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Danton und Robespierre als Kontrahenten in Büchners Revolutionsdrama „Dantons Tod“

Seminararbeit 2002 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufgabenstellung

3. Danton
3.1 Der erstarrte Revolutionär
3.2 Die Sinnkrise als Hintergrund
3.3 Die Konsequenz

4. Der Blutmessias und seine Jünger

5. Die Konfrontation

6. Die Verbindung
6.1 Die Einsamkeit
6.2 Die Äquidistanz zum Volk

7. Zusammenfassung

8. Ausblick

9. Literaturverzeichnis
9.1 Primärliteratur
9.2 Sekundärliteratur
9.3 Quellenangaben

1. Einleitung

Als der junge Georg Büchner, im Alter von nur 22 Jahren, sein erstes Drama, Dantons Tod, vollendet hatte, lag der Sturm auf die Bastille in Paris noch kein halbes Jahrhun- dert zurück. Aber nicht nur die zeitliche Nähe, sondern auch sein persönliches Schicksal veranlassten Büchner dazu, den Stoff der französischen Revolution in seinem Erst- lingswerk aufzugreifen. Dass er für die Niederschrift desselben, kurz vor seiner Flucht aus Darmstadt [1], nach eigenen Aussagen nur fünf Wochen benötigte [2], darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich bereits „im Frühjahr 1834, also unmittelbar vor dem ersten Entwurf des Hessischen Landboten“, intensiv dem Studium der Ge- schichte der französischen Revolution gewidmet hatte [3]. Helmut Fuhrmann weist zu Recht darauf hin, dass Büchner sich auch schon zu seiner Gymnasialzeit in Darmstadt mit den dramatischen Ereignissen in Frankreich um 1789 beschäftigt hat [4]. So schreibt Büchner in einer Schulrede, die den „Heldentod der vierhundert Pforzheimer“ zum Thema hat und die seine Begeisterung für die revolutionären Geschehnisse zum Aus- druck bringt:

[...]ich brauche mein Augenmerk nur auf den Kampf zu richten, der noch vor wenigen Jahren die Welt erschütterte [...] Ich meine den Freiheits-Kampf der Franken; Tugenden entwickelten sich in ihm, wie sie Rom und Sparta kaum auf- zuweisen haben und Taten geschahen, die nach Jahrhunderten noch Tausende zur Nachahmung begeistern können. [5]

Einen großen literarischen Erfolg konnte Büchner zu seinen Lebzeiten allerdings mit seinem Stück nicht verbuchen, da die Mehrheit der zeitgenössischen Leser durch die vom Autor verwendeten Technik der Quellenmontage abgeschreckt wurde. Dabei ist zu berücksichtigen, dass, nach neueren Untersuchungen, immerhin ein Fünftel des gesam- ten Textes quellenabhängig ist. [6] Büchner selbst rechtfertigt diese für die damalige Zeit so ungewöhnliche Montagetechnik in einem Brief an seine Familie:

Der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts, als ein Geschichtschreiber, steht aber über Letzterem dadurch, daß er uns die Geschichte zum zweiten Mal erschafft und uns gleich unmittelbar, statt eine trockene Erzählung zu geben, in das Leben einer Zeit hinein versetzt, uns statt Charakteristiken Charaktere, und statt Beschreibungen Gestalten gibt. Seine höchste Aufgabe ist es, der Geschich- te, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen.“[7]

Die Folge davon beschreibt jedoch der Redakteur Karl Gutzkow, in dessen ‚Phoenix‘ ein gekürzter Vorabdruck des ‚Danton‘ erschienen war, in einem Brief an Büchner: „Ihr Danton zog nicht [...] Darüber vergaß man, dass in der Tat doch mehr von Ihnen ge- kommen ist, als von der Geschichte u [sic] machte aus dem Ganzen ein dramatisiertes Kapitel des Thiers“[8], dessen ’Histoire de la Révolution française‘[9] neben der Heftrei-

he „Unsere Zeit“[10] eine der wichtigsten historischen Quellen Büchners war. Gleich-

wohl wusste nach Aussagen von Jürgen Seidel ein Teil der Leserschaft die moderne Bauform des Dramas durchaus zu schätzen:

