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Deutsch-Deutsche Entfremdung und Probleme der Inneren Vereinigung

Seminararbeit 2001 19 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINHALT

1. DIE WIEDERVEREINIGUNG
1.1 Der Fall der Mauer
1.2 Staatliche Einheit

2. DIE SCHWIERIGKEITEN DES ZUSAMMENWACHSENS
2.1 Materielle Fakten
a. Ökonomisch
b. Sozial
2.2 Einigungsprozess
a. Materieller Einigungsprozess
b. Innerer Einigungsprozess
·Werte- und Wertestrukturen
·Deutsch-deutsche Befindlichkeiten
·Entfremdung
·Nationalismus im vereinten Deutschland

3. DIE DEUTSCHE EINHEIT AUS DEM GESICHTSPUNKT DES SCHRIFTSTELLERS GÜNTER DE BRUYN
3.1 Kurze Biographie
3.2 De Bruyns literarische Auseinandersetzung mit der Diktatur
3.3 Opportunismus
3.4 Auseinandersetzung mit der Wiedervereinigung

SCHLUSSFOLGERUNG

BIBLIOGRAPHIE

Einleitung

Wir schreiben das Jahr 2001. Seit zehn Jahren besteht die politische Einheit Deutschlands. Während den Jahren der Trennung haben die meisten Bürger, in der DDR wie in der Bundesrepublik, immer die Wiedervereinigung verlangt. Andere haben sich dagegen gesträubt, schließlich wurden aber die meisten von dieser Entwicklung überrascht und standen dem Lauf der Geschichte perplex gegenüber. Im Herbst 1989 erschien die Einheit für die immer unzufriedenen gewordenen DDR-Bürger letztlich als einzig möglicher Ausweg aus der politischen und ökonomischen Misere. Was sich im Westen bewährt hatte, sollte dem Osten die lang erhoffte Satisfaktion bringen. Vom materiellen wie emotionalen Mangel getrieben, gingen Tausende von Menschen in der DDR auf die Straßen um für die deutsche Einheit zu demonstrieren. Das Zusammenwachsen beider Staaten scheint aber nicht einfach zu sein. Zu den politischen und ökonomischen Schwierigkeiten kommen noch den Psychologischen, die ein großes Ausmaß zu haben scheinen. Deswegen möchte sich diese Arbeit die Exploration der „deutschen Befindlichkeiten“ zur Aufgabe machen. Im ersten Teil wird ein historischer Überblick der Wiedervereinigung gegeben um sich im zweiten Teil besser mit den intellektuellen und emotionalen Eigenarten der West- und Ostbürger auseinanderzusetzen können. Im dritten Teil schließlich, wird berichtet, wie der ostdeutsche Schriftsteller Günter de Bruyn sich mit der Einheit befasst und wie er die Überwindung der Ost-West Konflikte für möglich hält.

1. Die Wiedervereinigung

1.1 Der Fall der Mauer

Im Laufe der achtziger Jahre wurde immer ersichtlicher, dass die DDR schon längst von der wirtschaftlichen Substanz zehrte. Da die Unzufriedenheit wuchs, wurde die systemimmanente Repression im Unerträgliche gesteigert. Diese politische Maßnahme verstärkte die subversiven Tendenzen in der DDR- Bevölkerung. Als die Bürgerinitiativen bei den Kommunalwahlen in der DDR im Mai 1989 Wahlfälschung feststellen, kommt es zu Demonstrationen im ganzen Land. Wesentlichen Anteil an der Zuspitzung der Situation hat Ungarn, das sich seit Mitte der achtziger Jahre immer mehr nach Westen öffnete. Ungarn wurde für viele DDR- Bürger das Tor zum Westen. Proteste und Fluchtbewegungen wurden im Verlauf des Jahres 1989 immer massiver. Die innerstaatliche Opposition wuchs ständig, die kritischen Stimmen wurden zahlreicher. Erinnert sei in diesem Kontext die Montagsdemonstrationen in Leipzig, die bis zum November 1989 auf einen Umfang von 400 000 Menschen anschwollen. In der Regierung kam Unsicherheit auf, und es kam zu Umgereimtheiten innerhalb der SED. Statt tiefgreifende Reformen einzuleiten, versuchte Erich Honecker im Rahmen der Vierzig-Jahr- Feierlichkeiten der DDR am 7. Oktober 1989, im Rampenlicht der Öffentlichkeit den Schein zu wahren. Er wird vom SED- Politbüro abgesetzt, und als Nachfolger entscheidet man sich für Egon Krenz. Doch der neue Mann an der Spitze des DDR- Staates vermochte die angespannte Lage nicht zu verändern. Anfang November glaubte Krenz und Genossen immer noch, dass Reiseerleichterungen die Lage wieder stabilisieren könnten, aber es war zu spät, die Demonstranten in Leipzig forderten zum ersten Mal: „Wir brauchen keine Gesetze - die Mauer muss weg!“ Diese unerwartete Reaktion eines Großteils der Bevölkerung löste Konfusion in der DDR- Spitze aus und führte dazu, dass der Ost-Berliner SED- Bezirkschef Günter Schabowski am 9. November 1989 in einer etwas unklaren Formulierung überraschend die Öffnung der Grenze für “Privatreisen nach dem Ausland“ bekannt gab. Noch in der Nacht machten sich Tausende auf den Weg zur Grenze, wo die Verwirrung zunächst groß war, denn die Grenzposten hatten keinerlei Anweisung von oben erhalten, und die Mauereröffnung weder auf einem gültigen Beschluss der Regierung basierte, noch mit den Grenzbehörden abgestimmt war. Millionen von Menschen strömten nach Westen. Die friedliche Revolution trug ihre Früchte: 28 Jahre nach ihrer Errichtung war die Mauer gefallen.

