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Alkoholismus - Unter besonderer Berücksichtigung des Frauenalkoholismus

Hausarbeit 2000 16 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Alkoholismus - Unter besonderer Berücksichtigung des Frauenalkoholismus

0. Einleitung

Alkohol - die „Volksdroge“ Nr.1 in Deutschland. Dies allein wäre schon Grund genug sich dem Thema Alkoholismus zu widmen. Auf Grund dieser Tatsache, und der daraus folgenden Akzeptanz dieser Droge, ist das Thema für mich, als langjähriger Mitarbeiter in der Jugendarbeit, von besonderer Relevanz, um frühzeitig Aufklärung zu leisten bzw. um Problemfälle im Bezug auf Gefährdung oder sogar Abhängigkeit begegnen zu können. Da aber darüber hinaus in meiner direkten Umwelt aus statistischer Sicht überdurchschnittlich viele Frauen betroffen sind, war es mir ein persönliches Anliegen den Blick auch auf die Problematik des Frauenalkoholismus in diesem Kontext zu richten (um eventuellen Phantasien beim Leser vorzugreifen ist zu bemerken, daß es sich hierbei nicht um Frauen aus dem familiären Kreis handelt, sondern um Frauen aus dem erweiterten Bekanntenkreis der Familie. Von daher ist der Grad der persönlichen Betroffenheit des Schreibers zu relativieren). Desweiteren ist der Frauenalkoholismus meines Erachtens von besonderem Interesse, da dieser, aufgrund der skeptischen und „nicht wahr haben wollenden“ Haltung der Gesellschaft gegenüber alkoholkonsumierenden Frauen, nicht ausreichend Beachtung findet.

Im Verlauf dieser Hausarbeit soll sich zunächst der Thematik des Alkoholismus genähert werden, indem das Feld der Thematik durch eine Begriffsdefinition und -differenzierung zunächst abgesteckt und anschließend durch einige Zahlen und Fakten veranschaulicht wird. Das zweite Kapitel soll dem Leser exemplarisch allgemeine vertiefende Informationen geben, welche sich auf die Abwehrstrukturen des Alkoholikers, der Typologie JELLINEKs und kurz auf die Therapieformen beziehen. Im dritten Teil sollen Unterschiede zwischen Frauen- und Männeralkoholismus in ihren Bedingungen und ihren Verläufen heraus gearbeitet werden. Mögliche Unterschiede im Falle der Bedingungen sind von mir in der beruflichen und lebensweltlichen „Nicht-Selbstverwirklichung“ der Frau vermutet.

1. Alkoholismus

1.1. Definition - Alkoholismus, Mißbrauch, Sucht und Abhängigkeit

„Alkoholismus, Trinksucht; der gewohnheitsmäßige Mißbrauch von Alkohol, der zu körperlichen und seelischen Verfall führt mit Organschäden an Herz, Leber, Nieren, Magen; Reizbarkeit, geistiges, moralisches und soziales Absinken, Wahnerscheinungen; häufig auch Ursache verschiedener Delikte (z.B. Verkehrsunfälle). Chronischer Alkoholismus erfordert ärztliche Behandlung“1So oder so ähnlich definieren allgemeine Lexika den Begriff des Alkoholismus, jedoch bei genauerer Betrachtung wird deutlich, daß es sich hierbei um eine schwammige und undifferenzierte bzw. für unseren Gebrauch unzulängliche Definition handelt. Man unterscheidet von daher zwischen Alkoholmißbrauch und Alkoholabhängigkeit. Wobei anzumerken ist, daß die Alkoholabhängigkeit den - mißbrauch einschließt bzw. voraussetzt.

Alkoholmißbrauch wird nach FEUERLEIN als ein überhöhter Konsum von Alkohol in Bezug auf die jeweilige soziokulturelle Norm verstanden, d.h. eine Zweckentfremdung in quantitativer und qualitativer Hinsicht. Diese „Zweckentfremdung“ ist im Falle der Droge Alkohol natürlich schwieriger zu beschreiben als beispielsweise der Mißbrauch von Medikamenten, da dieser durch den Gebrauch ohne medizinischer Indikation klar definiert werden kann. Im weiteren liegt ein Mißbrauch von Alkohol vor, wenn dieser bei unpassenden Gelegenheiten (z.B. im Straßenverkehr oder am Arbeitsplatz) konsumiert wird. Desweiteren greift die Definition des Alkoholmißbrauches, wenn deutlich sichtbare physische und/oder psychische Funktionsstörungen (z.B.

