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Hermann Hesse`s Siddhartha und die Tiefenpsychologie

Facharbeit (Schule) 2002 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Themenwahl

3. Ziel der Arbeit

4. Über Siddhartha von Hermann Hesse*
4.1. Über das Buch
4.2. Entstehung von Siddhartha
4.3. Über Hermann Hesse

5. Die Tiefenpsychologie
5.1. Einfluss der Psychologie auf die Literatur
5.2. Das Ich, das Es und das Über ich

6. Psychologische Betrachtung der verschiedenen Lebensphasen Siddharthas
6.1. Erste Lebensphase - das Über-Ich
6.2. Zweite Lebensphase - das Es
6.3. Dritte Lebensphase - die Vereinung der Instanzen und das Aufgehen im OM

7. Fazit

8. Anmerkungsverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

Vorwort

„Die meisten Menschen sind wie ein fallendes Blatt, das weht und dreht sich durch die Luft, und schwankt, und taumelt zu Boden. Andre aber, wenige, sind wie Sterne, die gehen eine feste Bahn, kein Wind erreicht sie, in sich selber haben sie ihr Gesetz und ihre Bahn.“ Hermann Hesse, Siddhartha Ich glaube, um glücklich zu sein, muss man Vertrauen haben zu sich selbst, man muss lieben können und - was vielfach vergessen wird - man muss dies wollen. Das scheint im ersten Augenblick einfach, aber wie so oft steckt der Teufel im Detail. Kaum ist der Mensch sich nämlich dessen bewusst, beginnt er sich zu hinterfragen, nachzudenken, gar zu zweifeln. „Glaube und Zweifel bedingen einander wie Ein- und Ausatmen; sie gehören zusammen“ sagte Hermann Hesse einst. Der Glaube, und zwar an uns selbst und nicht an eine Doktrin, ist die Basis alles Glückes und aller Zufriedenheit. Und der Zweifel ist tiefste Menschlichkeit, ist der Antrieb zu denken, zu hinterfragen, zu suchen.

Genau von diesem handelt die Dichtung Siddhartha. Genau von diesem handelt diese Matura- Arbeit. Hermann Hesses Siddhartha und die Tiefenpsychologie. Ein bisschen buddhistische Bescheidenheit hätte mir gut getan, als ich mich an diese Arbeit wagte. Ich habe mir zuviel vorgenommen. Wollte gleich alles was ich darüber herausfinden kann, entdecken kann, niederschreiben. Habe mir die ersten Parallelen, die mir gerade im Kopf einfielen, aufgeschrieben. Die Suche nach dem Ich. Die Träume. Schatten. Das Über-Ich. Der Grundschmerz. Die Flucht. Die Abnabelung. Themen die mich beschäftigen, Themen die Siddhartha beschäftigen. Ich habe probiert mich einzuschränken, diese Arbeit so gezielt wie möglich zu strukturieren, und dennoch den roten Faden, das grosse Bild nicht ausser Acht zu lassen. Das spannende an Siddharthas Leben ist für mich, wie er zuerst von einem Extrem in das Andere fallen muss, um schliesslich Frieden zu finden. Es schien mir aufgrund dessen sinnvoll, diese Entwicklung genauer zu betrachten, und mit den Lehren Freuds zu vergleichen. Was dabei herauskam, ist eine der Geschichte entlang fliessende Betrachtung Siddhartha’s Leben, kommentiert aufgrund den Entdeckungen der Psychologie der damaligen Zeit. Die ersten Dispositionen wurden also nochmals verstärkt minimiert, viele Teile gar weggelassen. Es scheint mir eine grosse Kunst zu sein, so vieles, und so vielfältiges, im Kern zu erfassen, und das Wesentliche, das Alles-Verbindende widerzugeben. Hermann Hesse hat es geschafft, mit seiner Geschichte eines Buddhas, der es auch geschafft hat. Ich gebe mir allergrösste Mühe, angesichts der Vorgabe.

Siddhartha hat mich zutiefst berührt, damals, als ich es zum ersten Mal las, Siddhartha berührt mich heute noch. Nie hätte ich eine so innige Verbindung zum Wasser aufbauen können, wäre es nicht für Siddhartha. Uund wie ähnlich scheinen gewisse Erfahrungen aus seinem Leben, mit den meinen zu sein. Auch zu Hesse habe ich eine Beziehung, hatte doch mein Grossvater einst ein Buch von ihm gedruckt, war bei ihm zu Besuch im Tessin und hat, so stelle ich mir das vor, mit ihm ein gutes Glas Wein getrunken.

Mein Dank geht an Margrit, Mutter, Psychologin und somit Fachperson an meiner Seite.

Widmen möchte ich diese Arbeit meiner grossen Liebe Melanie, für die ich nicht immer die Zeit habe, die sie eigentlich verdient.

1. Einleitung

Siddhartha ist ein Buch, über welches man viele Bücher schreiben könnte. Es ist unglaublich reich an Weisheiten verschiedenster Aspekte des Lebens, literarisch hochstehend und psychologisch tiefgreifend. Man könnte ein Buch allein über die autobiographischen Elemente Siddharthas schreiben. Oder über den Versuch Hesses eine universelle Weisheit, welche über den Weltreligionen steht, zu schaffen. „ Eine wirksamere Medizin als das Neue Testament“1um Henry Millers Worte zu gebrauchen. Man könnte eine Dissertation darüber schreiben, wie es dem Autor gelingt zwei so verschiedene Kulturen und Mentalitäten zu verschmelzen, ja gar zu versöhnen. Man könnte den Zusammenhang zwischen den Jugendunruhen der 60er Jahre und der Wiederentdeckung von Siddhartha studieren, und das Buch als Protestschrift gegen die Anpassung und als Kritik an unserer Gesellschaft analysieren. Das grösste Buch aber, so scheint es mir, könnte man über die psychologischen Elemente von Siddhartha schreiben.

