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Warum sind pfadabhängige Prozesse in informellen Institutionen von Relevanz für die Durchführung von Reformen in gesellschaftlichen Transformationsprozessen?

Hausarbeit 2000 24 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Osteuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der theoretische Ansatz der “Pfadabhängigkeit”
2.1. Allgemeine Definition pfadabhängiger Prozesse
2.2. Eigenschaften pfadabhängiger Prozesse
2.3. Pfadabhängigkeit und Institutionen
2.3.1. Zum Institutionenbegriff
2.3.2. Rückkopplungen in Institutionen

3. Pfadabhängigkeit im Privatisierungsprozess von SOEs in der CSFR
3.1. Vorüberlegung
3.2. Märkte in der Planwirtschaft
3.3. Akteure und ineffiziente informelle Institutionen
3.4. Institutionenreform
3.4.1. Zum Mechanismus
3.4.2. Kleine Privatisierung
3.4.3. Große Privatisierung
3.4.4. Flankierende Maßnahmen

4. Auswertung

Verwendete Literatur:

1. Einleitung

Parlament und Regierung der CSFR[1] entschieden sich 1990 für die Privatisierung von staatlichen Unternehmen (SOE)[2], verbunden mit einer Demokratisierung, um die tschechische Gesellschaft ‚gesunden’ zu lassen von den Auswirkungen des bisherigen politischen und vor allem des wirtschaftlichen Systems. Beachtenswert dabei ist, dass Finanzminister Klaus, zuständig für die Privatisierung in der CSFR, zwar erklärtermaßen das Ziel einer “Marktwirtschaft ohne Attribute”[3] verfolgte und als neo-liberaler Politiker bekannt war und ist[4], die verfolgte Privatisierungsstrategie jedoch nicht unbedingt neo-liberale Züge aufweist. Sie wird eher als beispielsweise “negotiated economy”[5] oder “strange mix of neo-conservative-corporatist strategy”[6] bezeichnet. Dieser besondere Weg des Umbaus der tschechoslowakischen Wirtschaft berücksichtigte auch Prozesse, die man als ‚pfadabhängige Prozesse’ bezeichnen kann. Auf die Wichtigkeit des Aspektes der ‚Pfadabhängigkeit’[7] in gesellschaftlichen Transformationen machten verschiedene sozialwissenschaftliche Aufsätze aufmerksam[8], wobei selten auf das Konzept der Pfadabhängigkeit eingegangen wurde.

Diese Arbeit soll deshalb einen Überblick über das Konzept der Pfadabhängigkeit geben. Dabei soll es im wesentlichen darum gehen, den Begriff ‚Pfadabhängigkeit’ zu klären, der schon länger in der Wirtschaftswissenschaft bekannt ist[9]. Darauf aufbauend soll dargestellt werden, wie pfadabhängige Prozesse in gesellschaftlichem Kontext zu beschreiben sind. Anschließend soll anhand der Strategie bei der Privatisierung von SOEs in der CSFR/CR ab 1990 skizzenhaft nachgewiesen werden, inwiefern ineffiziente institutionelle Pfade vorhanden waren[10] und in den Privatisierungsmaßnahmen auf welche Weise zu Veränderungen ‚provoziert’ wurden. Dabei wird aus Gründen der Themeneingrenzung bewusst davon abgesehen, konkrete Ergebnisse des Transformationsprozesses in der Wirtschaft darzulegen.

2. Der theoretische Ansatz der “Pfadabhängigkeit”

Mit seiner Dissertation “Pfadabhängigkeit, Institutionen und Regelreform” legte 1999 Rolf Ackermann eine Arbeit vor[11], die verschiedene Ansichten zum Begriff der Pfadabhängigkeit zusammenfasst[12]. Darin entwickelt er einen relativ umfassenden Ansatz, insbesondere in Bezug auf Institutionen, der hier zur Anwendung kommen soll.

2.1. Allgemeine Definition pfadabhängiger Prozesse

Ohne hier weiter auf den Diskurs über ‚pfadabhängige Prozesse’ in der Wirtschaft eingehen zu wollen[13], soll hier lediglich aus den vorhandenen Überlegungen das Wesen der ‚Pfadabhängigkeit’ dargestellt werden.

