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Gaumont. Filmproduktion von 1895 bis zum Ersten Weltkrieg

Hausarbeit (Hauptseminar) 1995 31 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Einleitung

2. Die Firma

3. Die Serials

4. Die Mitarbeiter

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Vorwort

Im Wintersemester 1995/96 arbeitete ich für das Hauptseminar "Die Anfänge des Films in Frankreich, USA und Deutschland" über die französische Filmproduktions- und Filmverleihfirma Gaumont. Mir ging es dabei vor allen Dingen darum, über die bloße Auflistung von biographischen Daten und Jahreszahlen hinauszugehen und die Arbeit der Firma Gaumont nicht losgelöst, sondern im Vergleich zu den anderen damals um Marktanteile ringenden Gesellschaften zu betrachten, um so vielleicht einen kleinen Einblick in die damals in den Kindertagen des Kinos herrschende Aufbruchstimmung zu geben. Auch schien mir von Bedeutung, die Personen vorzustellen, die vorrangig mit dem Namen Gaumont in Verbindung stehen, so natürlich den Gründer Léon Gaumont, aber auch Georges Démeny1, der vornehmlich für die Entwicklung der von Gaumont produzierten und vertriebenen Gerätschaften verantwortlich zeichnete. Desweiteren Alice Guy, die als die erste Filmregisseurin der Welt gilt, und die damals neben ihrer Funktion als Sekretärin die ersten bewegten Bilder für Gaumont realisierte, sowie Gaumonts bekanntesten und "bedeutendsten französischen Regisseur unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg"2, Louis Feuillade, der mit seinem 'Fantômas' und seinen 'Vampires' zwei der ersten Episodenfilme schuf.

So werde ich in meinen Ausführungen zunächst in einer Einleitung auf Léon Gaumont, den Gründer der Firma Gaumont eingehen, um im Folgekapitel die Firmengeschichte mit den wichtigsten Ereignissen eingehender darzustellen. In einem Kapitel werden dann speziell die von Gaumont in den 10er Jahren produzierten und von Louis Feuillade inszenierten Serienfilme dargestellt. Danach möchte ich schließlich noch in drei Biographien die wichtigsten Mitarbeiter der Firma vorstellen, Alice Guy, Georges Démeny und Louis Feuillade.

1. Einleitung

Als am 28. Dezember 1895 die Gebrüder Lumière in Paris im Indischen Salon des Grand Café am Boulevard des Capucines ihren Kinematographen der Öffentlichkeit präsentierten, wollte zunächst niemand so recht glauben, daß diese zugegeben sensationellen bewegten Bilder jemals den Siegeszug antreten würden, den sie in der nunmehr hundertjährigen Geschichte des Films wirklich beschritten haben, und es hätte einen sicherlich jeder für verrückt erklärt, dem man hätte weismachen wollen, daß das Kino im Laufe des 20. Jahrhunderts zu dem Leitmedium schlechthin würde, zu einer einzigartigen "Verbindung aus Technologie, Kommerz und Ästhetik"3. Unter dem Publikum jener Vorführung befand sich neben einer Menge Skeptikern auch ein 31jähriger Fabrikant von optischen und photographischen Geräten. Sein Name war Léon Gaumont. Er war so fasziniert von der Präsentation der beiden Brüder, daß er beschloß, seine industriellen Anstrengungen in Zukunft nur noch in Richtung dieser neuen Form der Unterhaltung zu lenken. Der Mann soll nun erst einmal näher vorgestellt werden.

Léon Gaumont wird im Jahre 1864 (a.Q. 1863) in Paris als Sohn von Auguste Gaumont und Marguerite Dupenloup geboren. Er ist ein sehr guter Schüler, besonders in den Naturwissenschaften, und nur die Tatsache, daß sein Vater nicht vermögend genug ist, um seinem Sohn eine Weiterbildung zu ermöglichen, hindert den jungen Mann daran, eine Ingenieursschule zu besuchen. Das ist für ihn aber kein Grund, sein Wissen nicht zu vergrößern, und Léon beginnt, Abendkurse an verschiedenen Instituten zu besuchen. Durch den Direktor des Observatoriums am Trocadéro kommt er in Kontakt mit Jules Carpentier, einem Fabrikanten von Ferngläsern, dessen Sekretär er wird.4 Diese Arbeit ist aber eher unbefriedigend für Gaumont, da Vorschläge von ihm als jungem Mann ohne Berufsabschluß meist nicht gehört oder zumindest nicht ernst genommen werden. Dadurch wächst in ihm schon früh der Wunsch auf eine eigene Firma.

Nach dem Militärdienst, den er im Range eines Majors verläßt, lernt Léon Gaumont Henry Maillard kennen, dessen Tochter Camille er 1888 heiratet. Durch sie kommt er an ein 200 m² großes Grundstück in der Rue des Alouettes auf den Buttes- Chaumont. Und über Carpentier gewinnt er die Bekanntschaft von Max Richard, dem Besitzer des 'Comptoir Général de la Photographie'. Im Jahre 1893 wird Gaumont zunächst Prokurist und später Direktor dieser Firma. Durch einen Prozeß zwischen Max und Jules Richard5, bei dem letzterer seinem Bruder die Produktion photographischer Geräte verbietet, kommt Gaumont in die Lage, die Firma zu übernehmen. Diese Gelegenheit läßt er sich nicht entgehen und so wird das 'Comptoir' im Jahre 1895 in 'Société en commandite Leon Gaumont & Companie' umbenannt. Die Firma produziert zunächst optische und photographische Geräte, unter anderem Taschenkameras, sogenannte 'block-notes'.

Als dann am 28. Dezember desselben die Jahres eingangs beschriebene Präsentation stattfindet, ist auch Gaumont unter den Besuchern. Er ist mit seiner jungen Sekretärin Alice Guy gekommen, die den Abend später in ihrer Autobiographie beschreiben wird:

"Gaumont [wurde] von zwei langjährigen Freunden aufgesucht: von Auguste und Louis Lumière. Sie waren gekommen, um ihn zu einer Vorführung ... einzuladen, wo die beiden Brüder einen neuen, von ihnen entwickelten Apparat vorstellen wollten »Sie werden sehen«, sagten sie, »es ist eine Überraschung.« Unsere nunmehr geweckte Neugierde sorgte dafür, daß wir bei der Vorführung nicht fehlten.

Als wir ankamen, war bereits ein weißes Tuch an einer Wand des Saales angebracht worden. Auf der gegenüberliegenden Seite hantierte einer der beiden Brüder an einem Apparat, der wie eine Laterna magica aussah. Es wurde dunkel und plötzlich sahen wir auf dieser behelfsmäßigen Leinwand die Fabrik Lumière. Die Tore öffneten sich und heraus strömten gestikulierende, lachende Arbeiter, die entweder die Wirtschaft oder ihre Unterkunft ansteuerten Wir erlebten hier die Geburtsstunde des Kinos."6

2. Die Firma

Durch diese Vorstellung nachhaltig beeindruckt und abschätzend, welche Möglichkeiten das neue Medium bieten wird, entscheidet sich Léon Gaumont sofort dazu, in Zukunft an der Produktion von Filmprojektionsapparaturen zu arbeiten. Und ab 1896 wird also in den Ateliers in der Rue des Alouettes der sogenannte 'Chronophotographe' gebaut und ein Jahr später der Öffentlichkeit vorgestellt. Den Apparat erfunden und entwickelt hat der Tüftler Georges Démeny, in früheren Jahren Assistent des Physiologen Étienne-Jules Marey. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung des 'bioscope', das sich Démeny 1893 patentieren ließ. Diese Patente hat Léon Gaumont 1895 erworben und Georges Démeny in der Firma angestellt. Dieser arbeitet nun mit dem Chefingenieur der Firma, L.-R. Decaux zusammen. Beim Chronophotographen handelt es sich wie beim Kinematographen der Gebrüder Lumière um ein Gerät, das sowohl zur Aufnahme bewegter Bilder wie auch zur Projektion derselben geeignet ist.

Da es aber bei der Flut allzu ähnlicher Systeme, mit der der Markt überschwemmt ist, sehr schwierig ist, die Apparate zu verkaufen, werden, auch zu Werbezwecken und um den Käufern die neue Erfindung schmackhaft zu machen, ab dem Jahre 1897 von der Firma auch kleinere Filme hergestellt, bei denen es sich anfangs allerdings einzig um sogenannte 'scènes documentaires' handelt, also um nicht inszenierte Streifen, die einfach zufällige Geschehnisse oder Landschaften abbilden, so wie der erste Film der Firma Gaumont, 'Boulogne-sur-Mer', der äußerst erfolgreich ist. Anfangs bleibt aber der Hauptzweig der Firma die Fabrikation und der Vertrieb technischer Geräte, da die Filme noch keine regelmäßige Einnahmequelle darstellen. Auch ist die Firma für solcherlei vergleichsweise aufwendige Vorhaben mit einem Stab von nur zwölf Mitarbeitern zu klein.

Um die Firma zu vergrößern und um größeres Kapital zu beschaffen, verbündet sich Léon Gaumont mit der finanzkräftigen Banque Suisse et Française und mit einflußreichen Persönlichkeiten wie dem Ingenieur Gustave Eiffel und dem Direktor des Observatoriums vom Mont-Blanc, Joseph Vallot. Und im gleichen Jahr schlägt ihm seine eloquente junge Sekretärin Alice Guy, 'Mademoiselle Alice', vor, doch auch 'richtige', sprich inszenierte Filme zu produzieren. Der 'Chef' akzeptiert "unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ich darüber nicht meine Aufgaben als Sekretärin vernachlässige."7 Damit ist sie mit George Méliès die erste Person, die gespielte Szenen realisiert und auf Zelluloid festhält. Für Gaumont inszeniert sie insgesamt ca. 370 Filme.

