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Der Begriff der Arbeit bei Hannah Arendt

Ausarbeitung 2001 15 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

1. Einleitung

Unsere heutige Gesellschaft ist eine Arbeitsgesellschaft. Doch was ist überhaupt Arbeit? Welche Stellung nimmt die Arbeit in unserem Leben ein und welche in der Geschichte? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Hannah Arendt im dritten Kapitel ihres Buches „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“1. In diesem Kapitel „Die Arbeit“ erläutert Hannah Arendt die geschichtliche Entwicklung in der Bedeutung der Arbeit von der Antike bis heute. Und um sich mit dem Begriff der Arbeit zu befassen geht sie oft auf Karl Marx´ Theorie der Arbeit ein, denn „eine Analyse der Arbeit kann nicht umhin, sich mit Karl Marx kritisch auseinander zusetzen“2.

2. Inhalte

2.1 „Die Arbeit unseres Körpers und das Werk unserer Hände“

Zu Beginn dieses ersten Unterkapitels, überschrieben mit einem Zitat von John Locke, geht Hannah Arendt auf den sprachlichen Unterschied zwischen Werken und Arbeiten ein. So führt sie als Beispiel das Lateinische mit laborare und facere an. Im Sprachgebrauch unterscheidet man allerdings nicht zwischen diesen eigenständigen Worten, sie werden als Synonyme gebraucht. Beginnend in der Antike geht sie dann auf die geschichtliche Entwicklung der Arbeit ein.

In der Antike wurden die körperlichen, respektive die sklavischen Arbeiten stark verachtet, da die Sklaven „mit ihrem Körper der Notdurft des Lebens dienen“3. Die eigentliche Unterscheidung der Antike zwischen den Tätigkeiten war aber nicht die in körperliche und geistige Arbeit, sondern die in private und öffentliche Tätigkeiten. So wurden die sklavischen Tätigkeiten nicht nur der Notdurft des Lebens wegen verurteilt. Sie galten als private Tätigkeiten und nur die Arbeiten für das Öffentliche wurden geachtet. Die Herren der Sklaven wollten sich zudem nicht mit den notwendigen Beschäftigungen befassen, da diese als nicht-menschlich galten. Diese notwendigen Arbeiten hatten die Menschen, respektive die Sklaven mit den Tieren gemeinsam. So kommt Hannah Arendt in diesem Zusammenhang auch zum ersten Mal auf das Animal laborans - das arbeitende Tier - zu sprechen. In der Neuzeit taucht dieser Begriff vorerst gar nicht mehr auf, denn es wird nicht zwischen Animal laborans und Homo faber - dem herstellenden Menschen - unterschieden. In diesem Stadium der modernen Entwicklung findet man den Unterschied zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit, später ist es die gelernte und ungelernte Arbeit, schließlich ist man bei der Unterscheidung zwischen Kopf- und Handarbeit angelangt. Laut Adam Smith und Karl Marx ist die unproduktive Arbeit parasitär, als Beispiel führt Smith das „`müßige Hausgesinde´ [an], das [...] nur verzehrt und nichts schafft“4. Hier wirft Hannah Arendt Marx, Smith und den anderen Theoretikern der Neuzeit vor, nicht zwischen Arbeit und Herstellen zu unterscheiden. Allerdings ist in der Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Arbeit und Herstellen mitenthalten. Dadurch kommt Hannah Arendt auf die Produkte der Arbeit zu sprechen. Anders als die Produkte des Herstellens sind die Arbeitsprodukte nichts greifbares; sie halten nicht lange vor. Für Hannah Arendt ist eigentlich die Arbeit unproduktiv, das Herstellen dagegen ist produktiv. So beruht ihrer Meinung nach die ganze „Glorifizierung der Arbeit in der Neuzeit“5 auf einer Verwechslung des Arbeitens mit dem Herstellen. Sie spricht der Arbeit allerdings eine eigene Produktivität zu, die aber nicht auf den Ergebnissen der Arbeit beruht, sondern auf der Kraft des menschlichen Körpers, der „imstande ist, einen Überschuss zu produzieren“6. Die Unterscheidungen zwischen gelernter und ungelernter und zwischen Kopf- und Handarbeit, die in der Neuzeit gemacht wird, sind weder in der klassischen politischen Ökonomie noch in Marx Werk zu finden. Die Unterscheidung zwischen gelernt und ungelernt bezieht sich nur auf ein Stadium, respektive auf eine Qualität in der Ausführung der Arbeit. Noch mal auf die Produktivität des Arbeitens kommend, sagt Hannah Arendt, dass Denken ähnlich unproduktiv ist wie Arbeiten. Wenn der Denkende produktiv sein will, muss er mit seinen Händen seine Gedanken greifbar machen; durch diesen Prozess wird der Denkende zu einem Hersteller. Andererseits behauptet Hannah Arendt auch, dass die „neuzeitliche Intellektuellenklasse“7 nichts mit den Handwerksberufen, also den herstellenden Tätigkeiten gemein hat. Ihrer Meinung nach arbeiten die Intellektuellen mit dem Kopf, der ja zum Körper gehört. So werden Denkende, die ihre Gedanken aufschreiben zu Herstellern, wenn sie ihre Gedanken aber für sich behalten, sind sie Arbeiter.

