während seiner Gefangenschaft eben nicht mit sich selbst unterhalten - und mit dem Hund spricht auch nur jemand, der vorher schon zu anderen Menschen gesprochen hat.56Umgekehrt ist es für einen (realen) Robinson lediglich dann kaum problematisch, mit einem Freitag in Kommunikation zu treten, wenn beide das Prinzip schon vorher kannten.

Welch absurde Situationen die Annahme eines unbedingten ‚Sprachzwanges’ möglich machte, kann durch die Sciencefiction-Persiflage „Per Anhalter durch die Galaxis“ des britischen Autors Douglas Adams verdeutlicht werden. Dort entsteht aufgrund nicht näher zu beschreibender Umstände ein paar Meilen über dem Erdboden plötzlich ein Pottwal (mit stark vermenschlichten Zügen):

„Und da das von Natur aus kein geeigneter Ort für einen Wal ist, hatte dieses arme Geschöpf nur sehr wenig Zeit, sich über seine Identität als Wal klarzuwerden, ehe es sich darüber klar werden mußte, daß es plötzlich kein Wal mehr war.

Hier folgt eine vollständige Wiedergabe der Gedanken des Wals von dem Augenblick, als er sein Leben begann, bis zu dem Augenblick, als es endete.

Ah…! Was passiert denn hier? dachte er. Äh, Entschuldigung, wer bin ich? Hallo? Warum bin ich hier? Was ist der Sinn meines Lebens? Was meine ich wohl mit der Frage Wer bin ich? Nun mal ruhig! Guck erst mal, was hier überhaupt los ist… Oh! Das ist aber ein interessantes Gefühl, was ist das bloß? Es ist so was ähnliches wie… ein Gähnen oder Kitzeln in meiner… meinem… Also wahrscheinlich fange ich am besten erst mal damit an, Namen für die Dinge zu finden, wenn ich aufgrund von… ich nenne es mal Schlußfolgerungen… überhaupt Fortschritte in dieser… ich nenne es mal Welt… machen will. Also, ich nenne es mal meinen Magen. Gut. Ooooh, jetzt wird’s aber ziemlich heftig. Und, he! Was ist das für ein Pfeifen und Brau- sen, das an meinem… ich nenne es mal fix Kopf… vorbeifegt? Vielleicht könnte ich es… Wind nennen! Ist das ein guter Name? Fürs erste genügt er… Vielleicht finde ich später einen besseren dafür, wenn ich weiß, wozu er überhaupt gut ist. Er muß was verdammt wichtiges sein, denn es gibt scheint’s eine irrsinnige Menge davon. He! Was ist das denn für ein Ding? Dieser… ich nenne es mal Schwanz - ja, Schwanz. He! Ich kann damit ja wirklich ziemlich gut hin und her schlagen, was? Herrlich! Herrlich! Das fühlt sich einfach phantastisch an! Es bringt ja offenbar nicht viel, aber wahrscheinlich komme ich später noch dahinter, wozu das gut ist. Tja, also - habe ich mir nun schon ein zusammenhängendes Bild von den Dingen gemacht? Nein.

Macht nichts. He, das ist ja wirklich aufregend, so vieles rauszufinden, so vieles, was ich noch vor mir habe, mir wird ganz schwindelig vor lauter Vorfreude… Oder kommt das vom Wind? Davon ist jetzt aber wirklich sehr viel da, was? Und, Mannomann! Jungejunge! Was ist das, was da plötzlich so schnell auf mich zukommt? So sehr, sehr schnell. So riesig und so flach und so rund. Das braucht einen riesigen, weiten klingenden Namen… wie… un… und… rund… Grund! Das ist es! Das ist ein guter Name - Grund! Ob er wohl nett zu mir ist?

Und der Rest - nach einem plötzlichen und sehr feuchten Aufprall - war Schweigen.“57

Mag dieser Beitrag auch ‚nur’ aus der fiktionalen Literatur stammen, er veranschaulicht doch, wann Sprache zum bizarren Kuriosum würde: Wenn es nur einen einzigen Sprecher gäbe. WittgensteinsPrivatsprachenargument58thematisiert dieses Problem und weist nach, dass solch eine Sprache nicht einmal konsistent wäre.