Die Gründe für diese Entwicklung, die letztlich zum Zusammenbruch des SED- Regimes führten, sind als ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren zu sehen. Zum ersten ist die fehlende Legitimation der politischen Führung, die mit Wahlfälschungen und einem einzigartigen Überwachungsapparat ihre Stellung behauptete, als Ursache anzuführen. Zum zweiten war sicherlich auch die marode wirtschaftliche Situation für den Zusammenbruch verantwortlich: Die DDR war ohne weiteres „pleite“. Und zum dritten ist die Reformunwilligkeit bzw. -unfähigkeit der Regierung zu nennen, die die Zeichen, die Gorbatschow seit seinem Amtsantritt mit Perestroika und Glasnost gesetzt hatte, nicht erkannte. Die DDR konnte ohne die Rückendeckung der Sowjetunion in dieser Form nicht weiterexistieren.

1.2 Staatliche Einheit

Helmuth Kohls Forderungen folgend, wurden demokratische Wahlen zur Volkskammer ausgeschrieben die dann am 18. März 1990 stattfanden. Die CDU und die neuen Parteien „Deutsche Soziale Union“ und „Demokratischer Aufruf“ schlossen sich zu einer „Allianz für Deutschland“ zusammen. Sie errang überraschenderweise die Mehrheit, die Wähler sprachen sich somit für eine schnelle Wiedervereinigung Deutschlands aus. Am 1. Juli trat die Wirtschaft-, Währungs- und Sozialunion in Kraft, die am 18. Mai in einem Staatvertrag beschlossen wurde. Durch die Wirtschaftsunion wurde ein einheitlicher deutscher Markt geschaffen, in dem Ware und Kapitale unbehindert verkehren konnten. Die Wahrungsunion führte ein einheitliches Zahlungsmittel zwischen Ost und West, die D-Mark, ein. Durch die Sozialunion wollte man eine schrittweise Angleichung der Sozialsysteme (Arbeitsrecht, Rentenversicherung, Krankenkasse,...) bewerkstelligen.

Am 23.August 1990 beschloss die Volkskammer den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Eine Woche später, am 31. August, wurde der deutsch-deutsche Einigungsvertrag von beiden Seiten unterzeichnet, und am 12. September von beiden Parlamenten (Bundestag und Volkskammer) verabschiedet. Auf internationaler Ebene hatte der sowjetische Präsident Gorbatschow im Februar 1990 grundsätzlich der deutschen Einheit zugestimmt und nur wenige Tage später wurde auf der „Open- Skies- Konferenz“ in Ottawa die „Zwei-plus-Vier“ Formel geboren: Die beiden deutschen Staaten verhandelten in der Folge mit den vier ehemaligen Alliierten des Zweiten Weltkriegs über die äußeren Aspekte der deutschen Einheit in einer Serie von Konferenzen, die im September mit der Unterzeichnung des „Vertrages über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland“ endete. Die Regelung der inneren und äußeren Aspekte wurde mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober abgeschlossen. Für Berlin bedeutete dies den Wegfall des Viermächtestatus und aller damit verbundenen Rechte der Alliierten. Damit wurde Deutschland nach über vierzig Jahren der Trennung wieder geeinigt.

2. Die Schwierigkeiten des Zusammenwachsens

2.1 Materielle Fakten

a. Ökonomisch

Die deutsche Einigung wurde zum wirtschaftlichen Kraftakt. Ab 1.6.1990 gilt die Währungsunion. Die Umrechnung der DDR Mark in D-Mark war schwierig. Nach einer speziellen Regelung wurde ein Teil des Geldes 1:1 gewechselt, der andere 2:1. Ein Neubeginn scheiterte in vielen Fällen auch an den unklaren Eigentumsverhältnissen. Das Vermögensgesetz mit seinem Prinzip "Rückgabe vor Entschädigung" blockierte Investitionstätigkeiten. Vor allem war es schwer, weil die DDR Betriebe über Nacht dem freien Wettbewerb ausgeliefert wurden. Ihre Produktivität war viel geringer als die der Westdeutschen Betriebe, und der erhoffte Investionsboom blieb aus. Zudem wurden vor allem Konsumgüter aus dem Westen eingeführt, was die Verdrängung der Ostdeutschen Produkte mit sich führte, und wiederum eine Kettenreaktion auslöste, da zunehmend DDR- Betriebe schließen mussten. Die Arbeitslosenzahl stieg drastisch an, und die Erwerbstätigen hatten Anpassungsschwierigkeiten an die neuen Arbeitsgesetze. Die Kritik wurde lauter, weil sich die Ostdeutschen als Verlierer der Wende sahen. Ihnen gingen die gewohnten Sozialleistungen der DDR ab. Die wirtschaftliche Unterstützung der Westunternehmen blieb aus. Problematisch war auch die Arbeit der nach der Wiedervereinigung gegründeten Treuhandanstalt welche die Abwicklung der Volkseigenen Betriebe (VEB) übernahm. Millionen von Arbeitsplätzen gingen hierbei verloren, während die Privatisierung der volkseigenen Betriebe die wirtschaftlichen Folgelasten der Wiedervereinigung kaum kompensieren konnte. Nach starken wirtschaftlichen Einbrüchen setzt 1992 ein nur allmähliches Wachstum in den neuen Ländern ein.

b. Sozial

Der Aufbau Ost sollte als Gemeinschaftsleistung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft getragen werden. In einem Solidarpakt vereinbaren die Ministerpräsidenten der Bundesländer sowie die Spitzen der politischen Parteien ein 10-Punkte Programm zur Finanzierung der deutschen Einheit. Es gab nach einigen Jahren immer noch sehr starke Mentalitätsunterschiede. Das Lohnniveau erreichte 1996 zwar bereits 71% des Westdeutschen, aber der Lebensstandard war noch weit unter dem des Westens. In vielen Häusern gab es kein fließendes Wasser, keine Zentralheizungen, keine Telephonanschlüsse. Oft wurde eine Telephonzelle von mehreren Häuserblocks genutzt. Aber neben den wirtschaftlichen und sozialen Themen sorgte in den neuen Bundesländern noch ein weiteres Thema für öffentliche Debatten: Der große Umfang des Bespitzelungsapparates der "Stasi" entpuppt sich als unheimliches Erbe der DDR. Im Frühjahr 1990 besetzten Bürgerkommissionen die Stasi-Zentralen um eine Vernichtung der Akten zu verhindern. Zweifel an der Beweiskraft der rund sechs Millionen Akten sowie Angst vor einer Jagd auf die Täter lösen Diskussionen über Aufarbeitung und Vernichtung der Akten aus. Seit Anfang 1992 kann schließlich jeder auf Antrag seine Akte bei der Gauck Behörde einsehen, wo die Stasi Akten aufbewahrt und verwaltet werden. Die Enttarnung von "Inoffiziellen Mitarbeitern" (IM) führte zu Tragödien im Familien- und Freundeskreis. Ein weiteres großes soziales Problem ist die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern, sowie die rechtsradikalen Ausschreitungen.

