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Alkoholismus aus gesellschaftlicher und medizinischer Sicht. Wirkung der Droge, Abhängigkeit und Therapieformen

Vordiplomarbeit 2001 27 Seiten

Psychologie - Biologische Psychologie

Leseprobe

Alkoholismus

Autor: Nicola Freigang

EINLEITUNG

Alkohol dürfte nach Wasser für den Menschen die zweitwichtigste flüssige Substanz sein. Seit vorgeschichtlicher Zeit ist er in den verschiedensten Kulturkreisen bekannt und beliebt in Form von wein- und bierähnlichen Volksgetränken, deren euphorisierende sowie kontaktfördernde Wirkung vielfach geschätzt wurde. Er fand Verwendung als Heil - und Kultmittel und wurde vor ca.1000 Jahren als Aqua Vitae gepriesen, als man gelernt hatte, den ,,Geist des Weines" durch Destillation darzustellen. Fast ebenso lang sind die negativen Erfahrungen bei übermäßigem Alkohol bekannt. Seit Jahrtausenden gibt es deswegen Kritik, die dazu geführt hat, dass die verschiedensten Maßnahmen zur Vermeidung der alkoholbedingten, gesundheitlichen, psychische n und sozialen Schäden versucht wurden, bis hin zum völligen Alkoholverbot, der von den großen Weltreligionen Islam und Buddhismus ausgesprochen wurde .

Der Gebrauch von Drogen im weitesten Sinne gehört zu unserem Alltag. Dazu gehören Genussmittel wie z. B. Kaffee, Tee oder Tabak. Im Gegensatz zum Alkohol, einigen Medikamenten und den sogenannten illegalen Drogen wie Heroin, Kokain u. a. haben diese Genussmittel jedoch keine persönlichkeitsverändernden Wirkungen. Die Bedeutung dieser Aussage wird klar, wenn Sie sich einen Menschen vorstellen, der einen halben Liter Kaffee getrunken hat und einen Menschen, der einen halben Liter Schnaps getrunken hat.

WAS IST ALKOHOL?

Alkohol entsteht durch Vergärung von Fruchtzucker. Als Rohstoffe dienen z.B. Früchte, Trauben, Beeren, Zuckerrüben, Zuckerrohr und (nach besonderer Verarbeitung) Kartoffeln und Getreide.

Unter dem Einfluss von Hefepilzen verwandeln sich zuckerhaltige Flüssigkeiten in berauschende Getränke.

In der Sprache der Chemie wird unter Gärung die Tatsache verstanden, dass (bei günstiger Temperatur) Hefepilze den Zucker in Alkohol und CO2 (Kohlendioxyd) spalten. Die genaue Bezeichnung für Alkohol ist Äthylalkohol oder Äthanol; die chemische Formel lautet:

C2H5OH.

Ein Gramm Alkohol enthält 7,07 Kalorien (kcal) = 29,6 Joule.

(Zehn Gramm Alkohol befinden sich ca. in einem halben Glas Bier).

HISTORISCHES

Alkohol hatte seit jeher große gesellschaftliche Bedeutung und begleitet die Menschheitsgeschichte seit prähistorischen Zeiten mit all seinen positiven und negativen Auswirkungen bis zum Alkoholmissbrauch und Alkoholismus (Keller, 1979). Vergorene Speisen als Zufallsprodukt dürften der Menschheit bereits sehr früh bekannt gewesen sein.

Griechischen Sagen zufolge könnte der Mensch durch Verhaltensbeobachtunge n an Ziegen nach Genuss angegorener Früchte auf den Alkohol gestoßen sein. Die Entdeckung des ,,Urbiers" in Ägypten oder Babylonien vor ca. 6000 Jahren ( Cavanagh & Clairmonte, 1986) könnte auch ein Nebenprodukt der Brotherstellung gewesen sein. Exakte Datierungen und Zuordnungen der Entdeckung von Bier und Wein sind kaum oder nur eingeschränkt möglich. Nach Darstellungen (Hieroglyphen, Traubenpressen etc.) und aufgefundenen Traubenkernresten in prähistorischen Behausungen datiert man die erste Herstellung von Bier in Mesoptamien und Ägypten frühestens auf ca. vor 10000 bis 8000 Jahren und die von Wein in Mesoptamien vor etwa 10000 bis 5000 Jahren (Keller 1979; Lohberg 1984; Bonte1987). Erst 700 n.Chr. wurde in Arabien die Kunst der Destillation entwickelt, welche die Herstellung von hochprozentigen Spirituosen ermöglichte. Im 12. Jahrhundert war die Destillationskunst auch in Europa bekannt.

In Nord- und Mitteleuropa war Bier bis zum 16. Jahrhundert ein Grundnahrungsmittel. Im 17. Und 18. Jahrhundert ve rdrängte Kaffee und Tee das Bier als Universalgetränk. Vom 19. Jahrhundert an wurde Brandwein industriell hergestellt. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Alkohol und seinen negativen Folgen auf medizinischem und psychosozialen Gebiet begann seit der Aufklärung. Bereits um die Wende zum 19. Jahrhundert wurde erstmals die Trunksucht als Krankheit bezeichnet, was vorher als Laster gegolten hatte.

BEGRIFFSBESTIMMUNGEN

Alkoholismus ist seit den 60er Jahren weltweit als Krankheit anerkannt. Da es sich aber um ein komplexes Phänomen handelt, das in höchst unterschiedlichen Ausprägungen existiert, ist es schwer, eine einheitliche Beschreibung zu finden. Eine ältere und noch immer akzeptierte Definition liefert E. M. Jellinek:

,,Unter Alkoholismus versteht man jeglichen Gebrauch von alkoholischen Getränken, der einem Individuum oder der Gesellschaft oder beiden Schaden zufügt."

Außerdem existiert eine Definition der Weltgesundheitsorganisation, WHO:

,,Alkoholiker sind exzessive Trinker, deren Abhängigkeit vom Alkohol einen solchen Grad erreicht hat, dass sie deutliche geistige Störungen oder Konflikte in ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit, ihren mitmenschlichen Beziehungen, ihren sozialen und wirtschaftlichen Funktionen aufweisen; oder sie zeigen Vorzeichen einer solchen Entwicklung, daher brauchen sie Behandlung."

In den letzten Jahren hat es sich durchgesetzt, zwischen Alkoholmissbrauch und Abhängigkeit eine Unterscheidung zu treffen. Als Alkoholismus sollte nur noch die Alkoholabhängigkeit bezeichnet werden. Unter Alkoholmissbrauch versteht man einen Alkoholkonsum, der zu körperlichen und / oder psychosozialen Schäden führt.

Alkoholabhängigkeit manifestiert sich in 2 Formen:

Körperliche Abhängigkeit: Auftreten von Toleranzerhöhung und Entzugssymptomen Psychische Abhängigkeit: ist gekennzeichnet durch Kontrollverlust, Trinken trotz besseren Wissens um alkoholbezogene Probleme, Zentrierung des Denkens und Strebens nach Alkohol.

Nach Feuerlein gibt es unter klinischen Gesichtspunkten 5 Definitionskriterien:

1.) abnormales Trinkverhalten
2.) somatische alkoholbezogene Schäden
3.) psychosoziale alkoholbezogene Schäden
4.) Entwicklung von Toleranz und Entzugssyndrom ( ,,körperliche Abhängigkeit") und
5.) Entwicklung von Entzugssyndromen auf subjektiver Ebene ( Kontrollverlust etc.)

Bei Erfüllung der Kriterien von 1.) bis 4.) liegt ein Missbrauch vor, bei zusätzlichem Vorliegen von 5.) spricht man von Abhängigkeit.