2.2 Die Dinghaftigkeit der Welt

Alle Produkte des Arbeitens sind Verbrauchsgüter, die Produkte des Herstellens sind Gebrauchsgüter. Während die Gebrauchsgüter zu der „gegenständlichen Dingwelt“8 gehören und somit dauerhaft sind, sind die Verbrauchsgüter flüchtig und eigentlich nicht dinghaft. Hier unterscheidet Hannah Arendt zwischen dem Leben des Menschen und der Welt. Für das Leben des Menschen haben die Verbrauchsgüter die selbe Bedeutung wie die Gebrauchsgüter für seine Welt. Weil die Verbrauchsgüter aber auch in der Dingwelt vorkommen, kommt ihnen auch eine gewisse Dinghaftigkeit zu. Für die Produkte des Handelns und des Sprechens sieht die Lage aber schon ganz anders aus, denn diese Erzeugnisse hängen nur von der Pluralität des Menschen ab. Sie benötigen das Gesehenwerden, das Gehört- und Erinnertwerden um existieren, um in der dinghaften Welt erscheinen zu können. Sobald etwas gesagtes, etwas gedachtes vergessen wird, existiert es nicht mehr. Gedanken können aber dann verdinglicht werden, wenn sie verwandelt werden, durch Niederschriften, Malereien, Skulpturen - alle Denk- und Mahnmäler sind verdinglichte Gedanken und Erinnerungen.

2.3 Die Arbeit und das Leben

Der Lebensprozess kann als Kreislauf von Geburt und Tod verstanden werden. Er kann aber auch als Kreislauf aus Arbeit und Konsumtion verstanden werden. Denn der Prozess aus Arbeit und Konsumtion ist unendlich, fortdauernd, ebenso wie Geburt und Tod. Das Herstellen hingegen ist endlich, denn es endet mit dem fertigen Produkt. Das Herstellen, vom natürlichen Aspekt aus betrachtet, ist auch destruktiv, da „der Herstellungsprozess die von ihm benötigte Materie der Natur für immer entwendet“9. Vom weltlichen Aspekt betrachtet ist dagegen die Arbeit destruktiv, aber nur wenn Materie „für eine Einverleibung präpariert“10 wird. Hannah Arendt kommt am Ende dieses Kapitels zu dem Schluss, dass die Erhaltung von Körper und Welt die Verrichtung täglicher Arbeiten braucht, da diese zu den natürlichsten Tätigkeiten gehört. Somit kommt es zu einem engeren Bezug zwischen Arbeitskampf und Welt, „deren Bestand [der Mensch] gegen die Natur verteidigt“11.

