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Psychoanalytische Märchendeutung

Hausarbeit 2001 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Psychoanalytische Märchendeutung

1. Geschichte der Märchenforschung

Die Tradition des Märchenerzählens kann sehr weit zurückverfolgt werden. So fanden sich Märchen auf ägyptischen „papyri“ oder auch bei Platon. Die schriftliche Tradition reicht somit ca. dreitausend Jahre weit zurück. Auffällig ist dabei, daß manche Märchenmotive dabei anscheinend unverändert blieben und in sämtlichen Regionen der Welt vorkommen. So schrieb z.B. Apuleius, ein Philosoph und Schriftsteller, im 2. Jahrhundert n. Chr. ein Märchen mit dem Titel „Amor und Psyche“ nieder, welches nach dem gleichen Muster verläuft wie das heutige „Die Schöne und das Tier/Biest“ (vgl. von Franz; 1986). Diese Feststellung, daß häufig eine augenscheinliche Gemeinsamkeit zwischen den in den Märchen vorkommenden Motiven existent ist, verleitete Forscher nach einer Urheimat der Märchen zu suchen. Diese konnte aber nicht ausgemacht werden (vgl. von Beit; 1952). Ein konkretes wissenschaftliches Interesse an Märchen erwachte im 18. Jahrhundert, zu dessen Wegbereitern zählen vor allem Winckelmann, Hamann und J. G. Herder. Letzterer war bemüht, in den Märchen die Reste eines alten Glaubens zu entdecken, der in Symbolen ausgedrückt wurde. Grund dafür war eine allgemeine, sich anbahnende Unzufriedenheit mit der christlichen Lehre, sowie „das erste Verlangen nach einer vitaleren, erdhafteren und instinkthafteren Weisheit“ (von Franz; 1986: 194). Eben dieses Verlangen trieb auch die Gebrüder Grimm an, als sie ihre Märchensammlung begannen.

Gleichzeitig entwickelte sich die sogenannte symbolische Schule um Chr. C. Heyne, F. Creuzer und J. Görres. . Sie vertraten die Ansicht, „daß Mythen der symbolische Ausdruck tiefer philosophischer Erkenntnisse und Gedanken sind und eine mystische Lehre von einigen der tiefsten Wahrheiten über Gott und die Welt enthalten“ (von Franz; 1986; 195).

Nach diesem eher „übersinnlich“ ausgerichteten Interesse entwickelte sich ein mehr wissenschaftlich und historisch orientiertes. Die Frage nach den sich wiederholenden Motiven wurde wieder in den Mittelpunkt gerückt. Erneut wurde versucht, die Heimat und den Verbreitungsweg der Märchen herauszufinden. Zu nennen sind hier vor allem zwei Theorien. So vermutete T. Benfey, daß die Märchenmotive in Indien entstanden seien und sich von dort aus nach Europa verbreitet hätten. A. Jensen, H. Winkler und E. Stucken hingegen nahmen an, daß Babylon der Ursprungsort der Märchen sei, von wo aus sie sich über Kleinasien nach Europa verbreitet hätten (vgl. von Franz; 1986).

Resultat dieser Forschungen war die Gründung des Volkskundezentrums, der sogenannten Finnischen Schule. Deren erste Vertreter, Kaarle Krohn und Antti Aarne, waren der Meinung, daß es unmöglich sei, ein einzelnes Ursprungsland der Märchen auszumachen. Vielmehr nahmen sie an, daß die verschiedenen Erzählungen auch unterschiedliche Urheimaten gehabt haben könnten. Sie fertigten Sammlungen der verschiedenen Versionen eines Märchentypes an und entschieden dann, daß die beste, ausgeschmückteste und poetischste Version wahrscheinlich das Original sei. Dies ist jedoch strittig, da eine Erzählung mit der Zeit nicht nur gekürzt bzw. verschlechtert werden kann, sondern ebenso ausgeschmückt und verbessert. Wichtig ist aber, daß durch das Volkskundezentrum eine gute Motivsammlung geschaffen wurde, die bei der Analyse der Motive von großem Nutzen ist (vgl. von Franz; 1986). Zur gleichen Zeit entstand eine andere Bewegung unter der Führung von M. Müller. Ihr Hauptziel bestand in dem Versuch, „die Bilder des Mythos als Umschreibungen von Naturphänomenen zu interpretieren […]“ (von Franz; 1986: 196).

