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Basel II und die wirtschaftliche Bedeutung für den Mittelstand

Studienarbeit 2003 39 Seiten

BWL - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Mittelstand – Was ist das?
2.1 Quantitative Merkmale des Mittelstandes
2.2 Qualitative Merkmale des Mittelstandes
2.3 Die wirtschaftliche Bedeutung des Mittelstandes
2.4 Die wirtschaftliche Situation im Mittelstand
2.5 Die Finanzierungsmöglichkeiten des Mittelstandes

3. Basel II – Was ist das?
3.1 Von Basel I zu Basel II
3.2 Die drei Säulen des neuen Baseler Akkords
3.3 Säule eins: Die Mindestkapitalanforderungen
3.3 1 Der Standardansatz
3.3 2 Der Internal Ratings Based Approach (IRB- Ansatz)
3.3 3 Das operationelle Risiko

4. Rating – Was ist das?
4.1 Internes Rating im Mittelstand
4.2 Anforderungen an das Interne Rating
4.3 Basel II, Rating – Vorbereitungssituation des Mittelstandes

5. Basel II - Chance oder Risiko für den Mittelstand

Anhangverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

1 Schlüsselzahlen des Mittelstandes

2 Die drei Säulen von Basel II

3 Vorgeschlagene Risikogewichte für Kredite an Unternehmen, bei einer LGD von 50 %

Tabellenverzeichnis

1 Mittelstandsdefinition des IfM Bonn

2 Mittelstandsdefinition der Europäischen Kommission

3 Bonitätseinstufung für Unternehmen nach dem Standardsatz gemäß Standard & Poor´s

4 Berechnung der Eigenkapitalhinterlegung im IRB- Ansatz für Unternehmen

5 Änderung der Eigenkapitalanforderung im IRB Ansatz

1. Einleitung

In den letzten Monaten und Jahren gab es immer wieder Diskussionen über das Thema Basel II und die damit verbundenen Auswirkungen auf den deutschen Mittelstand. Mit dieser Arbeit möchte ich darlegen, worauf es für den Mittelstand hauptsächlich bei der neuen Baseler Eigenkapitalvereinbarung ankommt.

In Kapitel 2 wird zu aller erst der Begriff Mittelstand näher erläutert und eine IST - Analy- se der aktuellen wirtschaftlichen Situation des Mittelstandes aufgezeigt. In den Kapiteln 3 und 4 wird dann der Neue Baseler Akkord und das damit zusammenhängende interne Rating Verfahren der Banken, mit den Auswirkungen und Anforderungen für die mittelständischen Unternehmen, betrachtet.

Durch den vorgegebenen Umfang der Arbeit kann in bestimmten Bereichen keine lücken- lose Darstellung der Sachverhalte geleistet werden. Es findet eine bewusste Beschränkung auf einzelne Teilbereiche statt.

Die Begriffe Unternehmen und Betriebe werden in dieser Arbeit nicht unterschieden. Beide werden synonym angewendet. Auch die Begriffe Mittelstand, mittelständische Wirtschaft, mittelständische Unternehmen bzw. KMU meinen die in Kapitel 2 näher beschriebenen Merkmale.

2. Mittelstand – Was ist das?

Ursprünglich stammt das Wort „Mittelstand“ aus den Vorstellungen des Ständestandes. Darunter verstand man früher die nichtadligen städtischen Bürger, wie den Handwerks- meister, die Händler, den Gastwirt, den Schreiber, den Arzt und ähnliche Berufszweige.1 Daher ist der Begriff „Mittelstand“ auch heute noch außerordentlich vielseitig. Im theoreti- schen Sprachgebrauch unserer Tage versteht man darunter die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU).2 Unter funktionalen und nicht ständischen Gesichtspunkten, verkör- pert der Mittelstand kleine Dienstleistungs- und Handwerksbetriebe ebenso, wie junge in- novative oder etablierte mittelgroße Unternehmen. Der Begriff „mittelständische Wirtschaft“ wird ausschließlich in Deutschland angewendet. Er vereint sowohl ökonomi- sche, als auch gesellschaftliche und psychologische Aspekte, sowie quantitative und qualitative Merkmale.3

2.1 Quantitative Merkmale des Mittelstandes

Für eine quantitative Abgrenzung der mittelständischen Unternehmen tut man sich in der Europäischen Union (EU), wie auch in Deutschland auf nationaler Ebene, schwer. Generell hat sich aber eine Abgrenzung anhand des Jahresumsatzes bzw. der Zahl der Beschäftigten durchgesetzt.

