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Weizsäcker, Richard von - Der 8. Mai 1945 - 40 Jahre danach

Referat / Aufsatz (Schule) 2001 4 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Rhetorische Analyse

Richard von Weizsäcker:

Der 8. Mai 1945 - 40 Jahre danach

*Redesituation/Zielgruppen*

Richard von Weizsäcker hält diese Gedenkrede am 8. 05. 1985 anlässlich der vierzigjährigen Wiederkehr des Kriegsendes vor dem deutschen Bundestag in Bonn. Schon vorher gibt es viele öffentliche Diskussionen zu diesem Thema. Streitpunkt ist die Frage, ob dieser Tag ein Tag der Niederlage oder der Befreiung war. Auch wurde seit einiger Zeit unter Wissenschaftlern die sogenannte Historikerdebatte geführt wo es um die Frage geht, ob der Nationalsozialismus ein einmaliges und verwerfliches deutsches Phänomen ist oder ob er ein wertfrei zu betrachtendes „normales“ Phänomen im Rahmen eines die Dreißiger- und Vierzigerjahre beherrschenden „gesamteuropäischen Bürgerkriegs“ war. Die Rede wird über Rundfunk und Fernsehen übertragen und richtet sich an die deutsche Bevölkerung.

*Intention des Redners*

Aus dieser Rede sind mehrere Absichten zu erkennen. Zum einen mahnt er die Deutschen, den 8. Mai 1945 nicht zu vergessen. Es ist ein Tag von entscheidender historischer Bedeutung, ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten (Zeile 19). Der 8. Mai ist für die Deutschen kein Tag zum Feiern. Jeder soll darüber nachdenken und seine Gefühle mit Gedanken an die Vergangenheit nicht schonen. Man soll der Wahrheit ins Auge blicken ohne die damalige Situation zu beschönigen. Keiner soll die Vergangenheit verdrängen, jeder soll sich mit ihr auseinandersetzen. Richard von Weizsäcker will den Leuten klar machen, dass sich so etwas leicht wiederholen kann. Gerade in der heutigen Zeit gibt es immer mehr rechtsextremistische und nationalsozialistische Gruppen, die genau dies erreichen wollen. Er mahnt die Menschen davor, nicht zu leichtgläubig zu sein, damit so etwas nicht wieder passiert. Jeder einzelne soll sich der furchtbaren Erinnerung an den Nationalsozialismus bewusst sein, denn durch schreckliche Erinnerungen oder Überlieferungen werden wir vielem kritischer gegenübertreten. Die Rede ist auch ein Gedenken an Opfer von damals: „Wir gedenken Heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft ... insbesondere der 6 Millionen Juden ... aller Völker, die im Krieg gelitten haben ...“ (Zeile 88). Des weiteren appelliert Herr von Weizsäcker an das Volk, auf Gewalt zu verzichten. Das heißt, den Menschen eine dauerhafte, politisch unangefochtene Sicherheit für ihre Zukunft zu (Zeile 218).

Auch bittet er die deutsche Bevölkerung, in Frieden zu leben, sich nicht in Feindschaft und Hass hineintreiben zu lassen (Zeile 254).

*Argumentation des Redners*

Richard von Weizsäcker versucht die deutsche Bevölkerung von der Wichtigkeit dieses Tages überzeugen: „Der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa“ (Zeile 8). Keiner soll diesen Tag vergessen, man soll darüber nachdenken, über die Ereignisse, über den Gang unserer Geschichte (Zeile 22). Er erinnert immer wieder an die Schicksale der Menschen, die diesen Tag „bewusst erlebt haben“ (Zeile 28). Richard von Weizsäcker argumentiert logisch. Erst stellt er eine Behauptung auf („Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern“ Zeile 26), welche er danach mit einem Beispiel begründet („Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren“ Zeile 32). Zum Thema, ob dieser Tag ein Tag der Befreiung oder der Niederlage sei, argumentiert Richard von Weizsäcker differenziert, es ist eine Polarisierung zu erkennen. Seine Begründungen sind sachlich nachvollziehbar, er zählt verschiedene Beispiele auf. Da er 1945 noch nichts mit der Politik zu tun hatte, steht er der ganzen Sache neutral gegenüber. Zwar hat er seine eigene Meinung dazu, jedoch argumentiert er beidseitig. Auf der einen Seite die Menschen, für die der Krieg nun ein Ende hatte, die dankbar waren, „dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davon gekommen waren“ (Zeile 33). Auf der anderen Seite die, die Schmerz empfanden „über die vollständige Niederlage des Vaterlandes“ (Zeile 35). Viele der deutschen Soldaten mussten in Kriegsgefangenschaft und viele Menschen wurden aus ihrem Zuhause vertrieben. Er appelliert an das Gewissen der Leute, an Anständigkeit und Alltagsmoral, indem er die damaligen Zustände beschreibt und die Ängste der Menschen von damals schildert. Gleichzeitig warnt er die Bevölkerung, den Fehler, den die Menschen damals begingen, nicht zu wiederholen. Denn auch in der heutigen Zeit gibt es noch viele Gruppen und Organisationen, welche die Leichtgläubigkeit mancher Leute ausnutzen, genau wie die NSDAP damals.

