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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie

3. Körper und Körpertherapie bei Wilhelm Reich

4. Grundannahmen der Vegetotherapie
4.1. Charakter und Charakterpanzer
4.2. Körpertherapie und Muskelpanzer
4.3. Orgastische Potenz
4.4. Beispiel „Atemsperre“ und chronische Sympathikotonie in der Genese psychosomatischer Krankheiten

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das ist mir auf den Magen geschlagen“ als Umschreibung für ein unangenehmes Erlebnis oder Gefühl, „vor Angst die Luft anhalten“ oder „die Luft anhalten und bis zehn zählen“ als Beschreibung einer Maßnahme, um Wut oder Erregung zu unterdrücken, sind Formulierungen, die im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet werden und auf einen Zusammenhang zwischen der Psyche und dem Körper des Menschen hinweisen. Dieser Zusammenhang erscheint uns u.a. in Anbetracht des Wissens um psychosomatische Krankheiten heute als selbstverständlich und logisch nachvollziehbar. Als Wilhelm Reich dies um 1930 das erste Mal postulierte und die wissenschaftliche Grundlagen dazu erarbeitete, stieß er auf Unverständnis. Die Entdeckungen Reichs wurden jahrzehntelang nicht beachtet, weil sie vielen klinischen Psychologen, Psychotherapeuten und Medizinern fremdartig erschienen (Petzold 1985, 9).

Die Psychotherapie beschränkte sich in der Zeit vor den wissenschaftlichen Arbeiten Wilhelm Reichs auf die Beschäftigung mit der Psyche des psychisch erkrankten Menschen. Die Kommunikation zwischen Therapeut und Patient fand ausschließlich auf der verbalen Ebene statt. Die körperlichen Reaktionen eines Patienten, wie er Dinge sagte, welchen Gesichtsausdruck oder welche Körperhaltung er dabei hatte, fanden keine Beachtung in der Therapie psychischer Erkrankungen. Wilhelm Reich stellte den Zusammenhang zwischen Körper, Seele und Geist her, er entdeckte feine Zusammenhänge zwischen Abwehrmechanismen des Körpers und der emotionalen Vitalität eines Menschen.

Diese Erkenntnisse und die auf dieser Grundlage entwickelte Vegeto- bzw. die später folgende Orgontherapie Reichs bildeten die Grundlage für viele Körper- und Bewegungstherapien wie die Bioenergetik von Alexander Lowen u.a..

In dieser Arbeit soll es um die grundlegenden Erkenntnisse gehen, die Reich vor allem in den ersten Jahren seiner Tätigkeit als Psychoanalytiker, Lehranalytiker und Wissenschaftler hatte. Dabei wird auf Wilhelm Reichs Verständnis von Körper, auf die Vegetotherapie und bedeutende Begriffe wie Charakterpanzerung, Muskelpanzerung u.ä. eingegangen.

2. Biographie

Wilhelm Reich wurde am 24. März 1897 als Sohn eines jüdischen Gutsbesitzers in Dobrzanica im damaligen Österreich-Ungarn geboren. Privatlehrer bereiteten ihn auf den Besuch des Gymnasiums vor, so dass er zu der Zeit wenig Umgang mit Gleichaltrigen hatte. Seine Mutter beging 1909 Selbstmord, nachdem Wilhelm seinem Vater ihr Verhältnis mit einem seiner Hauslehrer offengelegt hatte. Als sein Vaters 1914 an Tuberkulose starb, übernahm Wilhelm die Leitung des Guts. Nach Abschluss des Gymnasiums trat er in den Militärdienst ein und kämpfte während des ersten Weltkrieges an der italienischen Front. Mit Beendigung des Krieges verlor Reich aufgrund der damit einhergehenden Grenzverschiebungen den gesamten Familienbesitz und konnte, nun mittellos, nicht in seine Heimat zurückkehren (vgl. Müschenich 1995, 11).