So werden in Deutschland Unternehmen mit einem Jahresumsatz von unter 50 Mio. € und einer Beschäftigungszahl von weniger als 500 Mitarbeitern dem Mittelstand zugerechnet.4

Mittelstandsdefinition des IfM Bonn

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Quelle: IfM Bonn „Mittelstand-Definition und Schlüsselzahlen“

In der EU dagegen wird eine strengere Definition angewandt. Die Europäische Kom- mission setzt die Schlüsselwerte wie Jahresumsatz und Beschäftigung enger an, kombiniert aber dafür die verschiedenen Kriterien miteinander.5

Zur Zeit überarbeitet die Europäische Kommission ihre Definition für die kleinen und mittleren Unternehmen. Vor allem die Schlüsselwerte für den Jahresumsatz und der Jahresbilanzsumme werden nach oben korrigiert. In dieser Arbeit sollen aber noch die Werte der Empfehlung 96/280/EG der Europäischen Kommission gelten, da die neuen Werte erst einen Entwurf für eine Empfehlung darstellen. In Deutschland hat sich in der Praxis die Definition des IfM Bonn weitestgehend durchgesetzt, daher wird sie auch in dieser Arbeit zugrunde gelegt. Die in dieser Arbeit verwendeten Studien, Fachbücher, Ausarbeitungen und statistischen Daten basieren auf dieser Mittelstandsdefinition, dadurch sind diese Daten miteinander vergleichbar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2: Quelle: Bundesverband deutscher Banken

2.2 Qualitative Merkmale des Mittelstandes

Die qualitativen Merkmale beschreiben das Wesen eines mittelständischen Unternehmens. Nicht die quantitative Betriebsgröße spielt eine Rolle, sondern eben dieser ganz besondere Charakter eines kleinen/mittleren Unternehmens. Anhand dieser Merkmale kann man auch das klassische Familienunternehmen klassifizieren, das als solches qualitativ nicht definierbar ist. In der Literatur werden meistens folgende qualitative Merkmale aufgeführt, die den Mittelstand besonders prägen.

- Die Selbständigkeit der Unternehmen, weitgehende Konzernunabhängigkeit
- Einheit von Eigentum, Leitung und Haftung
- Der persönliche Kontakt zu Kunden, Lieferanten und der für das mittelständische Unternehmen relevanten Öffentlichkeit
- ein geringer Formulierungsgrad
- das besondere Engagement für die regionale Wirtschaft
- der geringe Marktanteil
- die meist persönliche Beziehung zwischen Mitarbeitern und Führung
- die eingeschränkten Möglichkeiten der externen Kapitalbeschaffung

Diese Merkmale besitzen nur eine eingeschränkte Gültigkeit. Wie viele dieser Merkmale letztendlich zutreffen müssen, damit ein Unternehmen dem Mittelstand zugeordnet werden kann, darüber gibt es in der Literatur keine eindeutige Aussage.6

Ob nun ein mittelständisches Unternehmen als klein, mittel oder groß klassifiziert wird, kann man also nicht allein mit seiner Größe beantworten. Die Qualität des unternehmeri- schen Handelns ist ebenso von wichtiger Bedeutung.