Im Jahre 1898 wird in London die britische Filiale der Gaumont eröffnet, unter dem Namen 'Gaumont Film Company' und unter der Leitung von A.C. Bromhead. Später wird sie umbenannt in 'Gaumont Ltd.'. Bei dieser Niederlassung handelt es sich vor allen Dingen um eine Vertriebsgesellschaft für französische, aber auch ausländische Filme. Später entsteht auch eine eigene Filmproduktion mit beispielsweise Alfred Collins oder Walter Haggar als Regisseuren. Eine Wochenschau wird auch eingerichtet, im Jahre 1910 mit dem Namen 'Gaumont Graphic'. Später, in den Jahren 1911/12 entsteht sogar eine eigene Kinokette. 1914 baut man in Shepherd's Bush ein eigenes Studio und 1915 ein weiteres in Lime Grove. Im Jahre 1927 schließlich trennt sich Gaumont von der Filiale auf der Insel und sie wird, unter Verwendung des ursprünglichen Namens, in 'Gaumont British' umbenannt.8

Zurück nach Frankreich: durch die Weltausstellung in Paris im Jahre 1900 kann das Kino erstmals ein größeres Publikum erreichen. "Es ist das erklärte Ziel der Ausstellung, testamentarischer Vollstrecker des vergangenen und Prophet des beginnenden Jahrhunderts zu sein. Dem Kino als Symbol dieser neuen Zeit soll ein gebührender Platz eingeräumt werden."9 Alle größeren Firmen, so auch Gaumont, stellen ihre Apparate und andere Gegenstände aus. Es ist geplant, unterhalb des Eiffelturms eine riesige Leinwand aufzustellen, die beidseitig vom Trocadéro und vom Marsfeld aus zu betrachten sein soll. Aufgrund technischer Schwierigkeiten geht man dann aber dazu über, die etwa 400 m² große Leinwand im Festsaal der Ausstellung aufzubauen. Hier werden dann die 326 Vorstellungen von insgesamt 1,5 Mio. Menschen gesehen.

Es geht nun darum, "dem Publikum mehr oder minder ausgewachsene 'Dramen' und Lustspiele zu bieten, statt der paar Meter irgendwelcher Bewegungsvorgänge, mit deren Verfilmung man sich in der allerersten Frühzeit begnügte."10. Durch die Tatsache, daß die Gebrüder Lumière ihre Filmproduktion aufgeben11, kann Gaumont seine

Marktposition auf dem Gebiet der 'édition cinématographique', wie es noch genannt wird, stärken. Die Firma wird weiter vergrößert und im Jahre 1903 wird das Firmenlogo mit der Gänseblume beim Patentamt angemeldet. Es soll künftig auf jedem Apparat, der die Firma verläßt, erscheinen. Und da die Filme noch keinen Vorspann aufweisen, soll hier das Zeichen in irgendeiner Szene im Film erscheinen, sei es auf einer Wand oder auf einem Teller oder auf sonst irgend einem Gegenstand.

Ebenfalls 1903 wird das 'Chronophone' vorgestellt, an dem Gaumont mit dem Ingenieur Georges Laudet bereits seit geraumer Zeit arbeitet12. Hier versucht man zum ersten Mal, Töne mit Bildern zu verbinden. "Der von Schauspielern gesprochene Text wird aufgenommen; anschließend spielen sie zum 'Playback' der Aufzeichnungen auf dem Zylinder die Szenen mit Gesten und Lippenbewegungen nach."13 Aber die neue Erfindung dient auch anderen Zwecken. Zum einen sucht man beispielweise durch Klavierbegleitung die dramatischen Effekte der Bilder zu verstärken, zum anderen versucht man aber auch, ganz banal und durchaus verständlich, den Lärm des Projektors zu übertönen. Gaumonts Vorherrschaft in Europa auf dem Gebiet der Tonbilder ist unumstritten, selbst sein größter Konkurrent Pathé kann dem nichts entgegensetzen. Gaumont allein sorgt für einen Fortschritt in diesem Sektor, dadurch daß seine Apparatur im Laufe der Jahre weiterentwickelt wird. Am 27. Dezember 1910 stellt Léon Gaumont sie der Akademie der Wissenschaften vor:

"Das von Frély entwickelte elektrische Tonaufnahmeverfahren ermöglichte den Einsatz von Mikrophonen und damit die Anwendung der Simultanaufnahme. Weiter besaß das Modell eine Zweiteller-Wiedergabeapparatur, bei der durch Kontaktwechselwirkung der zweite Plattenteller sich automatisch in Bewegung setzte, wenn der erste am Ablaufen war und zur Lautverstärkung benutzte Gaumont eine von Laudet weiterentwickelte Verstärkereinrichtung, das "Elgéphone", das nach dem Orgelprinzip mit einer Preßluftregulierung arbeitete. Bei der Namensgebung kehrte Gaumont zur ursprünglichen Modellbezeichnung zurück und nannte das neue System 'Chronophone'".14

Im Jahre 1905 wird auf dem Grundstück in der Rue des Alouettes das 'Théâtre Cinématographique Gaumont' gebaut. Dies ist zu diesem Zeitpunkt das größte Studio Europas mit einer Länge von 30 Metern und einer Höhe von 43 Metern. In einer Presseveröffentlichung heißt es:

"Das von uns nach völlig neuen Erkenntnissen erbaute Theater wird dank modernster Technik und kolossaler Bühnenausmaße neben Lustspielen und Volksstücken auch die Aufführung großer Bühnenstücke ermöglichen, nach denen die Nachfrage wächst "15 "Die Bühne wurde errichtet, um selbst einer Gruppe Elefanten standzuhalten. Eine Rampe erleichtert die Zufahrt für Lastwagen. Eine Reihe von Laufwerken und Klapptüren erlaubt es, alle für die Märchenstücke nötigen Dinge in zwei unter der Szene befindlichen Kellergeschossen unterzubringen." (Übers. d. Verf.)16

1906 gründet man die 'Société des Établissements Gaumont', Präsident wird Pierre Azaria von der 'Companie Générale d'électricité'. Man vergrößert sich, die Vergrößerung äußert sich auch dadurch, daß die erwähnte Banque Suisse et Française stärker in das Firmengeschäft einsteigt. Zum ersten Mal kann man bei der Firma 'Gaumont' von einem Industrieunternehmen sprechen, sie wird neben Pathé zur zweitgrößten Filmfabrik Frankreichs, die Gänseblume zum größten Konkurrenten des Gallischen Hahns. Die Firma beschäftigt mehrere Regisseure, unter anderen Léonce Perret17, Jean Durand, Emile Cohl, der 1907 den ersten Zeichentrickfilm der Welt realisiert18, und Henri Fescourt. Viele neu eingestellte Mitarbeiter werden von Alice Guy ausgebildet, so z.B. Étienne Arnaud und Louis Feuillade, der seit 1905 bei Gaumont tätig ist und 1907 schließlich zum Künstlerischen Direktor und damit zum Hauptregisseur der Firma wird. Er ist damit Nachfolger von Alice Guy, die 1906 mit 'La vie du Christ'19 ihren letzten Film in Frankreich inszeniert und danach zunächst nach Berlin und dann in die USA geht. In dieser Zeit sind französische Filmfirmen weltweit marktführend, sie kontrollieren beispielsweise auch 90% des deutschen Filmmarktes. "Statistiker haben errechnet, daß Deutschland allein bis zum Jahre 1914 französische Filme im Werte von mehr als fünf Milliarden bezog, daß also der Gesamtbetrag, den Frankreich im Jahre 1871 als Kriegsentschädigung zahlte, aus deutschen Kinokassen nach Frankreich zurückfloß".20

Im Jahre 1907 werden 'Zwischentitel' eingeführt, die in die Filmstreifen eingeschnitten werden und die es überflüssig machen, daß ein Ansager den Gang der Handlung erklärt. Ebenfalls wird es ab 1908 langsam üblich, die Filmstreifen nicht mehr wie bisher zu verkaufen, sondern zu verleihen. Laut Charles Pathé sind Filme schließlich "literarisches und künstlerisches Eigentum"21. Außerdem können die Firmen so die Verteilung der Streifen besser überwachen, da diese meist nur Kunden verliehen werden, die den Firmen persönlich bekannt sind. Gaumont übernimmt das neue System 1910, dazu wird eigens eine Tochtergesellschaft gegründet, das 'Comptoir Ciné-Location' mit Edgar Costil als Direktor. Dieses Unternehmen ist für den Vertrieb der Filme und für die Organisation der firmeneigenen Lichspielhäuser verantwortlich. Man will so die Einnahmen direkt an den Kinokassen kontrollieren. Im Februar 1909 übernimmt Léon Gaumont zusammen mit Méliès, Vaudal und Pathé sowie zwei weiteren Mitarbeitern dessen Firma den Vorsitz eines Filmkongresses, bei dem es um Verhandlungen zwischen Fabrikanten und Theaterbesitzern geht.

Eines der firmeneigenen Lichtspielhäuser wird am 1. Oktober 1911 eingeweiht. Es ist das 'Gaumont Palace' an der Place de Clichy, und es ist mit 3400 Sitzplätzen das in dieser Zeit größte Kino der Welt.22 Für das Gebäude ist das Hippodrome umgebaut worden, das 1900 für die Weltausstellung entstanden war. Das 'Palace' ist ungewöhnlich prunkvoll eingerichtet, es gibt eine livrierte Dienerschaft, einen Empfangschef und vieles mehr. Das Programm der Abende besteht aus kleineren Filmchen, z.B. kleine 'scènes documentaires', einem Wochenschauprogramm namens 'Gaumont Actualités', das es seit 1910 gibt23, und einem Hauptfilm, am Eröffnungsabend 'La Tare' (Der Makel) von Louis Feuillade mit Renée Carl in der Hauptrolle. Zwischen den einzelnen Filmen werden kleinere artistische Darbietungen zum Besten gegeben, ein großes Orchester spielt. Der Eintritt kostet, je nach Platz, zwischen 50cts und 18F.

