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Aggression in der Erziehung. Das Phänomen im Lichte einer strukturellen Psychohistorie

Seminararbeit 2001 21 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT: ERKENNTNISINTERESSE UND ZIELSETZUNG

TEIL I: GRUNDLAGEN UND GESCHICHTLICHES

1. BEGRIFFSANALYSE

2. DIE THEORIE: HISTORISCHE UND PHILOSOPHISCHE DIMENSION
(a) Adler
(b) Buss
(c) Intraspezifische Aggression
(d) Yale-Gruppe
(e) Scott und Tinbergen

3. AGGRESSION HEUTE
(a) Psychologie
(b) Neurobiologie

TEIL II: GESCHICHTSWISSENSCHAFTLICHE GRUNDLEGUNGEN

1. RAUM UND ZEIT
(a) Das räumliche Bezugssystem
(b) Das zeitliche Bezugssystem

2. DIE GESELLSCHAFT

3. DAS MODELL

SCHLUSSBEMERKUNG

LITERATUR

VORWORT ERKENNTNISINTERESSE UND ZIELSETZUNG

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Möglichkeiten einer interdisziplinären Untersuchung des Gesamtkomplexes „Aggression in der Erziehung“ auszuloten und erste Vorschläge für eine Orientierung innerhalb des Gebietes zu geben. Die wissenschaftstheoretische Ausrichtung meiner Untersuchungen ist bedingt durch den Umstand, dass eine einheitliche und überzeugende Methode zur historischen Erforschung des Phänomens der Aggression noch nicht zur Verfügung steht. Verschiedenste Forschungsgebiete haben ihren je eigenen Zugang zur Frage nach dem menschlichen Verhalten entwickelt - eine Symbiose oder auch nur eine konstruktive Zusammenarbeit findet jedoch nach wie vor in viel zu geringem Maße statt. Was mir konkret vorschwebt, ist eine systematische inter- oder transdisziplinäre Erforschung des genannten Gesamtkomplexes, die den Versuch wagt, sich auf einen multiperspektivischen Ansatz bei der Suche nach einer nicht-reduktionistischen Erklärung des Phänomens einzulassen.

Interessante Erkenntnisse über die evolutionären Grundlagen der menschlichen Motivation etwa können (Evolutions-)Biologie und Zoologie liefern, indem sie tierisches Verhalten in den verschiedensten Situationen beobachten und auswerten. Für eine Übertragung dieser Ergebnisse auf die Menschen kommt die Methode der Psychoanalyse und der Sozialpsychologie ebenso infrage wie die der Ethnologie und der Anthropologie. Die Geschichtswissenschaft ist schließlich in der Lage, diese Erkenntnisse in einen konkreten historischen und sozialen Kontext zu stellen, zusammen mit den Rahmenbedingungen die sozialen Ursachen zu untersuchen, sowie Form, Ausmaß und Wirkung der menschlichen Handlung zu erfassen.

Einige interessante Schritte in Richtung einer solchen ‚Metawissenschaft’ wurden schon unternommen, namentlich von der so genannten „Psychohistorie“. Da diese jedoch zu stark an der Methode der Individual-Psychoanalyse festhält, ist sie nicht in der Lage, den dynamischen Prozess komplexer Systeme zu erfassen. Was mir daher vorschwebt, ist eine wissenschaftliche Disziplin, die ihr Objekt stärker in strukturellen Zusammenhängen erfasst und die daher „strukturelle Psychohistorie“ genannt werden könnte.

Das Feld, indem eine Methode der „strukturellen Psychohistorie“ Anwendung finden könnte, ist weitreichend und größtenteils unbearbeitet, was der Psychologie und der Geschichte ermöglicht, über eine sinnvolle Zusammenarbeit in einen Bereich vorzustoßen, der von einer der beiden Wissenschaften alleine nicht erfasst werden kann. Die Psychologie versagt bei der Untersuchung der Vergangenheit, die Geschichtswissenschaft ist jedoch bei der Erforschung großer Gebiete menschlichen Handelns und menschlicher Sozialstrukturen auf die Hilfe der psychologischen Methode angewiesen, die ihrerseits jedoch zu stark auf die Gegenwart fixiert ist. Statistiken und flächendeckende Erfassung von Verhaltensmustern gab es im 19. Jahrhundert noch nicht - ein großes Gebiet liegt hier brach und wartet darauf, von einer interdisziplinären Wissenschaft erobert zu werden.

Über eine solche Disziplin sollte es zuletzt möglich sein ein Modell zu entwickeln, mit dessen Hilfe zumindest einige der wesentlichen Grundkonstanten des Problems leichter und auf eine wissenschaftlich nachvollziehbare Art und Weise erfasst und bewertet werden können. Dass solche Grundkonstanten etwa bei der Frage nach der menschlichen Aggression jenseits jeder individuellen Biografie liegen, lässt die Ergebnisse eines solchen Modells notwendigerweise als wenig greifbar, gar als willkürlich erscheinen. Andererseits können über ein solches Modell überindividuelle und intersubjektive Grundtendenzen des raum-zeitlich begrenzten Mikrokosmos, den es zu untersuchen gilt, erfasst werden, was es ermöglicht, einem Phänomen näher kommen, das in anderen Bereichen mit einem mystischen Anklang als „Zeitgeist“ bezeichnet wird.

Das Modell muss also, um mit vollem Recht Gültigkeit beanspruchen zu können, prinzipiell verallgemeinerbar sein. Dazu muss es mit bestimmten, zuvor sorgfältig ausgewählten und festgelegten Größen und Variablen arbeiten, die einer wissenschaftlichen Kritik zugänglich gemacht werden müssen. Um diesen Forderungen nachzukommen schlage ich vor, ein Modell zu entwickeln, das neuere Erkenntnisse der Psychologie berücksichtigt und insbesondere auf überindividuelle Schemata zur Beschreibung der Psyche zurückgreift und diese mit Hilfe der geschichtswissenschaftlichen Methode zu einem historisch flexiblen Modell vereinigt, das zwar nicht auf eine zu enge Situation zugeschnitten ist, also für Anwendungen in verschiedenen Kontexten offen bleibt, jedoch auch der Gefahr entgeht, zu willkürlich und allgemein - also nichtssagend - zu werden.