Im 19. Jahrhundert kam es in der Märchenforschung zu einer bedeutenden Wendung. Ludwig Laistner stellte die Vermutung an, daß die Grundmotive aus Märchen und Sagen ihren Ursprung in den Träumen der Menschen haben. Allerdings konzentrierte er sich dabei auf das Alptraummotiv, während er versuchte, eine Verbindung zwischen immer wiederkehrenden typischen Träumen und Folkloremotiven herzustellen. Gleichzeitig kam der Ethnologe K. von der Steinen zu dem Schluß, daß die übernatürlichen Glaubensvorstellungen der primitiven Völker, welche von der Steinen erforscht hatte, aus deren Träumen resultierten. Dies begründete er damit, daß die Primitiven ein Traumerlebnis nicht als unwirklich erkannten, sondern es vielmehr als reale Begebenheit verstanden. Berichtete jemand von seinem Traum, so schilderte er ihn wie tatsächlich erlebt und merkte nicht an, daß es sich um einen Traum handelte (vgl. von Franz; 1986).

Adolf Bastian versuchte schließlich erstmals, die menschliche Seele in ein Konzept der Märchenforschung einzuschließen. Seine Vermutung war, daß das Vorkommen der Gleichartigkeit der mythologischen Vorstellungen bei allen Völkern sich durch eine prinzipielle Strukturgleichheit der menschlichen Seele erklärte. Bei dieser Strukturgleichheit handelte es sich laut Bastian um sogenannte „Elementargedanken“, die ein Spiegelbild der menschlichen Seele darstellen sollten (vgl. von Beit; 1952). Allerdings mußte das Phänomen des Unbewußten erst noch entdeckt und wissenschaftlich untersucht werden, um eine psychologische Märchentheorie sachlich begründen zu können. Eine erste wegweisende Theorie zum Unbewußten stellte C. G. Carus auf. Er vermutete, daß das Bewußtsein sich aus dem Unbewußten entwickelte. Dabei nahm er an, daß das Unbewußte der mit der Welt verbundene Teil der Seele sei. Somit enthielten Träume für ihn stets eine Wahrheit, welche vom ins Unbewußte eingetauchte Bewußtsein in Form von Symbolen dargestellt wurde (von Beit; 1952).

Es wurde aber erst durch die wissenschaftlich-systematische Erforschung des Unbewußten durch S. Freud möglich, eine neue Deutungsebene für Träume und Märchen zu erschließen (auf die Psychoanalyse Freuds soll an späterer Stelle noch ausführlich eingegangen werden). Davon ausgehend wurde versucht, in Märchen und Sagen die gleichen psychischen Motive aufzudecken , welche auch in Träumen zu finden sind. So neigt die Psyche dazu, das vorhandene Weltbild so umzuformen, wie es den persönlichen Wünschen und Bestrebungen eines Menschen entspricht. Eben dies geschieht z.B. im Traum, wobei eine Zensur des Unbewußten wirkt, um den Träumenden vor traumatischen Erkenntnissen o.ä. zu schützen. Freud bezeichnet diesen Vorgang als Traumarbeit. Im wachen Zustand werden solche Wünsche allerdings oft nicht eingestanden. Im Märchen werden sie dann in Form von sagenhaften Fähigkeiten oder Gegenständen, wie z.B. Tarnkappe, Sieben-Meilen-Stiefel etc. , verarbeitet. Somit liegt, laut Freud, jedem Traum ein ins Unbewußte verdrängter Wunsch zugrunde, wobei es Träume gibt, die durch Regungen des Individuums entstehen und solche, die allen Menschen gemein sind. Weiter behauptete Freud, daß jeder Traum egoistisch sei. So muß jeder Mensch in der Realität zurückstecken, wodurch das Unbewußte sich im Schlaf in Form eines Traumes zu Wort meldet. dabei ist der Träumende stets Mittelpunkt des Geschehens, auch dann, wenn er nur eine beobachtende Funktion innehat, da er dann durch den Protagonisten vertreten wird. Dies ist dem Träumenden allerdings nicht bewußt. Die Hauptbedeutung Freuds für die Märchenforschung liegt in der Aufdeckung einer prinzipiellen Wesensverwandtschaft zwischen Träumen, der Vorstellung des Kindes und der archaischen Menschenrassen. Für ihn existiert in den Bildern des Traumes und der Märchen ein tieferer Sinn, welcher aber ebenso gut in einer bewußten Sprache ausgedrückt werden kann (vgl. von Beit; 1952).

