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Ein Vergleich der persönlichen, schriftlichen und telefonischen Befragung nach Kosten und Fehlerquellen

Hausarbeit 2002 14 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Befragungsarten

3. Die Befragungsarten im Vergleich

4. Fazit

1. Einleitung

In der empirischen Sozialforschung gilt die Befragung als der „Königsweg“ (König 1972, zit. nach Kromrey 1994, S. 267) unter den Erhebungsmethoden, obwohl sie ein ausgesprochen reaktives Messinstrument darstellt. Tatsächlich wird das Interview in den Sozialwissenschaften wesentlich häufiger verwendet als alternative Erhebungstechniken, etwa die Beobachtung oder die Inhaltsanalyse. Anschaulich wurde diese Tatsache von Andreas Diekmann nachgewiesen. Er untersuchte die empirischen Abhandlungen dreier sozialwissenschaftlicher Zeitschriften nach der methodischen Vorgehensweise mit dem Ergebnis, dass etwa 70% aller Daten aus Befragungen stammen (vgl. Diekmann 2000, S. 372).

In der Politikwissenschaft wird die Befragung beispielsweise in der vergleichenden Wertewandelsforschung benutzt. Herausragendes Beispiel hierfür ist das Werk „The Silent Revolution“ von Ronald Inglehart (Inglehart 1977). Seine Grundannahme war, dass sich die Bevölkerung in entwickelten Industriegesellschaften von materiellen zu sogenannten ‚postmateriellen’ Werten hinbewegt, das heißt, dass den Menschen Werte wie ‚Selbstverwirklichung’ und ‚Individualität’ zunehmend wichtiger werden als die Werte ‚Sicherheit’, ‚Ordnung’ und ähnliches. Um diese These empirisch zu überprüfen entwickelte Inglehart eine aus vier Items bestehende Fragebatterie, die im Rahmen des ‚Eurobarometer’ im Jahr 1970 erstmals eingesetzt wurde. (vgl. Inglehart 1997, S. 146)

Es gibt verschiedene Formen der Befragung: das persönliche Interview, das Telefoninterview, und die schriftliche Befragung. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die drei eben genannten Befragungsarten zu vergleichen und die für sie spezifischen Vor- und Nachteile herauszuarbeiten. Zu diesem Zweck werden die verschiedenen Formen des Interviews zunächst nach ihren Kosten und im Anschluss darauf nach ihren Fehlerquellen verglichen.

Kosten meint hier nicht nur die erforderlichen Geldmittel, sondern auch den zeitlichen und organisatorischen Aufwand, der betrieben werden muss. Die Fehlerquellen werden unterschieden nach Interviewsituation, Befragtenmerkmalen und Fragemerkmalen. Jede Befragungsform hat in den einen Kategorien ihre Stärken, in anderen hingegen Schwächen.

Bevor jedoch die Arten des Interviews nach den eben genannten Aspekten verglichen werden, beschäftigt sich das der Einleitung folgende Kapitel mit der Darstellung der drei Befragungsarten, welche untersucht werden sollen. In wenigen Sätzen wird beschrieben, worum es sich bei der jeweiligen Befragungsform handelt und was das spezifische Unterscheidungsmerkmal zu den anderen Interviewformen ist.

Im Fazit werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und es wird auf grundlegende Probleme der Befragung in der vergleichenden Politikwissenschaft eingegangen.

2. Befragungsarten

Es gibt nicht die Befragung. Grundsätzlich kann man Interviews nach zwei Dimensionen differenzieren. Zum einen ist dies der Grad der Standardisierung, zum anderen die Art der Kommunikation. So gibt es unstrukturierte, qualitative Befragungstechniken (z. B. das narrative Interview) einerseits und hochstandarisierte, quantitative Interviews (Befragung mit fest vorgegebenen Antwortmöglichkeiten) andererseits. Zwischen diesen Extremen muss man sich ein Kontinuum denken; das sogenannte Leitfadeninterview beinhaltet sowohl nicht- strukturierte, als auch standardisierte Elemente: Zwar ist der Interviewer angehalten, den Probanten frei erzählen zu lassen und Ihm nicht ins Wort zu fallen, gleichzeitig darf er das Gespräch nicht ausarten lassen, weil alle Themenbereiche seines Leitfadens abgedeckt werden müssen. (vgl. Diekmann 2000, S. 374)

Eine Befragung mit niedrigem Grad der Standardisierung nennt man auch ‚qualitative Befragung’ und wird meist zum Erstellen von Hypothesen verwendet, etwa wenn man über die Zielpopulation wenig weiß und so erste Annahmen über den Untersuchungsgegenstand machen will, die es dann später zu testen gilt (z.B. bei einer Untersuchung über die Drogenszene). Getestet werden Hypothesen im allgemeinen mit standardisierten Messinstrumenten, wie beispielsweise einer Befragung mit einem Fragebogen, auf dem die Antwortmöglichkeiten bereits fest vorgegeben sind. (vgl. Lamnek 1995, S. 3ff)

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, versuchte Inglehart so einen ‚Wertewandel’ in den westlichen Gesellschaften nachzuweisen.