EPIDEMIOLOGIE

5 bis 15 % der Bevölkerung sind irgendwann in ihrem Leben alkoholabhÄngig (Lebenszeitprävalenz), rund 3 Millionen Deutsche sind aktuell alkoholabhängig (Punktprävalenz), ca. 5% der Männer und 2% der Frauen. Nach einer Studie des Bundesministeriums für Gesundheit konsumieren 9,3 Millionen Deutsche zwischen 18 und 69 Jahren übermäßig viel Alkohol - die Zahl der Abhängigen wird geschätzt auf 1, 7 Millionen. Einen Entzug probieren ca. 5%. Der Konsum alkoholischer Getränke ist nach dem 2. Weltkrieg kontinuierlich gestiegen ( s. Tabelle 1) und hat sich zuletzt bei jährlich einem durchschnittlichen Konsum von knapp 12 Litern reinem Alkohol pro Person eingependelt. In Abb.1 ist der prozentuale Anteil der gefährdeten Personen etc. in der Bevölkerung Deutschlands dargestellt.

Nach Angabe des Statistischen Bundesamtes ist seit 1950 das durchschnittliche Alter des Beginns regelmäßigen Alkoholkonsums bei Jugendlichen von 19 auf 14 Jahre zurück- gegangen.

In den meisten europäischen Ländern hat nach WHO- Angaben bereits die Hälfte der 11jährigen schon Alkohol probiert, bei 13jährigen 90%! Im Gegensatz dazu ist lt. der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung der Konsum Jugendlicher in Deutschland rückläufig, v.a. bei Bier und Wein.

Tab.1. Getränkeverbrauch in D in Liter reinem Alkohol

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Situation in der BRD

Der Alkoholgehalt verschiedener Getränke ( in %):

Starkbier 5,5 - 6

Vollbier 3,3 - 4,5

Rot- und Weißwein 7 - 10

Südwein 12 - 20

Sekt 12 - 16

Korn bis 32

Weinbrand 32 - 38

RESORPTION VON ALKOHOL

Der in Getränken enthaltene Alkohol wird unverdaut von den Schleimhäuten in Mund, Speiseröhre, Magen und Dünndarm aufgenommen und geht sehr rasch ins Blut über, d.h. bereits nach 30 bis 60 Minuten.

Das Blut transportiert den Alkohol in die Leber, wo er unverzüglich abgebaut wird. 90 bis 95% des konsumierten Alkohols müssen von der Leber verarbeitet werden; nur 5 bis 10% wird direkt durch Schweiß, Urin, Speichel und Atem ausgeschieden. Der Abbau von Alkohol erfolgt mit etwa 0,15 Promille (0/00) pro Stunde; es gibt keine Mittel, diesen Prozess zu beschleunigen.

Die Promille geben an, wie viele Gramm Alkohol in einem Liter Blut oder anderen Körperflüssigkeiten enthalten sind. Dieser Blutalkoholgehalt ist in erster Linie von der getrunkenen Menge reinen Alkohols abhängig.

ALKOHOL-STOFFWECHSEL

Von der gesunden Leber kann maximal 170 g (reiner) Alkohol pro Tag metabolisiert werden. Es gibt zwei Klassen alkoholabbauender Enzyme in der Leber:

- die Alkohol - Dehydrogenasen (ADH) und
- das Mikrosomale Ethanoloxidierende System (MEOS).

Bei den ADH handelt es sich um Enzyme, die im Energiestoffwechsel C2 in Gegenwart des Coenzyms NAD zum Acetaldehyd oxidieren. Sie kommen hauptsächlich in der Leber, sowie im Verdauungstrakt vor . Das Mikrosomale Ethanoloxidierende System ist neben der Alkoholdehydrogenase ein weiterer Weg, über den die Leberzellen den Alkohol entgiften können. Das System wurde 1968 erstmals von Lieber & De Carl beschrieben. Der Alkoholiker kann damit vermehrt Alkohol abbauen. Nachteil: er muss immer mehr trinken, um seinen Blutalkoholspiegel und damit die Alkoholwirkung im gewünschten Bereich zu halten . Im Gegensatz zu der Alkoholdehydrogenase lässt sich dieses System durch regelmäßigen Alkoholkonsum aktivieren. Da MEOS aber auch viele andere Stoffe abbaut, kommt es zu Verwicklungen. Alkohol verdrängt beispielsweise Beruhigungsmittel von diesem System, so dass ihr Wirkspiegel im Blut länger aufrechterhalten wird. Im nüchternen Zustand nach chronischem Alkoholkonsum ist zuviel abbauendes Enzym vorhanden, so dass Medikamente schneller abgebaut werden, wie z.B. Blut-Gerinnungshemmer.

Gemeinsames Abbauprodukt der ADH und des MEOS ist das Acetaldehyd, welches mit Hilfe der Acetaldehyd - Dehydrogenase über Acetat in Wasser und Kohlensäure abgebaut wird. Acetaldehyd, das durch den gesteigerten Alkoholabbau außerdem vermehrt gebildet wird, gilt als hochtoxische Substanz und hat möglicherweise bei der Entstehung der Alkoholabhängigkeit große pathogenetische Bedeutung.

WIRKUNG VON ALKOHOL

Im Gegensatz zu vielen Drogen und Medikamenten, die in sehr geringen Mengen und nur auf ganz bestimmte Zellen im Körper wirken, ist Alkohol eine sehr unspezifisch wirkende Substanz. Neben der Erhöhung des Allgemeinbefindens wirkt er auf alle Organe. Alkohol muss in Dosen von mindestens 10 g aufgenommen werden, um eine spürbare Anfangswirkung zu zeigen.

Die Wirkung des Alkohols wird zunächst als Anregung wahrgenommen, da Teile des Gehirns stimulierende Neurotransmitter produzieren. Da er sofort ins Blut übertritt, verspürt man die Wirkung sehr rasch: Wärmegefühl, Wohlbefinden, Zwanglo sigkeit, Fröhlichkeit, Rededrang. Desweiteren bewirkt Alkohol eine Steigerung des Selbstwertgefühls und vermindert zugleich die Fähigkeit zur reellen Selbsteinschätzung. Dieses wird begleitet von einer zunehmenden Desorientierung und Verschleierung der Gedanken, geht einher mit Verlust der Kontrolle über die Bewegungskoordination und wird zunächst als angenehm empfunden. Unterhalb von 0,2 0/00 wird eine enthemmende Wirkung mit Steigerung der Redseligkeit beobachtet. Ab 0,3 0/00 kommt es zu ersten Beeinträchtigungen wie der Einschränkung des Sehfeldes und Problemen bei der Entfernungseinschätzung, ab 0,5 0/00 zu deutlichem Nachlassen der Reaktionsfähigkeit (Reaktionszeit), insbesondere auf rote Signale (Rotlichtschwäche). Ab 0,8 0/00 treten erste Gleichgewic htsstörungen auf, das Gesichtsfeld ist eingeengt (Tunnelblick), eine deutliche Enthemmung tritt ein. Im Bereich von 1,0 bis 1,5 0/00 treten Sprachstörungen auf, Risikobereitschaft und Aggressivität steigen. Bei 2,0 bis 2,5 0/00 kommt es zu starken Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen, außerdem zu lallender Aussprache. Oberhalb von 2,5 0/00 kommt es zur Bewusstseinseintrübung, Doppeltsehen, Lähmungserscheinungen und Ausschaltung des Erinnerungsvermögens. Bei Lähmung des Atemzentrums ab ca. 3,5 0/00 ist ein lebensbedrohlicher Zustand erreicht, der zu Koma oder Tod führen kann. Die tödliche Dosis wird selten erreicht, da meistens vorher der Schlaf das weitere Trinken verhindert oder der Alkohol, bevor er ins Blut übertritt, durch Erbrechen eliminiert wird.

