Lade Inhalt...

Der Pakt und die Wette in Faust I

Seminararbeit 2001 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Eingliederung des Paktes und der Wette in den Gesamtzusammenhang der Studierzimmerszenen

3. Betrachtung der Formulierung des Paktes und der Wette

4. Schlus

5. Anmerkungen

6. Literatur

1. Einleitung

Die Behandlung eines Bündnisses zwischen dem Mensch und dem Teufel tritt nicht nur in der kirchlichen Literatur häufig auf. Sowohl die Geschichte eines Faust wie die eines Teufelsbündnisses in anderen Zusammenhängen findet man oft in literarischen Texten aller Zeiten und Epochen. Was macht nun Goethes Darstellung des Lebens von Faust zu so etwas besonderem? Warum ist gerade dieser Pakt mit dem Teufel jedem bekannt?

Die Komplexität, mit der Goethe diesen Pakt zwischen Faust und dem Teufel darstellt, ist unübertroffen. Die Position, die Faust in dieser Szene einnimmt, die Formulierungen im Einzelnen bedürfen zum genauen Verständnis des die ganze Handlung bestimmenden Motors einer genauen, detaillierten Betrachtung.

Des weiteren darf aber auch der Gesamtzusammenhang, in den diese Szene eingegliedert ist, nicht vernachlässigt werden. Die verschiedenen, sprunghaft wechselnden und sehr zahlreichen Stimmungen des Faust sind von eklatanter Wichtigkeit für das Zustandekommen der Vereinbarung zwischen den beiden Hauptfiguren. Ebenso wie die Wandlung des Faust vom Gelehrten zum nach Genuss Strebenden nicht außer Acht gelassen werden darf. Doch diese nicht unwichtigen Details, die dazu beitragen, dass ein Bündnis geschlossen wird, sollen nicht Hauptpunkt der Betrachtung sein, deren Schwerpunkt die Vorantreibung von Fausts Zustimmung zu einer Vereinbarung durch Mephisto und der in sich von höchster Komplexität bestimmte Beschluss dieser Vereinbarung sein soll.

Zu diesem Zweck wird es nötig sein, sowohl bei der Bearbeitung des Gesamtzusammenhangs, wie auch der engeren Konzeption des Paktes und der Wette, eine sehr textnahe Betrachtung der Primärliteratur vorzunehmen.

2. Eingliederung des Paktes und der Wette in den Gesamtzusammenhang der Studierzimmerszenen

Da es für das Zustandekommen der Wette beziehungsweise die Formulierung des Paktes von großer Wichtigkeit ist, sollten die Gefühlslagen Fausts und seine daraus resultierenden Handlungen in den beiden Studierzimmerszenen kurz beleuchtet werden.

Zunächst übersetzt Faust das Johannesevangelium, da er seine nach dem Osterspaziergang erstaunlich heitere und zufriedene Stimmung erhalten möchte, doch er wird immer wieder von Mephisto in der Gestalt eines Pudels gestört.

Da er die theoretische Arbeit im Studierzimmer verrichtet und dem, was er begehrt so nicht nahe sein kann, wird die aufgrund der Übersetzung der Offenbarung zwanghaft aufrecht erhaltene reine Stimmung unmöglich von langer Dauer sein. Durch die Zuwendung zu den Büchern wird klar, dass Faust seinen Lebensquell wieder nur in Büchern, also der Theorie, sucht.

Faust setzt seine Weltanschauung gegen die der Bibel, indem er das griechische ‚Logos‘ letztendlich mit ‚Tat‘ (V. 1237) übersetzt, die für ihn die Vereinigung von ‚Sinn‘ (V. 1229) und ‚Kraft‘ (V. 1233) ist. Für ihn haben die Gott-Natur und der Mensch ihren Aufgang in der Tat und so setzt er diese als Zentrum des Menschen fest und der Leser erfährt, wo für Faust der Sinn des Lebens, der ausschlaggebende Punkt für das Menschsein liegt.

Zunächst bleibt dies noch ein theoretisch festgesetztes Lebensprogramm, das erst in der Formulierung der Wette und mit Mephistos Hilfe in die Praxis umgesetzt wird.

Im Gegensatz zu vielen anderen Darstellungen, zum Beispiel auch der kirchlichen, äußert Mephisto sich offen über sein Programm der Zerstörung

"Und das mit Recht; denn, alles, was entsteht,

Ist wert, dass es zugrunde geht;

Drum besser wär’s, dass nichts entstünde." (V. 1339 - 1341)

und gesteht seine eigene Unzulänglichkeit ein.