In Kreisen der literarischen und philosophischen Avantgarde findet das Stück mitunter enthusiastische Aufnahme. Offensichtlich erkennt man hier, mit wel- cher zukunftsweisenden Tiefe der junge Autor Politik, Religion, soziales Leben, Kunsttheorie, Weltschmerz und Sensualismus - die gängigen Themen der Vor- märz-Subkultur - verstanden und literarisch überzeugend in Szene gesetzt hat.[11]

Abgesehen von der Tatsache, dass die Auswirkungen und Konsequenzen der französi- schen Revolution in Bezug auf die soziale Gesellschaftsordnung in Frankreich und an- deren europäischen Ländern ihre Bedeutung bis in die Gegenwart aufrecht erhalten ha- ben, ist es gerade die Vermischung oben genannter Themen und Ansätze, die „Dantons Tod“ für den heutigen Rezipienten so aktuell erscheinen läßt.

Keinesfalls handelt es sich bei dem Drama lediglich um ein „politisches Lehrstück“, wie Martina Kitzbichler richtig erkennt,[12] vielmehr ist es darauf angelegt, die grundlegen- den Fragen der „Menschennatur“, wie Büchner sie in seinem berühmten „Fatalismus“- Brief anspricht [13], zu analysieren und zu diskutieren. Wolfgang Martens formulierte dazu passend: „Hinter den revolutionären Auseinandersetzungen steht in Dantons Tod hier wie dort ein bohrendes Fragen nach dem Sinn des Seins und nach der Weltord- nung.“[14]

Darin liegt wahrscheinlich auch der Grund, warum Büchner sich in seinem Drama auf einen so kurzen Zeitabschnitt der französischen Revolution bezieht, einen Abschnitt

„von kaum zwei Wochen“[15], der sich von der Hinrichtung der Hébertisten bis zur Guil-

lotinierung der Dantonisten erstreckt und dessen Kern von der Auseinandersetzung zwi- schen Robespierre und Danton gebildet wird. Da der historische Verlauf und der Aus- gang der Ereignisse dem Publikum bereits bekannt waren und somit keine besondere dramatische Spannung erzeugt werden konnte [16], ist es in erster Linie der Konflikt der beiden Protagonisten, dem das Drama seine große Wirkung verdankt und der weniger

auf den konträren politischen Positionen, als auf diametral entgegengesetzten Weltan- schauungen beruht, die im folgenden näher erörtert werden sollen.

2. Aufgabenstellung

Ziel der hier vorliegenden Arbeit ist es, die beiden Kontrahenten, Robespierre und Dan- ton, sowie deren Auseinandersetzung und die dafür verantwortlichen Ursachen näher zu beleuchten. Dabei sollen nicht nur ihre Unterschiede, sondern auch die durchaus vor- handenen Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden. Außerdem sollen nicht nur diese beiden Figuren im Vordergrund stehen, sondern auch deren Beziehungen zu ihrer Um- gebung innerhalb des Dramas untersucht werden. Eine weitere Fragestellung wird sein, ob die beiden Protagonisten im Rahmen der Geschehnisse eine Entwicklung durchlau- fen und wenn ja, wie diese aussieht.

3. Danton

3.1 Der erstarrte Revolutionär

Wer zu Beginn des Dramas in Danton einen leidenschaftlichen und einen von dem Wunsch nach Veränderung der politischen Verhältnisse geprägten Revolutionär erwar- tet, wird von Büchner enttäuscht. Danton, der ohne Zweifel die „Zentralfigur des Stü- ckes“ [17] ist, wird nämlich nicht als begnadeter Rhetoriker in einer Rede vor dem Kon- vent oder als visionärer Politiker eingeführt. Stattdessen befindet er sich in der Ein- gangsszene an einem Spieltisch mit seinem Freund Héraut-Séchelles, seiner Frau Julie und einigen weiteren Damen. Dort geben sie sich dem „sinnlosen Zeitvertreib des Kar- tenspiels“[18] hin und tauschen erotische Anzüglichkeiten statt revolutionärer Gedanken aus. Selbst als Camille Desmoulins und Philippeau von den aktuellen Ereignissen in Paris berichten und durch die Entfaltung ihres politischen Programms, von dem später noch die Rede sein wird, versuchen, Danton zum Handeln zu bewegen, bleibt dieser sichtlich ungerührt. Auf die Aufforderung Camilles: „Danton du wirst den Angriff im Konvent machen“[19], antwortet er nur : „Ich werde, du wirst, er wird. Wenn wir bis

dahin noch leben, sagen die alten Weiber.“[20] Mit dieser zynischen Antwort gibt Danton