Je mehr ich mich mit der Erzählung wie auch mit Freud und seiner Begründung der Psychoanalyse zu Beginn des 20. Jahrhundert auseinandersetzte, desto mehr wurde mir bewusst, wieviele Elemente der Psychologie diese Erzählung enthält. Obwohl ich das Buch schon viele Male gelesen hatte, vor zehn Jahren das erste Mal, habe ich nie wirklich erkannt wie stark es mit der Psychologie in Verbindung steht, ja fast eine entwicklungspsycholo- gische Studie darstellt. Die Grundthemen Siddhartas - die Suche nach seiner Identität, die Sinnsuche, die Suche nach Spiritualität und Glück sind auch wichtige Themen psycholo- gischer Forschung. 1900 erschien Freuds Traumdeutung, ein bahnbrechendes Werk, welches erklärt, wie sich ins Unbewusste verdrängte Themen durch Träume Ausdruck verschaffen und welche Bedeutung sie für uns haben können. Dieses Buch also, und die darauffolgenden Studien weiterer Psychologen waren der Anfang der modernen Psychologie wie wir sie heute kennen. Und der Anfang dieser neuen Psychologie, das waren einst Freud, Jung, Adler und Andere, welche in der Zeit Hesses die Wissenschaft, die Literaturlandschaft, die Künstler und die gebildete Gesellschaft mit einer Definition dessen, was sich alle irgendwie schon bewusst waren, aber nicht richtig erfassen konnten, überraschten und beschäftigten.

2. Themenwahl

Es scheint mir kein Zufall, dass der literarische Begriff Entwicklungsroman mit dem gleichen Zusatz beginnt wie der Begriff Entwicklungspsychologie. Ich entschied mich also, anstatt diese Arbeit in Fragmente aufzuteilen, wie ich es in eifrigem Übermut einst plante, die verschiedenen Lebensphasen Siddharthas als Entwicklung - also chronologisch - zu kommentieren. Ich habe versucht, diese Lebensabschnitte Siddharthas aufgrund der drei von Freud definierten Instanzen Ich, Es und Über-Ich zu kommentieren, und dabei wichtige andere psychologische Details nicht ausser Acht zu lassen.

3. Ziel der Arbeit

In dieser Arbeit versuche ich in kleinem Rahmen aufzuzeigen, wie sehr sich die Grundfragen Siddharthas mit den Grundfragen der Psychologie decken, wie der Autor verschiedene Elemente der damals in Entstehung begriffenen Psychoanalyse Freuds und der Arbeiten Jungs in die Geschichte einfliessen liess, und wo wir dies am stärksten, anhand von Textstellen, erkennen können. Es handelt sich hierbei um eine persönliche Interpretation, einem Versuch meinerseits, den ich wissenschaftlich zu nennen mich nicht wagen würde.

4. Über Siddhartha und Hermann Hesse

4.1. Über das Buch

Siddhartha, eine indische Dichtung, ist die Lebensgeschichte eines Menschen auf der Suche nach seinem Ich und nach innerer Zufriedenheit. Es ist die Geschichte eines Menschen, der sich von der Familie und der Gesellschaft trennen muss um herauszufinden was Weisheit und Glück bedeutet. Hermann Hesses Erzählung kombiniert westliche geistige Werte mit der buddhistischen Lehre, versöhnt das abendländische Individualitäts- Bewusstsein mit der geistigen Fülle und Bescheidenheit des buddhistischen Glaubens. Siddharthas Leben ist eine ewige Suche nach dem Nirwana, ein immerwährender Konflikt zwischen Glauben und Zweifel, zwischen Liebe und Schmerz und zwischen Wissen und Erleben. Es ist die Lebensgeschichte eines Menschen, der nicht einfach nur leben will, sondern „richtig“ leben will, der sich nicht einfach fallen lässt, sondern sich selbst hinterfragt, nicht bereit ist einfach zu glauben, sondern selbst erleben muss, sich nicht zufrieden gibt, bis er nicht innere Ruhe gefunden hat, Frieden schliessen kann mit sich selbst, der Welt und dem Leben. Siddhartha handelt von der Überwindung des Ich, in der Hesse die gemeinsame psychologische Basis aller Weltreligionen und Weisheitslehren sah.2Hesse versuchte zu ergründen „was allen Konfessionen und menschlichen Formen der Frömmigkeit gemeinsam ist, was über allen nationalen Verschiedenheiten steht, was von jeder Rasse und von jedem einzelnen geglaubt werden kann“3, wie er selbst einst sagte.

4.2. Die Entstehung Sidhhartha’s

Hesse schrieb Siddhartha während den Jahren 1919 - 1922. Wie diese Zeit nach dem 1. Weltkrieg auf den Autor wirkte, können wir aus der Widmung erahnen. Hesse widmete den 1. Teil seines Buches seinem Schriftstellerkollegen Romain Rolland mit den Worten:

„Seit dem Herbst des Jahres 1914, da die seit kurzem eingebrochene Atemnot der Geistigkeit auch mir plötzlich spürbar wurde, und wir einander von fremden Ufern her die Hand gaben, im Glauben an dieselben übernationalen Notwendigkeiten, seither habe ich den Wunsch gehabt, Ihnen einmal ein Zeichen meiner Liebe und zugleich einer Probe meines Tuns und einen Blick in meine Gedankewelt zu geben.“4

Diese Anspielung auf die intellektuelle Leere der damaligen Zeit nach dem 1. Weltkrieg, zeigt in meinen Augen, dass Hesse mit Siddhartha versuchte, den schrecklichen Folgen des Krieges etwas entgegenzuhalten.

Schrieb Hesse zwei Jahre zuvor „Demian“ in einer sehr kurzen Zeit von vier Monaten, scheint er mit Siddhartha mehr Mühe gehabt zu haben. Im Jahre 1920, vier Kapitel waren erst geschrieben, hatte Hesse so etwas wie eine Schreib-Blockade, aus welcher er erst wieder nach intensiver Beschäftigung mit philosophischen Studien, Meditationen, Yoga- Übungen und zahlreicher psychoanalytischer Sitzungen bei Carl Gustav Jung und Dr. Lang herauskam, und sich an die Vollendung seines Werkes machen konnte.

4.3. Über Hermann Hesse

Zwei Faktoren scheinen mir bezüglich dieser Arbeit wichtig zu erwähnen, wenn es um die Person Hermann Hesse geht. Zum einen seine Beziehung zu Indien, und zum anderen, seine Beziehung zur Psychologie.

Schon als Kind kam Hesse mit der Kultur Indiens in Kontakt. Sein Grossvater war 30 Jahre lang Missionar in dem östlichen Land, und brachte so allerlei mit, was auf den jungen Hesse wirken konnte. Auch Hesses Vater studierte die indische Kultur. Es war also nicht überraschend, dass auch Hermann damit begann, sich intensiv mit der orientalischen Literatur und Philosophie auseinanderzusetzen, und schliesslich das Land auch mehrmals bereiste.