WIRKUNG AUF VERSCHIEDENE HORMONE

Alkohol hemmt in der Hypophyse die Ausschüttung des antidiuretischen Hormons Vasopressin, dessen Aufgabe es ist, den Flüssigkeitsverlust über die Nieren zu begrenzen. Zusammen mit einer erheblichen Wasserüberladung, besonders bei Bierkonsum, führt diese Hemmung zu einem gesteigerten Harndrang. Bei größeren Mengen des Alkohols kommt es zu einem Anstieg der Nebennierenhormone (u.a. Cortison), so dass Alkohol zwar die Seele beruhigt, aber im Organismus eine Stress-Situation bewirkt. Alkohol fördert die Bildung von Harnsäure, einem Abbauprodukt der Purine, die mit fleischhaltiger Nahrung und koffeinhaltigen Getränken aufgenommen werden. Eine Anlagerung von Harnsäurekristallen in den Gelenken kann häufig Folge einer durchzechten Nacht sein. Da die Leberzellen nach Alkoholgenuss mit dem Abbau des aufgenommenen Alkohols "beschäftigt" sind, geraten andere Stoffwechselprozesse aus dem (Redox-)Gleichgewicht. Davon betroffen ist auch die Bereitstellung von Glukose für die übrigen Orga ne des Körpers, besonders für das Gehirn. Alkohol verursacht auf diese Weise einen Abfall des Blutglukosespiegels (Hypoglykämie), deren Folgen Kopfschmerzen und Gereiztheit, im Extremfall auch Bewusstlosigkeit und Koma sein können.

Die Verschiebung des Redoxgleichgewichtes in den Leberzellen, aber auch die Wirkung des giftigen Zwischenprodukts Acetaldehyd aus dem Alkoholabbau bewirken eine vermehrte Bildung von Fetten.

Allgemein kann man sagen, das Alkohol in höherer Dosis ein Zellgift ist. Dabei kann jede Zelle geschädigt werden, wenn auch nur ganz langsam. Die Körperschäden treten im Regelfall erst nach einer langen Zeit süchtigen Trinkens auf.

WIE WIRKT ALKOHOL IM GEHIRN?

Alkohol verändert in erster Linie die Stimmung. Dabei wirkt er in kleineren Dosen anregend, bei größeren Dosen eher hemmend. Der Trinkende fällt zunächst in einen euphorischen Zustand, welcher bei weiterer Alkoholzufuhr in Ermüdung endet. Es gibt verschiedene Theorien, wie der Rausch zustande kommt, jedoch gilt bislang noch keine als erwiesen.

Trägheit: GABA (GammaAminoButterAcid) ist der wichtigste hemmende Überträgerstoff an Synapsen.

Seine Wirkung wird durch Alkohol verstärkt. Der Körper versucht gegenzusteuern, indem er die Rezeptoren vermindert.

Krämpfe: Glutamat ist ein aktivierender Botenstoff. Unter dem Einfluss von Alkohol lässt seine Wirkung nach. Gegenregulation ? es werden mehr Rezeptoren gebildet. Glutamat wird für Krampfanfälle im Entzugsdelirium verantwortlich gemacht.

Halluzinationen: Dopamin ist u.a. ein wichtige r Überträgerstoff des limbischen Systems, das für unser Gefühlsleben eine starke Bedeutung hat. Es verliert seine Wirksamkeit unter dauerndem Alkoholeinfluss. Bleibt der Alkohol aus (Entzug), scheint sich seine Wirkung aber zu überschlagen ? es kommt zu Halluzinationen.

Vergesslichkeit: Acetylcholinrezeptoren im Gehirn nehmen unter ständigem Alkoholeinfluss ab. Das soll für ,,kognitive Defizite" verantwortlich sein ? es kommt zu Fehleinschätzungen und Gedächtnisschwäche.

Unruhe: Der Sympathikusnerv, im autonomen, nicht willkürlich beeinflussbaren Nervensystem, der für alle Alarmreaktionen (Stress) zuständig ist, reagiert überempfindlich, weil Rezeptoren, die ihn normalerweise bremsen, untergehen.

Neuere Erkenntnisse der Forschung liefern Anhaltspunkte dafür, dass bestimmte Komponenten des Alkoholstoffwechsels ( Kondensationsprodukte aus Acetaldehyd und Adrenalin und/oder Dopamin) auf dieselben Hirnregionen wirken, wie die körpereigenen Opiate und dort für eine positive Beeinflussung der Emotionen und der Befindlichkeit (u. a. inneres Gleichgewicht) sorgen. Der Botenstoff Dopamin lagert sich z. B. an dem sogenannten D2-Rezeptor an und sorgt dadurch für die Entstehung von Zufriedenheit. Durch die beim Alkoholumsatz entstehenden Kondensationsprodukte wird die Dopamin - Produktion erhöht und der Botenstoff aktiviert die Rezeptoren an den Nervenzellen, so dass sich eine künstliche Zufriedenheit einstellt.

Als Folge eines anhaltenden Überangebotes lässt die Empfindlichkeit der D2-Rezeptoren im Gehirn jedoch allmählich nach. Um den gewünschten Reiz auszulösen, ist mehr Dopamin notwendig. Das hat einerseits einen ansteigenden Alkoholkonsum zur Folge und andererseits wird der Betroffene unempfindlich für Reize, die im Normalfall das Gefühl der Zufriedenheit auslösen. Diese Reize wirken nicht mehr oder nur noch unzulänglich. Chronischer Alkoholmissbrauch kann den Spiegel der körpereigenen Opiate (Endorphine), die für das Wohlbefinden wichtig sind, um bis zu 50 % senken.

ALKOHOLVERTRÄGLICHKEIT

In der individuellen Verträglichkeit des Alkohols gibt es erhebliche Unterschiede, was u.a. mit der genetisch bedingten unterschiedlichen Ausstattung mit Enzymen zusammenhängt, die beim Alkoholabbau eine Rolle spielen. Es ist gesichert, dass Frauen erheblich weniger Alkohol als Männer vertragen und deshalb auch bei geringeren Alkoholdosen Alkoholfolgekrankheiten bekommen.

40 bis 60 g Alkohol täglich bewirken beim Mann schon eine deutliche Leberschädigung, bei der Frau reichen bereits 20 g täglich. Bei einer Tagesdosis von 70 g (1,8 l Bier oder 0,8 l Wein) kommt es beim Mann zu einer Verdopplung, bei der Frau sogar zu einer Verhundertfachung der Leberzirrhosehäufigkeit!

Es lassen sich allerdings keine allgemein verbindlichen Aussagen über die gesundheitliche Unbedenklichkeit bestimmter Alkoholdosen bei regelmäßigem Konsum machen, da die individuelle Verträglichkeit nach oben oder unten schwanken kann.

DER BLUTALKOHOLSPIEGEL

Eine wichtige Rolle für die Höhe des Blutalkoholgehaltes spielen Geschlecht und Gewicht: Frauen und leichtge wichtige Personen erreichen mit gleichviel Alkohol mehr Promille als Männer und schwergewichtige Personen. Der Promillegehalt erhöht sich auch, wenn Alkohol auf leeren Magen getrunken wird. Körperliche und psychische Zustände wie Müdigkeit, Krankheit, Stress oder Erregung können die Wirkung von Alkohol erheblich verstärken. Ebenfalls eine verstärkende Wirkung haben bestimmte Medikamente, bzw. Drogen mit psychoaktiven Inhaltsstoffen, wenn sie gleichzeitig mit Alkohol konsumiert werden. Für die Berechnung der Blutalkoholkonzentration (BAK) in Promille müssen die getrunkene Menge Alkohol und das Körpergewicht der konsumierenden Personen bekannt sein. Der Flüssigkeitsgehalt des Körpers ist bei Männern (etwa 68%) in der Regel größer als bei Frauen (etwa 55%). Bei Frauen wird der konsumierte Alkohol auf weniger Flüssigkeit verteilt, die Blutalkoholkonzentration je Liter ist also höher als bei Männern. Wird der Alkohol nicht auf einmal, sondern über längere Zeit verteilt oder zu einer Mahlzeit getrunken, steigt die BAK nicht so rasch an und erreicht niedrigere Spitzen.

