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Grimm`sches Wörterbuch

Hausarbeit 2002 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Biographische Angaben

3 Das Deutsche Wörterbuch
3.1 Der Weg zum Deutschen Wörterbuch
3.2 Das Deutsche Wörterbuch
3.3 Vergleich der Erstausgabe und der Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuches
3.4 Kritik am Deutschen Wörterbuch

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

6 Fußnoten bzw. Endnoten

1 Einleitung

In der folgenden Arbeit sollen zunächst biographische Angaben zum Leben von Jacob und Wilhelm Grimm dargestellt werden, so dass man einen Einblick bekommt, wer bereits 1838 mit der Arbeit an einem etymologisch und sprachgeschichtlich angelegten Wörterbuch, in dem die anzuführenden Wörter von ihrem Ursprung her in allen Anwendungsformen und Bedeutungswandlungen dargestellt werden, begonnen hat.

Da Jacob Grimm den umfangreichsten Teil der Arbeit für das Deutsche Wörterbuch beisteuerte, soll auch überwiegend von ihm die Rede sein.

In Kürze soll die Frage beantwortet werden, wie die Schritte bis zum Deutschen Wörter buch aussahen. Wie gestaltete sich die Arbeit von Jacob Grimm, bis er aufgefordert wurde, mit seinem Bruder ein Wörterbuch zu schreiben?

Aber am umfangreichsten soll sich auf den folgenden Seiten damit auseinandergesetzt werden, wie die Brüder Grimm das Wörterbuch aufbauen wollten, was sie für Verände- rungen in der Sprache und der Grammatik anstrebten. Darüber hinaus werden in einem Vergleich die Neubearbeitung sowie die Erstausgabe des Deutschen Wörterbuches in Hin- blick auf die Lemmata A und F konträr gegenübergestellt. Dabei soll jedoch der allgemei- ne Vergleich der Ausgaben im Vordergrund stehen. In wie weit unterscheiden sich die bei- den Ausgaben in der Darstellung?

Nachdem eine Übersicht über einzelne Kritikpunkte gegeben wurde, soll in einer Zusammenfassung ein anschließendes Fazit dargestellt werden.

2 Biographische Angaben

Jacob Ludwig Karl Grimm (4.01.1785-20.09.1863) und Wilhelm Karl (24.02.1786- 16.12.1859), beide in Hanau geboren und in Berlin verstorben, waren die Söhne des Verwaltungsbeamten Phillipp Wilhelm Grimm (1751 - 1796) und von Dorothea Grimm, geb. Zimmer (1755-1808).

Die Brüder Grimm kann man als Begründer der modernen Germanistik als Literatur- und Sprachwissenschaft bezeichnen, die sich für die Erforschung deutscher Märchen und Sa- gen, Mythologie, Rechtsaltertümer sowie altdeutscher Dichtung einsetzten. Insbesondere Jacob Grimm prägte viele sprachwissenschaftliche Begriffe und erkannte die Gesetzmäßigkeit des Lautwechsels1.

Die gemeinsame Jugend, in der Wilhelm bereits kränkelte, verbrachten die Brüder bis zur Versetzung des Vaters 1791 in Hanau, anschließend wohnten sie in Steinau. Nachdem der Vater verstorben war, wurde die Familie 1798 von der Schwester Dorotheas am Kasseler Hof aufgenommen, da nur so die höhere Schulbildung für die Söhne gewährleistet werden konnte, die die Voraussetzung für das Jurastudium war, dass die Mutter für sie vorsah. Die Brüder besuchten daraufhin das Lyzeum in Kassel.

Jacob Grimm begann 1802 mit dem Jurastudium in Marburg bei Savigny, woraufhin ihm Wilhelm ein Jahr später folgte.

Seine eigenständige wissenschaftliche Arbeit, die durch die Mitarbeit bei Savigny in Paris motiviert wurde, begann J. Grimm etwa 1805. Kurze Zeit später kehrt er wieder nach Kassel zurück und wurde 1808 Privatbibliothekar des Königs Jérôme (Bruder Napoleons) in Wilhelmshöhe bei Kassel.

Ab 1815 führten die Brüder einen gemeinsamen Haushalt, weil sie bis 1829 als Bibliothekare in Kassel tätig waren. Als Jacob in diesem Jahr auch Professor für Altertumswissenschaften in Göttingen wurde, folgte Wilhelm ihm auch dorthin und wurde sechs Jahre später ebenfalls zum Professor berufen.

Mit seinem Bruder Wilhelm gehörte Jacob 1837 zu den „Göttinger Sieben“, die gegen den Verfassungsbruch des hannoveranischen Königs protestierten und daraufhin amtentsetzt wurden. Sie waren ab 1841 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Professoren in Berlin. Ab dem Jahre 1848 war Jacob Grimm zudem als Abgeordneter im Frankfurter Par- lament tätig.

3 DasDeutsche Wörterbuch

3.1 Der Weg zumDeutschen Wörterbuch

Bereits im Mittelhochdeutschen gibt es Ansätze einer überregionalen Einheitlichkeit der Schrift. Man findet etwa ab dem 15. Jahrhundert Beispiele für Regeln, die den heutigen schon ähneln. Dennoch war die Schrift aber immer noch phonematisch beeinflusst, so dass man so schrieb, wie man sprach.

Bis zum 19. Jahrhundert beschäftigten sich verschiedene staatliche Instanzen, Sprach- wissenschaftler und Pädagogen mit dem Schriftsystem, so beispielsweise Adelung ( 18. Jh.). In dieser Zeit verstärkte sich das Interesse an einer Vereinheitlichung der Recht- schreibung. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der adelungschen Orthographie setzte 1822 durch Jacob Grimm ein.2 Er arbeitete historisch vergleichend, so dass für ihn die Etymologie am Wichtigsten war. Des Weiteren strebte J. Grimm eine überregionale, einfache Orthographie an, „die sich durch Unabhängigkeit von der regional gefärbten Aus- sprache [...] auszeichnen sollte, […]“3 und die in Hinblick auf den theoretischen Aspekt in sich geschlossen ist. Er missbilligte zudem die normativen Eingriffe der Sprachwissen- schaftler. Mit seinen Ansichten stand Jacob Grimm dem vorherrschenden Schreibgebrauch sowie den Schulgrammatikern konträr gegenüber.