Dass zwar auch ein isolierter Mensch59irgendwie mit seiner ‚Lebenswelt’ im Kopf um- gehen, sie sich mental repräsentieren muss, kann wohl nicht bestritten werden. Aber das, was bei Pinker ‚Mentalesisch’ heißt, die „Gedankensprache“60, hat laut seiner eige- nen Aussagen wenig mit der ‚echten’ Sprache, die der Kommunikation dient und auf die sich der Sprachinstinktausschließlichbezieht, zu tun.61So besitzt Mentalesisch laut Pinker beispielsweise weder einen klaren Wortschatz, noch eine Grammatik, ist also nicht mit dem Selbstgesprächdes Wales zu vergleichen: Der komische Effekt des Tex- tes wird schließlich gerade durch den angestrebten Wortschatzaufbau und die ‚mentale Rhetorik’ des tragischen Helden bewirkt.

Außerdem besitzt laut Pinker allein der Mensch den Sprachinstinkt, während diese Ge- dankensprache auch den nuretwashöher entwickelten Tieren unmöglich völlig abge- sprochen werden kann - Pinker selbst bringt etwa das Beispiel der Affen, die Verwandt- schaftsbeziehungen erkennen62-, mag sie auch beim Menschen weitaus komplexer und leistungsstärker sein.

Folglich wird der von Pinker angenommene ‚Zwang zu Sprache’ nur bedingt aktiv, nämlich musszumindestschon einmal gegeben sein, dass wenigstens zwei Menschen zusammentreffen.

Aber angenommen, all dies sei der Fall und die Sprache sei für den Menschen keine fakultative Option: Was müsste dann zwingendaußerdemnoch alles angeboren sein? Mit einer allgemeinen Lerntheorie kann vieles umspannt werden, Intelligenz ist per Definition in ihrer Anwendung flexibel, aber eine Theorie, die dieses Prinzip negiert oder auch nur beschränkt, bürdet sich auf, die gesamte Sprache und all ihre Ausprägungen und Eventualitäten als schon vorher Angelegtes enthalten zu müssen - und zwar nicht nur als ‚ein Wunder, das sich immer an dieser Stelle ereignet’.

Selbst erkenntnistheoretische und kognitive ‚Routinen’ ließe sie nicht unangetastet. So fußt auch die Kommunikation bei Willard Van Orman Quines berühmten ‚Kaninchen- Problem’, auf das Pinker ja ebenfalls eingeht63, auf Mechanismen, die zwar bei uns all- gemein anerkannt sind, für die aber eigentlich eine kritische Hinterfragung verlangt werden müsste:Darfdavon ausgegangen werden, dass die deiktische Haltung des aus- gestreckten Armes ‚selbst-verständlich’ ist? Mit Hilfe einer Lerntheorie ließe sich dieses Verständnis quasi autopoietisch erarbeiten, ansonsten taucht es als weiterernotwendiger ‚genetischer Ballast’ auf.

Bedenkt man nun noch, dass, wie oben schon erwähnt, auch zahlreiche Tierarten sich einer (wie-auch-immer-gearteten) Form von Kommunikation bedienen, wird Pinkers Theorie noch fragwürdiger, denn spätestens jetzt darf genauso behauptet werden,64dass schon jedes einzelneausreichend intelligenteLebewesen Kommunikation in der allge- meinsten Form (und darauf aufbauend ggf. eine Sprache) entwickeln kann, wenn es in der Interaktion mit Artgenossen einerseits ihre Möglichkeit bzw. Existenz, andererseits ihre Relevanz und Nützlichkeit erkennt. Solch eine Theorie ist solange gleichwertig mit Pinkers, wie er seine Thesen nicht verifizieren kann65und da sie mit weniger angenom- menen Entitäten dasselbe leistet, wiederum ökonomischer als jene.

