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Die US-Präsidentschaftswahl von Ronald Reagan 1980 im Spiegel ausgewählter Schweizer Zeitungen

Seminararbeit 2002 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Printmedien, Presse

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Ronald Reagan, Jimmy Carter und die Medien - Vergleich zwischen der Berichterstattung in den USA und in der Schweiz
2.1. Reagan und Carter in den amerikanischen Medien
2.2. Die analysierten Schweizer Presseerzeugnisse im Vergleich

3. Die Berichterstattung der US-Präsidentschaftswahl von Ronald Reagan 1980 in ausgewählten Schweizer Zeitungen
3.1. Allgemeine Merkmale
3.2. Eigenheiten der einzelnen Zeitungen
3.2.1. Tages-Anzeiger
3.2.2. Neue Zürcher Zeitung
3.2.3. Berner Tagwacht
3.2.4. Die Weltwoche

4. Schlussbemerkungen

5. Literaturliste

1. Einleitung

Am 4. November 1980 gewinnt Ronald Reagan die Präsidentschaftswahl in den USA gegen den amtierenden Präsidenten Jimmy Carter. Die Inauguration findet am 20. Januar 1981 statt. Ich werde in dieser Arbeit versuchen, die Berichterstattung zu diesem Ereignis in verschiedenen Schweizer Tageszeitungen und in einer Schweizer Wochenzeitung kritisch zu analysieren. Wie wird berichtet? Welche Stimmen werden dabei berücksichtigt? Ist die Berichterstattung emotional? Wo findet man Meinungen, wo herrscht das Prinzip der möglichst grossen Objektivität? Gibt es eine einheitliche Stimmung in den analysierten Zeitungen gegenüber dem Wahlsieger? Und welche Argumente werden bei einer eventuellen Kritik der Kandidaten verwendet? Bei den erwähnten Medien handelt es sich um den ‚Tages-Anzeiger‘, die ‚Neue Zürcher Zeitung‘ (NZZ), die ‚Berner Tagwacht‘ und die ‚Weltwoche‘. Ich werde also nur Zeitungen aus der deutschen Schweiz analysiert, und auch da ist die Auswahl selektiv und lässt keinen Schluss auf die gesamte Presselandschaft der Deutschschweiz zu. Daher werde ich auch keine umfassende These aufstellen, sondern die Zeitungen einzeln analysieren und nur eine grobkörnige Gesamtdarstellung versuchen. Dennoch ist die Zeitungsauswahl nicht zufällig: mit der Wahl von Tages-Anzeiger und NZZ als zwei grossen und damit vielbeachteten Tageszeitungen, der Berner Tagwacht als ein Repräsentant der linksorientierten Parteipresse und der Weltwoche als Wochenzeitung mit mehr Platz für Analysen soll ein relativ umfassendes Gebiet der Deutschschweizer Presselandschaft abgedeckt werden, welches dennoch den Umfang einer Proseminararbeit nicht sprengt. Die verwendeten Zeitungsartikel erschienen alle zwischen dem 29. Oktober 1980 und dem 28. Januar 1981, umfassen also die Zeit vor und nach der Wahl, einschliesslich der Inaugurationsfeier im Januar 1981. Der Hauptteil wird von der weiter oben erwähnten Gesamtdarstellung der analysierten Presseerzeugnisse eingeleitet, und gliedert sich darauf in einzelne Unterkapitel, in denen die Untersuchung vertieft und konkretisiert wird. Zur Ergänzung der Analyse dieser Primärquellen dient Kapitel zwei, in welchem das Verhältnis zwischen Reagan bzw. Carter und den amerikanischen Medien - gestützt auf das Buch ‚On Bended Knee‘ von Mark Hertsgaard - mit der Berichterstattung in den analysierten Schweizer Medien verglichen wird. Dieses Kapitel ist zum besseren Verständnis und zur Ermöglichung von Vergleichen dem Hauptteil (Kapitel drei) vorangestellt. Kapitel vier enthält einige abschliessende Bemerkungen und offene Fragen.