Konkrete Erkenntnisse über ein bestimmtes Sachgebiet werde ich in dieser Untersuchung also zunächst einmal gar nicht liefern können, sondern ich möchte mich vielmehr zunächst auf die Suche nach einer geeigneten Methode für diese transdisziplinäre Behandlung der Frage nach der Aggression in der Erziehung machen.

TEIL I GRUNDLAGEN UND GESCHICHTLICHES

1. Begriffsanalyse

„Aggression“ ist zunächst einmal ein Begriff der Sprache. Ob er als solcher die Berechtigung besitzt, in einer wissenschaftlichen Arbeit als Stellvertreter für ein Phänomen zu fungieren, welches man in einer wie immer gearteten „realen Welt“ vermutet, ist zumindest diskussions-, wenn nicht gar fragwürdig. Bei einer genauerer Zergliederung und Analyse des komplexen Phänomens der menschlichen Aggression scheint es, als würde dieser Begriff wie Sand durch die Finger rinnen, so schwammig, verschwommen und unscharf ist er. Ob ihm tatsächlich ein System, das durch Empirie gestützt werden kann, korrespondiert, ist fraglich.

Viele Vorschläge wurden gemacht, den Begriff Aggression, seine Ursachen, Ziele und Inhalte sinnvoll abzugrenzen. John Dollard, ein amerikanischer Psychotherapeut und Psychologe etwa hat vorgeschlagen, den Begriff der Aggression an den der Frustration zu koppeln. Dieser ebenso schwammige Begriff und die starke Bindung der beiden aneinander hat sich jedoch in der Folge weder als sinnvoll, noch als haltbar erwiesen. Will man überhaupt an dem Begriff der Aggression festhalten, so tut man gut daran, ihn zunächst möglichst penibel zu beschreiben, um ihn dann als einfach zu handhabendes Hilfsmittel in der Untersuchung einzusetzen. Will man das Phänomen Aggression in diesem Sinne fassen, muss man mit einer sehr tiefen Ursachenbasis rechnen: emotionale Faktoren wie Schmerz, Hunger, Angst, Nähe, Frustration, Isolation, aber auch rationale Motive ebenso wie biologische und chemische Faktoren wie etwa Gene und Hormone fließen in die Betrachtung ein.

In jedem Fall ist man gut beraten, wenn man sich gegen ein monokausales Begründungssystem wendet und dem Begriff noch soviel Offenheit zugesteht, dass er durchaus dehnbar und flexibel, also für neue Erkenntnisse oder Entdeckungen offen, nicht jedoch willkürlich, unscharf und wahllos ist.

2. Die Theorie: historische und philosophische Dimension

(a) Adler

Allgemein wird davon ausgegangen, dass Adler den Begriff des Aggressions-Triebs in die Debatte eingeführt hat. 1908 hebt er erstmals die Bedeutung des angeblichen Triebs für die Neurosenlehre hervor. Definiert wird das neu entdeckte Phänomen als das Zusammenspiel aller Faktoren, die sich auf die Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt beziehen. Dieser Auseinandersetzung liegt stets ein ursprünglicher Impuls zugrunde, ein In- Angriff-Nehmen und Bemächtigen. Adler ist sich darüber bewusst, dass es sich bei seiner Konzeption des Aggressionstriebes lediglich um ein kognitives Konstrukt handelt, das sich aus Abstraktionen der elementaren Funktionen des Organismus, deren Entstehung und Entwicklung aus den Anforderungen der Umwelt zusammensetzt, und deren Ziel es ist, Befriedigung der Organbedürfnisse und Lusterwerb herbeizuführen. Im Gegensatz zu anderen Trieben (z.B. Hunger) kann der Aggressionstrieb keinem bestimmten Organsystem zugeordnet werden - er bildet Adler zufolge „ein alle Triebe verbindendes psychisches Feld, in das Erregung einströmt, sobald einem Primärtrieb die Befriedigung versagt bleibt“1. Wendet sich der Aggressionstrieb gegen die eigene Person, so wird die Triebenergie meist umgeleitet und tritt als eine Form von Altruismus in Erscheinung. Das Zusammentreffen von Aggressionstrieb und Sexualtrieb führt zu Sadismus, bei Wendung gegen die eigene Person zu Masochismus.

(b) Buss

Buss definiert Aggression nicht wie Adler als ursprünglichen Trieb, sondern als Reaktion, die für einen anderen Organismus einen schädlichen Reiz darstellt, was es Buss ermöglicht, synonym zum Ausdruck ‚Aggression’ den Begriff ‚Angriff’ zu verwenden. Die Wahrscheinlichkeit einer aggressiven Handlung wird laut Buss erhöht durch den Anblick des zugefügten Schadens oder Schmerzes - zudem können aber auch Formen der Belohnung verstärkend für aggressives Verhalten wirken. Diese Tatsache ermöglicht, was Buss „instrumentelle Aggression“ nennt: die gezielte Steuerung aggressiven Verhaltens.