Das zweite Unterscheidungsmerkmal ist das nach der Art der Kommunikation. Grundsätzlich lassen sich hier drei Arten der Befragung unterscheiden: das persönliche Interview, das Telefoninterview, und die schriftliche Befragung. Trotz der Unterschiede, welche der jeweiligen Variante eigen sind, gibt es natürlich auch Gemeinsamkeiten. Ganz allgemein formuliert bestehen diese darin, dass dem Probanten Fragen gestellt werden, auf welche dieser antworten soll mit dem Zweck, aus den erlangten Informationen wissenschaftliche Daten zu erstellen.

Erwin K. Scheuch fasst dies in seiner berühmten Definition so zusammen:

„Unter Interview als Forschungsinstrument sei hier verstanden ein planmäßiges Vorgehen mit wissenschaftlicher Zielsetzung, bei dem die Versuchsperson durch eine Reihe gezielter Fragen oder mitgeteilter Stimuli zu Informationen veranlasst werden soll“ (Scheuch 1973, S. 70f).

Bei der persönlichen Befragung (auch: „face-to-face-Interview“) werden diese „gezielten Fragen“ von einem Interviewer an den Probanten gerichtet, insofern handelt es sich also um ein mündliches Interview. Die Antworten der Versuchsperson werden vom Interviewer entweder direkt auf einem Fragebogen kodiert (bei einem standardisierten Messinstrument) oder auf eine andere Art und Weise festgehalten (oft ist dies der Fall bei qualitativen Methoden: meistens wird das Interview dann auf einem Tonträger aufgezeichnet). Das persönliche Interview war in der Anfangszeit der empirischen Sozialforschung die gängigste Befragungsmethode. (vgl. Scheuch 1973, S. 66f)

Ebenso wie die persönliche Befragung ist auch die Befragung über das Telefon ein mündliches Interview. Der wesentliche Unterschied liegt natürlich darin, dass Interviewer und Versuchsperson sich nicht persönlich gegenüber stehen, sondern Informationen fernmündlich austauschen. Trotz dieses nur kleinen Unterschieds ergeben sich große Auswirkungen auf Kosten und Fehlerquellen der Datenerhebung, wie im folgenden Kapitel dargestellt wird. Das Telefoninterview erfreut sich vor allem in der Markt- und Meinungsforschung großer Beliebtheit. (vgl. Diekmann 2000, S. 429)

Die letzte der zum Vergleich ausgewählten Erhebungstechniken ist die schriftliche Befragung. In den meisten Fällen wird diese postalisch durchgeführt, das heißt, dass der Fragebogen vom Forscherteam an den Probanten mit der Bitte um Kooperation und Rücksendung geschickt wird. Es entsteht nie ein direkter Kontakt zwischen Wissenschaftler und Versuchsperson. (vgl. Scheuch 1973, S.123f)

3. Die Befragungsarten im Vergleich

Zweifellos ist die persönliche Befragung mit den höchsten Kosten verbunden. Dies liegt in erster Linie am Interviewerstab, der finanziert werden muss. Damit verbunden ist auch ein großer organisatorischer Aufwand, denn in jeder Studie, in der Forscher und Interviewer nicht die selben Personen sind, bedarf es einer Interviewer- Schulung. Offensichtlich ist, dass eine solche Schulung auch mit erfahrenen Interviewern vor einer Befragung aufs Neue durchgeführt werden muss, denn er muss bei Unklarheiten zu den einzelnen Fragen Auskunft geben können. Natürlich ist diese Methode auch zeitlich aufwendig; in der Regel bekommt der Interviewer eine Liste mit Adressen, welche er abzuarbeiten hat, mit anderen Worten: es entstehen Fahrtkosten, Ausfallhonorare bei nicht zustande gekommen Interviews, und der Mitarbeiter kann nur eine begrenzte Anzahl von Interviews führen. (vgl. Friedrichs 1990, S. 214)