Bis dahin stellte sich jedoch für Jacob Grimm hauptsächlich für die mittelhochdeutschen Texte die Frage, ob es nicht besonders für den unerfahrenen Leser von Vorteil ist, wenn die Schrift einheitlich und so wenig wie möglich von Schwankungen betroffen wäre. Man sollte in diesem Zusammenhang der Schreibart folgen, die am häufigsten in den Hand- schriften vorkommt4, aber dennoch wollte J. Grimm alle Mund- und Schreibarten bewah- ren, so dass er seinen Wunsch auf Einheitlichkeit mit seinem Bruder auf einige erwäh- nenswerte Denkmäler einschränkte. In dieser von J. Scharnhorst als „philologisch- textkritische Periode“5 bezeichnete Schaffenszeit, erkannte J. Grimm, dass die Übergänge von der Schrift- zur Mundsprache immer mehr verblassen. Andererseits stellt die Mundart die individuelle Sprachform des Einzelnen dar, die jedem von Kindheit an vertraut gewe- sen ist, und gerade deshalb wollte er diese Formen in der schriftlichen Sprache bewahren. Darüber hinaus kannte man in der älteren Zeit keine Einheitlichkeit der Schriftsprache, die von Regeln gekennzeichnet war.6 Jede Zeit ist von bestimmten Normen geprägt, die man im Nachhinein nicht verändern sollte, worin für Jacob Grimm die Hauptgefahr bestand, weil man „nicht weiß, wo man aufhören soll“7. So wäre es sinnvoller die einzelnen Ge- setzmäßigkeiten einer Sprachepoche zusammenzutragen und nicht die momentan gültigen Regeln in diese Epoche einzufügen.

Im Laufe seiner Arbeit änderte sich seine Auffassung, wodurch er sich „auf Seiten einer „kritischen Ausgabe““8 befand. Als Resultat seiner Überlegungen legte er in seiner „historisch-grammatischen Periode“9 1822 seine buchstabenlehre vor, in dessen Mittelpunkt allerdings die Lautungen stehen sollen.

In seiner buchstabenlehre hat Jacob Grimm verschiedene Sprachen sowie Sprachstufen miteinander verglichen, worin sich seine diachrone Betrachtungsweise widerspiegelt. In- nerhalb seiner Aufzeichnungen versuchte er allen Gebieten der Grammatik Rechnung zu tragen, so beispielsweise der Orthographie, Morphologie, Wortbildung sowie der Syntax. Als Jacob Grimm 1840 seine überarbeitete Fassung des ersten Teils die buchstabenlehre, die zur lautlehre wurde, der Deutschen Grammatik veröffentlichte, wusste er bereits, was sich in der Orthographie ändern sollte und was er in dem Deutschen Wörterbuch wieder aufgreifen wollte. So war ihm klar, dass er das „schleppende h“ und die „lästige Verdoppe- lung“ zur Längenbezeichnung in einzelnen Wörtern ( z.B.: sêle → seele) nicht befürworten kann, nur weil man diese Länge nicht mehr durch folgendes Zeichen ^ kenntlich machen wollte.10

3.2 DasDeutsche Wörterbuch

Jacob und Wilhelm Grimm hatten den Plan für ein etymologisch sowie sprachgeschichtlich aufgebautes Wörterbuch der deutschen Sprache, welches Diachronie und Synchronie ver- bindet, bereits gefasst, bevor Jacob seine Neuauflage der Deutschen Grammatik heraus- bringen konnte. In dieser „sprachkulturell-lexikographischen Periode“11 bereiteten die Grimms aufgrund des Angebotes von Verlegern das Wörterbuch vor und arbeiteten dies ab 1850 aus. In diesem von Anfang an breit konzipierten Werk wollte insbesondere Jacob Grimm seine „Erkenntnisse, die er aus seinen historisch-vergleichenden Untersuchungen gewonnen hatte, öffentlichkeitswirksam“12 herausbringen. Den Menschen sollte es ermög- licht werden, den ganzen Reichtum des Neuhochdeutschen zu erkennen.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Grammatiken und Wörterbücher so angelegt, dass sie ihrer Zeit hinterher waren, weil man immer nur vergangene Sprachstadien betrachtete. Jacob Grimm aber hatte wie schon in seiner Grammatik versucht, die deutsche Sprache in ihrem aktuellen Stand festzuhalten, um darüber hinaus etwas zu schaffen, was noch einige Zeit nach dem Erscheinen Gültigkeit hatte. Weil aber Jacob Grimm die historische Richtung vertrat, war es ihm auch wichtig, dass alte Regelungen ihren Geltungsanspruch nicht verlieren. Die Grimms vertraten auch die Auffassung, dass dieses Wörterbuch überwiegend ein „philologisch orientiertes Belegwörterbuch“13, dass sprachhistorisch orientiert ist, sein sollte und damit kein Gebrauchswörterbuch ist.

Bevor das Deutsche Wörterbuch veröffentlicht werden sollte, hat Jacob Grimm verschiedene orthographische Änderungen vornehmen wollen, die auch im Wörterbuch dargestellt werden sollten. Mit vielen Beispielen und Vorstellungen liegt Jacob Grimm schon nahe bei den Schreibungen, wie sie heute verwendet werden. Manche Vorstellungen sind sehr begründet, wie die Kleinschreibung von Substantiven, die sich allerdings bis heute noch nicht als große Vereinfachung durchsetzen konnte.

Innerhalb seiner Reformvorschläge sollte zunächst das Dehnungs-h sowie das h bei th wegfallen. Nur das organische h (z.B. ´sehn´) sollte erhalten bleiben. Das lange ie sollte zu einem i (z.B. ´gibt´ statt ´giebt´) werden, wenn es kein organisches ie war. Aber bereits hier sind auch bei Jacob Grimm Ausnahmen auszumachen, die er ja ursprünglich beseiti- gen wollte ( z.B. ´ziehen´ soll so bleiben). Die doppelten Vokale sollen seiner Ansicht nach mit Ausnahme der organischen Länge beseitigt werden (z.B. ´her´ für ´heer´). Bei ´haar´ und ´leer´ sollen die Vokale aber bleiben, weil in diesen Fällen eine mittelhochdeut- sche Länge vorliegt.