Rauschzustand) auftreten.2Eine sich hieraus ergeben Differenzierungsmöglichkeit zwischen Alkoholmißbrauch und Alkoholabhängigkeit ist der zeitliche Rahmen bzw. die Fähigkeit den Konsum wieder einzustellen, d.h. Mißbrauch ist zeitlich begrenzt in und auf bestimmte Handlungen, was diesen von der Abhängigkeit abhebt.

„Sucht ist ein Zustand periodischer oder chronischer Intoxikation, welcher dem Individuum und der Gesellschaft schadet und durch den wiederholten Konsum einer (natürlichen oder synthetischen) Droge hervorgerufen wird. Zu seinen Charakteristika zählen: 1. Ein überwältigendes Verlangen oder Bedürfnis (Zwang) immer wieder zur Droge zu greifen und sie sich um jeden Preis zu beschaffen; 2. Eine Tendenz, die Dosis zu erhöhen; 3. Eine psychische (psychologische) und manchmal eine physische Abhängigkeit von den Wirkungen der Drogen.“3In der Fortführung dieser Definition der World Health Organization (WHO) aus dem Jahr 1957 entschloss man sich 1964 aufgrund von Definitionsschwierigkeiten den Suchtbegriff im Bereich der Drogen durch den Begriff der Abhängigkeit zu ersetzten. Abhängigkeit ist somit als eine Sucht zu verstehen, wobei allerdings der Suchtbegriff auch süchtige Verhaltensweisen ohne Drogenkonsum mit einbezieht, gemeint sind Süchte wie Spielsucht, Magersucht, etc.. Daraus folgt, daß als Abhängigkeit jene Süchte verstanden werden, die sich auf den Mißbrauch von Drogen beziehen. Der Umstand der Abhängigkeit ist gegeben, wenn Mißbehagen bzw. Beschwerden bei einer Person im Falle eines Entzuges der jeweiligen Droge, welche längere Zeit konsumiert wurde, auftreten. Außerdem gilt das Bessern oder Aufheben des Zustandes von Mißbehagen durch die Zufuhr der betreffenden Droge als weiteres Kriterium von Abhängigkeit.4 Überdies ist der Abhängigkeitsbegriff in zwei Gruppen zu Unterscheiden. Der physischen, sprich körperlichen Abhängigkeit und der psychischen, sprich seelischen oder geistigen Abhängigkeit. Die erst genannte physische Abhängigkeit zeigt ihre Symptome in diversen körperlichen und psychischen Phänomenen; im Falle von Alkoholabhängigkeit können dies unter anderem Tremor, flüchtige Halluzinationen, akustische Halluzinationen und ein typisches Delirium tremens bedeuten. Die psychische Abhängigkeit hingegen wird als Ausdruck einer pathologischen Wechselwirkung zwischen dem Individuum und der betreffenden Droge verstanden. Gemeint ist ein unwiderstehliches Verlangen nach weiteren periodischen oder dauernden Einnahmen der Drogen um Lust zu erzeugen oder Mißbehagen zu vermeiden. Abschließend ist noch zu bemerken, daß die körperliche und geistige Abhängigkeit getrennt voneinander bestehen können, d.h. eine starke psychische Abhängigkeit ist auch ohne das Auftreten einer physische Abhängigkeit möglich, wie es z.B. bei dem Mißbrauch von Amphetaminen, Kokain und Cannabis der Fall ist.5

1.2. Zahlen und Fakten

Um dem Begriff des Alkoholismus noch weiter deutlich zu machen bzw. um eine genauere Vorstellung zur Thematik zu bekommen, sollen in diesem zweitem Schritt Statistiken dem Leser einen weiteren Zugang ermöglichen.

Grundsätzlich läßt sich sagen, daß der Alkoholverbrauch an reinem Alkohol je Einwohner gestiegen ist. Fiel er im Zeitraum von 1994 mit10,2 Litern pro Kopf bis zum Jahr 1996 auf 9,2 Liter, stagnierte er in den Jahren 1998/99 bei 10,6 Liter reinen Alkohol pro Kopf.6

Desweiteren wird durch den Drogen- und Suchtbericht 1999 des Bundesministeriums für Gesundheit belegt, daß starker Alkoholkonsum bei beiden Geschlechtern mit dem Alter zunimmt, wobei er jedoch bei Männern mit 15,2% viel höher ist als bei den Frauen mit 8,4%. Ferner geht aus dem Bericht des Bundesministeriums hervor, daß in der Gruppe der Suchtkranken der Anteil der Nichterwerbstätigen deutlich höher ist als in der Normalbevölkerung. Im Bereich der ambulanten Alkoholbehandlung sind 27 % der Frauen und 33 % der Männer arbeitslos.

