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Goethe, Johann Wolfgang von - Dichtung und Wahrheit - Perspektive in Dichtung und Wahrheit

Ausarbeitung 2001 10 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Goethes Perspektive in „Dichtung und Wahrheit“

1. Entstehungsgeschichte

- Goethe: künstlerische Phantasie, wissenschaftliche Klarheit und praktische Genauigkeit UND gutes Gedächtnis (für autobiographische Arbeiten sehr wichtig)
- Zeitliche Anordnung war unklar, deswegen legte er Schemata an → Überblick über das eigene Leben und den Hintergrund der Zeitgeschichte. Für die Darstellung galt es nun, diese Anordnung wieder zu verlassen und nach inneren Zusammenhängen zu ordnen.
- Von Anfang an spannte Goethe Freunde zur Materialbeschaffung ein. Er nahm sich auch seine alten Tagebücher und sein Jugendwerk wieder vor.
- Ende Januar 1811: Autobiographie wird zur Hauptarbeit gemacht.
- Ersatz sein für Unvollendetes
- Im Herbst 1811 entleiht Goethe viele Bücher zur Literatur des 18. Jahrhunderts. Das bis- her Geschriebene war memoirenartig. Jetzt: kultur- und geistesgeschichtlichen Hinter- grund und gibt dem Werk dadurch seinen besonderen Charakter.
- Am 26. Oktober 1811 ist der 1. Teil fertig gedruckt
- Im November 1812 war der 2. Teil fertig
- Im Mai 1814 erschien der 3. Teil
- Im Juli 1831 vollendet Goethe „Faust“ und widmet sich dann wieder dem 4. Teil der Au- tobiographie, den er zwar im Oktober fertigstellt, der aber erst nach seinem Tod veröffent- licht wird.
- Als Goethe sein Werk plante, wurden manche seiner Schriften von vielen, andere von wenigen gelesen und er wollte diese Leser nun, indem er sich ihnen als Persönlichkeit mitteilte und das Einheitliche seiner Werke aufzeigte, in einer gemeinsamen Kenntnis verbinden. Und das Werk hat auch die gewünschte Wirkung gehabt (→ Mitteilungen seiner Freunde; Lexikonartikel)
- Manche Rezensenten blieben verständnislos → in Deutschland herrschte ein zeitgenössi- sches Unverständnis gegenüber Dichtung und Wahrheit → Goethe: versuchte, auf den über das Historische hinausgehenden Sinn seiner Autobiographie hinzuweisen. Die Wir- kung in der Folgezeit war aber groß, zumal sie unbewusst war: Biographie, Autobiogra- phie und Roman übernahmen das historische Bild des Menschen. Goethe leitete durch seine Autobiographien wenige Jahrzehnte später ein Jahrhundert der Biographien ein.

→ Viktor Zmegac: Die Vergangenheit wird in diesem Prosawerk mit den Augen eines Schriftstellers betrachtet, der sein Leben einer zurechtrückenden Sicht unterordnet. Den- noch ist die Schrift ein kulturgeschichtliches Zeugnis von großem Informationswert.

→ Bernd Witte: Die bisherige Forschung hat das Werk nur daraufhin untersucht, ob es wahr ist. Was es bedeutet ist dabei weitgehend im Dunkeln geblieben.

- Ins Ausland wirkte das Werk fast gar nicht.
- andere Autobiographien Goethes:

- Italienische Reise (entstanden 1813 - 1816) und Zweiter Römischer Aufenthalt (ent- standen 1819 - 1829) über Goethes Italienreise von 1786 bis 1788
- Campagne in Frankreich und Belagerung von Mainz (beide entstanden 1820 - 1822) über die Jahre 1792 und 1793
- Annalen (entstanden 1817 - 1825) über die Jahre 1775 bis 1793 (im Überblick) und 1794 bis 1822

→ alle unter dem Titel Aus meinem Leben.