Dies sah C. G. Jung allerdings anders. Er war der Meinung, daß es sich bei diesen Bildern um einen Ausdruck der seelischen Grundstruktur handelt. Diese aktiviere, unbewußt wirkend, die geistigen und triebhaften Funktionen der Seele. Die Kräfte, die jenen Bildern zugrunde liegen, bezeichnet er als Archetypen (auf die Psychoanalyse Jungs soll an späterer Stelle noch genauer eingegangen werden). Der Archetypus an sich ist unbestimmt, er ist also nicht mit einem bestimmten mythologischen Bild identisch. Die Bilder stellen vielmehr eine Einzelgestaltung des zugrunde liegenden Archetypus dar. Das Märchen zeigt den Archetypus in einer relativ reinen Form und verdeutlicht in abstrahierter Form die Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Seele (vgl. von Beit; 1952). Inzwischen existiert eine große Bandbreite an unterschiedlichen Richtungen der Märchenforschung. So gibt es z.B. die literarische Schule, die vor allem an formalen Aspekten der Gattung Märchen interessiert ist, ferner die soziologische oder die feministische Schule. Auf diese soll hier aber nicht weiter eingegangen werden. Für unser Thema sind in erster Linie die Freudsche und die Jungsche Schule der Psychoanalyse für die psychologische Märchentheorie von Bedeutung. Auf diese beiden Ansätze soll im Folgenden näher eingegangen werden.

2. Die Psychoanalyse Freuds

Zum besseren Verständnis der psychologischen Märcheninterpretation soll zuerst eine kurze Einführung in die Vita und die Theorien des Begründers der Psychoanalyse gegeben werden.

Sigmund Freud wurde am 06.05.1856 in Freiberg (Mähren) geboren. Hintergrund für seine späteren Arbeiten bildete das intellektuelle Klima und das soziale Umfeld, in denen er aufwuchs und lebte. Die Forschung in den Bereichen der Biologie und der Physik entwickelten sich auf theoretischen Gebiet Ende des 19. Jahrhunderts extrem schnell. Dies hatte Folgen für die restlichen Wissenschaften, bei denen eine Faszination für Begriffe, wie z.B. Kraft und Eigendynamik, entstand. Gesellschaftlich befanden sich die Menschen in der Viktorianischen Ära, die moralisch sehr streng ausgerichtet war. Vor allem der Bereich der Sexualität war tabuisiert und stellte damit den Bereich der größten zwischenmenschlichen Probleme.

Seine Karriere begann Freud als Doktor der Medizin. Er spezialisierte sich schließlich auf die Physiologie und Neurologie. Während seiner Ausbildung unternahm er eine Studienreise nach Frankreich. Dort entwickelte er ein starkes Interesse an der Behandlung Geisteskranker und seelischer Störungen mit verschiedenen Hypnosetechniken.