Im Jahre 1918 begann Wilhelm Reich an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien sein Medizinstudium und gründete ein Jahr später gemeinsam mit dem späteren Psychoanalytiker Otto Fenichel ein privates „Studienseminar für Sexuologie“ und übernahm dessen Leitung (vgl. Fallend 1988, 78). Reich lernte Freud kennen und beschäftigte sich mit der Theorie der Psychoanalyse. Die Qualität der ersten wissenschaftlichen Beiträge des erst 23jährigen Wilhelm Reichs erregten Aufmerksamkeit, und er wurde in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen und begann mit der psychotherapeutischen Behandlung seiner ersten Patienten. 1922 heiratete er seine Kommilitonin Annie Pink, 1924 und 1928 wurden die beiden Töchter Eva und Lore geboren (vgl. Müschenisch 1995, 12).

1922 promovierte Reich zum Doktor der Medizin und begann seine Facharztausbildung in einer neurologisch-psychatrischen Klinik (vgl. Fallend 1988, 227 ff.). Neben seiner ärztlichen Tätigkeit war er Verfasser zahlreicher theoretischer und klinischer Beiträge zur Psychoanalyse und schrieb Rezensionen für verschiedene psychoanalytische und medizinische Fachzeitschriften. 1925 veröffentlichte er sein erstes Buch „Der triebhafte Charakter“ und 1927 erschien sein Buch „Die Funktion des Orgasmus“. 1930 ging Reich nach Berlin und setzte dort seine Tätigkeit als Psychoanalytiker und Lehranalytiker fort. 1933 erschien sein noch heute als Standardwerk der tiefenpsychologisch orientierten Psychologie betrachtete Buch „Die Charakteranalyse“ sowie die „Massenpsychologie des Faschismus“. Aufgrund seiner Bemühungen, eine Synthese aus Marxismus und Psychologie herzustellen, wurde er 1933/34 aus der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen. Nach der Trennung von seiner Frau und infolge der Machtergreifung der Nationalsozialisten floh Reich nach Skandinavien und erhielt einen Lehrauftrag an der Universität Oslo. Reichs Arbeiten, auf die im weiteren Verlauf dieser Arbeit eingegangen wird, wurden von ausländischen Wissenschaftlern nachvollzogen und bestätigt. Hauptsächlich kommunistische, faschistische und kirchliche Kreisen in Skandinavien sprachen sich jedoch auf zumeist polemische Art und Weise gegen seine Arbeit aus. Zusätzlich zu der sich zuspitzenden politischen Situation in Europa trug dies dazu bei, dass Reich vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges in die Vereinigten Staaten von Amerika auswanderte, wo er als außerordentlicher Professor an der New School for Social Research las. 1940 berichtete Reich erstmals von seiner Entdeckung der Orgonenergie, die die Dynamik organismischer Funktionen regele. 1941 wurde Reich ohne offiziell genannten Grund vom FBI verhaftet und für drei Wochen inhaftiert. Mitte der 40er Jahre wurde er amerikanischer Staatsbürger. 1942 erschien der erste Teil einer zweiteiligen wissenschaftlichen Biographie „ Die Entdeckung des Orgon“, 1948 der zweite Teil.