2.2 Einigungsprozess

a. Materieller Einigungsprozess

Was dem materiellen Einigungsprozess angeht, stellt man eine Verbesserung der objektiven Situation in den neuen Bundesländern fest. Die Haushaltsnettoeinkommen und frei verfügbaren Einkommensbestandteile sind kräftig gestiegen, das Warenangebot hat die graue Mangelzeit der DDR vergessen lassen, die Umweltbelastungen sind deutlich zurückgegangen und es herrscht persönliche Freizügigkeit. Von einer anderen Seite ist es „ja fast schon ein Klischee geworden, unser heutiges Befinden und die Euphorie des Herbstes von 1989 einander entgegenzusetzen. Damals die Euphorie, der Aufbruch, die Poesie des Anfangs und heute die üble Laune, die Hilflosigkeit und zunehmende Aggressivität, die Prosa des Alltags1“. Heute sind viele durch die extrem hohe Arbeitslosigkeit, gewaltige Umstellungen in allen Lebensbereichen als Folge der Übernahme einer anderen Gesellschaftsordnung enttäuscht und herrscht auch die Angst, den westlichen Mitbürgern unterlegen zu sein. Das, was in 12 Jahren Nationalsozialismus und 40 Jahren DDR-Sozialismus im Osten Deutschlands zerstört wurde, kann nicht in zehn Jahren Demokratie und sozialer Marktwirtschaft repariert werden. Mit der urplötzlichen Wende vom realen existierenden Sozialismus in der DDR zur kapitalistisch geprägten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, wie sie seit fünfzig Jahren in der BRD vorherrscht, und der damit verbundenen Wiedervereinigung Deutschlands ändert sich die Situation für den ehemaligen DDR-Bürger immens. Stellt dieses Ereignis für den in der BRD lebenden Menschen keinen entscheidenden Umschwung dar, so muss sich der in einer kommunistischen Diktatur Sozialisierte mit einer gänzlich neuen Lage auseinander setzen, der neu erlangten Freiheit in ökonomischer und politischer Hinsicht. Nach 10 Jahren Einheit ist jedoch die anfängliche Euphorie einer Nüchternheit gewichen, die man hüben wie drüben feststellen kann. R.Eppelmann gemäß, würden die Probleme der Wiedervereinigung unterschätzt, während die Kräfte der Bundesrepublik Deutschland überschätzt wurden. Hartnäckig hält man im Osten an der Meinung fest, die Idee des Sozialismus sei an sich gut (1997:67%) und nur von schlechten Politikern ruiniert worden. Nicht wenige Ostdeutsche vertreten auch die Meinung, der Osten sei vom Westen „kolonisiert“ worden. Der Tatsache, dass große Teile der ostdeutschen Bevölkerung über öffentliche Gelder, die aus dem Westen stammen (Transfermilliarden) alimentiert werden, hat ein Gefühl der Abhängigkeit seitens der Ostdeutschen zufolge. Sie bewerten nicht nur das von Westdeutschland her übertragene neue System sehr zurückhaltend, aber fühlen sich nicht im neuen Deutschland integriert und angenommen.

Bei der Angleichung der Lebensverhältnisse ist es somit viel mehr der psychologische Zustand der DDR- Bürger, der in den Vordergrund tritt. Die Spätfolgen der über Generationen erzwungener Deformation des Volkscharakters, Mangel an Selbstverantwortung und Eigeninitiative, können den Integrationsprozess von Ost und West nur behindern. Jedoch müssten Bürger die „Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie, Rechtsstaat und Marktwirtschaft" wollen, auch „die Last der Verantwortung schultern, das Risiko des Scheiterns einkalkulieren und Frust und Enttäuschung verkraften2". Wie groß ist der Preis, der die Ostdeutschen für ihre Freiheit bezahlen mussten, und inwieweit ist die innere Integration der Vereinigung gelungen?

b. Innerer Einigungsprozess

Hinsichtlich der „inneren Einheit“3geht es unter dem Blickwinkel der Bundesregierung in erster Linie darum, die Bürger der früheren DDR auf das Niveau der Zustimmung zu den bundesrepublikanischen demokratischen Institutionen zu bringen, das in den alten Ländern bereits seit längerem gegeben ist. „Wenn in den neuen Ländern schon die Akzeptanz des neuen Systems prekär ist, dann kann es mit der noch stärker emotionsbesetzten Identifikation mit dem neuen System erst recht nicht weit her sein. Die affektiven Bedingungen der Menschen zu ihrem Land, wie sie sich in Gefühlen wie Vertrauen, Zugehörigkeit und Stolz ausdrücken, sind in Deutschland besonders defizitär ausgeprägt“4.

- Werte- und Wertestrukturen

Die Frage ist, ob die DDR-Bürger nach 40 Jahren Trennung tiefgreifenden Charakterverformungen ausgesetzt sind. Neigen sie etwa zu rigiden, gehemmten oder zwanghaften Charakteren und lassen sie somit im Transformationsprozess die nötige „Offenheit“, „Flexibilität“ und „Eigenverantwortlichkeit“ vermissen, die nötig sind bei der Angleichung der Lebensverhältnisse?