2.4 Die Fruchtbarkeit der Arbeit im Unterschied zu ihrer vermeintlichen „Produktivität“

Hannah Arendt begründet den plötzlichen Aufstieg der Arbeit mit der Entdeckung von John Locke, dass Arbeit die Quelle des Eigentums ist. Die Arbeit wird als produktivste, respektive weltbildende Fähigkeit des Menschen gesehen. Dagegen spricht laut Arendt, dass Arbeit in Wahrheit die natürlichste aller menschlichen Fähigkeiten ist, somit unproduktiv. Auch Adam Smith war der Meinung, dass Arbeit unproduktiv sei. Er ging sogar so weit, dass er alle niederen Arbeiten und Dienstleistungen, die mit der Konsumtion zusammenhingen, verachtete, denn aus Arbeit entsteht kein Wert. Den Widerspruch zwischen Arbeit als einerseits extrem weltliche und andererseits extrem natürliche Fähigkeit des Menschen entdeckte sie unter anderem bei Marx. Dieser musste allerdings zugeben, dass die Arbeitsproduktivität erst mit der Vergegenständlichung beginnt, das heißt mit Verdinglichung der Verbrauchsgüter. Arendt findet Marx´ Stellung zur Arbeit immer zweideutig, denn zum einen sieht er die Arbeit als Naturnotwendigkeit, zum anderen fordert er von der Revolution, die Menschen von der Arbeit zu befreien. So endet laut Arendt Karl Marx´ Werk „mit einer unerträglichen Alternative zwischen produktiver Knechtschaft und unproduktiver Arbeit“12. Dass Marx die Arbeit als Naturnotwendigkeit sieht, begründet Hannah Arendt unter anderem mit diesem Zitat von ihm: „durch Arbeit produziert der Mensch sich selbst, durch Zeugung produziert er andere“. Durch diesen Satz kommt Hannah Arendt auch zur Gleichsetzung von der „Mühsal der Arbeit und [der] Mühsal des Gebärens“13, die bereits im hebräischen und klassischen Altertum stattfand.

Auf die Fruchtbarkeit der Arbeit zu sprechen kommend, sagt Hannah Arendt, dass der Mensch durch „ein in der Arbeit sich verbrauchendes Leben“14 im Kreislauf der Natur bleiben kann. Dieses sich verbrauchende Leben ist durch Arbeit und Lust geprägt. Denn der Segen der Arbeit ist, dass Mühsal und Lohn sich regelmäßig abwechseln. Und der Lohn für die Mühe der Arbeit kommt aus der Natur, die dem Menschen die Fruchtbarkeit gibt. Diesen Segen der Arbeit kann das Herstellen niemals bieten. Beim Herstellungsprozess tritt die Freude bei vollendeter Leistung ein. Wie bereits erwähnt ist der Herstellungsprozess endlich15, also können Mühsal und Lohn sich nicht im regelmäßigen Rhythmus folgen. An dieser Stelle geht Arendt nun etwas näher auf den Begriff des Glücks ein, da in der Neuzeit die Lust in das „Glück der größten Anzahl“ verallgemeinert wurde. Dieses Ideal des Rechts auf Glück, das identisch ist mit dem Recht auf Leben, ist allerdings nur vom Arbeiter auf die gesamte Gesellschaft übertragen worden. Nur der Arbeiter hat das Recht auf regelmäßigen Lohn, den man als Lust bezeichnet. Denn Lust ist das Fehlen von Mühsal, Glück hingegen ist etwas flüchtiges, zufälliges. Die Fruchtbarkeit, der Lohn der Natur, ist die Kraft der Arbeit. Sie sorgt dafür, dass es einen Überschuss an Arbeitsprodukten gibt. Dieser Überschuss an Arbeitsprodukten lässt sie allerdings auch nicht dauerhafter, also nicht dinghafter werden.