Die Filme der Firma Gaumont werden mit der Zeit künstlerisch ausgereifter, man hat Streifen verschiedenster Arten im Programm. Die Filme werden angekündigt als:

"Artistique, antique, aventureux, biblique, comique, comique à trucs, contemporain, dramatique, français, historique, moderne, mondain, moral, pathétique, patriotique, religieux, sensationnel, sentimental, superbe, vaudevillesque."24

Im Vordergrund der Filme steht allerdings nach wie vor die Wirtschaftlichkeit, und die Regisseure sollen darauf achten, bei allem künstlerischen Anspruch möglichst preiswert zu arbeiten. Sie sind angehalten, nicht mehr als acht Francs pro belichtetem Filmmeter auszugeben.25 Dekorationen und Kulissen werden nicht aufwendig von Szenographen entworfen und gebaut, sondern einfach nur gemalt. Und wenn ein Film Statisten benötigt, werden diese aus dem Mitarbeiterstab genommen. Um aber noch effektiver arbeiten zu können, geht man mit der Zeit dazu über, feste Drehstäbe zu bilden. Jeder Regisseur hat seine eigene Crew. 1912 werden die Schauspieler auch erstmals namentlich in einem Vorspann genannt, was für die Zuschauer einen gewissen Wiedererkennungswert besitzt und dazu führt, daß sich erste Stars entwickeln. Und da Stars bekanntlich die Massen in die Kinos locken, werden mit vielen gleich ganze Serien gedreht. Jede Serie hat eine immer wiederkehrende Figur - als Identifikationsperson für das Publikum - die dann in den Filmen jeweils verschiedene Dinge erlebt oder Abenteuer besteht.

Einer der Stars ist Joe Hamman. Angeblich einmal wirklich Cowboy gewesen, ist er Held vieler Western, die in dieser Zeit sehr beliebt sind. Von Jean Durand stammt eine Serie von Filmen unter dem Obertitel 'Scènes de la vie de l'Ouest américain' (1911). Sie heißen u.a. 'Cent dollars mort ou vif', 'Pendaison à Jefferson City' oder 'Le Railway de la mort'. Ebenfalls sehr beliebt sind Kinderstars wie René Dary und René Poyen in der 'Bébé'-Serie (1910-13) von Louis Feuillade wie 'Bébé adopte un petit frère' (1912). Eine andere Kinderserie ist 'Bout-de-Zan' (1913/14), ebenfalls mit René Poyen und ebenfalls von Feuillade. Ein Schauspieler namens Ernest Bourbon ist Star in insgesamt 46 Filmen für Gaumont wie z. B. der 'Onésime'-Serie (1912/13) von Jean Durand mit Titeln wie 'Onésime debute au théâtre' (1913).26 Und nicht zuletzt will das Publikum komische Filme sehen und jede Firma hat einige Talente unter Vertrag, so auch Gaumont, die bereits 1907/08 mit Roméo Bosetti eine Serie produziert hat, die allerdings nicht so erfolgreich gelaufen ist wie jetzt 'Calino' (1909-11) mit Clément Migé, einem vom Zirkus kommenden Artisten.27

Gaumont ist in dieser Zeit mit seinen Filmen kommerziell äußerst erfolgreich. Léon Gaumont hat ein feines Gespür für die Vorlieben des Publikums. Für die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter weniger. Er führt sein Unternehmen mit strenger, fast tyrannischer Hand. Laut Henri Fescourt herrscht in der Firma eine unerbittliche Organisation und fast klösterliche Regeln. Auf der anderen Seite attestiert der Regisseur dem Firmeninhaber einen starken Willen, ein Vertrauen in den Fortschritt und einen gewissen Spielerinstinkt28 Die Firma expandiert weiter. Im Jahre 1912 wird in New York die Gaumont Company gegründet. Auch wird das 'Chronochrome' vorgestellt, bei dem es sich um ein von Camille Lemoine entwickeltes Verfahren zur maschinellen Einfärbung des Filmmaterials handelt. Es ist ein Objektiv, das die drei Grundfarben auf das Filmband projiziert.

Wegen der stark angestiegenen Anzahl der Drehstäbe werden ein Jahr später in Cimiez bei Nizza große neue Studios mit einer Gesamtgröße von ca. 10.000 m² gebaut, genannt 'La Victorine'. Die Auswahl des Ortes so weit von Paris entfernt hat mehrere Gründe. Zum einen findet man im Süden Frankreichs bessere Lichtverhältnisse vor, so daß man vielfach auf künstliche Beleuchtung verzichten kann. Außerdem ist hier das Klima milder und die Filme können insgesamt preiswerter produziert werden. Aber auch die Pariser Studios auf den Buttes-Chaumont, wegen ihrer Größe inzwischen 'Cité Elgé' genannt, werden weiter ausgebaut. Die Ateliers bestehen aus einem Gerätepark, aus Labors, Schneidereien, Schreinereien, Malerwerkstätten und Schlossereien. Ferner gibt es neben den großen Studiohallen Lagerhallen verschiedener Größe, wo Requisiten aller Art aufbewahrt werden. Außerdem existieren Druckereien, Büros für die Verwaltung und die Lektorate, und zu allem Überfluß ist sogar ein kleiner Tierpark auf dem Gelände. Insgesamt wächst der Platz, den man zur Verfügung hat, bis 1924 auf 25.000 m².29 Studios oder Vertretungen werden gegründet in Montréal, London, Moskau, Wien, Budapest, Barcelona, selbst in Calcutta und Saigon hat Gaumont Filialen. Das Stammkapital der Firma steigt von 900.000F im Jahre 1904 auf 3 Mio.F im Jahre 1912.

"Noch kurz vor Kriegsbeginn mußten Pathé Frères ihre Spitzenstellung an die beiden Wettbewerbsfirmen Gaumont und Éclair abgeben; aber alle drei befaßten sich nunmehr mit einer Ausdehnung ihrer Verleihtätigkeit und richteten eigene Vermittlungssnetze ein Die Krisen, die der französische Film in dieser Zeit durchzukämpfen hatte, waren auf eine gewisse Filmmüdigkeit zurückzuführen und auf einen Mangel an befriedigenden Sujets. Entsprechend der französischen Mentalität strotzten die französischen Filme anfangs von überbetonter Lebhaftigkeit und falschem Pathos, erst später kristallisierte sich daraus das geistvolle Unterhaltungsstück mit Charme und Witz."30

Man sucht also neben der Ausdehnung ins Ausland nach neuen Möglichkeiten der filmischen Gestaltung, die die Massen wieder in die Lichtspielhäuser führen sollen. Neben der 'Film d'Art'-Bewegung unter der Leitung von Pathé und der Comédie Française31 und der Gründung einer 'Société Cinématographique des Auteurs et Gens de Lettres' (SCAGL) - es geht vor allen Dingen um Adaptationen von Romanen und Klassikern der Literatur - sind hier die neuen Episodenfilme zu nennen.

"Eine direkte Reaktion auf die ästhetisierenden, schwülstigen und schöngeistelnden Produkte der Film d'Art und anderer Gesellschaften ... war eine Filmserie der Gesellschaft Gaumont ... unter dem Titel 'La Vie telle qu'elle est' (Das Leben, wie es ist) [von Louis Feuillade] Feuillade begriff, daß die historischen Dramen den Kinobesucher kaum interessierten, besonders wenn man sie in theatralischen Übertreibungen wiedergab. Der Film hatte sich seine Popularität gerade durch seine Lebensnähe errungen. Die Kopie des Theaters verbarg diesen Haupttrumpf."32

Die 'Scènes de la vie telle quelle est' (Szenen aus dem Leben, wie es wirklich ist), die Feuillade - inspiriert vom Theater-Naturalisten André Antoine - in den Jahren 1911/12 dreht, sind eine lose Reihe von Filmen, die im Gegensatz zu Serien anderer Firmen auf einen zentralen Charakter verzichtet, und statt dessen von Leuten aus den unterschiedlichsten aber alltäglichen Milieus handelt.33 Sie soll das Leben realistisch in seiner ganzen Natürlichkeit zeigen. "Gaumont's stated intention here was to create 'slices of life' in specific social milieus or situations, as simply and starkly as possible, representing 'people and things as they are and not as they should be.'"34 Im Jahre 1913 dreht Louis Feuillade, zusammen mit seinem neuen Bühnenbildner Garnier und seinem neuen Kameramann Guérin das Serial 'Fantômas', welches äußerst erfolgreich läuft und einen regelrechten 'Krieg der Serials' zwischen den beiden großen Konkurrenten Gaumont und Pathé auslöst.35

Im Ersten Weltkrieg beteiligen sich Gaumont und die anderen Firmen an der Kriegsberichterstattung. Die französische Bevölkerung möchte über die Geschehnisse an der Front Bescheid wissen, und die Wochenschauen sind ein gutes Forum für die Nachrichten von den Kriegsschauplätzen. Die Produktion der Nachrichtenfilme gestaltet sich jedoch äußerst schwierig, da die Firmen durch eine 1916 ins Leben gerufene Filmkontrollkommission stark mit der Zensur zu kämpfen haben. Außerdem wirkt sich der Krieg natürlich auch auf die heimische Produktion aus, die aber trotzdem, auf 'Sparflamme', aufrecht erhalten werden kann. Von der Firma Gaumont werden im Laufe der Kriegsjahre etwa 2100 Mitarbeiter eingezogen, unter anderen auch Feuillade im März 1915. 200 Firmenangehörige aber kehren entweder nicht wieder zurück oder werden verletzt.

Um nicht gänzlich unterzugehen, steigt man in die Militärproduktion ein. Um aus dem Krieg wenigstens einen kleinen Nutzen zu ziehen, verlegt man sich auf die Herstellung von Apparaten für drahtlose Telegraphie, Beobachtungskameras und Peilgeräten. Auch werden Propagandafilme produziert, und sie tragen Titel wie 'Francaises veillez!', 'Les Héros de l'Yser' oder 'Mort au champ d'honneur'.36

3. Die Serials

Die Serienfilme in Frankreich entstehen unter dem Einfluß des 'roman policier'. Der erste französische Regisseur, der Filme dieser Art herstellt, ist Victorin Jasset, ein ehemaliger Maler und Dekorateur, bis 1906 bei Gaumont, der jetzt als Produktionsdirektor für Éclair arbeitet und im Jahre 1908 für selbige Firma die Abenteuer des amerikanischen Helden Nick Carter adaptiert. Er behält den Originalnamen bei, verlegt die Aktionen aber nach Paris und Umgebung und dreht insgesamt sechs in sich abgeschlossene Episoden. Jasset gilt als Erfinder der Serials, geht aber auch bei Dramaturgie und Inszenierung neue Wege. Er bevorzugt eine romanhafte Erzählform ('ciné-roman') anstatt theaterhafter Inszenierung. Serienfilme sind im übrigen preiswert zu produzieren, man benötigt nicht ständig neue Kulissen und auch die Schauspieler kehren immer wieder. Dies kommt auch dem Publikum entgegen, das die 'films à épisodes', wie sie in Frankreich genannt werden, erwartungsgemäß begeistert aufnimmt. Für die Zuschauer ist es bequem, da sie sich nicht ständig an neue Figuren gewöhnen müssen.