2. Inhalt

- Allgemein: Erinnerungen an Kindheit und Jugend bis zur Abreise nach Weimar (1749 - 1775)
- Die Straßburger Zeit wird in den Büchern 9, 10 und 11 behandelt

a) Neuntes Buch

reclam S. 102

Wunsch, durch das Leben zu lernen - gespanntes Verhältnis zum Vater - Blick vom Straßburger Münster - Mittagstisch - Studien - Wandteppich nach Raffael - Durchreise von Marie Antoinette - Salzmann - Straßburger Geselligkeit - Jung-Stilling - Lerse - Übungen, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen - Straßburger Zustände - Der schrullige Ludwigsritter - Das Straßburger Münster - Tanzunterricht - Die Töchter des Tanzlehrers - Lucindens Eifersucht und ihre Verwünschung

b) Zehntes Buch

reclam S. 113

Wesen und Wirkung neuerer deutscher Schriftsteller: Klopstock, Gleim - Zusammentreffen mit Herder, seine Wirkung - Reflexion über Dank und Undank - Erste Beschäftigung mit Götz und Faust - Reise nach Zabern und Saarbrücken - Bergwerke und Industrie - Antike Trümmer - Sesenheim - „Der Landpriester von Wakefield“ - Der Prediger und seine Familie; Friederike - Verkleidung - Das Melusinenmärchen

c) Elftes Buch

reclam S. 129

„Widerhaken im Herzen“ - Abendlicher Ritt nach Sesenheim - Ländliches Fest - Sorge und Reue - „Leidenschaft“ - Ausflüge mit Friederike - Friederike in Straßburg - Arbeit an einer Dissertation - Disputation - Schöpflin - Französische Sprache - Französische Literatur - Französisches Theater - Französische Aufklärungsphilosophie - Shakespeare - Lenz - Reise ins Oberelsaß - Krise im Verhältnis zu Friederike - Abschied: das Münster und Friederike - Mannheimer Antikensaal

3. Goethes Perspektive

a) Goethes Plan einer Autobiographie

- Tagebuch am 11. Oktober 1809: Schema einer Biographie. → Beginn seiner autobiogra- phischen Arbeiten.

- Biographie, wie wir sie heute verstehen, kann als Schöpfung der nachgoetheschen Zeit gesehen werden. Es gab zwar schon vorher Biographien, aber die waren reine Materialsammlungen (→ bald nach dem Tod von Verwandten oder Freunden zusammengetragen).

→ Das Eigentliche einer großen Persönlichkeit wurde nicht erfasst.

Goethe: Wieübel nehmen sich ... jene Nekrologen aus, die indem sie das, was Gutes und Böses, durch das Leben eines bedeutenden Menschen, von der Menge gewähnt und geklatscht worden, gleich nach seinem Verscheiden emsig gegen einander stellen, seine sogenannten Tugenden und Fehler mit heuchlerischer Gerechtigkeit aufstutzen und dadurch, weit schlimmer als der Tod, eine Personalität zerstören, die nur in der lebendigen Vereinigung solcher entgegengesetzten Eigenschaften gedacht werden kann.

→ scharfes Urteil

- Goethe war schon früh selber bekannt geworden, hatte dann lange gelebt und sah so sei-

nen eigenen Namen in verschiedene Lexika eingehen, wo man zwar ausführlich, aber fehlerhaft über ihn geschrieben hatte und ohne die Einheit seines Wesens auch nur zu ah- nen. Er war sich nicht sicher, ob man von ihm so viel wusste, um eine ihm gerechte Bio- graphie verfassen zu (→ vielseitigen Interessen, aber alles aus einer einheitlichen innerli- chen Mitte hervorgegangen) → Problem: Wie soll Leser Verschiedenartigkeit als Zusam- menhang erkennen?

→ Erich Trunz: Der Gedanke, nur in dieser Form fortzuleben, mußte ihm Entsetzen erre- gen.

- Für Goethe bedeutet Biographie nicht nur eine Sache des Wissens (Zusammentragen von Fakten), sondern ebenso eine Darstellungskunst → innere Biographie
- Goethe hatte viele Persönlichkeiten der Geschichte durch Autobiographien kennen gelernt → Sein Bild der Geschichte war großenteils ein Sich-Hineinversetzen in das Leben einzelner großer Gestalten.
- „Dichtung und Wahrheit“: Lebensgeschichte aus dem Abstand des Alters: Goethe: Bei einiger Reflexion ... fiel mir auf, was man für ein interessantes Werk zusammenschreiben könnte, wenn man das, was man erlebt hat, mit derübersicht, die einem die Jahre geben, mit gutem Humor aufzeichnete (an Schiller 19. Januar 1802)

b) Dichtung und Wahrheit als Alterswerk

- Als Goethe die Autobiographie plante, dachte er daran, sein Leben als Ganzes bis zum Jahre 1809 zu schildern.
- Problem jeder Autobiographie: der Betrachtende ist selbst der Betrachtete; er schreibt wie ein Epiker und ist selber die Hauptgestalt im Bilde. Doch je größer der Zeitunterschied, desto leichter der Abstand (dies ist der Unterschied zum Tagebuch). Nur im Alter ist eine Zusammenschau der Entwicklungslinien der Jugend möglich.
- Im Gegensatz zu der Memoirenliteratur des 18. Jahrhunderts stellt Goethe das Leben als Zusammenhang dar.
- Alles, was an seiner Autobiographie Deutung ist und als solche nur im Alter möglich war, nannte er Dichtung. Die Einzelheiten nannte er Wahrheit.