"So viel als ich schon unternommen,

Ich wusste nicht ihr beizukommen,

Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand - Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!

Und dem verdammten Zeug, der Tier- und Menschenbrut,

Dem ist gar nichts anzuhaben:

Wie viele hab ich schon begraben!

Und immer zirkuliert neues, frisches Blut.

So geht es fort, man möchte rasend werden!

Der Luft, dem Wasser und der Erden

Entwinden tausend Keime sich." (V. 1365 - 1375)

Dies lässt ebenfalls einen bedeutenden Unterschied zum christlich-kirchlichen Teufelspakt entstehen, in dessen Darstellungen der Teufel ein übermächtiges Wesen ist, das ein furchtbares Ende bereitet1. Auch dadurch wird die Komplexität im Geschehen von Goethes Faust und dem darin beschriebenen Bündnis mit dem Teufel deutlich.

So fühlt Faust sich überlegen und ist heiterer Stimmung, denn das Böse, Mephistos ‚eigentliches Element‘ (V. 1344), hat keinen beunruhigenden Eindruck hinterlassen.

Erst durch Mephistos Schlafzauber, der ihn überlistet, verfällt Faust in erneute Melancholie und beugt sich so dem Willen Mephistos in dessen Eintrittsritus zu Beginn der Studierzimmerszene II.

"Du musst es dreimal sagen" (V. 1533)

Mephisto teilt Faust nun offen sein Vorhaben mit,

"Damit du losgebunden, frei,

Erfahrest, was das Leben sei" (V. 1542 - 1543)

doch Faust verharrt in seiner tiefen Resignation, die begründet ist in der Verzweiflung an seinem Streben, dem Gegensatz zwischen der Kraft seines Geistes, die ihn im Inneren reich macht und der Armut seines konkreten, äußeren Lebens und spricht seine Todessehnsucht aus.

"Und so ist mir das Dasein eine Last,

Der Tod erwünscht, das Leben mir verhasst" (V. 1570 - 1571)

Der Spott Mephistos über seinen Todeswunsch und dem nicht in die Tat umgesetzten Selbstmordversuch, der in seinem Nicht-Umgesetztwerden charakteristisch dafür ist, dass Faust sich noch nicht von seinem theoretischen Dasein abgelöst hat, provoziert Faust zu einem schmerzlich-ohnmächtigen Fluch, in dem er voller Nihilismus, angefangen bei den Gütern der Welt bis hin zur Geduld, summarisch alles verflucht.

"So fluch ich allem, was die Seele

Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt, Und sie an diese Trauerhöhle

Mit Blend- und Schmeichelkräften bannt!

Verflucht voraus die hohe Meinung, Womit der Geist sich selbst umfängt!

Verflucht das Blenden der Erscheinung,

Die sich an unsre Sinne drängt!

Verflucht, was uns in Träumen heuchelt,

Des Ruhms, der Namensdauer Trug!

Verflucht, was als Besitz uns schmeichelt,

Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug!

Verflucht sei Mammon, wenn mit Schätzen

Er uns zu kühnen Taten regt,

Wenn er zu müßigem Ergetzen,

Die Polster uns zurechte legt!

Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben!

Fluch jener höchsten Liebeshuld!

Fluch sei der Hoffnung, Fluch dem Glauben,

Und Fluch vor allem der Geduld!" (V. 1587 - 1606)

Dieser Fluch ist von höchster Wichtigkeit, denn er bereitet den Pakt und mit ihm den Abschluss der Wette vor, indem er Fausts Abkehr von seinem bisherigen Gelehrtendasein und sein Hinwendung zu Mephisto verdeutlicht. Fausts Entwicklung zu Mephisto hin ist abgeschlossen, seine Bereitschaft auf Mephistos Vorschläge einzugehen, ist aktiviert.

Gleich zu Beginn des Fluches, wenn Faust dem ‚Lock- und Gaukelwerk‘ (V. 1588) und den ‚Blend- und Schmeichelkräften‘ (V. 1590) abschwört, wird auch der komische Charakter der Szene deutlich, da er sich ja gerade mit diesem Abschwören dem größten aller Lügenmeister zuwendet: dem Teufel persönlich.

Mit der Verfluchung der weltlichen Güter wie Geld, Besitz, Frauen und Wein schwört er Dingen ab, die er nie besessen hat, was Fausts noch immer existierende Anfälligkeit für die Welt und deren Güter herausstellt2.