Auch die Psychologie hat Hermann Hesse ein Leben lang beschäftigt, ja zuweilen konnte er ohne die Psychoanalyse nicht mehr funktionieren, nicht mehr leben. Sein erster Selbstmordversuch machte er mit 15 nach einer harten Auseinandersetzung mit dem pietistischen Elternhaus; viele Gedanken an Selbstmord folgten in seinen späteren Jahren. Dass Hesse ein in seiner Kindheit ernsthaft geschädigter Mensch war, nimmt auch A. Miller an: eine narzissitsiche Störung, die er nie überwunden hat und die zu den immer wieder auftretenden Depressionen in den späteren Jahren führte. Joseph Rattner schreibt: „Hesse vermochte die seelischen Verletzungen seiner Jugendzeit nicht zu verwinden. Mit jeder neuen Selbstdarstellung im Roman versuchte er, sich davon zu befreien“.5

Zwischen 1909 und 1921 befindet er sich, ohne große Intervalle, bei vier verschiedenen Therapeuten in psychotherapeutisch-psychoanalytischer Behandlung: 1909 und 1912 wird er jeweils für einige Wochen in der Kuranstalt Villa Hedwig in Badenweiler von Dr. Fraenkel behandelt.61916 begibt sich Hesse zum ersten Mal in die Psychoanalyse bei Dr. Josef Bernhard Lang, einem Schüler C. G. Jungs, nach einem Nervenzusammenbruch, hervorgerufen durch eine Ehekrise, den Tod seines Vaters und seiner Arbeit in der Kriegsgefangenenfürsorge. Die ersten Sitzungen sind fruchtbar, und Hesse fährt für weitere 60 Sitzungen von Bern ins Kurhaus Sonnmatt in Luzern. Danach folgen weitere Therapien in Bern und bei C.G. Jung in Zürich, Auch danach blieb er immer interessiert an der Psychologie und pflegte weiterhin die Freundschaften zu Lang und Freud. Zur Psychoanalyse äusserte sich Hesse einst folgendermassen:

„Die Psychoanalyse bestätigt den Dichter vor sich selbst, weil sie die Bedeutung der Phantasie für das menschliche Leben erkannt hat. Zugleich gibt sie ihm ein Gebiet der reinen intellektuellen Betätigung in der analytischen Psychologie frei“.7

5. Die Tiefenpsychologie

„Die Tiefenpsychologie ist ein Sammelbegriff für die Richtung der Psychologie die vorgibt, nicht an der „Oberfläche“ des bewussten Seelenlebens haften zu bleiben, sonder in die unterbewusste und unbewusste Tiefe der Seele hineinzuleuchten und dabei insbesondere die Beziehung zwischen Gefühl und Willen in den Vordergrund zu rücken. Heute gilt die Tiefenpsychologie als Therapie, Weltanschauung und als Wissenschaft zugleich. Geprägt wurde sie von Freud, Adler, Jung, Stekel u.a.“8

Ich habe den Begriff Tiefenpsychologie gewählt, weil dieser mir mehr Freiraum zur Interpretation lässt. Wäre ich mit dem Begriff der Psychoanalyse zu fest an die Erkenntnisse Freuds gebunden, kann ich unter dem Titel der Tiefenpsychologie auch Jungsche Erkenntnisse und Begriffe einbeziehen, die mir in bezug auf Siddhartha manchmal angebrachter erscheinen, was ja auch nicht erstaunt, hat sich Hesse ja auch intensiv mit der Forschung Jungs auseinandergesetzt und war ein persönlicher Freund dessen.

5.1. Einfluss der Psychologie auf die Literatur

Grundsätzlich scheint mir die Erkenntnis wichtig, dass sich die Literatur, wie auch die Kultur im allgemeinen, lange vor der Erscheinung von „Traumdeutung“ im Jahre 1900, intensiv mit der Seele, den Gefühlen und des nicht fassbaren beschäftigte. Freud u. a. waren es schliesslich, die diesen Gefühlen, Ängsten und Handlungen Namen gaben, Theorien darüber entwickelten woher sie kamen, und wie man mit ihnen umgehen konnte. Die Autoren aber beschäftigen sich seit jeher mit den Menschen, mit den Leiden und Freuden des Lebens, und trugen auf ihre Art und Weise dazu bei, dass sich Menschen helfen konnten, Trost fanden oder neue Kraft schöpften.

Dennoch ist es unbestreitbar, dass die Literatur wie wir sie heute kennen, ohne die Entwicklung der Psychologie der letzten 100 Jahre, nicht dieselbe wäre. Die Literatur und die Psychologie ergänzen sich bestens, sie zehren und lernen voneinander, geben sich Impulse und spornen sich gegenseitig an. Kein Wunder also, hatte sich Freud ebenso für Literatur interessiert wie sich die Autoren für seine Forschungen interessierten. Kein Wunder also, dass wir unter einer Grussadresse zu Freuds 80. Geburtstag Autoren wie Thomas Mann, Romain Rolland, Jules Romains, H.G. Wells, Virginia Woolf und Stefan Zweig finden können.9

5.2. Das Ich, das Es und das Über Ich

Von den vielen hundert Begriffen die Freud, Jung und andere prägten, vieles davon Begriffe die heute so selbstverständlich in unserer Sprache eingebettet sind, möchte ich diejenigen kurz erwähnen, welche ich anschliessend in der Analyse Siddharthas verwenden werde.

Nach Freud gibt es drei psychische Instanzen, welche alle miteinander verknüpft sind. Diese drei Instanzen sind in jedem Menschen vorhanden, und ergeben zusammen ein Funktionssystem. Es sind dies: das Ich, das Es und das Über-Ich.

Das Ich

Das Ich steht in erster Linie dafür wie wir denken, wahrnehmen, erinnern, planen und lernen. Es stellt die Verbindung zur Aussenwelt her, wie auch zum Über-Ich und zum Es. Das Ich ist dafür verantwortlich, diese Beziehungen aufrecht zu erhalten und zu bewältigen, uns vor Gefahren zu schützen und dient auch als Vermittler zwischen allen drei Instanzen. Das Ich wird teils bewusst, teils unbewusst wahrgenommen.