Annähernde Berechnungsformel:

Männer = Alkoholmenge in g geteilt durch Körpergewicht in kg x 0,68 Frauen = Alkoholmenge in g geteilt durch Körpergewicht in kg x 0,55

Pro Stunde können etwa 0,15 Promille abgezogen werden.

ALKOHOL AM STEUER

Bereits bei 0,20/00 Blut-Alkohol-Konzentration können durch Tests Beeinträchtigungen des Fahrverhaltens festgestellt werden. Das Unfallrisiko vervielfacht sich unter Alkoholeinfluss. Es

- ist deutlich erhöht bei 0,4 0/00

- doppelt so groß bei 0,6 0/00
- viermal größer bei 0,8 0/00
- 25 mal größer bei 1,5 0/00.

PHASEN DES ALKOHOLISMUS

Wichtige Erkenntnisse über den Verlauf von Alkoholkrankheiten und über Kriterien zur Beurteilung einer Alkoholabhängigkeit sind den Arbeiten von Jellinek (1951) zu entnehmen. Er unterscheidet vier Phasen der Alkoholsucht. Die wichtigsten Kriterien zur Beschreibung der Phasen der Alkoholsucht sind nachfolgend aufgeführt:

a) Die Voralkoholische Phase

Der Beginn des Genusses alkoholischer Getränke ist häufig sozial motiviert. Im Gegensatz zum durchschnittlichen Trinker empfindet der spätere Alkoholiker jedoch bald eine befriedigende Erleichterung im Trinken, d.h., der Alkoholkonsum führt zu Spannungsabbau und zur Beseitigung von Unsicherheit, Angst- und Minderwertigkeitsgefühlen. Gelegenheiten zum Trinken werden aufgesucht, da die Erleichterung eher der Situation als dem Trinken zugeordnet wird. Nach etwa ein bis zwei Jahren vermindert sich die ohnehin geringe Toleranz für seelische Belastungen weiter. Alkohol wird immer häufiger als ,,Hilfsmittel" zur Kompensation dieses Defizits eingesetzt, bis der Betroffene täglich trinkt. In der Folgezeit kommt es zu einer Erhöhung der Alkoholtoleranz, d.h., der Betroffene braucht eine größere Menge Alkohol, um die gewünschten Effekte wie z.B. Beruhigung zu erreichen. Gelegentliches Trinken geht in dauerndes Erleichterungstrinken über. Für die gleiche Wirkung wird immer mehr Alkohol benötigt.

b) Die Anfangsphase (Prodromalphase)

Erste Kennzeiche n der prodromalen Phase sind plötzlich auftretende Erinnerungslücken (Amnesien). Diese Gedächtnislücken können in Phasen des Nichttrinkens oder des geringen Alkoholkonsums auftreten. So kann der Betroffene eine Unterhaltung führen oder schwierige Arbeiten leisten, ohne am nächsten Tag eine Spur von Erinnerung daran zu haben. Das Trinken erfolgt meist heimlich. Alkohol wird als ,,Heilmittel" zur Beseitigung von Insuffizienzen betrachtet. Es kommt die Zeit des ständigen Denkens an Alkohol, Alkoholvorräte werden angelegt. Wegen der erhofften Wirkungen tritt nun das ,,gierige Trinken", das Herunterkippen des ersten oder der ersten beiden Gläser auf. Der Betroffene merkt, dass sein Trinkverhalten von der Norm abweicht, es entwickeln sich Schuldgefühle wegen des Trinkens. Der Betroffene versucht z. B. bei Unterhaltungen, Anspielungen auf Alkohol und sein Trinkverhalten zu vermeiden. Die Gedächtnislücken treten immer häufiger auf. Der übermäßige Alkoholkonsum des Betroffenen fällt auch dem Umfeld auf. Das Gift Alkohol beginnt das Nervensystem und die Stoffwechselvorgänge zu stören. Der Betroffene versucht seinen Alkoholkonsum zu verheimlichen, weil er nicht negativ auffallen möchte. Durch den anhaltenden intensiven Suchtmittelkonsum kommt es zu einer Anpassung des Körpers und der Psyche an das Suchtmittel, der Betroffene verträgt dann mehr (Toleranzsteigerung). Wird in dieser Phase auf das Suchtmittel verzichtet, können Entzugserscheinungen auftreten. Der Betroffene versucht, diese Entzugserscheinungen mit seinem Suc htmittel ,,zu bekämpfen".

Die prodromale Phase kann von sechs Monaten bis zu vier oder fünf Jahre dauern.

c) Die Kritische Phase

Die Phase ist gekennzeichnet durch den Kontrollverlust, d.h., dass bereits nach einer kleinen Menge Alkohol im Körper ein Verlangen nach ,,mehr" entsteht. Dieses Verlangen hält solange an, bis der Trinker müde ist und einschläft oder Krankheitsgründe keine weitere Alkoholaufnahme erlauben. Der Betroffene hat die Möglichkeit der willentlichen Beeinflussung seines Alkoholkonsums ve rloren. Wenn er trinkt, dann trinkt er solange, bis er müde ist und einschläft. Dabei ist es möglich, dass es z. B. aus Krankheitsgründen zu Perioden freiwilliger Abstinenz kommt. Wird der Betroffene jedoch rückfällig und trinkt wieder Alkohol, erweist sich der Versuch, die Trinkmenge mit dem ,,Willen zu beherrschen" als aussichtslos. Häufig gibt es Probleme am Arbeitsplatz. Gewissensbisse, Schuldgefühle, Kampf zwischen Sucht und Pflichten, Selbstwertverlust und, Selbstzweifel haben den Kranken so weit zerrüttet, dass er den Tag nicht mehr ohne Alkohol bewältigen kann. In der kritischen Phase ist Trunkenheit die Regel. Es kommt schließlich zu morgendlichem Trinken.

d) Die Chronische Phase

Die alles beherrschende Rolle des Alkohols und das morgendliche Trinken brechen schließlich jeden Widerstand des Betroffenen. Er ist auch tagsüber und mitten in der Woche betrunken. Die ausgedehnten Exzesse haben einen bemerkenswerten ,,ethischen Abbau" und eine ,,Beeinträchtigung des Denkens" zur Folge, die jedoch in der Regel reversibel sind. Bei etwa 10 % aller Alkoholiker können jetzt auch ,,Alkoholpsychosen" auftreten. Der Verlust der Moral ist so hoch, dass der Süchtige mit Personen weit unter seinem Niveau trinkt. Wenn nichts Anderes vorhanden ist, werden auch technische Produkte wie Haarwasser, Rheuma- mittel, u. a. getrunken. Zu dieser Zeit wird gewöhnlich auch der Verlust der Alkoholtoleranz bemerkt, d.h., der Betroffene verträgt weniger. Undefinierbare Ängste und Zittern, die auftreten, sobald der Alkoholspiegel im Körper sinkt (Entzugserscheinungen) werden zur Dauererscheinung. Die Notwendigkeit der Beseitigung der Entzugserscheinungen übertrifft alle anderen Bedürfnisse. Das Trinken nimmt den ,,Charakter einer Besessenheit" an. Diese Phase endet in der Regel mit einem nervlichen Zusammenbruch.