Der ausdrückliche ‚Fluch [...] der Geduld‘ (V. 1606) gilt seiner Geduld, die er bisher für sein Leben als Gelehrter aufgebracht hat, wodurch er gewisse Aspekte des Lebens, die für ihn nun wichtiger erscheinen, meint verpasst zu haben. Und er gilt der Geduld, die er für die Welt an sich aufgebracht hat, da er trotz seiner Abscheu vor dieser ‚Trauerhöhle‘ (V. 1589) noch nicht mit dieser abgeschlossen hat.

Der nachfolgende Geisterchor, der Faust rät, sich ein neues Leben ohne Hilfe des Teufels und ohne eine Reduktion auf die bloße Sinneswelt aufzubauen ("Baue sie wieder / In deinem Busen baue sie auf / Neuen Lebenslauf / Beginne / Mit hellem Sinne" V. 1620 - 1624), ist der endgültige Initiator für Fausts Bereitschaft auf ein Bündnis einzugehen, denn Mephisto verdreht die Worte des Geisterchors in seinem Interesse, um Faust zu einem Pakt zu bewegen.

"Dies sind die Kleinen Von den Meinen.

Höre wie zu Lust und Taten

Altklug sie raten" (V. 1627 - 1631)

Erst daraufhin entwickelt sich ein zum Pakt, beziehungsweise ein zur Wette führender Dialog zwischen Faust und Mephisto.

Eine Unterschrift unter die Wette ist sachlich nicht notwendig, da ein Handschlag deren Abschluss bereits besiegelt hat, doch Goethe zeigt in der trotz seiner heftigen Gegenwehr rasch zustandekommenden Beugung Fausts unter den Willen Mephistos noch einmal die resignative Stimmung des Gelehrten, die schon zu Beginn der zweiten Studierzimmerszene deutlich geworden ist, als Faust sich dem Eintrittsritus Mephistos gebeugt hat, und die äußerst wichtig für das Zustandekommen eines Bündnisses an sich ist.

Nachdem er zu der schmerzlichen Erkenntnis gelangt ist, dass er sich Mephisto verschrieben hat, weiht Faust sein Streben dem Konsumieren des konkreten Lebens und seine Abkehr vom früheren Gelehrtendasein, die mit dem Abtreten seiner Kleider an Mephisto ("Komm gib mir deinen Rock und Mütze" V. 1846) an ihrem Endpunkt angelangt ist, vollzieht sich nun.

"Des Denkens Faden ist zerrissen,

Mir ekelt lange vor allem Wissen. Lass in den Tiefen der Sinnlichkeit

Uns glühende Leidenschaft stillen!" (V. 1748 - 1751)

Doch Goethe stattet Faust mit dem Bemühen aus, sich von Mephisto wieder zu lösen, denn durch sein hohes Streben zum All-Menschen3 kann er die Niedrigkeiten, die Mephisto ihm zu bieten hat, überwinden.

"Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,

Will ich in meinem innern Selbst genießen." (V. 1770 - 1771)

3. Betrachtung der Formulierung des Paktes und der Wette

Der Fluch macht die Bereitschaft Fausts zu einem Pakt deutlich, zu dem er noch zusätzlich durch Mephisto getrieben wird.

Die Paktformel, in der er Faust zu dem Versprechen drängen will, ihm seine Seele nach dem Tod zu überlassen, wird von Mephisto selbst formuliert.

"Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,

Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn; Wenn wir uns drüben wiederfinden,

So sollst du mir das gleiche tun." (V. 1656 - 1659)

Da Faust nicht aus der Weltanschauung eines christlich-kirchlichen Theismus lebt, ist seine Seele nicht allein durch das Paktieren mit dem Teufel verdammt und es braucht ein Versprechen, welches diese an Mephisto bindet4.

Nach der Formulierung des Angebots durch Mephisto beginnt eine Entwicklung, die Faust wieder von ihm wegführt, denn obwohl er sich zur entschiedenen Diesseitigkeit bekennt ("Das Drüben kann mich wenig kümmern / Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern / Die andre mag darnach entstehn / Aus dieser Erde quillen meine Freuden" V. 1660 - 1663), geht er trotzdem nicht auf den Pakt ein. Das Bekenntnis zur Diesseitigkeit impliziert die Ablehnung eines jenseitigen Seelenlebens und somit ist eine entscheidende Voraussetzung des christlich-kirchlichen Teufelspaktes außer Kraft gesetzt, womit das Geschehen in Goethes Faust wiederum wesentlich komplexere Formen annimmt, da der Autor nicht auf schon existierende Geschehens- und Handlungsformen zurückgreifen kann.