Das Es

Das Es ist die Bezeichnung für das Unbewusste, in erster Linie für die menschlichen Triebe. Hierzu gehören die Sexualität, Suchtverhalten, Habgier etc...

Das Über-Ich

Das Über-Ich könnte man auch als „Gewissen“ bezeichnen. Es sind internalisierte Gebote und Verbote, welche aus der Familie und der Gemeinschaft übernommene moralische Motive repräsentieren. Es können dies bewusste, wie auch unbewusste Werte sein. Das Über-Ich ist dafür verantwortlich, dass wir uns ein eigenes Wertesystem aufbauen, probieren uns danach einzustellen und zu verhalten. Durch Selbstkritik, Forderungen etc. sorgen wir dafür, dass dieses Wertesystem nicht ausgeschaltet wird.

6. Psychologische Betrachtung der verschiedenen Lebensphasen Siddharthas

Siddharta durchläuft in seinem Leben drei verschiedene Phasen, welche im Buch jeweils symbolisch mit der Überquerung eines Flusses verstärkt werden. Die Symbolik des Flusses kann als Synthese verstanden werden, als Symbol des immer wiederkehrenden, des immer fliessenden und währenden, dem Kreislauf der Natur, der göttlichen Kraft. Hesse beschreibt dies so:

„Zum Ziele strebte der Fluss, Siddhartha sah in eilen, den Fluss, der aus ihm und den Seinen und aus allen Menschen bestand, die er je gesehen hatte, alle die Wellen und Wasser eilten, leidend, Zielen zu, vielen Zielen, dem Wasserfall, dem See, der Stromschnelle, dem Meere, und alle Ziele wurden erreicht, und jedem folgte ein neues, und aus dem Wasser ward Dampf und stieg in den Himmel, ward Regen und stürzte aus dem Himmel herab, ward Quelle, ward Bach, ward Fluss, strebte aufs neue, floss aufs neue.“10

Die drei Lebensphasen geben sich auch durch „Einsichten“ oder „Erleuchtungen“ zu erkennen. „Erwachen“, „am Flusse“ und „OM“ nannte Hesse diese Kapitel, in denen Siddhartha jeweils durch eine innere Stimme oder durch einen Traum aufgeweckt wurde, wieder auf die richtige Bahn geleitet wurde. Es ist seine innere Stimme, die Stimme die weiss was gut ist für ihn. Spricht sie zu uns, fühlen wir uns meist stark bekräftigt in unserem Dasein, spüren Kraft denn sie gibt uns Mut und Wissen, was uns weiterbringen kann. Dieses Urvertrauen, diese innere Stimme, ist unser Unterbewusstsein.

Hesse beschreibt die drei Lebensphasen Siddhartas als die des Knaben, des Mannes und des Greisen.11Psychologisch betrachtet können wir feststellen, dass die Lebensphasen Siddharthas eine Entwicklung darstellen. Eine Entwicklung von einer anfangs unausgeglichenen Beziehung zum Über-Ich, über die extreme Auslebung des Es als Erwachsener, zu der schlussendlich vollbrachten Harmonisierung, Vereinung aller Instanzen in seinem Ich im Alter.

6.1. Erste Lebensphase - Das Über-Ich

In der ersten Lebensphase, die des Knaben und des Jugendlichen, geht es um die Abnabelung von zuhause und um den Schüler Siddhartha, der sich das religiöse Wissen aneignet, das ihm zu Glück und Frieden verhelfen soll. Er trennt sich von seinem Vater, um zu den Samanen12zu gehen, einer extremen Gruppe von Gläubigen. Doch Siddharta bleibt innerlich unzufrieden, zweifelt daran, durch Wissen und Glauben allein Weisheit erlangen zu können, empfindet die Lebensart der Gläubigen als Entrinnen vor dem Ich, als eine kurze Betäubung gegen den Schmerz und vor dem Leben. Auf den Wunsch seines

Freundes Govinda hin verlassen die beiden die Samanen um nach Gotama, einem angeblichen Heiligen zu suchen. Schon bald treffen die beiden auf Buddha, und es besteht kein Zweifel dass dieser die Erlösung gefunden, das Nirwana erreicht hat. Govinda beschließt, dem Buddha zu folgen und sein Jünger zu werden. Siddhartha jedoch spürt, dass er sein Glück nicht finden kann, indem er jemand anderem folgt. Er will allein sein Ziel erreichen oder lieber sterben.13Denn bei Gotama hat Siddhartha die Erkenntnis gefunden, dass er von sich selbst lernen muss. So ist Siddhartha auch froh, dass Govinda nun seinen eigenen Weg gefunden hat und nicht nur ein Schatten14Siddharthas ist.

Auf der Suche nach Atman, dem wahren Wesen aller Dinge, fragt sich Siddhartha: „... und wo war Atman zu finden, wo wohnte Er, wo schlug Sein ewiges Herz, wo anders als im eigenen Ich, im Innersten, im Unzerstörbaren, das ein jeder in sich trug? Aber wo, wo war dies Ich, dies Innerste, dies Letzte? ... Wo, wo also war es? Dorthin zu dringen, zum Ich, zu mir, zum Atman - gab es einen andern Weg, den zu suchen sich lohnte“.15

Siddhartha stellt hohe Ansprüche an sich selbst. Er will heilig werden, Glück finden, Atman finden. Es wundert nicht, dass Siddhartha sein Elternhaus verlässt um zu den Samanen zu gehen, und nicht etwa, um einen Beruf zu erlernen. Er lebt noch stark in seinem Über-Ich, ist noch stark geprägt von den Werten seiner Eltern und seiner Umgebung aus der Kindheit. Er hat diese Werte internalisiert und es hat sich damit, den Umständen entsprechend, ein extrem stark ausgeprägtes und hoch gesetztes Über-Ich entwickelt. In der ersten Lebensphase ist Siddhartha vollends und in unausgeglichener Weise mit seinem Über-Ich in Konflikt. Er probiert seinem idealen Selbst, seiner Vorstellung davon, wie er zu sein habe, gerecht zu werden, was er aber nicht schafft. Er verspürt Unzufriedenheit, er hat das Gefühl ihm fehle etwas, er verspürt einen Mangel.