Bis auf die Auslautform und im Inlaut vor t soll der Doppelkonsonant nicht erhalten bleiben. In allen anderen Fällen fordert Grimm, dass es beibehalten wird, weil so der kurze Vokal erhalten bleibt.

Wenn es darum geht, ob man ss oderßschreibt, dann schließt er sich der Meinung von Adelung an, dass man nach einem langen Vokalßschreiben muss.

Was ihm auch besonders am Herzen liegt, ist, dass man zwischen dem Artikel ´das´ und der Konjunktion ´daß´ unbedingt unterscheiden muss.

Eine graphische Differenzierung zwischen zwei gleichlautenden Wörtern erscheint ihm wie im Falle ´wieder´ (noch einmal) und ´wider´ ( gegen) als unnütz.14 Bei seinen Neuerungen ging Jacob Grimm meist von einer idealisierten mittelhochdeutschen Lautung und Schreibung aus. So erklären sich auch seine Vorstellungen, wann ein Laut „organisch“ oder „unorganisch“ ist.15 Es macht also teilweise den Eindruck, als wollte sich Jacob Grimm nicht auf neue Gegebenheiten einlassen.

Mit seinen umfassenden Änderungen der Orthographie wollte Jacob Grimm einerseits die deutsche Sprache „rascher“ und „behender“ machen, weil so „schleppende(r) buchsta- ben“16 wegfallen und andererseits die Orthographie an die anderer verwandter Völker an- gleichen.

J. Grimm musste allerdings seine Reformvorschläge aufgrund der Verleger soweit ein- schränken, dass fast alle Neuerungen (aber auch nur bei Simplicia) lediglich in Klammern angeführt wurden. Es rechtfertigten sich die Verleger so, dass man diese umfassenden Än- derungen aufgrund des zu erwartenden Absatzverlustes nicht durchführen konnte. Infolge- dessen musste er weitgehend an der gegenwärtigen Orthographie festhalten, was Grimm auch im Vorwort von 1854 erklärt und gleichzeitig rechtfertigt, indem die Diskussion zwi- schen ihm und dem Verleger andeutungsweise Erwähnung findet. Lediglich die Klein- schreibung hat sich durchgesetzt.17

Dennoch kann hinzugefügt werden, dass das Deutsche Wörterbuch auch andere Regeln missachtete. Es wurden die Stichwörter in Großbuchstaben (Majuskeln) geschrieben, Jacob Grimm verwendete Antiqua und besonders an der durchgängigen Kleinschreibung nahmen viele Anstoß. Es macht also den Eindruck, dass die Grimms sich nicht nur über bestimmte Normen hinwegsetzten, sondern darüber hinaus auch so schrieben, wie es für sie am plau- sibelsten war. So scheint besonders der erste Artikel am subjektivsten zu sein.

Im ersten Artikel des Deutschen Wörterbuches begann Jacob Grimm mit dem Lemma A und nutzte die Gelegenheit den Benutzer mit seinen Forschungsergebnissen vertraut zu machen, indem er die „phonotaktischen Untersuchungen“18, die er in seiner Grammatik nicht anführen konnte, darstellte. Seine Ausführungen sind klar gegliedert, werden aller- dings immer wieder durch Äußerungen seinerseits durchbrochen, wenn er etwas kritisieren möchte. Aufgrund seiner ausführlichen Illustration, die oft über das Lemma A hinausgeht und allgemein Konsonanten, Doppelkonsonanten, Längen und Kürzen anspricht, erscheint insbesondere der Buchstabe A als sehr umfangreich. Man kann aber sagen, dass Jacob Grimm damit eine Grundlage für seine Vorschläge aufbaut. Durch diese Darstellungsweise war es ihm möglich seine angestrebten orthographischen Änderungen vorzutragen, obwohl die Verleger ihm dafür keinen Spielraum geben wollten. Allerdings schränkten sich die allgemeinen Darstellungen wie zum Beispiel zur Phonem-Graphem-Beziehung nicht nur auf das Lemma A ein, sondern sind auch bei anderen Buchstaben zu finden.

Es kam im Verlauf der Zeit immer wieder zu verunsicherten Anfragen, was die Benutzung des Wörterbuches betraf, besonders in Hinblick auf die in Klammern angeführten Reform- vorschläge. Als Konsequenz dessen hat Jacob Grimm 1854 ein Vorwort geschrieben, in dem er versucht auf sämtliche Kritikpunkte einzugehen. Die lateinische Schrift rechtfertig- te er damit, dass er in seiner Grammatik bereits die deutsche Schrift durch diese ersetzt hat, so dass es als konsequent angesehen werden konnte, wenn er dies so beibehielt. Grimm empfindet die deutsche Schrift aufgrund ihrer Schnörkel als ungeeignet. Ähnlich ist die Rechtfertigung J. Grimms in Bezug auf die substantivische Großschreibung, da er auch diese in früheren Werken aufgegeben hat. Hinzu kommt, dass sie für ihn eine Fehlentwick- lung ist.19

In seiner Vorrede kritisiert er unter anderem auch die Laut-Buchstaben-Beziehungen sowie die inkonsequente Darstellung der Vokallänge.

Ferner versucht Grimm sogar zu erklären, dass er sich beim Deutschen Wörterbuch mit seinen Neuerungen und Kritikpunkten schon eingeschränkt und nicht alles durchgesetzt hat. So lässt er sich auch nicht nehmen dies zu erwähnen, um gleichzeitig noch den Vorschlag niederzuschreiben, dass er das v in allen Fällen durch das f ersetzten wollte, wenn das v mit dem f lautlich übereinstimmte.