ÜBERSICHT ÜBER DIE TRINKTYPEN NACH JELLINEK

Alpha-Trinker

sind Erleichterungstrinker, die mit Alkohol ihre Probleme zu lösen versuchen. Sie trinken undiszipliniert übermäßig in Belastungssituationen. Sie sind zwar einer fortschreitenden Abhängigkeit ausgesetzt, können aber ihren Alkoholkonsum unter Kontrolle halten.

Beta-Trinker

sind Gelegenheitstrinker ohne eine eingetretene Abhängigkeit. Sie neigen zu übermäßigem Konsum bei sozialen Anlässen. Bei ihnen treten vor allem Beschwerden durch Folgekrankheiten auf, z.B. Leberschäden, Magenleiden (Gastritis) u.a.

Gamma-Trinker

sind Suchtkranke, die vom Alkohol zuerst seelisch und später auch oft körperlich abhängig sind. Sie haben über ihren Alkoholkonsum keine Kontrolle. Nach Beginn des Trinkens wird getrunken, bis der Rauschzustand erreicht ist.

Delta-Trinker

sind ,,Spiegeltrinker", sie können ihren Alkoholkonsum relativ lange unter Kontrolle halten. Sie sind zwar körperlich, aber nicht seelisch abhängig. Es erfolgt eine gleichmäßige Aufnahme großer Alkoholmengen über den Tag verteilt. Bei schleichender Dauerintoxikation sind sie eher unauffällig.

Epsilon-Trinker

werden als ,,Quartalssäufer" bezeichnet. Nach wochenlanger Abstinenz trinken sie tagelang völlig unkontrolliert (episodisch massiv).

ENTSTEHUNGSBEDINGUNGEN

Monokausale Erklärungsansätze, die nach einer Ursache suchten, gelten heute als widerlegt. Das komplexe Geschehen der Entstehung von Sucht können weder die biologischen, psychologischen oder soziologischen Ansätze allein erklären. Erst eine Zusammenfassung aller Faktoren unter systemischen Ansichten kann der großen Auswahl der Konstellationen gerecht werden. Sie geht davon aus, dass sich die Faktoren für die Bedingungen als Regelkreise gegenseitig beeinflussen, nicht selten im Sinne einer Erhöhung nach Art eines Teufelskreises, wie er mit folgendem Schema dargestellt werden kann (Abb. 3)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Teufelskreis der Abhängigkeit (aus: I.Völkel, M. Ehmann; Spezielle Pflegeplanung in der Altenpflege.)

Die heutige Wissenschaft geht von einem multimodalen, multifaktoriellen Bedingungsmodell aus, d.h. mehrere Ursachen müssen zusammenkommen, damit sich eine Alkoholabhängigkeit entwickelt. Allgemein werden drei Faktorengruppen des Bedingungsgefüges beschrieben:

- Droge
- Individuum
- Sozialfeld

Direkte Vererbung von Alkoholismus als einheitliches Merkmal ist weder wahrscheinlich noch erwiesen. Es gibt dennoch eine Reihe von Argumenten, die für den Einfluss genetischer Faktoren sprechen.

Die Ergebnisse von Zwillingsstudien zeigen (allerdings nicht durchgängig), dass Alkoholismus bei eineiigen Zwillingen häufiger als bei zweieiigen Zwillingen auftritt.

Ergebnisse von Adoptionsstudien ergeben weitgehende Übereinstimmung, dass Kinder von (biologischen) Alkoholiker-Eltern später häufiger Alkoholismus aufweisen als solche von (biologischen) Nichtalkoholiker-Eltern.

Seit langem ist bekannt, dass Alkoholiker keine spezifische prämorbide Persönlichkeitsstruktur haben, d.h., dass Alkoholismus bei den unterschiedlichsten Persönlichkeitsstrukturen auftreten kann. Es wurden allerdings in den letzten Jahren einige ,,Temperaments-Faktoren" beschrieben, die zu Alkoholismus prädisponieren sollen, z.B. Hyperaktivität, verstärkte Emotionalität, mangelnde Fähigkeit sich in eine soziale Struktur einzuordnen.

Aus psychoanalytischer Sicht sind Suchterkrankungen grundsätzlich zurückzuführen auf neurotische Störungen, Ich-Funktionsdefizite und strukturelle Mängel, sowie Autoaggression. Aus der Sicht der Verhaltenstherapie wird Suchtverhalten erlernt.

DIAGNOSE

Früherkennung setzt voraus, dass die Diagnose des Alkoholismus zunächst überhaupt in Betracht gezogen wird. Erste Befindensstörungen sind oft uncharakteristisch. Beispielsweise können vorliegen:

- reduzierter Allgemeinzustand
- Magen -Darm-Störungen, besonders morgendlicher Brechreiz
-Inappetenz
- morgendlicher Tremor
- Schlafstörungen
- vegetative Labilität, z.B. vermehrte Schweißneigung
- Vergesslichkeit, Konzentrationsmangel
- subjektive und / oder objektive Leistungseinbußen
- Störungen der sexuellen Potenz

Die Diagnosestellung ist oft sehr schwierig, man muss davon ausgehen, dass mit Verleugnungs- und Bagatellisierungstendenzen von seiten des Betroffenen (und meist auch der Bezugsperson ) zu rechnen ist. Testinstrumente wie z.B. Fragebogentests oder hämatologische Tests können hilfreich sein.

Die Diagnose ist im Stadium der fortgeschrittenen Alkoholkrankheit, in dem Organschäden und meist deutliche psychische und psychosoziale Schäden auftreten, meist leicht, vorausgesetzt man zieht Alkoholabusus als mögliche Ursache in Betracht.

1. Folgen aus neuropsychiatrischer Sicht

1.1 Akute Alkoholintoxikationen (einfacher Rausch)

Bei einer Blutalkoholkonzentration (BAK) von etwa 3 Promille und mehr zeigen die meisten Menschen das Bild einer schweren Alkoholintoxikation. Bei einer BAK von über 5 Promille tritt in der Regel der Tod ein. Der einfache Rausch, der in verschiedenen Schweregraden auftreten kann, die nicht in direkter Abhängigkeit zur BAK stehen, ist v.a. durch Verhaltensstörungen wie z. B. Enthemmung, neurologische Störungen wie z. B. Koordinations- und Artikulationsstörungen und Störungen der Bewusstseinslage gekennzeichnet.

1.2 Komplizierter Rausch

Ein komplizierter Rausch kann bereits nach dem Konsum von geringen Alkoholmengen auftreten.

Zu den Leitsymptomen gehören: Verhaltensstörunge n (vor allem Aggressivität), Störungen der Bewusstseinslage, Orientierungsstörungen, Störungen der Motorik, Veränderungen der Stimmungslage (Gereiztheit, Angst) und amnestische Lücken (Filmriss).

1.3 Alkohol-Entzugssyndrom

Als Entzugssyndrom wird ein typischer Symptomenkomplex bezeichnet, der bei Unterbrechung oder abrupter Verhinderung der Zufuhr von Alkohol auftreten kann. Das Entzugssyndrom zeigt sich in verschiedenen Schweregraden und betrifft mehrere Organsysteme.

Leitsymptome sind: Magen-Darm-Störungen (Brechreiz, Durchfälle, Inappetenz), KreislaufStörungen (Tachykardie), vegetative Störungen (Schlafstörungen, vermehrte Parästhesien, epileptische Anfälle) und psychische Störungen (innere Unruhe, ängstliche und depressive Verstimmungen, Störungen der Bewusstseinslage, manchmal Halluzinationen). Das Alkohol - Entzugssyndrom dauert einige Tage bis max. wenige Wochen.