Durch das Eintreten bei den Samanen zeigt sich auch seine Abhängigkeit zu seinem Elternhaus. Dieser Wunsch danach gerade zu einer sehr extremen Form der Auslebung des Buddhismus zu wechseln, kann als Trotz angesehen werden. Er übernimmt hier noch keine Eigenverantwortung, sondern macht schlicht das, was den Wünschen der Eltern am meisten widerspricht. Durch die Ablehnung zeigt sich gerade wie stark Siddhartha noch von seiner alten Umgebung beeinflusst ist. Sein Ziel muss es sein, sich von dieser Abhängigkeit zu lösen.

„Ein Ziel stand vor Siddhartha, ein einziges: leer werden, leer von Durst, leer von Wunsch, leer von Traum, leer von Freude und Leid. Von sich selbst wegsterben, nicht mehr Ich sein, entleerten Herzens Ruhe zu finden, im entselbtesten Denken dem Wunder offenzustehen, das war sein Ziel. Wenn alles Ich überwunden und gestorben war, wenn jede Sucht und jeder Trieb im Herzen schwieg, dann musste das Letzte erwachen, das Innerste im Wesen, das nicht mehr Ich ist, das grosse Geheimnis“.16

Hier verdeutlicht Hesse wie Siddhartha in seiner ersten Lebensphase auf teils verachtliche und spöttische Weise das Materielle verneint, wie wichtig es ihm ist, ein Heiliger zu werden. Diese Verneinung fixiert sich aber nicht nur auf das Materielle, er negiert alles Menschliche auf überaus starke Weise. Durch das Fasten, den Hunger und den Durst, durch das Leben im Walde ohne jede Bequemlichkeit, durch die strengen Regeln der Samamen, durch die Unterdrückung seiner Triebe und das Nichtzulassen von Liebe negiert Siddhartha das psychologische Ich, will dadurch seinem hohen Ich-Ideal gerecht werden.

Im dritten Kapitel, wo Govinda und Siddharta Gotama treffen, können wir erste Anzeichen erkennen, dass Siddhartha jetzt bereit ist, einen wichtigen Schritt weiterzu- gehen, erkennt, dass er Eigenverantwortung übernehmen muss. Hatte er früher vehement die These vertreten, er könne von den Gläubigen nichts mehr lernen, behauptete er auf dem Weg zu Gotama noch, dass seine Lehren ihn nicht weiterbringen werden, so hatte er zwar teils recht, in einem Punkt aber hat er sich getäuscht. Als er Gotama begegnet da ist er nämlich überrascht und zutiefst beeindruckt von diesem Buddha, von diesem Heiligen, der das Ziel erreicht hat. „Nie hatte Siddharta einen Menschen so verehrt, nie hatte er einen Menschen so geliebt wie diesen“.17Er lernt zwar wirklich nichts neues von der Lehre Gotamas, aber er lernt in anderer Hinsicht etwas. Nämlich dass er seinen eigenen Weg gehen muss. „Einzig für mich, für mich allein muss ich urteilen, muss ich wählen, muss ich ablehnen“.18Siddharta hat sich von der Pubertät gelöst, hat sich in den drei Jahren bei den Samanen langsam vom starken Einfluss des Über-Ich entfernt und fängt nun an, auch noch andere Seiten an sich kennezulernen, sich selber ganzheitlicher zu betrachten und mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Auf mich wirkt dieser Satz sehr lebensbejahend.

6.2. Zweite Lebensphase - Das Es

Die Zweite Lebensphase beginnt in dem Moment wo Siddhartha den Hain des Buddhas verlässt. Hesse schreibt, dass Siddhartha fühlte, dass in diesem Hain sein bisheriges Leben hinter ihm zurückblieb und sich von ihm trennte.19Siddhartha beginnt, sein bisheriges Leben zu analysieren:

„Tief sann er nach, wie durch ein tiefes Wasser liess er sich bis auf den Boden dieser Empfindungen hinab, bis dahin, wo die Ursachen ruhen, denn Ursachen erkennen, so schien ihm, das eben ist Denken, und dadurch allein werden Empfindungen zu Erkenntnissen und gehen nicht verloren sondern werden wesenhaft und beginnen auszustrahlen, was in ihnen ist.“20

Schliesslich kommt er zum Schluss, „das Ich war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte. Das Ich war es, von dem ich loskommen, das ich überwinden wollt... dies Rätsel, das ich lebe, dass ich einer und von allen anderen getrennt und abgesondert bin, dass ich Siddhartha bin! Und über kein Ding in der Welt weiss ich weniger als über mich, über Siddhartha!“21Dieses neu erworbene Verantwortungsbewusstsein und sein immer stärker werdendes Identitätsbewusstsein wirken Ich-Stärkend auf Siddhartha. Diese Einsicht gibt ihm Kraft. Er fühlt sich als Erwachter oder Neugeborener, er spürt, dass er sein Leben neu und völlig von vorn beginnen muss.22

Diese Erkenntnis ist der Anfang einer Weiterentwicklung im psychologischen Sinne. „Analyse ist Selbsterkenntnis“ sagen die Psychologen und meinen damit, dass man mit dem Analysieren, mit dem Versuch zu erkennen, den ersten Schritt macht in Richtung Verbesserung oder Heilung. Hat man einmal erkannt, geht es darum, dass man anerkennt, das heisst, man muss sich den Erkenntnissen stellen, muss sie akzeptieren, muss sie aufnehmen. Danach kommt der langwierige und teils harte Prozess der Umsetzung der Erkenntnisse in den persönlichen Alltag.

Siddhartha hat vorerst also „erkannt“. Er hat erkannt, dass er seine Unzufriedenheit nur brechen kann, wenn er sich neu orientiert, sich Neuem hingibt in seinem Leben. Dieses Neue, ist das was ihm gefehlt hat - der Mangel der ihm entstanden ist während seiner intensiven Auslebung des Über-Ich, dieser Mangel ist psychologisch gesehen das Es.