Freud stellte fest, daß sich Patienten unter Hypnose an Emotionen und Situationen erinnern konnten, welche offensichtlich bei der Entstehung eines Symptoms mitgewirkt hatten. Gemeinsam mit J. Breuer entwickelte er die Methode weiter und kam zu dem Schluß, „daß das Wiedererleben der gemachten Erfahrung (Katharsis) die eigentliche therapeutische Wirkung hatte […]“ (Neel; 1983: 234). Breuer entwickelte als Ergänzung zur Hypnose die Redekur, bei der vor allem emotionale Dinge besprochen wurden. Da er aber die Auswirkungen dieser Redekur, wie sexuelle Enthüllungen der Patienten und ein starkes emotionales Engagement dieser an seiner Person, nicht ertragen konnte, wandte er sich schließlich von Freud ab. Freud ließ nach einiger Zeit die Hypnose als Therapiemittel fallen und beschränkte sich auf die Redekur. Der Patient schildert seine Gedanken, wobei sich eine Assoziationskette einstellt, die letztlich zum ursprünglich Kern der Probleme zurückführt. Dabei entwickelte Freud das Verfahren des freien Assoziierens, wobei eine Zensur der Gedanken durch den Patienten durch das Verfahren der Traumanalyse umgangen wurde (vgl. Neel; 1983).

Dem Verständnis Freuds von der menschlichen Psyche liegt die Annahme zugrunde, daß jede Handlung eines Individuums darauf ausgerichtet ist, Lust zu gewinnen und Unlust zu verringern. Dabei ist der Begriff der Lust gleichbedeutend mit der Befriedigung von Bedürfnissen oder mit sinnlichen Erfahrungen. Das Motiv einer Handlung ist der agierenden Person aber nicht zwingend bewußt. Ist das Motiv unbewußt, so resultiert aus ihm oft ein absonderliches Verhalten, für das der Handelnde selbst keine Erklärung finden kann. Ein bestimmtes Verhalten wird häufig durch mehrere Triebregungen ausgelöst und folgt daher mehreren Motiven. Diese Vielzahl von Motiven bezeichnet Freud als Überdetermination. Handlungen erfordern einen bestimmten Bedarf an Energie und jedes Individuum ist, laut Freud, mit einer Grundmenge an Energie ausgestattet, die sparsam und sorgsam eingesetzt wird. Sobald die Ökonomie des Energiehaushaltes gestört wird, führt dies zu einer Zuflucht der betroffenen Person „zu einer indirekten Art des Verhaltens“ (Neel; 1983: 239), die als Abwehrmechanismus bezeichnet wird. Entscheidend für das Entstehen späterer Probleme ist, wie eine Person bestimmte Lebensphasen und die mit denen verbundenen Probleme in der Kindheit meistert. Diese Grundsätze Freuds beziehen sich vor allem auf Ereignisse, welche sich vornehmlich außerhalb der bewußten Wahrnehmung einer Person abspielen (vgl. Neel; 1983). Ausgehend von diesen Grundsätzen formulierte Freud seine Theorien über die psychische Struktur des Menschen. Diese unterteilt er in drei Bereiche. Dabei handelt es sich zum einem um das ES, welches in dem Bereich des Unbewußten angesiedelt ist. In ihm wirken unterschiedliche animalische und biologische Triebe sowie Kräfte in ihrer primitiven und nicht-sozialisierten Form. Zweitens handelt es sich um das ÜBER-ICH, welches das Gewissen einer Person darstellt und moralische und ethische Wertvorstellungen vertritt. Es ist zum Teil im Unbewußten und zum Teil im Bewußten der Psyche angesiedelt. Zuletzt gibt es noch das ICH, welches vollständig im Bewußten angesiedelt ist. Es trifft Entscheidungen und fällt Urteile, wobei es vor allem der Selbstkontrolle dient und eine Verbindung zur Realität herstellt. Außerdem ist das ICH bemüht, den Impulsen des ES ein realistisches Ventil zu verschaffen und vergleicht weiter die Anforderungen von ES und ÜBER-ICH mit der Realität. Zusätzlich existiert in der menschlichen Psyche noch das Vorbewußte, welches für neue Informationen aus dem Bewußten weichen mußte, aber ständig verfügbar ist (vgl. Neel; 1983).