1.4 Delirium tremens

Das Delirium tremens ist meist die höchste Stufe des Entzugssyndroms, kann aber auch bei bestehendem hohen Blutalkoholspiegel auftreten. Das Alkoholdelir ist lebensbedrohlich (unbehandelt etwa 20% Letalität).

Leitsymptome sind vor allem Bewusstseinstrübungen, Desorientiertheit, psychomotorische Unruhe (Nesteln), Störungen der Stimmungslage (Angst, seltener Euphorie), Tremor der Hände, Halluzinationen (meist optischer Art, z.B. Insekten oder andere kleinere, sich bewegende Gegenstände), vegetative Störungen (Schweißneigung, Tachykardie, selten höheres Fieber), epileptische Anfälle.

1.5 Wernicke - Enzephalopathie

Alkoholiker ernähren sich unregelmäßig und häufig unzureichend, so dass sie an einem Mangel von wichtigen Vitaminen leiden. Die lebensbedrohliche Wernicke - Enzephalopathie ist Folge eines akuten Vitamin B1- Mangels. Das Krankheitsbild der Wernicke - Enzephalopathie tritt meist akut auf, kann aber auch im Zusammenhang mit einem Alkoholdelir auftreten. Es ist oft gefolgt von einem Korsakow- Syndrom. Leitsymptome sind vor allem Bewusstseinstrübung, Ataxie, Augenmuskellähmungen, Pupillenstörungen, Nystagmus.

1.6 Korsakow-Syndrom

Das Korsakow-Syndrom tritt häufig im Anschluss eines Alkoholdelirs oder einer Wernicke - Enzephalopathie auf. Der Verlauf ist sehr langsam, die Prognose schlecht. Es ist gekennzeichnet durch die drei charakteristischen Symptome (Symptomentrias): Merkfähigkeitsstörungen, Desorientiertheit und Konfabulationen (Erinnerungslücken werden mit Einfällen und Phantasien des Betroffenen gefüllt). Zu den Leitsymptomen gehören: Störungen der Konzentrationsfähigkeit, Störungen des Alt- und Neugedächtnisses, Störungen der Orientierung (besonders zu Zeit, Ort und Situation), oft polyneuritsche Störungen.

1.7. Andere Alkohol-Psychosen

Die wichtigste Alkohol-Psychose ist die Alkohol-Halluzinose. Sie tritt unabhängig vom Alkoholentzug auf und dauert Monate. Leitsymptome: meist akustische Halluzinationen ( Stimmenhören), starke Angstgefühle bis zur Panik und zu Suizidabsichten aber keine Störungen der Bewusstseinslage und des Vegetativums.

1.8 Allgemeine (atrophische) Hirnveränderungen

Diese manchmal auftretenden Hirnveränderungen, die sich (teilweise) bei (langdauernder)strikter Alkoholabstinenz zurückbilden können, gehen meist mit erheblichen psychischen Veränderungen einher, die v.a. durch testpsychologische Untersuchungen nachgewiesen werden können.

Leitsymptome: Störungen der Wahrnehmungsfähigkeit, der Aufmerksamkeit, der Konzentrationsfähigkeit, der Motorik (v.a. der Feinmotorik), des Gedächtnisses und des Abstrahierens.

In schweren Fällen können zusätzliche Symptome wie Störungen der Orientierung, der Affektivität, des Antriebs und kognitiver Leistungen hinzutreten, so dass das Vollbild eines organischen Psychosyndroms entsteht.

1.9 Alkohol-Polyneuropathie

Alkohol-Polyneuropathien treten häufig bei chronischem Alkoholmissbrauch auf (20 % der Alkoholiker). Die Krankheit verläuft chronisch. Dabei treten Störungen der motorischen und sensiblen Funktionen und Störungen des autonomen Nervensystems auf. Leitsymptome: Parästhesien vor allem an den Beinen, Abschwächung oder Aufhebung der Muskeleigenreflexe, Störungen der Tiefensensibilität, Störungen der Oberflächensensibilität, motorische Schwäche der betroffenen Muskulatur (Paresen), vegetative Störungen (z. B. Schweißproduktion), Muskelkrämpfe.

1.10 Epileptische Anfälle

Die Angaben über die Häufigkeit epileptischer Anfälle bei Alkoholikern schwanken zwischen 5 und 35%. Oft sind sie Vorboten eines beginnenden Alkoholdelirs.

2. Folgen aus internistischer Sicht

2.1 Akute Ösophagitis

Obwohl das Plattenepithel der Speiseröhre sehr widerstandsfähig gegenüber Alkohol ist, kann es durch den anhaltenden Alkoholmissbrauch zu einer schweren akuten Ösophagitis kommen. Diese Veränderungen sind im wesentlichen auf eine veränderte Ösophagusmotalität und auf einen unzureichenden Verschluss des unteren Ösophagussphinkters zurückzuführen. Leitsymptome sind vor allem Schmerzen, Sodbrennen, Bluterbrechen und Schluckstörungen.

2.2 Gastritis

Alkohol beeinflusst die Motilität, Sekretion und die Schleimhautbeschaffenheit des Magens. Im Rahmen der Schleimhautveränderungen kann es zu einer akuten Magenblutung als Folge einer erosiven Gastritis kommen.

Zu den Leitsymptomen gehören: Oberbauchbeschwerden, Übelkeit und Erbrechen von Speiseresten, Erbrechen von dunkelrotem Blut, Hämatin und Blutkoageln, Teerstuhl, Kreislaufschock.

2.3 Fettleber

Die alkoholbedingte Fettleber ist typisch im frühen Stadium alkoholbedingter Lebererkrankungen. Häufig sind die Betroffenen in diesem Stadium symptomlos. Leitsymptome: Druckgefühl sowie Schmerzen im rechten Oberbauch, Völlegefühl, vergrößerte prallelastische Leber.

2.4 Hepatitis

Die Alkohol-Hepatitis macht in ihrer chronischen Verlaufsform subjektive Beschwerden, die denen der alkoholischen Fettleber ähnlich sind. Die akute Alkoholhepatitis ist klinisch durch ein dramatisches Bild gekennzeichnet: innerhalb weniger Tage kann sich bei zunehmender Gelbsucht ein Leberkoma entwickeln. Leitsymptome sind starke rechtsseitige Oberbauchschmerzen, Fieber, Ikterus, Inappetenz, Erbrechen, Somnolenz.

2.5 Leberzirrhose

Die alkoholbedingte Leberzirrhose kann insbesondere im Frühstadium symptomlos verlaufen. Leitsymptome: Vergrößerung der Leber und Milz, Ikterus (Gelbsucht), Leberhautzeichen, Gynäkomastie und Hodenatrophie, Verminderung der sexuellen Potenz, Ascites (Bauchwassersucht), Hepatische Enzephalopathie / Koma.

2.6. Akute Pankreatitis

Eine akute Pankreatitis kann sich nach einem Alkoholexzess oder auch nach chronischem Alkoholmissbrauch entwickeln. Oft wird die akute Erkrankung jedoch als isoliertes Ereignis fehlinterpretiert. Leitsymptome sind akut einsetzende gürtelförmige Oberbauchschmerzen, wobei eine Ausstrahlung in die linke, selten auch rechte Schulter möglich ist, Übelkeit, Erbrechen, Ileus, Kreislaufinsuffizienz, Niereninsuffizienz und Schocklunge.

2.7 Chronische Pankreatitis

Die Schädigung der Bauchspeicheldrüse bleibt klinisch lange Zeit oligo- bzw. asymptomatisch und ist in ihrer Ausprägung von der Menge und der Dauer des Alkoholmissbrauchs abhängig. Als weitere Ursachen kommen eine gleichzeitige reichliche Zufuhr von Fett und Eiweiß sowie genetische Disposition in Frage. Leitsymptome: Gewichtsabnahme, reduzierte Leistungsfähigkeit, rezidivierende, gürtelförmige Oberbauchschmerzen, Fettstühle, Ileus, Kreislaufinsuffizienz, Schocklunge, Niereninsuffizienz.

