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Lessing, G.E. - Emilia Galotti - ein Stück Emanzipationsgeschichte?

Referat / Aufsatz (Schule) 2001 10 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsangabe:

1. Gliederung

2. Ausführung

3. Literaturverzeichnis

1. 1. Gliederung

A: Emanzipation bei Lessing

B: Lessings “Emilia Galotti” ein Stück Emanzipationsgeschich- te? Darstellung der Befreiungsversuche der Frauenfiguren und der Grenzen der emanzipatorischen Entwicklung.
I Befreiungsversuche der Frauengestalten
1. Emilia Galotti
a) Charakter
b) Befreiungsversuche
2. Gräfin Orsina
a) Charakter
b) Befreiungsversuche
II Grenzen der emanzipatorischen Entwicklung
1. Gesellschaftlich
2. Persönlich
III „Emilia Galotti“ als Stück Emanzipationsgeschichte

C: Emanzipatorische Bedeutung in der heutigen Zeit

2. Ausführung

Im Zeitalter der Aufklärung „ bestand ein sehr einseitiges Abhängigkeitsverhält- nis zwischen Mann und Frau. Die Frau hatte sich ihrem Ehemann unterzuord- nen. “ 1 Sogar in ihrem Aufgabenbereich, dem Haushalt und der Familie, hatte sie nicht die Möglichkeit frei zu entscheiden. Das Idealbild war eine tugendhafte Frau. Das sah oft so aus, dass sie alles daransetzte, die Erwartungen ihres Mannes zu erfüllen und ihm treu ergeben zu sein. Dadurch wurde sie in eine gewisse Passivität gedrängt. Diese Tatsache steht im Widerspruch zu einem Leitsatz der Aufklärung, der Gleichheit aller Menschen. Lessing, der oft als der Aufklärer schlechthin bezeichnet wird, hatte Kritik an diesem Zustand. Er sah seine Ehefrau z.B. als gleichberechtigt an und verstand unter Ehe nicht das ge- sellschaftlich übliche Abhängigkeitsverhältnis sondern eine Partnerschaft. Diese Lebenseinstellung schlägt sich auch in seinen Werken nieder. So schuf er drei berühmte Stücke, die Trauerspiele „Miss Sara Sampson“ (1755) und „Emilia Galotti“ (1779) und das Lustspiel „Minna von Barnhelm“ (1767), die alle als Titel Frauennamen tragen. Darin treten mehrere wichtige Frauengestalten auf. In dem Drama „Emilia Galotti“ nehmen die Gräfin Orsina und Emilia Galotti einen erheblichen Einfluss auf den Ausgang des Stückes. Diese Wichtigkeit, die den Frauen in Lessings Werken zukommt , wirf die frage nach ihrer Emanzipation auf.

Emilia ist sehr religiös. Sie geht vor ihrer Hochzeit noch in die Kirche ( II/2., S. 21) und bemerkt: „Nie hätte meine Andacht inniger, brünstiger sein sollen,[...]“ (II./6., S. 27). Auch ist sie schüchtern und weiß sich gegenüber dem Prinzen in der Kirche nicht zu wehren (II./6., S. 29). Sie sagt gegenüber ihrer Mutter, dass sie sich nicht getraut habe einen zweiten Blick auf den Prinzen zu werfen, ge- schweige denn sich von ihm loszureißen. Diese Situation zeigt außerdem noch, dass sie hilflos ist. Noch deutlicher wird das in der fünften Szene im dritten Akt: sie sieht sich gefangen im Lustschloss des Prinzen, Dosalo, der versucht, sie für sich zu gewinnen. In dieser Situation fragt sie sich sichtlich verzweifelt: “Was soll ich tun!“ ( III./5., S. 48). In dieser Hilflosigkeit wendet sie sich öfter an die Eltern ( II./ 6., S. 27 ff). Deren Willen ordnet sie sich stets unter: “Ich habe kei- nen Willen gegen den Ihrigen.“(II./6., S. 31).Es wird auch ersichtlich, dass sie diese Untergebenheit später ihrem Ehemann Appiani entgegenbringen will. So bemerkt sie gleich nach dem Vorfall in der Kirche, „der Graf m[ü]ss[e] das wis- sen.“ (II. /6., S. 30). Diese Beispiele zeigen ihre Tugendhaftigkeit, für die sie sogar bereit ist zu sterben. Damit entspricht sie größtenteils den o.g. Idealvor- stellung einer Frau.