→ Titel bedeutet: Tatsachen und ihr Zusammenhang. Altes und Neues schiebt sich übereinander. Goethe wusste, wie viel an dem ganzen Werk schriftstellerische Kunst ist. Das alles nannte er Dichtung. Er setzte freilich voraus, dass Dichtung nicht Gegensatz, sondern eine besondere Form der Wahrheit sei.

- Goethe verstand im Alter seine Jugend immer noch, obgleich er sich weit darüber hinaus entwickelt hatte.
- Goethe sieht seine Jugend einerseits aus Abstand als das Anderssein, als vergangene Epo- che. Andererseits als Nahes, denn: erstens in der Welt wiederholt sich immer dasselbe und zweitens bleibt das Individuum das gleiche.
- In seiner Jugend war alles Spätere bereits als Bild oder Symbol vorhanden. Es hat sich im Laufe der Zeit entfaltet und gewandelt, aber das organische Gefüge bleibt bestehen. Darum spiegeln in Dichtung und Wahrheit Vergangenes und Gegenwärtiges einander.
- Dichtung und Wahrheit entsteht aus der Beziehung von gegenwärtigem Interesse und ge- schichtlichem Stoff. Diese innere Spannung gibt dem Bilde der Jugend durch die Weisheit des Alters seine Großartigkeit
- viele religiösen Motive in Dichtung und Wahrheit → Geflecht ihrer Verbindung wird un- vergleichlich reich und farbig: nicht unbedingt alle in seiner Jugend da, aber alle waren ihm im Alter wichtig.
- Im Medium der Religion: die Antworten auf die Probleme der literarischen Epoche der 60er Jahre.
- Goethe: Dichten zugleich als Befreiung des Ichs und verantwortungsvolles Sprechen zu einem Publikum. Beides hatte er in ein harmonisches Verhältnis gebracht → dadurch Standpunkt gegeben, von dem aus er jetzt das Schaffen seiner Jugend beurteilte.
- Vieles, was als dichterischer Plan in ihm auftauchte, war nicht vollendet worden. Er be- spricht die unvollendeten Werke ausführlicher als die vollendeten und die Inhaltsnacherzählung jener Jugendpläne werden eine Art Altersdichtung.
- Goethe knüpft im Alter wieder an seine Jugend an, sehnt sich aber nicht nach ihr zurück. Er zeigt keinen Schmerz über die Vergänglichkeit, aber er macht durch das Werk das Vergängliche unvergänglich.
- Das Leben vollzieht sich in einer Wechselwirkung zwischen Welt und Ich → vergleicht Leben eines Mensch mit der Entwicklung einer Pflanze: Erde, Wasser und Licht → Einwirkung geistiger Mächte und menschlicher Begegnungen.
- Goethe wollte in seinem Werk das Werden eines jungen Menschen schildern, etwa so, wie in der Botanik über das Wachstum einer Pflanze berichtet wurde → verschiedene Dinge spielen dabei eine Rolle: ererbte Anlagen und Zeitumstände (Anlage x Umwelt = Phäno- typ)

→ für uns heute selbstverständlich

→ drei Ebenen der Darstellung: Konstellation der Jugend, Umwelt der Studienzeit, ZeitGeist und Dichtung der Zeit

- Standpunkt des Alters ermöglicht Selbstkritik. Sie gilt manchen Zügen des Wesens (z.B. Eros) und manchen Wegen des Tuns (z.B. zeichnen und malen). Selbstkritik und Selbst- bewusstsein nehmen oft Gestalt allgemeiner Aussagen an → Das Eigene wird zum All- gemein-Menschlichen und die Reflexion und Maxime kann der Leser unmittelbar auf sich selbst anwenden.
- Der ruhige Ton kommt nicht vom Stoff her, sondern vom Standpunkt des Alters (Klopstock → liebevolle Beschreibung, obwohl dieser ihn seit 1776 missachtet). → Erich Trunz: Aus dem Jüngling war letztlich viel geworden und so kann er heiterüber ihn sprechen, er braucht auf kein Gebiet (also: Dichten, Naturforschung, religiöses Den- ken, gesellschaftliche Erziehung, Rechtsstudium, Kunstliebhaberei, Malen) mit Bitterkeit zurücksehen.