Thomas Gensicke stellt in seiner Analyse, trotz aller Ost-West- Unterschiede, die Ähnlichkeit in der Verteilung von Wertorientierungen fest. Beiderseits gibt es bestimmte Grundwerte, die für einen übergroßen Teil der Bevölkerung verbindlich sind und in Deutschland eine lange Tradition haben: Sicherheit, Recht, Ordnung und soziale Gerechtigkeit. Beiderseits gibt es weniger wichtige Wertbereiche, wie Politik und eine christliche Lebensauffassung. In wichtige Bereiche wie der Erfolgsorientierung, der Innovationsfreude, der Verantwortungsbereitschaft, dem Interesse an Meinungsführerschaft betragen die Unterschiede nur maximal drei Prozentpunkte.

Die Ostdeutschen haben aber „ein größeres Ordnungsstreben und legen mehr Wert auf Prinzipientreue, sie sind stärker normorientiert, zuverlässiger, stärker zukunftsorientiert und sparsamer“5. Der Westen wirkt etwas liberalisierter und ökonomisch entspannter. Freiheit und Unabhängigkeit sind wichtiger, Sparsamkeit, Einkommen und Wohlstand sind weniger wichtig als im Osten.

- Deutsch-deutsche Befindlichkeiten

Diese Unterschiede in den soziokulturellen Mentalitäten der beiden Bevölkerungen führen zu Deutsch-Deutsche Befindlichkeiten, die den Prozess der Integration langsamer verlaufen lassen, bzw. verhindern.

- Die Eigentümlichkeit der DDR, dass bestimmte Elemente einer klassischen Industriegesellschaft auf die Spitze getrieben wurde, hat, obwohl sie oft eher ideologisch als realistisch war, deutliche Spuren in der Ostdeutsche Mentalität hinterlassen. Viele Ostdeutsche fühlen sich in der Arbeitsschicht zugehörig, die Folge ist ein anhaltender Unterschichtungseffekt des Ostens unter den Westen. Dazu kommt, dass durch die krisenhafte Situation der ostdeutschen Wirtschaft, große Teile der ostdeutschen Bevölkerung über öffentliche Gelder, die aus dem Westen stammen alimentiert werden. Dieses Gefühl von Abhängigkeit, beschleunigt nicht gerade die Vergesellschaftung der Ostdeutschen im neuen Gemeinwesen. Als Gegenreaktion versuchte ein Großteil der Ostdeutschen, Selbstbewusstsein durch die Abgrenzung von Westen zu erzeugen.

- Dieser Distanz hat die Gründung zweier Wir- Gruppen zufolge. Es handelt sich um zwei unterschiedene kollektive Identitäten23. Anhand einer Befragung von Ostdeutschen und Westdeutschen über „Die Menschen in Westdeutschland“ und „Die Menschen in Ostdeutschland“ sind schon seit Mitte des Jahres 1991 klare Ausprägungen einer kollektiven westdeutschen Identität und einer kollektiven Ostdeutschen Identität zu erkennen. Danach ordnen sich Westdeutsche als Wir-Gruppe in hohem Maße Eigenschaften wie Fleiß, Ehrgeiz, Selbstbewusstsein, eine kritische Haltung, die Neigung zur Bürokratie, Sauberkeit, Ordnung und das Streben nach Geld zu. „Den Ostdeutschen“ ordnet man in den neuen Ländern Merkmale wie unzufrieden, misstrauisch, traurig, bedrückt und ängstlich zu. Ostdeutsche meinen von ihrer Wir-Gruppe, sie sei freundlich, bescheiden, ehrlich, zurückhaltend. Diese Identitätsunterschiede zwischen Ost- und West sind zu erklären aus der Unvereinbarkeit ost- und westdeutscher Mentalitäten, die in der Zeit der Trennung entstanden sind.

- Die größte Asymmetrie zwischen Ost und West wird durch die sogenannten Kompetenzmerkmale gebildet. Kompetenzmerkmale sind zum Beispiel Eigenschaften wie „selbständig“, „selbstbewusst“ und „Entschlusskräftig“. Westdeutsche schreiben sich diese Merkmale in hohen Maße zu24, den Ostdeutschen sprechen sie diese jedoch weitgehend ab. Ostdeutsche sprechen diese Eigenschaften den Westdeutschen ebenfalls in hohem Maße zu, sich selbst jedoch schreiben sie Kompetenzmerkmale in wesentlich geringem Maße. Das heißt, die Westdeutschen wollen den Ostdeutschen Kompetenzeigenschaften nicht zustehen, und die Ostdeutschen akzeptieren für ihre Gruppe eine deutliche Unterlegenheit in den Kompetenzeigenschaften. Jedoch besitzen Ostdeutsche die individuellen Voraussetzungen für kompetentes Handeln in ihren individuellen Persönlichkeitsmerkmalen, in einem ähnlichen Maße wie die Westdeutsche besitzen, aber dieses Bewusstsein ist dennoch nicht in der kollektiven Identität der Ostdeutschen präsent. Die Westdeutschen und ihren Medien ist es schon sehr früh gelungen, den Ostdeutschen bestimmte Kernelemente ihrer Vision vom typischen Ostdeutschen aufzuzwingen. Mit der Wiedervereinigung haben die Westdeutschen Angst, ihre statushöhere Position zu verlieren, durch „Verschärfung der Binnengruppenfavorisierung“25 versuchen sie diese Position zu behalten.