Gleich darauf verstärkt auch noch ein Traum diese neue Lebenssituation Siddharthas, ein Traum welcher nach Freud nichts anderes ist als die Verbindung zum Unterbewusstsein, der Königsweg zum Unterbewusstsein, wie er es einst nannte. In diesem Traum erscheint zuerst Govinda, der sich dann in ein Weib verwandelt, in ein Weib mit voller Brust, an welcher Siddhartha dann liegt und trinkt.23

Auch hier kommt der Wunsch, vermehrt das Es auszuleben, ganz klar zum Vorschein. Das Es, stehend für die Sphäre der Triebe, ist es, was Siddhartha gefehlt hat, ist der Mangel welcher er gespürt hat, ist was er vorher ausgrenzte, nicht mit sich vereinen konnte. Auch die Einsicht, dass ihn das Wissen allein, welches er sich in seiner Jugend aneignete nicht glücklich machen kann, den Wunsch das Leben wirklich zu leben, und nicht nur darüber zu wissen, zeugt von einer Richtungsänderung in die stärkere Auslebung des Es.

Kurz nach dem Traum anerbot sich eine junge Frau, was er aber - aufgrund einer inneren Stimme - ablehnte. War es Zufall, oder hatte Siddhartha sich einfach zum ersten Mal darauf geachtet, hatte er, nach seinem Traum, zum ersten Mal ein Auge für die Frauen und strahlte er dadurch etwas aus?

Die Frau, zu welcher Siddharthas innere Stimme ja sagen konnte, sollte er bald kennenlernen , am Tore der Stadt. Mit der Beziehung zu Kamala befriedigt Siddhartha zwei starke Bedürfnisse. Zum einen das Entdecken der Sexualität und zum anderen die ganzheitliche Beschäftigung mit dem Leben. Er lernt von ihr die Kunst der Liebe, und er hat einen Menschen gefunden, mit welchem er philosophieren kann, welchem er von seiner Vergangenheit erzählen kann und welcher ihm hilft dabei, sich mit den neuen Entdeckungen auseinanderzusetzen. Kamala wird zum Mittelpunkt in seinem Leben. Dass er, um sie besuchen zu können, arbeiten muss und dabei sehr reich wird, interessiert ihn anfänglich (noch ganz im Glauben) überhaupt nicht. Er sieht seine Rolle als Händler in erster Linie als Mittel zum Zweck.

Doch genau diese Rolle wird ihm allmählich zum Verhängnis. Langsam beginnt er, sich den Kindermenschen anzunähern, wird langsam einer von Ihnen. Er lebt seine sexuellen Triebe intensiv aus, verfällt dem Alkohol und dem Glückspiel, wird habgierig. Die Habgier, der Alkohol wie auch das Glückspiel sind Süchte, und werden dem Es-Bereich zugeordnet. Durch seine intensive Auslebung des Es und der damit eingehenden Vernachlässigung des Über-Ich und des Ich, kommt Siddhartha in einen Teufelskreis, der ihn immer unzufriedener macht, ihn immer mehr innerlich abtötet.

„Die Welt hatte ihn eingefangen, die Lust, die Begehrlichkeit, die Trägheit, und zuletzt auch noch jenes Laster, das er als das törichteste stets am meisten verachtet und gehöhnt hatte: die Habgier.“24Aufgrund der Tatsache, dass all diese Laster Verhalten darstellen, welche Siddhartha in seiner ersten Lebensphase komplett aus seinem Leben ausgrenzte, erscheint mir die Terminologie Jungs angebrachter. Heisst dies nach Freuds Definition, er lebt sein Es aus, würde Jung zu diesem Verhalten sagen: er lebt seinen Schatten.

Schlussendlich konnte Siddhartha nur noch im Glückspiel einen Funken Leben spüren. Wenn das Adrenalin durch seine Venen schoss, konnte er noch einen letzten Hauch einer Verbindung von sich selbst mit etwas Höherem, etwas Göttlichem fühlen: „...jene Angst liebte er und suchte sie immer zu erneuern, immer zu steigern, immer höher zu kitzeln, denn in diesem Gefühl allein noch fühlt er etwas wie Glück, etwas wie Rausch, etwas wie erhöhtes Leben inmitten seines gesättigten, lauen, faden Lebens.“25

Wir können also feststellen, dass Siddhartha ein Mensch ist, der seine Phasen sehr intensiv und ziemlich kompromisslos auslebt was die Beziehungen der Instanzen betrifft. Lebte er in seinen jungen Jahren asketisch, nur für sein hohes Selbstideal, überlässt er sich als nächstes ganz seinen Trieben. Sein Ziel muss es nun sein, sein Über-Ich und sein Es in sein Ich zu integrieren. Nur wenn alle diese drei Instanzen harmonieren und zusammenspielen, kann es Siddhartha gelingen, innere Ruhe und Zufriedenheit zu finden.

6.3. Dritte Lebensphase - die Vereinigung der Instanzen und das Aufgehen im OM

Die dritte Lebensphase beginnt mit der Todessehnsucht Siddharthas. Er fühlt sich leer und innerlich tot, hasst sich selbst, verhöhnt sich. Er übernahm jene Züge der Unzufriedenheit, der Kränklichkeit, des Missmutes, der Trägheit, der Lieblosigkeit, die man im Gesicht reicher Leute so häufig findet.26Sah keinen Sinn mehr im Leben, war von dessen enttäuscht. Dann hatte er einen Traum. In diesem Traum träumte er von Kamalas Singvogel, welcher verstummt war. Er blickte in den Käfig, und der Vogel lag tot am Boden. „Er nahm ihn heraus, wog ihn einen Augenblick in der Hand und warf ihn dann weg, auf die Gasse hinaus, und im gleichen Augenblick erschrak er furchtbar, und das Herz tat ihm weh, so, als habe er mit diesem toten Vogel allen Wert und alles Gute von sich geworfen.“27

Der Traum dient ihm also wieder als Wegweiser, es ist wieder das Unterbewusstsein, das ihm etwas mitzuteilen hat. Er drückt sein Gefühl der inneren Abgestorbenheit aus, seiner Angst am wirklichen Tod, und symbolisiert seinen Verlust an Werten, dem Mangel an „Gutem“.

Als er an den Fluss gelangt, wo er sich ertränken wollte, „da zuckte aus entlegenen

Bezirken seiner Seele, aus Vergangenheiten seines ermüdeten Lebens her ein Klang. Es war ein Wort, eine Silbe, ... das heilige OM ... Und im Augenblick, da der Klang OM Siddharthas Ohr berührte, erwachte sein entschlummerter Geist plötzlich, und er erkannte die Torheit seines Tuns.“28

Wieder hat Siddhartha eine Eingebung, und wieder leitet diese eine neue Lebensphase ein: die letzte und abschliessende Lebensphase. Siddhartha erkennt mit Hilfe des Fährmannes Vasudeva, bei welchem er am Flusse wohnt, dass die Seele erst dann aufhört zu schmerzen, wenn er alles miteinander verbinden kann, wenn er lernt loszulassen, wenn er nicht mehr sucht, sondern einfach ist und annimmt. In dieser Zeit am Fluss vollzieht sich der Wandel von Siddhartha zum Buddha.