In der stationären Behandlung Alkoholkranker sind 16,5 % der Frauen und 32,4 % der Männer arbeitslos. Bei stationär behandelten Drogenabhängigen sind 28,2 % der Männer und 15 % der Frauen arbeitslos, 20,3 % der Männer und 39,8 % der Frauen beziehen Sozialhilfe.7

Zuletzt noch ein geschlechterspezifischer Blick auf die Zahlen der Bewilligung von Entwöhnungsbehandlungen bei einer Abhängigkeit von Alkohol im Jahr 19978:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die hier deutlich werdende starke Prävalenz der Männer sollte auf gar keinen Fall eine Folgerung zulassen, in der das Problem des Frauenalkoholismus als vernachlässigbar oder nebensächlich dargestellt wird. Denn weiterhin steht die Vermutung im Raum, daß das Problem der Alkoholabhängigkeit bei Frauen andere Ursachen und Verläufe hat, und somit spezifische Therapieformen abgeleitet werden können. Folglich ist eine explizite Betrachtung weiterhin von Interesse.

Um das Unterkapitel der Definition aus quantitativer Sicht noch einmal aufzugreifen und abzurunden, die Formulierung des Drogen und Suchtberichtes 1999: „Ein problematischer Alkoholkonsum wird von Seiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei Frauen bei 20 Gramm reinem Alkohol pro Tag und dauerhaftem Konsum gesehen, bei Männern bei 40 Gramm.“9Dies entspricht einer Menge von 1 Flasche Bier am Tag für Frauen und folglich 2 Flaschen Bier für Männer.

2. Allgemeines

2.1. Abwehrstrukturen

Abwehr ist ein Begriff aus dem Feld der Psychoanalyse und meint „...alle jene Vorgänge im Ich (als psychisches Funktionsprinzip), die geeignet sind, die Integrität und die Konstanz des biopsychologischen Individuums zu gewährleisten.“10Dem zugrunde liegt unter anderem der Gedanke, daß der Alkohol im Dienste eines psychischen Abwehrmechanismus gegen Ängste steht, und zu einer verminderten Wahrnehmung führt, welche entlastet bzw. eine Abwehr erleichtert. Dies unterstreicht FENICHEL in seiner Formulierung: „Das Über-Ich ist alkohollöslich“.11Das heißt, zum einen ist der Alkohol für den Abhängigen eine Hilfe zur Abwehr, zum andern benötigt er Abwehrmechanismen um mit dem Problem seiner Abhängigkeit und den daraus folgenden Problemen fertig zu werden. Im folgenden sollen die vier „wichtigsten“ Abwehrmechanismen beschrieben werden:

- Verleugnung: Sie wird sowohl während des Trinkens als auch mit Beginn der Rehabilitation genutzt, d.h. der Alkoholiker verteidigt sich gegen seine Außenwelt durch Verleugnung, was durch den Alkohol begünstigt wird. Im Rahmen einer Rehabilitation wird dieser Mechanismus vom Patienten eingesetzt, um mit Konflikten fertig zu werden, ohne völlig zu designieren. Eine schwierige Aufgabe des Therapeuten ist es nun, die Verleugnung zu reduzieren und eine Öffnung zu fördern, ohne gewichtige Ängste beim Klienten herbeizuführen, welche z.B. durch massives bzw. unsensibles Hinterfragen des Abwehrprozesses ausgelöst werden können.12Der Abwehrmechanismus Verleugnung versteht sich also als Auslöschung von Ereignissen aus dem Bewußten, und gilt als gefährlich, da das Geleugnete in subtilen Mechanismen fortwirkt und früher oder später wieder zum Tragen kommt.13

- Projektion: Bei der Projektion werden, an einem Selbst unerwünschte, Eigenschaften in anderen projiziert oder erkannt. Letzteres wird in den therapeutischen Gemeinschaften besonders genutzt, da viel soziale Fähigkeiten damit verbunden sind. Auch diese Form der Abwehr wird sowohl während des Trinkens als auch noch lange Zeit währen der Rehabilitation genutzt.12

