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Langfristige Veränderung des Wirtschaftens durch Technologieentwicklung und Netzwerkökonomie

Seminararbeit 2001 49 Seiten

BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung (AP*)

2. Die Diskussion um die New Economy (AP)
2.1 Begriffliche Grundlagen (GP*)
2.2 Makroökonomische Sicht (AP)
2.2.1 Langfristwachstumsposition (AP)
2.2.2 Wirtschaftszyklusposition (AP)
2.2.3 Wachstumsquellenposition (AP)
2.3 Mikroökonomische Sicht (GP)
2.3.1 Empirische Evidenz (GP)
2.3.2 Zusammenfassung (GP)

3. Informationsund Netzwerkökonomie (AP)
3.1 Informationsgüter (GP)
3.1.1 Eigenschaften von Informationsgütern (GP)
3.1.2 Zentrale Rolle von Informationsgütern (GP)
3.2 Technologische Grundlagen (GP)
3.2.1 Digitalisierung (GP)
3.2.2 Leistungssteigerung im Preis-Leistungsverhältnis (GP)
3.2.3 Miniaturisierung (GP)
3.2.4 Standardisierung (GP)
3.3 Trade-off zwischen Richness und Reach (GP)
3.4 Skaleneffekte (GP)
3.5 Netzwerkökonomie (AP)
3.5.1 Netzwerkexternalitäten (AP)
3.5.2 Herausbildung natürlicher Monopole (AP)
3.5.3 Lock-in (AP)
3.5.4 Wechselkosten (AP)
3.5.5 Standards (AP)
3.5.6 Neue Regeln durch Netzgüter? (AP)

4. Implikationen der Informationsund Netzwerkökonomie (GP)
4.1 Produktund Preisdifferenzierung (GP)
4.1.1 Produktstrategien (GP)
4.1.2 Preisstrategien (GP)
4.2 Auflösung integrierter Wertschöpfungsketten (GP)
4.3 Verhalten in Netzgütermärkten (AP)

5. Neueste Trends in der New-Economy-Diskussion (AP)

6. Zusammenfassung und Ausblick (GP)

A. Literaturverzeichnis (AP)

B. Abbildungen (AP)

* Die Angaben in Klammern identifizieren den jeweiligen Verfasser eines Abschnitts. Dabei steht (AP) für Arnd Plagge und (GP) für Gregor Puchalla.

(die Abbildungen sind in der Online-Version nicht verfügbar)

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Verlauf der Wertkurve von Netzgütern bei positiver Rückkopplung

Abb. 2: Wachstumszyklus für Microsoft Windows

1. Einleitung

„In England at this time a new economy was displacing the old. The commercial centers were growing in importance, great discoveries in science were opening up the way to modern production, and wonderful inventions were rapidly revolutionizing industrial processes.“

– Simon N. Patten, 1889[1]

Kann eine Volkswirtschaft neu sein? Hat man in den letzten Jahren die allgemeine Diskussion um den veränderten Charakter der US-Wirtschaft verfolgt, so drängt sich dieser Eindruck auf. Das Schlagwort „New Economy“ ist mittlerweile weltweit zu einem geflügelten Wort geworden und beschreibt gemeinhin eine Volkswirtschaft, die durch vermehrten Einsatz von Informationstechnologie und im Rahmen einer immer weiter voranschreitenden Globalisierung ihre Gestalt so sehr verändert hat, dass viele grundlegende ökonomische Annahmen für ihre Beschreibung überholt scheinen. Doch ist dieser Umstand vielleicht nur ein Hirngespinst, eine vorübergehende Erscheinung, eine Mode, bestenfalls ein deja-vú-Erlebnis?