Nun stellt Faust die Leistungsfähigkeit Mephistos in Frage und die Bereitschaft zu einem Pakt in ihm sinkt.

"Was willst du armer Teufel geben?

Ward eines Menschen Geist in seinem hohen Streben, von deinesgleichen je gefasst?" (V. 1675 - 1677)

Fausts Zweifel gipfeln in einer ironischen Sinndestruktion, die seine Sehnsucht nach dem Unmöglichen, dem Durchbrechen der Naturgesetze deutlich werden lässt5.

"Doch hast du die Speise, die nicht sättigt, hast

Du rotes Gold, das ohne Rast,

Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,

Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt,

Ein Mädchen, das an meiner Brust

Mit Äuglein schon dem Nachbarn sich verbindet,

Der Ehre schöne Götterlust,

Die, wie ein Meteor, verschwindet? (V. 1678 - 1685)

Diese konkreten Aufgaben sollen beweisen, dass Mephisto das Streben des Menschen niemals befriedigen kann.

Faust setzt mit dem Motiv ein, das er am meisten begehrt: dem Genuss (V. 1678), während er danach auf Gegenstände eingeht, die sich selbst aufheben und somit von Mephisto Dinge fordert, die ihn nie befriedigen werden. So wird deutlich, dass Faust primär nicht den sinnlichen Genuss sucht, sondern nur die Betäubung durch diesen. Im Falle der Betäubung durch den Genuss ist klar, dass Faust weder befriedigt zu werden braucht, noch eine Befriedigung wünscht, während er sich bei einem wirklichen Streben nach den sinnlichen Genüssen die Befriedigung seiner Wünsche als Ziel setzen würde.

Mephistos bejahende Zustimmung ("Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht / Mit solchen Schätzen kann ich dienen" V. 1688 - 1689) lässt deutlich erkennen, dass er Fausts wahre Ziele nicht erfasst. Eventuell waren die beiden Wünsche nach einem untreuen Mädchen und der schnell vergehenden Ehre auch mit Absicht von Faust so formuliert und an den Schluss gestellt, dass Mephisto sie für erfüllbar hält, denn gerade die Erfüllung solcher Wünsche sollte für Mephisto kein Problem darstellen.

Die ‚Ruhe‘ (V. 1691) ist das Stichwort für Faust, um die Wette zu initiieren, wobei das Geschehen eine Wendung zum Menschen hin annimmt, denn es ist Faust und nicht Mephisto, der die Wette formuliert.

"Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,

So sei es gleich um mich getan!

Kannst du mich schmeichelnd je belügen,

Dass ich mir selbst gefallen mag,

Kannst du mich mit Genuss betrügen -

Das sei für mich der letzte Tag!

Die Wette biet ich!" (V. 1692 - 1698)

Das Wettgeschehen gliedert sich in zwei Teile: Der erste Teil beinhaltet den Wortlaut der Wette (V. 1692 - 1698), während der zweite Teil aus der nachträglichen Kommentierung und Präzisierung durch Faust besteht (V. 1699 - 1706; 1708 - 1711). Es ist zu beachten, dass die Wette Mephisto im Gegensatz zum Pakt, der nicht abgeschlossen wurde, gleichermaßen in die Verbindlichkeit mit hineinnimmt.

Faust verschreibt sich in der Wette wieder vollständig der Tat, wie es in der Übersetzung des Johannesevangeliums präfiguriert wird, wobei es sich dort nur um eine theoretische Festsetzung handelt, die jetzt in die Praxis umgesetzt wird. Bei der Übersetzung wird deutlich, dass Faust die Tat als das Zentrum des Menschen deklariert, womit für den Leser klargestellt wird, dass sie somit für Faust auch den Sinn des menschlichen Lebens ausmacht.

Selbstgefälligkeit ("Kannst du mich je belügen / Dass ich mir selbst gefallen mag" V. 1694 - 1695) und ‚Genuss‘ (V. 1696) sind zwei Motive für Faust, um mit dem Tätigsein abzuschließen und gleichzeitig ist es sein Einsatz für die Wette, denn der Verfall an die Selbstgefälligkeit und den Genuss bedeutet für ihn, dass er sein Menschsein verlieren würde, dessen Verlust er auch ohne die Wette beklagen müsste, da er den Verlust des Menschseins mit dem Tod gleichsetzt ("Das sei für mich der letzte Tag!" V. 1697).