Erheblich günstiger sind die anderen beiden Befragungsformen. Bei schriftlichen Befragungen entfällt der Interviewerstab ganz. Demzufolge ist auch der organisatorische Aufwand sehr gering. Die Zusendung der Fragebögen mit Rückporto ist im Vergleich zur persönlichen Befragung nur mit einem Bruchteil der Kosten verbunden. (vgl. Scheuch 1973, S. 124)

Bei Telefonbefragungen entfällt zwar nicht der Interviewerstab und damit verbundene Schulungen, wohl aber die Wege, die ein Interviewer bei einer persönlichen Befragung zurückzulegen hat. Dadurch ist die Telefonbefragung nicht nur wesentlich günstiger, sondern auch schneller durchzuführen. (vgl. Diekmann 2000, S. 429) Hinzu kommt, dass die Stichprobenziehung für Telefoninterviews in den letzten Jahren immer einfacher und genauer geworden ist, was sich natürlich positiv zugunsten des Preises und Aufwands niederschlägt (vgl. Rösch 1998, S. 101ff).

Nachdem die Frage nach den Kosten der jeweiligen Befragungsart beantwortet ist, stellt sich die für den Wissenschaftler viel interessantere Frage: Welche Methode trägt welche möglichen Fehler mit sich?

Spezifische Fehlerquellen findet man beispielsweise in der unterschiedlichen Interviewsituation. Angefangen werden soll hier mit den Einflüssen von äußeren Interviewermerkmalen, welche bei persönlichen Interviews die stärksten Verzerrungen verursachen können. Da sich die Gesprächspartner „face-to-face“ gegenüberstehen kommt die äußere Erscheinung des Interviewers am stärksten zum Tragen, vor allem bei „heiklen“ Fragen: Schon mehrfach erwiesen wurde beispielsweise, dass beim Thema „Vergewaltigung“ weibliche Interviewer andere Antworten erhalten als Männer - dieses Phänomen lässt sich wohl auf das Geschlecht des Interviewers zurückführen. (vgl. Diekmann 2000, S. 399)

Bei telefonischen Interviews entfällt zumindest die äußere Erscheinung (Kleidung, Auftreten, Alter etc.), aber das Geschlecht und Sprachfertigkeiten des Interviewers bleiben natürlich die selben; Verzerrungen durch Interviewermerkmale sind hier also auch zu erwarten. Ganz ausgeschlossen werden können äußere Einflüsse des Interviewers nur bei postalischen, schriftlichen Befragungen. Die Kehrseite der Medaille ist natürlich, dass der Probant bei Unklarheiten mit dem Fragebogen auf sich alleine gestellt ist. (vgl. Friedrichs 1990, S. 237)

Ein für das persönliche Interview sehr spezifisches Problem ist das der Teilfälschung von Antworten. Bei schriftlichen Befragungen ist dieses Ärgernis durch das Fehlen eines Interviewers nicht vorhanden. Telefonische Befragungen können zwar ebenso wie persönliche Interviews auch gefälscht werden, doch besteht die Möglichkeit, dass Telefoninterviews (gerade bei kommerziellen Instituten) der Supervision ausgesetzt werden und damit weniger fehlerbehaftet sind. Ganz eliminieren kann man das Problem aber auch hier nicht. (vgl. Diekmann 2000, S. 399f)

Eine weitere Fehlerquelle bei der Interviewsituation ist die mögliche Anwesenheit Dritter. Diese ist wiederum bei Fragen aus speziellen Themengebieten relevant: Beispielsweise werden Fragen zum Thema „Partnerschaft“ möglicherweise dann verzerrt sein, wenn die Befragte genau weiß, dass ihr Ehemann hört, was Sie gerade dem Interviewer so alles über Ihre Ehe erzählt. In persönlichen Interviews ist dieses Problem noch am besten umgehbar, bei telefonischen Befragungen wird es schon schwieriger, denn schließlich sieht der Interviewer nicht, ob der Probant gerade alleine im Zimmer ist. Fast unkontrollierbar hingegen ist es bei schriftlichen Befragungen - außer dem freundlichen Hinweis auf dem Fragebogen, diesen alleine auszufüllen, hat man keine Kontrollmöglichkeiten. Im Extremfall ist es sogar möglich, dass der Fragebogen gar nicht von der Zielperson ausgefüllt wird. (vgl. Diekmann 2000, S. 401)