Buss verzichtet bei seiner Definition der Aggression darauf, den Begriff der Intention ins Feld zu führen, begibt sich damit jedoch in Schwierigkeiten wenn es darum geht, zufällig zugefügten Schaden einzustufen oder aber Handlungen, die zwar als aggressives Verhalten wahrgenommen werden, auf längere Sicht jedoch das Wohl anderer zum Ziele haben (z.B. medizinische Eingriffe, aber auch elterliche Strafmaßnahmen oder autoritäres Verhalten von

Lehrern), von genuin aggressiven Akten zu unterscheiden. Buss entgeht diesem Problem, indem er explizit all solche Handlungen ausnimmt, die in einer sozial anerkannten Art und Weise durch autorisierte Personen vollzogen werden.

Für meine Untersuchung ist insbesondere der letztgenannte Punkt des bussschen Konzeptes äußerst problematisch, möchte ich doch gerade auf die Elemente der so genannten Aggression eingehen, die innerhalb eines sozialen Schutzraumes - im Bereich der familiären Erziehung - ausgeübt werden.

Diese Aggression steht mitnichten stets im Dienste eines in der Zukunft liegenden hehren Zieles. Oft ist es pures Eigeninteresse der Eltern, Unverständnis oder Unachtsamkeit der Kinder, mangelndes Einfühlungsvermögen beiderseits, miserable Umweltbedingungen etc., was zu extremen Spannungen innerhalb der Familie führen und für ein aggressives Klima sorgen kann, in welchem der Gedanke der moralischen oder sozialen Erziehung in weite Ferne gerückt ist. Es geht andererseits innerhalb der Erziehung selten wirklich um eine Schädigung des anderen, sondern oftmals um eine reine ‚Revierabgrenzung’. Gerade im Bereich der Familie, wo über Jahre hinweg ein Zusammenleben auf engstem Raum stattfindet, treten aggressive Spannungen auf, die man aus der Betrachtung der Aggression nicht ausklammern kann.

(c) intraspezifische Aggression

Dieser Art der Aggression korrespondiert im Tierreich das Konzept der intraspezifischen Aggression, also einer Aggression gegen Artgenossen, die beispielsweise bei Rivalität um ein Territorium oder um einen Sexualpartner auftritt. Ein beliebtes Beispiel für eine solche intraspezifische Aggression ist der so genannte Ödipuskomplex, eine vermeintliche Rivalität zwischen Vater und Sohn um die Mutter. Aggression tritt ferner auf bei einer Unterschreitung der Individualdistanz, was ebenfalls besonders für Familien von großer Bedeutung werden kann, wenn die Möglichkeiten zur räumlichen Ausdehnung - etwa in einer Stadtwohnung - stark begrenzt sind. Auch Rangordnungskämpfe, die man vielleicht auch aus eigener Erfahrung kennt, können große Bedeutung erlangen. Innerhalb der Familie kommen sie wohl am häufigsten unter Geschwistern vor, finden aber auch in nicht zu unterschätzendem Maße zwischen Eltern und Kindern statt. Die meisten Auseinandersetzungen innerhalb einer begrenzten sozialen Gruppe, wie etwa der Familie, äußern sich in Scheinkämpfen. Aus dem Tierreich kennt man diese so genannten Kommentkämpfe, die stark ritualisiert sind und also nicht der tatsächlichen Zerstörung des anderen dienen. Solche Scheinkämpfe unterliegen bestimmten Regeln, bei denen die Verletzungsgefahr stark eingeschränkt ist. Auch wenn aber keine wirkliche Gefahr für Leib und Leben besteht, so hat Aggression doch eine nicht zu leugnende einschüchternde bis schädigende Funktion.

(d) Yale-Gruppe

Der Theorie der menschlichen Aggression folgt erst spät eine tatsächlich empirische Forschung. Merkwürdigerweise hinkt die Untersuchung des Menschen derjenigen tierischen Verhaltens hinterher. Erst in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts werden erste experimentell-psychologische Untersuchungen zur Aggression unternommen. Besonders erfolgversprechend für die weitere Erforschung der Genese von Aggression erwies sich die Hypothese von J. Dollard, L.W. Doob, N.E. Miller, O.H. Mowrer und R.T. Sears (Yale- Gruppe), es bestehe ein unmittelbares Ursache-Wirkungs-Verhältnis zwischen einer als eine Verhinderung eines Strebens definierten ‚Frustration’ und aggressiven Handlungen. Die diesbezügliche These besagt, dass aggressivem Verhalten stets das Erleben einer Frustration vorausgehe und dass das Erleben einer Frustration ausnahmslos zu einer Form von Aggression führe. Die Zielreaktion aggressiven Verhaltens besteht dieser These zufolge darin, einem anderen Organismus Schaden zuzufügen. Der hohe Anspruch, eine allgemeingültige Gesetzmäßigkeit aufgestellt zu haben, wurde allerdings wenig später von den Forschern selbst verworfen, als sie feststellen mussten, dass Frustrationen auch in ein Aufgeben der intendierten Handlung oder in die Wahl eines Ersatzzieles münden kann und somit nicht zwangsläufig zu aggressivem Verhalten führen muss. In der späteren Formulierung der Hypothese wird zwischen aggressivem Verhalten und einer Tendenz zur Aggression unterschieden. Frustration als psychologisches Konzept bleibt zwar ein Anreiz zur Aggression, sie muss jedoch nicht zwangsläufig zu aggressiven Äußerungen führen. Auch die zweite These, dass nämlich einer aggressiven Handlung stets eine Frustration vorausgehen müsse, wird wenig später verworfen, als man beobachtete, dass aggressive Reaktionen durch bloße Nachahmung quasi gelernt werden können, ohne dass zuvor das handelnde Individuum eine Frustration erlebt hätte. Das Konzept der Frustrations-Aggressions-Hypothese ist heute weitgehend verworfen, es hat jedoch zu einer intensiven Auseinandersetzung und zu einer Fülle neuer Erkenntnisse geführt, die für die wissenschaftliche Behandlung dieses Phänomens noch heute von großer Bedeutung sind.