Aber im Laufe des Dramas lässt Lessing sie zunehmend mit diesem Bild und ihren Vorstellungen in Konflikt geraten. Emilia macht während der Handlung, vor allem nach dem Tod des Grafen Appiani eine Entwicklung durch und unter- nimmt einige Schritte, die nicht in das ideale Frauenbild passen und daher als emanzipatorisch bezeichnet werden können. Am Anfang des Dramas nimmt sie die passive gesellschaftlich den Frauen anerzogene Rolle ein. Sie versucht Problemsituationen mit Gebeten zu lösen. Darin bittet sie in der Kirche, als der Prinz anzügliche Bemerkungen zuflüstert, einen „guten Engel [...], [sie] mit Taubheit zu schlagen;“ (II/6., S. 28). Statt zu fordern, dass der Prinz aufhöre, macht sie sich selbst für die Störung durch den Prinzen verantwortlich, da sie sie gehört hat. Das verdeutlicht die Unterwerfung unter die Männer und das daraus folgende Aufgeben oder Zurückstellen des eigenen Willens und ist ein wesentlicher Bestandteil patriarchaler Denkmuster. Dieses Verhalten ändert sich nach dem Überfall, als sie auf das Schloss Dosalo kommt. Als der Prinz sie in ein anderes Zimmer führt leistet sie sogar -zwar geringen - Widerstand (III/5., S. 49). Das ist eine deutliche Veränderung ihrer Denkweise. Diese Ent- wicklung wird später auch in einem Gespräch mit ihrem Vater Odoardo deutlich. Hier äußert sie direkt ihren Willen der nicht nur gegen den des Prinzen, sondern auch gegen Aussage Odoardos (V/7., S.84) widerspricht. Sie bemerkt, man könne sie nicht zwingen zu bleiben und schlägt eine Flucht vor. Damit fällt sie eindeutig aus ihrer Passivität gegenüber Männern und entwickelt durch die An- erkennung und stärkere Gewichtung ihres eigenen Willens emanzipatorische Züge. Der Höhepunkt der Handlung, ihr Tod, stellt gewissermaßen die endgülti- ge Durchsetzung ihres Willens gegen die Interessen der Männer dar. Als ihr Vater ihren Selbstmordversuch verhindert bringt Emilia ihn dazu, sie zu erste- chen, indem sie an seinem empfindlichsten Punkt ansetzt, seiner Tugendhaftig- keit. Sie weißt ihn auf ihr unehrenhaftes Leben hin, in das er sie durch die Ver- hinderung ihres Todes zwingt, da sie weiß, dass Odoardo das nicht vertragen könnte (V/8., S. 86). Das stellt auch gleichzeitig eine Umkehrung der bestehenden Verhältnisse dar, da sich ein Mann dem Willen einer Frau, noch dazu seiner eigenen Tochter, unterwirft.