Eine andere wichtige Fehlerquelle bei Interviews sind die Befragtenmerkmale. Als erstes wäre hier der sogenannte „soziale Erwünschtheit“-Effekt zu nennen. Unter ihm versteht man die Verzerrung der Antwort durch den Befragten in Richtung dessen, was ihm als „sozial wünschenswert“ erscheint. Was nun sozial wünschenswert ist hängt in erster Linie vom subjektiven Empfinden der Versuchsperson ab; klar ist jedoch, dass der „Ort sozialer Erwünschtheit“ mit soziodemographischen und sozialstrukturellen Merkmalen korreliert. Außerdem wird dieser Effekt je stärker auftreten, desto „heikler“ die Frage ist. (vgl. Esser 1974, S. 120)

Amüsant wird dies illustriert durch eine Studie zum Thema „Sexualverhalten“ in Großbritannien. Die Untersuchung ergab bei der Frage nach der Anzahl der Sexualpartner im Lebensverlauf bei Frauen die Anzahl von 2,9 und bei Männern erstaunlicherweise 11. Da nicht davon auszugehen ist, dass englische Männer größtenteils ausländische Geliebte hatten, kann man wohl von einer Verzerrung seitens der Befragten ausgehen: anscheinend erachten es (englische!) Männer als „sozial wünschenswert“ möglichst viele Sexualpartner im Laufe des Lebens gehabt zu haben. (vgl. Krämer 1991, S. 107)

Es ist davon auszugehen, dass die Versuchsperson die Fragen je ehrlicher beantwortet, desto anonymer die Interviewsituation ist. So gesehen wird man bei postalischen, schriftlichen Befragungen der Theorie nach die unverzerrtesten Antworten erhalten, während bei persönlichen Interviews wohl am ehesten die Neigung besteht, dem Interviewer „zu gefallen“ (Esser 1974, S. 120). Jedoch hat man für face-to-face-Befragungen Techniken entwickelt, um möglichst valide Daten auch bei heiklen Fragen zu erlangen; als Beispiel wäre hier die „randomized- response“-Technik zu nennen (vgl. Diekmann 2000, S. 418).

Ein weiteres Befragtenmerkmal ist natürlich auch die Teilnahmebereitschaft am Interview. Im Vergleich zum persönlichen und telefonischen Interview fällt diese bei einer postalischen, schriftlichen Befragung gering aus. Zum einen liegt das Problem darin, dass zugesandte Fragebögen schlichtweg nicht beantwortet werden („Ausfälle“). Zum anderen ist jedoch selbst bei erfolgter Rücksendung auffällig, dass viele Fragen üblicherweise unbeantwortet bleiben. Zurückzuführen ist dies auf das Fehlen des Interviewers, der die Beantwortung durch seine Anwesenheit „kontrolliert“. Vor allem bei von der Versuchsperson als banal empfundenen Fragen ist dieser Effekt hoch. (vgl. Scheuch 1973, S. 125f)

Die niedrigen Rücklaufquoten sind sicher das zentrale Problem der schriftlichen Befragung. Zwar lassen sich diese durch einige „Tricks“ stark verbessern, beispielsweise durch eine höhere Qualität des Fragebogens, telefonisches Nachfragen, Honorar oder Gewinnspiel etc. (vgl. Friedrichs 1990, S. 214), aber das geht natürlich zuungunsten der Kosten.

Das letzte Vergleichskriterium sind die Fragemerkmale des Interviews. Besonders auffällige Unterschiede bei den jeweiligen Befragungsarten ergeben sich dann, wenn die Versuchspersonen gebeten werden mittels Ranking-Skalen die Prioritäten einzelner Themen zu sortieren. Dieses Verfahren wird zum Beispiel in der vergleichenden Politikwissenschaft angewendet, um politische Themen oder Werte nach ihrer Wichtigkeit in eine Rangfolge (deshalb „Ranking“) zu bringen. (vgl. Diekmann 2000, S. 393)