2.3 Die wirtschaftliche Bedeutung des Mittelstandes

„Nur eine Mischung aus kleinen, mittleren und größeren Unternehmungen sorgt für einen Wettbewerb, der ausreicht, um die Verbraucher vor monopolistischer Ausbeutung zu schützen. Nur eine Vielzahl von Unternehmungen gewährt auch den Arbeitnehmern genü- gend Auswahl bei der Suche nach einem zusagenden Arbeitsplatz und verhindert es, dass sie einem bestimmten Arbeitgeber vollständig ausgeliefert sind.“7

Der Mittelstand ist ein äußerst heterogenes Gebilde, der Deutschland wie kein anderes Land prägt. Die unterschiedlichsten Branchen und Betriebsformen sind in ihm vereint und gerade dies zeichnet den Mittelstand aus. Jedes bedeutende Großunternehmen hat einmal als Mittelständler klein begonnen. Alle Großunternehmen zusammen machen 0,4 % aller deutschen Unternehmen aus. Sie erreichen jeweils einen Umsatz von mehr als 100 Mio. € und beschäftigen mehr als 500 Mitarbeiter. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass 2001 99,6 % aller deutschen Unternehmen, das sind rund 3,3 Millionen, im Mittelstand beheimatet waren.

Dieses gewaltige wirtschaftliche Potential hatte im Jahr 2001 einen Anteil am Bruttoin- landsprodukt8 von ca. 48,8 % aller Unternehmen und von ca. 43,5 % der gesamten Brutto- wertschöpfung (einschl. Staat). Der Mittelstand erwirtschaftete laut IfM- Bonn rund 43 % aller steuerpflichtigen Umsätze in Deutschland, beschäftigte 69,7 % aller sozialversiche- rungspflichtigen Arbeitnehmer und bildete 83,0 % aller Lehrlinge in Deutschland aus. Diese Zahlen machen deutlich, wie die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft auf eine funk- tionierenden und wirtschaftlich gesunden Mittelstand angewiesen ist. Der Mittelstand kann daher zu Recht als die tragende Säule der Wirtschaft angesehen werden. 9

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Quelle: IfM Bonn

2.4 Die wirtschaftliche Situation im Mittelstand

„In der sozialen Marktwirtschaft muss dafür gesorgt sein, dass Risiken, Mühen und Chancen der unternehmerischen Tätigkeit in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen, damit sich genügend Menschen finden, die das Wagnis der Selbständigkeit und un- ternehmerischen Verantwortung eingehen(...). Eine sinnvolle Mittelstandspolitik muss in der Bewahrung dieses Gleichgewichtes eine Hauptaufgabe sehen.“10

Dieses von Erhardt und Müller-Armack beschriebene Gleichgewicht scheint heute nicht mehr im Lot zu sein. Der Präsident des Deutschen Sparkassen – und Giroverbandes (DSGV) Dietrich H. Hoppenstedt umschreibt die wirtschaftliche Situation des Mittelstands als „Besorgniserregend“.

Laut dem Ergebnis einer Mittelstandsanalyse des DSGV betrug die Umsatzrentabilität, bei 50 000 untersuchten mittelständischen Unternehmen aller Bereiche, im Jahr 2000 gerade einmal durchschnittlich 3,2 %. Wobei der klassische Mittelstand eine Quote von 4,2 % bis 2,5 % aufweisen konnte. Diese nahm jedoch mit zunehmender Unternehmensgröße weiter ab. Bei rund einem drittel der befragten Unternehmen fiel im Bilanzjahr 2000 überhaupt kein Gewinn an. Dabei spielen die steigenden Personalkosten eine nicht gerade unbedeu- tende Rolle. So müssen rund ein viertel der Gesamtleistungen im Mittelstand für Löhne, Gehälter und vor allem für die Lohnnebenkosten aufgewendet werden.