2.5 Die Abschaffung des „toten“ Eigentums zugunsten der „lebendigen“ Aneignung

Einerseits wurden die Eigentumstheorien der Neuzeit verfasst um das Privateigentum zu rechtfertigen. Andererseits verherrlichten sie auch die Arbeit, die konsequenterweise zur Abschaffung des Eigentums führen sollte. Dies mag auf den ersten Blick als Widerspruch erscheinen, klingt aber ganz logisch, wenn man bedenkt, wie aggressiv und polemisch sich die modernen Eigentumstheorien gegen das Staatliche wendeten. Außerdem kannten sie noch nicht den Sozialismus oder Kommunismus, der das Recht auf Privateigentum absprach. Diese Theorien der Neuzeit wandten sich gegen das Staatliche, weil sie völlig neue Rechte für das Eigentum haben wollten. Was dabei von diesen Theorien so aggressiv verteidigt wurde, war nicht das Recht auf Eigentum, sondern das auf den ungehinderten Erwerb von Eigentum. Und dieser Vorgang des Erwerbs von Eigentum ist die Arbeit. Diese Arbeit ist ein privater Vorgang, das heißt sie ist lebendig. Sie ist die lebendigste Tätigkeit, da der natürliche Lebensprozess im Körper stattfindet. Das Eigentum, das sie sich aneignet ist dagegen dinghaft. Diese Dinghaftigkeit kann man mit Weltlichkeit gleichsetzen, da sie im Gegensatz zum Privaten, dem Lebendigen, steht, ist das Eigentum also „tot“. Dadurch dass die Arbeit schließlich privat ist, wird das Recht auf Privateigentum unter anderem von Locke gerechtfertigt. Denn der Körper ist das Eigentum des Menschen. Hannah Arendt sieht den Körper zugleich als „Urbild allen Eigentums“16. So ist der „Rückzug“ in seinen Körper bei Schmerz oder Mühsal ein Zustand, in dem der Mensch aus der Welt, das heißt aus der Öffentlichkeit vertrieben ist. Der Schmerz ist also eine radikale Erfahrung von Weltlosigkeit. Damit ist auch die Arbeit die einzige Tätigkeit, die der Weltlosigkeit entspricht, weil der Körper beim Arbeiten auf sich selbst zurückgeworfen ist. Diese Weltlosigkeit der Arbeit, wird aber durch Besitz von Eigentum gemildert, da dieses „selbst so sicher in der Welt verankert ist“17.

2.6 Das Werkzeug und die Arbeitsteilung

Nicht nur die Arbeit selbst ist weltlos, auch das Animal laborans ist aus der Welt „ausgestoßen in die unzugängliche Privatheit“18. Zudem ist das arbeitende Tier, obwohl von Körperbedürfnissen getrieben, nicht Herr seines Körpers. So sind die Arbeiter, respektive die Sklaven laut Plato der Freiheit unfähig. In der Antike wurden die Sklaven hauptsächlich zur Entlastung ihrer Herren vom Konsumieren gebraucht. Das Konsumieren wurde nämlich als eine Last des Lebens angesehen, die den Menschen am Menschsein hindert. Allerdings beraubte dieses Konsumieren der Sklaven die Herren um des Lebens natürlichste Genüsse. Nur wer Mühsal erfährt kann das Leben genießen. Die Sklaven haben damals die Notwendigkeit der Arbeit verdeutlicht, indem sie den Herren die Mühsal abnahmen, sie ihnen aber auch jedes Mal vor Augen führten. In dieser Zeit beschäftigte sich auch Aristoteles mit dem Sinn und Nutzen von Werkzeugen, die in der täglichen Arbeit benutzt wurden. Er kam zu dem Schluss, „dass das Handwerk ohne den Handwerker auskommt“19, der Haushalt könne ohne Sklaven aber nicht bewirtschaftet werden. Denn die Sklaven waren lebende Arbeitsgeräte. Die Arbeitskraft kann also nicht durch Werkzeuge ersetzt werden. Das heißt, dass die Arbeit auch ohne Werkzeug auskommt, das Herstellen ohne Werkzeug ist aber unmöglich. Arbeitsgeräte können die natürliche Arbeitskraft nur verstärken, nicht ersetzen. So können die Arbeitsgeräte auch zu einem Überfluss an Konsumgütern führen.