Augenfällig wird die Problematik dieser Befragungstechnik bei telefonischen Interviews. Die Versuchsperson muss sich die Themen merken, im Kopf in eine Reihenfolge bringen und dann dem Gesprächspartner wieder mitteilen - bei zu vielen einzelnen Themen eine Überforderung (vgl. Kromrey 1994, S. 278). Komplexe Ranking-Skalen eignen sich viel besser für persönliche oder schriftliche Befragungen. Gerade in „face-to-face“-Interviews kann der Interviewer dem Probanten Hilfestellungen bei der Beantwortung der Frage geben. Bei schriftlichen Befragungen entfällt zwar die Hilfestellung seitens des Interviewers, aber hier ist von Vorteil, dass die Versuchsperson sich bei der Beantwortung so viel Zeit lassen kann wie eben nötig. Zwar ist dies bei den anderen Befragungsarten theoretisch auch der Fall, jedoch erzeugt die Anwesenheit eines Interviewers einen gewissen „Zeitdruck“ auf den Probanten. (vgl. Scheuch 1973, S. 124)

Eine Alternative zum Ranking ist die Rating-Skala. Bei dieser Methode stufen die Befragten die Themen nacheinander auf einer Skala zwischen „sehr wichtig“ und „überhaupt nicht wichtig“ ein. Auf Grundlage der Antworten kann man dann ebenso eine Rangfolge erstellen. Diese Technik lässt sich in Telefoninterviews problemlos anwenden. (vgl. Diekmann 2000, S. 431)

4. Fazit

Beim Vergleich der drei Befragungsarten - der persönlichen, der schriftlichen und der telefonischen Befragung - kann man tatsächlich Unterschiede bei Kosten und möglichen Fehlerquellen feststellen.

Das persönliche Interview hat seine Stärken vor allem in der Vielfältigkeit der Techniken, welche man anwenden kann (genannt wurde als Beispiel das Ranking- Verfahren), in der Kontrolle und Hilfe durch den Interviewer und der relativ guten Ausschöpfungsquote. Negativ sind bei diesem Verfahren jedoch die hohen Kosten und die möglichen Interviewereffekte (soziale Erwünschtheit, Teilfälschungen etc.). Beim telefonischen Interview treten ebenso Interviewereffekte auf, doch lassen sich diese besser reduzieren (z.B. durch Supervision, eine angenehme Telefonsstimme und so weiter). Beschränkt ist man ebenso in den Befragungstechniken und der Kontrollierbarkeit der Interviewsituation (z. B. Anwesenheit Dritter). Dagegen ist die Stichprobenziehung für flächendeckende Telefoninterviews dank Telefonbüchern auf CD-ROM ein einfaches, die Methode ist schnell und weniger aufwendig durchzuführen, und dadurch wesentlich günstiger.

Niedriger Aufwand und Kosten sind ebenso ein großer Vorteil schriftlicher Befragungen. Außerdem haben die Versuchspersonen bei der Beantwortung der Fragen so viel Zeit, wie sie eben benötigen, und mögliche Verzerrungen durch den Interviewer sind nicht vorhanden. Dafür entfallen aber auch die positiven Auswirkungen der Anwesenheit eines Interviewers, etwa die Hilfestellung bei Unklarheiten und die Kontrolle der Interviewsituation - im schlimmsten Fall wird der Fragebogen nicht von der Versuchsperson selber ausgefüllt. Des weiteren ist die Rücklaufquote bei postalischen, schriftlichen Befragungen vergleichsweise gering; eine höhere Teilnahmebereitschaft lässt sich nur mit einer Erhöhung des Aufwands und der Kosten erkaufen.

An dieser Stelle kann kein Urteil darüber gefällt werden, welche Befragungsart denn nun die Beste ist; es kommt immer auf den Untersuchungsgegenstand an. Telefonische und schriftliche Befragungen machen bei manchen Zielpersonen offensichtlich keinen Sinn: Wohnungslose haben keinen festen Wohnsitz und deshalb auch keinen Telefonanschluss und keine Adresse, an den man den Fragebogen schicken könnte. Außerdem lässt sich feststellen, dass die Befragungsarten immer weiter verbessert werden. Durch die rasante Ausbreitung von Mobiltelefonen werden auch problematische Zielpopulationen erreichbar (z.B. sogenannte „Vari-Mobile“: Stewardessen, Handlungsreisende etc.). Ebenso kann man sich die neuen Möglichkeiten des Internets zunutze machen, indem man beispielsweise „e-mail“-Befragungen durchführt. Die ohnehin schon niedrigen Kosten schriftlicher Befragungen werden nochmals drastisch gesenkt.