Mit einem kleinen Modell kann das grundsätzliche Prinzip eines pfadabhängigen Prozesses illustriert werden. Es wird das “Urnenmodell” oder auch “Standard-Polya-Prozess” genannt[14]. Man stelle sich eine Urne vor, in der sich eine rote und eine weiße Kugel befinden. Die Wahrscheinlichkeit, beim Hineingreifen die rote oder die weiße Kugel zu ziehen, ist jeweils 0,5. Nun kommt die Bedingung dazu, nach dem Ziehen einer der beiden Kugeln eine Kugel derselben Farbe, zusätzlich zu der gezogenen, in die Urne zurückzulegen. Nehmen wir an, die erste Kugel sei rot. Bei dem nächsten Versuch ist die Wahrscheinlichkeit Rot zu ziehen höher als beim ersten, nämlich 2:3. Die Wahrscheinlichkeit, dass die vorher gezogene Kugel nochmals gegriffen wird, steigt immer weiter an, je öfter in Folge dieselbe Farbe aus der Urne genommen wird.

Allgemeiner gefasst: Es sei eine Situation vorausgesetzt, die verändert werden soll. Diese Veränderung ist nicht Ergebnis einer rationalen Überlegung, sondern wird durch eine mehr oder weniger ‚zufällige’ Entscheidung herbeigeführt. Identische Entscheidungen, die an nachfolgenden Bifurkationspunkten[15] getroffen werden, nennt man “positive Rückkopplungen”. Der eingeschlagene Pfad, der von Bifurkation zu Bifurkation führt, erhält einen selbstverstärkenden Charakter. Die positive Rückkopplung bezieht sich also auf den Selbstverstärkungseffekt des Entscheidungspfades[16]. Bifurkation bedeutet nicht, dass nur zwei mögliche Ergebnisse denkbar sind, sondern auch mehrere verschiedene. “Und das Ergebnis, welches sich einstellt, [ergibt] sich daraus .. , welche zeitliche Entwicklung der Prozeß nimmt.”[17] Da Zeit irreversibel ist und sich einstellende Ergebnisse eine jeweils neue Ausgangssituation für weitere Entwicklungen schaffen, ist ein pfadabhängiger Prozess nicht ex post veränderbar. Es ist jedoch die Möglichkeit gegeben, aufgrund einer Analyse des bisher ‚beschrittenen Pfades’ Bedingungen zu schaffen, vor anstehenden nächsten Bifurkationspunkten das Ergebnis ex ante zu beeinflussen. Wie das geschehen kann, soll im weiteren beschrieben werden.

2.2. Eigenschaften pfadabhängiger Prozesse

Drei wesentliche Eigenschaften sind der Definition pfadabhängiger Prozesse implizit: Nichtvorhersagbarkeit, Inflexibilität und potenzielle Ineffizienz[18].

Zur Nichtvorhersagbarkeit ist anzumerken, dass nicht von vornherein bestimmt werden kann, welches Ergebnis sich einstellen wird. ‚Kleine historische Ereignisse’[19] bestimmen den Verlauf des Prozesses. Inflexibilität soll bedeuten, dass “die Verteilung, die sich aufgrund der Zufallsschwankungen zu Beginn des Prozesses herausgebildet hat, .. persistent [ist].”[20] Das heißt, der Zufall spielt im weiteren Verlauf eine immer geringere Rolle, und der Selbstverstärkungseffekt eines eingeschlagenen Pfades kann mit fortschreitender Intensität in einen “lock-in” führen[21]. Diese ersten beiden Eigenschaften widerstreben der Auffassung einer Entscheidungsfindung in rational-choice-Ansätzen insofern, als dass rationale Gesichtspunkte keine Priorität besitzen und somit auch Entscheidungen getroffen werden können, die nicht “mit den geringsten materiellen und immateriellen Kosten verbunden sind”[22]. Somit führen Nichtvorhersagbarkeit und Inflexibilität zu potenzieller Ineffizienz. Es wird also nicht gewährleistet, dass die getroffene Entscheidung nachfolgend den effizientesten Entscheidungsweg auslöst. Mit dem Attribut potenziell wird allerdings angezeigt, dass nicht notwendigerweise ein ineffizienter Weg in Bezug auf Kosten und Nutzen eines angestrebten Ergebnisses eingeschlagen werden muss. Die Inflexibilität pfadabhängiger Prozesse verringert jedoch stetig die Wahrscheinlichkeit, dass die optimale Wahl auch getroffen wird. So spricht David Stark in seiner Kritik zu ‚blueprints’ bezüglich eines “all-encompassing institutional change”[23] davon, dass “ processes for selecting technologies and organizational forms [in western capitalism] are governed more by routine than by rational choice”[24].