Hier beginnt die Synthese seiner Instanzen. War die Ausrichtung in seinem früheren Leben immer einseitig, hat das andere immer gefehlt, schafft es Siddhartha nun, seine Erfahrungen in seiner neu gefunden Identität zu vereinen.

„Ich habe ein Tor werden müssen, um Atman wieder in mir zu finden. Ich habe sündigen müssen, um wieder leben zu können Närrisch ist er dieser Weg, er geht in Schleifen, er geht vielleicht im Kreise“.29

Dieser Kreis wird verstärkt durch die Symbolik des Flusses, die sich wiederholenden Begegnungen mit Govinda, und schlussendlich mit der Bekanntschaft seines Sohnes. Der Kreis, und das immerwiederkehrende, wird später noch eindeutiger veranschaulicht mit der Tatsache, dass Siddhartha’s Sohn ihm das gleiche antut, was auch er einst seinem Vater angetan hat. Es gibt hier Parallelen zu der psychologischen Erkenntnis, dass alles was unverarbeitet ist, uns immer wieder konfrontieren wird. Hesse sagte einst dazu: „Es kommt alles wieder, was nicht bis zum Ende gelitten und gelöst wird.“

„Es ist gut, alles selber zu kosten was man zu wissen nötig hat“30. Diese Erkenntnis beschreibt die Einsicht aufgrund Siddharthas psychologischer Ausgangsproblematik. Es ist das typische Dilemma eines gelehrigen Schülers oder Intellektuellen: Er besass Wissen ohne die dazugehörige innere Erfahrung. Sein Kopf war der Seele voraus.31

Siddhartha erkennt jetzt also, dass sein bisheriges Leben nicht wertlos war. Er musste diese Phasen durchmachen, musste alles bis aufs Blut auskosten, um jetzt endlich Ruhe finden zu können, das Om spüren zu können.32Das Ich war in seinen ersten zwei Lebens- abschnitten nicht wirklich präsent. Nun lernt er langsam sein Ich zu leben, alles in seinem Ich zu vereinen, in seinem Ich aufzugehen. „Anders sah er jetzt die Menschen an als früher, weniger klug, weniger stolz, dafür wärmer, dafür neugieriger, beteiligter“.33

Er lernt dem Fluss zuzuhören, lernt gehenzulassen, auch wenn dies im Falle seines Sohnes mit grossen Schmerzen verbunden ist, lernt sich selbst genug zu sein, lernt den Tod zu akzeptieren und er lernt zu lieben. „Eben darin bestand die Verzauberung, welche im Schlafe und durch das OM in ihm geschehen war, dass er alles liebte, dass er voll froher Liebe war zu allem, was er sah. Und eben daran, so schien es ihm jetzt, war er vorher so sehr krank gewesen, dass er nichts und niemand hatte lieben können.“34

Dass Siddhartha es geschafft hat Atman zu finden, das Om zu hören, das Nirwana zu erreichen, schlicht und einfach mit dem Göttlichen vereint zu werden, das lässt uns Hesse dadurch wissen, dass sein leblanger Freund Govinda in seinem Gesichte, plötzlich tausende von Gesichtern sah, Tierköpfe, Köpfe von Göttern, von Verbrechern, von Tod und Leben, von einem neugeborenen Kinde usw.

„und diese Maske lächelte, und diese Maske war Siddharthas lächelndes Gesicht, das er, Govinda, in ebendiesem selben Augebenblick, mit den Lippen berührte. Und, so sah Govinda, dies Lächeln der Maske, dies Lächeln der Einheit über den strömenden Gestaltungen, dies Lächeln der Gleichzeitigkeit über den tausend Geburten und Toden, dies Lächeln Siddharthas war genau dasselbe, war genau das gleiche, stille, feine, undurchdringliche, vielleicht gütige, vielleicht, spöttische, weise, tausendfältige Lächeln Gotamas, des Buddhas, wie er selbst es hundertmal mit Ehrfurcht geshen hatte. So, das wusste Govinda, lächelten die Vollendeten“.35

7. Fazit

Nie hätte ich gedacht, dass die Literatur mit einer Wissenschaft anders als der Philosophie, eine so innige und harmonische Symbiose eingehen könnte. Ja, es scheint mir nach dieser Arbeit, als ergäbe dieses Zusammentreffen zweier Dienste an der Seele, eine hochprozentige Mischung, ein ungeheures Potential für grosse Werke, Werke welche die Menschen bewegen. Freud hat wirklich Grosses geleistet, für die Wisschenschaft, für die Kultur, für die Menschheit. Siddhartha wäre nie möglich gewesen, wäre „Traumdeutung“ nicht erschienen, hätte sich Hesse nicht so innig mit der Psychologie auseinandergesetzt.

Siddhartha ist voll von Psychologie, enthält einen unglaublichen Reichtum an psychologischer Einsicht. Verbunden mit buddhistischer Weisheit und einer Sprache, die so einfach und dennoch so tief, so stark und doch so fliessend ist, ergibt sich daraus eine Art Handbuch für das Leben, eine Art Bibel: Hesses Siddhartha.

Anfänglich sah ich noch nicht so klar, wo und wie ich denn genau die Elemente der Psychologie der damaligen Zeit in Siddhartha finden könnte. Ich habe sie stückweise entdeckt, in Worten und Gedanken und durfte nach einer gewissen Zeit die grösseren Zusammenhänge entdecken, den Kreis sozusagen. Wie Siddhartha musste ich lernen, nicht an etwas Einzelnem mich festzukrallen, sondern das Ganze zu betrachten, das ganze zu vereinen, das zu sehen, was über dem Ganzen steht.