In den Serienfilmen geht es auch, und das ist für das Publikum sicher auch von Reiz, meist weniger "um Verbrechen und Kriminalität als um Abenteuer, Luxus, Tempo, Technik und urbanen 'modernen' Lebenssstil."37 Allerdings sind die Filme auch ein Produkt ihrer Zeit, mit ihren vorwiegend kriminalistischen Themen eine Reaktion auf das reale Leben. Im Frankreich der 10er Jahre sind die sozialen Spannungen gewachsen. Das Land wird von einer gewaltigen Streikwelle erschüttert, gegen die Ministerpräsident Aristide Briand brutal vorgeht. Dadurch werden die Differenzen zwischen den politischen Lagern verstärkt. In diesen Tagen wird Frankreich von den Raub- und Banküberfällen der 'Bande á Bonnot' heimgesucht, die unter der Führung des 34jährigen Mechanikers Jules Bonnot Aufsehen erregt und sich vor allem gegen die Bourgeoisie auflehnen will. Die schließliche Verhaftung der Bandenmitglieder bzw. der Tod des Bandenchefs ist ein äußerst medienwirksames Ereignis und kann am Medium Film nicht spurlos vorbeigehen. Jasset dreht 1912 für die Serie 'Les Batailles de la vie' zwei Folgen über die Bonnot-Bande, 'La Bande de l'auto grise' und 'Les Hors-la-loi'.

"Das soziale Klima Frankreichs muß ... von einer kollektiven Psychose beeinflußt worden sein, die es ermöglichte, zwischen den Polen realer Ereignisse á la Bonnot und fiktiver Serienhelden eine Koexistenz herzustellen. Das Klima anarchischer Gewalttaten prägte das öffentliche Leben und wurde vom Film reflektiert Die beinahe surrealen Einbrüche von Gewalt und Anarchie ins tägliche Leben, Explosionen von Bomben und im Auto flüchtende Banditen sind die realen Entsprechungen fiktiver filmischer Situationen, Erzählungen und Erfindungen, die im Serienfilm gepflegt werden."38

Louis Feuillade, der 1911-12 die Serie 'La vie telle qu'elle est' meist an Originalschauplätzen realisiert hat, dreht dann 1912/13 zunächst eine Reihe von Filmen in loser Folge mit der Detektivfigur Jean Dervieux (René Navarre) und dann schließlich in den Jahren 1913/14 'Fantômas' in fünf Filmen. Diese Filme sind wiederum in Einzelteile unterteilt.39. René Navarre spielt den Fantômas. Diese Verbrecherfigur ist eine Schöpfung der Journalisten Pierre Souvestre und Marcel Allain, die bis 1914 für den Verlag Fayard 32 Fantômas-Romane schreiben. Léon Gaumont hat für 6000 Francs die Rechte an den Geschichten erworben - Pathé hat vorher bereits 2000 geboten - und die folgenden Verfilmungen sind exakte Adaptationen ihrer Vorlagen.

"Feuillade griff die unterschwelligen kollektiven Tendenzen sozialer Unruhe, anarchistischer Gewalt und latenter Bedrohung auf, deren Symbol Fantômas wurde: Der Außenseiter der Gesellschaft, der schwarzmaskiert, mit wallendem schwarzen Frackmantel und in diversen Verkleidungen der Polizei immer wieder entkommt Ein Plakat zeigt ihn mit Zylinder und Larve als elegant-bedrohlichen Riesen über den Dächern von Paris, als signifikanten Ausdruck einer Zeitströmung: Angst über der Stadt Der 'empereur du crime', die Inkarnation des unbezwingbar Bösen, wird als anarchistischer Held ein negatives soziales Leitbild, das die 'belle époque' demystifiziert und ihren Endpunkt markiert."40

Eine Reihe von Intellektuellen begeistern sich für die Reihe und die beiden befreundeten Schriftsteller und Maler Max Jacob und Guillaume Apollinaire gründen eine 'Société des amis de Fantômas'. "In der Gestalt Fantômas' sah man ... den gefallenen Engel der Romantik; er galt als Abkömmling Mathurins und Byrons."41 Jean-Paul Sartre, der als Achtjähriger 'Fantômas' mit seiner Mutter im Gaumont Palace sieht, schreibt später in seiner Autobiographie:

"Ich war überglücklich, ich hatte die Welt gefunden, worin ich leben wollte, ich berührte das Absolute. Welches Unbehagen gleichzeitig, wenn das Licht wieder anging: ich hatte mich vor Liebe zu diesen Gestalten zerrissen, und nun waren sie weg und ihre Welt mit ihnen; ich hatte den Sieg in meinen Knochen gefühlt, aber es war ihr Sieg und nicht der meine. Draußen auf der Straße empfand ich mich wieder als überzählig."42

Die Serie 'Fantômas' löst dann den sogenannten 'Krieg der Serials'43 zwischen den Firmen Gaumont und Pathé aus, der auch während des Ersten Weltkriegs trotz vermindeter Mittel und unter Zeitdruck arbeitender Stäbe weitergeführt wird. Pathé also kontert mit 'Les mystères de New York' (1915), den Abenteuern einer jungen Amerikanerin namens Pearl White in 22 Episoden. Gaumont reagiert bereits auf die Ankündigung und läßt, wiederum von Feuillade, den Zehnteiler 'Les Vampires' (1915/16) drehen, "der als erstes Meisterwerk der Gattung gelten kann: weil er, dem Vorgänger 'Fantômas' ... überlegen und Griffith' Epen filmsprachlich gleichwertig, als richtungsweisend für die Zukunft nicht nur der französischen Filmästhetik und -kunst wirken wird."44 Bei der Serie handelt es sich, ähnlich wie bei 'Fantômas', um die Schilderung der Abenteuer einer Verbrecherbande, die Paris in Atem hält und von einem Journalisten und dessen Freund, einem ehemaligen 'Vampir', gejagt werden, aber dank modernster technischer Mittel immer wieder entkommen. Angeführt wird die Bande von Irma Vep (Anagramm von 'Vampire'), die von dem Star Musidora (eigentl. Jeanne Roquès), einer von Feuillade in den 'Folies Bergères' entdeckte Tänzerin, gespielt wird. Nicht zuletzt ihrer geheimnisvollen Ausstrahlung ist der große Erfolg der Filmreihe zu verdanken.45

"Was Feuillade durch die ... Produktionsbedingungen verlor, glich er filmästhetisch aus, indem der rasche Wechsel der Personen ... die Gewalt der Aktionen betonte und den ewigen Kampf des Guten gegen das Böse, das sich ohne Unterlaß von den lächerlichen Niederschlägen durch die Tugend erholte. Die Improvisationen ... begeisterten die Surrealisten, die darin die Entsprechung zur 'écriture automatique' des Schriftstellers sahen: in der Mißachtung von Logik und erzählerischer Stringenz, die ausgeglichen wird durch poetische Bilderfindungen, die kriminalistische Spannung mit phantastischen Elementen verbinden."46

Die beiden Surrealisten Louis Aragon und André Breton schreiben: "In 'Les Vampires' muß man die eigentliche Wirklichkeit des Jahrhunderts suchen, jenseits der Mode, jenseits des Geschmacks."47 Während die Vampire in Frankreich also von Kritik und Publikum gleichermaßen positiv aufgenommen werden, ist man in Deutschland, wo die Filme erst 1920 anlaufen, weniger gnädig. Im Berliner Film-Kurier heißt es am 5. Juni 1920 nach einer Vorführung in den Richard Oswald-Lichtspielen vom Vortag:

"Nein! Das steht nicht im Versailler Friedensvertrag! Das hat kein Übermut des Siegers in sadistischer Laune ersonnen, daß ein vielgeplagtes Deutschland den Gaumont-Film "Vampire" über sich ergehen lassen müßte! Wir liefern Frankreich so unendlich viel schöne, gute, wertvolle, uns selbst entbehrliche Dinge - und Frankreich schickt uns dafür die "Vampire". Was machen wir nun mit den "Vampiren"? Wir recken uns einen Zoll höher und bekennen: in deutschen Landen würde man die Ausfuhr eines Films von solchem Zuschnitt verhindern. Man würde nicht dulden, daß das Ausland aus derartigen Erzeugnissen einen Rückschluß auf unsere Kultur zöge "48

Pathés Reaktion auf die Vampire besteht aus dem wiederum mit Pearl White gedrehten Serial 'The Exploits of Elaine' (1916), worauf 'Judex' von Gaumont in 12 Episoden folgt (1917). Diese Serie verdankt ihre Existenz nicht zuletzt Protesten aus den Reihen der Polizei und der Politik, die in der Faszination der Gewalt bei 'Fantomas' und 'Les Vampires' eine Gefahr für die öffentliche Ordnung sehen49 und erwirken, daß mit 'Judex' eine Serie geschaffen wird, bei dem ein Verteidiger des Rechts im Mittelpunkt steht. Es handelt sich allerdings dabei nicht etwa um einen Polizisten oder einen Richter, sondern um einen unerkannten Rächer, wiederum mit Umhang und Hut getarnt. "Judex ist Fantômas' loyaler Kontrapunkt und die Märchenvision des film policier".50 Die Serie wird noch erfolgreicher als ihre Vorgänger. Die Hauptrollen spielen René Cresté und Musidora.

Der Konkurrenzkampf der beiden Firmengiganten dauert schließlich noch bis 1919 und beinhaltet die Episodenfilme 'Le masque aux dents' (Pathé, 1917), 'Courrier de Washington' (Pathé, 1917), 'La nouvelle mission de Judex' (Gaumont, 1918), 'La reine s'ennuie' (Pathé, 1918), 'Tih Minh' (Gaumont, 1919), 'La maison de la haine'

(Pathé, 1919) und 'Barrabas' (Gaumont, 1919). Insgesamt bemerkenswert an den Gaumont-Serials ist, daß sie nahezu alle von Feuillade inszeniert werden.