Die Eigenkapitalquote lag laut DSGV – Analyse im Jahr 2000 bei knapp 7 %, wovon die kleinen Unternehmen nur eine Quote zwischen 1,2 % und 3,3 % aufweisen konnten. Mehr als die Hälfte der Unternehmen mit bis zu einer Million Euro Jahresumsatz hatten sogar gar kein Eigenkapital bzw. ein negatives. Bei großen Unternehmen betrug die EK- Quote immerhin 23 % .11

An dieser Stelle muss betont werden, dass es zur Eigenkapitalquote mittelständischer Unternehmen verschiedene abweichende Informationen gibt. Es ist dabei zu beachten, welche Branche bzw. Unternehmensgröße im einzelnen betrachtet wird. Allgemein kann aber gesagt werden, dass die Eigenkapitalquote aller deutschen Unternehmen durchschnitt- lich bei 18 % liegt. Im internationalen Vergleich, wie z.B. mit amerikanische Unterneh- men, die im Durchschnitt eine EK- Quote von über 50 % aufweisen können, ist dies ein deutlicher Abstand.12

Dieser geringe Eigenkapitalanteil ist in einer Zeit der Globalisierung und der momentan allgemein anhaltenden schwierigen wirtschaftlichen Situation, ein nicht unbedeutender Nachteil, dem auch die mittelständischen Unternehmen in Zukunft mehr Beachtung schenken müssen. Denn laut einer McKinsey Studie hatten 82 % aller Insolvenzbetriebe im Zeitraum von 1985-1990 eine Eigenkapitalquote von unter 10 %.13

2.5 Die Finanzierungsmöglichkeiten des Mittelstandes

Wie die niedrige Eigenkapitalquote schon verdeutlicht, finanziert sich der deutsche Mittelstand durchschnittlich mit über 80 % aus Fremdkapital. Wobei der klassische Kredit, mit einem Anteil von 42 %, die populärste Art der Fremdkapitalbeschaffung darstellt. Für den deutschen Mittelstand sind dabei die Sparkassen, wie auch die Genossenschafts- banken, die wichtigsten Ansprechpartner (relationship banking). Sie finanzieren 40 % des Fremdkapitals bei den kleinen und mittleren Unternehmen.14 Von weiterer Bedeutung für die Deckung des Kapitalbedarfes sind, laut einer repräsentativen Querstudie der Dresdner Bank, des Magazins Impulse und der IfM Bonn, für mittelständische Unternehmen folgende Möglichkeiten.15

- Selbstfinanzierung aus dem Gewinn (58,5 %)
- Finanzierung aus Abschreibungen und Rückstellungen (40,6 %)
- Einlagen des Inhabers (17,4 %)
- Lieferantenkredit (15,1 %)
- Gesellschafterdarlehen (8,4 %)
- Aufnahme neuer Kapitalgeber, Kapitalbeteiligungsgesellschaften (5,4 %)

Factoring als Finanzierungsinstrument hat im Mittelstand bisher nur eine sehr geringe Bedeutung. Nur 2 % der Unternehmer sieht diese Form der Finanzierung als wichtig an. Bei den größeren Mittelständler liegt dieser Anteil bei 9 %. Leasing stellt dagegen für alle Größenklassen ein wichtige Finanzierungsform dar. Für die kleineren Unternehmen (26 %) ist es etwas bedeutender, als für die großen (24 %).16

Die Finanzierungssituation des Mittelstandes wird sich in Zukunft durch die Diskussion um Basel II, der zukünftigen Verpflichtungen der Banken, ihre Kreditvergabeentscheidun- gen am individuellen Kreditrisiko des Kreditnehmers auf Basis einer Bonitätsbeurteilung17 zu orientieren, verschärfen. Es besteht allgemein die Befürchtung, dass durch den Neuen Basler Akkord die Stellung der kleinen und mittleren Betriebe sich wesentlich verschlech- tern wird, da sie wegen ihrer Unternehmensgröße und der langfristig orientierten Fremdfi- nanzierung eine höhere Risikostruktur aufweisen.

Laut eine KfW Studie wurden im Jahre 2001 17 % der Anfragen für ein Investitionskredit mittelständischer Unternehmen abgelehnt. Als Ablehnungsgründe gaben 42,2 % der be- troffenen Unternehmen die Eigenkapitalquote und 47,7 % unzureichende Sicherheiten an.18

Was Basel II genau darstellt und welche Anforderungen bzw. Konsequenzen sich daraus für den deutschen Mittelstand ergeben, soll im nächsten Kapitel näher dargelegt werden.