- Alles-oder-Nichts: Als Abwehrstruktur bildet sie eine Besonderheit, da sie eine spezifische Form des Süchtigen ist. Dies trifft insbesondere auf Alkoholabhängige zu, da diese ein starkes Bedürfnis nach Bestimmtheit und Sicherheit haben, gepaart mit einem Hang zur Autorität. Das Problem ist, daß die Abwehrmechanismen langfristig reale Unlust und Ängste nicht beherrschen, da sie die meiste Zeit gegen die Triebansprüche und Über-Ich- Forderungen zu kämpfen haben. Die Folgen sind oftmals unflexibele und begrenzte Entscheidungen der Betroffenen, folglich werden Alles-oder- Nichts-Handlungen präferiert. Diese Neigung spielt später, bei direktiven und persuasiven Interventionen während der Therapie, eine bedeutende Rolle. Abschließend ist zu bemerken, daß diese Verhaltenstendenz nicht zu verstärken ist, insbesondere mit Blick darauf, daß diese sich auch lange Zeit nach der Entwöhnung noch zeigen kann und oft zeigt.12

- Rationalisierung: „ist eine kognitive Verdrehung von „Tatsachen“, um einen Impuls oder ein Ereignis, das bedrohlich empfunden wird, abzuwehren. Entschuldigungen oder Rechtfertigungen sind solche Techniken des Verstandes, mit welchen wir von unserem verletzen Ich ablenken wollen.“14 Dieses Abwehrverhalten wird schon bei oberflächlichem Kontakt mit Alkoholkranken deutlich, sie finden ausreichend Erklärungen um ihr Verhalten zu entschuldigen, herabzuspielen oder zu „verklären“. Jeder, der längere Zeit trotz größer werdender Probleme und sich anhäufender Konflikten weitertrinkt, braucht ein Erklärungssystem, um sich und seiner Umgebung das Trinken plausibel zu machen, und unter Umständen damit sein Verhalten zu legitimieren. Im Falle einer Behandlung tauscht der Patient seine Rationalisierung für die Abstinenz, da Realunlust und Angst weiterhin gleichermaßen vorhanden sind („Das kann ich nicht machen, sonst werde ich sofort rückfällig“). Beim Abbau von Rationalisierungen ist größte Vorsicht zu waren, um den Klienten nicht auf den „Boden der Realität klatschen zu lassen“. Der Abbau soll langsam, ungezwungen und schrittweise vollzogen werden.15

Grundsätzlich gilt: „Wenn wir unsere Einsichten über die Abwehrstrukturen von Süchtigen zusammenfassen, müssen wir vor allem eines berücksichtigen: Die Abwehrmechanismen sind notwendig für die psychosoziale Stabilität des Alkoholkranken und sollen nur vorsichtig angegangen werden, unter besonderer Berücksichtigung ihrer positiven Aspekte.“16

2.2. Typologie nach JELLINEK

Die o.g. Definition der WHO welche unter dem Einfluss Jellineks formuliert wurde, ist mit der Absicht, möglichst viele Erscheinungsformen des Alkoholismus zu erfassen, getroffen worden. Die Schwierigkeit des „zu Allgemeinen“ veranlasste JELLINEK, der das Problem ebenso sah, eine Typologie des Alkoholismus vorzuschlagen, welche sich dann später weltweit durchsetzte. Diese Typologie unterschied zunächst vier Typen und wurde dann später um einen weiter Typus ergänzt.