3.3 Vergleich der Erstausgabe und der Neubearbeitung des DeutschenWörterbuches

Das Deutsche Wörterbuch „muß […] als die umfangreichste und reichhaltigste lexikogra- phische Dokumentation des Deutschen angesehen werden“20. Es umfasst 16 Bände in 32 Großbänden mit insgesamt 380 Lieferungen. Einen sehr großen Teil der Arbeit (insgesamt 25 Jahre) haben die Brüder Grimm mit den Lemmata A bis Froteufel beigetragen, wobei Jacob Grimm die größte Zahl der Artikel dazu beisteuerte. Jacob Grimm behandelte die Buchstaben A, B, C sowie E und F bis zum Wort Frucht. Den Buchstaben D hat Wilhelm Grimm erarbeitet.

Die erste Lieferung des Buchstaben A bis zum Wort ´Allverein´ erschien am 1. Mai 1852. Zwei Jahre später wurde der erste Band bis zum Wort Biermolke und dem erklärenden Vorwort Jacob Grimms komplettiert. Es sollte mehr als hundert Jahre dauern, bis alle Bän- de vollständig erschienen sind. 1960 wurde die letzte Lieferung gedruckt. Erst weitere zehn Jahre später erschien das Quellenverzeichnis. Nachdem die Brüder Grimm die Arbeit nicht mehr weiterführen konnten, setzten verschiedene Germanisten die Arbeit fort. So setzte beispielsweise Matthias von Lexer in achtjähriger Arbeit das Deutsche Wörterbuch fort und erarbeitete den Band N bis Quurren.

Nachdem alle Bände bis 1970 erschienen sind, haben die Akademie der Wissenschaften in Berlin in einem gemeinsamen Projekt mit der Akademie der Wissenschaften in Göttingen begonnen, die Teilstrecke A bis F neu zu bearbeiten. Die Berliner Arbeitsstelle übernahm innerhalb der insgesamt zehn Bände die Buchstaben A bis C. Die Arbeitsstelle in Göttin- gen hat die Buchstaben D bis F und somit die Bände 6 bis 10 übernommen.21 Aufgrund der Tatsache, dass Jacob Grimm die Buchstaben A und F bearbeitet hat, und dass diese beiden Buchstaben auch bereits in der Neubearbeitung in den einzelnen Bänden erschienen sind, sollen die beiden Ausgaben auch hinsichtlich dieser zwei Buchstaben mit- einander verglichen werden. Zunächst sollen aber auch zu dem Vergleich allgemeine Dar- stellungen über die Ausgaben angeführt werden, um anschließend den ersten Band der bei- den Ausgaben bis zum Wort ´Aachenfahrt´ zu vergleichen. Bei dem Buchstaben F sollen die Artikel bis zum Wort ´Fabel´ verglichen werden.

Die Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuches will die Tradition des alten Wer- kes weiterführen und behält deshalb auch die Namen der Brüder Grimm bei, was man auch an dem viel kürzerem Vorwort erkennt. Einerseits muss nicht mehr so viel Rechenschaft abgelegt werden und andererseits will die Neuauflage das weiterführen, was bereits schon einmal vorhanden war.22

Wie die Erstausgabe ist die Neubearbeitung „einem bestimmten Typ der historischen Wörterbücher, dem Typ des bedeutungsgeschichtlichen Wörterbuchs zuzurechnen.“23 Mit der Arbeitsweise schließt man an die historische Lexikographie an, die bei den Grimms vorherrschte und von Arthur Hübner in der letzten Bearbeitungsphase (1930-1960) der ersten Ausgabe geprägt wurde.24

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Neubearbeitung kein Nachtrag zu den früheren Ausgaben darstellen soll. Der Leser ist aufgrund der vollständigen Angaben nicht auf die Erstausgabe angewiesen. Man versucht darüber hinaus, eine klare und übersichtliche Darstellung zu erreichen, um somit auch die Artikellänge zu kürzen. Aber dennoch wird einem in der Neuausgabe ein größeres Spektrum an Belegen gegeben. Belege aus der Erstauflage werden nur dann übernommen, wenn sie für die Darstellung unabkömmlich sind. Des Weiteren werden die Belege chronologisch geordnet, sofern eine Datierung möglich ist. Dieser Aspekt ist bei der Erstausgabe nicht deutlich auszumachen.

Sonderfragen sollten nicht erörtert werden und die Belegtexte sollten gekürzt werden. Auf- grund dieser Gesichtspunkte kann man erkennen, dass die Bearbeiter der Neuausgabe sich auch damit auseinandergesetzt haben, in wie weit man das Deutsche Wörterbuch benutzerfreundlicher machen kann.

Eine systematische Artikelstruktur sollte damit erreicht werden, dass man eine innere Struktur herstellt, die von verschiedenen Gliederungseinheiten geprägt wird (durch Unterpunkte wie I, II, … und A, B, …). Hierbei kann man schon einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden Ausgaben erkennen.

Eine weitere Regel war, dass man die Artikel in „Herkunft und Form“ sowie „Bedeutung und Gebrauch“ gliederte.25 Für die Gliederung der Artikel ist die Bedeutung und die Geschichte eines Wortes ausschlaggebend. Es stellt sich in diesem Zusammenhang aber auch die Frage, ob damit die ausführliche Darstellung, die die Brüder Grimm den einzelnen Worten zugestanden haben, nicht zu kurz kommt. Wenn man sich aber die einzelnen Artikel und Erklärungen näher anschaut, so kann man vermutlich in den meisten Fällen feststellen, dass die Beleglage und die Erläuterungen ausreichend sind, um auch einen insbesondere historischen Überblick zu erlangen.