„beredten Ausdruck einerseits seiner Interesselosigkeit am aktuellen Geschehen wie auch andererseits - und das ganz besonders - seiner Gleichgültigkeit gegenüber eigenem zielstrebigem Handeln“.[21] Noch deutlicher wird Dantons politisches Desinteresse, als

er in dieser ersten Szene beschließt, zu gehen und zu Julie sagt: „Ich muss fort, sie rei- ben mich mit ihrer Politik noch auf.“[22]

Auch als die Situation für die Dantonisten nach der Rede Robespierres vor dem Jakobi- nerklub in eine reale Bedrohung umschlägt, verharrt Danton in seiner Lethargie. Auf die nun eindringliche Warnung von Lacroix: „Wir müssen nun handeln“, reagiert Danton ebenso lapidar wie zuvor: „Das wird sich finden“.[23]

Ebenso niederschmetternd wirkt die Aussage Dantons über die Motivation seines politi- schen Engagements. Denn er leitet seine Motive nicht aus dem Bedürfnis ab, die beste- hende soziale Gesellschaftsordnung zugunsten einer für das Volk besseren verändern zu wollen, sondern aus einer rein persönlichen. So bekommt Camille auf seine Frage, wa- rum er den Kampf überhaupt begonnen hätte, nur von ihm zu hören: „Die Leute waren mir zuwider. Ich konnte dergleichen gespreizte Katonen nie ansehn, ohne ihnen einen

Tritt zu geben. Mein Naturell ist einmal so.“[24]

Es bleibt als festzuhalten, daß der Leser schon im ersten Akt des Dramas in Danton ei- nen Menschen vorfindet, der „seine Identität als Politiker verloren“[25] hat und der kei- nerlei inneren Antrieb verspürt, den Kampf gegen seinen Kontrahenten Robespierre ernsthaft aufzunehmen. Dies unterstreicht auch seine Aussage gegenüber Lacroix:

„Morgen geh´ ich zu Robespierre, ich werde ihn ärgern, da kann er nicht schweigen.“[26] Das deutet darauf hin, dass Danton in keinster Weise versucht ist, einen Konsens her- stellen zu wollen, sondern bewusst die Provokation sucht, deren Konsequenz - die Ver- urteilung durch das Revolutionstribunal und die anschließende Enthauptung - er durch- aus kennt, zumal er selber sagt: „Ich weiß wohl, - die Revolution ist wie Saturn, sie frißt ihre eignen Kinder.“[27]

3.2 Die Sinnkrise als Hintergrund

Man darf nun aber nicht dem Irrtum unterliegen, dass Dantons Lethargie nur auf einer Frustration in Blick auf die Revolution oder der Politik an sich beruht. Denn die Gründe dafür sind sehr viel tiefergehend und die Wurzeln seiner Sinnkrise sind philosophischer, psychologischer und religiöser Natur.

Wolfgang Martens war es, der sich im Jahre 1960 in seinem Aufsatz „Ideologie und Verzweiflung“[28] intensiv mit den religiösen Motiven beschäftigt hat, die zu der Träg- heit Dantons geführt haben. Er identifiziert dabei vor allem den Atheismus, zu dem sich Danton bekennt[29], als eine der Hauptursachen für die Lethargie, wenn er sagt:

Ein lastendes Verlorenheitsgefühl, Angst, Schwindel, Schwermut, Langeweile, Ekel und Verzweiflung werden an der Gestalt Dantons allenthalben, und zwar von der ersten Szene an, sichtbar als Symptome eines radikalen Zweifels an Gott und einer göttlichen Weltordnung, - eines Zweifels, der sich nicht in philosophischer Gelas- senheit vollzieht, sondern an die Wurzeln der eigenen Existenz greift.[30]