Konklusion

Im Zuges des Scientismus, der die Welt anhand von messbaren Daten erklären will, war es immer schon reizvoll, für alle möglichen Phänomene eine Determiniertheit anzu- nehmen, die dafür sorgte, dass Vorgänge in festen, vorhersehbaren Bahnen verlaufen. Dieses Bestreben macht nicht einmal vor der Anthropologie halt und in immer wieder unterschiedlichen Ausprägung taucht die These vom naturbestimmten Menschen auf, die im Behaviorismus eine Blütezeit hatte. Allein die ethischen Konsequenzen, die sich aus solch einem Weltbild ergeben, sind bedenklich: Wenn der Mensch nur Automat ist, wie steht es dann mit seiner (Eigen-)Verantwortung; welchen Sinn hat dann noch die Gerichtsbarkeit?

Die ‚letzte Realität’ kann nicht vom Menschen eingeholt werden, der schließlich in ihr enthalten und außerdem in der ‚condition humaine’ - d.h. der Abhängigkeit von den vermittelnden Sinnen, unfähigdirektwahrzunehmen - gefangen ist. Paul Watzlawick formuliert diesen Gedanken wie folgt:

„Die Wirklichkeit, von der wir sprechen können, ist nie die Wirklichkeit an sich, sondern eine gewußte Wirklichkeit oder sogar in vielen Fällen eine von uns gestaltete Wirklichkeit. Wenn gegen diese letztere Formulierung eingewandt wird, daß es schließlich doch eine objektive, von uns unabhängige Welt gebe, die ohne unser Zutun abläuft oder ablaufen kann und die wir ei- gentlich mit der Forschung meinen, so muß diesem zunächst so einleuchtenden Einwand ent- gegengehalten werden, dass schon das Wort ‚es gibt’ aus der menschlichen Sprache stammt und daher nicht gut etwas bezeichnen kann, das gar nicht auf unser Erkenntnisvermögen bezogen wäre. Für uns gibt es eben nur die Welt, in der das Wort ‚es gibt’ einen Sinn hat.“66

Was ‚da draußen’ ‚wirklich’ ist, ist daher nicht die wichtige Frage, sondern vielmehr, wassinnvollausgesagt werden kann und sollte; durch welche Modelle der Mensch mit seiner Umwelt am besten umgehen kann.

Und diesem Anspruch wird Pinkers Sprachinstinkt-Theorie einfach nicht gerecht, ist sie doch - wie oben hoffentlich gezeigt werden konnte - nicht nur unbeweisbar, sondern erzeugt vor allem Probleme, die ein kulturalistisch begründeter Ansatz elegant vermei- det.

Literatur

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Janich, Peter: Logisch-pragmatische Propädeutik : Ein Grundkurs im philosophischen Reflektieren. Weilerswist, Velbrück Wissenschaft, 2001.

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Maddieson, Ian: Patterns of Sounds. Cambridge. Cambridge University Press, 1984. Piaget, Jean: Sprechen und Denken des Kindes. Düsseldorf 1972.

21

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[...]


1Solch eine Maschine kann nicht zwischen ‚wahr’ und ‚falsch’ unterscheiden. Worauf gründete eine von dieser Maschine formulierte Theorie dann ihre Gültigkeit? Vgl. hierzu auch Janich 2001, S. 156 und Watzlawick 1999, S. 55ff..

2Pinker 1994, S. 21.

3Aristoteles: Politik, I 2.

4Pinker 1996, S.22.

5D.h. ob sie überhaupt nur die Möglichkeit der Veri- bzw. Falsifizierbarkeit bietet.

6Wittgenstein 1999, 5.6.

7Pinker 1996, S. 21.

8Pinker 1996, S. 22.

9Von der Form „Er denkt, dass ich denke, dass er denkt, dass ich denke usw.“.

10So haben wir heute mehrere Millionen Jahre ‚Wissensakkumulation’ durchlaufen: Das Wissen, das der homo habiliserlangte, als er die ersten Werkzeuge herstellte, ging dank Kommunikation nie wieder verlo- ren.