Die chronische Pankreatitis führt häufig zu Diabetes, Pankreasverkalkungen und anderen Folgeerkrankungen.

2.8. Hypertonie

Sowohl nach einmaligem wie bei regelmäßigem Genuss von Alkohol findet sich eine Blutdrucksteigerung, die dosisabhängig ist. Leitsymptome: Kopfschmerzen. Hypertonie steigert das Apoplex-Risiko!

2.9. Krebsrisiko

Durch regelmäßiges Trinken insbesondere von hochprozentigen Spirituosen steigt das Risiko an Mund-, Rachen-, Kehlkopf- oder Speiseröhrenkrebs zu erkranken erheblich an. Durch Schädigung von Schleimhäuten und Speicheldrüsen wird u.a. die Resorption krebsauslösender Stoffe (z.B. Benzpyrene und Aflatoxine) erleichtert. Das Risiko einer Krebserkrankung steigt dabei mit zunehmender Trinkmenge. Zusammenhänge zwischen anderen Krebsarten (Darm, Leber, Brust, Lunge) und Alkohol werden ebenfalls vermutet.

3. Psychosoziale Folgen

Die psychischen und psychosozialen Folgen des Alkoholismus sind nicht weniger dramatisch als die körperlichen Folgen. Eine Folge des anhaltenden Alkoholkonsums ist die Veränderung der Persönlichkeit. Viele Alkoholiker werden u.a. egoistisch, stimmungslabil und reizbar. Im weiteren Verlauf kann es zu einem Rückgang der geistigen Fähigkeiten bis hin zu einer Alkoholdemenz kommen. Die Sucht gefährdet partnerschaftliche Beziehungen, es kann zur Abwendung der Familienangehörigen bis hin zur Scheidung kommen. Scheidung ist in vielen Fällen nicht nur Folge des Alkoholismus, sondern wird auch zur Ursache seines weiteren Fortschreitens. Es manifestiert sich eine zunehmende Bindungslosigkeit, die schließlich zur völligen Vereinsamung der Betroffenen führen kann. Die Betroffenen lassen in ihrer beruflichen Leistung nach. Die Einengung des Interessenhorizontes, die Verlangsamung und Unzuverlässigkeit sind bei fortgeschrittenem Alkoholismus weitere Ursache n von Minderleistung und Verschlechterung der allgemeinen Qualifikation. Unentschuldigtes Fernbleiben von der Arbeit nimmt zu. Das Fahrvermögen ist durch die sensorischen und psychischen Defizite beeinträchtigt, es kommt zu Führerscheinverlusten.

Unter akutem Alkoholeinfluss häufen sich ,,Rauschtaten": vor allem Verkehrsdelikte, Sachbeschädigungen und Körperverletzungen.

Bei chronischem Alkoholeinfluss häufen sich Straftaten, die mit psychischen und sozialen Folgen zusammenhängen, z.B. Diebstähle, Zechprellereien, Unterschlagungen. Abb. 5 gibt einen Überblick über Straftaten im Zusammenhang mit Alkohol.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Tatverdächtige unter Alkoholeinfluss bei diversen Straftaten

THERAPIE DES ALKOHOLISMUS

Bei kritischer Durchsicht der Literatur überrascht, dass hinsichtlich der Therapieziele von Alkoholabhängigen erhebliche Unsicherheiten bestehen. Als wichtigste Therapieziele werden meist Alkoholabstinenz, Verbesserung der psychosozialen Integration ( soziale Selbständigkeit, ferner berufliche Integration, familiäre und soziale Bindungen), eine Verbesserung der Frustrationstoleranz, persönliche Autonomie, somatische Stabilisierung und ggf. auch Besserung psychiatrischer Begleitsymptome genannt.

Grundlage der Alkoholismusbehandlung ist die Einsicht des Trinkers, sich als solchen zu sehen und sich in dieser Rolle zu akzeptieren, um dann therapeutische Maßnahmen zu bejahen und alternative Handlungskonzepte zu erlernen.

Alkoholkranke versuchen, sich zunächst immer selbst zu behandeln. Erst die Erkenntnis der eigenen Machtlosigkeit führt zu der Bereitschaft, Hilfe von außen anzunehmen.

MOTIVATION_UND ÄNDERUNGSBEREITSCHAFT

Die Behandlung des Alkoholgefährdeten oder Alkoholabhängigen muss entsprechend dem Krankheitsstadium individuell geplant werden. Von ausschlaggebender Bedeutung ist dabei die Motivation des Betroffenen. Seine Gründe, Alkohol zu trinken, hängen u.a. vo n Erwartungen ab( z.B. Entspannungswirkung).

Aufgabe der Behandlung ist es, die Motivation zum Trinken zugunsten einer Motivation zur Abstinenz abzubauen. Krankheitseinsicht, Bereitschaft zur Veränderung und innere Einstellung zur Krankheitsursache spielen dabei ebenso eine Rolle wie spezifische Abwehrmechanismen, das Ausmaß an sozialer Unterstützung oder die Angst vor Sanktionen ( Verlust des Partners, Führerscheinentzug etc.).

PHASEN DER ALKOHOLISMUSTHERAPIE

Die Kontaktphase dauert manchmal nur wenige Tage, in der Regel aber Wochen, Monate oder Jahre. Sie dient v.a. der Diagnosestellung, Evaluierung somatischer Folgekrankheiten, Überprüfung der Behandlungsbereitschaft und Motivation des Abhängigen. Die Motivation von Alkoholabhängigen zur Abstinenz muss ein zentrales therapeutisches Anliegen sein. Nach Michael Soyka ist ,,häufig das Erkennen des spezifischen Leidendrucks für die Motivation des Betroffenen entscheidend".

Die Entgiftungs- und Entziehungsphase ist in der Regel auf einige Tage bis Wochen begrenzt. In dieser Phase werden die physischen und psychischen Voraussetzungen für eine Suchttherapie geschaffen. Eine stationäre Aufnahme ist nicht grundsätzlich notwendig, aber sinnvoll, wenn schwere Entzugserscheinungen oder belangvolle somatische oder neuropsychiatrische Begleiterkrankungen vorliegen . Die Entgiftung ist streng genommen keine Form der Therapie, sondern sie ist eine medizinische Betreuung nach langem übermäßigen Alkoholkonsum. Die Therapie wird von vielen Krankenhäusern und psychiatrischen Kliniken durchgeführt. In der Regel bedarf es keiner Wartezeit oder Genehmigung. Die Behandlungsmethoden der verschiedenen Kliniken sind unterschiedlich; sie bestehen in der Regel aus Bettruhe, medizinischer Überwachung, Behandlung der Entzugserscheinungen und Präventivmaßnahmen zur Verhinderung eines Delirs. Integriert können einige leichte Bewegungs- und Entspannungsübungen und Gesprächsgruppen sein. Die Rückfallquote ohne Weiterbehandlung beträgt nach einer Entgiftung über 95 %!