- Der Alpha-Alkoholismus oder auch der Konflikttrinker läßt sich durch starke psychologische Anfälligkeit charakterisieren, wobei soziologische und sozioökonomische Faktoren als Voraussetzung nicht gegeben sind. Es liegt in diesem Fall „nur“ eine psychische Abhängigkeit vor. Einbußen als Folge sind in sozioökonomischen und psychischen Bereichen zu suchen. Ein Kontrollverlust liegt nicht vor.
- Der Beta-Alkoholimus kennzeichnet sich durch seine verhältnismäßig geringe psychologische und physiologische Gefährdung. Die Hauptursache bezüglich der Entstehung ist eher in den soziokulturellen Gebieten zu finden. Es liegt keine sichere psychische oder pysische Abhängigkeit vor. Diese Charakteristika sind auch für Gelegenheits- oder Verführungstrinker geltend zu machen. Ein Kontrollverlust liegt nicht vor.
- Der Gamma-Alkoholismus schließt bereits eine erhebliche psychische und physische Abhängigkeit mit ein. Soziokulturelle und wirtschaftliche Faktoren sind im Bedingungsgefüge eher sekundär. Zunächst steht eine psychische Abhängigkeit im Vordergrund und später kommt eine pysische hinzu. Dieser Typus weißt eine hohe Progressivität auf. Schädigungen als Folgen sind körperliche, psychische und sozioökonomische Defizite. Man bezeichnet diesen Typus auch als Süchtigen Trinker. Es liegt ein ausgeprägter Kontrollverlust vor. Der Alpha-Alkoholismus wird in manchen Fällen zum Gamma-Alkoholismus.
- Delta-Alkoholismus ist vielleicht als der „Spiegeltypus“ zum Gamma- Alkoholismus zu bezeichnen. In diesem vierten Typus sind im Bedingungsgefüge soziokulturelle und sozioökonomische Faktoren als Hauptakteure zu benennen, wobei psychologische Faktoren zurücktreten Ein weiterer Indikator dieses Typs ist die gleichmäßige, über den Tag verteilte, Aufnahme von großen Mengen Alkohol, mit der Unfähigkeit sich des Konsums zu enthalten. Die Kontrolle über den Alkoholkonsum kann relativ lange aufrecht erhalten werden, wobei auch dieser Trinkertyp eine Progression zeigt. Im Vordergrund steht in diesem Falle eine physische Abhängigkeit und viel später erst eine psychische. Diese Gewohnheitstrinker sind besonders häufig unter den Angehörigen von Alkoholberufen und in alkoholliberalen Kulturen zu finden. Der Beta-Alkoholismus wird in manchen Fällen zum Delta-Alkoholismus.
- Der Epsilon-Alkoholismus zeichnet sich vornehmlich durch periodisches Trinken aus.

Abschließend ist zu bemerken das nur der Gamma- und Delta-Alkoholismus, als Krankheit im eigentlichen Sinne zu betrachten sind.17Wobei damit nicht die Gefahr der ersten beiden als „Vorstufe“ der beiden krankhaften Typen aus den Augen zu verlieren ist.

2.3. Therapieformen und -möglichkeiten

Zu aller erst ist zu bemerken, daß an dieser Stelle aufgrund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit und der Fülle an Behandlungsvarianten und -instrumenten nicht auf alle Therapieformen und ihren jeweiligen Möglichkeiten eingegangen werden kann, es wird jedoch der Versuch gemacht möglichst viel zumindest zu erwähnen, um dem Leser eine grobe Übersicht zu verschaffen.

FEUERLEIN unterscheidet vier Therapieformen: die Medikamentöse

Therapie, die Psychotherapie, die Verhaltenstherapie und die Sonstigen übenden Methoden. Hinter diesen Begriffen stehen noch jeweils eine Vielzahl von Möglichkeiten oder Methoden, die sich ihren Bezeichnungen nach wie folgt zuordnen:

- Medikamentöse Therapie: Akute Alkoholintoxikation, Entzugserscheinungen und Alkoholdelir, Alkoholhalluzinose und alkoholischer Eifersuchtswahn, Korsakow-Syndrom, Anfallszustände, Internistische Krankheiten Entwöhnungsbehandlungen mit alkoholsensibilisierenden Medikamenten, etc. · Psychotherapie: Einzelgespräch, Pragmatische Psychotherapie, Analytische Psychotherapie, Psychotherapie in Verbindung mit Halluzinogenen, Gruppentherapie, Sonderformen der Gruppentherapie, Therapeutische Gemeinschaften, Psychodrama und Soziodrama, Familientherapie, etc. · Verhaltenstherapie: Aversionstherapie, Verhaltenstherapie mit Succinylchlorid, Desensibilisierungbehandlung, Markensystem und Verfahren, Einüben des kontrollierten Trinkens bei Alkoholikern, etc.