11Einige Affenarten sind in der Lage, Nüsse mithilfe von Steinen zu knacken. Dabei müssen sie sowohl darauf achten, einen geeigneten ‚Hammer’ als auch einen geeigneten ‚Ambos’ zu gebrauchen. Die jungen Affen lernen dies allerdings nicht durch direkte Anweisung ihrer Eltern, sondern durch einfache Imitation jener und durch den Erfolg, den sie mit ihren Aktionen haben. Derartige Wissensübermittlung stößt aller- dings bei komplexeren Wissensbereichen (bei denen ggf. überlegt werden muss, welche Teile (für den Erfolg) relevant sind und welche nicht) und solchen, bei denen der Erfolg nicht unmittelbar sichtbar ist - etwa Ackerbau - aus ersichtlichen Gründen bald an ihre Grenzen. Außerdem: Wie viel einfacher, schnel- ler und sicherer geht es, wenn man lediglich zu sagen braucht: „Pass auf, du musst dies und jenes tun.“ und eventuell sogar noch ein erläuterndes ‚damit’ oder gar ‚weil’ hinzusetzen kann.

12Vgl. Pinker 1996, Überschrift Kapitel 1.

13So ist etwa ‚Kunst’ lautBrockhaus-Enzyklopädie(CD-ROM-Version 2001) „im weitesten Sinn jede auf Wissen und Übung gegründete Tätigkeit“, während ein ‚Instinkt’ nicht nur „starr“ und „angeboren“ ist, sondern auchausdrücklichkontrastiert wird mit dem „erlernten und Vernunftgesetzen gehorchenden Verhalten des Menschen“. ImMetzler Philosophie Lexikon(2. Auflage 1999) heißt es zu ‚Kunst’ (S. 313) zuallererst „Kulturbereich“, dann „spezifischer Ausdruck menschlicher Kulturtätigkeit“; ‚Instinkt’ (S. 262) bezeichnet hingegen „phänotypisches Verhalten mit einem festen erblichen Rahmen“ bei dem „die kognitiven Fähigkeiten eine untergeordnete Rolle“ spielen. Auch in derEnzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie(2. Auflage 1995, 2. Bd.) wimmelt es im Artikel ‚Kunst’ (S. 512) quasi von Wörtern wie ‚Intention’, ‚Zielsetzung’, ‚Kultur’ ‚(Kennen-)lernen’, ‚Üben’ etc.; indes wird ‚Instinkt’ (S. 249) ganz klar als „angeborene [...] Verhaltensdisposition“ charakterisiert. Anthropologen (explizit etwa bei Arnold Gehlen) betonen nicht zuletzt, dass Kultur - und erst damit die Kunst - nur da entstehen kann, wo die Instinkte zurückgedrängt werden (‚Instinktreduktion’).

Vgl. auch zum Gebrauch vonPrädikatorenregelnbei Kamlah 1996, S. 82f oder Janich 2001 S. 112f: Erst recht in einer kulturalistischen Handlungstheorie (Hartmann 1996) sind ‚Instinkte’ demVerhaltenzuzuordnen, während eine ‚Kunst’ klar dem Bereich kulturellenHandelnsangehört.

14Vgl. etwa Chomsky 1959.

15Pinker 1996, S. 25.

16Auch Pinker kommt in seinem Buch auf dieses Thema zu sprechen und berichtet, dass der ‚Smalltalk’ eines Computerprogramm immer noch leicht als solcher erkannt werden könne (Vgl. Pinker 1996, S. 86- 91, 223ff..): Trotz der mit Hilfe des ‚Touring-Test’s entwickelten Programmroutinen wirkt der Computer nicht echt, sondern reproduziert - verständnislos - immer nur Vorgegebenes.

17Hier Deutsch → Englisch → Französisch → Englisch → Deutsch.

18Die etwa aus dem Eigennamen ‚Hoffmann von Fallersleben’ ‚hoping man of Fallersleben“ machen oder aus einem ‚Lindenbaum’ einen ‚lime tree tree’.

19Domzalski 2001, S. 46.

20Chomsky 1967.

21Chomsky 1966, S. 80.

22Chomsky 1966, S. 83.

23Chomsky 1966, S. 85.

24Er setzt ihm nur grobe Grenzen: Er muss einerseits diekomplette„diversity of resulting competence - in our case, the diversity of languages“ erklären und andererseits immer noch eine so leistungsstarke Struktur besitzen, „so that the output can be attained within the observed limits of time, data, and access“ (Vgl. Chomsky 1967, S. 3.).