Die Gräfin Orsina steht an einem völlig andren Ausgangspunkt. Schon ihr Cha- rakter unterscheidet sich erheblich von Emilias und somit dem vorherrschenden Frauenbild. Der Prinz beschreibt sie anfangs schon als „stolz“, „höhnisch“ und „spöttisch“ (I/4., S. 8), was sich später auch in ihrem ersten Auftritt gleich be- wahrheitet (IV/3., S. 60f). Sie ist sehr direkt und tritt selbstbewusst auf. Das äu- ßert sich v.a. in einem Gespräch mit Marinelli, in dem sie ihm oft schnippisch antwortet oder sich über ihn lustig macht (IV/3., S.59-63). In diesem Gespräch beschreibt sie sich selbst als „Philosophin“ (IV/3., S. 61). Das stellt einen enor- men Gegensatz zum damaligen Frauenbild dar, denn eine Philosophin war im 18. Jh. noch undenkbar. Sei hält auch öfter kleinere Monologe, die von größerer Intelligenz zeugen. Sie hat ihre und die Situation der Frauen allgemein erkannt und äußert sich kritisch, oft in sarkastischer Weise darüber: „Wie kann ein Mann ein Ding lieben, das, ihm zum Trotze, auch denken will? Ein Frauenzimmer, das denket, ist ebenso ekel als ein Mann, der sich schminket. Lachen soll es, nichts als lachen, um immerdar den gestrengen Herrn der Schöpfung bei guter Laune zu erhalten.“ (IV./3., S. 61). Sie gerät durch ihre Rachegelüste und ihre Eifer- sucht in das Geschehen. Alles in allem ist sie in ihrem Verhalten und ihrer Denkweise schon anfangs emanzipierter als Emilia. Insofern macht sie auch keine so große Entwicklung durch wie diese. Am Anfang des Trauerspiels hat sie noch den Status einer Mätresse. Doch sie schreibt ihm einen Brief, in dem sie ihm zu einem Treffen auf Dosalo auffordert (I/1., S. 5; IV/3., S. 59). Sie er- greift also die Initiative. Außerdem wartet sie keine Einwilligung ab, sonder fährt einfach auf das Lustschloss. Das unterstreicht ihren starken Willen, den sie auch, gegen die gesellschaftliche Erwartung, durchsetzt. Schon deshalb kann man bei ihr nicht von einer Passivität reden. Des weiteren ist sie aufge- bracht darüber, dass ihr Geliebter eine andere Frau liebt. Doch als Frau sollte sie keine Ansprüche an einen Mann stellen, v.a. nicht an einen der gehobenen Schicht, da dort Affären üblich waren. Durch ihre Eifersucht schränkt sie die Unterordnung ein und stellt sich, zumindest in ihrer Beziehung, auf die gleiche Stufe, wie der Mann. Diese wird mit dem Mordplan (IV/7., S. 70f) endgültig auf- gehoben, da sie sich sogar gewissermaßen über Hettore Gonzaga stellt und über sein Leben und seinen Tod bestimmen will. In ihrer Unterhaltung mit Odo- ardo sagt sie zwar, dass Gift als Mordwaffe für eine Frau bestimmt sei (IV/7., S 70), setzt sich aber gleichermaßen darüber hinweg, indem sie auch einen Dolch bei sich hat. Auch bringt sie Odoardo durch die für sie typische sarkastische Weise dazu den Beschluss zu fassen, den Prinzen umzubringen. Damit setzt sie sich aufgrund ihrer Rhetorik, obwohl sie eine Frau ist gegen Marinelli durch. Dieser hatte Odoardo eingeredet, Orsina sei eine verrückte. Dennoch glaubt er ihre Geschichte. Damit macht sie ihn sich gewissermaßen zum Werkzeug, da sie nicht zum Prinzen vorgelassen wird und so nicht einmal die Gelegenheit hat ihn zu ermorden. Diese Tatsache steht auch eher im umgekehrten Verhältnis zur gesellschaftlichen Situation und kann insofern als Emanzipationsschritt ver- standen werden, als dass eine Frau einen Mann - wenn auch indirekt - einen Mord befiehlt und dieser sozusagen in die Passivität fällt.

Doch diese ganzen Entwicklungen und Befreiungsversuche können nicht als vollständige Emanzipation gewertet werden, da das in dieser Gesellschaft nicht möglich war. Nicht einmal heute, da die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetzt festgeschrieben steht, ist sie vollständig gewährleistet. Die damaligen Verhältnisse ließen das noch weniger zu, da die Frauen nicht die gleichen bzw. kaum Chancen in Beruf und Bildung hatten. Außerdem spielte zu der Zeit die Kirche eine große Rolle und diese war gegen jegliche Form einer Frauenbewegung. Schließlich sind ja sogar heute in der katholischen Kirche Frauen nicht als Priesterinnen zugelassen. Auch hatte sowohl Emilia als auch die Gräfin Orsina in ihrer persönlichen Entwicklung bestimmte Grenzen. Bei der Gräfin Orsina erfährt man einen Widerspruch zwischen ihrer Erziehung und ih- rem emanzipatorischen Verhalten. So sagt sie: „Ich, ich bin nur ein Weib“ (IV/7., S. 71). Damit wertet sie das weibliche Geschlecht eindeutig ab. Emilia ordnet sich bis zum Schluss den Männerfiguren unter. Sie wirft sich z.B. - wider ihren Gefühlen - dem Prinzen zu Füßen (III/5., S.58). Auch spricht sie nie ihre Abnei- gung gegen diesen oder das Missfallen seines Verhaltens ihm gegenüber aus. Anfangs lässt sie noch alles über sich ergehen, am Ende weiß sie keinen ande- ren Ausweg als den Tod. Dieser ist aber keine wirkliche Lösung ihrer Probleme und beseitigt nicht die Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechts. Vielmehr ist es eine Flucht, da der Prinz sie tot nicht mehr verführen kann. Da dies nicht das einseitige Abhängigkeitsverhältnis bekämpft, kann es als Eingrenzung der e- manzipatorischen Entwicklung bezeichnet werden. Doch die wohl ersichtlichste Grenze der Emanzipation stellt die Tatsache dar, dass weder Orsina noch Emi- lia komplett aus ihrer Rolle ausbrechen, und somit immer noch patriarchal un- terdrückt bleiben.