Ähnlich wie bereits in Norwegen setzte auch in den USA ab 1946 eine große publizistische Kampagne gegen Reich ein, die vor allem von linksliberalen, psychiatrischen und pharmazeutischen Interessensgruppen initiiert wurde. Als Folge daraus begann die oberste, für Arzneimittel und Kosmetika zuständige Bundesbehörde FDA1 gegen Reich und seine Anhänger vorzugehen. Bewaffnete FBI-Agenten erschienen in Reichs Forschungs- und Therapiezentrum „Orgonon“ im Bundesstaat Maine, befragten Patienten und beschlagnahmten Forschungsmaterial. Der darauf 1954 folgenden Gerichtsverhandlung, in der Reich Quacksalberei vorgeworfen wurde, blieb Reich fern. Er forderte den Einsatz einer unabhängigen Forschungskommission, die seine Experimente nachvollziehen und mit ihm erörtern solle. Dennoch wurde per gerichtlicher Verfügung die Vernichtung aller von Reich entwickelten Orgonakkumulatoren und zahlreicher Publikationen Reichs und seiner Mitarbeiter angeordnet. Als Ende 1954 ein weiterer Orgonakkumulatur bei einem Assistenten Reichs entdeckt wurde, kam es 1956 wegen des Verstoßes gegen die erste gerichtliche Verfügung zu einer zweiten Gerichtsverhandlung, bei der Reich in Abwesenheit zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde. Im März 1957 trat Wilhelm Reich seine Haftstrafe, und er starb 60jährig im November des gleichen Jahres. Die offizielle Todesursache lautete Herzversagen. Von 1956 an bis nach Reichs Tod wurden in mehreren behördlichen angeordneten Aktionen tonnenweise Reichs Bücher verbrannt (vgl. Müschenich 1995, 11-21).

3. Körper und Körpertherapie bei Wilhelm Reich

Wilhelm Reich lehnte ausschließlich verbale, indirekte und langzeitige Therapieformen ab (Petzold 1985,194). Seiner Meinung nach greift Psychotherapie ohne Einbeziehung der Körperlichkeit zu kurz. Er verstand den Körper als „phänomenalen“ Körper - als wahrnehmenden, handelnden, fühlenden, denkenden Leib, der den ganzen Menschen ausmacht. Dieses Verständnis beruhte auf der Erkenntnis, dass Übereinstimmungen und Störungen im Erleben und Verhalten des Menschen niemals „nur“ psychische Ursachen haben, da Traumatisierungen körperlich erlebt und gespeichert werden (ebd. 1985, 9/10).

4. Grundannahmen der Vegetotherapie

4.1.Charakter und Charakterpanzer

Die Vegetotherapie Wilhelm Reichs besteht aus der Charakteranalyse und der Körpertherapie, wobei auf letztere im nächsten Abschnitt näher eingegangen werden soll.

Die Charakteranalyse beruht auf Wilhelm Reichs Annahme, dass das Hauptproblem psychischer Erkrankungen in der krankhaft veränderten Charakterstruktur liege. Dementsprechend konzentrierte sich Reich in der Therapie auf die Bearbeitung von Charakterzügen, welche sich ätiologisch häufig auf die Verinnerlichung ehemaliger Symptome zurückführen lassen (vgl. Münsich 1995, 60).

„ Gelegentlich haben sich Symptome im Laufe der Zeit derart in die Gesamtpers ö nlichkeit eingenistet, dass sie Charakterz ü gen ä hnlich werden. So etwa, wenn sich ein Zwangsz ä hlen nur im Rahmen des Ordnungsstrebens auswirkt Solche Verhaltensweisen gelten dann mehr f ü r absonderlich, ü bertrieben als f ü r krankhaft “ ( Reich 1981, 59/60).

Der Charakter ist für Wilhelm Reich die typische Struktur eines Individuums, welche zu einem großen Teil durch Erziehung geprägt wird. Im Wesentlichen sei die Herausbildung des Charakter die Folge des frühkindlichen Konflikts zwischen vitalen Bedürfnissen und deren Beschränkung bzw. Entsagung während des Sozialisationsprozesses. Dabei stellt er die Existenz eines Anteils angeborener bzw. ererbter Reaktionen und Verhaltensweisen nicht in Frage(vgl. Münisch 1995, 61) .