- Als sozialistische Gesellschaft war die DDR auf eine starre politische Struktur und zu deren Legitimation auf eine starre soziale Struktur festgelegt. Es bildeten sich bestimmte, vom System gesetzte Verhältnisse zwischen Individuen und Gesellschaft heraus, die von den Individuen genutzt wurden und sie geprägt haben. So muss angenommen werden, dass das Verhältnis von Individuum und System in Ost - und West eine unterschiedliche Färbung hatte. Das Menschenbild des Sozialismus war immer primär kollektivistisch. Zwar bemühte man sich, im Verlaufe der historischen Entwicklung, die menschliche Individualität in dieses Menschenbild zu integrieren. Dennoch blieb unabhängige und kritische Individualität für das offizielle Bild vom sozialistischen Menschen immer prekär. Dass für die DDR-Bürger überhaupt ein bestimmtes Menschenbild für verbindlich erklärt werden konnte, z.B. im Programm der SED, ist typisch für den realen Sozialismus. Im Westen gibt es ein solches verbindliches offizielles Menschenbild nicht und kann es auch nicht geben.26Man könnte wie Günter Kunert27schließen, dass, wenn die Gruppe das Individuum überwältigt, der Prozess der Individuation nicht gelingen könne, weil es eine fremdgesteuerte, von der Gruppenidentität abhängige Person gäbe. Der Einzelne würde es schwierig haben, nach dem Fortfall der Gruppe, auf einmal eine eigene Identität zu bilden, weil die gruppenspezifische Identität viel leichter und schmerzloser war. Diese Annahme wurde von Günter Gaus widerlegt. Die Bürger der DDR, so Gaus, setzten den reglementierenden Zumutungen des Systems selbstbehauptende Verhaltensweise ( wie z.B.Flucht in den Westen, Westfernsehen, Orientierung an Weststandards) entgegen und nutzten Freiräume für eine selbständige Lebensgestaltung im oder neben dem System. Diese Freiräume werden als eine Nische bezeichnet: „Die Menschen in der DDR haben eine hohe Fähigkeit entwickelt, ihren Ausweg aus gesellschaftlich-politischer Überforderung in private Nischen zu organisieren.“28Demzufolge gäbe es die „Bewahrung der kulturellen Identität.“29 Die Besinnung auf kulturelle Traditionen und lokale Geschichte in der Nische ist Ausdruck der Befindlichkeit der Nischenbewohner, die der Entfremdung wehrt. Diese Trennung von Nische und Öffentlichkeit, hat zufolge, dass man „außer in den Grundsatzartikeln der Propaganda, kein Bewusstsein von einer Nation der DDR entdecken kann, wohl aber ein Staatsbewusstsein.“30Im Alltagsverhalten, in der Alltagskultur vieler Bürger spiegelt sich der Nationalcharakter des Deutschen, der in der hermetischen DDR-Gesellschaft starke Tradition besitzt. Zunächst hat „Heimat in der DDR oft noch ein Gesicht, das zwar verwittert, aber lebt.“31

- Entfremdung

Trotz der Bemühungen der Ostdeutschen, ihre Eigenheit in der sozialistischen Alleinherrschaft zu bewahren, und damit eine mögliche Entfremdung abzuwehren, glaubt Günter de Bruyn32dass man in dem Zwangklima der DDR nicht leben konnte, ohne „Schaden an Geist und Seele“ zu nehmen.

De Bruyn gemäß, gab es für die Ostdeutschen eine doppelte Entfremdung im eignen Land16: Während der DDR-Herrschaft waren sie „Fremd im eignen Land“ durch staatlichen Einfluss. Trotzdem war dieses Gefühl der Fremdheit während der DDR-Anfänge noch nicht ausgeprägt. Es gab jubelnde Massen, Glauben an edle Motive, durch die jede Schikane und jede Freiheitsberaubung gerechtfertigt wurde, und eine Selbstherrlichkeit, die ein schlechtes Gewissen verbot. Erst als die Staatsmach sich dauerhaft etablierte, Unterdrückungsmethoden subtiler und die materiellen Lebensverhältnisse besser wurden, setzten mit der resignativen Gewöhnung der vielen, bei einigen die Fremdheitsgefühle ein. Die Erklärung liegt in der Entstehung einer gespaltenen Identität: Tagsüber zeigte man auf der Arbeitstelle mehr oder weniger aufrichtig den staats- und parteitreuen, also einheitsfeindlichen DDR-Bürger, am Abend vereinte man sich mit den Deutschen, jenseits der Grenze am Bildschirm. Entsprechend gab es eine stetige Zurücknahme des privaten Ich hinter die Normen des kollektiven Ich, d.h., dass eine Verkümmerung der Ich-Identität durchgehend zu finden war. Dieses Phänomen wurde als Rollenidentität bezeichnet17und ist gekennzeichnet durch die mehr oder minder kritiklose Übernahme bestimmter vorgeschriebener Rollen, sowie durch Anpassung an das konventionelle Niveau der Moral. Die individuelle Selbststeuerung des privaten Ich wird allmählich durch gruppenspezifische Kollektivsteuerung ersetzt, weil sich das private Ich “hinter die Linie aller besonderen Rollen und Normen zurücknimmt, bis es schließlich nur noch über das multiple Abstraktum des kollektiven Ich definiert und stabilisiert. Dies führt zu einer Verschiebung der Selbstwahrnehmung und zum Verlust der Konfliktfähigkeit. Ein weiteres Gefühl von Fremdheit gibt es mit der Wiedervereinigung durch Verlust moralischer Maßstäbe.

Das Aufbrechen der Rollenidentität in einem radikal veränderten Umfeld, die Korrektur und Neuorientierung des kollektiven Ich bringt eine Identitätskrise zustande. Der Fortfall des Drucks von oben wurde erst als Befreiung, dann aber auch als Verlust erfunden, der Werteverlust, Minderwertigkeitsgefühl und Orientierungslosigkeit der neuen Bundesbürger zufolge hat.

- Nationalismus im vereinten Deutschland

- Definitionen

Was ist den Unterschied zwischen Volksnation, Kulturnation und Staatsbürgernation?

Das auf rassische und ethnische Merkmale gegründete Konzept der Volksnation, im Nationalsozialismus zur Staatsdoktrin erhoben, begreift das Volk als vorpolitische Wesenheit. Die Zugehörigkeit ergibt sich automatisch aus der Abstammung. Dazu gesellt sich die Vorstellung einer ,,historischen Schicksalsgemeinschaft", die aufgrund der (Bluts- )Verwandtschaft eine gleichsam natürliche Loyalität aller Mitglieder einfordern kann. Der Begriff der Volksnation ist verfassungsindifferent und zeigt daher immense Anziehungskraft auf autoritäre und faschistische Staatswesen.