- Sonstige übende Methoden: Arbeitstherapie, Beschäftigungstherapie, Sport und Physiotherapie, etc.18

3. Frauenalkoholismus

3.1. Einstieg

Die starke Prävalenz der Männer im Bereich der Alkoholabhängigkeit hat bis heute zur Folge, daß dem Frauenalkoholismus ein geringes Interesse zu teil wird. Aus demographischer Sicht steht dem eine Entwicklung entgegen, welche einen deutlichen Zuwachs der Alkoholabhängigkeit bei Frauen beschreibt. Lag das Verhältnis zwischen Männer und Frauen 1939 bei 10:1, verschob es sich bis zum Anfang der 60er Jahre auf ein Verhältnis von 3:1 wie Erhebungen von WANKE 1970 zeigten.19Heute ist nach dem Drogen- und Suchtbericht1999 des Gesundheitsamtes (s.o.) von einem Verhältnis von 2:1 zu sprechen. Nach der Auffassung BURIANs ist es nicht zu klären ob es sich beim männlichen und weiblichen Alkoholismus um ganz eigenständige Gebiete handelt. Er geht davon aus, daß das Trinken der Frau ihrer Natur nach eigene Eigenschaften besitzt aber gleichen gesellschaftlichen Regeln unterworfen ist. Ferner wird angenommen, daß die Besonderheiten auf dem Gebiet des Frauenalkoholismus bis auf wenige biologische Phänomene sozioökonomisch bestimmt ist und von daher nur eine relative Autonomie des Frauenalkoholismus zu beschreiben ist. Folglich, so BURIAN, ist Klinik und Therapie weitestgehend nicht geschlechtsspezifisch, wobei aber eine gesellschaftlich bedingte „männliche“ und „weibliche“ Sozialisation im Suchtprozeß vorliegt.20 Nichts desto trotz hat die Forschung, aufgrund der oben beschriebenen statistischen Signifikanz der Männer und der daraus entstehenden Vernachlässigung der Frauenthematik, eine Schräglage bekommen die „...sich allmählich als Ballast bemerkbar macht“21

3.2. Differenzierung von Alkoholismusentwicklung

Die nun folgenden Daten beziehen sich auf eine Untersuchung, welche im Zeitraum vom 01.08.1979 bis zum 31.01.1980 an der Klinik für Psychologie und Neurologie der Medizinischen Hochschule Lübeck an allen stationär behandelten Patienten durchgeführt wurde. Verantwortliche Autoren sind: P.Auerbach, A.M.Oschinsky, K.Melchertsen, M.Rifert und W.-U.Weitbrecht. In ihren soziodemographischen Befunden zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Bereich der Schulbildung und Schichtzugehörigkeit. 24% der Frauen gaben das Erreichen der Mittleren Reife und 4,1% einen höheren Abschluß an, wohin gegen nur 11,8% der Männer die Mittlere Reife erreichte und 2,9% einen höheren Abschluß. Alkoholikerinnen kamen deutlich häufiger aus höheren sozialen Schichten als die Männer, was durch eine niedrigere Abstiegstendenz der Frauen ergänzt wird. Dieses Bild wird nach den erhobenen Befunden von WIESER (1968) bestätigt, wonach in der Allgemeinbevölkerung die Trinkhäufigkeit bei Frauen mit der Höhe der Schicht zunimmt. Es wurde desweiteren ein sehr hoher Anteil an Arbeitslosigkeit festgestellt, die allerdings bei Männern und Frauen gleichermaßen bei ca. 42% lag (die Arbeitslosenquote lag zu diesem Zeitpunkt im Raum Lübeck bei 4,0%), also einer Differenzierung der Alkoholismusentwicklungen von Männern und Frauen nicht beiträgt. Deutlich wird hier aber meines Erachtens zum ersten die Wichtigkeit von Arbeit als Gegenpol zur Freizeit und damit zur Gestaltung eines „stabilen Lebens“, zum zweiten erinnert dieses Ergebnis an die Tatsache das Alkoholismus aus einer Reihe von Faktoren bestimmt wird, und folglich die geschlechtsspezifische Perspektive nur einen Beitrag im Sinne einer weiteren ergänzenden Sichtweise liefern kann und soll.22

In einer weiteren Dimension der Untersuchung wird sich mit den von den Probanden selbst Wahrgenommenen Problemen auseinandergesetzt. Dieser Teil erhärtet die von mir in der Einleitung gestellte These der „Nicht- Selbstverwirklichung der Frau“ als Bedingungsfaktor.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: H. BERGER, A. LEGNARO (Hrsg.); Frauenalkoholismus; Verlag W.Kolhammer, Stuttgart, Berlin, Mainz 1983 S.26