3. Basel II – Was ist das?

Wie in Kapitel 2.5 aufgezeigt wurde, spielen die Banken bei der Finanzierung eines Unternehmens im Mittelstand eine besondere Rolle. In naher Zukunft wird sich für die Unternehmen bei der Kreditvergabe einiges ändern und sie vor neue Herausforderungen stellen. Stichworte wie Basel II, internes oder externes Rating, neue Finanzierungsformen, Eigenkapitalvereinbarung und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Kreditvergabe führen vermehrt zu Diskussionen und Fragen im Mittelstand.

Die neue Baseler Eigenkapitalvereinbarung oder auch der neuer Baseler Akkord (The New Basel Capital Accord), kurz Basel II genannt, wurde vom Baseler Ausschuss für Banken- aufsicht19 entworfen und verfolgt die Idee, die Höhe des Eigenkapitales, mit dem die Banken ihre vergebenen Kredite unterlegen müssen, abhängig von der Zahlungsfähigkeit, Bonität des Schuldners zu machen. Die bloße Vorlage der Bilanzen und Vergangenheits- bezogene Informationen werden in der Zukunft nicht mehr ausreichen. Die Kreditinstitute werden vermehrt zukunftsorientierte, strategische Informationen und qualitative Faktoren in ihre Entscheidungen über eine Kreditvergabe mit einfließen lassen müssen. 20

Die Globalisierung und Technisierung der Finanzmärkte und der damit angestiegene Kapi- talfluss rund um den Globus, haben dem Finanzsystem eine solche Eigendynamik und Komplexität verschafft, dass es notwendig wurde, den globalen Finanzmarkt in seiner naturellen Risikolastigkeit kontrollierbarer zu gestalten.21 Die Zielsetzungen der Neuen Ei- genkapitalvereinbarung, die Ausrichtung der Eigenkapitalunterlegung an der Bonität der Schuldner und der damit verbundene Grundsatz des „level playing fields“ (same business, same risks, same rules = gleiche Branche, gleiches Risiko, gleiche Behandlung), der zu ei- ner Verbesserung der Wettbewerbsgleichheit bzw. –harmonisierung führen soll, die Förde- rung der Sicherheit und der Stabilität, sowie eine größere Flexibilität des weltweiten Fi- nanzsystems, sollen dazu beitragen.22

3.1 Von Basel I zu Basel II

Vor mehr als 10 Jahren, 1988, hat der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht seine erste Eigenkapitalvereinbarung (Basel I) verabschiedet. Sie galt als weltweiter Standard für die Beaufsichtigung von Kreditrisiken und hatte für international tätige Banken in über 100 Ländern ihre Gültigkeit. Aber auch auf EU-Ebene fand der Baseler Akkord in Richtlinien seine Anwendung und war Basis für die deutschen bankenaufsichtlichen Regelungen.23 Der Kritikpunkt dieser Vereinbarung ist, dass Basel I die tatsächlichen individuellen Kreditrisiken des einzelnen Kreditnehmers nur unzureichend berücksichtigt hat. Für die Bemessung der Eigenkapitalhinterlegung sieht Basel I nur eine Standardmöglichkeit vor. Wie die Risiken aber optimal gemessen, gehandhabt und begrenzt werden, variiert von Bank zu Bank.24

Die bislang gültige Regelung schreibt vor, Kredite an inländische Unternehmen grundsätz- lich mit 100 % Risikoaufschlag auf die Eigenkapitalquote von 8 % zu unterlegen. Einen Kredit von Euro 1000 muss die Bank bislang standardmäßig mit Euro 80 Eigenkapital unterlegen. Somit hat jedes Risiko den gleichen Preis und eine Differenzie- rung findet lediglich über die Sicherheiten statt, die ein Kreditnehmer vorweisen kann.