Die Arbeitsteilung ist auch ein wichtiges Merkmal zur Unterscheidung von Arbeit und Herstellen. Dabei darf man die Arbeitsteilung nicht mit der Spezialisierung in Berufe verwechseln. Denn die Spezialisierung in Berufe wird nur bei Herstellungsprozessen angewandt und richtet sich nach dem herzustellenden Produkt. Bei der Arbeitsteilung dagegen sind die aufgeteilten Arbeiten qualitativ gleich. Wenn man die Teil-Arbeitskräfte zusammenaddiert bekommt man die Gesamtsumme der Arbeitskraft heraus. Das Prinzip der Arbeitsteilung beruht also auf dem „Eins-Sein“20. Dieses Eins-Sein ist das genaue Gegenteil der Kooperation, da diese auf der Verschiedenheit der Kooperierenden beruht. So stellt Hannah Arendt dann auch die Arbeiterkollektive den Handwerksverbänden, wie Gilden, Zünften, etcetera gegenüber. Natürlich ist das „`natürliche´ Ende des Arbeitsprozesses in der Arbeitsteilung“21 genauso wie in der ungeteilten Arbeit. Die Arbeit endet, wenn die benötigten Lebensmittel reproduziert sind oder wenn die Arbeitskraft erschöpft ist. Allerdings ist auch hier der Prozess nicht endgültig, denn die kollektive Arbeitskraft ist unerschöpflich. Das heißt aber auch, dass unendlich viele Güter produziert werden können. Die Konsumkapazität der Menschen aber ist begrenzt. Hannah Arendt sieht die Zukunft - vielleicht auch schon unsere heutige Gesellschaft - mit dem Problem konfrontiert, „wie man eine individuell begrenzte Konsumkapazität mit einer prinzipiell unbegrenzten Arbeitskapazität in Einklang setzen kann“22. Sie sieht auch ein großes Problem in der Massenfabrikation, denn dadurch ist das Prinzip der Arbeitsteilung auf den Herstellungsprozess angewandt worden. Dadurch entsteht ein weiteres Problem: Die Konsumgüter werden dauerhaft, müssen aber dennoch schnell verbraucht werden. Durch die Industrialisierung, die Hannah Arendt verurteilt, hat der Herstellungsprozess den Charakter eines Arbeitsprozesses angenommen. So ist das Ideal von Homo faber - Dauer, Haltbarkeit, Bestand - vom Ideal des Animal laborans überschattet worden. Somit ist das Ideal der Arbeitsgesellschaft der Überfluss geworden.

2.7 Die Gesellschaft von Konsumenten

Die moderne Gesellschaft ist eine Konsumgesellschaft, somit ist sie auch eine Arbeitsgesellschaft, da Arbeiten und Konsumieren zwei Stadien des menschlichen Lebensprozesses sind. Dass die moderne Gesellschaft eine Arbeitsgesellschaft ist, merkt man auch an der Stellung der Arbeit in der Gesellschaft: Wir leben um zu arbeiten und wir arbeiten um uns ein angemessenes Einkommen zu sichern, das wir wieder in Konsumgütern ausgeben können. Diese Arbeits- oder Konsumgesellschaft ist durch die Befreiung der Arbeitstätigkeit entstanden. Diese Befreiung der Arbeit hat auch zur Folge gehabt, dass die Arbeit eine unbestrittene Vorherrschaft vor allen anderen Tätigkeiten der „Vita activa“ - des aktiven Lebens - inne hat. Wobei nach Hannah Arendt die Arbeit der Ernst des Lebens ist und das Spielen, also die Hobbies, die Freiheit des Lebens bildet. Dadurch kommt Hannah Arendt auch wieder auf Marx zu sprechen, der die Befreiung von der Arbeit gefordert hat und somit auch die Befreiung von der Notwendigkeit des Konsumierens. Dieses, Arendts Meinung nach, einzig utopische Element von Marx fordert also die Befreiung vom Stoffwechsels des Menschen mit der Natur. Marx Hoffnung war also, dass die Freizeit den Menschen von der Notwendigkeit befreien würde. Dies kann laut Arendt aber nie funktionieren, da das Animal laborans seine überschüssige Arbeit immer für das Konsumieren verbraucht. Die Emanzipation der Arbeit konnte zudem die Arbeitsproduktivität steigern, die zu einer Massengesellschaft, die nicht den Zustand des Glücks für die größte Anzahl verwirklichen kann, führt. Also jagt die Masse dem Glück hinterher. Denn alle glauben ein Recht auf Glück zu haben, doch nur das Animal laborans hat dieses Anrecht auf Glück. So steuert die Gesellschaft laut Hannah Arendt auf eine „waste economy“23 zu - eine auf Vergeudung beruhende Wegwerfgesellschaft, die nur das schnelle Glück, respektive das schnelle Konsumieren im Sinn hat.