Die bereits erwähnte systematische Darstellung der einzelnen Artikel des Deutschen Wör terbuches sind weitgehend standardisiert, was in der Erstausgabe nicht so der Fall war. Jeder Artikel ist jetzt in vier Teile gegliedert, die sich wie folgt anordnen:

(1) Stichwortgruppe
(2) Einleitungsteil
(3) Bedeutungs- und Belegteil
(4) Kompositionsteil

Innerhalb der Stichwortgruppe wird das Lemma in Majuskeln dargestellt und die Wortart beschrieben, was Jacob Grimm ebenso handhabte. Im Einleitungsteil (Formteil) können verschiedene Aspekte, die meist kleingedruckt sind, eine Rolle spielen. So werden grammatische Punkte erklärt und die Etymologie eines Wortes dargestellt. Die Wortgeographie, also woher ein Wort stammt, in welcher Region es überwiegend vorkommt, kann ebenso wie die phonlogischen Details erläutert werden. Der normal gedruckte dritte Teil führt sämtliche Belege sowie Bedeutungen an. In der Kompositionsgruppe kann man die kleingedruckten Wortbildungsmöglichkeiten erfahren.26

Ferner wird die Darstellung durch die verschiedenen Bedeutungen eines Wortes geprägt, was unter das Prinzip der Polysemie fällt.

Im Gegensatz zur Erstausgabe des Deutschen Wörterbuches geht die Neuauflage deskriptiv vor. Es wird also versucht, den Wortschatz möglichst wertungsfrei darzustellen. In der Neubearbeitung wird der hochdeutsche, schriftsprachliche Wortbestand etwa ab der Mitte des 15. Jahrhunderts verzeichnet. Darüber hinaus werden einerseits keine Wörter aufgenommen, die vor der Mitte des 15. Jahrhunderts belegt worden sind und danach nicht mehr, und andererseits werden aber Wörter aufgenommen, die sich auf eine bestimmte Epoche einschränken und zum Beispiel heute nicht mehr gebraucht werden. Es sieht also so aus, als würde man all das einbeziehen, was nach dem 15. Jahrhundert an Wörtern ver- wendet wird oder wurde. Dieser umfangreiche Bereich wird allerdings dadurch einge- schränkt, dass zum Beispiel keine Gelegenheitsbildungen sowie mundartlich gebrauchte Wörter zulässig sind.27 Diese Selektion der Wörter ist in der Neuausgabe sehr gering, aber damit haben sich bekanntlich die Brüder Grimm auch schwer getan.

Außerdem werden Fremdwörter und Fachtermini aufgenommen und finden gleichberechtigte Aufnahme im Wörterbuch, allerdings auch nur dann, wenn sie weiter verbreitet sind und somit eine größere Bekanntheit haben. Dies ist neben der Artikelstraffung und der Gliederung der zweite wichtige Unterschied zur Erstausgabe.

Man kann also sagen, dass dadurch allgemein bekannte Wörter, wie Abiturient, Defizit u.a. aufgenommen wurden, aber auch viele Wörter, wie Dyskrasie, Dyspepsie u.a. Berücksich- tigung fanden, die man nicht als allgemein bekannt voraussetzen kann.28 Man muss aber auch beachten, dass Jacob Grimm im Gegensatz zur Neuauflage viele Wörter nicht auf- nehmen brauchte, da sie in diesem Sprachstadium noch keine allgemeine Bekanntheit er- langt hatten.

Bei dem Vergleich der Lemmata fällt sofort auf, dass die oben beschriebene Glie- derung in der neuen Ausgabe von vorn herein eine bessere Übersichtlichkeit gewährleistet. Ein besserer Lesefluss wurde dadurch erreicht, dass man einen größeren Schriftgrad ver- wendet hat, und dass der Zeilenabstand nicht mehr so eng gefasst ist, obwohl sich dadurch ganz offensichtlich die Artikel verlängern würden. Tatsache ist, dass Jacob Grimm den Buchstaben A innerhalb von 2 ½ Spalten erklärt und bei F benötigt er mehr als vier Spal- ten, um diese seiner Meinung ausreichend erklären zu können. In der Neubearbeitung wer- den für den Buchstaben A drei Spalten benötigt, was aber auch nur beim A so umfangreich ist. Der Buchstabe F wird lediglich innerhalb einer halben Spalte erklärt. Daraus lässt sich schließen, dass allgemein gesehen erhebliche Kürzungen vorgenommen wurden. Man kann auch nur damit die angestrebte Straffung der Artikel erreichen. In der Neuausgabe wird innerhalb der Gliederung zunächst auf Herkunft, Genus und Flexion des Buchstaben ein- gegangen. Die von Jacob Grimm zahlreich verwendeten Beispiele für den unterschiedli- chen Gebrauch des A´s fallen weg. Es werden dafür in der Neubearbeitung Belege ver- wendet und beim Buchstaben A werden Sprichwörter miteinbezogen. Jacob Grimm hinge- gen schränkt sich nicht auf den Buchstaben A ein, sondern vergleicht ihn mit gleichlauten- den Buchstaben wie E. Ähnlich verhält es sich beim Buchstaben F. Belege verwendet er dafür nicht. Es macht den Eindruck, als würde er wirklich nur sein erforschtes Wissen prä- sentieren wollen.

Die Neubearbeitung vermittelt hingegen auch den Eindruck als würde das Präsentierte ob- jektiver sein, als dass was Jacob Grimm beispielsweise bei A schreibt: „A, der edelste, ursprünglichste aller laute, aus brust und kehle voll erschallend, den das kind zuerst und am leichtesten hervor bringen lernt, den mit recht die alphabete der meisten sprachen an ihre spitze stellen.“29

Ein Beispiel für die gleichberechtigte Aufnahme von Fremdwörtern zeigt sich auch durch die Aufnahme der Fremdpräposition Á. Jacob Grimm stellt den in der Neubearbeitung le- diglich als Interjektion gekennzeichneten Buchstabenäsehr ausführlich dar, was in gewis- ser Weise überflüssig erscheint, da er Beispiele dafür bereits innerhalb des Buchstaben A angegeben hat.

Ein Beispiel dafür, dass es in den Ausgaben auch Artikel gibt, die sich sehr ähneln sind, sind unter dem Begriff ´Aa´ zu finden. Es werden gleiche Belege angeführt und die Be- schreibung ist ähnlich. Nur in der Neuausgabe ist die Beschreibung allgemeiner gehalten. Das in der Neuausgabe aufgenommene Wort ´Aachenfahrt´ wird mit Belegen angeführt, so dass es scheint als müsste J. Grimm diese auch gekannt haben. Aber vermutlich war dieses Wort in diesem Zeitraum nicht so bekannt, so dass er dies nicht mit einbezog. Anschlie- ßend folgt wie bei Grimm ´Aal´. Anhand dieses Wortes kann man sehen, dass wesentlich mehr Wörter in der Neuausgabe aufgenommen worden sind. Einerseits aus dem Punkt her- aus, dass es scheinbar oft mehr Varianten gibt und andererseits, weil in der Neuausgabe sämtliche Wörter aufgeführt werden sollen, die ab dem 15. Jahrhundert belegt worden sind.