Zwei persönliche Erkenntnisse aus dieser Arbeit möchte ich hier noch teilen. Die Erste: Habe Vertrauen zu dir selbst und in dein Leben. Sei dir bewusst dass du eine innere Stimme hast, die dir den Weg zeigen kann, dass du Träume hast, auf die du hören sollst. Sei dir bewusst, dass du alles in dir hast, um glücklich zu sein. Nur fühlen wollen musst du es, und auf deine innere Stimme hören. Durch dieses Grundvertrauen ergibt das Leben einen Sinn. Und macht es heute keinen Sinn, so wird es irgendwann einmal, wie ein Kreis der sich schliesst, wie das Wasser zu Dampf wird und wieder zu Regen, so wird was uns heute unsinnig erscheint, morgen einen Sinn ergeben. Und irgendwann einmal, wenn wir zurückschauen auf unser Leben, so bin ich mir sicher, werden wir diesen Sinn erkennen, werden wir den Kreislauf sehen, werden wir das Om spüren können.

Eine weitere wichtige Aussage in Bezug auf Siddhartha und die Psychologie scheint mir die Liebe zu sein. "Glück ist Liebe nichts anderes, nur wer lieben kann ist glücklich“ sagte Hermann Hesse einst. Und die Psychologie sagt: „nur wer sich selbst liebt, ist fähig andere zu lieben“. Dies ist einfach gesagt, aber sich selbst zu lieben ist nicht immer einfach, das Es, das Über Ich und das Ich sind meistens dabei, sich zu reiben, sich gegenseitig zu bekämpfen. Daraus entsteht diese innere Unruhe, welche Siddhartha solange in seinem Leben ins sich trug. Eine Unruhe die jeder nachvollziehen kann, wenn er über Siddharthas Gedanken, über seine Gefühle liest, auch ohne psychologische Fachkenntnisse, sondern dank eigener Erfahrung. Wir können das nachvollziehen weil wir es von irgendwoher kennen, diese innere Stimme auch schon mal gehört haben, diese tief in den Ecken unserer Seele versteckte Stimme auch in uns haben.

8. Quellenverzeichnis

Zitate Titelblatt & Vorwort:

Internet: http://www.worte-projekt.de/hesse.html

Baumann, G. 1989 Hermann Hesses Erzählungen im Lichte der Psychologie C. G. Jungs Berlin: Schäuble Verlag

Cremerius, J. 1999 Hermann Hesse und Sigmund Freud

Freiburg: Internet http://www.gss.ucsb.edu/projects/hesse/papers/cremerius.pdf Im Anhang

Cremerius, J. 1995 Freud und die Dichter Freiburg i. Br.: Kore Verlag

Dorsch, 1987 Psychologisches Wörterbuch Bern: Hans Huber Verlag

Hesse, H. 1974 (Ersterscheinung 1922) Siddhartha. Eine indische Dichtung. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag

Trettler, M. 1999

Internet: http://www.hausarbeiten.de/rd/archiv/deutsch/deutsch-siddharta1.shtml

9. Anhang

Cremerius, J. 1999 Hermann Hesse und Sigmund Freud

Freiburg: Internet http://www.gss.ucsb.edu/projects/hesse/papers/cremerius.pdf

10. Eidstaatliche Erklärung

Ich bestätige hiermit dass sämtlichen verfassten Worte, ausser den speziell gekennzeichneten, von mir persönlich und eigenhändig abgefasst wurden.

Datum: Luzern, 27 März, 2002

Unterschrift:

[...]


1 Hesse, Hermann: Siddhartha, Rückumschlag von Henry Miller

2Quelle: Internet: http://www.hausarbeiten.de/rd/archiv/deutsch/deutsch-siddharta1.shtml

3Hesse, Hermann: Siddhartha, Vorwort von Martin Beheim-Schwarzbach

4 Hesse, Hermann: Siddhartha, Widmung

5Cremerius, Johannes: Freud und die Dichter, 1995, Seite104 Freiburg i. Br., Kore Verlag GmbH

6Quelle: Internet, Cremerius, J. 1999 Hermann Hesse und Sigmund Freud Freiburg: Internet http://www.gss.ucsb.edu/projects/hesse/papers/cremerius.pdf (Im Anhang)

7Quelle: Internet, Cremerius, J. 1999 Hermann Hesse und Sigmund Freud Freiburg: Internet http://www.gss.ucsb.edu/projects/hesse/papers/cremerius.pdf (Im Anhang)

8 Definition nach: Dorsch, 1987 Psychologisches Wörterbuch Bern: Hans Huber Verlag

9 Cremerius, Johannes: 1995, Freud und die Dichter, Vorwort

10 Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 108

11Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 88

12Samanen: Asketen, welche versuchen sich vom Ich zu entfernen indem sie fasten, meditieren und äusserst bescheiden leben.

13Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 32

14Die Bezeichnung „Schatten“ für Govinda scheint mir nicht zufällig gewählte. Der von Jung geprägte Begriff des Schattens steht für die bisher im Ich-Aufbau vernachlässigten Eigenschaften. Es handelt sich um verdrängte, oder nicht gelebte psychische Züge. Govinda weist in seinem Charakter auch wirklich viele Eigenschaften aus, die Siddhartha zu fehlen scheinen, die Siddhartha (noch) nicht ausleben kann. Literarisch gesehen kann man Govinda als Gegenpool verstehen, als eine Verdeutlichung der ausgeprägten Individualität Siddharthas, Govinda kann als die Schafherde verstanden werden, die Gesellschaft, von der sich Siddhartha mit seinem Denken und seiner Beharrlichkeit abhebt.

15 Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 9

16Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 15

17Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 27

18 Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 32

19Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 34

20Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 34; diese Erkenntnis stimmt mit den grundlegenden Überlegungen der Psychoanalyse überrein, will ja auch sie die Ursachen erforschen um dann Wege zu finden sich persönlich weiterzuentwickeln, weiterzukommen.

21Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 34 und 35

22Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 36

23 Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 43

24Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 66

25 Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 66

26Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 65

27Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 68

28Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 73

29 Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 80

30Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 81

31Baumann, G. 1989 Hermann Hesses Erzählungen im Lichte der Psychologie C.G. Jungs Berlin: Schäuble Verlag

32Hermann Hesse, Zitat: "Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt."

33Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 104

34Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 78

35 Hesse, Hermann: Siddhartha, Seite 120

Details

Seiten
17
Jahr
2002
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106651
Note
noch nicht
Schlagworte
Hesse Hermann Sidhartha Tiefenpsychologie Freud Jung

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Titel: Hermann Hesse`s Siddhartha und die Tiefenpsychologie