Kurz angerissen werden sollen an dieser Stelle die Schwierigkeiten, welche Befragungen in der vergleichenden Politikwissenschaft mit sich bringen. Zunächst sei darauf aufmerksam gemacht, dass in diesem Wissenschaftsgebiet nur äußerst selten telefonische und schriftliche Befragungen durchgeführt werden. Standard sind persönliche Interviews. (vgl. Niedermeyer 1997, S. 90)

Bei einem Ländervergleich müssen die Fragebögen natürlich in die jeweiligen Landessprachen übersetzt werden. Dies ist ein größeres Problem, als man gemeinhin annehmen könnte. Selbst wenn der Fragebogen durch aufwendige Techniken lexikalisch äquivalent übersetzt wurde, so muss die funktionale Äquivalenz nicht unbedingt gegeben sein: in anderen Sprachen können bestimmte Worte mit besonders emotionalen Konnotationen verbunden sein. Dies verzerrt selbstverständlich das Ergebnis (vgl. Scheuch 1968, zit. nach Niedermeyer 1997, S. 94).

Neben diesem zentralen Problem der vergleichenden Umfrageforschung wäre noch ein weiteres generelles Problem zu nennen. Für gewöhnlich beträgt der Zeitraum der Datenerhebung einer empirischen Studie einige Tage bis maximal wenige Wochen. Bei einem Ländervergleich ist dies nicht ohne weiteres möglich, denn eventuelle Einstellungsfragen werden von der Zielpopulation vor oder nach einem wichtigen nationalen Ereignis (z.B. Wahlen) sicherlich anders beantwortet werden. (vgl. Scheuch 1986, zit. nach Niedermeyer 1997, S. 96).

Abschließend sei hervorzuheben, dass ein Vergleich der Befragungsarten noch weit tiefer gehen kann als in vorliegender Hausarbeit vorgenommen. Ausgeblendet wurden beispielsweise Verzerrungseffekte wie der „response set“, Auswirkungen von Fragekategorien, Fragepositions-Effekte, um nur einige zu nennen. Die Auswahl beruht auf einer subjektiven Einschätzung, welche Fehlerquellen bei den drei Befragungsarten die signifikantesten Unterschiede im Datensatz hervorrufen; Irrtümer in der Auswahl sind demnach möglich.

Literatur

Diekmann, Andreas 2000: Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen, 6. Auflage, Hamburg: Rowohlt, S. 371-455

Esser, Hartmut 1974: Der Befragte, in: van Koolwijk, Jürgen/Wieken-Mayser, Maria (Hg.): Techniken der empirischen Sozialforschung. 4. Band Erhebungsmethoden: Die Befragung, München/Wien: Oldenbourg Verlag, S. 107-145

Friedrichs, Jürgen 1990: Methoden empirischer Sozialforschung, 14. Auflage, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 189-375

Krämer, W. 1991: So lügt man mit Statistik, Frankfurt a. M.: Campus

Kromrey, Helmut 1994: Empirische Sozialforschung. Modelle und Methoden der Datenerhebung und Datenauswertung, 6. Auflage, Opladen: Leske und Budrich

Lamnek, Siegfried 1995: Qualitative Sozialforschung Band 1. Methodologie, 3. Auflage, München/Weinheim: Oldenbourg, S. 1-30

Inglehart, Ronald 1977: The Silent Revolution, Princeton/New York: University Press

Inglehart, Ronald 1997: Vergleichende Wertewandelsforschung, in: Berg-Schlosser, Dirk/Müller-Rommel, Ferdinand (Hg.): Vergleichende Politikwissenschaft. Ein einführendes Studienhandbuch, 3. Auflage, Opladen: Leske und Budrich, S. 141-158

Niedermeyer, Oskar 1997: Vergleichende Unfrageforschung: Probleme und Perspektiven, in: Berg-Schlosser, Dirk/Müller-Rommel, Ferdinand (Hg.): Vergleichende Politikwissenschaft. Ein einführendes Studienhandbuch, 3. Auflage, Opladen: Leske und Budrich, S. 89-102

Rösch, Günther 1998: Maßnahmen zur Reduktion von Stichprobenfehlern bei telefonischen Bevölkerungsumfragen, in: Gabler, Siegfried u.a. (Hg.): Telefonstichproben in Deutschland, Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 101-119

Scheuch, Erwin K. 1973: Das Interview in der Sozialforschung, in: König, Rene (Hg.): Handbuch der empirischen Sozialforschung. Band 2: Grundlegende Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung, Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag, S. 66-190

Details

Seiten
14
Jahr
2002
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106102
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,3
Schlagworte
Vergleich Befragung Kosten Fehlerquellen Analyse Systeme

Autor

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Titel: Ein Vergleich der persönlichen, schriftlichen und telefonischen Befragung nach Kosten und Fehlerquellen