Faust identifiziert den Selbstverlust also erst später mit dem Verfall an Mephisto.

"Wie ich beharre, bin ich Knecht,

Ob dein, was frag ich, oder wessen." (V. 1710 - 1711)

So darf nur im Sinne des Verlusts des menschlichen Lebens von vom Teufel geholt zu werden gesprochen werden, nicht schon beim Selbstverlust, den Faust auch ohne die Hilfe Mephistos erfahren hätte.

Warum aber willigt Mephisto in die Wette ein, wenn er im Pakt seine Situation und die Möglichkeit des Gewinnens sehr viel eindeutiger formuliert hat und die Zustimmung zur Wette für ihn und seine Ziele offensichtlich ein Rückschritt darstellen? Warum versucht er nicht weiterhin Faust zur Zustimmung zum Pakt zu bewegen?

Mephisto stimmt Faust sofort zu, da dieser den Sinn des menschlichen Lebens in der Wette im Negativ formuliert, was wiederum Mephistos Einstellung reflektiert. Auch sieht er es nicht als Problem an, Faust zu Selbstgefälligkeit und übermäßigem sinnlichen Genuss zu treiben, was er immer noch als Fausts eigentliche Wünsche ansieht. Somit ist das Programm der Wette in Goethes "Faust" unendlich viel komplexer als in anderen Darstellungen, zumal im Vergleich zu den christlich-kirchlichen Schilderungen.

Der Einsatz Mephistos ist anzunehmenderweise das Programm selbst, die Dienste, die er Faust schon in seiner Paktformel angeboten hat ("Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden" V. 1656).

Die Bedingung für den Gewinn oder den Verlust der Wette wird durch Faust formuliert ("Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen" V. 1692), doch es ist eine zu ungenaue Bedingung, denn sie definiert keine eigentliche Tat.

Diese Unbestimmtheit wird ebenfalls von Faust beseitigt.

"Werd ich zum Augenblicke sagen:

Verweile doch! du bist so schön!

Dann magst du mich in Fesseln schlagen,

Dann werd ich gern zugrunde gehen!" (V. 1699 - 1703)

Warum bestimmt Faust aber die Wette nachträglich genauer, wo er sich bei der ungenauen Definition viel leichter aus der Verantwortung ziehen könnte?

So behält sich Faust die letzte Kontrolle über den Ausgang der Wette, indem er bestimmt, dass er sich zu seinem Beharren auch bekennen muss.

Der Motor der Faust-Handlung besteht in der Frage, ob es Mephisto gelingen wird den Menschen ins Nichts zu führen und der Leser wird im Fortgang des Dramas auf diesen Ausspruch Fausts warten.

Trotz der Wichtigkeit der Stimmungen und Gefühlslagen, der Position und der Handlungen Fausts, kann die Wette nur durch eine Interessensüberschneidung beider Handlungsparteien zustande kommen. Im Interesse der beiden Hauptpersonen liegt das Leben6. Bei Mephisto wird das schon im Prolog im Himmel deutlich.

"Da dank ich Euch; Denn mit den Toten

Hab ich mich niemals gern befangen." (V. 318 - 319)

Faust formuliert sein Bekenntnis zum Leben erst nach dem Paktvorschlag Mephistos.

"Das Drüben kann mich wenig kümmern;

Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern,

Die andre mag darnach entstehn.

Aus dieser Erde quillen meine Freuden" (V. 1660 - 1663)

Beide Seiten, sowohl Mephisto als auch Faust, setzen stillschweigend einen Dienst durch Mephisto voraus, was einen deutlichen Unterschied zum mittelalterlichen Teufelspakt ausmacht, der nur das Prinzip von Leistung und Gegenleistung kennt. Somit wird Goethes Darstellung im Wesentlichen verkompliziert.

Faust setzt diesen Dienst in Vers 1704 ("Dann bist du deines Dienstes frei") und Mephisto setzt in ihn Vers 1712 - 1713 ("Ich werde heute gleich, beim Doktorschmaus / Als Diener meine Pflicht erfüllen") voraus.

Ein Unterschied zum Pakt im Mittelalter ist ebenfalls, dass der kirchliche Teufel ein übermächtiges Wesen ist, das ein furchtbares Ende bereitet, während Mephisto seine eigenen Unzulänglichkeiten selbst eingesteht (s. Punkt 2) und seine Grenzen im Prolog im Himmel schon vom Herrn abgesteckt werden.