Das ES folgt dem Lustprinzip und nimmt dabei keine Rücksicht, während das ICH dem Realitätsprinzip unterliegt und dadurch zur Selbstkontrolle befähigt ist. Diese Prinzipien haben während der Entwicklung einer Persönlichkeit unterschiedliche Stellenwerte. Als Säugling reagiert der Mensch automatisch und impulsiv auf Reize, er folgt also dem Lustprinzip. Nach und nach entdeckt er als Kind, daß es nötig ist, das Verhalten der gegebenen Realität anzupassen, wenn gesellschaftliche Akzeptanz erlangt werden soll. der Mensch beginnt, dem Realitätsprinzip zu folgen. Um aber die Folgen einer Handlung einschätzen zu können, ist die Fähigkeit des Denkens notwendig. Dabei „ist alles Denken eine symbolische Repräsentation von etwas, das aber nicht die Sache selbst ist“ (Neel; 1983: 243).

Von besonderer Bedeutung sind für Freud die Träume. Sie besitzen fast ausschließlich symbolischen Charakter und können darum genutzt werden, um die den Problemen zugrunde liegenden unbewußten Kräfte aufzuspüren. Das ICH lockert im Schlaf seine Kontrolle, wodurch unbewußte Elemente einer Persönlichkeit leichter Ausdruck finden können. Diese unbewußten Elemente werden in Symbole umgewandelt, d.h. in eine für das ICH akzeptable Form gebracht. Freud bezeichnet dies als Traumarbeit, da indirekte Äußerungen von ES-Impulsen dem ICH nicht bedrohlich erscheinen (vgl. Neel; 1983). Wie bereits zuvor erwähnt, geht Freud davon aus, daß jedem Menschen eine Grundmenge an Energie zur Verfügung steht. Er bezeichnet diesen frei verfügbaren Energiebetrag als Libido. Seiner Theorie zur Folge beruhen Emotionen und Motivationen auf dem Prinzip der Freisetzung, Umwandlung und Lenkung dieser Energie, dabei handelt es sich um die sogenannte Kathexis. Freud unterscheidet dabei drei Arten von Motivationen bzw. Trieben:

1. Sexual- oder Lebenstrieb
2. Todestrieb
3. Patrialtriebe (vgl. Neel; 1983).

Die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen vollzieht sich nach Freud während des Durchlaufens verschiedener Phasen. In jedem dieser Stadien kommt es jeweils zu „eine[r] besondere[n] Art von Wechselbeziehung zwischen der vorhandenen psychologischen Struktur, den biologischen Trieben (vor allem den Sexualtrieben) und der Umgebung“ (Neel; 1983: 249). Freud bezeichnet diese Phasen als psychosexuelle Entwicklungsstadien. Die menschliche Entwicklung ist biologisch bestimmt, wobei jede Phase neue Impulse hervorbringt, welche vom Menschen sozialisiert werden müssen. Insgesamt unterscheidet Freud sieben unterschiedliche Phasen, die hier kurz beschrieben werden sollen:

Die menschliche Entwicklung beginnt mit dem Geburtstrauma, welches aufgrund der durchlebten Trennung von der Mutter als erste Angsterfahrung erfahren wird. Darauf folgt die orale Phase, in der der Mensch noch stark abhängig von anderen ist. Der Mund wird als erogene Zone empfunden und das Hauptgewicht liegt folglich auf oralen Tätigkeiten, wie z.B. der Nahrungsaufnahme. An dieses Stadium schließt sich die anale Phase an. Hier wird nun die anale als erogene Zone empfunden. Die Beherrschung der Exkretionsvorgänge steht im Vordergrund, da sich dabei erstmals die Möglichkeit einer Wahl zwischen Erfüllung oder Nichterfüllung der an den Menschen gestellten Ansprüche ergibt. Es folgt die phallische Phase, in der die Genitalien als erogene Zone entdeckt werden und der Mensch bereits relativ unabhängig geworden ist. Die bis jetzt bestehende Liebesbeziehung zum andersgeschlechtlichen Elternteil wird aufgegeben, da es durch Angst vor Rivalität oder Bestrafung zu einer Identifikation mit dem anderen gleichgeschlechtlichen Elternteil kommt. Dessen Moralvorstellungen werden schließlich übernommen und es bildet sich das Gewissen bzw. ÜBER-ICH heraus. Dieser Vorgang wird auch als Ödipus-Komplex bezeichnet. Der Mensch tritt nun in die Latenzperiode ein, in der er sich vor allem auf Gleichaltrige konzentriert und bemüht ist, sämtliche sexuellen Triebe zu unterdrücken. An diese Lebensphase schließt sich die Pubertätsperiode an. Die zuvor unterdrückten sexuellen Bestrebungen erwachen wieder. Dadurch gerät der Mensch in einen Konflikt zwischen seinen Trieben einerseits und der Unterworfenheit gegenüber seinen Eltern andererseits. Das letzte Stadium der Entwicklung stellt die genitale Phase dar. Bei dieser handelt es sich mehr um einen utopischen Zustand, da diesen eigentlich niemand erreicht. Theoretisch gilt man aber bei Erlangung dieser Phase als sexuell, psychisch und sozial reif (vgl. Neel; 1983).