An die Entgiftung schließt sich die Entwöhnungsphase an. Hier gilt es zum Einen, den Patienten gegenüber den persönlichen und somatischen Auswirkungen des Alkoholismus zu sensibilisieren, zum Anderen aber auch um die Erarbeitung von Strategien zur Abstinenzfestigung, zur besseren psychosozialen Wahrnehmung und Integration. Problembewusstsein und Selbstwertgefühl muss aufgebaut werden, sozialer und familiäre Kontakte müssen verbessert, spezifische Konflikte und Defizite erkannt werden, auch in der Persönlichkeitsentwicklung. In der Regel erfolgt die Entwöhnung in speziellen Therapiezentren. Man unterscheidet kurzfristige (4 - 8Wochen), mittelfristige (2 - 4 Monate) und langfristige Behandlungen von 4 - 6 Monaten oder länger. In einigen Kliniken erfolgt die klassische Behandlung der Alkoholabhängigkeit stationär in einer Langzeittherapie. Eine Dauer von vier Monaten war 1997 noch die Regel; sechs Monate waren es noch vor einigen Jahren; meist drei Monate sind es zur Zeit, manchmal mit der Möglichkeit einer Verlängerung. Es existieren sehr unterschiedliche Therapiekonzepte in den verschiedenen Kliniken, alle jedoch mit ähnlichen Erfolgsaussichten (etwa 30-60 % Rückfallquote in den ersten Jahren). Das Therapieangebot reicht von Gesprächsgruppen, Sport, Kunst, Musiktherapie, Einzelgesprächen, Suchtaufklärung und Arbeitstherapie bis hin zu Übungen, bei denen die Verrichtungen des täglichen Lebens wieder erlernt werden.

In der Weiterbehandlungs- oder Rehabilitationsphase, welche die Nachsorge der Alkoholiker umfasst, geht es v.a. um die Wiedereingliederung des Alkoholikers in Familie, Beruf und soziale Umwelt und die Verarbeitung eventueller Rückfälle. Eine große Bedeutung kommt den Selbsthilfegruppen zu . Eine Teilnahme erhöht die Chance, nach einer Therapie trocken zu bleiben, beträchtlich, bietet sich aber auch als alleinige Maßnahme an. Selbsthilfegruppen unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von professioneller Therapie durch Mediziner und Psychologen: sie sind kostenlos, werden von den Betroffenen selbst durchgeführt, und es gibt keine Verpflichtung zur regelmäßigen Teilnahme. Die Rehabilitationsphase erfolgt grundsätzlich ambulant und ist zeitlich nicht begrenzt.

ALKOHOL IN ZAHLEN

- Ca. 30% aller Patienten in psychiatrischen Krankenhäusern sind alkoholabhängig,
- Über 20% der Patienten in internistischen und chirurgischen Abteilungen sind alkoholabhängig.
- Ca. 50% der Suchtpatienten haben zusätzliche psychiatrische Diagnosen im Verlauf, v. a. depressive Episoden und Angststörungen, wobei die Suizidalität erhöht ist.
- Die Lebenserwartung von Alkoholikern ist gegenüber der der Normalbevölkerung drastisch reduziert: bei Männern ca. um 15 %, bei Frauen um 12%.
- Nach einem Leitfaden für Ärzte sterben 14% der Alkoholiker durch Suizid, 24% begehen Suizidversuche.
- Schätzungsweise jedes 350. Neugeborene kommt in der BRD mit der unheilbaren AlkoholEmbryopathie zur Welt: zu klein und zu leicht, mit Fehlbildungen im Gesicht und Störungen im Gehirn. Bei ca. 30000 jungen Menschen hierzulande ist die Chance auf ein normales Leben bereits im Mutterleib ,, ertränkt" worden.

UND MEHR...

- mehr als 30 Mrd. DM volkswirtschaftlicher Schaden (Produktionsausfall, Unfall- und Behandlungskosten, Invalidität).
- Alkoholkranke Mitarbeiter erbringen nur etwa 75% ihrer eigentlichen Arbeitsleistung.
- 10-30% der Arbeitsunfälle ereignen sich unter Alkoholeinwirkung.
- Steuereinnahmen für den Staat durch alkoholische Getränke: ca. 7,7 Mrd. DM jährlich.
- 1 Mrd. DM jährlicher Werbeaufwand für alkoholische Getränke.
- Schätzungsweise 250.000 Kinder und Jugendliche bis ca. 25 Jahre sind alkoholabhängig oder stark gefährdet.
- Pro Jahr finden zwischen 10 und 15 Millionen Fahrten mit mehr als 0,79 Promille statt.
- 1.800 Tote durch Alkoholunfälle jährlich.

(Quellen: DHS - Wirtschaftsfaktor Alkohol; Barmer - Alkohol u.a.)

SUCHTPRÄVENTION

Die wahrscheinlich wirkungsvollste Methode zur Senkung der Alkoholismusprävalenzen in der Bevölkerung ist eine effektive Prävention. Deutschland ist, wie die meisten Industrieländer, hinsichtlich der Einnahme alk oholischer Getränke eine eher permissive Gesellschaft. Alkoholkonsum und Trunkenheit werden weit weniger stigmatisiert als in anderen Gesellschaften. Eine alkoholfreie Gesellschaft ist im europäisch - nordamerikanischen Bereich sicher unrealistisch. Alkoho l spielt bei religiösen und rituellen Handlungen traditionell eine Rolle, ist darüber hinaus Bestandteil unserer Trinkkultur und im positiven Sinne ein Genussmittel. Alkoholische Getränke sind zudem leicht herstellbar und die Rohstoffe dafür leicht verfügbar, so dass eine Verknappung auf der Angebotseite bei alkoholischen Getränken praktisch nicht zu realisieren ist. Präventive Ansätze müssen auf die Reduktion der Griffnähe von Alkohol, die Erkennung von Risikogruppen und die Änderung der Trinkgewohnheiten in der Bevölkerung abzielen. Dazu bieten sich eine Reihe von Maßnahmen an, beispielsweise eine bessere Aufklärung der Bevölkerung über die Folgeschäden von Alkoholkonsum, eine bessere Aufklärung von Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern, Reduktion der Werbung, Verteuerung von alkoholischen Getränken, etwa durch höhere Alkoholsteuern, konsequente Anwendung der bestehenden gesetzlichen Bestimmungen über Ausschank -und Verkaufsverbote an Jugendliche etc.

KOMMENTAR

Unzählige Alkoholkranke werden zu spät oder überhaupt nicht einer Behandlung zugeführt. Das ist oft mangelnder Kenntnis zuzuschreiben. Grundsätzlich ist es falsch, jeden Alkoholgenuss Erwachsener als gefährdend anzusehen. Bei Jugendlichen allerdings sind erste Alkoholexzesse ernstzunehmende Hinweise dafür, dass mit der Persönlichkeitsentwicklung des jungen Menschen oder seiner Umwelt etwas nicht stimmt.

Alkoholismus ist nicht heilbar, die Krankheit kann aber zum Stillstand gebracht werden. Erst wenn der Betroffene erkannt hat, krank zu sein, eröffnet sich die Möglichkeit, den Konsum zu beenden. Oft reicht es nicht aus, nur mit dem Trinken aufzuhören. Die Ursachen und Gründe des Trinkens müssen erst bewältigt, verändert oder beseitigt werden, bzw. die Lebensweise muss verändert werden.

LITERATUR

- Berger, M. (1999).Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Schwarzenberg, München, Wien, Baltimore
- Ebert, D. & Loew, T.(1997). Psychiatrie systematisch. 2. Auflage, Uni-Med Verlag AG, Bremen
- Soyka, M.(1995). Die Alkoholkrankheit- Diagnose und Therapie. Chapman&Hall, Weinheim

LINKS

- http: // www.alkohol- info.ch/de
- http: // www.alkohol- lexikon.de
- http: // www.projektgruppe-alkohol.de
- http: // www.ahc-consilium.at

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Details

Seiten
27
Jahr
2001
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106278
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
sehr gut
Schlagworte
Alkoholismus Schein Vordiplom

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Titel: Alkoholismus aus gesellschaftlicher und medizinischer Sicht. Wirkung der Droge, Abhängigkeit und Therapieformen