Die eigentliche Grundlage für das Chronischwerden der für die Persönlichkeit charakteristischen Reaktionsweise sei der Charakterpanzer, den Reich 1933 wie folgt beschreibt:

„ Der Charakter besteht in einer chronischen Ver ä nderung des Ichs, die man als Verh ä rtung beschreiben m ö chte. (...) Ihr Sinn ist der Schutz des Ichs vor ä u ß eren und inneren Gefahren. Als chronisch gewordene Schutzformation verdient sie die Bezeichnung „ Panzerung “ . Sie bedeutet klarerweise eine Einschr ä nkung der psychischen Beweglichkeit der Gesamtperson “ (Reich 1970, 174).

Der Charakterpanzer sei dabei aufgrund der Angstbindung einerseits eine Schutzfunktion des Organismus, andererseits verhindere seine Chronizität die spontane Äußerung von Impulsen, die Hingabefähigkeit sowie die flexible, realitätsgerechte Anpassung an die jeweilige Situation. Die Basis der charakterlichen „Panzerung“ sei die Angst vor Kontrollverlust und erzeuge Gleichförmigkeit und Vorhersagbarkeit des Verhaltens. Das individuelle Resultat der Charakterbildung hänge von vielen Faktoren ab, zum Beispiel dem Zeitpunkt der Versagung des Triebes, von den die Entsagung erfahrenen Trieben, dem Geschlecht der Person u.a. (Münisch 1995, 60-62).

Die Panzerung soll als bewegliches Gebilde verstanden werden, dessen Reaktionsweise nach dem Lust-Unlust-Prinzip verläuft (Reich 1970, 174). Der Unterschied zwischen einer realitätstüchtigen (genitalen) und einer neurotischen (pathologischen) Charakterstruktur liege im Grad der charakterlichen Beweglichkeit, sich einer Situation entsprechend der Außenwelt zu öffnen oder abzuschließen. Der entscheidende Aspekt bei der Abgrenzung einer pathologischen Panzerung besteht demnach in der Chronizität und dem Nichts-Angemessen- Sein an die Situation (Reich 1970, 174ff.).

4. 2. Körpertherapie und Muskelpanzer

Aufgrund seiner klinischen Erfahrungen erkannte Reich, dass eine charakterliche Panzerung immer mit einer somatischer Panzerung einhergehe.

„ In der charakteranalytischen Praxis begegnen wir der Funktion der Panzerung auch in Gestalt chronischer, wie erstarrter muskul ä rer Haltungen “ (Reich 1981, 344)

So korreliere die psychische Affektstarre des zwanghaften Charakters, gekennzeichnet durch Umständlichkeit, Pedanterie und Grübelsucht mit dessen körperlicher Erscheinung, die durch Schwerfälligkeit, Ungeschicklichkeit, Disharmonie der Bewegungen und maskenhaften Gesichtsausdruck auffällt. (vgl. Münisch 1995, 72ff.)

„ Jede Erh ö hung des Muskeltonus geht in der Richtung zur Rigidit ä t ist ein Zeichen daf ü r, dass eine vegetative Erregung, Angst oder Sexualit ä t aufgefangen oder gebunden wurde. (...) Bei ä ngstlicher Erwartung ger ä t die Muskulatur in eine Dauerspannung, wenn sie durch keinerlei Motorik abgel ö st wird.(...) Es ist, als ob die Hemmung der Lebensfunktion durch Bildung eines muskul ä ren Panzers um das Innere der biologischen Person erfolgte. (...) dass die k ö rperliche Verkrampfung das wesentlichste St ü ck des Verdr ä ngungsvorgangs darstellt. Unsere Patienten berichten ausnahmslos, dass sie Perioden in der Kindheit durchmachten, in denen sie durch bestimmte Ü bungen im vegetativen Verhalten (Atem anhalten, Bauchpresse) lernten, ihre Hass-, Angst- und Liebesregungen zu unterdr ü cken “ (Reich 1981, 346ff.).