Diese Schwäche soll zukünftig durch eine entsprechende risikodifferenziertere Eigenkapi- talausstattung beseitigt werden. Sie wird stärker von der Bonität des Kreditnehmers abhängen. Dies wird zu unterschiedlichen hohen Kosten bzw. Zinsen für einen Kredit führen, je nach individuell zu beurteilenden Risiko eines möglichen Zahlungsausfalles. Die einfache Formel wird daher zukünftig lautet:

- Gute Bonität = geringes Risiko = niedrigere Kreditzinsen
- schlechte Bonität = hohes Risiko = hohe Kreditzinsen bzw. kein Kredit25

Auf diese veränderten Bedingungen bei der Kreditvergabe wird sich der Mittelstand in Zukunft verstärkt einstellen müssen. Die Optimierung seiner Bonität, sprich seiner Eigen- kapitalausstattung, wird eine bedeutende Rolle spielen, damit diese nicht zur unüberwind- baren Hürde seiner Kapitalversorgung wird.

3.2 Die drei Säulen des neuen Baseler Akkords

Um die Stabilität des internationalen Bankensystems zu gewährleisten, besteht der Neue Baseler Akkord aus drei sich gegenseitig verstärkenden Säulen. Aus der Säule eins, den Mindestkapitalanforderungen für Kreditrisiken und operationalen Risiken, der Säule zwei dem Supervisory Review Process (SRP) - dem aufsichtlichen Überprüfungsverfahren durch die Bankenaufsicht und der Säule drei, den erweiterten Publizitätsanforderungen - der Marktdisziplin.26 In dieser Arbeit wird im folgenden nur die Säule eins näher betrach- tet, da sie für die mittelständischen Unternehmen von tragender Bedeutung ist und am meisten diskutiert wird. Eine weitere und nähere Betrachtung der zwei anderen Säulen soll an dieser Stelle vernachlässigt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Quelle: Deutsche Bundesbank

3.3 Säule eins: Die Mindestkapitalanforderungen

In der Neuen Baseler Eigenkapitalvereinbarung wird sich die bisher gültige aufsichtsrecht- liche Eigenkapitaldefinition, wie auch die Mindesteigenkapitalquote von 8 % im Verhält- nis zu den risikogewichteten Aktiva, nicht ändern. Was sich aber ändern wird, ist die diffe- renziertere Risikobemessung. Zu den bisherigen Risikoarten Kreditrisiko und Marktrisiko kommt nun noch das operationale Risiko hinzu. Bei der Berechnung der Eigenkapitalquo- te, die prozentual die Unterlegungspflicht der Banken angibt, wird sich der Nenner aus drei verschiedenen Teilen zusammensetzen.

Die Summe aller risikogewichteten Aktiva27 für das Kreditrisiko, wird mit dem 12,5- fachen (dem Kehrwert der Mindest- EK- Quote von 8 %) der Summe aus dem Marktrisiko und dem operationalen Risiko addiert. Die Eigenkapitalquote ergibt sich dann aus dem Verhältnis dieses Nenners mit dem aufsichtrechtlichen Eigenkapital im Zähler28 und darf 8 % nicht unterschreiten.29

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie die Banken letztendlich das Kreditrisiko bestimmen werden, dafür sieht der Baseler Ausschuss zwei verschiedene Möglichkeiten vor. Entweder einen Standardsatz, der sich auf externe Ratings30 (z.B. von Standard & Poor´s oder Moody´s) beruft oder einen auf bankinternen Risikoeinstufungen basierenden Ansatz, dem IRB- (Internal Ratings Based Approach) Ansatz.