(e) Scott und Tinbergen

Neuere Untersuchungen über Aggression im Tierreich liefern vor allem John Paul Scott und Konrad Lorenz. Scott, ein amerikanischer Zoologe und Psychologe, interpretiert tierisches Kampfverhalten als Form der Aggression. Diesen Befund schränkt er allerdings auf Kampfverhalten unter Artgenossen ein. In seinen Arbeiten über die physiologischen Grundlagen aggressiven Verhaltens bei Tieren kommt er zu dem Schluss, dass keinerlei Anhaltspunkte für die Möglichkeit eines spontanen Ausbruches von Aggression vorliegen. Die Möglichkeit, durch Reizung bestimmter Hirnzentren aggressives Verhalten bei Tieren auszulösen, bringt Scott dazu, sich gegen eine Triebtheorie der Aggression auszusprechen. Die Aggression muss einer Forderung Scotts zufolge auf fünf verschiedenen Ebenen, den proximaten Ursachen-Ebenen, analysiert werden.

Die ersten drei Ebenen betreffen das Individuum:

1. Die Ebene der Gene.
2. Die physiologische Ebene (Hormone)
3. Die organismische Ebene (psychische Zustände, Motive) Die letzten beiden Ebenen betreffen intersubjektive Umstände
4. Die soziale Ebene (soziale Strukturen)
5. Die ökologische Ebene (Nahrungsmittelknappheit, Bevölkerungsdichte etc.) Hinzu kommen verschiedene historische Dimensionen:

(a) Die Frage nach der Ontogenese (Entwicklung aggressiven Verhaltens bei einem Einzelwesen).
(b) Die Frage nach der Geschichte der Kulturtradition.
(c) Die Frage nach der Phylogenese (evolutionäre Entwicklung der Aggression, Zweck, Funktion).

Scott zufolge wirken all diese Dimensionen nicht wie verschiedene, voneinander unabhängige Faktoren, sondern eher wie ein komplexes Regulationssystem zusammen. Die einzelnen Systeme können über mehrere Ebenen hinweg Einfluss aufeinander nehmen. Für eine historische Analyse der Aggression sind insbesondere die Faktoren der sozialen und der ökologischen Ebene von großem Interesse, wie die Frage nach der Geschichte der Kulturtradition. Dies sind die Größen, mit denen der Historiker aufgrund seines methodischen Vorgehens am besten umgehen kann. Um die anderen Faktoren, die zweifellos von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind, nicht zu vernachlässigen, ist eine groß angelegte interdisziplinäre Forschung notwendig, die sich nicht vor der Notwendigkeit verschließt, tradiertes fachspezifisches Denken durch mutige Grenzüberschreitungen zu überwinden. Nikolaas Tinbergen, ein niederländischer Verhaltensforscher erweitert die Überlegungen Scotts, indem er vorschlägt, innere und äußere Faktoren zu berücksichtigen, zwischen offensiver und defensiver Aggression sowie zwischen drei zeitlichen Systemen zu unterscheiden:

1. Moment (Minuten und Sekunden)
2. Lebensgeschichte (Tiefere Gründe für aggressives Verhalten)
3. Evolution (Wie und warum haben sich bestimmte Formen aggressiven Verhaltens entwickelt?)

Als innere Faktoren kommen etwa Instinkte und Triebe, als äußere Faktoren „die Situation“ infrage, womit politisches, ökonomisches und soziales Umfeld gemeint sind. Nun ist klar, dass sich der Historiker nicht mit allen Forderungen von Scott und Tinbergen beschäftigen kann, sondern dass er sich etwa bei den ersten drei Ebenen von Paul Scott auf die Erkenntnisse von Biologen, Chemikern, Psychologen etc. stützen muss. Was Ebene vier und fünf angeht, die Ebenen der intersubjektiven Umstände, ist die Arbeit des Historikers jedoch selbst für eine rein psychologische Untersuchung von großer Bedeutung. Ebenso bei der Frage nach der Geschichte der Kulturtradition findet der Historiker Anknüpfungspunkte, die Wissenschaftlern anderer Fachgebiete verschlossen bleiben. So interessiert sich die Psychologie beim Phänomen Aggression eher für die Gegenwart als für eine Zeit, aus der es weder Statistiken noch flächendeckende Untersuchungen gibt, die eine direkte Erkenntnis ermöglichen.

3. Aggression heute

(a) Psychologie

Aggressivität kann heute im weitesten Sinne als eine natürliche Neigung zu schneller, heftiger Reaktion verstanden werden, sowie im speziellen als Angriffsbereitschaft und Angriffsbedürfnis, als feindseliges Verhalten oder als situationsbedingte Reaktionsbereitschaft. Eine auffällig starke Neigung zur Aggression kann in manchen Fällen als Persönlichkeitsmerkmal eines Menschen, in extremer Ausprägung auch als Symptom für Persönlichkeitsstörungen verstanden werden. Diese Sonderfälle sind für diese Untersuchung jedoch nicht von besonderer Relevanz, da es sich nicht um strukturelle oder verallgemeinerbare Faktoren innerhalb des gesamtkomplexes der Aggression handelt. In aller Regel kann man Aggression auffassen als einen destruktiven, im sozialen Kontext schädlichen Impuls. Dass dieser Impuls aber auch eine konstruktiv-schöpferische Wirkung haben kann die zu positivem Wettbewerb führt oder einen kreativen Handlungsdrang anregt, ist gerade auch für diese Analyse von großer Bedeutung.

(b) Neurobiologie

Die Frage nach der menschlichen Aggression stellt sich im Schnittpunkt von Natur- und Geisteswissenschaften, sie berührt die Grenzen von Philosophie und Psychologie, (Neuro-) Biologie und Chemie und stellt zugleich die Wissenschaftstheorie vor die Frage einer angemessenen und zielführenden Behandlung des Problems jenseits der traditionellen fachspezifischen Demarkationslinien.