4. Die Mitarbeiter

Stellvertretend für die damals am Unternehmen Gaumont beteiligten Personen sollen nun drei Mitarbeiter näher vorgestellt werden, die Sekretärin und Regisseurin Alice Guy, der Erfinder Georges Démeny, der die meisten Gaumont-Geräte entwickelt hat, und Louis Feuillade, der nach dem Weggang von Alice Guy zum Künstlerischen Direktor und damit zum Hauptregisseur der Firma wird.

Guy

Alice Guy wird am 1. Juli 1873 in Saint Maudé als Tochter eines nach Chile ausgewanderten Buchhändlers und seiner Frau geboren. Ihre Kindheit ist sehr bewegt, sie verbringt die ersten Jahre ihres Lebens bei der Großmutter in Frankreich, während die Eltern in Chile leben. Bis zum Jahre 1879 lebt dann auch Alice Guy in Chile, wo sie mit der spanischen Sprache und der südamerikanischen Lebensart vertraut wird. Ab 1879 besucht sie als Internatsschülerin die Klosterschule Sacre Cœur de Viry, wobei ihre Eltern durch die Tätigkeit des Vaters wiederum in Chile leben.

Nachdem die Eltern durch Erdbeben, Feuersbrünste und ähnliche widrige Umstände ruiniert worden sind, kommt die Mutter nach Frankreich und beginnt ein bescheideneres Leben mit ihrer Tochter Alice. Um einigermaßen über die Runden zu kommen, fängt Alice Guy im Jahre 1890 einen Stenographiekurs an. Ihre erste Anstellung bekommt sie durch eine Empfehlung ihres Lehrers als Sekretärin in einer Lackfabrik in der Rue des Quatres-Fils. Ebenfalls durch den Leiter des Steno-Kurses gelangt sie im März 1894 an eine Stellung im 'Comptoir' von Max Richard, wo Léon Gaumont als Prokurist arbeitet.

Durch ihre zuverlässige Arbeit und ihr gewinnendes Wesen bekommt die energische 'Mademoiselle Alice', wie sie genannt wird, immer mehr Verantwortung, und sie wandelt sich von der Schreibkraft zu einer Sekretärin mit vielerlei Aufgaben. Bereits drei Monate nach Beginn ihrer Tätigkeit für die Firma übernimmt sie beispielsweise vertretungsweise für einige Zeit die Aufgaben von Léon Gaumont.51 Ihre Beschäftigung läßt sie auch mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten zusammenkommen.

Als sie dann im Dezember 1895 zusammen mit ihrem Chef die Vorführung des Kinematographen besucht, ahnt sie bald etwas von der Bedeutung der neuen Erfindung als Unterhaltungsmittel. Obwohl den Firmeninhaber eher die Produktion neuer Geräte interessiert, und sie weiß, das ihr Ansinnen wahrscheinlich keine Chance haben wird - "meine Jugend, meine Unerfahrenheit, mein Geschlecht, alles stand mir im Wege52 - , nimmt sie ihren Mut zusammen, um ihrem Chef den Vorschlag zu machen, doch vielleicht ein paar Unterhaltungsstreifen zu drehen.

Aber Gaumont nimmt den Vorschlag an, sie muß allerdings nun mehrere Aufgaben erfüllen, die der Sekretärin und die der Regisseurin. In ihrer Autobiographie schreibt sie später über den Streß, den diese Konstellation mit sich bringt:

"Ich mußte um acht Uhr morgens im Büro sein, die Post öffnen, sie mit entsprechenden Anmerkungen versehen und sie verteilen. Danach durfte ich den 4 PS Omnibus nehmen, der über die rue La Fayette auf die Buttes Chaumont fuhr, wo ich die mir zur Verfügung stehende Zeit nach Kräften nutzte. Um 4 Uhr 30 mußte ich in der rue Saint-Roch zurücksein, um die persönliche Korrespondenz, die Unterschriften usw. zu besorgen. Das dauerte oftmals bis 10 oder 11 Uhr abends. Danach war ich endlich frei und konnte nach Hause gehen, um mich einige, und wie ich glaubte, wohlverdiente Stunden auszuruhen."53

Mit ihrem Kameramann Anatole Thiberville inszeniert Alice Guy von 1897 bis 1906 zunächst etwa 200 Filme für die Firma Gaumont. Ihren ersten, 'La Fée aux choux' (Die Kohlfee)54, einen der Ästhetik zeitgenössischer Postkarten nachempfundenen Märchenfilm realisiert sie 1897 im Garten von Léon Gaumonts Haus. Bis 1905 - in diesem Jahr übernimmt zunächst Étienne Arnaud, später 1907, dann Feuillade ihre Aufgaben - hat sie fast die ganze Filmproduktion der Firma inne. Den letzten Film, den sie in Frankreich umsetzt, 'La vie du Christ' (Das Leben Christi)55, inszeniert sie 1906 mit 300 Statisten und 25 Bühnenbildern, von denen die Hälfte den Bibelillustrationen von James Tissot nachempfunden sind. Auch ist sie, zumindest was den künstlerischen Teil angeht, für die Herstellung der Tonbilder für das ab 1904 vertriebene 'Chronophone'-System verantwortlich, sie führt bei etwa 100 Tonbildern Regie.56

Im Jahre 1906 heiratet Mademoiselle Alice den Kameramann Herbert Blaché. Mit ihm zieht sie nach Berlin und übernimmt die dortige Gaumont-Filiale. Für die Leitung der New Yorker Niederlassung der Firma werden Alice Guy und ihr Mann im Jahre 1907 in die Vereinigten Staaten geschickt. Später sind sie auch für die Verwertung der Chronochrome-Patente in den USA verantwortlich. Guy kann das 1910 eröffnete, firmeneigene Atelier in Flushing auf Long Island nutzen, um Filme zu drehen, gründet im gleichen Jahr aber in Fort Lee/ New Jersey57 ihre eigene Firma, die Solax Company. 'A Child's Sacrifice' (Opfer eines Kindes) ist 1910 der erste Film der Solax. 1913 schließlich ruft ihr Mann Herbert Blaché, nun nicht mehr bei Gaumont unter Vertrag, aus der Solax die 'Blaché Features Inc.' und ein Jahr später aus dieser die 'US Amusement Corporation' ins Leben. Während die 'Blaché Features' nur ernste Dramen produzieren, geht es der 'US Amusement' zunächst vor allen Dingen um die Verfilmung bekannter Literatur. In Fort Lee entstehen bald größere, modernere Studios, wo die Regisseurin bis 1920 zahlreiche Filme realisieren kann. Sie dreht bis zu acht Filme pro Woche, vielfach melodramatischen Inhalts, mit der russischen Immigrantin Alla Nazimova, aber auch mit sozialkritischen Themen.58 Ihren letzten Film, 'Tarnished Reputation' (Der geschädigte Ruf) inszeniert sie 1920 nach einem Drehbuch von Léonce Perret für dessen Produktionsfirma 'Perret Pictures'.

Durch den infolge schwerer Börsenverluste stattfindenden Zusammenbruch ihrer Filmfirma schon 1918 und die Scheidung von ihrem Mann 1922 reift in Alice Guy der Entschluß, nach Frankreich zurückzukehren. Hier versucht sie vergeblich, wieder an die europäische Filmwelt Anschluß zu finden, zunächst in Nizza, dann in London, widmet sich in den folgenden Jahren der Schriftstellerei und verfaßt Kurzgeschichten, Novellen und Kindermärchen. Sie begleitet ihre Tochter Simone, die beruflich mehrmals versetzt wird und beginnt schließlich 1941, ihre Memoiren zu schreiben. Ihre Filme geraten in Vergessenheit, bei einem Besuch von Washingtoner Filmarchiven versucht Alice Guy vergeblich, ihre Filme zu finden. Erst im Laufe der 50er Jahre wird ihr Name langsam aus der Versenkung geholt, und sie wird für ihre Verdienste als Filmpionierin mit dem Kreuz der Fremdenlegion ausgezeichnet.59

Alice Guy stirbt schließlich 94jährig am 24. März 1968 in Mahwah/ New Jersey.

Démeny

Im Jahre 1850 in Douai geboren, besucht Georges Démeny während eines Studiums der Medizin in Paris die Seminare des Physiologen Étienne-Jules Marey. Im Jahre 1881 wird er dessen Assistent und arbeitet mit ihm an der Entwicklung der Chronophotographie. Seine Studien dienen zunächst der Erforschung des menschlichen Muskel- und Bewegungsapparats.60 Außerdem führt er das Marey'sche Laboratorium.

Zehn Jahre später erfindet Demeny das Phonoskop61 durch die Verbindung der Chronophotographie Mareys mit der sogenannten 'Wundertrommel'. Hierbei geht es ihm allerdings weniger um das Darstellen von Bewegung, sondern vielmehr um die "Photographie der Sprache"62, also um Sprachstudien und Mundbewegungen. Démeny ist der Ansicht, daß Taubstumme mit Hilfe der Aufnahmen sprechen lernen können oder zumindest lernen werden, einfache Begriffe und Sätze wie 'Vive la France' oder 'Je vous aime' von den Lippen abzulesen. Im Juli 1892 präsentiert Marey den Apparat der Akademie der Wissenschaften.

Um das Phonoskop wirtschaftlich besser zu vermarkten, gründet Démeny am 20. Dezember 1892 zusammen mit Stollwerck63 und Lavanchy-Clarke (Industrielle aus Deutschland und der Schweiz) eine Gesellschaft, die sich dann allerdings eher auf die Fabrikation photographischer Platten spezialisiert, anstatt die Aufnahmegeräte zu produzieren. Dafür wird nach wie vor der Marey'sche Chronophotograph benutzt, bis dieser die Nutzung seiner Erfindung verbietet und sich von Démeny trennt.