Um sich dem Phänomen „New Economy“ wissenschaftlich anzunähern, ist es unabdingbar, zunächst einmal den Begriff New Economy abzugrenzen. Bosworth und Triplett (2000,

S. 1) halten jedoch sogleich fest: „The ‘new economy’ discussion has been inconclusive, in part because the term ‘new economy’ means different things to different people.“

Um die zuvor aufgeworfenen Fragen zu beantworten und einen Überblick über die Diskussion um den Wandel der Wirtschaft und Gesellschaft sowie die langfristigen Veränderungen des Wirtschaftens durch die Technologieentwicklung und Netzwerkökonomie zu geben, beginnt dieser als Überblicksarbeit konzipierte Beitrag in Kapitel 2 mit einer Übersicht über die vielen verschiedenen Begriffe, die in letzter Zeit im Zusammenhang mit einer New Economy kursieren. Darauf aufbauend wird der Stand der Diskussion um die New Economy aus makround mikroökonomischer Sicht eingehend beleuchtet. Kapitel 3 stellt daran anknüpfend die Eigenheiten der Informationsund Netzwerkökonomie dar und legt somit den Grundstein für eine Erörterung der allgemein aus dem technischen Wandel ableitbaren Strategieimplikationen in Kapitel 4. Danach wird in Kapitel 5 nochmals die Diskussion um die New Economy betrachtet, wobei in diesem Fall die jüngsten Entwicklungen zur Sprache kommen. Kapitel 6 schließlich wagt einen Ausblick auf die Zukunft der New Economy und bewertet die Nachhaltigkeit der Veränderungen der Wirtschaft durch den technologischen Fortschritt, der in den letzten Jahren durch kein Medium besser symbolisiert wurde als durch das Internet.

2. Die Diskussion um die New Economy

Die Diskussion um eine „New Economy“ hat vornehmlich in den USA seit Mitte der 90er Jahre weite Kreise gezogen. Zahllose Artikel sind in der Wirtschaftspresse zu diesem Thema veröffentlicht worden, wobei sich die Diskussion um die Konsequenzen des Wandels der Wirtschaft durch die scheinbar immer schneller voranschreitende Technologieentwicklung und Phänomene wie das Internet zunächst in zwei Gruppen einteilen läßt. In die erste fallen all die Diskussionsbeiträge, die sich auf makroökonomische Faktoren wie langfristiges Wirtschaftswachstum, Wirtschaftszyklen sowie Arbeitslosigkeit und Preisniveaustabilität beziehen. Dem gegenüber stehen die Beiträge, deren besonderes Augenmerk auf mikroökonomischen und betriebswirtschaftlichen Aspekten der New Economy liegt. Aufgrund der mitunter verwirrenden Fülle an Begriffen und Definitionen, die im Rahmen der Debatte formuliert wurden, scheint es angebracht, zunächst einige begriffliche Grundlagen zu klären und danach die Hauptströmungen innerhalb der beiden großen Diskussionsstränge darzustellen.

2.1 Begriffliche Grundlagen

Die Ausdrücke „New Economy“, „Electronic Commerce“, „Internet-Ökonomie“, „Informationswirtschaft“ und „Netzwerkökonomie“ sind nur ein kleiner Ausschnitt der begrifflichen Vielfalt, die die jüngsten Veränderungen der Wirtschaft und Gesellschaft durch die Informations- und Kommunikationstechnologie umschreiben. Diesen Begriffen ist gemeinsam, dass sie in Wissenschaft und Praxis uneinheitlich verwendet werden – bisher hat sich keine eindeutige und allgemein akzeptierte Definition herausgebildet.

Die Vielzahl der Definitionen zur New Economy lassen sich grob in zwei Gruppen unterteilen (Bosworth und Triplett 2000, S. 1): Zum einen in sehr breit gefaßte, weitreichende Definitionen, die die Aufhebung der fundamentalen ökonomischen Gesetze in Folge des globalen Wettbewerbs und des raschen technologischen Wandels deklarieren. Ein gutes Beispiel hierfür liefert Kelly (1997). Zum anderen existieren eine Reihe eng gefaßter Definitionen, die sich auf die immer wichtiger werdende Rolle der Informationsund Kommunikationstechnologie konzentrieren. Ein Beispiel hierfür ist Gordon (2000), der als konstituierendes Merkmal der New Economy den beschleunigten Preisverfall bei Computerhardware nennt.[2] Er betont, dass eine breitere Auslegung des Begriffs auch den technologischen Fortschritt u.a. in den Bereichen Biologie, Pharmazie und Medizintechnologie einschließt, aber „in common discourse, the New Economy is certainly more about computers than pharmaceuticals.“ (Gordon 2000, S. 57).