Neue Möglichkeiten, nach der menschlichen Motivation, nach inneren Antrieben, Impulsen und Triebkräften zu fragen, verspricht derzeit das rasch expandierende Gebiet der Neurobiologie. Die Tatsache, dass die kognitive Neurobiologie heute mehr denn je in der Lage ist, Zusammenhänge zwischen hochkomplexen geistigen Vorgängen und neuralen, also materialen Strukturen mit hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung zu beschreiben, motiviert Wissenschaftler aller Bereiche zu fachübergreifender Diskussion.

Dennoch ist die neurobiologische Kompetenz hinsichtlich geisteswissenschaftlicher Fragestellungen sehr begrenzt und sie wird es vermutlich auch bei anhaltendem Fortschritt stets bleiben. Ein Paradigmenwechsel in der Psychologie hat daher bislang nicht in umfassendem Maße stattgefunden - eine Neuordnung und eine Neubewertung des Verhältnisses von biologischen und geistigen Strukturen steht somit noch aus. Das mag unter anderem daran liegen, dass der Neurobiologe nicht die Beschaffenheit geistiger Strukturen untersucht, sondern lediglich bestimmte Bedingungen aufzeigt und darstellt, unter denen solche Strukturen mit naturwissenschaftlichen Mitteln erfasst werden können. Der Fortschritt ist also weitgehend auf einen praktisch-medizinischen Erfahrungsgewinn beschränkt und impliziert von sich aus noch keinen Gewinn an philosophischer Erkenntnis. Dieser zunächst lediglich technische Fortschritt ermöglicht es zwar, Vorgänge des Bewusstseins mit hoher Präzision zu identifizieren und Störungen im Idealfall auch zu therapieren. Der philosophische Nutzen der biologischen Bewusstseinsforschung liegt jedoch auf einer anderen Ebene. Die zentrale philosophische Frage auf diesem Gebiet liegt in der Suche nach einer gesicherten Erkenntnis über das Verhältnis und das Zusammenspiel von Geist und Gehirn. Die kognitive Neurobiologie hingegen verfolgt das Ziel, unter Rekurs auf molekulare und chemische Strukturen das Phänomen des Geistlichen, des Kognitiven und des Psychischen auf einen Reflex des Gehirns zu reduzieren. Dieser Auffassung zufolge ist unser Verstandesvermögen wie unser Selbstbewusstsein, unsere Triebhaftigkeit und unsere Emotionalität nichts anderes als die automatische Aktivität bestimmter Hirnareale. In einem Festvortrag auf der Jahresversammlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft 2001 in Berlin zieht der Neurobiologe Hans-Jochen Heinze Bilanz und sieht die Bemühungen der Naturwissenschaften, eine einspurige Erklärung des Phänomens der menschlichen Rationalität und Emotionalität zu finden, eher kritisch:

„Ein solcher Reduktionismus greift zu kurz [...]. Denn er setzt voraus, dass wir Bewusstsein als neurales, respektive als physiko-chemisches Ereignis erklären können. Aber das ist nicht der Fall. Wir können zwar lokale Relationen zwischen Bewusstsein und Gehirn abbilden, wir können diese Relationen in Zeit und Raum immer weiter differenzieren, aber wir werden - auf diese Weise jedenfalls - der entscheidenden Frage nicht näherkommen: Was haben Neurone überhaupt mit Bewusstsein zu tun? Was verbindet physikalische und chemische Prozesse mit innerem Erleben?“2

Die Tatsache, dass wir diese Fragen nicht beantworten können, bedeutet Heinze zufolge nicht, dass Bewusstsein etwas Übernatürliches sei. Aber wir müssen akzeptieren, dass die Mittel der verfügbaren Technik und unsere Interpretationsfähigkeit nicht ausreichen, diese Fragen adäquat und überzeugend beantworten zu können, und dass wir daher auf solche globalen Aussagen und auf die Hoffnung einer vollständigen Aufklärung des Phänomens gegenwärtig und in absehbarer Zukunft verzichten müssen.

Zwar kann man davon ausgehen, dass die kognitive Neurobiologie durch die rasante und unaufhaltsame Entwicklung in Zukunft in immer plastischeren, präziseren Bildern beschreiben können wird, wie Geist und Gehirn einander zugeordnet sind. Solche Hoffnungen verleiten viele Wissenschaftler zu Spekulationen darüber, ob es demnächst eventuell möglich sein wird, eine Art von Äquivalenz zwischen Geist und Gehirn aufzeigen zu können. Eine solche Art der Äquivalenz ist derzeit allerdings nur in einer Form denkbar, deren Randbedingungen wir nicht kennen und wohl auch nicht kennen können. Die Wissenschaftstheorie wendet ein, dass diese Äquivalenz das geistige Leben auf einen neuralen Reflex reduzieren und dem Phänomen des Geistigen seine Existenz absprechen müsste. „Wenn man aber die Ereignisse des Bewusstseins auf ihre chemischen Komponenten zurückführt, so wäre das, als versuchte man eine Fuge von Bach zu verstehen, indem man den Luftstrom in den Orgelpfeifen misst, oder ein Gemälde von Rembrandt nur als Ansammlung von Pigmenten auf der Leinwand beschreibt.“3 Ein solches Vorgehen würde die innere Struktur und die Eigenständigkeit des Geistigen auf eine bestimmte, nämlich neurale Weise abbilden. Geist und Materie sind zwar nicht zu trennen, durch eine Reduktion des einen Phänomens auf das Andere erreicht man jedoch gerade nicht das erklärte Ziel, nämlich die Komplexität in ihrer Gesamtheit zu erfassen.