Während er in den Folgemonaten zunächst Apparate konstruiert, die sich nur unwesentlich von anderen Erfindungen unterscheiden, meldet Démeny am 10. Oktober 1893 einen Aufnahmemechanismus neuer Bauart zur Patentierung an. Dieser Apparat hat allerdings anfangs noch den Fehler, das man unperforiertes Filmmaterial verwendet, wodurch der Transport des Bandes unregelmäßig wird. Am 27. Juli des Folgejahres wird aber ein Zusatzpatent angemeldet, bei dem es sich um eine Nachwickeltrommel ('came battante') handelt, wodurch die Verwendung von perforiertem Filmband möglich wird.

"Durch seine Patente ... kam er weit über seinen Lehrer Marey hinaus bis hart an die Erfindung der Lumières."64 Démeny versäumt allerdings, rechtzeitig für die wirtschaftliche Ausbeutung des neuen Apparats zu sorgen und wird so, was den Ruhm und den Ruf betrifft, das Kino erfunden zu haben, von den Gebrüdern Lumière überrundet. Erst nach dem Bekanntwerden von deren Kinematographen übernimmt Léon Gaumont, in dessen Firma Démeny zu arbeiten beginnt, Ende des Jahres 1895 die Fabrikation und den Vertrieb seines Apparates. Der 'Chrono Démeny-Gaumont' wird ein großer Erfolg. Gaumont kauft auch die Patente. "Mit dieser Konstruktion war in mehrfacher Hinsicht etwas grundsätzlich Neues geschaffen: der Aufnahmeapparat ermöglichte die Photographie eines tatsächlich ablaufenden Geschehens, gleich ob es mehrere oder nur eine, ob es eine abgeschlossene oder eine fortlaufende Bewegung zeigte. Ferner vermochte man die Aufnahme in periodischer Folge und in stets gleichem Abstand der Bildphasen zu machen. Damit konnte ohne besondere Justierungsarbeiten eine vorführungsfertige Kopie gewonnen werden. Diese Möglichkeit war weder bei Muybridge noch bei Anschütz oder anderen vorhanden."65 In der Folgezeit entwickelt Démeny für die Firma Gaumont seine Apparate, so den für Amateure gedachten Taschenchronophotograph, der bei Vorführungen im 'Châtelet', im 'Musée Grévin' oder im 'Théâtre du Gymnase' triumphiert. Démeny realisiert aber auch einige Filme, so beispielsweise einen der frühesten kolorierten Filme, 'La Biche aux bois' (Die Hirschkuh im Wald) von 1896.

Im Jahre 1901 verläßt Démeny die Gaumont'sche Firma und fängt wieder an, sich mit der Physiologie zu beschäftigen und als Gymnastiklehrer zu arbeiten. Er stirbt 1917.

Feuillade

Der spätere Künstlerische Direktor und wichtigste Regisseur der Firma Gaumont wird am 19. Februar des Jahres 1873 in Lunel in der Region Languedoc-Roussillon im Département Hérault geboren. Sein Vater ist als Weinhändler tätig. Feuillade interessiert sich schon früh für die Literatur, arbeitet nach seinem Militärdienst 1891-95 jedoch zunächst für den elterlichen Handel. Parallel dazu verfaßt er allerdings kleine Texte für lokale Zeitungen, so beispielsweise etwas über den Stierkampf:

Le taureau s'est rué furieux vers la lumière. Il bondit, menaçant, ivre de liberté, Mais soudain, il s'arrête ébloui de clarté Aveugle de soleil, il ferme la paupière...66

Im Jahre 1898 schließlich zieht er mit seiner Frau Jeanne-Léontine, geb. Jaujou und deren Vater nach Paris. Dort fängt er, nachdem er einige Zeit mit Muskatwein aus seiner Heimatregion gehandelt hat, als Buchhalter im Verlagshaus 'La Bonne Presse' an zu arbeiten. Diese Tätigkeit währt bis 1902. Im folgenden Jahr versucht Feuillade, ziemlich erfolglos, eine katholische Satirezeitung mit dem Titel 'La Tomate' herauszugeben. Im gleichen Jahr bekommt das Ehepaar Feuillade eine Tochter, Isabelle Josephe, die später einen Mitarbeiter Feuillades heiraten wird, den Regisseur und Kameramann Maurice Champreux.

Im Jahre 1904 ist Feuillade für die Tageszeitung 'Le Soleil' und unter dem Pseudonym 'Maguelonne' für die 'Revue mondiale' tätig, und er veröffentlicht, ebenfalls mit Pseudonym, die Geschichte 'Naundorf, la genèse d'un crime'. Diese handelt von zwei Männern, die sich als Louis XVII. ausgeben.

Louis Feuillades Arbeit für die Firma Gaumont beginnt dann 1905. Er ist zunächst damit beschäftigt, Filmentwürfe und Drehbücher zu schreiben, in den meisten Fällen für den Regisseur Étienne Arnaud. Er tritt vor allen Dingen als Autor von psychologisierenden Komödien hervor. Im Folgejahr beginnt er auch schon mir eigenen Realisationen. Als dann 1906 die Regisseurin und Firmensekretärin Alice Guy den Kameramann Herbert Blaché heiratet und mit diesem nach Berlin geht, um die dortige Gaumont-Filiale zu übernehmen, wird Feuillade ihr Nachfolger. Schließlich kann er 1907 zum Künstlerischen Direktor aufsteigen, was ihm große Vollmachten und ziemliche Unabhängigkeit beschert. Von seinen frühen Arbeiten ist besonders der lyrische 'Promethée' von 1908 erwähnenswert. Der Vertrag mit ihm, der zunächst für zehn Jahre abgeschlossen wird und kurioserweise eine Bezahlung nach belichteten Filmmetern beinhaltet, wird 1913 und 1918 erneuert und 1922 mit Einschränkungen noch einmal verlängert. Im Entwurf für den zweiten Vertrag mit Feuillade heißt es 1913:

"Monsieur Louis Feuillade wird in seinen Funktionen als künstlerischer Direktor am Theater der Firma Gaumont in Paris bestätigt. Er ist beauftragt mit der Herstellung von Kinofilmen in Schwarz und Weiß und solchen, die anschließend von Hand oder mechanisch koloriert werden. Seine Funktionen bestehen darin: angebotene Manuskripte entgegenzunehmen, deren Inhalt zu prüfen und eine Auswahl zu treffen; Vorschläge für das Engagement von Schauspielern und Regisseuren zu machen; die Kulissenwerkstatt und die technischen Dienste zu leiten; generell die Verantwortung für alle künstlerischen Mitarbeiter zu tragen, die an der Herstellung der Filme mitwirken, deren Drehbücher dem Theater Gaumont, 53, Rue de la Villette in Paris, anvertraut sind, von dessen Kasse die Mitarbeiter ihre Entlohnung beziehen; den Betrieb desselben Theaters in der Form zu gewährleisten, daß dessen Produktion sowohl qualitativ wie quantitativ und in angemessenen Fristen die betrieblichen Erfordernisse zufriedenstellt, die den Handelsbeziehung [sic!] der Firma dienen."67

Louis Feuillade, "der Veteran der naturalistischen Schule"68 wird für Gaumont zum wichtigsten Regisseur bis zum Ersten Weltkrieg. Seine bekanntesten Filme sind die Serien 'Fantômas' und 'Les Vampires'.69 1917 wird er Präsident der 'Société des Auteurs des Films' und zieht 1918 mit seiner Tochter nach Nizza. Er heiratet 1921 zum zweiten Mal, Georgette Lagneau, die seit 1918 in seinen Filmen unter dem Namen Lugane mitgewirkt hat. Wie bereits erwähnt, werden seine Filme besonders von den französischen Surrealisten geliebt, aber während der Spätphase seines Schaffens sieht er sich verstärkt Angriffen von seiten der Impressionisten ausgesetzt. Er ist "die 'bête noire' der Ästheten. Sie konnten ihm nicht verzeihen, daß die Zuschauer sich nach seinen Filmen drängten und die von der Presse gefeierten Meisterwerke der Impressionisten mieden."70 Feuillade aber verteidigt sich. Er will vor allen Dingen realistische Werke schaffen, die dem Publikum gefallen, und keine konstruierten, kopflastigen und ästhetisierenden Kunstfilme. Er sieht im Kino ein Volksvergnügen. "Für mich ist das Kino ein Ort der Entspannung, des Frohsinns, des Träumens und der Erinnerungen. Andere wollen ihn zum Tempel der Abstraktionen, der Wunderdinge und Halluzinationen machen."71

Feuillade kann insgesamt etwa 700 Filme realisieren, "deren beste durch ihre Erfindungsgabe, ihre Spontaneität und ihren großen lyrischen Charme bezaubern. Durch die Mühelosigkeit, mit der er Wirklichkeit und Fantasie verband und die fröhliche und widerspruchsvolle Behandlung des Mediums sind seine Filme bis heute sehenswert."72 Er arbeitet bis 1924 als Regisseur und stirbt am 26. Februar 1925 in Nizza. Francis Lacassin und Alain Resnais sehen in ihm später das Bindeglied zwischen der Phantasie von Méliès und dem Realismus von Lumière. Durch die auf den ersten Blick paradox erscheinende Orientierung, daß er sowohl lebensnahe realistische Filme inszenierte als auch den 'film esthétique' schuf, machen ihn zum Vorläufer eines 'Poetischen Realismus'.73 In den 50er Jahren entdecken Frankreichs Regisseure der 'Nouvelle Vague' Jahren Feuillade für sich "und huldigten ihm als 'totalem Autor' und 'Meister des Phantastischen im Alltag'"74

5. Schlussbemerkung

Heute ist Gaumont nach vielen mehr oder weniger erfolgreichen Jahrzehnten - die Firma wechselte immer wieder den Namen und die Besitzer - wieder eine der größten französischen Filmproduktions- und Filmverleihfirmen. Und ähnlich wie die heutige Bertelsmann-Tochter UFA in Deutschland auch Filmpaläste besitzt, gibt es in Frankreich auch eine Kinokette mit dem Symbol der Gänseblume, die allein in Paris Lichtspielhäuser mit insgesamt 74 Sälen und in ganz Frankreich 244 Kinos in 19 Städten unterhält.