In diesem radikalen Zweifel erkennt Hans Mayer[31], der Büchners Werk mit der Ge- schichte vergleicht, auch den entscheidenden Unterschied zwischen dem historischen Danton und Büchners literarischer Figur. Denn während der Untergang des fiktiven Dantons auf ein geradezu existentialistisches Problem zurückzuführen ist, erklärt Mayer das Scheitern der realen Person mit seiner verfehlten Politik: „Woran scheitert der ge- schichtliche Danton? An seinem politisch-taktischen Programm, nicht aber an der Er- kenntnis der Sinnlosigkeit aller Revolutionsprogramme.“[32] Deshalb ist die Schlussfol- gerung von Martens, dass die Trägheit Dantons „unmittelbar aus der Erfahrung der Sinnlosigkeit allen Seins“[33] resultiere, nur auf Büchners Danton anzuwenden und deu- tet damit auch gleichzeitig auf eine Beziehung zwischen dem Dichter und seiner Figur fernab der Historie hin.

Der Übergang zwischen der philosophischen und der religiösen Ebene findet sich in einer Äußerung Dantons, die die Beschränktheit des menschlichen Wesens anklagt und gleichzeitig die Schöpfung dafür verantwortlich macht: „Es wurde ein Fehler gemacht, wie wir geschaffen worden, es fehlt uns was, ich habe keinen Namen dafür [...] Geht, wir sind elende Alchymisten*.“[34]

Gerade diese Unzufriedenheit mit der Natur des Menschen ist es, die den oben erwähn- ten Zusammenhang zwischen Büchner und seinem Danton sichtbar werden lässt. Denn Büchner schreibt in dem häufig zitierten Fatalismus-Brief an seine Braut:

Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschli- chen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herr- schaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich.[35]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* Bezeichnenderweise verwendet der Naturwissenschaftler Büchner hier das Bild der Alchimisten , die auf ihrer Suche nach dem „Stein der Weisen“ ohne wissenschaftliches Fundament und ohne Theorie a- gierten. Ihre Experimente spielten sich sozusagen im luftleeren Raum ab. Dies dürfte die Ursache für den Vergleich zwischen der menschlichen Existenz und der Alchimie sein. Dabei muss man jedoch berück- sichtigen, dass es den Alchimisten gar nicht darauf ankam, die Hintergründe chemischer und physikali- scher Prozesse zu erforschen oder zu verstehen.

[...]


[1] MA, S. 409

[2] MA, S. 297

[3] HF, S. 213

[4] HF, S. 212

[5] MA, S. 18

[6] GKn, S. 99

[7] MA, S. 305

[8] MA, S. 350

[9] Louis Adolphe Thiers: Histoire de la Révolution française. 10 Bde. Paris 1823-1827

[10] Unsere Zeit, oder geschichtliche Uebersicht der merkwürdigsten Ereignisse von 1789-1830

[...] bearbeitet von einem ehemaligen Officier der kaiserlich französichen Armee [Hefttitel].

= Die Geschichte Unserer Zeit. Bearbeitet von Carl Strahlheim. 30 Bde. (120 Hefte).Stuttgart 1826-1830

[11] JS, S. 105

[12] MK, S. 31

[13] MA, S. 288

[14] WM, S. 407

[15] GKa, S. 23

[16] GKa, S. 23

[17] Gka, S. 57

[18] Gka, S. 25

[19] MA, S. 71

[20] MA, S. 71

[21] FS, S. 41

[22] MA, S. 72

[23] MA, S. 85

[24] MA, S. 72

[25] FS, S. 41

[26] MA, S. 85

[27] MA, S. 84

[28] WM, S. 406 f.

[29] MA, S. 119

[30] WM, S. 410

[31] HM, S. 200 f.

[32] HM, S. 211

[33] WM, S. 411

[34] MA, S. 91

[35] MA, S. 288

Details

Seiten
23
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640047789
ISBN (Buch)
9783640862580
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106499
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
Danton Robespierre Kontrahenten Proseminar Georg Büchner

Autor

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