Der Beginn der Internet-Ökonomie wird allgemein auf das Jahr 1993 datiert, als mit der Entwicklung des kostenlosen Software-Browsers „Mosaic“ der kommerzielle Durchbruch des Internet gelang (vgl. Picot et al. 2001, S. 22; Zerdick et al. 2001, S. 152).[3] Konstituierendes Merkmal ist die zentrale Rolle des Internet, dessen Diffusionsverlauf den der traditionellen Massenmedien in zeitlicher Hinsicht deutlich übertrifft.[4] Eine abgrenzende Definition der Internet-Ökonomie findet sich bei Barua et al. (Gordon 2000, S. 66, zit. nach Barua et al. 1999). Die Internet-Ökonomie wird dabei in vier Ebenen unterteilt: Erstens die Infrastruktur Ebene, zweitens die Internet-Applications Ebene, drittens die Ebene der Intermediäre und viertens die Internet-Commerce Ebene.[5]

Der Begriff Electronic Commerce bzw. E-Commerce ist der am häufigsten verwendete Begriff im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Aktivitäten, die elektronisch unterstützt stattfinden. Als weitere „E-Begriffe“ sind u.a. Electronic Business, Electronic Markets, Electronic Maketplaces und Electronic Marketspaces zu nennen. Die Verwendung dieser Begriffe ist unscharf und uneinheitlich, da die elektronisch unterstützten Marktund Unternehmensprozesse aufgrund der hohen Innovationsrate der unterstützenden Technik einer großen Dynamik unterliegen. Electronic Commerce ist der Oberbegriff, unter dem „jede Art von wirtschaftlicher Tätigkeit auf der Basis elektronischer Verbindungen zusammengefaßt [wird]. Die Bandbreite [...] reicht von elektronischen Märkten bis hin zu elektronischen Hierarchien und schließt auch Formen elektronisch unterstützter Unternehmensnetzwerke und -kooperationen (elektronische Netzwerke) mit ein.“ (Picot et al. 2001, S. 337). Hermanns und Sauter (1999, Absatz

3) unterstreichen ebenfalls die inflationäre Verwendung des Begriffs Electronic Commerce und die veränderten Möglichkeiten der Geschäftsabwicklung auf elektronischen Märkten. Bemerkenswert ist die Unterscheidung von Evans und Wurster (1999, S. 85), die zwischen Electronic Commerce der ersten und der zweiten Generation differenzieren. Die erste Generation zeichnet sich ihnen zufolge dadurch aus, dass „Claims“ im Internet abgesteckt werden, d.h. Internet-Adressen und Webspace reserviert werden. Konstituierendes Merkmal dieser Phase ist die kurzfristige Wachstumsorientierung und ein weniger durch strategische Planung als vielmehr durch Experimente gekennzeichnetes Agieren: „Strategy is subordinated to tactics, which are subordinated to experimentation.“ (Evans und Wurster 1999, S. 85). Aktuell entsteht die zweite Generation des Electronic Commerce, die mehr durch eine Konzentration auf Wettbewerbsvorteile und Strategien zur Erreichung dieser Vorteile gekennzeichnet ist als die erste.

Kelly bevorzugt neben dem Ausdruck New Economy den Begriff Netzwerkökonomie, da ihm zufolge die revolutionäre Komponente der New Economy nicht die Information an sich, sondern die totale Vernetzung der Information ist (vgl. Kelly 1997).[6] Zerdick et al. (2001, S. 146) sprechen sogar von der Neuen Netzwerkökonomie, um eine klare konzeptionelle Abgrenzung gegenüber der traditionellen Netzwerkökonomie zu erreichen. Mit der zunehmenden Vernetzung gewinnen zugleich die den Netzwerken inhärenten Gesetze kontinuierlich an Einfluß.[7] Der einhergehende Paradigmenwechsel von Atomen zu Bits ist am vielzitierten Beispiel der Encyclopedia Britannica zu beobachten, die aufgrund der Unterschätzung der neuen CD-ROM-Enzyklopädien wie Microsoft Encarta ihren eigenen Niedergang einleitete (vgl. Evans und Wurster 2000, S. 2).