Da aber kaum jemand alle Phasen ohne Probleme durchlaufen kann, kommt es zu abweichenden Entwicklungsmustern. Verbraucht ein Mensch den größten Teil seiner Energie, um eine bestimmte Entwicklungsphase zu bewältigen, so kommt es zu einer sogenannten Fixierung, d.h., er bleibt an dieser haften. Die ES- Impulse stellen stets eine Bedrohung für das ICH dar, da es problematisch für das ICH ist, sie zu bewältigen und/oder sie mit den Anforderungen des ÜBER- ICH in Übereinstimmung zu bringen. In Folge dieses Konfliktes kommt es zu der Entstehung von Angst. Dadurch werden die Impulse in das Unbewußte verdrängt oder es kommt zu einer Kompromißlösung. Diese Lösung besteht in der Herausbildung von Abwehrmechanismen, wie z.B. verstärkte Phantasietätigkeit oder Projektion des Problems, d.h. eine Veränderung vom Zielobjektes des Impulses (vgl. Neel; 1983).

Selbstverständlich sind die Theorien Freuds wesentlich komplizierter, als hier dargestellt. Doch die hier angeführten Erläuterungen sollen auch nur einen kurzen Überblick über die von Freud begründete Psychoanalyse geben, um mögliche psychologische Märchendeutungen besser verstehen zu können.

3. Die Psychoanalyse Carl Gustav Jungs

Carl Gustav Jung wurde 26.07.1875 in Keßwil in der Schweiz geboren und verstarb am 06.06.1961 in Zürich nach kurzer Krankheit. Er entstammte einer intellektuellen Familie und wuchs in Basel auf. Dort absolvierte er auch sein Medizinstudium. Seine Laufbahn als Psychater begann er 1900 an der Universität Zürich. Dort hatte er eine Stelle als Assistent an der Kantonalen Irrenanstalt und psychatrischen Klinik inne und bekleidete kurz darauf die Stelle des Oberarztes. 1905 bekam er dann eine Stelle als Dozent an der Universität Zürich. Zwei Jahre später traf er das erste Mal auf Freud. Durch diese angeregt, fing er an sich intensiv mit den Lehren der Psychoanalyse zu beschäftigen. Dies hatte zur Folge, daß er 1909 seine Karriere an der psychatrischen Klinik der Züricher Universität, um sich vollständig auf seine ärztlich-psychotherapeutische Tätigkeit zu konzentrieren. Von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich eine sehr fruchtbare und enge Bindung zwischen Freud und Jung. Um 1913 kam es allerdings zum Bruch zwischen den beiden, da sich Jung immer weiter von Freuds Theorien entfernte. Um sich von Freud deutlich abzugrenzen, nannte er seine Psychologie fortan „Analytische Psychoanalyse“ und entwickelte seine eigene psychologische Schule (vgl. Jacobi; 1986). Jung ging bei seinen Theorien von den gleichen Ansätzen wie Freud aus. Allerdings entwickelte er eigene Ansätze und Methoden bei der Behandlung seiner Patienten. Er benutzte vor allem vier Untersuchungsmethoden in seinen Therapien. Bei der ersten handelt es sich um die der gerichteten Assoziation. Dem Patienten wird hierbei eine Anzahl von Wörtern genannt, auf die er jeweils mit dem ersten Begriff, der ihm dazu in den Sinn kommt, antworten muß. Die zweite Methode stellt die Symptomanalyse dar. Dabei wird die Bedeutung eines Symptoms für den Patienten untersucht. Dies geschieht durch Assoziationen des Patienten einerseits und Beobachtungen und Deutungen des Analytikers andererseits. Die anamnestische Analyse ist die dritte Methode, bei der bestimmte lebensgeschichtliche Muster analysiert werden. Dies soll auch dem Patienten helfen, „bestimmte Muster und Beziehungen in seinen Handlungen zu entdecken“ (Neel; 1983: 277). Die letzte Methode stellt zugleich auch die von Jung am häufigsten genutzte dar. Bei ihr handelt es sich um die Analyse des Unbewußten, welches für Jung in Träumen, Phantasien und im allgemeinen Verhalten zutage tritt (vgl. Neel; 1983).