c) Die Komposition von Dichtung und Wahrheit

- Anzahl großer Themen in Dichtung und Wahrheit: Orte und Zustände (Straßburg, Straß- burger Münster, Reise nach Zabern und Saarbrücken, Industrie Bergbau), Ausblicke auf Staat, Gesellschaft und Geschichte (französische Kultur), menschliche Beziehungen (Salzmann, Herder, Lenz usw.), geliebte Frauen (Lucinde, Friederike), Bildungswelten (Studium, Dissertation), Religion, bildende Kunst, eigene Produktionen (Straßburger Lyrik wird aber nur nebenher betrachtet), Gesundheit und Krankheit (Goethes Genesung zu Anfang des 9. Buches, Herders Augenleiden)

- Goethe achtet mehr auf die einzelnen Menschen als auf die allgemeinen Zustände → viele Porträts → Philologen bei Homer: Aristeia

- Jedes Aristeia hat Licht und Schatten und Umwelt gehört als Hintergrund dazu.

- Jedes Buch hat zwei oder drei Hauptthemen oder Hauptgestalten.

- 9. Buch: Straßburger Münster, Straßburger Geselligkeit, Tanzunterricht
- 10. Buch: Beziehungen zu Johann Gottfried Herder und Friederike von Brion
- 11. Buch: Beziehung zu Friederike von Brion, französische Kultur

→ jedes Hauptmotiv kehrt in anderen Büchern als Nebenmotiv zurück

- Buchanfänge öffnend, neue Bereiche tun sich auf; Buchschlüsse zusammenfassend, nach- denklich.

- Innerhalb der Bücher wechseln unmittelbare Handlungen und allgemeine Betrachtungen (im 11. Buch: Friederiken-Geschichte und die Abschnitte der französischen Literatur und der Einfluss Shakespeares).

- Durch die in Straßburg spielenden Bücher ziehen sich die zwei Leitmotive Friederike und Münsterturm.

- Novellenartige Geschichte der Töchter des Tanzlehrers als Vorspiel zur Friederiken-Ge- schichte.

- Änderung in der Qualität des poetischen Bildungstriebes: genau in der Mitte des Werkes (Zwischen 2. und 3. Teil, also zwischen Buch 10 und 11): Diese äußere Trennungslinie schneidet die Friederiken-Geschichte in zwei Teile (→ beide Teile sind ihrem Gehalt nach entgegengesetzt): Im 10. Buch sieht Goethe sich als Teil einer poetischen Verzauberung (→ Goldsmiths „Der Landpriester von Wakefield“), im 11. Buch ist alles umgekehrt (→ Friederike liest den Roman von Goldsmith und kommt Goethe in Straßburg wie verkleidet vor).

- Diese Fuge unterscheidet auch die Haltungen Goethes: in den ersten zehn Büchern verhält sich Goethe dichterisch zum Leben (Märchen und Verkleidungen), in den letzten zehn Büchern erscheint die Dichtung als Instrument der Erkenntnis der Realität und zugleich der Bewältigung der Lebenskrisen

- Der Grundton des Erzählers ist episch, mitteilsam, daseinsfreudig, auch wo er über Krankheit und Schuld spricht.

- Zwischen die anschauliche Erzählung werden gelegentlich kurze Reflexionen eingescho- ben, die vom Standpunkt des Alters aus das Besondere und Erlebte ins Allgemeine und Lehrbare kristallisieren.

- Sprachliche Formulierung kunstvoll gefügt → wörtliche Rede (normalerweise nicht in Autobiographien enthalten).

- Von den langen Gesprächen, die Goethe einschiebt, ist vielleicht mit Ausnahme der Anre- deformen kein einziges Wort genau so gewesen. Aber den Charakter der Sprecher und den der Situation geben sie wahr wieder.

- Einzelne Irrtümer vernachlässigbar (z.B. Alter von Salzmann: in den Sechzigen → 48 Jahre alt).