Die Charakter- und Muskel-„Panzerung“ eines Individuums seien funktionell identisch, ontogenetisch simultan entstanden und dienen der Bindung überschüssig generierter, nicht abgeführter Bioenergie. Sie ergänzen sich wechselseitig in ihrer Funktion. So führt die Verdrängung einer Angst oder Erregung zu einer Muskelpanzerung, die wiederum die Grundlage zur dauerhaften Erhaltung der Charakterpanzerung ist. Dabei sind nicht einzelne Muskeln, sondern Muskelkomplexe in Spannung. Die Segmente der Muskelpanzerung ordnete Reich von kranial2 nach kaudal3 in ein okulares, orales, Hals-, Brust-, Zwerchfell-, Bauchfell- und Beckensegment. Die Panzerungen des Körpers dürften nicht isoliert gesehen werden, da sie miteinander agieren und die Funktion eines Panzers sich erst im Gesamtkontext enthülle(vgl. Münisch 1995, 72ff.).

Aufgrund dieser Erkenntnisse erfolgte eine Erweiterung der charakteranalytischen Vorgehensweise um Techniken zur indirekten und direkten Bearbeitung der Muskelpanzerung. Dabei wurde auf emotionale Probleme, deren Charakterzüge und die damit einhergehenden Körperhaltungen aufmerksam gemacht. Reich ahmte seine Patienten nach, um ihnen einen Spiegel vorzuhalten, forderte sie auf sich zu entspannen oder eine Haltung zu verstärken. Er bekräftigte seine Patienten, Situationen durch wütendes Schreien und Schlagen auszuagieren, um eine Entladung der in den Muskeln gespeicherten Energien und dadurch Entspannung und eine emotionale Katharsis4 zu bewirken (Münisch 1995, 72ff.).

Die Vegetotherapie besteht aus der Charakteranalyse und der Körpertherapie. Die jeweilige Gewichtung muss auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden. So liege der Schwerpunkt bei einem „Vielredner“, der intellektuelle Rationalisierungen zur Abwehr benutzt, auf der Körpertherapie und umgekehrt. Die Maßnahmen müssen dabei stets im Kontext der individuellen emotionalen Entwicklung des Patienten gesehen und angewandt werden. Des weiteren darf die Bearbeitung der Charakter- und Muskelpanzerung nicht dem Zufallsprinzip folgen, sondern muss sich nach der dynamischen Wertigkeit des Materials, der Reihenfolge und dem Zeitpunkt der Interventionen in systematischer Weise erfolgen (Müschenich 1995, 78).

4.3. Orgastische Potenz

Das Therapieziel war für Wilhelm Reich die Herstellung der orgastischen Potenz, unter der er die vollständige energetisch-emotionale Entladungsfähigkeit eines Individuums verstand. Die orgastische Potenz kann nur durch behutsame, schrittweise Integration der durch die Panzerung zersplitterten Einzelfunktionen zu einem einheitlichen Funktionieren des Gesamtorganismus führen. Laut Reich kann erst ein ungepanzerter Mensch Gefühle im ganzen Körper empfinden (Münisch 1995, 76ff.).

4.4. Beispiel „Atemsperre“ und chronische Sympathikotonie in der Genese psychosomatischer Krankheiten

Nach Reich steht die charakterliche und körperliche Panzerung für eine energetische Erstarrung des Biosystems, gleichzusetzen mit Krankheit.

Ein zentrales Beispiel für eine auf einer Panzerung beruhenden Störung des physiologischen Gleichgewichts ist die Beeinträchtigung der respiratorischen Motilität5 und der daraus folgende chronisch erhöhte Sympathikotonus6 (Münisch 1995, 99ff).

Wilhelm Reich beobachtete, dass sich der Widerstand gegen den analytischen Prozess physisch in einem unbewussten Atemanhalten äußerte. Nach der Aufforderung, tief zu atmen, fiel der Widerstand zusammen und verdrängte Erlebnisse und Gefühle seien freigesetzt worden. Aufgrund dieser Beobachtungen nahm Reich eine Wechselwirkung zwischen der emotionalen Erregbarkeit und der Atemfunktion an (Lowen in Petzold 1985, 51ff).