2. Ronald Reagan, Jimmy Carter und die Medien - Vergleich zwischen der Berichterstattung in den USA und in der Schweiz

2. 1. Reagan und Carter in den amerikanischen Medien

In dem Buch ‚On Bended Knee‘, welches 1987 erstmals erschien, versucht Mark Hertsgaard aufzuzeigen, wie das Verhältnis zwischen den US-amerikanischen Medien und Ronald Reagan beziehungsweise dessen Administration war und was dies für Auswirkungen auf Berichterstattung und Medieninhalte hatte. Hertsgaard Buch beruht auf etwa 175 Interviews, die er mit Persönlichkeiten aus Reagans Administration und aus den amerikanischen Medien gemacht hat. Urteile über die Berichterstattung beruhen zudem auf einer umfassenden Analyse hunderter Zeitungsartikel, vornehmlich aus ‚The Washington Post‘, ‚The New York Times‘, ‚Newsweek‘ und ‚Time‘.

Hertsgaards These geht davon aus, dass die Berichterstattung amerikanischer Medien über Reagan nicht neutral war, sondern dass die kritische Hinterfragung zugunsten einer positiven Darstellung der Regierung zurücktreten musste. So schreibt Hertsgaard: „Even with all that eventually went wrong - the Iran-contra scandal, the stock-market crash, the seemingly endless series of criminal investigations of former top White House officials - the overall press coverage of the Reagan administration was extraordinarily positive.“[1] Selbst die für Presse und Public Relations zuständigen Mitarbeiter in Reagans Administration waren überwiegend zufrieden mit der Berichterstattung. So zitiert Hertsgaard unter anderem Michael Deaver, einer der wichtigsten Mitarbeiter in Reagans erster Amtszeit als Präsident. Dieser sagt, dass bis zum Iran-Contra-Skandal Ronald Reagan von allen Präsidenten in der Nachkriegszeit in der Presse am grossmütigsten behandelt wurde. Die Gründe für diesen Umgang sieht Hertsgaard einerseits im Charisma von Reagan selbst - Reagans als der ‚grosse Kommunikator‘, der keine Schwäche zeigt, als den humorvollen ‚good guy‘ -, andererseits aber auch in der Pressemanipulation durch dessen Administration. Die Presse selbst, räumt der Autor ein, habe diese Manipulation aufgenommen und gefördert, indem sie wenig gewillt war, die durch die Regierung vorproduzierten, breitwillig zur Verfügung gestellten und äusserst publikumswirksamen Informationen kritisch zu beleuchten. So zitiert der Autor unter anderem Susan Zirinsky, eine CBS News - Produzentin: „‘Jimmy Carter you felt sorry for, but he was aloof and hard to get to know‘, said Susan Zirinsky. ‘But Reagan always made you laugh. It was hard not to like him.‘“[2] Resümierend meint Mark Hertsgaard: „As much through voluntary self-censorship as through government manipulation, the press during the Reagan years abdicated its responsibility to report fully and accurately to the American people what their government was really doing.“[3] Auch bei der Präsidentschaftswahl zeichnet sich nach Hertsgaard diese Tendenz ab. Vor allem in Zusammenhang mit der Geiselnahme im Iran im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen wird über den amtierenden Präsidenten Carter negativ berichtet, nicht nur mit konkreter Kritik, sondern auch mit emotionalen Kommentaren, in denen Carter als schwach, inkompetent und unentschieden hingestellt wird. Durch diese immer stärker werdende Kritik am demokratischen Präsidenten rutschte die Presse - so Hertsgaard - immer weiter in eine politisch rechte Position. Dennoch kam der Sieg Reagans in den Präsidentschaftswahlen 1980 für die meisten Journalisten höchst überraschend, da sie die veränderte Stimmung im Land unterschätzt oder falsch eingestuft hatten. Die Überraschung war aber nicht negativ und auch nicht von langer Dauer: Schon kurz nach der Wahl erschienen in verschiedenen Medien euphorische Lobpreisungen des neuen Präsidenten, die die veränderte Stimmung im Land aufgenommen hatten.

Zusammenfassend kann man nach Hertsgaard sagen, dass die Presse über Ronald Reagan nicht neutral und objektiv berichtete, sich dabei nicht immer an die Fakten hielt, sondern sich auch vom Charisma Reagans einnehmen liess und zudem von der Administration in verschiedenster Weise manipuliert wurde. Natürlich muss man dabei beachten, dass sich die Analyse vor allem auf Reagans Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten bezieht, und daher nur beschränkt auf das Vorfeld der Präsidentschaftswahl 1980 angewendet werden kann. Dennoch zwängt sich ein Vergleich zur europäischen Berichterstattung förmlich auf: dominiert in Europa - im Falle dieser Arbeit in der Schweiz - auch eine positiv gefärbte Berichterstattung über Ronald Reagan Präsidentschhaftskandidatur, oder berichten die Medien neutraler und objektiver?