Dennoch kann „Emilia Galotti“ als ein Stück Emanzipationsgeschichte bezeich- net werden. In diesem Stück kommt den Frauen eine große Bedeutung zu. Sie reifen direkt in die Handlung ein. Sie sind mehr als StatistInnen und beeinflus- sen durch ihre Verhaltensweise und ihren Charakter nicht nur die Handlung sondern auch die Denkweise der Anderen. Zum Beispiel beeinflusst Orsina den Odoardo bewusst, indem sie ihn einerseits zum Mord überredete, aber ande- rerseits auch unbewusst durch ihr festes und entschlossenes Auftreten. Im Ver- lauf des Stückes befreien sie sich teilweise aus den bestehenden Verhältnis- sen. Sie setzen zunehmend ihren eigenen Willen durch. Das zeigt den Leserin- nen und Lesern zu dieser Zeit, dass eine Veränderung möglich ist und dass eine Unterbewertung der Frau nicht auf einen Naturzustand zurückzuführen ist. Wäre das der Fall, könnten sie sich gar nicht anders als tugendhaft verhalten. Schon allein deswegen kann das Stück als emanzipatorisch bezeichnet wer- den, da es eine Grundlage der Emanzipation darstellt, auf der später die Frau- enbewegung die Frauenbewegung aufgebaut werden konnte. V.a. in dieser lite- rarischen Epoche wurden die meisten Werke nicht nur zu Unterhaltungszwe- cken geschrieben, sondern hauptsächlich zur Aufklärung der Bevölkerung und zur Vermittlung der eigenen Werte des Autors. Lessings eigene Positionen in Bezug auf Emanzipation und die Stellung der Frau treten v.a. in den Monologen von Orsina und Emilia im vierten und fünften Akt besonders deutlich hervor. So lässt sich Emilia in einem Gespräch mit ihrem Vater über ihre Einschätzung von Verführung aus. Sie beschreibt diese am Beispiel des Hauses Grimaldi, als die „wahre Gewalt“ (V/7., S. 97). Lessing lässt durch Orsina seine Kritik an der Rol- lenzuschreibung der Frau verlauten. Diese beschwert sich gegenüber Marinelli über die Unterhaltungsfunktion, die den Frauen gegenüber Männern, zu- kommt.(IV/3., S. 61). In ihrer Unterredung mit Odoardo äußert sie sogar den Wunsch, mit allen anderen „Verlassen“ über den Prinzen herzufallen und ihn zu „ zerfleischen“ (IV/7., S.71). Das ist ein eindeutiger Aufruf an alle Frauen, sich gegen die Unterdrückung zu wehren. So können diese Aussprüche als Ap- pell an die Frauen gewertet werden, die Ausnutzung und Unterdrückung nicht mehr zu akzeptieren und an die Männer ihnen mehr Chancen und Freiheiten einzuräumen.

Im ganzen betrachtet kann man sagen, dass das Buch in der damaligen Zeit als sehr fortschrittlich in Bezug auf Emanzipation bezeichnet werden kann, auch wenn es aus der heutigen Sicht nicht so wirken mag. Um heutzutage auf eine immer noch notwendige Fortsetzung der Frauenbewegung und die immer noch in der Gesellschaft existierenden Missstände hinzuweisen, ist es nicht mehr tauglich. Hierzu eignet sich z.B. das Buch „Die Töchter Egalias“ von Gerd Bra- tenberg besser, das die Rollenzuschreibungen umdreht und so ihre Absurdität aufweist.

3. Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

- Lessing, Ephraim, Gotthold; Emilia Galotti, Stuttgart 1970 (Reclam 45)

Sekundärliteratur:

- De Haas, Friederike: http://nibis.ni.schule.de/~lessing/www11a/les_frau/alex.h tml
- Herold, Theo/Hildegard Wittenberg: Aufklärung/Sturm und Drang in: Epochen der deutschen Literatur (Ge- samtausgabe), Ernst Klett Schulbuchverlag GmbH, 1. Auflage, Stuttgart 1989
- Kunze, Karl/ Obländer, Heinz: Grundwissen deutsche Li- teratur, Ernst Klett Verlag, 1. Auflage, Stuttgart 1974

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1 http://nibis.ni.schule.de/~lessing/www11a/les_frau/alex.html

Details

Seiten
10
Jahr
2001
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106263
Note
1
Schlagworte
Emilia Galotti

Autor

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Titel: Lessing, G.E. - Emilia Galotti - ein Stück Emanzipationsgeschichte?