2.3. Pfadabhängigkeit und Institutionen

2.3.1. Zum Institutionenbegriff

Pfadabhängige Prozesse in beschriebenem Sinne sind in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens zu finden. Hier soll der Fokus auf Institutionen gerichtet werden. Als Institutionen sollen dabei “die Regeln verstanden werden, die das Zusammenleben von Menschen strukturieren”[25]. Diese allgemeine Definition findet man bei Douglass North etwas abgewandelt: “The rules of the game in a society ... are the humanly devised constraints that shape human interaction.”[26] Dabei können die Zwänge oder Beschränkungen, also Institutionen, formaler Natur sein, beispielsweise Gesetze und Normen, aber auch informeller Natur, wie Sitten, Traditionen, Gewohnheiten etc.[27] [28]. Als Handlungsregeln und damit Ordnungsfaktoren in der Gesellschaft müssen Institutionen eine relative Stabilität aufweisen[29]. Es ist wichtig festzuhalten, dass Institutionen unterschieden werden müssen von Organisationen und Akteuren. So sind Institutionen immer Informationen in Form von Regeln, während Akteure Einzelpersonen oder Gruppen von Einzelpersonen (Organisationen) sind, die interessengeleitet an Entscheidungsprozessen beteiligt sind[30].

Formale Institutionen können und werden in der Regel in politischen Prozessen gebildet. Sie sind jedoch den informellen Regeln untergeordnet, die als kulturelle Basis für formale Institutionen nicht von einem oder mehreren Akteuren erzwungen werden können. Sie sind im wesentlichen gekoppelt an eine bestimmte Identität, die, obwohl konstruiert, unter anderem aus informellen Institutionen, in der Eigensicht der Akteure als naturgegeben angesehen werden kann[31]. Informelle Institutionen sind im Sinne des Pfadabhängigkeitskonzepts internalisierte Institutionen, die nicht so inflexibel sind, wie es eventuell den Anschein hat. Im Prozess der Entwicklung informeller Institutionen auftauchende Entscheidungen werden aber in besonderer Weise auf der Basis früherer Entscheidungen getroffen und nicht aus einem Nutzenkalkül heraus. Es zeigt sich, dass also im weiteren Verlauf dieser Arbeit unterschieden werden muss zwischen formalen und informellen Institutionen.

[...]


[1] Nur einige Worte zum Staatsnamen: Der Name der sozialistischen Tschechoslowakei war ab 1960: “Tschechoslowakische Sozialistische Republik (CSSR)” (Hoensch 1992, S. 143). Am 20.04.1990 wurde er geändert in; “Tschechische und Slowakische Föderative Republik (CSFR)” mit den föderativen Subjekten “Tschechische Republik (CR)” und “Slowakische Republik” (ebd., S. 223). Am 1.1.1993 wurden die beiden Teilrepubliken selbständige Staaten mit den gleichen Namen, CR und SR, womit die CSFR nicht weiter existierte. (Schwarz 1993, S. 226)

[2] SOE=state-owned-enterprises

[3] Siehe Klaus (1991), S. 88-95; Die Übersetzung des Titels “Plädoyer für eine Marktwirtschaft ohne Adjektive” ist wohl etwas unglücklich gewählt. In der Forschungsliteratur findet man häufig die Version der “Marktwirtschaft ohne Attribute”, die linguistisch raffinierter ist.

[4] So nennt Klaus in einem Interview auf die Frage, wer ihn konkret beeinflusst hat in seinem ökonomischen Denken neben Hayek, Mises, Buchanan, Brunner, Stigler und Milton Friedman (sic!). siehe Klaus (1991), S. 183. Weiterhin: Adam 1995, S. 209. Diese Quellen sollen aus Platz- und Prioritätsgründen genügen.

[5] Rychetnik 1995, S. 233ff.

[6] Bruszt 1995, S. 72

[7] Im gesellschaftlichen Kontext ist von einer institutionellen Pfadabhängigkeit auszugehen.