Laut Reich ist bei ungepanzertem Menschen ein den ganzen Organismus umfassender physiologischer Atemreflex vorhanden. Dabei komme es am Ende der tiefen Ausatmung spontan zu einer leichten Reklination des Kopfes und das Becken gehe geringfügig nach vorn. Da dieses Phänomen besonders deutlich bei der genitalen Vereinigung auftrete, nannte Reich es Orgasmusreflex. Darunter verstand Wilhelm Reich eine einheitliche Gesamtkörperzuckung, eine Erregungs- und Bewegungswelle vom vegetativen Zentrum über den Kopf, Hals, Brust, Ober-, Unterbauch bis zum Becken und die Beine. Dies sei ein angeborener Reflex, der besonders gut bei Säuglingen und Tierreich zu beobachten, bei Erwachsenen lustfeindlicher Gesellschaften häufig verkümmert sei. Werde diese Welle aufgrund einer Muskelpanzerung aufgehalten, verlangsamt oder gesperrt, sei der Reflex zersplittert. Demzufolge sei die Trennung zwischen Brust- und Bauchatmung künstlich, die Ursache für diese Zersplitterung liege in einer ringförmigen Panzerung (Münisch 1995, 99ff).

Ausnahmslos bei allen neurotisch erkrankten Menschen ließe sich eine tonische Kontraktion des Zwerchfells feststellen, aufgrund derer nur ein abgehacktes und flaches Atmen möglich sei (Münisch 1995, 99ff). Die Einschränkung der Sauerstoffzufuhr bewirke eine Reduzierung der metabolischen Prozesse im Körper und damit ein Absinken des Energiespiegels (Lowen in Petzold 1985, 51). Die Atemsperre sei der Indikator für das Ausmaß der Körperpanzerung: wer weniger bzw. flacher atme, fühle auch weniger. Ratschläge wie „Luft anhalten und bis 10 zählen“ weisen auf die emotionstötende Wirkung der entsprechenden Inspirationshaltung hin. Die Unterbrechung des Orgasmusreflexes durch den Muskelpanzer sei verbunden mit Disharmonie und Uneinheitlichkeit der Körperbewegungen und des Gefühlsausdrucks. Die Abwehr des Orgasmusreflexes bedinge vegetative Störungen wie Verstopfung, Rheumatismus, Ischias u.ä. (Münisch 1995, 99ff).

5. Fazit

Wilhelm Reich war der Erste, der die funktionale Identität des Muskelpanzers und des Charakterpanzers oder auch der Körperhaltung eines Einzelnen und seiner Ichstruktur in das psychoanalytische Verfahren integrierte. Das Konzept der Vegetotherapie erlaubte dem Therapeuten, Persönlichkeitsstörungen aufgrund des Ausdrucks und der Motilität des Körpers zu diagnostizieren (Lowen 1985, 51ff.). Wilhelm Reich legte damit den Grundstein für die Bioenergetische Analyse Alexander Lowens und vieler anderer Körper- und Bewegungstherapien.

6. Literatur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 FDA: Food and Drug Administration

2 Kranial: (biol., med.)1. zum Kopf gehörend 2. zum Kopf hin gelegen, kopfwärts

3 Kaudal: (med.) nach dem unteren Körperende oder dem unteren Ende des Organs gelegen

4 Katharsis: 1. seelische Läuterung, Reiningung 2. (med.) Reinigung von seelischen Konflikten und Spannungen 9

5 Motilität, die (med.): Gesamtheit der unwillkürlichen Muskelbewegungen

6 Sympathikotonie, die (med.): erhöhte Reizbarkeit des sympathischen Nervensystems

Details

Seiten
12
Jahr
2001
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v105587
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Schlagworte
Wilhelm Reich Theorie Praxis Körper- Bewegungstherapien

Autor

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Titel: Wilhelm Reich