Der Begriff der Informationswirtschaft oder -ökonomie findet u.a. in den Standardtexten Evans und Wurster (2000) sowie Shapiro und Varian (1998a) Verwendung. Shapiro und Varian (1998a, S. 3, Hervorhebungen im Original) betonen die breite Anwendbarkeit des Informationsbegriffes: „We use the term information very broadly. Essentially, anything that can be digitized-encoded as a stream of bits-is information. For our purposes, baseball scores, books, databases, magazines, movies, music, stock quotes, and Web pages are all information goods.“ Evans und Wurster (2000, S. 9) stellen die weitreichende Durchsetzung der Wirtschaft mit Informationen in den Vordergrund: „Every business is an information business.“[8] Wertketten, die als linearer Fluss physischer Aktivitäten erscheinen, sind maßgeblich durch einen Informationsfluß innerhalb und zwischen der Unternehmung und ihren Zulieferern, Distributoren und Kunden gekennzeichnet. Marken sind ebenfalls nichts als Informationen, die Konsumenten hinsichtlich eines bestimmten Produkts in ihrem Kopf verankert haben.

„More fundamentally, information and the mechanisms for delivering it are the glue that holds together the structure of businesses.” (Evans und Wurster 2000, S. 10).

Wie eingangs erwähnt, kennzeichnen diese Begriffe die Veränderungen der Wirtschaft, deren Motor zunehmend die Informationsund Kommunikationstechnologie ist. Im folgenden werden wir uns auf die Verwendung der Ausdrücke Netzwerkökonomie und Informationswirtschaft im oben genannten Sinne beschränken. Dies erscheint zweckmäßig, da der Schwerpunkt dieser Arbeit zum einen auf den Netzwerken inhärenten Gesetzmäßigkeiten liegt und zum anderen die besonderen Eigenschaften und die zentrale Rolle von Informationen über alle Branchengrenzen hinweg im Vordergrund stehen sollen.

2.2 Makroökonomische Sicht

In Anlehnung an Stiroh (1999, S. 82f.) lässt sich die Diskussion um die makroökonomischen Aspekte der New Economy in drei große Bereiche gliedern: Eine Langfristwachstumsposition besagt, dass die Wirtschaft in den USA aufgrund eines höheren Produktivitätswachstums schneller wachsen kann als zuvor, ohne dabei einen Inflationsdruck aufkommen zu lassen. Die Wirtschaftszyklusposition hingegen führt an, dass sich der kurzfristige trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation verändert hat, was durch die in jüngster Zeit parallel zu niedrigen Arbeitslosenquoten beobachtbare hohe Preisniveaustabilität zum Ausdruck kommt. Die Wachstumsquellenposition schließlich argumentiert, dass die Besonderheiten des Informationszeitalters, wie etwa Netzeffekte und zunehmende Grenzerträge, die Art und Weise, wie eine Volkswirtschaft wächst, nachhaltig geändert haben. Allen drei Positionen ist gemeinsam, dass sie in einer zunehmenden Globalisierung und der immer weiter voranschreitenden Verbreitung stets leistungsfähigerer Informationstechnologie Hauptgründe für den Wandel der Wirtschaft sehen. Da sämtliche Diskussionsstränge zur makroökonomischen Evidenz einer New Economy sehr umfangreich sind, werden im folgenden jeweils nur einige Positionen für bzw. gegen die jeweilige Sichtweise angeführt.[9]

2.2.1 Langfristwachstumsposition

Wie bei allen Diskussionssträngen zur New Economy, lassen sich die Ansichten verschiedener Autoren hier in zwei Lager teilen. Während Bluestone und Harrison (1997) sowie Shepard (1997) die Möglichkeit eines nachhaltig schnelleren Wirtschaftswachstums in den USA befürworten, lehnen Gordon (2000, 2001) und Krugman (1997a, 1997b) diese Position weitgehend ab. Blinder (1997) und Stiroh (1999) schließlich können sich für keine der beiden Positionen endgültig entscheiden, zeigen sich aber tendenziell vorsichtig. Ein nachhaltig höheres Produktivitätswachstum auf makroökonomischer Ebene in den USA konstatieren etwa Jorgenson und Stiroh (1999) sowie Nordhaus (2000), nicht aber Gordon (2000, 2001).