In den ersten zwei Jahrzehnten nach der 'Erfindung' des Kinos hatten die Industriegrößen Pathé und Gaumont "die unumstrittene Führungsposition in der europäischen Filmindustrie inne"75 und wurden binnen weniger Jahre zu weltumspannenden Millionenkonzernen, die den Markt "in noch überlegenderem Maße beherrschten, als es Hollywood später gelang."76 Zu Léon Gaumont, der sich im übrigen 1929 vom aktiven Filmgeschäft zurückzog und am 9. August 1946 in St. Maxime-sur-Mer starb, ist insgesamt zu sagen, daß er, der bei allem Geschäftssinn vom Filmemachen eher nichts verstand77, vor allen Dingen ein begeisterter Industrieller und Fabrikant war, der über die nötigen Geldmittel verfügte, um die Ideen und die Erfindungen anderer, die selbst "keinen Nerv für Geschäftspraktiken"78 hatten, zu vermarkten. Er war weder Erfinder noch Künstler. Wichtig ist aber seine Stellung als Industrieller auf dem Gebiet der Tonbilder. In den ersten zehn Jahren unseres Jahrhunderts war er, was den Vertrieb des Chronophons anbetrifft, nahezu konkurrenzlos auf dem Markt. Ihm und Oskar Messter in Deutschland ist es zu verdanken, daß auf dem Sektor der Tonbildproduktion solche Fortschritte erzielt wurden. Auch war er einer der ersten, die die Bedeutung des Fernsehens voraussahen. Er interessierte sich sehr für die Versuche des englischen Forschers Baird.79

Obwohl Léon Gaumont die künstlerischen Aspekte der Filmemacherei anderen überließ, begutachtete er immer wieder die erzielten Ergebnisse und hatte auch keine Probleme damit, Mitarbeiter, deren Stil ihm nicht zusagte, wieder zu entlassen. Die konservative Grundhaltung und der Puritanismus des Firmeninhabers sorgte für einen typischen Gaumont-Stil. Die Filme dieser Firma waren naturalistischer als andere, sie zeichneten sich weniger durch Action aus - beliebte rasante Verfolgungsjagden mit den sich durchsetzenden Benzinkutschen hatten eher 'Pathé-Frères' im Programm - sondern eher durch eine 'tragédie interieure' oder eine 'comédie vaudevillesque'.

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Zglinicki, Friedrich von:Der Weg des Films, Hildesheim/ New York 1979

[...]


1 Andere Schreibweise: 'Demenÿ'.

2 Zglinicki, Friedrich von: Der Weg des Films , Hildesheim/ New York 1979, S. 473

3 Lexikon des internationalen Films , hrsg. v. Katholischen Inst itut für Medieninformation (KIM) und der Katholischen Filmkommission für Deutschland, Reinbek bei Hamburg 1995, (10 Bde.) Bd. 1: A-C, S. 5.

4 Carpentier ist im übrigen später maßgeblich für die Konstruktion der Lumière'schen Kinematographen verantwortlich.

5 Jules Richard ist der Erfinder des 'Tonbarometers' und eines nach ihm benannten Stereoskops.

6 Guy, Alice: Autobiographie einer Filmpionierin 1873-1968, Münster 1981, S. 63f.

7 Guy, Alice: a.a.O., S. 64f.

8 Vgl.Buchers Enzyklopädie des Films, hrsg. v. Liz-Anne Bawden und Wolfram Tichy, Luzern/ Frankfurt 1977, S. 289f., s.v. 'Gaumont British'.

9 Toulet, Emanuelle:Pioniere des Kinos, Reihe Abenteuer Geschichte 51, Ravensburg 1995, S. 42.

10 Fraenkel, Heinrich:Unsterblicher Film. Die grosse Chronik, (2 Bde.) Bd.1: "Von der Laterna Magica bis zum Tonfilm", München 1956, S. 58f.

11 "Für die Lumières war der Cinématographe nur eine wissenschaftliche Kuriosität, und sogar als er ein durchschlagender Erfolg in allen größeren Städten Europas und Amerikas wurde, weigerten sie sich, sein kommerzielles und künstlerisches Potential zu verwerten." -Buchers Enzyklopädie des Films, a.a.O., S. 270, s.v. 'Frankreich'.

12 Schon während der Weltausstellung 1900 führt Gaumont, allerdings in einer Privatvorstellung, Tonbilder, sogenannte 'phono-scènes' oder 'portraits parlants' vor. Die Vorführung verläuft jedoch, laut ihm selbst, zumindest was den technischen Teil angeht, "alles andere als zufriedenstellend." - Jossé, Harald:Die Entstehung des Tonfilms. Beitrag zu einer faktenorientierten Mediengeschichtsschreibung, Reihe Alber-Broschur Kommunikation, hrsg. v. Hans Mathias Kepplinger, Elisabeth Noelle-Neumann und Winfried Schulz, Freiburg/ München 1984, S. 72.

13 Toulet, Emanuelle: a.a.O., S. 48.

14 Jossé, Harald: a.a.O., S. 86.

15 Toulet, Emanuelle: a.a.O., S. 80.

16 Vgl. Garçon, François:Gaumont. Un siècle de cinéma, Paris 1995, S. 17: "Le plancher est établi pour soutenir même une troupe d'éléphants. Une rampe en facilite l'accès aux voitures attelées. Des séries de chariots et de trappes permettent de disposer, dans les deux sous-sols superposés sous scène, tous les trucs nécessaires aux féeries."

17 Léonce Perret arbeitet auch als Komiker und ist später Regisseur und Hauptdarsteller einer Serie von Komödien mit dem einfachen Titel 'Léonce' (1913-15).

18 "Lange war die Sprache des Zeichenfilms verstummt, Cohlblieb es vorbehalten, damit 'auf die ganze weitere Entwicklung des Films einen tiefgehenden Einfluß auszuüben'. Wenn er auch den Zeichentrickfilm nicht erfunden hat, so istCohldoch der erste geniale Trickfilmzeichner gewesen, der erste wahre Schöpfer auf diesem Gebiet." - Zglinicki, Friedrich von: a.a.O., S. 475. Am 17. August des Jahres 1908 führt Cohl seinen ersten Trickfilm 'Fantasmagorie' in Paris im 'Théâtre du Gymnase' vor. Bis 1918 stellt er etwa 400 Filme her. Cohl ist im übrigen derjenige, der das von der amerikanischen Vitagraph zum ersten Mal in 'The Haunted Hotel' (Spuk im Hotel, 1906, von Stuart Blackton) angewandte Verfahren der Einzelbildaufnahme anwendet, durch das es z.B. möglich ist, Gegenstände wie von Geisterhand bewegen zu lassen.

19 Bibelfilme sind zu dieser Zeit sehr populär, viele Firmen haben Streifen dieser Art in ihrem Programm. 'La vie du Moïse' (1905) oder 'La vie et passion du N.S.J.C.' (1907) sind beispielsweise Filme solcher Prägung von Pathé. Bemerkenswert an 'La vie du Christ' von Alice Guy ist die Tatsache, daß das Gewicht der Handlung und der Personenkonstellation stark auf Frauen gelegt ist. Vgl. Abel, Richard: The Ciné goes to Town. French Cinema 1896-1914, Berkeley/ Los Angeles/ London 1994, S. 166.

20 Fraenkel, Heinrich: a.a.O., S. 83.

21 Vgl. Garçon, François: a.a.O., S. 19.

22 Das Hauptschiff des Gebäudes mißt in seiner Höhe 20 Meter. Als Kino existiert das 'Palace' bis 1972.

23 Neben dieser Wochenschau produziert die Firma auch ein Bildungsprogramm mit Dokumentarfilmen, das den Namen 'Encyclopédie Gaumont' trägt.

24 Les Vampires / Die Vampire. Filmserie von Louis Feuillade. Hrsg v. Westdeutschen Rundfunk Köln, Red. Werner Dütsch, Köln 1990, S. 30.

25 Vgl. Abel, Richard: a.a.O., S. 329.

26 Vgl. Garçon, François: a.a.O., S. 22ff.

27 Vgl. Abel, Richard: a.a.O., S. 229.

28 Vgl.Dictionnaire du Cinéma Français, Jean-Loup Passek Dir., Paris 1987, S. 169, s.v. 'Gaumont': "Il [Fescourt] ... souligne l'organisation rigoureuse, les règles quasi monastiques imposées par un patron impitoyable, possédant 'une volonté irréductible et une confiance en l'effort', qui 'ne résolvait rien à la légère, pesait les risques, voyait loin', tout en obéissant à un 'instinct de joueur'. 'Avec cela ... un don réel d'animateur'."

29 Auf dem Gelände stehen heute große Fernsehstudios.

30 Zglinicki, Friedrich von: a.a.O., S.477.

31 "Diese Filme [die der 'Film d'Art'], die den Ansprüchen eines gehobenen Publikums gerecht zu werden suchten, schilderten heroische Momente der Geschichte, Sternstunden der nationalen Vergangenheit, oder suchten literarische Juwelen für die Leinwand zuzubereiten Wenn der Film d'Art mit seiner Theaterästhetik stilgeschichtlich auch ein Umweg war, so befreite er den Film doch ... vom Odium des Plebejerschauspiels; er verschaffte dem neuen Medium erstmals die Achtung der Intellektuellen." - Gregor, Ulrich / Patalas, Enno: Geschichte des Films, Gütersloh 1962, S. 20. Als Reaktion auf den 'Film d'Art' ist auch die Gründung von 'Le Film Ésthétique' von Gaumont durch Louis Feuillade zu verstehen.

32 Toeplitz, Jerzy:Geschichte des Films 1895-1928, München 1973, S. 53. Direktes Vorbild für die Serie waren die 'Scenes from True Life' der amerikanischen Vitagraph.

33 Die einzelnen Titel: 'Les vipères' (1911), 'Roi Lear au village' (1911), 'La tare' (1911), 'Destin des mères' (1912), 'Le nain' (1912). Vgl. Abel, Richard: a.a.O., S. 329ff.

34 Abel, Richard: a.a.O., S. 301.

35 Zu den Serials siehe Folgekapitel.

36 Vgl. Garçon, François: a.a.O., S. 29.

37 Geschichte des deutschen Films , hrsg. v. Wolfgang Jacobsen, Anton Kaes und Hans Helmut Prinzler, Stuttgart/ Weimar 1993, S. 39.