Bei dem Buchstaben F lassen sich keine besonderen Varianten feststellen.

Aber am erstaunlichsten ist, dass in der Neuausgabe auch eine konsequente Kleinschreibung vorhanden ist. Nur Eigennamen wie Städte- oder Personennamen werden groß geschrieben, ebenso wie es Jacob Grimm machte. Es lässt sich also auch hier feststellen, dass die Neuausgabe die Tradition der Erstausgabe weiterführt.

Mit so einem kleinen Vergleich kann man sicherlich nicht auf die kompletten Ausgaben schließen, aber insbesondere die allgemeineren Darstellungen zeigen deutlich, wie sich die Ausgaben verändert haben und was übernommen wurde. Der Vergleich der beiden Buch- staben sollte dazu vereinzelt praktisch darstellen, was sich änderte. Man muss aber auch sagen, dass die einzelnen Lemmata nicht direkt vergleichbar sind, weil sie von unterschied- lichen Personen bearbeitet wurden und weil ein sehr großer Zeitraum zwischen den beiden Auflagen liegt. In den über hundert Jahren, die seit dem ersten Band des Deutschen Wör- terbuches bis zum ersten Band der Neubearbeitung vergangen sind, wurde viel Kritik ge- übt und die lexikographische Arbeit hat sich weiter entwickelt, so dass man zwangsläufig daraus lernen musste. Also ist es nicht mehr als natürlich, dass man einige Veränderungen vorgenommen hat. Die vermutlich beste Veränderung ist die eingeführte standardisierte Gliederung und der größere Schriftgrad, so dass der Lesefluss erleichtert wurde.

Andererseits wollte man die Tradition und somit die Art und Weise der Brüder Grimm fortführen, so dass man kein komplett anders strukturiertes Wörterbuch herausbringen konnte.

3.4 Kritik am Deutschen Wörterbuch

Nachdem die erste Lieferung des Deutschen Wörterbuches erschienen war, war das Inte- resse an so einem Werk verständlich groß. Die einzelnen Meinungen standen sich oft äu- ßerst konträr gegenüber. Die Lobeshymnen waren ebenso verbreitet wie die negativen Kritiken. Wenn man sich die Reaktionen von Jacob Grimm ansieht, so kann man erkennen, dass er mehr emotional als sachlich auf die negativen Kritiken einging. Er veranlasste so- gar, dass ein anderer Sprachkundlicher sich damit auseinandersetzt und dem etwas entge- gen stellt.30 Aber schon bei der zweiten Lieferung war das Interesse nicht mehr so groß.

Daniel Sanders kritisiert in seiner sachlichen Darstellung von 1852 sämtliche Punkte des Deutschen Wörterbuches, wie beispielsweise die Rechtschreibung, den Wortschatz sowie die Belegnachweise, so dass er schlussendlich davon ausgeht, dass das Wörterbuch ver- fehlt sei. 1860 erscheint sein Wörterbuch, dass allerdings nur eine Art Verbesserung des Deutschen Wörterbuches darstellt. Im Gegensatz zu Sanders versucht Christian Friedrich Ludwig Wurm neben seiner Kritik am Deutschen Wörterbuch auch eine allgemeine Darstellung darüber zu geben, wie ein Wörterbuch aufgebaut sein sollte und was es für Aufgaben zu erfüllen hat. Insbesondere kritisiert Wurm, dass das Wörterbuch kein guter Ratgeber für den allgemeinen Gebrauch ist.

Bei diesen Kritiken wird aber die eigentliche Intention des Deutschen Wörterbuches ver- nachlässigt. Jacob Grimm wollte vorwiegend Benutzer, die das Wörterbuch lesen und nicht unbedingt nur nachschlagen.31 Deshalb scheint es auch so, als würde J. Grimm kein Nachschlagewerk liefern sondern eine Darstellung der deutschen Sprache. Sanders und Wurm gehen scheinbar vom falschen Standpunkt aus. Sie vertreten noch die Auffassung, dass man in Wörterbüchern punktuell nachschlägt, um möglichst schnell eine Antwort zu finden, wie man ein Wort gebraucht. Das lässt sich auch deutlich in den allgemeinen Dar- stellungen, wie ein Wörterbuch geschaffen sein sollte, von Wurm erkennen. Es sollte vor- nehmlich benutzerfreundlich sein.

Rudolf von Raumer brachte 1858 seine Kritik zum Deutschen Wörterbuch heraus. Sie unterscheidet sich schon deshalb von den anderen, da von Raumer nicht nur die Schwächen sondern auch die Stärken des Wörterbuches hervorheben wollte. Ihm fiel auf, dass viele bedeutende Bücher keine Erwähnung in den Belegen fanden, aber andererseits nicht so bedeutende Bücher berücksichtigt worden waren. Von Raumer erkennt aber auch, dass so eine Fülle von Material noch nie vorgelegen hat.

Wenn es aber darum geht, ob ein Wort in dem aktuellen Sprachstadium noch verwendet wird und in welcher Form, dann muss der Leser es den beigefügten Quellen selber entnehmen, was auch die Kritik von Hermann Paul aus dem Jahre 1894 unterstützt.32 Aufgrund dieser Tatsache könnte man davon ausgehen, dass das Grimmsche Wörterbuch sowieso nicht für einen allgemeinen Benutzer konzipiert worden ist. Besonders positiv äußert sich von Raumer darüber, dass der neuhochdeutsche Wortschatz in Beziehung mit älteren germanischen Sprachen gesetzt wird.33

Nach dem Tod von Jacob Grimm rissen aber die Kritiken nicht ab. Lexer stellte sich die Frage, ob dieses Wörterbuch seinen Zweck erfüllt hat. Hinsichtlich der Darstellung des Reichtums des Deutschen hat es alle Maßstäbe übertroffen. Aber der Wunsch, dass das Wörterbuch ein Familienbuch wird, dass das gesamte Volk erreicht, konnte schon deshalb nicht in Erfüllung gehen, weil zum Beispiel Jacob Grimm die lateinischen Buchstaben verwendete und weil das Werk zu umfangreich sowie unübersichtlich ist. Man kann hierbei sehen, dass der überwiegende Gebrauch von Gelehrten ausgeht, zumal die vielen Fachtermini einen gebildeten Leser voraussetzen.