„Es überwiegen die Sorge um Partnerschaft (Frauen 23,9%, Männer 8,2%), und Kinder (Frauen 17,4%, Männer 3,2%), Bereiche, die den männlichen Alkoholiker wenig berühren, wie auch Befunde von Schuckit (1972) und Sclare (1972) für die USA weitgehend bestätigen. Nach Darstellung dieser Autoren stehen Ehemann und Kinder im Mittelpunkt der Interessen, zentrales Thema ist die Rolle als Frau und Mutter, Belastungen im Bereich dieser Rolle führen zu Streß und Einsamkeit.“23Als weitere Indizien meiner These ist die Signifikanz in den Bereichen der Unzufriedenheit der Freizeitgestaltung, dem Fehlen von Vertrauenspersonen, dem Wunsch nach mehr Kontakten, usw. zu finden. Diese Defizite auf dem Feld der lebensweltlichen Selbstverwirklichung sind schnell Folgen einer zu starken „sich aufopfernden“ oder gar scheiternden Fokussierung bzw. Bestrebung hinsichtlich der oben beschriebenen Rollenerfüllung als Ehefrau und Mutter.

Die Untersuchung umfaßt noch weitere Dimensionen, welche, im Detail beschrieben, allerdings den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würden. Im einzelnen sind diese Dimensionen unter den Überschriften Psychische Befindlichkeit, Alkoholismusentwicklung und Alkoholproblem, depressive und nicht-depressive Alkoholikerinnen aufgeführt.

In der Zusammenfassung der Untersuchung, von der grundsätzlich zu sagen ist, daß eine differente Suchtentwicklung belegt wird, lassen sich folgende Interpretationen aus den Ergebnissen der Befunde ableiten:

- Die Gruppe der Frauen war statistisch heterogener

- Frauen waren eher durch ein depressives Syndrom geprägt, wobei auch Frauen in späteren Phasen ihres Suchtverlaufes mit schweren Folgeerkrankungen zu finden waren

- Die Gruppe der depressiven Frauen wurde nach relativ kurzer Dauer des Alkoholmißbrauchs aufgrund psychosozialer Konflikte, insbesondere Suicidversuche, in die Klinik aufgenommen, wobei es sich hier um zumeist jüngere, häufig nicht berufstätige, in einer sozial Vereinsamten Situation lebende Frauen handelt, welche durch ihre Fixierung auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter zu diesen Umständen beigetragen hatten und über den Weg des Entlastungstrinkens in ein süchtiges Trinkverhalten glitten · Da bei dieser Gruppe der depressiven Frauen, welche offenbar noch stark unter dem Eindruck ihrer Mißbrauch auslösenden Situation standen, ein hoher Wahrnehmungsgrad im Rahmen ihrer Selbstbeurteilung bezüglich der Verstrickung in die Alkoholproblematik aufzuweisen ist, kann daraus ein geschlechtsspezifische Entwicklungsabhängigkeit abgeleitet werden, was mit der scheinbar eng an die Frau geknüpften, gesellschaftlichen Rolle zusammenhängt.

- Aufgrund des o.g. hohen Wahrnehmungsgrad dieser spezifischen

Frauengruppe, welche eine starke Prävalenz aufweist, lassen sich aus diesen Erkenntnissen unterschiedliche Therapieformen, im Gegensatz zu Frauen mit langwieriger Alkoholabhängigkeit und Alkoholfolgeerkrankungen und der meisten männlichen Alkoholiker, ableiten. Bei dem Großteil der Frauen können schon zu Beginn der stationären Behandlung psycho- und soziotherapeutische Konzepte bzw. Prävention von Alkoholfolgeerkrankungen angesetzt werden, im Gegensatz zu dem Großteil der Männern und der kleineren o.g. Gruppierung der Frauen bei denen zunächst körperliche und psychatrische Folgeerkrankungen zu behandeln sind.24

4. Abschluß

Abschließend ist zu sagen, daß diese Arbeit eine grobe Übersicht über die Thematik des Alkoholismus mit einem Einblick in das Gebiet des Frauenalkoholismus geben kann. Beim recherchieren und Schreiben dieser Arbeit ist mir deutlich geworden, wie unglaublich umfangreich Alkoholismus zu betrachten ist. Auf 14 Seiten ist gerade mal eine „Stichprobe“ der wissenschaftlichen Erkenntnisse möglich. Der dritte Teil wurde in dieser Arbeit zugunsten der ersten beide Teile kürzer gefasst, da es mir sinnvoll erschien, die Thematik des Untertitels auf einen möglichst breiten Sockel zu stellen. Es sei allerdings wie oben bereits angedeutet, in aller Deutlichkeit darauf verwiesen, daß selbst die hier Beschrieben Aspekte des Alkoholismuses immer eine noch differenziertere oder weiterführende Betrachtungsweise zulassen. Für mich persönlich halte ich es durchaus für möglich und denkbar, die Thematik der Sucht bzw. Abhängigkeit, auch im besonderen die des Alkoholismus, in meinem Studium weiter zu vertiefen.