→ Pierre Grappin: Der Biograph wird zum Romancier der eigenen Lebensgeschichte. Es gibt zwar nichts Falsches, nichts Erfundenes oder Erdichtetes, nur wählt er aus der Masse des Gegebenen die Elemente heraus, die seinem Stilwillen entsprechen.

d) Das Verhältnis von Ich und Welt in der Autobiographie

- Schwierigkeit jeder Autobiographie: Ich und Welt ins richtige Gleichgewicht zu bringen. Hier spielend gelöst: der Verfasser findet sein Ich nur in der Begegnung mit der Welt.
- Autobiographischen Schriften schildern Wechselspiel von Monas und Außenwelt (Goethe als starker Monas).
- Goethes geistige Umwelt war die Epoche einer großen Veränderung → Goethe selbst als starke Kraft innerhalb dieser Vorgänge
- Das Bild des Ichs wird zum Bild der Zeit und der Verfasser strebt eine Ganzheit des Bil- des seiner Welt an, denn nur so kann er die Ganzheit des individuellen Lebens zeigen.
- Goethe war sehr zum Autobiographen geeignet: einerseits durch sein starkes Ich, anderer- seits durch seinen weltanschaulichen Hintergrund.

e) Die Autobiographie und das historische Denken

- Goethe beschreibt sein Leben nicht, weil er sich zum psychologischen Problem wurde, sondern weil er sich historisch wurde
- Die Art, wie Goethe das Bild des Ichs zum Bild der Zeit machte, war in seiner Epoche ganz neu. Voraussetzung: Anschauung, dass das Ich durch Zeit und Ort bestimmt sei.
- Dichtung und Wahrheit ist die erste Autobiographie, die den Gedanken der individuellen Entwicklung zum alles durchformenden Prinzip der Darstellung macht.
- Goethe beschreibt sein individuelles Leben immer im Zusammenhang der geistig-literari- schen Bewegung seiner Zeit.

→ Erich Trunz: Landschaft, Gesellschaft, Lektüre - alles betrachtet er als Nährboden, aus dem er Kraft saugen kann, später aber auch als Wirkungsfeld, das er beeinflussen kann, um im Wirken sich selbst zu erfüllen. Diese Feld der Umwelt ist zeitbedingt, ist ge- schichtlich.

- Herders neue Lehre, dass jedes Werk nur zu seiner Zeit an seinem Ort entstehen konnte und nur in diesem Zusammenhang zu verstehen sei, entspricht dem Denken Goethes sehr.

- Erich Trunz: In das geschichtliche Bild der Welt ist die Geschichte des Ichs hineinge- flochten. Die Umwelt als Zeit und Ort ist individuell, ist besonders und der Mensch in sei ner Persönlichkeit ist es auch; das einmalige Ich und die einmalige Zeit ergeben das ge schichtliche Wechselspiel des Lebens. Es gibt keine andere Autobiographie, die dieses Denkbild so folgerecht durchgeführt hat.

4. Literatur

- Edgar Bracht: Wakefield in Sesenheim. Zur Interpretation des zehnten und elften Buches von Goethes „ Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit “. In Rainer Gruenter (Hrsg.): Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte. Jahrgang 83. Heft 3. Heidelberg 1989. S. 261 - 280.

- Pierre Grappin: Dichtung und Wahrheit. 10. und 11. Buch. Verfahren und Ziele autobio- graphischer Stilisierung. In: Karl-Heinz Hahn (Hrsg.): Goethe Jahrbuch. Band 97. Weimar 1980. S. 103 - 113.

- Walter Scharfschik (Hrsg.): Johann Wolfgang Goethe. Dichtung und Wahrheit. Eine Aus- wahl. Stuttgart 1993.

- Harald Schnur: Identität und autobiographische Darstellung in Goethes „ Dichtung und Wahrheit “. In Christoph Perels (Hrsg.): Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts. Tü- bingen 1990. S. 28 - 65.

- Erich Trunz (Hrsg.): Goethes Werke. München 19788 (überarbeitet).

- Erich Trunz: Goethes Altersstil. In: Wirkendes Wort 5 (1954 / 55). S. 134 - 139.

- Bernd Witte: Autobiographie als Poetik. Zur Kunstgestalt von Goethes „ Dichtung und Wahrheit “. In: Neue Rundschau 89 (1978). Heft 3. S. 384 - 401.

- Viktor Zmegac (Hrsg .): Kleine Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Weinheim 19976.

Details

Seiten
10
Jahr
2001
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106255
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
Schlagworte
Straßburger Sturm und Drang

Autor

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Titel: Goethe, Johann Wolfgang von - Dichtung und Wahrheit - Perspektive in Dichtung und Wahrheit