Für die Frage nach der menschlichen Aggression sind die Fragen nach der Stellung des Menschen in seiner sozialen und natürlichen Umwelt richtungsweisend. Wer sich ernsthaft Aufklärung über die menschliche Motivation und über menschliche Triebkräfte erhofft, kommt um eine Beschäftigung mit den zentralen Fragen und Erkenntnissen der Neurobiologie also nicht herum. Die alleinige Erklärung geschichtlichen Handelns kann die Naturwissenschaft jedoch nicht liefern. Gerade wer sich also mit einer historischen Untersuchung menschlichen Handelns, seiner Ursachen und seiner Triebkräfte befasst ist aufgefordert, Stellung zu beziehen und einen wissenschaftlichen Standpunkt zu finden, der weder die natürliche Bedingtheit der Menschen, noch seine soziale und historische Gebundenheit verleugnet.

TEIL II GESCHICHTSWISSENSCHAFTLICHE GRUNDLEGUNGEN

1. Raum und Zeit

Für eine wissenschaftliche historische Analyse des Phänomens der Aggression, seiner Ursachen, Ausprägungen, Funktionen und Wirkungen ist es zunächst einmal nötig, den räumlichen und zeitlichen Rahmen soweit einzuschränken, dass in dem verbleibenden Beobachtungsfeld von einer relativ einheitlichen Situation ausgegangen werden kann. Eine einheitliche Situation besteht genau dann, wenn für alle Individuen der untersuchten Gruppe ähnliche Rahmenbedingungen herrschen. Der zeitliche Rahmen muss demnach soweit eingeschränkt werden, dass sich alle Individuen in der selben politischen und gesellschaftlichen, religiösen und ökonomischen Situation befinden. Der räumliche Rahmen wird äquivalent eine sinnvolle Beschränkung finden müssen.

Die Forderung nach einem einheitlichen gesellschaftlichen Umfeld bedeutet nicht, dass alle Individuen, die untersucht werden, in der selben gesellschaftlichen Schicht aufgewachsen oder mit gleichen finanziellen oder intellektuellen Fähigkeiten ausgestattet sein müssen. Auch die Forderung nach einem einheitlichen Raum bedeutet nicht, dass alle Individuen vergleichbare Besitztümer aufweisen oder in ähnlichen Umständen leben müssen. Wichtig ist jedoch, dass sie von dem gleichen politischen System geprägt sind, dessen Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik sowie dessen Sozial- und Wirtschaftssystem unterliegen. Ein Bauer im Preußen des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist somit schwerlich mit einem zur selben Zeit lebenden Landwirt in Südfrankreich zu vergleichen, eher jedoch mit einem in Preußen lebenden Arbeiter.

Zunächst möchte ich also den räumlichen und zeitlichen Rahmen dieser Untersuchung aufgrund nachvollziehbarer und überzeugender Kriterien abstecken.

(a) Das räumliche Bezugssystem

Vernünftig erscheint, die Analyse zunächst in groben Zügen auf einen gesellschaftlich relativ konsistenten Raum zu beschränken. Kriterien für diese erste Beurteilung könnten etwa die Familienstruktur, das Heiratsalter, die durchschnittliche Kinderzahl, die Ausbildungsmöglichkeiten, der Stand der technischen Entwicklung, ökologische und ökonomische Strukturen, Religion etc. sein. Einen diese Kriterien betreffend in sich relativ einheitlichen Raum stellt etwa das von den Westkirchen dominierte Gebiet Mittel- und Westeuropas dar. Der Einfluss des Christentums westkirchlicher Ausprägung ist von Bedeutung, da dieses bestimmte charakteristische Strukturen hervorgebracht hat, die auch die Zeit der zunehmenden Säkularisierung weitgehend unbeschadet überstanden haben. Solche Strukturen sind etwa die gattenzentrierte Familie, ein im internationalen Vergleich relativ hohes Heiratsalter (das so genannte „european marriage pattern“) und geringe Fertilität, die Monogamie, die Dominanz der „simple familiy households“, d.h. einer in der Regel auf Eltern und Kinder beschränkten Kernfamilie, eine hohe Mobilität schon der Jugendlichen, eine relative Bedeutungslosigkeit der Blutsverwandtschaft als Grundlage des Familiensystems (daher auch die in aller Regel problemlose Aufnahme von Ziehkindern) etc.

Für eine genauere Abgrenzung kommt etwa im Osten die „Hajnal Line“ infrage, eine Trennlinie von gattenzentrierter Familienstruktur im Westen und eines patrilinearen Familiensystems im Osten. Auch die Bedeutung der Ostgrenze des Karolingerreiches als dauerhaft prägende Strukturgrenze Europas wird viel diskutiert. Für eine genaue Abgrenzung spezifischer Sozialformen liefert letztere jedoch nur in Mittelitalien überzeugende Argumente. Der byzantinische Süden wurde nur spät und oberflächlich von spezifisch karolingisch- fränkischen Sozialformen erreicht - eine Tatsache, die noch im heutigen Mezzogiorno nachwirkt. Für die Abgrenzung charakteristischer Sozialformen in Richtung Osten scheint die Grenze der Ostkolonialisierung sowie die Grenze zwischen Ost- und Westkirche bedeutender zu sein.

Diese erste Sondierung des räumlichen Bezugssystems soll lediglich erste vage Anhalts- und Orientierungspunkte liefern. Eine Analyse der Aggression in der Erziehung in einem konkreten historischen Zusammenhang erfordert selbstverständlich eine weitaus tiefergehende Einschränkung des Untersuchungsgebietes. Dennoch kann man mit den natürlichen Abweichungen davon ausgehen, dass innerhalb des oben skizzierten Rahmens eine im Vergleich mit außereuropäischen Kulturen relativ einheitliche Grundstruktur des Phänomens vorzufinden ist, was etwa auch innerhalb dieses Rahmens Vergleiche zwischen zwei verschiedenen räumlichen Systemen oder zwischen verschiedenen Generationen im selben räumlichen Kontext sinnvoller erscheinen lässt, als etwa ein Vergleich des Umgangs mit Aggression in der Erziehung zwischen einer mitteleuropäischen und einer südafrikanischen Bauernfamilie.