Die Grundaussage der Befürworter einer New-Economy-Sicht in diesem Bereich ist einfach: vermehrte Investitionen im IT-Bereich erhöhen die Leistungsfähigkeit einer Wirtschaft durch gestiegene Arbeitsproduktivität, reduzierte Kosten und Lagerhaltung und eine erhöhte Flexibilität für Arbeitnehmer und Firmen und erlauben der Wirtschaft so ein höheres Wachstum auch über einen langen Zeitraum hinweg.[10] Einhergehend damit können die Beschäftigten höhere Löhne beziehen, die die Firmen dank der Produktivitätszuwächse nicht an ihre Kunden weitergeben müssen - ein mögliches weitgehend inflationsfreies Wirtschaftswachstum von 4 und mehr Prozent gegenüber den seit den 70er Jahren beobachteten 2 bis 2,5 Prozent ist die Folge.

Besonders neuere Untersuchungen, die sich auf den Zeitraum ab 1995 konzentrieren, bescheinigen der US-Wirtschaft eine Rückkehr zu gesteigerten Produktivitätswachstumsraten. Nordhaus (2000, S. 1) etwa stellt im Rahmen einer umfangreichen Untersuchung für die USA fest:

„[T]here has clearly been a rebound in labor-productivity growth in recent years. All three sectoral definitions show a major acceleration in labor productivity in the last three years of the period (1996-98) relative to the 1978-95 period. The rebound was 1.2 percentage points for GDP, 1.8 percentage points for business sector, and 2.1 percentage points for well-measured output. [...] It is clear that the productivity rebound is not narrowly focused in a few new-economy sectors.“

Auch Gordon (2001, S. 27f.) muss einräumen:

„The productivity revival is impressive and real, and most of it is structural rather than cyclical. The productivity revival has spilled over from the production of computers to the use of computers. The evident effect of new technologies in reducing transaction costs and facilitating a surge in trading volumes in the securities industry is one of many ways in which the use of computers has contributed to the productivity revival“.

Einschränkend fügt er aber sogleich hinzu: „However the productivity revival is narrowly based in the production and use of computers. There is no sign of a fundamental transformation of the U. S. economy. There has been no acceleration of MFP growth outside of computer production and the rest of durable manufacturing.“[11] Abschließend fällt sein Urteil sogar noch deutlicher aus: „The rapid rate of output growth in the American economy between 1995 and 2000 was facilitated by two unsustainable "safety valves," the steady decline in the unemployment rate and the steady increase in the current account deficit. Since neither can continue forever, growth in both output and in productivity are likely to be less in the next halfdecade than in the last“.[12] Krugman (1997a, S. 129) hält im gleichen Sinne fest: „We would like to believe that the U.S. economy can grow much faster if only the Fed would let it. But all the evidence suggests it cannot.“

Auch die neuesten Studien zum langfristigen Produktivitätswachstum in den USA kommen zu oft deutlich voneinander verschiedenen Resultaten. Außer Frage steht, dass es in der IT-Branche seit Mitte der 90er Jahre deutliche Produktivitätszuwächse gegeben hat. Inwieweit es auch in anderen Branchen zu einem solchen Trend kommen wird oder bereits gekommen ist, werden jedoch erst weitere Studien zeigen können. Als problematisch für die Beurteilung der Langfristwachstumsposition erweist sich in diesem Zusammenhang einmal mehr der Umstand, dass Produktivitätsmessungen eher einer Kunst als einer exakten Wissenschaft gleichkommen und eine direkte Vergleichbarkeit der meisten Studien kaum gegeben ist.[13]