Jung unterscheidet nur zwei Typen der Persönlichkeit, den extravertierten und den introvertierten Typ. Diese ergeben sich aus „der Reaktionsweise des Menschen auf das, was an ihn von außen oder innen herantritt“ (Jacobi; 1986: 28). Der extravertierte Mensch ist vor allem an den Objekten und Personen in seiner Umwelt interessiert. Er reagiert auf Reize von außen, ist aber nicht offen für das, was in ihm selbst vorgeht. Im Gegensatz dazu ist der introvertierte Typ hauptsächlich mit dem beschäftigt, was in ihm vorgeht. Von der Außenwelt zieht er sich aber fast vollständig zurück. Er ist also stark subjektiv, der extravertierte Typ objektiv orientiert (vgl. Neel; 1983).

3.1 Jungs Traumdeutung

C. G. Jung beschäftigte sich vor allem mit den Träumen der Menschen, um ihr Unbewußtes zu erforschen. Im Unbewußten befinden sich seiner Meinung nach sämtliche aus dem Bewußten verdrängten Teile und Erfahrungen der Persönlichkeit und auch „alle vergangenen Erfahrungen und Konflikte, die die Menschen im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte durchgemacht haben“ (Neel; 1983: 279). Diese werden von Jung als das rassische oder kollektive Unbewußte bezeichnet. Vererbte Erinnerungen werden als Archetypen bezeichnet. Jung nahm an, daß die Archetypen genetisch angelegt sind und im Bewußtsein eines erwachsenen Menschen durch universale Symbole repräsentiert werden. Diese Symbole tauchen schließlich in religiösen oder mystischen Werken auf, oder aber eben im menschlichen Phantasien und Träumen.

Die Wurzeln des Traumes liegen also zum einen im Unbewußten und zum anderen in Tageseindrücken, die sich noch im Bewußten befinden oder bereits ins Unbewußte abwandern. Die Anordnung der Bilder und Symbole im Traum liegt außerhalb der Kategorien von Raum und Zeit und ist keiner Kausalität unterworfen. Die Ordnung folgt also den gleichen Gesetzen wie die Handlung eines Märchens, wie Ilona Kräutle in ihrer Arbeit beschreibt. Eine Ausnahme davon bilden allerdings die sogenannten Schock- und Reaktionsträume, welche sich auf ein bestimmtes erlebtes Ereignis beziehen und dieses im Traum wiederholen (vgl. Jacobi; 1986).