(b) Das zeitliche Bezugssystem

Ebenso wie bei der Frage nach einer sinnvollen räumlichen Abgrenzung erscheint es bei der Frage nach dem Zeitrahmen zweckmäßig, sich zunächst auf einen relativ einheitlichen und übersichtlichen Zeitraum zu beschränken. Das so genannte „lange 19. Jahrhundert“ könnte etwa einen solchen Rahmen bilden. Für diesen Zeitraum lassen sich innerhalb der oben definierten räumlichen Grenzen relativ einheitliche Beurteilungskriterien finden. Eine relativ hoher Grad an Industrialisierung, Blüte der Städte, Landflucht, Emanzipation der nichtadligen Bevölkerung, aufkeimender Nationalismus und Patriotismus, Forcierung des Bildungswesens, Erhöhte Mobilität der Bevölkerung, gesellschaftliche Aufwertung der Unterschichten, zunehmende Bedeutung des Finanzwesens, Steigerung der Lebenserwartung, zunehmende Säkularisierung etc. sind Grundtendenzen dieser Zeit, die sich quer durch alle gesellschaftlichen Schichten ziehen und die in beinahe allen Gebieten des oben umrissenen räumlichen Bezugssystems in nicht geringem Ausmaß für die Sozial- und Familienstruktur von Bedeutung sind. Wie auch bei der Frage nach den räumlichen Grenzen der Untersuchung sollen diese Vorgaben für einen zeitlichen Rahmen lediglich als eine grobe Orientierung dienen. Für eine konkrete Fallstudie sind weitreichende Einschränkungen vonnöten. So könnte man sich etwa darauf konzentrieren, wie die Revolution von 1848 auf die Erziehung der Kinder (in einem bestimmten Gebiet) gewirkt hat. Bei dieser Frage könnte beispielsweise danach gefragt werden, wie die Erfahrungen der Revolution in der Literatur für Kinder verarbeitet wurde etc. Doch obwohl die zeitliche Begrenzung noch sehr grob ist und für eine Untersuchung stark verfeinert werden muss, so liefert sie doch ähnlich wie die räumliche Gliederung Hinweise darauf, dass in diesem „langen“ 19. Jahrhundert in Europa eine relativ einheitliche Grundtendenz vorherrschte, die sich in vielen anderen Kulturkreisen so nicht, oder aber in abgewandelter Form, finden lässt.

2. Die Gesellschaft

Aus dem zu untersuchenden Zeitraum, dem 19. Jahrhundert, gibt es, wie bereits erwähnt, keine Statistiken über Aggression in der Erziehung. Wie verschafft sich also der Historiker, der sich mit diesem Phänomen befassen möchte, die nötigen Daten? Hier muss versucht werden, selbstverständlich mit der gebotenen Vorsicht und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, für einen regional und zeitlich stark begrenzten Raum ein konsistentes Gesellschaftsbild zu entwerfen. Ein möglicher Themenkreis, der diesen Anforderungen gerecht werden könnte, wäre etwa der Einfluss der 1848er Revolution auf den Erziehungsstil in bürgerlichen Familien Südwestdeutschlands. Schwerer zu realisieren stelle ich mir eine Untersuchung vor, die über die gesellschaftlichen Schichten hinweg Aussagen treffen möchte, solange es sich nicht etwa um einen Vergleich bzw. eine Gegenüberstellung zweier oder mehrerer Schichten handelt.

Mit der nun einsetzenden Methode ist der Historiker bereits bestens vertraut. Es gilt, autobiografische Quellen zu durchforsten, Tagebücher, Briefe, Zeichnungen, Bilder, Kirchenbücher, Taufregister, Heirats- und Sterbedokumente, etc., um einen Eindruck von den für das Modell wichtigen Faktoren zu bekommen. Mit den nun ermittelten Daten über Gesellschaftsstruktur, Kinderzahl, Heiratsalter etc. kann nun auf der Basis der obigen Überlegungen weitergearbeitet werden.

3. Das Modell

Ein Modell soll es nun ermöglichen, die verschiedenen Faktoren so zusammenzusetzen und auszuwerten, dass man aus ihnen Aufschluss über eine idealtypische Erziehungssituation bekommt. Das Individuelle und das Individuum bleiben hier zwangsläufig unberechenbare Faktoren. Das Modell dient mehr der Beschreibung überindividueller Verhaltensmuster und intersubjektiver Handlungsschemata. Dass menschliches Verhalten komplexer und komplizierter ist und in einem Modell wohl nie zufriedenstellend beschrieben werden kann, ist ja gerade eine der spannendsten und wertvollsten Eigenschaften der Natur des Menschen. Dennoch gibt es gewisse Konstanten im Erziehungsverhalten, die stark von äußeren Umständen abhängen, und über die in gewissem Maße sichere Aussagen getroffen werden können. Diesen Strukturen widmet sich dieser Versuch, ein Modell zur Beschreibung der familiären Erziehung zu finden.

Die Aggression kann und darf in diesem Modell nicht als etwas lediglich Destruktives erscheinen. Aggression, insbesondere zwischen sich sehr nahe stehenden Personen wie es Eltern und Kinder in der Regel sind, zielt ja - zumindest im Normalfall - nicht auf die Zerstörung des anderen ab, sondern hat andere wichtige Funktionen, wie etwa die Erhaltung der Autorität, die Sicherung individuellen Privatsphäre und die Etablierung einer innerfamiliären Hierarchie. Auch diese Aspekte sollen hier eine angemessene Würdigung finden.