Kritisiert man die ungleichmäßige Arbeitsweise, dann kann dem nur zugestimmt werden, dass sich die einzelnen Bände, sogar Auslieferungen, unterscheiden. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es nicht möglich war, eine einheitliche Gesamtkonzeption zu finden. Es sind insgesamt zu viele Bearbeiter daran beteiligt gewesen und darüber hinaus ist zuviel Zeit vergangen. Andererseits erkennt man aber auch, dass die Grimms keine genaue Vor- stellung gehabt haben, wie ihr Wörterbuch aussehen soll. Es geht aus keinen Aufzeichnun- gen hervor, dass sie deutlich gesagt haben, wie es werden soll.34 Bereits am Unfang des Werkes zeigt sich, dass die Grimms keinen genauen Plan gehabt haben müssen, welche Wörter sie aufnehmen und welche nicht.

Die zutreffensten Kritiken kamen allerdings von den Mitarbeitern der weiteren Ausgaben. Sie missbilligten die schlechte Quellenlage, die Auswertung der Quellen, die fehlende Einheit und vieles mehr.35

Allgemein kann man sagen, dass es so scheint, als würden immer die außergewöhnlichsten Werke mit besonderer Sorgfalt nach Fehlern durchsucht, um die Kritik möglichst umfangreich ausfallen zu lassen, so dass das Werk an Qualität verlieren soll. Dazu kommt, dass die Kritiker die sind, die sich das Werk in indirekter Weise zu Nutze machen. Sie kritisieren und veröffentlichen selbst etwas, und versuchen dabei die Fehler der anderen nicht zu wiederholen, können aber oft den Umfang und die ´Güte´ nicht erreichen.

Des Weiteren hatten die Brüder Grimm keinerlei Erfahrung, wie man ein Wörterbuch gestaltet. Ihnen wäre sicherlich auch einiges aufgefallen, wenn sie ausreichend Zeit gehabt hätten, ihr Wörterbuch zu überarbeiten. Nur die nachfolgenden Bearbeitungen hätten vielleicht Kritiken einbeziehen können.

Man kann in Zukunft nur aus diesem Werk lernen, wenn es darum geht, wie ein Wörter- buch hinsichtlich der Proportionen aussehen sollte. Die Grimms haben in ihrem Wörter- buch die Historie in gewisser Art und Weise aufgearbeitet. Sie stellen im Wörterbuch viele Details dar, von denen sie so manche kritisiert haben und machten Verbesserungsvorschlä- ge in unglaublicher Fülle.

Hätten aber die Brüder Grimm nicht dieses Wörterbuch geschaffen, dann würde es nicht so ein umfangreiches Nachschlagewerk geben und es wären vermutlich auch Wörter ´verloren´ gegangen, die darin belegt sind. Außerdem könnte man vielleicht viele Wörter nicht mehr so genau etymologisch zurückverfolgen.

Abschleißend kann man nur zum Thema Kritik das Zitat von Denecke (1971) stehen lassen, dass Kirkness zitierte36: „Am Ende steht das Werk vor uns mit einer so unermeßlichen Fülle von Auskünften und Anregungen, dass alle von 1852 […] zur Gegenwart an geübten Kritik dagegen verblaßt.“

4 Zusammenfassung

Jacob Grimm hat mit seinem Bruder Wilhelm ein Wörterbuch geschaffen, dessen Umfang- reichtum erstaunlich ist. Sie haben versucht, Veränderungen hinsichtlich der Rechtschrei- bung zu erreichen, was sie nahe an das herangeführt hat, wo die Rechtschreibung heute ist. Die Neuerungen, die angestrebt wurden, begründen sich so, dass sich Jacob Grimm über Jahre hinweg mit der deutschen Sprache auseinandergesetzt hat. Es muss aber erwähnt werden, dass vieles unbegründet war, und dass Jacob Grimm oft nur aus seinem Stand- punkt heraus etwas ändern wollte. Kritik konnte er nicht ertragen, und Schreiben wollte er oft nur so, wie es ihm am plausibelsten erschien. Aber der vielleicht vernünftigste Vor- schlag, dass man bis auf Eigennamen alles kleinschreiben sollte, hat sich immer noch nicht durchsetzten können. Lediglich in der Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuches wurde dies beibehalten.

Der Stand des Deutsches Wörterbuches sieht so aus, dass im letzten Jahr der Bereich F bis Feldprediger für den 9. Band erschienen ist. In den folgenden Jahren sollen die ersten 10 Bände der Neubearbeitung komplettiert werden. Es gibt mittlerweile auch eine Taschenbuchausgabe des Deutschen Wörterbuches.

5 Literaturverzeichnis

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (2001); Neubearbeitung herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Bd.9, Leipzig.

Scheuringer, Hermann (1996): Geschichte der deutschen Rechtschreibung. Ein Überblick. Mit einer Einführung zur Neuregelung ab 1998. In: Schriften zur diachronen Sprachwissenschaft 4, Wien, S. 61-67.

Scharnhorst, Jürgen: Jacob Grimm und die Orthographie. In: D. Nerius - J. Scharnhorst (Hg.) (1991), Studien zur Geschichte der deutschen Orthographie, Hildesheim, S. 91-128.

Kirkness, Alan / Kühn, Peter / Wiegand, Herbert Ernst (1991): Zur Einführung: Von der philologischen zur metalexikographischen Beschreibung und Beurteilung des Deutschen Wörterbuches. In: Alan Kirkness u.a. (Hg.), Studien zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. I. Lexicographica Series Maior 33, Tübingen, S. VII- XXVII.