[8] Als Auswahl sollen folgende Titel genügen: Bayer 1999, Insb.: S. 21-24; Hausner et al. 1995; Siehl 1997; Stark 1993

[9] Dieser Begriff wurde geprägt durch Arthur 1989.

[10] Dabei werden die für das Pfadabhängigkeitskonzept relevanteren ‚informellen Institutionen’ untersucht.

[11] Ackermann 1999.

[12] Die Idee pfadabhängiger Prozesse ist ab den 80er Jahren entwickelt worden. Im wesentlichen ausschlaggebend war der Artikel von David 1985. Untersuchungsschwerpunkt waren zunächst neue technologische Entwicklungen und ihre Durchsetzung am Markt. Einen kurzen Überblick über weitere Literatur zu dem Thema bietet Ackermann 1999 auf Seite 46f.

[13] Es sei hier auf einige Aufsätze bzw. Bücher verwiesen zur Thematik der ‚Pfadabhängigkeit’: Arthur 1989, North 1990, David 1985

[14] Siehe Ackermann 1999, S. 9ff.

[15] Ort einer Gabelung; Mit den Begriffen “Bifurkationspunkt” und “Bifurkation” bediene ich mich am Vokabular von Ackermann 1999, S. 30f.

[16] siehe ebd., S. 13

[17] ebd., S. 8

[18] ebd., S. 15f.

[19] Der Formulierung bei Arthur 1989 folgend.

[20] Ackermann 1999, S. 15; Hervorhebungen im Original

[21] zum Begriff “lock-in” siehe ebd. S. 14 und Witt 1997.

[22] Nohlen 1994, S.399. Zu rational-choice-Ansätzen siehe ebd. S, 399-402; Es muss darauf verwiesen werden, dass in der rational-choice-Theorie die rationale Entscheidung vom persönlichen Nutzen abhängt und einer bestimmten Präferenzstruktur gefolgt wird. Dies kann jedoch auch bedeuten, dass ein Akteur, der versucht, sich Renten zu sichern, durchaus rationale Entscheidungen treffen kann, die in Bezug auf das eigentliche Ziel jedoch ineffektiv sind. In pfadabhängigen Prozessen wird deshalb rent-seeking-Verhalten ausgeblendet, da es zu keiner positiven Rückkopplung im Sinne der Pfadabhängigkeitstheorie führt.

Zur Unterscheidung ‚Ineffizienz aufgrund von pfadabhängigen Prozessen’ und ‚Ineffizienz aufgrund anderer Bedingungen’ siehe Ackermann 1999, S. 35-44.

[23] Stark 1993, S. 11

[24] ebd., S. 11f.; Mit dem Begriff “Routine” könnte man eine Verfahrensart bezeichnen, die im wesentlichen durch Pfadabhängigkeit beeinflusst wird.

[25] Ackermann 1999., S. 68; Bei Nohlen 1994, S. 189f findet sich eine umfassendere Definition des Institutionenbegriff: “Institutionen ... sind Manifestationsformen oder Symbolnetze von Handlungsregelmäßigkeiten oder –gewohnheiten, die im öffentlichen Gebrauch und soziohistorisch auf “relative Dauer” angelegt sind. Durch Institutionen werden menschliche Bedürfnisse befriedigt und soziale Interaktionen strukturiert.”

[26] North 1990, S. 3

[27] siehe ebd., S. 4

[28] siehe auch Bayer 1999, S. 73. Dort finden sich die Begriffe “fundamentale”(=informelle) und “sekundäre” (=formale) Institutionen. Erstere sind Ergebnis von Evolutionsprozessen und nicht rational planbar. Letztere sind rational planbar, bilden die Mehrheit, basieren aber auf den fundamentalen Institutionen.

[29] siehe Ackermann 1999, S. 23

[30] siehe ebd. S. 4f; weiterhin: Nohlen 1998, S. 29

[31] Zum Begriff der Identität sowie ihrer Konstruktion siehe Hettlage 1997, insbesondere: S. 10ff.

Details

Seiten
24
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638170376
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10673
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Osteuropa-Institut / FB Politik
Note
1,7
Schlagworte
Warum Prozesse Institutionen Relevanz Durchführung Reformen Transformationsprozessen Politik

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