2.2. Die analysierten Schweizer Presseerzeugnisse im Vergleich

Gerade während den Präsidentschaftswahlen 1980 lassen sich gewichtige Unterschiede zwischen der amerikanischen und der schweizerischen Berichterstattung ausmachen. Die in dieser Arbeit analysierten Schweizer Presseerzeugnissen berichten und kommentieren anders über die Wahl, teilweise in starkem Gegensatz zu den von Mark Hertsgaard genannten Eigenheiten der US-Medien. So fehlen die von ihm genannten emotionale Angriffe auf den noch amtierenden Präsidenten Carter im Vorfeld der Wahlen vollständig. In den wenigen kritischen Artikel über Carter in der NZZ)und in der Berner Tagwacht findet man keine substanzlose Angriffe auf den Präsidenten, sondern höchstens ein Aufzeigen von Carters Schwachpunkten anhand von konkreten politischen Aktivitäten während dessen Amtszeit. Im Vergleich dazu ist die Berichterstattung über Ronald Reagan weit weniger neutral und tatsachengebunden. Im krassen Gegensatz zu den von Hertsgaard genannten euphorischen Lobpreisungen amerikanischer Medien nach der Wahl steht zum Beispiel ein Artikel auf der Titelseite der Berner Tagwacht, in dem festgestellt wird, dass die Welt nun mit Reagan leben muss, einem „ältlichen abgetakelten Schauspieler mit der Geisteshaltung eines Möchte-gern-Cowboys“[4]. Natürlich muss diese Unterstellung auch im Zusammenhang mit der sozialdemokratischen Tradition der Zeitung gesehen werden, eine Tradition, die sich vor allem mit der von Ronald Reagan angekündigten Wirtschaftspolitik nicht vereinbaren lässt. Doch auch der grössere, parteilose Tages-Anzeiger scheut sich nicht vor scharfer Kritik an Reagan. So wird Reagans Militarismus kritisiert, und nach der Wahl erscheint ein Artikel über „Ronald Reagans umstrittenes Weltbild“[5], in welchem - durch indirektes Zitieren abgeschwächt - sehr harsche Kritik laut wird.

Eine solche Kritik zieht sich aber nicht durch die gesamte Berichterstattung der analysierten Zeitungen. Im Gegenteil: hält man sich die Gesamtmenge der Artikel über die Präsidentschaftswahl vor Augen, so fällt eher das Bemühen um Objektivität auf. Auch Blicke in die Zukunft sind überwiegend vorsichtig, mit dem Hinweis auf die noch unbekannte konkrete Politik des neuen Präsidenten. Neben den einzelnen wertenden steht also eine grosse Mehrheit von möglichst neutral gehaltenen Artikeln. Dies erscheint logisch: obschon die us-amerikanische Weltpolitik indirekt auch die Schweiz beeinflussen kann, herrscht doch eine Distanz zu den innenpolitischen Ereignissen in den USA. Die Leser und auch die Journalisten in der Schweiz sind nicht direkt in die Wahl involviert und können diese auch nicht beeinflussen - und werden damit auch weniger von den Politikern und der Stimmung in den USA beeinflusst. Sie werden zu Beobachtern, was eine sachlichere Berichterstattung nahelegt. Von einem Rechtsrutsch der Presse kann nicht die Rede sein.

[...]


[1] Hertsgaard, On Bended Knee, 3.

[2] Hertsgaard, On Bended Knee, 47.

[3] Hertsgaard, On Bended Knee, 9.

[4] Müller, Richard: Wer versagt, muss gehen..., in: Berner Tagwacht, 6. November 1980.

[5] Berger, Roman: Ronald Reagans umstrittenes Weltbild, in: Tages-Anzeiger, 6. November 1980.

Details

Seiten
20
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638170345
ISBN (Buch)
9783638817851
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10670
Institution / Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz) – Zeitgeschichte
Schlagworte
Reagan Medien Schweizer Zeitungen

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