Demgegenüber konstituiert sich die Kulturnation über gemeinsame kulturelle Praxis und gemeinsam erbrachte Kulturleistungen, also über Sprache, Liedgut und Sitten/Gebräuche ebenso wie über das gemeinsame Andenken an ,,Nationaldichter" o.ä.. Die Kulturnation diente sowohl als Substitut wie auch als Komplementär zur Staatsnation. Während der deutschen Teilung war es Politik der Bundesregierung, mit Hinweis auf eine deutsche Kulturnation der DDR-Bevölkerung die Staatsbürgerschaft der BRD zuzuerkennen und somit das Staatsvolk der BRD irredentistisch nach Osten zu erweitern. Als (dominante) nationalstaatliche Ordnungsidee konnte sich die Kulturnation jedoch nie durchsetzen, da das kulturelle Erbe insgesamt zu diversifiziert ist.

Grundlage der Staatsbürgernation sind die individuellen Bürgerrechte, vor allem die verfassungsmäßige Absicherung von Freiheit und Gleichheit. Dementsprechend ist sie nicht verfassungsneutral; weitere zentrale Aspekte sind die demokratisch legitimierte Ausübung von Herrschaft sowie die Rechtsstaatlichkeit. Der verwandt erscheinende Begriff der Staatsnation beinhaltet demgegenüber keine spezifischen Kriterien der Zugehörigkeit, sondern postuliert nur die Existenz einer staatlichen Verbandsordnung für eine nationale Ordnungsvorstellung.

- Nach der deutschen Einheit- Wiederaufleben des Nationalismus?18

Dass die Wiedervereinigung bei den Verbündeten und Nachbarn Befürchtung weckte ist zu verstehen, wenn man feststellt wie nationale Einheit in Deutschland seit seiner ersten Einigung 1871 unauflösbar mit Nationalismus und Aggression verbunden war. Dazu Roman Herzog19: „Wir Deutschen haben alle Grund, uns in dieser Frage sehr, sehr vorsichtig zu bewegen. Dazu sollten uns schon die Schandtaten veranlassen, die im deutschen Namen begangen worden sind, genauso aber auch die Erfahrung, dass unser Volk sowohl in der Niedergeschlagenheit als auch im Jubel zur Übertreibung neigt und daraus wieder neues Unheil und neues Unrecht entstehen könnte“

Wie stark aber sind die nationalen Gefühle heute? Nach Allensbachs Umfrage 1997 sind die Deutschen stolz auf wirtschaftliche und wissenschaftliche Leistungsfähigkeit, technische Hochleistungen der Industrie, das „Made in Germany“, deutsche Autos. Hier drückt sich in Ost und West ein gemeinsamer, von der deutschen Teilung wenig berührter Teil deutscher Identität des 20. Jahrhundert aus. Man kann daraus beschließen, dass Nationalbewusstsein auf „Wirtschaftspatriotismus“20ruht.

Die Umfrage nach dem Zugehörigkeitsgefühl, also als „Deutscher“ versus „Ostdeutscher“ oder „Westdeutscher“, zeigt jedoch eine Art innerdeutsches Separatbewusstseins. 1997 stuften sich 67 % ehemaligen DDR-Bürger als Ostdeutsche ein, dagegen sahen sich nur noch 28% eher als Deutsche. In der alten Bundesrepublik fühlt man sich dagegen mehrheitlich als Deutscher (1997: 60%), und nicht als Westdeutscher. (1997: 37%) Im Osten scheinen die nationalen Gefühle stärker auf systemneutrale Merkmale als Kulturnation mit großen Dichtern und Komponisten gerichtet zu sein.

Die Westdeutschen sehen die „Nation“ eher als Arbeitsgemeinschaft und Sozialversicherung21also als Versorgungseinrichtung statt Kulturnation. Darum beunruhigen Wirtschaftskrisen die Bundesbürger stets mehr als Identitätskrisen.

- Rechtsradikalismus

Beunruhigend sind die zunehmenden extremistischen ausländerfeindlichen Ausschreitungen und Anschläge der ostdeutschen Jugendlichen. Das autoritäre Erbe des DDR- Erziehungswesens sei mitverantwortlich für das Maß an rechter Gewalt und Ausländerfeindlichkeit im Osten.22 Auch die ängstliche Provinzialität, die den Osten immer noch prägt, könnte eine Erklärung sein. Die Ostdeutsche Jugendlichen sind stärker allein gelassen, weil die politisch organisierten Sportvereine nach der Wendung zusammengebrochen sind. Man braucht eine Pädagogik, die die jungen Leute mit Konflikte umzugehen lehrt und sie selbstbewusst macht. Mehr Engagement seitens der Jugendendlichen würde jene innere Stabilität schaffen, die das Rückgrat unserer Demokratie ist.

3. Die Deutsche Einheit aus dem Gesichtspunkt des Schriftstellers Günter de Bruyn

Wie alle Menschen werden auch Schriftsteller mit der gesellschaftlichen Veränderung konfrontiert und zu einer Reaktion in ihrer literarischen Produktion genötigt. Da die Schriftsteller nach der Wende unterschiedliches Verhalten an den Tag legen, entsteht eine überraschende Vielfalt an schriftstellerischer Argumentation. Aus der Fülle der literarischen Stellungnahmen zur deutschen Einheit seien vier verschiedene Positionen von Schriftstellern herausgehoben, die von der apriorischen Ablehnung über die kritische Revidierung bis zur Befürwortung der deutschen Einigung reichen.23

Günter de Bruyn steht zwischen den Extremen von unnachgiebiger Ablehnung (wie Günter Grass z.B.) und vorbehaltloser Zustimmung. (wie Martin Walser)

3.1 Kurze Biographie

De Bruyn wird am 1. November 1926 in Berlin geboren. Der Katholizismus des aus Bayern stammenden Vaters prägt Leben und Wirken de Bruyns zu Zeiten beider deutschen Diktaturen. Er wächst in einer Diasporasituation auf, als Katholik unter Protestanten, als Nicht-Nationalist unter lauter Nationalisten. Den Krieg erlebt er als Luftwaffenhelfer, Soldat und Kriegsgefangener. Nach dem Krieg besucht er einen neunmonatigen Neulehrerkurs in Potsdam, nachdem er zu einem dreijährigen Schuldienst angestellt wird. Im Jahr 1949 tritt er eine Stelle im Zentralinstitut für Bibliothekwesen an, die er 1961 kündigt um freier Schriftsteller zu werden. 1963 wird seinen ersten Roman „Der Holzweg“ veröffentlicht.