Der Traum hat nach Jung stets einen ähnlichen Aufbau wie das klassische Drama. So beginnt die Handlung mit der Angabe des Ortes und der Vorstellung der handelnden Personen. Es folgt die Exposition, also die Herausstellung des Traumproblems, das den Inhalt des Traumes aufzeigt. In der Peripetie steigert sich die Traumhandlung zu einem Höhepunkt, der sich in einer Wandlung oder auch einer Katastrophe manifestieren kann. Letztlich folgt die Lysis, die Lösung des Traumproblemes (vgl. Jacobi; 1986). Der Traum folgt somit dem gleichen Schema wie das Märchen. Und ebenso wie die Traumdeutung, muß die Märchendeutung sich der Reihe nach jedem dieser einzelnen Punkte zuwenden, um zu einer vollständigen Deutung kommen zu können (vgl. von Franz; 1986). Um aber ein umfassendes Bild des Inhaltes zu erlangen und so eine vollständige Deutung des Traumes zu erhalten, benötigt man Vergleichsmaterial. Jung nutzte dazu die Amplifikationsmethode. Dabei wird nach ähnlichen bzw. analogen Bildern, wie denen des zu interpretierenden Traumes, gesucht. Diese Methode wird für jedes Element des Traumes angewandt, und so sinnverwandtes Material von Bildern, Symbolen, Sagen, Mythen etc. angesammelt (vgl. Jacobi; 1986). Ebenso wird bei der Märchendeutung vorgegangen, für jedes Märchenmotiv wird zunächst Vergleichsmaterial gesammelt, bevor zu der Deutung des Materials übergegangen wird (von Franz; 1986). Wie bei der Traumdeutung, ist das Wesentliche des Märchens nur erfaßt worden, wenn sich die Deutung komplett für das ganze Märchen durchführen läßt. Also nur, wenn der Sinn nicht nur für ein einzelnes Bild gilt, sondern sich für den gesamten Handlungsablauf feststellen läßt. Dabei haben alle Motive einen festen Platz in der Struktur, ebenso wie im Traum, wodurch sich das Märchen nur als Ganzes deuten läßt (vgl. von Beit; 1952).

4. Zusammenfassung

Wie gezeigt, läßt sich die Existenz von Märchen sehr weit zurückverfolgen. Sie begleiten den Menschen bereits seit Jahrtausenden und sind für die Menschen offenbar von großer Bedeutung, Sonst wären sie sich wohl kaum erhalten geblieben. Dies ist augenscheinlich einer der Gründe, warum sie zum Interesse der Forschung geworden sind. Die psychoanalytische Märchendeutung versucht, die Bilder des Märchens mit den Bildern der menschlichen Träume zu vergleichen und sie ebenso wie diese zu deuten. Die Märchenbilder scheinen den Bildern unseres Unterbewußtseins zu ähneln, sie weisen sogar die gleichen Strukturen auf. Die Psychoanalyse ist bemüht, in den Märchen Problemstellungen zu erkennen, die auch im Unbewußten der Menschen auftreten und sich meist in Träumen manifestieren. Weisen Märchen die gleichen Problemstellungen auf, so sind auch die Problemlösungen der Märchen verwandt mit denen der menschlichen Psyche. So könnten sie eine Hilfestellungen für die Menschen mit ihren Problemen darstellen, wenn man ihre versteckten „Botschaften“ entschlüsselt, ebenso, wie man in der Psychoanalyse Traumdeutung betreibt, um menschliche Probleme aufzudecken und zu lösen.

Quellenangabe

Beit, Hedwig von, „Symbolik des Märchens“. Bern: Francke, 1952.

Dieckmann, Hans, „Gelebte Märchen- Lieblingsmärchen der Kindheit- Mit einem Vorwort von Bruno Bettelheim“. Zürich: Kreuz Verlag AG, 1991.

Franz, Marie-Louise von, „Psychologische Märcheninterpretation- Eine Einführung“. München: Kösel-Verlag, GmbH & Co., 1986 (1970).

Jacobi, Jolande, „Die Psychologie von C. G. Jung- Eine Einführung in das Gesamtwerk- Mit einem Geleitwort von C. G. Jung“. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, 1986 (1971).

Neel, Ann F., „Handbuch der psychologischen Theorien“. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1983 (1969)

Details

Seiten
16
Jahr
2001
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v105755
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2
Schlagworte
Psychoanalytische Märchendeutung Märchen Film

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Titel: Psychoanalytische Märchendeutung