Strauß, Gerhard (1991): Die Bände I und VI der Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuches: Unterschiede in der lexikographischen Bearbeitung. In: Alan Kirkness u.a. (Hg.), Studien zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. I. Lexicographica Series Maior 34, Tübingen, S. 627- 645.

Jens, Walter (Hg.) (1989): Kindlers Neues Literaturlexikon, Bd.6.

Wilpert, Gero (Hg.) (1988): Lexikon der Weltliteratur, Bd.1. Biographischbibliographisches Wörterbuch nach Autoren und anonymen Werken.

Nerius, Dieter (Hg. / Leiter) (1987): Deutsche Orthographie, Leipzig, S.238-245.

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (1983); herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften der DDR in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Bd.1, Leipzig.

Albrecht, Günter u.a. (Hg.) (1974): Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller, von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd.1, Leipzig, S. 292

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (1862); Bd.3, Leipzig.

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (1853); Bd.1, Leipzig.

6 Fußnoten bzw. Endnoten

[...]


1 Albrecht, Günter u.a. (Hg.) (1974): Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller, von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd.1, Leipzig, S. 292.

2 Scheuringer, Hermann (1996): Geschichte der deutschen Rechtschreibung. Ein Überblick. Mit einer Einführung zur Neuregelung ab 1998. In: Schriften zur diachronen Sprachwissenschaft 4, Wien, hier S.61.

3 Nerius, Dieter (Hg. / Leiter) (1987): Deutsche Orthographie, Leipzig, hier S.242.

4 Scharnhorst, Jürgen: Jacob Grimm und die Orthographie. In: D. Nerius - J. Scharnhorst (Hg.) (1991), Studien zur Geschichte der deutschen Orthographie, Hildesheim, hier S. 92

5 Scharnhorst, Jürgen (1991): a.a.O., hier S. 123.

6 Scharnhorst, Jürgen (1991): a.a.O., hier S. 93.

7 Scharnhorst, Jürgen(1991): a.a.O., hier S. 94.

8 Scharnhorst, Jürgen (1991): a.a.O., hier S. 95.

9 Scharnhorst, Jürgen (1991): a.a.O., hier S.123.

10 Scharnhorst, Jürgen (1991): a.a.O., hier S. 106.

11 Scharnhorst, Jürgen (1991): a.a.O., hier S. 125.

12 Scharnhorst, Jürgen (1991): a.a.O., hier S. 108.

13 Kirkness, Alan / Kühn, Peter / Wiegand, Herbert Ernst (1991): Zur Einführung: Von der philologischen zur metalexikographischen Beschreibung und Beurteilung des Deutschen Wörterbuches. In: Alan Kirkness u.a. (Hg.), Studien zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. I. Lexicographica Series Maior 33, Tübingen, hier S. VIX.

14 Scharnhorst, Jürgen : Jacob Grimm und die Orthographie. In: D. Nerius - J. Scharnhorst (Hg.) (1991), Studien zur Geschichte der deutschen Orthographie, Hildesheim, hier S. 109f.

15 Scharnhorst, Jürgen: a.a.O., hier S. 124

16 Scharnhorst, Jürgen: a.a.O., hier S. 111.

17 Scharnhorst, Jürgen (1991): a.a.O., hier S. 111.

18 Scharnhorst, Jürgen (1991): a.a.O., hier S. 112.

19 Scharnhorst, Jürgen (1991): a.a.O., hier S. 116.

20 Kirkness, Alan / Kühn, Peter / Wiegand, Herbert Ernst (1991): Zur Einführung: Von der philologischen zur metalexikographischen Beschreibung und Beurteilung des Deutschen Wörterbuches, hier S. VIII.

21 Strauß, Gerhard (1991): Die Bände I und VI der Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuches: Unter- schiede in der lexikographischen Bearbeitung. In: Alan Kirkness u.a. (Hg.), Studien zum Deutschen Wörter- buch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Bd. I. Lexicographica Series Maior 34, Tübingen, hier S. 628.

22 Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (1983); herausgegeben von der Akademie der Wis- senschaften der DDR in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Bd.1, Leipzig, hier S.1.

23 Strauß, Gerhard (1991): Die Bände I und VI der Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuches: Unterschiede in der lexikographischen Bearbeitung, hier S. 638.

24 Strauß, Gerhard (1991): hier S. 632.

25 Strauß, Gerhard (1991): a.a.O., hier S. 633.

26 Strauß, Gerhard (1991): a.a.O., hier S.645.

27 Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (1983); herausgegeben von der Akademie der Wis- senschaften der DDR in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Bd.1, Leipzig, hier S.2.

28 Strauß, Gerhard (1991): Die Bände I und VI der Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuches: Unterschiede in der lexikographischen Bearbeitung, hier S. 642f.

29 Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm (1853); Bd.1, Leipzig, hier Spalte 1.

30 Kirkness, Alan / Kühn, Peter / Wiegand, Herbert Ernst (1991): Zur Einführung: Von der philologischen zur metalexikographischen Beschreibung und Beurteilung des Deutschen Wörterbuches, hier S. XIII.

31 Kirkness, Alan / Kühn, Peter / Wiegand, Herbert Ernst (1991): a.a.O., hier S. XVI.

32 Kirkness, Alan / Kühn, Peter / Wiegand, Herbert Ernst (1991): a.a.O., hier S. XXV.

33 Kirkness, Alan / Kühn, Peter / Wiegand, Herbert Ernst (1991): a.a.O., hier S. XVIII.

34 Kirkness, Alan / Kühn, Peter / Wiegand, Herbert Ernst (1991): a.a.O., hier S. X.

35 Kirkness, Alan / Kühn, Peter / Wiegand, Herbert Ernst (1991): a.a.O., hier S. XXVI.

36 Kirkness, Alan / Kühn, Peter / Wiegand, Herbert Ernst (1991): a.a.O., hier S. XI.

Details

Seiten
20
Jahr
2002
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106321
Note
1,5
Schlagworte
Grimm`sches Wörterbuch

Autor

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Titel: Grimm`sches Wörterbuch