25Chomsky 1967, S. 4.

26Vgl. oben und Chomsky 1966, S. 79ff..

27Chomsky 1967, S. 3-4.

28Vgl. zur Kritik an der IH auch Kutschera 1993, S. 283-288 und Putnam 1967.

29Putnam 1967, S. 21.

30Vgl. auch Hartmann 1996 S. 74.

31Welches durch Chomsky von vornherein ausgeschlossen wird, da er sich mit seinen Arbeiten gerade ausdrücklich aufalle(menschlichen) Sprachen bezieht.

32Sogar die Kommunikationssysteme (die ‚Sprachen’) der Tiere sind für den Mensch insofern lernbar, als dass sie analysiert und zumindest grob und in Teilen begriffen werden können.

33Vgl. Putnam 1967, S. 12.

34Mit Kant gesprochen: „Aller Irrtum besteht darin, daß wir unsere Art, Begriffe zu bestimmen oder

abzuleiten oder einzuteilen, für Bedingungen der Sachen an sich halten.“ (Zitiert nach Watzlawick 1999,

S. 55-56).

35Putnam 1967, S. 17.

36Putnam 1967, S. 17.

37Zitiert nach Pinker 1996, S. 74.

38Vgl. hierzu auch Janich 2001 S. 55 zumPrinzip dermethodischen Ordnung.

39Putnam 1967, S. 15-17.

Es muss allerdings angemerkt werden, dass die Phonetik durchaus unendlich viele Zeichen (Phoneme) kennt; die (prototypischen) Laute, die in den verschiedenen Sprachen benutzt werden, sind unüberschau- bar. Allerdings vereinfacht sich das Schema sehr stark, sobald man darauf achtet, welche (phonetisch unterschiedenen) Laute auch nebeneinander (in derselben Sprache) bedeutungsunterscheidend vorkom- men: Zwar kann man schon in einer ersten Einteilung etwa 20 Plosive unterscheiden, die irgendwie mit dem vorderen Teil der Zunge gebildet werden und beachtet man Details, potenziert sich diese Zahl rasch. Trotzdem hat etwa das Deutsche gerade einmal zwei Phoneme, die in diese Gruppe fallen: Grob gesagt einen apikal-alveolaren Plosiv, der entweder stimmhaft oder -los ist - [t] und [d]. Andere Sprachen (und /t/s kommen in quasi allen Sprachen vor, das Hawaiianische ist eine große Ausnahme) mögen da weite- re/mehr Unterscheidungen treffen. So sind etwa im Kirgisischen das behauchte /t/ (wie es meist auch im Deutschen ausgesprochen wird: [th]) und das unbehauchte bedeutungsunterscheidend, noch andere Spra- chen (Quechua, Tlingit) haben sogar als Drittes ein [t’], bei dessen Bildung die Luft eingesogen wird. Kota und Brahui unterscheiden zwischen dental oder alveolar gebildeten /t/s und Dahalo kombiniert bei- des, hat also 6 /t/s (!) - dafür jedoch keine stimmhaften Pendants (irgendwelche /d/s). Insgesamt wurde bislang keine Sprache gefunden, die mehr als 6 /t/-Phoneme besitzt.

Um diesen Umstand zu erklären, muss aber nicht - wie von Chomsky - eine angeborene ‚Black Box’

bemüht zu werden, die es dem Menschen verbietet, unendlich viele Phoneme in seiner Sprache zu benutzen. Vielmehr reicht wohl ein Hinweis auf die Effizienz aus: Zwar verhält sich die durchschnittliche Wortlänge einer Sprache antiproportional zum Umfang ihres Phoneminventars (und so beinhaltet eine an Phonemen reiche Sprache den positiven Effekt kürzerer Äußerungen), doch erleichtert eine klare Abgrenzung der Phoneme voneinander (also z.B. nur ein /t/, /r/, /n/ usw.) das Verstehen (rein akustisch gesehen) der Ausdrücke der betreffenden Sprache ungemein. Vgl. hierzu Maddieson 1984.

40Vgl. Pinker 1996 Kap. 2 und 9.