3. Der Unterschied zwischen Arbeiten und Herstellen

Für Arendt gibt es keine Gleichstellung zwischen Arbeit und Herstellen, sie benutzt diese beiden Worte auch nicht als Synonyme. Arbeit hinterlässt für Arendt „nichts objektiv Greifbares“24, sie ist nicht produktiv. Dem Arbeiten kommt eine eigene Produktivität zu, die sich durch den Überschuss an Kraft ausdrücken lässt, den der menschliche Körper produziert. Außerdem ist die kollektive Arbeitskraft niemals erschöpft, sie ist unendlich. Hannah Arendt sieht deshalb auch das Leben als einen Kreislauf, bestehend aus Arbeiten und Konsumieren. Der Herstellungsprozess ist dagegen endlich: Er ist beendet, wenn das Produkt fertiggestellt ist. Die Produkte des Herstellens sind auch im Gegensatz zu den Arbeitsprodukten greifbar und weltlich. Dadurch dass der Mensch beim Arbeiten auf seinen Körper zurückgeworfen ist, sind seine Produkte privat, das heißt sie sind weltlos. Wenn der Mensch allerdings Privateigentum hat, wird die Weltlosigkeit des Arbeitens gemildert, da das Eigentum selbst so sicher in der dinghaften Welt verankert ist. Diese flüchtigen Produkte des Arbeitens haben eine gewisse Ähnlichkeit mit denen des Denkens, des Sprechens und des Handelns, sie alle sind weltlos. Wobei die Erzeugnisse des Denkens, Sprechens und Handelns durch Aufschreiben und Erinnertwerden in der Pluralität des Menschen weltlich werden. Wird ein Gedanke aber nicht umgesetzt, das heißt nicht aufgeschrieben, gezeichnet oder geformt, dann bleibt er privat für diese eine Person gedacht und weltlos.

Diese Umsetzung des Gedanken ist somit ein Herstellungsprozess, das Denken selbst ist ein Arbeitsprozess, da es im Kopf, das heißt körperlich, stattfindet. Für diesen Herstellungsprozess braucht man also auch Werkzeug, denn ohne Farbe, Füller, etcetera, lässt sich der Gedanke gar nicht für die Nachwelt verewigen, das heißt er lässt sich nicht verdinglichen. Somit hält Hannah Arendt fest, dass Arbeiten durchaus ohne Werkzeug vonstatten gehen kann. Für den Herstellungsprozess benötigt man aber dringend Werkzeuge, ohne diese ist das Herstellen gar nicht möglich. Für die Herstellung der Werkzeuge selbst braucht man außerdem eine Spezialisierung in Berufe, wobei diese sich nach dem herzustellenden Produkt richtet. In der Arbeit dagegen basiert die Arbeitsteilung auf den qualitativ gleichwertigen Arbeitskräften, die gemeinsam als eine Gesamtarbeitskraft funktionieren. Die spezialisierten Hersteller kooperieren hingegen, sie ergänzen sich gegenseitig. Hannah Arendt versteht Kooperation als Vereinigung verschiedener Kräfte. Und das Ende der geteilten Arbeit findet auch wie das Ende der ungeteilten Arbeit statt: Der Arbeitsprozess endet, wenn der Arbeiter erschöpft ist oder wenn ausreichend Lebensmittel produziert wurden. Dennoch ist die kollektive Arbeitskraft unerschöpflich. Die individuelle Arbeitskraft endet mit dem Tod, eine neue wird mit der Geburt eines Menschen erschaffen. So wird es Arbeit und das Animal laborans immer geben.