[...]


1Goldmann Lexikon; Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh 1998; Bd. 1 S. 263 2

2vergl.: W. FEUERLEIN; Alkoholismus - Mißbrauch und Abhängigkeit: Eine Einführung für Ärzte, Psychologen und Sozialpädagogen; Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1975; S. 3

3World Health Organization Expert Committee on Addiction Drug; Seventh Report, W.H.O. Technical Report Service 116.9 (1957)

4vergl.: W. FEUERLEIN; Alkoholismus - Mißbrauch und Abhängigkeit: Eine Einführung für Ärzte, Psychologen und Sozialpädagogen; Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1975; S. 3-4.

5vergl.: W. FEUERLEIN; Alkoholismus - Mißbrauch und Abhängigkeit: Eine Einführung für Ärzte, Psychologen und Sozialpädagogen; Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1975; S. 5

6 vergl.: http://www.dhs.de/basis/zahlen.htm und http://www.dhs.de/basis/alkohol.htm 4

7vergl.: Drogen- und Suchtbericht 1999 der Drogenbeauftragten C. NICKELS (Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit)

8vergl.: http://www.dhs.de/basis/alkohol.htm

9Drogen- und Suchtbericht 1999 der Drogenbeauftragten C. NICKELS (Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit)

10B. BURIAN Die Psychotherapie des Alkoholismus; Verlag für Medizinische Psychologie, Göttingen 1984; S. 27

11vergl.: W. FEUERLEIN; Alkoholismus - Mißbrauch und Abhängigkeit: Eine Einführung für Ärzte, Psychologen und Sozialpädagogen; Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1975; S. 41f.

12vergl.: B. BURIAN; Die Psychotherapie des Alkoholismus; Verlag für Medizinische Psychologie, Göttingen 1984; S. 28f.

13vergl.: H.-P. STEDEN; Psychologie: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus Verlag, Freiburg im Breisgau 1999 S. 36f.

14H.-P. STEDEN; Psychologie: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus Verlag, Freiburg im Breisgau 1999 S. 39

15vergl.: B. BURIAN; Die Psychotherapie des Alkoholismus; Verlag für Medizinische Psychologie, Göttingen 1984; S. 29f.

16B. BURIAN; Die Psychotherapie des Alkoholismus; Verlag für Medizinische Psychologie, Göttingen 1984; S. 30

17 vergl.: W. FEUERLEIN; Alkoholismus - Mißbrauch und Abhängigkeit: Eine Einführung für Ärzte, Psychologen und Sozialpädagogen; Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1975; S. 100ff. 10

18vergl.: W. FEUERLEIN; Alkoholismus - Mißbrauch und Abhängigkeit: Eine Einführung für Ärzte, Psychologen und Sozialpädagogen; Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1975; S.117 - S.138

19vergl.: B. BURIAN; Die Psychotherapie des Alkoholismus; Verlag für Medizinische Psychologie, Göttingen 1984; S. 63

20vergl.: B. BURIAN; Die Psychotherapie des Alkoholismus; Verlag für Medizinische Psychologie, Göttingen 1984; S. 62f.

21H. BERGER, A. LEGNARO (Hrsg.); Frauenalkoholismus; Verlag W.Kolhammer, Stuttgart, Berlin, Mainz 1983 S. 7

22vergl.: H. BERGER, A. LEGNARO (Hrsg.); Frauenalkoholismus; Verlag W.Kolhammer, Stuttgart, Berlin, Mainz 1983 S.21ff.

23H. BERGER, A. LEGNARO (Hrsg.); Frauenalkoholismus; Verlag W.Kolhammer, Stuttgart, Berlin, Mainz 1983 S. 25

24vergl.: H.BERGER, A.LEGNARO (Hrsg.); Frauenalkoholismus; Verlag W.Kolhammer, Stuttgart, Berlin, Mainz 1983 S. 33

Details

Seiten
16
Jahr
2000
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104880
Note
2,3
Schlagworte
Alkoholismus Unter Berücksichtigung Frauenalkoholismus

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Titel: Alkoholismus - Unter besonderer Berücksichtigung des Frauenalkoholismus