3.3.1 Der Standardansatz

Die Aufsichtsbehörde gibt im Standardansatz, wie bisher auch, für bestimmte Risikoarten die Gewichtungssätze vor.31 Sie reichen von 0 % bis zu 150 % für Kreditnehmer mit schlechter Bonitätsbeurteilung. Dieser Standardansatz kann ohne jegliche Genehmigung der Aufsichtsbehörde eingesetzt werden und ist relativ einfach von den Banken anzuwen- den. Diese Einfachheit führt aber auch zu höheren Eigenkapitalanforderungen bei den Banken. Das anzusetzende RWA ergibt sich aus dem Produkt von ausstehendem Kreditbe- trag und dem Risikogewicht (Risk Weight, RW), welches von den externen Ratingagentu- ren festgelegt wird. Nicht geratete Unternehmen werden mit einer Risikogewichtung von 100 % bewertet. Dies stellt ein Kritikpunkt des Standardansatzes dar. Unternehmen die nicht bereit sind sich raten zu lassen werden mit 100 % Risiko gewichtet, wohingegen geratete Unternehmen mit sehr schlechter Bonität, eine Risikogewichtung von 150 % erfahren und somit die Banken zu einer höheren Eigenkapitalunterlegung verpflichten. Dies wiederum hat höhere Fremdkapitalkosten (Zinsen) für die Unternehmen zur Folge. Ein Risikogewicht von 100 % bedeutet, dass ein eingegangenes Risiko seitens der Bank in der Berechnung der RWA zum vollen Wert berücksichtigt wird, dies drückt sich in einer Eigenkapitalquote von 8 % dieses Wertes aus. Somit führt eine Gewichtung von 20 % zu einer Eigenkapitalquote von 1,6 % und eine Gewichtung von 150 % zu einer Eigenkapital- quote von12 %.32

Beispiel einer Ermittlung der Eigenkapitalunterlegung anhand des Standardsatzes:

Ein Unternehmen beantragt bei einer Bank einen Kredit in Höhe von 1 000 Euro. Von ei- nem angesehen und zugelassenen Ratingunternehmen wird dieses Unternehmen mit einem A geratet.

Kreditbetrag 1000 Euro x Risikogewicht 50 % (0,5) x mind. Eigenkapitalanforderung 8 % (0,08) = Kapitalunterlegung seitens Bank in Höhe von 40 Euro. 33

[...]


1 vgl. MIT Broschüre „Die Bedeutung der mittelständischen Unternehmen für die deutsche Wirtschaft“, S.8

2 vgl. Bundesverband deutscher Banken „Private Banken-Partner des Mittelstandes; (2000), S. 9

3 vgl. Mittelstandsbericht der Enquetekommission des Landtages von Baden-Württemberg; (2000), S.39

4 vgl. IfM Bonn „Mittelstand – Definition und Schlüsselzahlen“; (2002), S.1

5 vgl. Bundesverband deutscher Banken „Private Banken-Partner des Mittelstandes“; (2000), S. 9

6 vgl. Brockhaus Miriam „Basel II“; (2002), S.19-21

7 vgl. Alfred Müller-Armack/Ludwig Erhard „Soziale Marktwirtschaft“; (1972), S.267

8 Bruttoinlandsprodukt = Gesamteinkommen, das im Inland entstanden ist, einschließlich des Einkommens von Produktionsfaktoren im Inland, die im Besitz von Ausländern sind. Die Gesamtausgabe für im Inland erzeugte Waren und Dienstleistungen. vgl. N. Gregory Mankiw „Makroökonomie“; (2000), S. 592

9 vgl. IfM Bonn „Mittelstand in der Gesamtwirtschaft- Anstelle einer Definition“; (2002), S.21

10 vgl. Alfred Müller-Armack/Ludwig Erhard „Soziale Marktwirtschaft“; (1972), S.267

11 vgl. DSGV „Kernaussagen der Mittelstandsanalyse“; (2002)

12 vgl. Offerhaus Jan (2001) „Alternative Finanzierungsformen“; (2001)

13 vgl. Mittelstandsbericht der Enquetekommission des Landtages von Baden-Württemberg; (2000), S.514

14 vgl. Mittelstandsbericht der Enquetekommission des Landtages von Baden-Württemberg; (2000), S.515