4. Die Unterscheidung des Menschen in Animal laborans und Homo faber

Das Animal laborans war in der Antike nur unwesentlich mehr wert als ein Tier - Sklaven wurden also wie Tiere behandelt. Heute gibt es keine Sklaverei mehr, dennoch spricht man immer noch vom arbeitenden Tier. Hannah Arendt benutzt diesen Begriff, da der Arbeiter genau wie das Tier in den Kreislauf der Natur eingebunden ist. Er ist der „Notdurft des Lebens“25 verpflichtet. Der Homo faber - der herstellende Mensch - hingegen ist nicht in die Natur eingebunden. Er benutzt die Rohstoffe und Materialien der Natur und verformt sie so, dass sie oftmals nicht mehr in den Kreislauf der Natur zurückgeführt werden können. Dadurch dass der Homo faber nicht in die Naturprozesse einbezogen ist, hat er auch kein Recht auf sich regelmäßig wiederholende Lust. Diese Lust in Form von Fruchtbarkeit erfährt das Animal laborans regelmäßig. So wie in der Natur der Kreislauf von Geburt und Tod vorherrscht, so erlebt der Arbeiter den regelmäßigen Prozess von Mühsal und Lohn oder, wie Hannah Arendt es auch nennt, von Arbeit und Konsumtion. Diese regelmäßige Glückserfahrung bekommt der Homo faber nie zu spüren. Er erfährt Freude, respektive Lust, nur wenn sein Zielprodukt fertiggestellt ist. Diese Fertigstellung eines Produkts erfolgt aber nicht regelmäßig. Und durch die notwendige Benutzung von Werkzeugen ist der Homo faber nicht wie das Animal laborans bei seiner Tätigkeit auf seinen Körper zurückgeworfen. So erfährt er nicht die Mühsal und den Schmerz des Arbeitsprozesses und verdient nicht das Anrecht auf Glück. Dies erscheint jetzt so, als ob das Animal laborans gegenüber dem Homo faber im Vorteil wäre, aber dadurch dass der Arbeiter nicht Herr seines Körpers ist, ist er der Freiheit unfähig. Der Arbeiter ist nur von seinen Körperbedürfnissen getrieben. Er ist aus der Welt und somit aus der Öffentlichkeit zurückgestoßen in die Privatheit. Und der Mensch kann laut Hannah Arendt nur in der Öffentlichkeit Freiheit erfahren. In diesem Punkt ist der Homo faber im Vorteil. Natürlich ist es auch ein Vorteil für den herstellenden Menschen, dass er nicht die Mühsal und den Schmerz des Arbeitens ertragen muss. Allerdings entwickelt sich der Homo faber in der modernen Gesellschaft allmählich zu einem Animal laborans. Diese Entwicklung begann bereits mit der Industrialisierung und er Automatisierung des Herstellungsprozesses. Durch die Massenhaftigkeit hat der Herstellungsprozess den Charakter eines Arbeitsprozesses erhalten. Der herstellende Mensch entwickelt sich somit zu einem arbeitenden Tier, das nur an Konsumtion und Überfluss denkt.

5. Fazit

Wenn man sich mit dem Begriff der Arbeit beschäftigen und das Wesen der heutigen Arbeit ergründen will, kommt man nicht umhin sich auch mit Hannah Arendt zu beschäftigen. Ihre Unterscheidungen in Arbeiten und Herstellen können oftmals neue Denkansätze bewirken. Bei der Unterscheidung in Animal laborans und Homo faber allerdings, könnte man meinen, dass nur der Arbeiter, der ein Umweltbewusstsein entwickelt hat Glück verdient. Niemand sonst hat diesen absoluten Anspruch auf das Glück, wie das Animal laborans, das früher mit der Natur im Einklang gelebt hat. Heute gibt es dieses arbeitende Tier ja nicht mehr, da sich der Arbeits- und Herstellungsprozess immer mehr angeglichen haben und heute fast miteinander verschmolzen sind. Durch diese Verschmelzung steuert die heutige Konsumgesellschaft auf eine „Wegwerfgesellschaft“26 zu. Und diese Entwicklung scheint Hannah Arendt, deren Meinung ich mich anschließe, nicht positiv zu sehen.

Literatur - und Quellenverzeichnis

Arendt, Hannah, Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München 1999, 11. Auflage.

Aristoteles, Politik 1254b25.

[...]


1 Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München, 1999, 11. Auflage.

2 Ebel., Seite 98.

3 Aristoteles, Politik 1254b25.

4 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 104.

5 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 105 oben.

6 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 105 unten.

7 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 110 Mitte.

8 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 112 unten.

9 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 118 unten.

10 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 118 unten.

11 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 119 oben.

12 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 123 unten.

13 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 125 unten.

14 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 126 oben.

15 Siehe den Abschnitt „2.3 Die Arbeit und das Leben“, Seite 4 der vorliegenden Arbeit.

16 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 132 Mitte.

17 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 135 unten.

18 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 139 unten.

19 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 144 Mitte.

20 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 145 unten.

21 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 146 Mitte.

22 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 147 oben.

23 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 158 unten.

24 Hannah Arendt, a.a.O., Seite 104 unten.

25 Aristoteles, a.a.O..

26 Siehe den Abschnitt „2.7 Die Gesellschaft von Konsumenten“, Seite 11 der vorliegenden Arbeit.

Details

Seiten
15
Jahr
2001
Dateigröße
358 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v105157
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
Schlagworte
Begriff Arbeit Hannah Arendt Grundbegriffe Theorie Schriften Arendts

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Titel: Der Begriff der Arbeit bei Hannah Arendt