38 Gerhold, Hans:Kino der Blicke. Der französische Kriminalfilm. Eine Sozialgeschichte, Frankfurt /M. 1989, S. 18f.

39 Die einzelnen Filme sind: 'Fantômas' (3 Teile, 1913), 'Juve contre Fantômas' (4 Teile, 1913), 'Le mort qui tue' (6 Teile, 1913), 'Fantômas contre Fantômas' (4 Teile, 1914), 'Le faux magistrat' (Einzelfilm, 1914). Vgl. Toeplitz, Jerzy: a.a.O. (1973), S. 59. Die verschiedenen Teile der Filme entstehen einfach dadurch, daß man beim Wechsel der Filmrollen im Projektor gezwungen ist, eine Pause zu lassen, die man sich aber dann dramaturgisch zunutze macht, indem das Publikum durch ein Ansteigen der Spannung gegen Ende einer Rolle auf das Folgende neugierig gemacht wird.

40 Gerhold, Hans, a.a.O. (1989), S. 19f.

41 Gregor, Ulrich / Patalas, Enno: a.a.O., S. 22.

42 Sartre, Jean-Paul:Die Wörter, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 72.

43 Francis Lacassin spricht in seiner Feuillade-Biographie von 'Sérialomanie' oder 'Sérialophobie'. - Lacassin, Francis:Louis Feuillade. Collection Cinéma d'Aujourd'hui 22, Paris 1964, zit. nach: Gerhold, Hans: a.a.O. (1989), S. 241.

44 Gerhold, Hans: "Der Zufallslyrismus der Serie und die Vorläufer des Kriminalfilms: Von 'Dolly's Abenteuer' ('The Adventures of Dolly', 1908) bis 'Die Vampire' ('Les Vampires', 1915-16)", in: Faulstich, Werner / Korte, Fritz (Hrsg.): Fischer Filmgeschichte, in 5 Bdn., Bd 1: Von den Anfängen bis zum etablierten Medium 1895-1924,Frankfurt/M. 1994, S. 183. Die einzelnen Teile sind: 'La tete coupée' ('Der Abgeschlagene Kopf', 1915), 'La bague qui tue' ('Der todbringende Ring', 1915), 'Le cryptogramme rouge' ('Das Rote Kryptogramm', 1915), 'Le spectre' ('Der Geist', 1916), 'L'évasion du mort' ('Die Flucht des Toten', 1916), 'Les yeux qui fascinent' ('Die Behexenden Augen', 1916), 'Satanas' (dito, 1916), 'Le maitre de la foudre' ('Der Meister des Blitzes', 1916), 'L'homme des poisons' ('Der Mann mit den Giften', 1916) und 'Les noces sanglantes' ('Die Blutige Hochzeit', 1916). Vgl.Les Vampires / Die Vampire. Filmserie von Louis Feuillade. a.a.O..

45 "Musidoras Popularität entsprach der von Brigitte Bardot in den 50er Jahren. Louis Aragon bezeichnete Musidora als 'zehnte Muse'." - Gerhold, Hans: a.a.O. (1989), S. 241.

46 Gerhold, Hans: a.a.O. (1989), S. 22f. Mit den Produktionsbedingungen gemeint ist ein wegen des Krieges vorherrschender Mangel an Schauspielern, technischem Personal, Filmmaterial und Strom.

47 Sadoul, Georges:Dictionnaire des Cinéastes, Paris 1968, S. 87ff, zit. nach: Toeplitz, Jerzy: a.a.O. (1973), S. 146.

48 Les Vampires / Die Vampire. Filmserie von Louis Feuillade. a.a.O., S. 41.

49 "Man warf den Filmen vor, ausgerechnet in Kriegszeiten den Greueln der Schlachtfelder weitere Verbrechen hinzugefügt zu haben, sie zu vervielfältigen Was die Zeitgenossen an 'Les Vampires' verstörte, waren die kreativen Erfindungen des Verderbens, mit denen die organisierten Verbrecher bei ihren anarchischen Gewalttaten zu Werke gingen 'Les Vampires' steht am Anfang einer Entwicklung, die in den USA erst in den 30er Jahren mit den Gangsterfilmen und in Deutschland mit den 'Mabuse'-Filmen von Fritz Lang (1922) einsetzen wird. Damit ist Feuillade seiner Zeit weit voraus." - Gerhold, Hans: "Der Zufallslyrismus der Serie...", in: Faulstich, Werner / Korte, Fritz (Hrsg.): a.a.O., S. 191f.

50 Gerhold, Hans: a.a.O. (1989), S. 24.

51 Vgl. Guy, Alice: a.a.O., S. 60.

52 Guy, Alice: a.a.O., S. 64.

53 Guy, Alice: a.a.O., S. 65.

54 Der komplette Titel des Filmes lautet: 'La Fée aux choux, ou la naissance des enfants' (Die Fee der Kohlköpfe oder Die Geburt der Kinder). Infolge der Tatsache, daß ihre ursprünglich auf 60mm gedrehten Filme teilweise auf das später übliche 35mm-Format neu aufgezogen wurden, sind Guys Filme manchmal irrtümlich später datiert worden. Vgl. Filmographie von Francis Lacassin, in: Guy, Alice: a.a.O., S. 175.

55 Vgl. Toulet, Emanuelle: a.a.O., S. 80. Der Film 'La vie du Christ' wird auch Victorin Jasset zugeschrieben. Vgl. Haucke, Lutz: "Nationalspezifische Anfänge: Kulturkreise - Länder - Pioniere", in: Faulstich, Werner / Korte, Fritz (Hrsg.): a.a.O., S. 104.

56 Vgl. Jossé, Harald: a.a.O., S. 73.

57 Fort Lee, am Hudson River gegenüber von Manhattan gelegen, hat in dieser Zeit für Filmschaffende den Status eines 'Film-Mekkas' inne, die Stellung, die später Hollywood/ California haben wird.

58 Vgl. Lebrun, Dominique:Von Europa nach Hollywood. Die Europäer im amerikanischen Kino, Berlin 1993, S. 14f.

59 Vgl. Brief von Simone Blaché-Bolton, in: Guy, Alice: a.a.O., S. 207ff.

60 "L'étude des meilleures conditions de développement et d'utilisation de la force musculaire de l'homme", - Chardère, Bernard:Le Roman des Lumières. Le Cinema sur le vif, Paris 1995, S. 236.

61 Das Phonoskop wird später in 'Bioskop' umbenannt.

62 Zglinicki, Friedrich von: a.a.O., S. 222.

63 Die Deutsche Automaten-Gesellschaft Stollwerck Köln ist maßgeblich für die Vermarktung des Lumière'schen Kinematographen in Deutschland verantwortlich. Am 20. April 1896 findet in Köln die erste deutsche Vorführung des Apparates statt.

64 Ceram, C.W.: Eine Archäologie des Kinos, Reinbek bei Hamburg 1965, S. 90.

65 Zglinicki, Friedrich von: a.a.O., S. 223.

66 Les Vampires / Die Vampire. Filmserie von Louis Feuillade. a.a.O., S. 26.

67 Les Vampires / Die Vampire. Filmserie von Louis Feuillade. a.a.O., S. 29f.

68 Toeplitz, Jerzy: a.a.O. (1973), S. 146.

69 Neben diesen und den anderen in Kap. 3 genannten Episodenfilmen sind bedeutende Filme von ihm: 'Aux Lions les Chrétiens' ('Die Christen vor die Löwen', 1911), 'Les braves gens' ('Die braven Leute', 1912), 'Le pont sur l'abîme' ('Die Brücke über den Abgrund', 1912). Vgl. Toeplitz, Jerzy: a.a.O. (1973), S. 59.

70 Toeplitz, Jerzy: a.a.O. (1973), S. 267. Der Kritiker Antoine schreibt: "Herr Feuillade ist ein Mann, der gewiß am meisten dazu beigetragen hat, daß die Menschen, die noch einen Schimmer gesunden Verstandes haben, das Kino verabscheuen." - ebd..

71 Louis Feuillade in der A.P. Parisette, in: Lacassin, Francis: Louis Feuillade. Collection Cinéma d'Aujourd'hui 22, Paris 1964, S. 117, zit. nach: Toeplitz, Jerzy: a.a.O. (1973), S. 269.

72 Buchers Enzyklopädie des Films , a.a.O., S. 241, s.v. 'Feuillade'. Bei den 700 Filmen sind nicht eingerechnet die Drehbücher oder Szenarios, die er für andere Regisseure schreibt, z.B. Alice Guy, Étienne Arnaud oder Roméo Bosetti.

73 Vgl. Dictionnaire du Cinéma Français, a.a.O., S. 151, s.v. 'Feuillade'.

74 Toeplitz, Jerzy: a.a.O. (1973), S. 147.

75 Buchers Enzyklopädie des Films, a.a.O., s.v. 'Gaumont'.

76 Fraenkel, Heinrich: a.a.O., S. 83.

77 Vgl.Dictionnaire du Cinéma Français, a.a.O., S. 169, s.v. 'Gaumont': "Jacques Champreux, petit-fils de Louis Feuillade, soutient-il que 's'il fut l'un des pionniers de l'industrie du film, Léon Gaumont ... ne comprit jamais rien à l'àrt cinématographique'." Jacques Champreux, Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler, schrieb im übrigen mit Francis Lacassin und Georges Franju zusammen das Drehbuch für das 'Judex'-Remake von Georges Franju aus dem Jahre 1963.

78 Fraenkel, Heinrich: a.a.O., S. 224.

79 Vgl. Toeplitz, Jerzy: Geschichte des Films 1928-33 (Bd. 2), München 1977, S. 25. Der Schotte John Baird (1888-1946) gilt als Pionier auf dem Gebiet der Fernsehtechnik. Er erfand unter anderem mit Infrarotstrahlen arbeitende Fernsehapparate.

Details

Seiten
31
Jahr
1995
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v105220
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2
Schlagworte
Gaumont Filmproduktion Ersten Weltkrieg Hauptseminar Anfänge Films Frankreich Deutschland

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Titel: Gaumont. Filmproduktion von 1895 bis zum Ersten Weltkrieg