3.2 De Bruyns literarische Auseinandersetzung mit der Diktatur

Was für de Bruyn in dem Lebensabschnitt während des Dritten Reichs und des Krieges noch eher Rückzug, begrenztes Fernhalten von allgemeinen Entwicklungen und Katastrophen, auch etwas Introvertiertheit ermöglichte, wird für ihn während der zweiten Diktatur mehr und mehr zu einer Grundbedingung seines literarischen Schaffens. Öffentliches Auftreten war lange seine Sache nicht, eher war er scheu und zurückgezogen. Er wählte aus Sorge, in der autoritären Praxis der DDR-Kultur „nichts als ein Instrument“24zu sein, den Weg einer künstlerischen inneren Emigration. Er war weder Mitglied noch Anhänger der SED, er bekleidete kein kulturpolitisches Amt, und er lehnte im Oktober 1989 den Nationalpreis der DDR ab. Trotz seiner distanzierten Haltung dem System gegenüber, blieb er in der DDR. Wobei in den Zeiten, als nach Ausweisung und Ausbürgerung von Wolf Biermann die Versuchung zum Gehen größer wurde, dann doch die Bindung an seine Leser die Oberhand behielt. „Ich machte mir Vorwürfe, weil ich Fluchtmöglichkeiten versäumt hatte, träumte vom zensurlosen Schreiben…und fand es gleichzeitig widersinnig, ohne Lebensbedrohung aus einer Gegend, die die meine war, wegzugehen.“25

3.3 Opportunismus

Günter de Bruyn umschreibt sein eigenes Verhalten dem Staat gegenüber als „einen dauernden Wechsel von Mitlaufen und Distanzhalten“26. Es ist sein Autorenehrgeiz, der ihn zum Mitlaufen verpflichtete. Diese Haltung wurde von seinen Kollegen nicht immer begriffen und deswegen kam es zu Verstimmungen mit seinem Freund Herbert. „Er (Herbert) hatte es, ohne es direkt auszusprechen, als Verrat an unseren Grundsätzen empfunden, dass ich mich in die Gilde der verachteten DDR-Schreiber einzureihen gedachte.“27Seine apolitische Haltung bzw. Distanzhaltung erklärt er als die einzige Möglichkeit um Drangsal und Verfolgung zu vermeiden, wurde aber von seinen Kollegen als Verzicht auf eigenes Engagement und Loyalität interpretiert: „Empört war er (Herbert) über meine, wie er es nannte, sklavische Haltung der Zensur gegenüber gewesen…Es war der Verratsvorwurf, der von ihm da erhoben wurde. …gegen unser Versprechen sich nie im Leben das Denken manipulieren zu lassen…Zumindest im Kopf sollte Freiheit unter allen Umständen bestehen.“28

Dazu macht de Bruyn sich Gedanken „inwieweit man ehrlich sein kann innerhalb einer Gesellschaft, die das Individuum daran hindert, ehrlich zu sein“

3.4 Auseinandersetzung mit der Wiedervereinigung

„Der Zusammenbruch hat mich zwar überrascht und gefreut, doch als Wende in meinem Leben habe ich ihn nicht empfunden.“29Günter de Bruyn trat weder als „Anwalt“ noch als „Gegenanwalt“ der politischen Vereinigung auf. Er glaubt eher an eine Kulturnation als eine Staatsnation30Wie in klassischer Zeit, eine Zeit der politischen Zerrissenheit, die Kultur ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl schuf, so meint er, hat die nationale Kultur sich während der staatlichen Teilung bewährt. Kulturnation wird hier also als theoretisches Gegengewicht zur „Zwei-Nationen- und Zwei-Kulturen-Theorie“. Der Begriff Kulturnation ist metapolitisch, er sagt aus, dass die Deutschen durch Kultur und Geschichte bedingt, zusammengehören, aber über Grenzen, Verfassungsgrundsätze und Souveränitätsrechte sagt er nichts. Was die heutigen Befindlichkeiten angeht, glaubt de Bruyn, dass „die Kultur und die gemeinsamen historischen Erfahrungen, die aus den Deutschen mal eine Nation gemacht haben, stärker sind als alle Augenblicklichen Komplikationen.“31

Schlussfolgerung

Heute gibt es so viele Komplikationen, dass es unwahrscheinlich scheint, diese mit der „Kulturnation“ überwinden zu können. Die geschichtlichen, kulturellen und sprachlichen Gemeinsamkeiten reichen nicht um die Problematik der Vereinigung zu bewältigen. Zehn Jahren nach dem Zusammenwachsen beider Staaten sind die politischen, sozialen und kulturellen Orientierungen von West - und Ostdeutschen mehr als „landschaftliche Besonderheiten, wie sie stets auch innerhalb der alten Bundesrepublik auszufinden waren. Die Integration ist vor allem im Prozess der inneren Einheit misslungen. Weil der Schlüssel zum Verständnis der Nation ihr innerer Zustand ist, ist das vereinigte Deutschland von der inneren Einheit als emotionaler Identifikation in West- und Ost noch weit entfernt.