Ein Modell zu konstruieren, das diesen Anforderungen gerecht wird, und das die Überlegungen dieser Studie in konstruktiver Art und Weise verarbeitet, wäre nun der nächste Schritt hin zu einer Theorie der innerfamiliären Aggression.

SCHLUSSBEMERKUNG

Ich hoffe, mit dieser relativ bescheidenen Notiz zum Thema Aggression in der Erziehung zumindest das Material übersichtlich dargestellt und die Kernproblematik, der sich eine transdisziplinäre Wissenschaft auf diesem Gebiet stellen muss, herausgearbeitet zu haben. Mehr als in eine vage Richtung zu weisen und einige Wege und Grenzen andeutungsweise zu umreißen, kann diese Arbeit nicht leisten. Wenn die vorgezeichnete Theorie letztendlich jedoch in der Lage sein sollte zu beschreiben, welche Rolle die Aggression in generationenübergreifenden gesellschaftlichen Entwicklungen spielt, so hätten meine Überlegungen ihren berechtigten Ort in der Suche nach einer adäquaten Beschreibung sozialer Systeme.

LITERATUR

- Adler, Alfred: Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose. In: Fortschritte der Medizin 26 (1908), S. 577-584.
- Ariès, Philippe: Geschichte der Kindheit. München 142000.
- Bauriedl, Thea: Wege aus der Gewalt. Analyse von Beziehungen. Freiburg 1992.
- Bell, Karin und Kurt Höhfeld (Hrsg.): Aggression und seelische Krankheit. Gießen 1996.
- Buss, Allan R. (Hrsg.): Psychology in Sozial Context. New York 1979.
- Csikszentmihalyi, Mihaly: Das Gesicht des zukünftigen Menschen. In: FAZ Nr. 160, Frankfurt am Main 2001, S. 46.
- deMause, Lloyd (Hrsg.): Hört ihr die Kinder weinen. Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit. Frankfurt am Main 91997.
- deMause, Lloyd: Was ist Psychohistorie? Eine Grundlegung. Hrsg. von Artur R. Boelderl und Ludwig Janus. Gießen 2000.
- Dollard, John, L.W. Doob, N.E. Miller, O.H. Mowrer und R.T. Sears: Frustration and Aggression. New Haven 1939.
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- Frielingsdorf, Karl: Aggression stiftet Beziehung. Wie aus destruktiven Kräften lebensfördernde werden können. Mainz 1999.
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- Fromm, Erich: Die Gesellschaft als Gegenstand der Psychoanalyse. Frühe Schriften zur Analytischen Sozialpsychologie. Hrsg. von Rainer Funk. Frankfurt am Main 1993.
- Gay, Peter: Kult der Gewalt. Aggression im bürgerlichen Zeitalter. München 1996.
- Haslacher, Martha: Auswirkungen des Erziehungsverhaltens auf Aggression und psychosomatische Beschwerden bei Jugendlichen. Wien 1992.
- Heinze, Hans-Jochen: Hab’ ich mir schon gedacht. Das Gehirn setzt den Geist voraus. Veröffentlicht in: FAZ Nr. 156, Frankfurt am Main 2001, S. 48.
- Kornadt, Hans-Joachim (Hrsg.): Aggression und Frustration als psychologisches Problem, Bd. 1. Darmstadt 1981.
- Kornadt, Hans-Joachim: Aggression und Frustration als psychologisches Problem. Bd. II. Darmstadt 1992.
- Levi-Strauss, Claude: Rasse und Geschichte. Frankfurt am Main 1972.
- Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main 1987.
- Merkens, Luise: Aggressivität im Kindes- und Jugendalter. Entstehung, Ausdrucksformen, Interventionen. München 1989.
- Miller, Alice: Am Anfang war Erziehung. Frankfurt am Main 141992.
- Mitscherlich, Alexander (Hrsg.): Aggression und Anpassung. München 1969 (Neuausgabe 1992).
- Nolting, Hans-Peter: Lernfall Aggression. Wie sie entsteht, wie sie zu vermindern ist; ein Überblick mit Praxisschwerpunkt Alltag und Erziehung. Reinbeck bei Hamburg 1989.
- Rosenmayr, Leopold: Der Lebenskampf. Aggression und Versöhnung. Wien 1995.
- Scott, John Paul: Aggression. Chicago 1958.
- Steindl, Maria: Aggressivitätsverhalten von Stadt- und Landkindern. Wien 1999.
- Studt, Hans-Henning (Hrsg.): Aggression als Konfliktlösung? Prophylaxe und Psychotherapie. Heidelberg, Leipzig, Barth 1996.
- Tinbergen, Nikolaas: The Study of Instinct [dt.: Instinklehre]. Oxford 1951.
- Wiesse, Jörg (Hrsg.): Aggression am Ende des Jahrhunderts. Göttingen, Zürich 1994.

[Anmerkung: Es wurde nicht nur die direkt zitierte, sondern die gesamte, auch indirekt verwertete Literatur aufgenommen.]

[...]


1 Adler, A.: Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose. Fortschritte der Medizin 26 (1908), S. 577-584. 6

2 Heinze, Hans-Jochen: Hab’ ich mir schon gedacht. Das Gehirn setzt den Geist voraus. Veröffentlicht in: FAZ Nr. 156, Frankfurt am Main 2001, S. 48.

3 Csikszentmihalyi, Mihaly: Das Gesicht des zukünftigen Menschen. In: FAZ Nr. 160, Frankfurt am Main 2001, S. 46.

Details

Seiten
21
Jahr
2001
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104621
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
Schlagworte
Aggression Erziehung Phänomen Lichte Psychohistorie Familiale Wandel

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Titel: Aggression in der Erziehung. Das Phänomen im Lichte einer strukturellen Psychohistorie