2.2.2 Wirtschaftszyklusposition

Die Wirtschaftszyklusposition greift ein Phänomen auf, das in den USA besonders in den letzten Jahren zu beobachten war.[14] Es handelt sich dabei um eine für viele erstaunlich geringe Arbeitslosenrate in Verbindung mit einem sehr stabilen Preisniveau. Beides zugleich wurde von vielen Volkswirtschaftlern oft als nicht vereinbar angesehen; diese Sicht kommt bspw. im Konzept der Philipskurve ebenso wie in Form der NAIRU (Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment = die nicht die Inflation beschleunigende Arbeitslosenrate) zum Ausdruck. Eine Arbeitslosenrate von unter 4 Prozent Mitte des Jahres 2000 bei gleichzeitigem weit überdurchschnittlichem Wirtschaftswachstum hat das gesamte Konzept der NAIRU vermehrt in die Kritik geraten lassen.

Blinder (2000, S. 7) hält am Konzept der NAIRU weitgehend fest und sucht nach Erklä- rungen für die gegenwärtige niedrige Inflation bei zugleich niedriger Arbeitslosenrate:

„If actual productivity grows faster than perceived productivity, the economy will experience a surprisingly favorable combination of stable inflation and low unemployment. In the data, it will appear as if the NAIRU has declined. But as perceptions adjust to the new, faster pace of productivity gains, the apparent NAIRU should return to normal. Similarly, if the Internet intensifies price competition, it could depress inflation, but only for a period of time.“

DeLong (2000, Absatz 9) hingegen vertritt eine deutlich andere Position: „In any event one thing is very clear: the simple theory of the relation between inflation and unemployment that economists have peddled for a quarter century no longer works; if economists are to be of any use, they need to come up with a better - and in all likelihood more sophisticated - approach to understanding why inflation rises.“ Noch weiter geht Galbraith (1997, Absatz 2), denn er bestreitet mit Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre die Gültigkeit des NAIRU- Konzepts vollkommen: „Those of us who think the very idea of a natural rate should be junked have been encouraged as never before.“ Stiroh (1999, S. 95) schließlich beschreitet einen Mittelweg: „A reasonable explanation for the recent decline in both inflation and unemployment is that a series of positive supply shocks temporarily reduced inflation but did not change the underlying structural relationships.“

Auch in diesem Fall ist nicht endgültig geklärt, ob sich die USA auf dem Weg zu einer neuen Volkswirtschaft befinden, die durch ungekannt hohe Preisniveaustabilität bei weit niedrigerer Arbeitslosigkeit als zuvor gekennzeichnet ist. Bislang ist nur klar, dass die NAIRU zumindest in den letzten Jahren anders als lange für möglich gehalten wurde unter die zuvor oft angeführte Grenze von 5 bis 6 Prozent Arbeitslosigkeit gefallen ist, ohne dabei die Inflation in den USA nennenswert anzuheizen.[15]

2.2.3 Wachstumsquellenposition

Die Frage nach den Wachstumsquellen einer Volkswirtschaft hat im Zusammenhang mit der Debatte um eine New Economy in den USA viel Aufmerksamkeit erweckt. Kelly (1997, 1998) etwa sieht Netzwerke als die zentralen Elemente des Wirtschaftswachstums in den nächsten Jahrzehnten.[16] Stiroh (1999, S. 97) stellt die von den Befürwortern der Wachstumsquellenposition angeführten Schlagwörter knapp vor:

„[I]deas include nonlinear growth once a critical mass is reached, virtuous cycles of positive feedback in industrial and societal organizations such as Silicon Valley, and falling prices and increased quality via technology and scale economies. [...] Finally, the very nature of the new digitized economy is seen as inherently different from the old industrial economy due to obvious physical production and pricing differences between information and physical products or commoditities.“

Die Vertreter dieser Position legen in Anlehnung an die Arbeiten von Paul Romer zur New Growth Theory großes Augenmerk auf die Bedeutung von Humankapital sowie Wissen, Forschung und Ideen und bestreiten fallende Grenzerträge in diesen Bereichen weitgehend. Da bislang kaum schlüssige empirische Beweise für diese Behauptungen vorliegen, wird die

[...]