41Wobei diese ganze Argumentation m.E. sowieso in einen Zirkel führt: Von einem nur einigermaßen laxen Standpunkt aus gesehen ist ‚intelligenter’ genau derjenige, welcher ‚besser spricht’. Intelligenz ist nicht als solche, sondern nur an irgendwelchen ‚output’s messbar; eines dieser zu evaluierenden outputs ist die Sprache. Stimmt man der Einheit der Begriffe zu, ist die Korrelation trivial, besteht man auf einem Unterschied, ist sie aber trotzdem nicht zu leugnen.

42Was auch Putnam 1967, S. 19 stark kritisiert.

43Pinker 1996, S. 25-26.

44Pinker 1996, S. 46.

45Pinker 1996, S. 46.

46Putnam 1967, S. 20.

47Vgl. Chomsky 1971, S. 79ff. und Chomsky 1967.

48Putnam 1967, S. 15f..

49Vgl. Piaget 1980, S. 90f..

50Vgl.: Piaget 1996 und Piaget 1972.

51Und das alles noch längstvorder Sprache - was bei Chomsky nicht hätte möglich sein können, da die Sprache selbst (zumindestauch) ganz am Anfang steht - welche also keinen Einfluss mehr auf diese Logik ausüben kann.

52Piaget 1996, S. 57 (Wobei die Wahl des Verbs „glauben“ an dieser Stelle eher ungeschickt ist.).

53Auf den Piaget im Oktober 1975 im Rahmen einer Konferenz, an der er gemeinsam mit Chomsky teil- nahm, ausdrücklich hinwies. Er versuchte eine Art Kompromiss zu finden, den Chomsky allerdings aus- schloss.

54Pinker 1996, S. 21.

55Kürzlich fand ich in einer winzigen Keksdose eine verendete Spinne: Sie hatte ein Netz gesponnen, das an jenem Ort natürlich völlig überflüssig war. Anzumerken ist in diesem Zusammenhang natürlich auch, dass die Tätigkeit der Spinne nur aufgrund von Analogie als ‚Webkunst’ bezeichnet wird, denn wie schon oben ausgeführt, kann es keineKunstsein.

56Bei Pinker 1996, S. 19 sind dies zwei Beispiele, die den instinktiven Sprechzwang veranschaulichen sollen.

57Adams 1992, S. 124-126.

58 In: Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen. § 293. Vgl. auch Blume 1998, S. 114f. 17

59Sofern es ihn überhaupt geben kann: Um mehr über den kindlichen Lernprozess herauszufinden, hatte Kaiser Friedrich II. im 13. Jahrhundert einige Neugeborene gleich nach ihrer Geburt von ihren Müttern trennen lassen und ihnen jeden zwischenmenschlichen Kontakt entzogen - mit dem Ergebnis, dass alle Kinder starben.

60Pinker 1996, S. 66.

61Vgl. Pinker 1996, Kapitel 3, S. 65 ff..

62Pinker 1996, S. 81-83.

63Pinker 1996, S. 176ff..

64Es sei denn, Pinker formuliere auch noch einen ‚Kommunikationsinstinkt’ für Tiere. Der wäre dem menschlichen Sprachinstinkt allerdings ziemlich ähnlich, allein schon durch die ‚Kommunikationsuniver- salien’.

65Was schon daher ausgeschlossen scheint, dass die dazu notwendigen Experimente ethisch nicht vertretbar wären. Mögen der Fall Kaspar Hausers und Kaiser Friedrichs Versuch auch viele Fragen offen lassen (gerade auch nach der Glaubwürdigkeit und der Genauigkeit der Darstellung) - Analoges kann heutzutage nicht mehr durchgeführt werden.

66Watzlawick 1999, S. 56-57. Angeblich handelt es sich um ein Zitat aus Werner Heisenbergs „Physik und Philosophie“, konnte dort aber nicht verifiziert werden.

Details

Seiten
22
Jahr
2002
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106750
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1
Schlagworte
Kunst Versuch Kritik Stephen Pinker Noam Chomsky

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Titel: Was ist instinktive Kunst? : Versuch einer kulturalistischen Kritik an Stephen Pinker und Noam Chomsky