15 vgl. Mind finance; (2000), S.33; Basis: 1,104 Mio. Unternehmen; Mehrfachnennungen waren möglich

16 vgl. KfW Bankengruppe „Unternehmensfinanzierung im Umbruch“; (2001), S.11

17 Bonität = i.w.S. die Fähigkeit eines Schuldners in der Zukunft seinen Schulddienstverpflichtungen nachzukommen; i.e.S. die relative Ertragskraft des Schuldners in der Zukunft, die Quantifizierung des Grades der zukünftigen Schuldendienstfähigkeit eines Schuldners = Bonitätsprüfung; vgl. Gabler Wirtschaftslexikon Band 2, S. 678

18 vgl. KfW Bankengruppe „Unternehmensfinanzierung im Umbruch“ (2001), Schaubild 13, Basis: 6392 Unternehmen; Mehrfachnennungen waren möglich

19 Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht ist ein Ausschuss von Bankenaufsichtsbehörden, der von den Präsidenten der Zentralban- ken der Länder der Zehnergruppe (G10 –Staaten) 1975 ins Leben gerufen wurde. Er setzt sich zusammen aus hochrangigen Vertretern der Bankenaufsichtsbehörden und Zentralbanken von Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg, den Nieder- landen, Schweden, der Schweiz, den USA und dem Vereinigten Königreich. Der Ausschuss tritt in der Regel bei der Bank für Internati- onalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel zusammen, wo sich auch sein ständiges Sekretariat befindet. vgl. BIZ „Überblick über die Neue Basler Eigenkapitalvereinbarung“; (2001), S.1

20 vgl. Winkeljohann „Basel II und die Folgen für den Mittelstand“

21 vgl. Christoph Kolbeck und Rudolf Wimmer „Finanzierung für den Mittelstand“; (2002), S.11

22 vgl. Brockhaus Miriam „Basel II“; (2001), S.34

23 vgl. Grundsatz I gemäß §§ 10 und 10a KWG

24 vgl. Deutsche Bundesbank Monatsbericht April 2001, S.16

25 vgl. DSGV „ Was Basel II für Sie bedeutet“; (2002)

26 vgl. Deutsche Bundesbank Monatsbericht April 2001, S.17

27 Unter risikogewichteten Kreditpositionen bzw. Aktiva (Risk Weighted Assets, RWA) sind sie Aktivposten einer Bank anzusehen, für die die Bank Risiken übernimmt. Diese Risiken sind implizit (mit einbezogen) oder explizit (ausdrücklich) in den Positionen enthalten und müssen entsprechend dem Risikogehalt der jeweiligen Kreditnehmerklasse bzw. Risikogruppe (daher Risikogewichtet) mit Eigen- kapital unterlegt werden. vgl. Brockhaus Miriam „Basel II“; (2001), S.31 Fußnote 73

28 vgl. BIZ „Erläuternde Angaben zur Neuen Baseler Eigenkapitalvereinbarung“; (2001), S.3

29 vgl. Brockhaus Miriam „Basel II“; (2001), S.36

30 externe Rating- Agenturen müssen von der nationalen Bankenaufsicht geprüft und zugelassen werden. vgl. Deutsche Bundesbank Monatsbericht April 200, S.20

31 Anmerkung: Die einzelnen Risikogewichte sind von der allgemeinen Risikokategorie der Schuldner abhängig. Man unterscheidet da- bei in Staaten, Banken oder Wirtschaftsunternehmen. Diese Arbeit befasst sich nur mit den Gewichtungen für die Unternehmen.

32 vgl. Brockhaus Miriam „Basel II“; (2001), S.37-40

33 vgl. Deutsche Bundesbank Monatsbericht April 2001; S.24-25, 35

Details

Seiten
39
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638169806
ISBN (Buch)
9783668369726
Dateigröße
713 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v10606
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Villingen-Schwenningen, früher: Berufsakademie Villingen-Schwenningen – Fachrichtung Mittelständische Wirtschaft
Note
1,2
Schlagworte
Basel II Rating Mittelstand

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