[1] Patten (1889, S. 26)

[2] Die durchschnittliche Verfallsrate stieg von 14,7 Prozent zwischen 1987-1995 auf 31,2 Prozent zwischen 1996- 1999. Dabei ist die Verfallsrate nicht auf die Listenpreise von Computern zu beziehen, sondern auf den Preis, der für bestimmte Leistungsund Ausstattungsmerkmale (wie Verarbeitungsgeschwindigkeit, Fassungsvermö- gen der zugehörigen Speichermedien, oder Ausstattung mit einem CD-ROM Laufwerk) entrichtet werden muß (Gordon 2000, S. 50f.).

[3] Kelly dagegen datiert den Beginn der New Economy auf 1969, als erstmalig das Phänomen der „knowledge workers“ von Peter Drucker aufgegriffen wurde (Kelly 1997, S. 140).

[4] Während das Fernsehen 13 Jahre und das Radio 38 Jahre benötigte, hat sich das Internet innerhalb von fünf Jahren bei mehr als 50 Millionen Nutzern etabliert (Zerdick et al. 20001, S. 152). Zur kritischen Betrachtung vgl. Gordon (2000, S. 66).

[5] Die erste Ebene umfasst Hardware-Hersteller wie IBM, Dell, Cisco usw. Die zweite Ebene setzt sich aus Software, Beratung und Training zusammen und wird von Microsoft und seinen Wettbewerbern repräsentiert. Die dritte und vierte Ebene umfasst die „providers of intermediate goods and consumption goods“ (Gordon 2000, S. 67). Beispiele hierfür sind Portale und Content-Provider wie Yahoo! und Travelocity.

[6] Kelly (1997, S. 140) bezeichnet dies als „the widespread, relentless act of connecting everything to everything else.“

[7] Katz und Shapiro (1985, S. 425) schreiben den Netzeffekten als zentrales Merkmal der Netzwerkökonomie das Hervorrufen von „demand-side economies of scale“ zu. Mason (2000, S. 1991) findet im Rahmen einer mathematischen Untersuchung gleichfalls „support for the intuition that network externalities can be viewed as ‘economies of scale on the demand side’.“

[8] Ein gutes Beispiel hierfür ist das Gesundheitswesen in den USA, dessen Kosten sich zu mehr als einem Drittel (rund 350 Milliarden USD) aus den Verwaltungskosten von Informationen wie Patientendaten, Kostenabrechnungen und Versicherungsansprüchen zusammensetzen. (vgl. Evans und Wurster 2000, S. 9)

[9] Eine sehr umfangreiche Einführung in viele weitere makroökonomische Aspekte der New Economy findet sich in Department of Commerce (2000).

[10] Vgl. Stiroh (1999, S. 88) sowie Wood (2000).

[11] Gordon (2001, S. 28). Diese Sicht wird von Nordhaus (2000, S. 13) als nicht haltbar zurückgewiesen.

[12] Gordon (2001, S. 47f.)

[13] Vgl. hierzu bspw. auch Brynjolfsson und Yang (1996, S. 2, Quellenverweise im Original), die explizit auf dieses Problem verweisen: „[P]roductivity measurement isn’t an exact science. Our tools are still blunt, and our conclusions not as definitive as we would like. While one study shows a negative correlation between total factor productivity and high share of high-tech capital formation during [the] 1968-1986 period (Berndt and Morrison, 1995), another study suggests that computer capital contributes to growth more than ordinary capital during the similar period (Jorgenson and Stiroh, 1995).” Tyson (1999, S. 13) spricht weitere Probleme an.

[14] Der Name „Wirtschaftszyklusposition“ mag dabei zunächst unpassend erscheinen. Für eine Diskussion der Änderungen der Wirtschaftszyklen im Sinne des Auf und Ab der Wirtschaft siehe bspw. Weber (1997).

[15] Vgl. zu den lange angenommenen Werten u.a. die Ausführungen von Galbraith (1997, Absatz 1).

[16] Für eine umfangreiche Kritik der Ideen Kellys sei auf DeLong (1998) und Krugman (1998) verwiesen.

Details

Seiten
49
Jahr
2001
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104827
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Langfristige Veränderung Wirtschaftens Technologieentwicklung Netzwerkökonomie Seminar Strategisches Management Bedingungen Internetökonomie

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