"So lang er auf der Erde lebt,

So lange sei dir’s nicht verboten." (V. 315 - 316)

Da das von Mephisto in der Paktformel formulierte ‚Wenn‘ ("Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden / Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn / Wenn wir uns drüben wiederfinden / So sollst du mir das gleiche tun" V. 1656 - 1659) zwar wahrscheinlich von ihm temporal gemeint ist, aber durchaus auch konditional verstanden werden kann, ist es für den Leser nicht klar ersichtlich, zu welchem Ende das ganze Geschehen finden wird. Hinzu kommt noch, dass Faust auf den von Mephisto vorgeschlagenen Pakt nicht eingegangen ist und Mephisto sich so Fausts Seele nach dem Tod nicht sicher sein, denn die Wette macht beide Hauptfiguren zu gleichberechtigten Konkurrenten und des weiteren besteht die Rückversicherung Fausts, dass er ein eindeutiges Bekenntnis seines Beharrens abgeben muss.

Somit war Faust bei der Formulierung der Wette ganz Mensch in seinem hohen Streben und die Unbestimmtheit des Ausgangs verdeutlicht die Komplexität in Gegensatz zu anderen Darstellungen über einen Pakt zwischen Mensch und Teufel, in denen das Ende oft schon zum Zeitpunkt des Bündnisses klar abzusehen ist, da in diesen die Struktur des Geschehens sehr viel einfacher und eindimensionaler gestaltet ist.

4. Schluss

Durch die Hervorhebung der verschiedenen, oft wechselnden Stimmungen Fausts und seine Wandlung vom Gelehrten zum Strebenden nach sinnlichen Genüssen sollte das Zustandekommen des Bündnisses zwischen Faust und Mephisto, das daraus begründet ist, geklärt sein. Ebenso sollte die Komplexität des konkreten Abschlusses der Vereinbarung, die im Angebot Mephistos in der Paktformel und im Formulieren der Wette durch Faust gipfelt, deutlich geworden sein.

So kann man sagen, dass das Herausragende an Goethes Darstellung von Fausts Leben und dessen Vereinbarung mit dem Teufel zu einem großen Teil durch die umfassende Detailreiche der Szene, aber auch gerade im Unterschied zum Beispiel zu einer christlich-kirchlichen Ausführung, die oftmals sehr einfach strukturiert ist, begründet liegt, und dass Goethe in seiner Paktszene im Gegensatz zu anderen auf viele sich selbst erklärende Faktoren (der Mensch ist verdammt, allein weil er seine Seele dem Teufel verschreibt) verzichtet hat. Eine nach christlich-kirchlichen Idealen konzipierte Faust-Figur erklärt ihre Handlungsweisen und Positionen allein aus dem kirchlichen Theismus, während Goethes Faust nicht darauf zurückgreifen kann. So ist Goethe gezwungen Erklärungsmodelle für die Handlungen seiner Faust-Figur zu suchen und hat diese auch mit hervorragender Kompetenz in das Geschehen einfließen lassen.

Hinzu kommt, dass er seinen Faust so angelegt hat, dass dieser es mit einer unheimlich komplexen Raffinesse letztendlich doch noch schafft, dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen, was schon in der Paktszene, einschließlich der Formulierung der Wette, ersichtlich wird.

In Faust hat Goethe ein Beispiel für den Menschen geschaffen, das in seiner mehrdimensionalen Vielschichtigkeit unübertroffen ist.

6.Literatur

Primärliteratur:

1. Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Der Tragödie erster Teil, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1986

Sekundärliteratur:

2. Hamm, Heinz: Goethes "Faust", Berlin 1978

3. Jasper, Willi: Faust und die Deutschen, Berlin 1998

4. Michelsen, Peter: Im Banne des Faust. Zwölf Faust-Studien, Würzburg 2000

5. Pelikan, Jaroslav: Faust the Theologian, New Haven and London 1995

6. Schmidt, Jochen: Goethes Faust. Erster und Zweiter Teil. Grundlagen - Werk - Wirkung, München 1999

7. Scholz, Rüdiger: Goethes "Faust" in der wissenschaftlichen Interpretation von Schelling und Hegel bis heute: ein einführender Forschungsbericht, Rheinfelden und Berlin 1993

[...]


1. Jasper, Willi, S. 70

2. Hamm, Heinz, S. 97

3. ebd., S. 106

4. ebd., S. 98

5. ebd., S. 100

6. Michelsen, Peter, S. 181

Details

Seiten
12
Jahr
2001
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v106018
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
Schlagworte
Pakt Wette Faust

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Pakt und die Wette in Faust I