*Untersuchung der rhetorischen Mittel und deren vermutliche Wirkung*

Die Absichten des Redners werden durch die Verwendung unterschiedlicher rhetorischer Mittel unterstützt. So versucht Richard von Weizsäcker durch Anaphern die Wichtigkeit dieses Tages zu unterstreichen. Durch die ständigen Wiederholungen prägt sich der Zuhörer die Begriffe und damit die große Bedeutung besser ein: „Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft. Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben ... Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute ... Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen sterben mussten. Wir gedenken der erschossenen Geiseln. Wir denken an die Opfer des Wiederstandes“ (Zeile 88).

Durch negative Bezeichnungen wird der damalige Zustand abgewertet: „Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit“ (Zeile 59) „dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ (Zeile 65) „den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung“ (Zeile 52) usw ...

Mit Hilfe von rhetorischen Fragen („Hatte ein Neuaufbau in diesen Ruinen überhaupt Sinn?“ Zeile 57), worauf keine Antwort erwartet wird, will Herr von Weizsäcker seine Rede mehr Ausdruck verleihen.

Hyperbeln („das ganze Volk zum Werkzeug dieses Hasses“ Zeile 119) dienen zur stärkeren Überzeugung der Zuhörer.

Außerdem verwendet Richard von Weizsäcker Hendiadyoinen („Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn ...“ Zeile 72), um die Aussage zu verstärken.

Des weiteren werden Allegorien verwendet („... der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren ..“ Zeile 157)

*Einschätzung der eigenen Rolle und der Adressaten durch den Redner*

Richard von Weizsäcker sieht sich selbst als einen der Leute, er will die Menschen aufklären. Er sieht den 8. Mai nicht als einen Tag zum Feiern. Das versucht er seinen Mitmenschen zu vermitteln. Herr von Weizsäcker sieht sich als einen der Deutschen, nicht als „Anführer“ oder jemand, der „über“ dem restlichen Volk steht. Er ist einer von ihnen und so spricht er auch. Dies wird deutlich da er immer von „wir“ oder „uns“ spricht („Je ehrlicher wir ihn begehen“ Zeile 22; „Der 8. Mai ist für uns vor allem“ Zeile 19; „Unser Schicksal lag in der Hand unserer Feinde“ Zeile 42; „Wir haben wahrlich keinen Grund“ Zeile 77; usw.)

Natürlich steht er als jetziger Bundespräsident der ganzen Angelegenheit neutral gegenüber, da er nichts mit der damaligen Regierung zu tun hat, und kann dadurch beide Seiten der Frage nach der Bedeutung des 8. Mai gleichermaßen erörtern, obwohl er dazu seine eigene Meinung hat. Sein Appell für Frieden zeigt seine politische Einstellung. Richard von Weizsäcker ist ein Gegner des Nationalsozialismus und er versucht die heutige Generation, in die er seine Hoffnung setzt, davon zu überzeugen. Sie sollen die Vergangenheit nicht vergessen, sondern aus ihr lernen und die Fehler, welche die Deutschen damals begangen haben, nicht wiederholen („Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird“ Zeile 229).

Die Adressaten sieht Herr von Weizsäcker als „gleichrangig“ an, er verwendet keine Apostrophe. Er macht keinen Unterschied zwischen dem „normalen“ Volk und sich selbst, dem Bundespräsidenten. Für ihn sind alle gleich und so redet er auch.

*Kritische Beurteilung*

Richard von Weizsäcker ist meiner Meinung nach ein guter Redner. Er verwendet sehr geschickt rhetorische Mittel wie zum Beispiel Anaphern, rhetorische Fragen oder Hyperbeln. Damit ist es ihm gelungen, die Menschen von seiner Rede zu begeistern und sie zum nachdenken zu bringen. Obwohl er diese Rede 1985 gehalten hat ist sie inhaltlich auch heute noch sehr aktuell. Denn gerade in der jetzigen Zeit gibt es immer mehr rechtsextremistische Gruppen in Deutschland. Wenn wir nicht aufpassen und diese Entwicklung stoppen kann es leicht wieder zu so einem Vorfall wie damals kommen. Deshalb kann man diese Rede auch als eine Art Warnung ansehen: „Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird“.

Seiten: 4

Wörter: 1340

Zeichen (ohne Leerzeichen): 7702

Zeichen (mit Leerzeichen): 9036

Absätze: 25

Zeilen: 142

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Details

Seiten
4
Jahr
2001
Dateigröße
363 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v104569
Note
2+
Schlagworte
Weizsäcker Richard Jahre

Autor

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Titel: Weizsäcker, Richard von - Der 8. Mai 1945 - 40 Jahre danach