Man darf nicht vergessen, dass die westdeutsche Bevölkerung nach dem Sturz der Nazidiktatur auch etwa zwanzig Jahren benötigt hat um mit der Demokratie vertraut zu werden. In dieser Hinsicht können die Schwierigkeiten, die die Ostdeutschen bei der Transformation empfinden, angesichts der langen Sozialisation in einem totalitären System, nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Wenn der Prozess der inneren Integration gelingen soll, setzt dies vor allem ein Umdenken der Westdeutschen voraus: „sie müssen sich endlich mit dem Begriff der Nation aussöhnen. …. Wir Deutschen müssen also unser Verhältnis zur Nation in Ordnung bringen. Dazu gehört vor allem, nationale Interessen zu definieren und sie nach außen zu vertreten.“32

Trotz aller Hindernisse, ist Deutschland nach zwei Diktaturen wieder in die Normalität eingekehrt. Jetzt geht es darum, die innere Integration zu erreichen, nicht nur die Integration von ehemaligen DDR- Bürgern im vereinten Deutschland, sondern auch die Integration Deutschlands in Europa, durch die Gründung eines europäischen Deutschlands, seines Verantwortungsgefühls bewusst, und tolerant nach innen und nach außen hin. Nach allem kann man das Verhalten zwischen Ost und West als eine Familie beschreiben: „Ist man getrennt, ist die Liebe innig und unproblematisch, sieht man sich wieder nach Jahren, ist die Freude groß und emphatisch, doch mit dem Zusammenleben beginnen die Schwierigkeiten; denn Einheit ist noch nicht Einigkeit.“33

Bibliographie

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Weidinger, Dorothea, Nation- Nationalismus- Nationale Identität, Bundeszentrale für politische Bildung, 1998.

[...]


1 Entfremdung. Zum Befinden in Ost und West. Hrsg. v. Wolfgang Hardtwig u. Heinrich A. Winkler. Verlag C.H. Beck, München, 1994. S. 11

2Fränkischer Tag Nr.260, Jg.166 - S2

3Vgl. Handbuch der deutschen Einheit 1999, S454: “Innere Einheit wird verstanden als der Weg des einzelnen zum aktiven und verantwortungsbewussten Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland auf der Grundlage der durch die Verfassung vorgegebenen Wertordnung. Und da es letztlich um die Identität des gemeinsamen Landes gehe, sei innere Einigung nicht nur eine Angelegenheit der Menschen in den neuen, sondern auch in den alten Bundesländern.“

4 Thomas Gensicke, Die neuen Bundesbürger, Westdeutscher Verlag, 1998, S182

5 Ergebnisse des Trierer Psychologen Peter Becker. Befragung in 1990/1991

23Vgl. Handbuch zur deutschen Einheit, 1999, S430: Analog zur personalen Identität entsteht kollektive Identität in einem sozialen Vorgang aus Interaktion, aus Rollen und Symbolen. Kollektive Identitätsfindung bedarf der gemeinsamen Überzeugungen, Zuschreibungen und Einordnungen.

24 Allensbacher Daten

25Doll, Mielke, Mentz, Formen und Veränderungen wechselseitiger ost- und westdeutscher Stereotypisierung in den Jahren 1990,´91 und ´92. 1994 S.502

26Schon das Grundgesetz stellt den Wertepluralismus unter Schutz

27FAZ, 11 Dezember 1991

28 Günter Gaus, Zur Identität der deutschen Nation. In: Texte zur deutschen Frage, Darmstadt/Neuwied 1981, S 27

29 Frank Hafner, “Heimat” in der sozialistischen Gesellschaft. Frankfurt M. 1992 (Münchner Studien zur Literatur Kultur in Deutschland, Bd 13) S.45

30Günter Gaus, wo Deutschland liegt, Hamburg 1983, S.59

31Frank Hafner, “Heimat” in der sozialistischen Gesellschaft, S.49

32De Bruyn, Günter, Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht. S. Fischer Verlag, Frankfurt.M 1996, S.72

16De Bruyn, Günter, Fremd im eignen Land, In: Schriftsteller geben Auskunft. Hrsg. v. Thomas Rietzschel. Leipzig 1993, S. 154- 173

17 Dümmel, Karsten, Identitätsprobleme in der DDR-Literatur der siebziger und achtziger Jahre, Peter Lang Verlag, Frankfurt M., 1997

18Nation- Nationalismus - Nationale Identität, Kapitel 6, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn. 1998

19Ibidem, „Ohne Fahne, ohne Schwert, die stille Liebe zu unserer Heimat“ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung,

2.7.94.

20 Thomas Gensicke, Die neuen Bundesbürger, Westdeutscher Verlag, 1998, S184

21Nation- Nationalismus - Nationale Identität, Cordt Schnibben: „Das deutsche Wesen“, 1993. S. 107

22Christian Pfeiffer in einer Beilage (Chrismon) der Süddeutsche Zeitung: „Ostdeutsche Jugendliche neigen zum Rechtsradikalismus“ 12. April 2001

23 Lermen, Birgit, Die deutsche Einheit im Spiegel der Gegenwartsliteratur. In: Die Intellektuellen und die nationale Frage, Hrsg. v. Langguth , Frankfurt M/ New York, Campus 1997. S. 190

24Braun, Michael, Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit. G. de Bruyns literarische Auseinandersetzung mit der Diktatur. In: Literatur in der Diktatur. Hrsg. v. Günther Rüther, Paderborn, 1997. S. 403

25De Bruyn, Günter, Vierzig Jahre. Ein Lebensbericht. S. Fischer Verlag, Frankfurt.M 1996. S. 204

26 Ebenda, S. 204

27Ebenda, S. 70

28Ebenda, S. 131

29De Bruyn, Günter, Was ich noch schreiben will. Hrsg. v. I. Hermann, Lamuv Verlag, Göttingen, 1995. S 16

30De Bruyn, Günter, Jubelschreie, Trauergesänge. Deutsche Befindlichkeiten. S. Fischer Verlag, Frankfurt M. 1991

31 Spiegel, 25.Juli 1994

32Entfremdung. Zum Befinden in Ost und West. Hrsg. v. Wolfgang Hardtwig u. Heinrich A. Winkler. Verlag C.H. Beck, München, 1994. S. 142

33 De Bruyn, Günter, Jubelschreie, Trauergesänge. Deutsche Befindlichkeiten. S. Fischer Verlag, Frankfurt M. 1991. S. 45

Details

Seiten
19
Jahr
2001
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104994
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2+
Schlagworte
Deutsch-Deutsche Entfremdung Probleme Inneren Vereinigung

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Titel: Deutsch-Deutsche Entfremdung und Probleme der Inneren Vereinigung